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Die psychedelisch unterstütze Therapie, der Einsatz der in psychoaktiven Pilzen enthaltenen Substanz Psilocybin, von LSD oder Ketamin zur Behandlung psychischer Erkrankungen, ist erneut in den Fokus gerückt. Viele Studien werden durchgeführt, gelegentlich ist von einer „Revolution in der Psychiatrie“ die Rede. Doch es gibt auch Zweifel. Während manche Patient:innen profitieren, sprechen andere gar nicht an, manchen geht es danach sogar schlechter. Um die Therapie künftig präziser einzusetzen, haben Forschende unter Leitung der Charité – Universitätsmedizin Berlin therapeutische Erfahrungen weltweit gebündelt und beschreiben in Nature Mental Health* das Profil eines passenden Patientenbildes. Charité-Studie führt erstmals therapeutische Erfahrungen weltweit zusammen
„Die Therapie mit Psychedelika ist eine scharfe Klinge. Es ist deswegen sehr wichtig, zu wissen, wann sie eingesetzt werden sollte – und wann nicht“, sagt Studienleiter PD Dr. Felix Betzler, Leiter der Arbeitsgruppe Recreational Drugs an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Campus Charité Mitte. Es sind Patient:innen wie jene Frau mittleren Alters. Als sie sich in der Klinik vorstellt, leidet sie bereits seit vielen Jahren an einer Depression. Freude kann sie keine mehr empfinden. Alle medikamentösen Therapieversuche blieben erfolglos, ebenso eine langjährige Psychotherapie. Was sie noch am Leben hält, sind Freunde, ihre Partnerschaft, ihr Hund. Arbeitsfähig ist sie schon lange nicht mehr. Erfahrungen mit dem bewusstseinsverändernden Psilocybin hatte sie bislang nicht.
Die Frau lässt sich auf eine Sitzung in einem kontrollierten Studien-Setting ein. Sie erlebt diese als sehr intensiv, Emotionen brechen durch. Später wird sie die Erfahrung als schmerzvoll und heilend zugleich beschreiben. Als ob sie durch einen Sturm gesegelt wäre und plötzlich sei die Sonne durchgebrochen. Sechs Wochen nach der Behandlung ist die Depression verschwunden, zum ersten Mal seit über zehn Jahren. Der Test mit einem anerkannten Depressions-Score ergab keinerlei messbare Krankheitsanzeichen mehr.
Vom Rauschmittel zum Therapeutikum
Die positiven Effekte psychoaktiver Substanzen, ob natürlichen oder synthetischen Ursprungs, sind schon lange bekannt. Psychedelika können Wahrnehmung, emotionales Erleben und das Bewusstsein beeinflussen. Ihre Verwendung als Rauschmittel reicht weit in die Geschichte zurück. Wissenschaftlich erforscht werden bewusstseinserweiternde Stoffe seit mehr als 70 Jahren – nicht zuletzt, um neue Behandlungsmöglichkeiten zu erschließen. Vor allem bei schweren, therapieresistenten Depressionen, bei denen herkömmliche Medikamente zu keiner Verbesserung führen, bei Angststörungen, Sucht oder anderen psychischen Störungen werden Behandlungserfolge mit Halluzinogenen wie Psilocybin oder LSD beobachtet. Möglicherweise begünstigt der kontrolliert herbeigeführte Ausnahmezustand neue Verknüpfungen von Nervenzellen, das Gehirn wird „beweglicher“. Genau kennt man die zugrundeliegenden Mechanismen noch nicht. In der Regel haben bereits eine oder zwei begleitete Sitzungen eine starke Wirkung.
Allerdings: Die Behandlungsverläufe sind extrem variabel, wie ein weiteres Beispiel zeigt. Wieder handelt es sich um eine Frau mittleren Alters. Sie erhielt die gleiche Diagnose, hatte einen vergleichbaren Krankheitsverlauf und ähnliche Lebensumstände. Anders als die erste Frau erlebt sie die Sitzung als innere Tortur. Es gibt keinen Durchbruch und sie ist einfach nur froh, als es vorüber ist. Ihre Depression hat sich nicht verbessert, im Gegenteil. Nach dem Therapieversuch ist sie noch hoffnungsloser, denn auch dieser Strohhalm ist nun verloren.
Behandlungserfolg vorhersagen
Zwei scheinbar ähnliche Patientinnen und zwei Verläufe, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Warum ist das so? Gibt es demografische oder krankheitsbezogene Faktoren, die den Therapieerfolg bestimmen? Gibt es andere Einflüsse, die weniger günstige Ergebnisse wie starke Angstreaktionen, Schlafstörungen oder gar eine depressive Verschlechterung vorhersagbar machen? Zusammen mit Forschenden in Deutschland, England, Frankreich und den USA haben Felix Betzler und sein Team Therapeut:innen auf der ganzen Welt befragt, die regelmäßig psychedelisch begleitete Behandlungen durchführen.
Der umfangreiche, eigens dazu entwickelte Fragenkatalog erhob neben Berufserfahrung, Therapierichtung und Therapiekontext der Therapeut:innen zahlreiche mögliche Merkmale behandelter Patient:innen, darunter Lebensumstände, Aspekte der Persönlichkeit, Dauer und Schwere der Erkrankung. Ebenfalls erfragt wurden Setting-Eigenschaften der Therapie, die Intensität der Betreuung und die Dosierung des Psychedelikums. Antworten von insgesamt 158 Therapeut:innen gingen in die Auswertung ein – unabhängig davon, ob sie in einem gesetzlich geregelten Rahmen – also legal im Kontext klinischer Studien – therapeutisch tätig sind, ob in Ländern, in denen der Einsatz der Substanzen erlaubt ist, oder ob sie die Therapie jenseits der Legalität, de facto im „Untergrund“, durchführen.
„Das wohl wichtigste Ergebnis ist die Gesamtheit des Patientenprofils, das aus Sicht der Therapeut:innen ein gutes Ansprechen vorhersagt“, erklärt Felix Betzler. „Einige starke Merkmale haben sich abgezeichnet, über die sich die Befragten sehr einig waren.“ Neben einem stabilen Umfeld und Unterstützung von Familie oder Freunden fördern bestimmte Persönlichkeitseigenschaften den Therapieerfolg. „Offenheit für neue Erfahrungen, die Fähigkeit, bestimmte Umstände annehmen und akzeptieren zu können, loslassen zu können, aber auch eine sichere Bindungsfähigkeit sind entscheidende Faktoren“, so Erstautorin Grace Viljoen, Nachwuchsforscherin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Vorherige Erfahrungen mit veränderten Bewusstseinszuständen, etwa durch Meditation oder besondere Atemtechniken, sind ebenfalls hilfreich. Der Konsum anderer Substanzen wie Kokain, Amphetamin, Alkohol und auch Cannabis ist dagegen eine negative Einflussgröße.
Auch der Persönlichkeitstyp spielt den Einschätzungen der Therapeut:innen zufolge eine Rolle. Besonders gut auf eine psychedelisch unterstützte Therapie sprechen demzufolge vermeidende, abhängige und zwanghafte Persönlichkeitstypen an. Vorsicht ist bei paranoiden, schizoiden und schizotypen Persönlichkeiten geboten. Narzisstische und antisoziale Persönlichkeitstypen oder emotional-instabile Persönlichkeiten vom Borderlinetyp waren eher schwer einzuordnen. „Mit dem Wissen, für welches Profil von Patientinnen und Patienten die Therapieform prinzipiell geeignet ist und wo sie dagegen eher Schaden anrichtet, können wir besser steuern, wer eine solche Therapie erhalten kann. Damit gehen wir einen weiteren Schritt in Richtung Präzisionspsychiatrie in diesem sehr dynamischen Feld“, betont Felix Betzler.
Das richtige Setting
Die Erhebung macht weiterhin deutlich: Eine psychedelisch begleitete Therapie ist kein einfaches „Wundermittel“. Der Erfolg hängt maßgeblich davon ab, ob die therapeutische Erfahrung gut vorbereitet, professionell begleitet und anschließend sorgfältig verarbeitet wird. Patient:innen sollten im Vorfeld Vertrauen zu ihren Therapeut:innen aufbauen können, klare Ziele formulieren und Ängste benennen. Außerdem ist es ratsam, sich ausschließlich an spezialisierten Zentren und im Rahmen klinischer Studien behandeln zu lassen. Nur so ist sichergestellt, dass Therapeut:innen wissenschaftlich fundiert handeln und ebenso entscheiden.
Therapeut:innen, die bewusstseinserweiternde Substanzen nicht in klinisch kontrollierten und regulierten Settings anbieten, schätzten die Erfolgsaussichten in jeder Hinsicht optimistischer ein. „Ob bei Menschen höheren Alters, mit schwereren Erkrankungen, geringem sozialen Halt und auch ungeachtet der Tatsache vorheriger negativer Erfahrungen, die Vorbehalte bei Anwendungen im Untergrund waren deutlich geringer als in legalen Settings, zeigte eine Auswertung der Daten dieser Untergruppe“, so Felix Betzler. „Im besten Fall werden die jetzt erhobenen, entscheidenden Parameter bei der Auswahl künftiger Patient:innen berücksichtigt.“ In der Zukunft könnte dabei ein digitales Tool helfen, das das Studienteam anhand der erhobenen Daten entwickeln will und die Erfolgswahrscheinlichkeit einer psychedelisch begleiteten Therapie im Vorfeld bestimmen kann.
MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT Manuela Zingl PD Dr. Felix Betzler Leiter der Arbeitsgruppe Recreational Drugs Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Campus Charité Mitte Charité – Universitätsmedizin Berlin T: +49 30 450 517 278
Originalpublikation: *Viljoen G et al. Therapist-rated predictors of response to psychedelic-assisted therapy. Nat. Mental Health 2026 Apr 29. doi: 10.1038/s44220-026-00642-4 Weitere Informationen finden Sie unter https://www.nature.com/articles/s44220-026-00642-4 https://psychiatrie-psychotherapie.charite.de/ https://prepare-survey-psychedelics.charite.de/ https://episode-study.de/ |