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Wirkmechanismus des Antidepressivums Ketamin - Der Kaliumkanal

Medizin am Abend  Berlin - MaAB-Fazit: Neuer antidepressiver Wirkmechanismus von Ketamin entdeckt

Wissenschaftler konnten einen Teil des Wirkmechanismus des Antidepressivums Ketamin entschlüsseln: 

  • Ein Kaliumkanal verändert sich nach Ketamin-Behandlung in einer bestimmten Neuronenart im Hippocampus. 
  • Eine Aktivierung dieses Kaliumkanals verstärkt die antidepressive Wirkung von Ketamin. 

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie (MPIP) in München und des Weizmann Institute of Science in Israel entdeckten dies im Mausmodell in Zusammenarbeit mit Forschern des Helmholtz-Zentrums München. 

Die Ergebnisse liefern neue Ansätze für künftige Antidepressiva. 

Außerdem zeigen sie Anhaltspunkte dafür, bestehende Medikamente in der klinischen Anwendung neu zu kombinieren.

  • Das ursprünglich als Narkotikum eingesetzte Ketamin wurde in den vergangenen Jahren als Antidepressivum bei behandlungsresistenten Patienten genutzt. 

Eine Einzeldosis führt innerhalb weniger Stunden zu einer schnellen antidepressiven Reaktion. 

  • Die Wirkung von Ketamin hält nach dem biochemischen Abbau im Körper mehrere Tage lang an. 
  • Im Gegensatz dazu wirken "herkömmliche" Antidepressiva erst nach Wochen. 
  • Zudem müssen Patienten sie täglich einnehmen, um die positive Wirkung aufrechtzuerhalten. 

"Ich möchte verstehen, welche molekulare Kaskade Ketamin auslöst, die zu der anhaltenden antidepressiven Wirkung führt. 

Wenn man den Mechanismus versteht, kann man bessere Medikamente entwickeln, die das System gezielter beeinflussen können", erklärt Juan Pablo Lopez, Erstautor der Studie.

Die Studie unter der Leitung von Alon Chen, ehemaliger Direktor des MPIP und derzeitiger Präsident des Weizmann Institute of Science, zeigt, dass Ketamin den Kaliumkanal Kcnq2 in einer bestimmten Neuronenart des Hippocampus hochreguliert. 

In dieser Hirnregion wird ein Teil der antidepressiven Reaktionen gesteuert. 

Der Kaliumkanal ist dafür bekannt, dass er die neuronale Stabilität aufrechterhält: 

Er wirkt wie eine Bremse auf Neurone, die aufgrund von Reizen übermäßig stark Impulse abfeuern. 

Die Wissenschaftler identifizierten den Kanal mit Hilfe eines neuen methodischen Ansatzes, der Einzelzell-RNA-Sequenzierung. Diese Methode war entscheidend, da sie es ermöglichte, zelltypspezifische molekulare Veränderungen zu erkennen. "Wir konzentrierten uns auf glutamaterge Neuronen, da diese die größten Veränderungen aufwiesen und bereits früher mit der antidepressiven Wirkung von Ketamin in Verbindung gebracht wurden. Andere Forschungsgruppen haben zuvor Gewebeproben verwendet, die sich aus verschiedenen Zelltypen zusammensetzen. Als Folge konnten zelltypspezifische Effekte nicht erkannt werden, da sich Behandlungseffekte unterschiedlicher Zelltypen gegenseitig aufhoben“, fasst Lopez zusammen.

Das Forscherteam aktivierte zudem den Kaliumkanal mit dem Medikament Retigabin. 

Dieser Wirkstoff wurde zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt. 

Die Aktivierung des Kanals verstärkte die antidepressive Wirkung von Ketamin. 

Außerdem hielt die Wirkung von Ketamin länger an, wenn die Forscher es zusammen mit Retigabin verabreichten. 

Die Wissenschaftler nutzten die Maus als Modellorganismus, sie gehen jedoch davon aus, dass die Ergebnisse auf den Menschen übertragbar sind, da Signalwege zwischen den Spezies konserviert sind. 

"Ein Vorteil unserer Studie ist, dass wir die von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zugelassenen Medikamente Ketamin und Retigabin verwendet haben. 

Die Kombination dieser beiden Medikamente kann nun am Menschen getestet werden. 

Der zusammenwirkende Effekt bei Mäusen deutet darauf hin, dass die Dosen von Ketamin und Retigabin in der klinischen Anwendung reduziert werden können, was Nebenwirkungen verringern könnte", schlussfolgert Chen. 

Das Verständnis des Wirkmechanismus von Ketamin und der daran beteiligten Signalwege ist entscheidend, um neue Medikamente zur Behandlung von Depressionen zu entwickeln.

Chen und sein Team validierten ihre Ergebnisse durch eine Reihe aufwändiger und zeitintensiver Experimente, darunter molekulare, elektrophysiologische, zelluläre, pharmakologische, Verhaltens- und funktionelle Experimente. 

Die Ergebnisse der Studie wurden kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Neuron veröffentlicht.

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Juan Pablo Lopez: jplopez@psych.mpg.de

Anna Hein Max-Planck-Institut für Psychiatrie

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Anke Schlee

Telefon: 08930622263
E-Mail-Adresse: anke_schlee@psych.mpg.de 

Originalpublikation:

Neuron

DOI: https://doi.org/10.1016/j.neuron.2022.05.001

 


Priv.-Doz. Dr. Regine Klinger: Akute und chronische Schmerzen - Unterschied von Dauer und Funktion

Medizin am Abend  Berlin  - MaAB-Fazit: Schmerzen haben auch eine psychische und soziale Seite

Schmerzen, vor allem chronische Schmerzen, sind für die Betroffenen mit einem großen Leidensdruck verbunden. 

Welche Formen von Schmerz und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt und welche Rolle die Psyche dabei spielt, erklärt Priv.-Doz. Dr. Regine Klinger, psychologische Leiterin des Bereichs Schmerzmedizin und Schmerzpsychologie in der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), anlässlich des bundesweiten Aktionstags gegen den Schmerz vom 7. Juni.

Welche unterschiedlichen Formen von Schmerz existieren?
Priv.-Doz. Dr. Regine Klinger: Es gibt akute und chronische Schmerzen, die sich vor allem in der Dauer und Funktion unterscheiden. 

Akute Schmerzen warnen uns und unseren Körper vor schädlichen Einwirkungen. 

  • Sie sind in der Regel nach kurzer Zeit mit entsprechender Akutschmerzbehandlung zu lindern oder gehen von selbst zurück. 

Chronische Schmerzen hingegen haben sich von der eigentlichen Ursache oft abgelöst und überdauern diese. 

  • Sie haben die lebensnotwendige Warnfunktion verloren. 
  • Zumeist spricht man von chronischen Schmerzen, wenn sie länger als sechs Monate andauern oder wiederkehrend auftreten. 
  • Bei einigen chronischen Schmerzen beispielsweise bei Rückenschmerzen liegt dieses zeitliche Kriterium bei drei Monaten.

Was für Behandlungsmöglichkeiten bei Schmerzen gibt es?
Priv.-Doz. Dr. Klinger: Schmerzen haben neben körperlichen Faktoren immer auch eine psychische und eine soziale Seite.  

Bereits bei akuten Schmerzen kann eine zuwendende, auf die Patient:innen eingehende Kommunikation einen sehr positiven, schmerzlindernden Einfluss haben und sogar die Wirkung von Schmerzmedikamenten deutlich verbessern. 

Je länger der Schmerz anhält oder wiederkehrt, desto größer ist für die Betroffenen die Verunsicherung durch Schmerzen. 

Deswegen ist hier eine interdisziplinäre Schmerzbehandlung gefragt, die sowohl die Schmerzempfindung als auch die mit Schmerzen verbundenen Einschränkungen im Erleben und Verhalten verringert. 

  • Diese umfasst neben medikamentöser Behandlung auch spezielle schmerzpsychologische, physio- und sporttherapeutische Verfahren.


Welche Rolle spielt die Psyche bei der Entstehung von Schmerzen?

Priv.-Doz. Dr. Klinger: Die Psyche spielt eine entscheidende Rolle bei der Schmerzverarbeitung.

Unser Gehirn hat eine zentrale Funktion bei der Schmerzwahrnehmung und bei der Schmerzbeeinflussung. 

Es ist in der Lage, Reize aus der Peripherie des Körpers, beispielsweise nach einem Schnitt in den Finger, zu empfangen, zu entschlüsseln, zu vergleichen mit früheren Reizen, zu bewerten und abzuspeichern.  

Die Folge ist, es kann Schmerzreize unterschiedlich wahrnehmen lassen. 

Ob die Reize stärker oder schwächer wahrgenommen werden, hängt unter anderem von unserer Aufmerksamkeit ab, von unseren Gefühlen, Gedanken, unserem Verhalten im Zusammenhang mit dem Schmerz, sehr stark auch von unseren Erwartungen über den Schmerzverlauf. 

Unsicherheit, beispielsweise ausgedrückt durch den Gedanken „Was kommt da auf mich zu, kann ich den Schmerz beeinflussen?“, erhöht das Schmerzerleben. 

Sicherheit und Kontrolle kann hingegen Schmerzen unterdrücken.
Eine akute Schmerzzunahme kann durch eigene schmerzpsychologische Techniken, die jeder erlernen kann, beeinflusst werden.
Inwiefern kann der Placeboeffekt bei der Schmerzbehandlung unterstützen?
Priv.-Doz. Dr. Klinger: Pharmakologisch betrachtet ist ein Placebo ein wirkstofffreies Medikament. Studien haben jedoch gezeigt, dass ein Placebo unter bestimmten Bedingungen eine ähnliche Wirkung entfalten kann wie die echte Arznei. 

Zum Beispiel verspüren Studienteilnehmende oft auch dann eine Wirkung, wenn sie bei anderen Proband:innen sehen, dass ein Medikament wirkt, sie selbst aber unwissend ein wirkstofffreies Präparat erhalten. Zudem unterstützt der Placeboeffekt teilweise auch die Wirksamkeit eines tatsächlichen Wirkstoffes – allein weil Patient:innen an die Effektivität der Behandlung glauben.
 

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Weiterbildung in der beruflichen Pflege - TOP - Onlinebefragung:

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Wie kann digitale Weiterbildung in der Altenpflege Nutzen stiften?

IAT und PH Freiburg starten Online-Befragung

Weiterbildung in der beruflichen Pflege ist ein wichtiger Ansatz, um dem Fachkräftemangel in der Branche zu begegnen und berufliche Entwicklungsperspektiven zu eröffnen. Betriebliche Weiterbildung in der Altenhilfe erfolgt jedoch nur selten unter Berücksichtigung individueller Kompetenzprofile und -bedarfe. Bedarfsgerechtes Lernen und die Berücksichtigung individueller Lernpräferenzen und Lernerfordernisse kann durch digitale Technologien unterstützt werden. 

Dies ist die Zielsetzung des BMBF-geförderten Projektes ADAPT ( https://www.projekt-adapt.de).

ADAPT entwickelt ein digitales Weiterbildungsunterstützungssystem, um berufliche Weiterbildungsangebote an den Wandel von Versorgungs- und Arbeitsprozessen und individuellen Lernbedarf anzupassen. 

Ziel ist es, individuelle Lernprozesse besser zu unterstützen. 

Im bisherigen Projektverlauf wurde deutlich, dass die Beschäftigten das Gefühl haben, immer weniger Zeit im Lernen und zur Wissenserweiterung zu haben. 

Digitales Lernen und die damit verbundene Flexibilität von Ort und Zeit wird als geeignete Lösung gesehen, für die es aber aktuell noch keine ausreichenden betrieblichen Regelungen und Vereinbarungen gibt.

Mit der Online-Befragung soll identifiziert werden, unter welchen Bedingungen digital gestütztes Lernen in der Weiterbildung der Altenpflege derzeit umgesetzt wird und welche Erwartungen Pflegende an digital unterstützte Lernprozesse haben. 

Die Online-Befragung richtet sich an beruflich Pflegende und Betreuungskräfte (z. B. Pflegefachpersonen, Pflegehilfskräfte, Assistenz- und Betreuungskräfte) in der Altenpflege (stationäre Langzeitpflege, ambulante Dienste, Kurzzeit- und Tagespflege). 

Die Befragung wird vom Institut Arbeit und Technik (IAT), Westfälische Hochschule (Gelsenkirchen) in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Freiburg (PH Freiburg) durchgeführt.

Die aus der Befragung gewonnenen Erkenntnisse liefern wichtige Hinweise, wie digital gestütztes Lernen bedarfs- und nutzer:innengerecht gestaltet und betriebliche Unterstützungsstrukturen aus Sicht beruflich Pflegender organisiert sein sollten. 

Die Befragung ist unter folgendem Link abrufbar:

https://poll.ph-freiburg.de/index.php/138239?lang=de

  • Die Umfrage ist bis zum 26.06.2022 freigeschaltet und erfolgt anonym, persönliche Daten werden nicht erhoben. 
  • Rückschlüsse auf Personen sind daher ausgeschlossen.
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Laura Schröer, E-Mail: schroeer@iat.eu, Telefon: +49 209/1707-17 (Institut Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule, Gelsenkirchen) (Projektleitung)

Munscheidstraße 14
45886 Gelsenkirchen
Deutschland
Nordrhein-Westfalen

Claudia Braczko
Telefon: 0209/1707-176
Fax: 0209/1707-110
E-Mail-Adresse: braczko@iat.eu


www.playchange.de - Die Glückspielsucht - türkischsprachige Online-Beratung www.verspiel-nicht-dein-leben.de

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: LSG startet türkischsprachige Online-Beratung für Menschen mit glücksspielbezogenen Problemen

Ab Juni bietet die Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern (LSG) über die hauseigene Online-Beratungsplattform www.playchange.de eine Mail-, Chat- und Telefonberatung in türkischer Sprache an. 

Die bereits seit 2011 bestehende türkischsprachige Telefon-Hotline bleibt weiterhin aktiv.

Konrad Landgraf, Geschäftsführer der LSG, erklärt die Wichtigkeit des neuen Hilfeangebots: 

„Menschen mit türkischem Migrationshintergrund sind in Deutschland gemessen am Bevölkerungsanteil überproportional häufig von Glücksspielproblemen betroffen. Deshalb war es uns wichtig, unser Beratungsportfolio dahingehend zu erweitern.“ Hilfesuchende sind über die Mail-Beratung nicht an feste Sprechzeiten gebunden. Sie können sich zeitlich völlig unabhängig, also asynchron, an die LSG wenden. So wird der Kontakt zum Berater für türkischsprachige Hilfesuchende wesentlich erleichtert.

Landgraf: „Als Berater konnten wir den Sozialpädagogen Halidun Atlas gewinnen. Er ist türkischer Muttersprachler, bereits seit einigen Jahren Mitarbeiter der bisherigen türkischsprachigen Hotline, und auch er begrüßt unsere neuen Online-Tools. Ich bin sehr froh, dass wir ihn an Bord haben.“ Denn Gespräche oder Chat- und E-Mail-Nachrichten in der Muttersprache können dabei helfen, Vertrauen aufzubauen und Hemmungen abzulegen. Zusätzlich zur E-Mail können Hilfesuchende über die PlayChange-Seite auch Termine für Chat- oder Telefonberatungen mit dem Berater vereinbaren, was eine weitere Zugangserleichterung sein kann. „Selbstverständlich berät unser Experte auch Angehörige. Nicht nur die Spielenden selbst sind von der Problematik betroffen. Auch Angehörige leiden darunter und brauchen mitunter Hilfe, um die Situation zu verbessern“, sagt Landgraf. In den neuen Bereich in türkischer Sprache gelangen Hilfesuchende über die Startseite www.playchange.de und dort über den Button „Türkçe danışma“.

Weiterhin findet man auf der Kampagnen-Website der LSG unter www.verspiel-nicht-dein-leben.de zahlreiche Informationen und FAQs zum Thema in Türkisch und zwölf weitere Sprachen übersetzt. 

Damit bietet die LSG eine gute Orientierung über sämtliche Hilfeangebote und Fragen zu dieser Problematik. Mehrsprachige Informationsflyer können nach wie vor über den Webshop der LSG bestellt oder von dort kostenlos heruntergeladen werden.

Landgraf: „Wir hoffen, dass unsere neuen Online-Angebote in türkischer Sprache gut angenommen werden und entwickeln bereits neue Ideen, um die Beratungssituation in Bayern für alle, die von dieser Problematik betroffen sind, weiter zu verbessern.“

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Thomas Baur Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern

Edelsbergstr. 10
80686 München
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Telefon: 089 / 552 7359 13
Fax: 089 / 552 7359 22
E-Mail-Adresse: thomas.baur@lsgbayern.de

 

Prof. Dr. Markus Rüegg: Sarkopenie- übermässig starken Muskelabbau - Medikament Rapamycin

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: In Kombination noch besser: Therapien gegen Muskelabbau im Alter

Jeder möchte auch im Alter fit und gesund bleiben. 

Doch mit dem Alter baut unser Körper ab, die Muskeln schwinden und die Kraft lässt nach. 

Einige ältere Menschen leiden an einem übermässig starken Muskelabbau, man spricht dabei von Sarkopenie. 

Eine Kombinationstherapie könnte die Sarkopenie hinauszögern. 

Darüber berichten Forschende der Universität Basel. 

Querschnitt eines Muskels: Eine reduzierte Kalorienzufuhr erhöht den Anteil an altersresistenten Muskelfasern (gelb und blau). Querschnitt eines Muskels: Eine reduzierte Kalorienzufuhr erhöht den Anteil an altersresistenten Muskelfasern (gelb und blau). Universität Basel, Biozentrum 

Wir leben heute länger als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. 

Um diese zusätzlichen Lebensjahre geniessen zu können, müssen wir gesund, mobil und unabhängig bleiben. 

Mit dem Alter jedoch büssen unsere Muskeln unausweichlich an Masse und Kraft ein. 

Dieser altersbedingte Muskelabbau setzt einem selbstbestimmten Leben oftmals ein Ende. 

Viele betagte Menschen sind im Alltag daher auf die Unterstützung ihrer Familien oder des Gesundheitssystems angewiesen.

Muskelabbau im Alter verlangsamen

«Der altersbedingte Muskelabbau beginnt bereits mit etwa 30 Jahren und beschleunigt sich mit etwa 60 Jahren. Im Alter von 80 haben wir etwa ein Drittel unserer Muskelmasse verloren», sagt Dr. Daniel Ham, einer der Hauptautoren der neuen Studie, die im Fachjournal «Nature Communications» erscheint. «Aufhalten lässt sich dieser Alterungsprozess zwar nicht, aber man kann ihn verlangsamen zum Beispiel durch sportliche Betätigung.»

Forschende unter der Leitung von Prof. Dr. Markus Rüegg vom Biozentrum der Universität Basel haben bei Mäusen herausgefunden, dass die Skelettmuskulatur bei einer kalorienreduzierten Diät und dem Medikament Rapamycin weniger schnell altert. «Wenn wir verstehen, was im älter werdenden Muskel passiert, können wir Konzepte entwickeln, die dem Alterungsprozess entgegenwirken und einer Sarkopenie vorbeugen.»

«Sowohl eine verringerte Kalorienaufnahme als auch Rapamycin werden als Anti-Aging-Massnahmen propagiert. Womit wir nicht gerechnet haben ist, dass beide Massnahmen zusammen noch besser wirken», erklärt Dr. Nitish Mittal, ein weiterer Hauptautor. 

  • Bisher vermutete man, dass moderates Fasten und Rapamycin über unterschiedliche Wege dasselbe bewirken: die Hemmung des Proteinkomplexes mTORC1. 
  • Bei einer erhöhten Aktivität beschleunigt mTORC1 Alterungsprozesse im Körper.


Positive Effekte beider Therapien kumulieren sich

«Anders als angenommen laufen die Fäden nicht bei mTORC1 zusammen», betont Ham. «Uns war bewusst, dass eine kalorienarme Diät über die Hemmung von mTORC1 hinaus weitere positive Effekte nach sich ziehen würde. Für uns völlig unerwartet alterten die Muskeln bei fastenden Mäusen, die zusätzlich Rapamycin erhielten, noch langsamer.» Die positiven Effekte addieren sich, wenn die Mäuse auf Diät sind und gleichzeitig Rapamycin bekommen. Ihre Muskelfunktion ist deutlich besser als bei ihren Artgenossen, die nur eine Therapie erhalten haben. «Sie sind aktiver und körperlich leistungsfähiger, weil ihre Muskeln länger gesund bleiben», sagt Ham.

Gesunde Muskeln für ein selbstbestimmtes Leben

«Gesunde Muskeln sind ein wertvolles Gut. Über die Bewegung unseres Körpers hinaus, spielen sie im Stoffwechsel und für die Funktion anderer Organe eine wichtige Rolle», ergänzt Mittal. Die positive Wirkung von Diät und Rapamycin auf die Muskelalterung führt zu der spannenden Frage, ob betagte Menschen, die an Sarkopenie leiden, von einer kombinierten Therapie profitieren würden. Diese bestünde aus einem mTORC1-Inhibitor, einem Wirkstoff, der wie eine Diät wirkt, sowie Sport.

«Von kräftigen und gesunden Muskeln profitieren alte Menschen, eigentlich jeder von uns, auf vielfältige Weise», sagt Ham. «Wir können länger ein aktives und selbstbestimmtes Leben führen, sei es nun Wandern, Reisen oder die Enkel betreuen.» Dies spielt für die Lebensqualität und ‑zufriedenheit im Alter eine grosse Rolle und entlastet zudem das Gesundheitswesen.

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Prof. Dr. Markus Rüegg, Universität Basel, Biozentrum, Tel. +41 61 207 22 23, E-Mail: markus-a.ruegg@unibas.ch

Dr. Angelika Jacobs Universität Basel

Petersgraben 35
Basel
Postfach
4001 Basel
Schweiz
Basel-Stadt

Originalpublikation:

Daniel J. Ham et al.
Distinct and additive effects of calorie restriction and rapamycin in aging skeletal muscle
Nature Communications (2022), doi: 10.1038/s41467-022-29714-6


Prof. Jaroslaw Maciaczyk + PD Dr. Valentin Schäfer: Weisse, kalte Finger - das Raynaud-Phänomen: Einladung zur Studie

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Gefährliche weiße Finger - Neue Therapie beim Raynaud-Phänomen

Die Rheumatologie und die Neurochirurgie des Universitätsklinikums Bonn (UKB) erforschen eine neue, vielversprechende Therapie zur Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Raynaud-Phänomen. 

Die neuromodulative Behandlung erzielt in einer Pilotstudie erste, vielversprechende Ergebnisse bei Schwererkrankten. 

(v. l.) Prof. Jaroslaw Maciaczyk setzt das Implantat zur Neurostimulation eines Patienten mit Raynau ...
J.F. Saba Universitätsklinikum Bonn (UKB) 

Weiße, eiskalte Finger sind das wohl ausgeprägteste Symptom beim Raynaud-Phänomen. 

Auch wenn der Name vielleicht nicht geläufig ist, tritt die Krankheit häufig (bis zu 5 Prozent der Bevölkerung) auf. 

Betroffen sind vor allem jüngere Menschen und Frauen, aber auch Männer leiden darunter. 

Kälte und Stress sind die Auslöser, ebenso wie das Rauchen. 

Beim Raynaud-Phänomen handelt es sich um eine Gefäßerkrankung, bei der die Blutgefäße krampfartig verengt werden und Zehen und Finger dadurch zu wenig durchblutet sind. 

Das kann im Extremfall zur Gefahr werden und zum Absterben und Verlust einzelner Finger oder Zehen führen.

Primäres und sekundäres Raynaud-Phänomen
Während das etwa 80 Prozent aller Fälle ausmachende primäre Raynaud-Phänomen ohne andere Krankheitssymptome auftritt, liegen bei einer sekundären Erkrankung oft andere, vor allem rheumatologische Grunderkrankungen vor. Leichte Fälle von Raynaud können durch Präventionsmaßnahmen wie Schutz vor Kälte (z.B. das Tragen von Baumwollhandschuhen), Entspannungsübungen oder Nikotinentzug therapiert werden. „Der Leidensdruck bei Schwererkrankten ist aber oft extrem groß, da die Anfälle unkontrollierbar und Betroffene mitunter in ihrem Alltag stark eingeschränkt sind. Medikamente helfen meist nicht ausreichend“, so PD Dr. Valentin Schäfer, Leiter der Sektion Rheumatologie und klinische Immunologie am UKB.

Neue Therapie mittels Neurostimulation
Seit kurzem gibt es die Hoffnung, auf eine neue Therapiemöglichkeit. Dafür haben sich PD Dr. Schäfer und Prof. Jaroslaw Maciaczyk, Leiter der Sektion Stereotaktische und Funktionelle Neurochirurgie am UKB, zusammengetan und eine Pilotstudie ins Leben gerufen. Darin werden schwer erkrankte Patientinnen und Patienten mit einem schweren Raynaud- Phänomen eingeschlossen. „Die neue Therapie beinhaltet eine Rückenmarkstimulation. Den Erkrankten wird in einer OP minimalinvasiv ein kleines Implantat in der Nähe des Rückenmarkes eingesetzt, das Stromimpulse abgibt, die dafür sorgen, dass die Gefäße – vor allem in den Fingern und Zehen – weiter werden“, so Prof. Maciaczyk. Die Behandlung ist unschädlich für den Körper und zeigt sich nach den ersten Auswertungen im Falle der vom primären und sekundären Raynaud- Phänomen betroffenen Patienten als sehr wirksam. Wenn die Ergebnisse sich im Laufe der Studie weiter bestätigen, bedeutet das eine große Errungenschaft für die bisher unzureichenden Behandlungsmöglichkeiten beim Raynaud- Phänomen.


(v. l.) Prof. Jaroslaw Maciaczyk und PD Dr. Valentin Schäfer therapieren am UKB Patientinnen und P ...
J.F. Saba Universitätsklinikum Bonn (UKB)


Betroffene können sich zur Diagnostik und bei Interesse an der Studie in der Rheumatologie und klinischen Immunologie, Medizinische Klinik III oder der Sektion stereotaktische und funktionelle Neurochirurgie des UKB melden:

rheumatologie@ukbonn.de
Zentrale: +49 228 287-17000

Sekretariat funktionelle Neurochirurgie:
Karin.Ittner@ukbonn.de
Tel.: +49 228 287-16531


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Viola Röser
Universitätsklinikum Bonn (UKB)
Tel.: 0228 287-10469; E-Mail: viola.roeser@ukbonn.de 

Petra Sandow Universitätsklinikum Bonn

Venusberg-Campus 1
53127 Bonn
Deutschland
Nordrhein-Westfalen

Felix Heyder

Telefon: 0228 / 287-11904
E-Mail-Adresse: felix.heyder@ukbonn.de

E-Mail-Adresse: petra.sandow@ukbonn.de


Zum Universitätsklinikum Bonn: Im UKB werden pro Jahr über 400.000 Patient*innen betreut, es sind 8.300 Mitarbeiter*innen beschäftigt und die Bilanzsumme beträgt 1,3 Mrd. Euro. Neben den über 3.300 Medizin- und Zahnmedizin-Studierenden werden pro Jahr rund 600 junge Menschen in anderen Gesundheitsberufen ausgebildet. Das UKB steht im Wissenschafts-Ranking auf Platz 1 unter den Universitätsklinika (UK) in NRW, weist den vierthöchsten Case Mix Index (Fallschweregrad) in Deutschland auf und hatte 2020 als einziges der 35 deutschen Universitätsklinika einen Leistungszuwachs und die einzige positive Jahresbilanz aller Universitätsklinika in NRW. 

 

Dr. rer. biol. hum. Ivonne Regel: Duktale Adenokarzinom der Bauchspeicheldrüse, auch Pankreaskarzinom

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Bauchspeicheldrüsenkrebs: Neue Erkenntnisse zu Entstehung und Klassifizierung in Subtypen

Bauchspeicheldrüsenkrebs ist eine der tödlichsten Tumorarten. 

Die Krankheit wird oft erst in lokal fortgeschrittenen oder metastasierten Tumorstadien entdeckt, wenn ein chirurgischer Eingriff zu spät kommt. 

Forschende um Dr. Ivonne Regel vom LMU Klinikum in München konnten nun wichtige neue Erkenntnisse zu den Ursachen der Tumorentstehung gewinnen. 

Zudem gelang es ihnen, verschiedene Tumorsubtypen, basierend auf Unterschieden in ihren Stoffwechselprogrammen zu definieren. 

Gefördert von der Wilhelm Sander-Stiftung leisten sie damit einen bedeutenden Beitrag für die Früherkennung und für die individualisierte Medizin, um die Heilungschancen von Bauchspeicheldrüsenkrebspatienten zu verbessern.

Das duktale Adenokarzinom der Bauchspeicheldrüse, auch Pankreaskarzinom genannt, ist eine relativ seltene, jedoch besonders bösartige Erkrankung. 

Sie stellt die vierthäufigste Ursache für krebsbedingte Todesfälle in der Europäischen Union dar und nur ca. 10 Prozent der Patienten überleben die ersten fünf Jahre nach ihrer Diagnose. Das liegt an dem aggressiven Wachstum und einer späten Diagnose des Tumors. Bauchspeicheldrüsenkrebs äußert sich oft erst dann, wenn bereits andere Organe betroffen sind und Metastasen vorliegen. Um die Heilungschance von Bauchspeicheldrüsenkrebspatienten zu verbessern, ist es von großer Dringlichkeit neue Biomarker für die Früherkennung zu finden. Ein weiterer wesentlicher Schritt besteht darin, Tumor-spezifische Signalwege zu identifizieren, die den aggressiven Krankheitsverlauf verursachen um damit neue Angriffspunkte für Therapieansätze zu ermitteln.

TLR3/IRF3/IRF7-Signalweg entscheidend für die Pankreaskarzinomentwicklung

  • Die Entwicklung eines Pankreaskarzinoms ist ein dynamischer Prozess, der mit einer Gewebeschädigung und Entzündungsreaktion in der Bauchspeicheldrüse einhergeht. 
  • Bei einer Bauchspeicheldrüsenentzündung (Pankreatitis) besitzt das Organ einen Selbstheilungsmechanismus. 
  • Normale Pankreaszellen können sich teilen um geschädigtes Gewebe zu ersetzen. 

Die Moleküle, die bei entzündlichen und gewebeschädigenden Prozessen freigesetzt werden, werden von Zellrezeptoren erkannt und leiten so Signale weiter, die das Zellüberleben und die Zellteilung fördern. 

Dies kann jedoch bei Pankreaszellen zur Entartung der Zellen beitragen und die Entstehung eines Pankreaskarzinoms begünstigen. 

Forschende unter der Leitung von Dr. Ivonne Regel konnten erstmalig aufzeigen, dass der TLR3/IRF3/IRF7-Signalweg bei Entzündungsreaktionen nicht nur in Immunzellen eine wichtige Rolle spielt, sondern auch in Pankreaszellen von Vorläuferläsionen und Tumorzellen aktiv ist. Diese Aktivierung des TLR3/IRF3/IRF7-Signalwegs hat eine wichtige Funktion bei der Pankreaskarzinomentwicklung.

Genetisch-veränderte Mäuse, die keinen funktionsfähigen TLR3/IRF3/IRF7-Signalweg besitzen, können keine Pankreaskarzinome entwickeln (siehe Abbildung). Ebenso wurde der TLR3/IRF3/IRF7-Signalweg in Pankreastumorzellen mit Hilfe der Genschere CRISPR/Cas9 genetisch ausgeschaltet. Diese genetisch modifizierten Tumorzellen wiesen ein deutlich geringeres aggressives Verhalten in Zellkulturexperimenten auf und zeigten auch im Tiermodell eine stark verringerte Metastasenbildung. Dazu Ivonne Regel: „Erstmalig konnten wir belegen, dass ein aktiver TLR3/IRF3/IRF7-Signalweg in den Pankreaszellen zur Entstehung von Bauchspeicheldrüsenkrebs beiträgt und auch die Bildung von Metastasen unterstützt.“ Eine Tumorzell-spezifische Hemmung des TLR3/IRF3/IRF7-Signalwegs könnte ein möglicher neuer Therapieansatz sein.

Das Team von Dr. Regel hat eine weitere spannende Entdeckung gemacht: In den Pankreastumorzellen reguliert der TLR3/IRF3/IRF7-Signalweg überraschenderweise nicht die bekannten Zielgene, stattdessen wurde ein Hinweis auf epigenetische Veränderungen gefunden. Dies sind regulierende Modifikationen an der DNA und den Packungsproteinen (Histone), welche die Aktivität von Genen beeinflussen. So deuten die aktuellen Forschungsergebnisse darauf hin, dass die Aktivierung des TLR3/IRF3/IRF7-Signalwegs in den Tumorzellen dazu führt, dass spezifische tumorfördernde Gene in hohem Maße abgelesen werden. Diese Gene regulieren vorrangig den Stoffwechsel der Tumorzellen. Dies ist insbesondere von Bedeutung, da Stoffwechselprodukte von Tumorzellen im Blut von Patienten zu finden sind und als Biomarker verwendet werden können. „Meinem Team und mir ist es gelungen, verschiedene Subtypen von Pankreaskarzinomen aus dem Blut von Krebspatienten zu identifizieren, die auf Unterschieden in ihren Stoffwechselprogrammen basieren“ so Dr. Regel. „In weiteren Untersuchungen wollen wir jetzt herausfinden, inwieweit die Entstehung von Pankreaskarzinom-Subtypen über den TLR3/IRF3/IRF7-Signalweg reguliert wird.“

* Die in diesem Text verwendeten Genderbegriffe vertreten alle Geschlechtsformen.

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Dr. rer. biol. hum. Ivonne Regel
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Konstanze Adam Wilhelm Sander-Stiftung

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Originalpublikation:

1. Mahajan UM, Alnatsha A, Li Q, Oehrle B, Weiss FU, Sendler M, Distler M, Uhl W, Fahlbusch T, Goni E, Beyer G, Chromik A, Bahra M, Klein F, Pilarsky C, Grützmann R, Lerch MM, Lauber K, Christiansen N, Kamlage B, Regel I, Mayerle J. Plasma Metabolome Profiling Identifies Metabolic Subtypes of Pancreatic Ductal Adenocarcinoma. Cells. 2021 Jul 19;10(7):1821.
https://doi.org/10.3390/cells10071821.

2. https://doi.org/10.3390/cancers12113234.

3. https://doi.org/10.3390/cancers12041024.


www.phea-studie.de Schlaflosigkeit, Schwindel, Reizbarkeit: Nocebo-Effekt (Lat. „Ich werde schaden“) und Placebo-Effekt (Lat. „Ich werde gefallen“)

Medizin am Abend Berlin - MaAB: Angst vor Rückfällen erschwert das Absetzen von Antidepressiva – Therapie durch positive Erwartung

Medikamente sind ein wichtiger Bestandteil der Behandlung von Depressionen. 

Acht bis zehn Prozent der Deutschen nehmen Antidepressiva [1]. 

Die meisten PatientInnen könnten diese nach etwa einem Jahr wieder absetzen. 

Viele haben jedoch Mühe, davon loszukommen. 

Mehr als jede dritte Person nimmt Antidepressiva länger ein als notwendig [2, 3]. 

Grund hierfür ist unter anderem eine negative Erwartungshaltung, der sogenannte Nocebo-Effekt.

„Viele PatientInnen sind beim Absetzversuch von rasch vorübergehenden Absetzeffekten wie Schlaflosigkeit, Schwindel oder Reizbarkeit betroffen und missverstehen diese als Rückfall.  

Die daraus entstehende Angst verstärkt die Beschwerden noch, weshalb die PatientInnen den Absetzversuch oftmals abbrechen, statt durchzuhalten“, erklärt Ulrike Bingel, Professorin für Klinische Neurowissenschaften an der Universitätsmedizin Essen und Sprecherin des Sonderforschungsbereichs (SFB) 289 „Treatment Expectation“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen koordiniert wird. Darin untersucht ein interdisziplinäres Forschungsteam in 16 Teilprojekten, wie Erwartungen den Behandlungserfolg beeinflussen und wie sich dieser Effekt bei verschiedenen Erkrankungen therapeutisch nutzen lässt.

„Unsere Studienergebnisse weisen darauf hin, dass bessere Aufklärung und das gezielte Wecken positiver Erwartungen helfen können, den unheilvollen Kreislauf beim Absetzen von Antidepressiva zu durchbrechen“, sagt SFB-Projektleiterin Yvonne Nestoriuc, Professorin für Klinische Psychologie an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg. Sie plädiert daher für unterstützende psychotherapeutische Elemente, die helfen, Erwartungen beim Antidepressiva-Absetzen zu optimieren und dem Nocebo-Effekt vorzubeugen. Der Nocebo-Effekt ist keine „Einbildung“, sondern in unterschiedlichen medizinischen Studien vielfach nachgewiesen [4–7]: Im Gegensatz zur positiven Wirkung beim Placebo-Effekt (Lat. „Ich werde gefallen“) sorgt beim Nocebo-Effekt (Lat. „Ich werde schaden“) allein die Erwartung negativer Folgen dafür, dass Prozesse im zentralen Nervensystem angestoßen werden, die zu körperlichen Veränderungen führen.

Hohe Belastung durch unnötige Einnahme von Antidepressiva
„Es ist ein Missstand, dass viele PatientInnen Antidepressiva viel zu lange einnehmen. 

Mit unserer Forschung wollen wir dazu beitragen, die Informations- und Versorgungslücke für PatientInnen mit Absetzwunsch zu schließen“, betont Prof. Nestoriuc. Unerwünschte Nebenwirkungen durch eine nicht mehr indizierte Einnahme seien nicht nur eine Belastung für die PatientInnen, sondern auch für das Gesundheitssystem, so die Psychologin. Bei Jahresgesamtkosten für Antidepressiva von 640 Millionen Euro könne man durch eine bessere Unterstützung der PatientInnen 190 bis 250 Millionen Euro jährlich sparen, so ihre Einschätzung [8]. Prof. Nestoriuc fordert daher erweiterte Behandlungsleitlinien, in denen festgelegt ist, dass verschreibende ÄrztInnen über die Absetzproblematik aufklären.

Leben ohne Antidepressiva – mit Begleitung den Tiefpunkt überwinden
Antidepressiva sind nur in seltenen Fällen als lebenslange Therapie sinnvoll, denn sie können zu Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme, sexuellen Problemen und einem erhöhten Risiko für Herzrhythmusstörungen führen. 

Als medizinische Empfehlung gilt: 

  • Verbessern sich nach etwa vier Wochen, in denen Antidepressiva ihre volle Wirksamkeit entfalten, die depressiven Symptome, sollte das Medikament noch vier bis neun weitere Monate eingenommen werden, bei mehrfach depressiven Episoden weitere zwei Jahre. 

Herrscht dann immer noch weitgehende Symptomfreiheit, sollte ein Absetzversuch erfolgen. 

Dabei können vorübergehende Beschwerden wie Schwindel, Schlaflosigkeit, Schwäche, Reizbarkeit, Übelkeit, Schmerzen auftreten – sie gleichen den Symptomen einer Depression, was bei PatientInnen die Angst vor einem Rückfall auslösen und zu einem Abbruch des Absetzversuchs führen kann.

 „Um zwischen Rückfall und Absetzproblematik zu unterscheiden, ist eine intensive ärztliche Begleitung notwendig, die auch den Nocebo-Effekt berücksichtigt und die PatientInnen darüber aufklärt“, betont Prof. Nestoriuc.

Forschung zum Nocebo-Effekt unterstützen – Angebot für PatientInnen

  • PatientInnen aus dem Großraum Hamburg sowie Marburg, die ihr Antidepressivum mit ärztlicher und psychologischer Begleitung absetzen möchten, können an der aktuellen PHEA-Studie teilnehmen, die am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und an der Philipps-Universität Marburg durchgeführt wird. Informationen unter www.phea-studie.de


Referenzen
[1] Grieß, A. (2015). Nutzung von Antidepressiva seit 2000 deutlich angestiegen. Statista Infografiken. Abgerufen am 2. Mai 2022, von https://de.statista.com/infografik/4021/verbrauchte-tagesdosis-antidepressiva-pr...
[2] Van Leeuwen, E., Driel, M. L., Horowitz, M. A., Kendrick, T., Donald, M., De Sutter, A. I., ... & Christiaens, T. (2021). Approaches for discontinuation versus continuation of long?term antidepressant use for depressive and anxiety disorders in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews (4).
[3] Ambresin, G., Palmer, V., Densley, K., Dowrick, C., Gilchrist, G., & Gunn, J. M. (2015). What factors influence long-term antidepressant use in primary care? Findings from the Australian diamond cohort study. Journal of affective disorders, 176, 125-132.
[4] Jensen, K. B., Kaptchuk, T. J., Kirsch, I., Raicek, J., Lindstrom, K. M., Berna, C., ... & Kong, J. (2012). Nonconscious activation of placebo and nocebo pain responses. Proceedings of the National Academy of Sciences, 109(39), 15959-15964.
[5] Benedetti, F., Durando, J., & Vighetti, S. (2014). Nocebo and placebo modulation of hypobaric hypoxia headache involves the cyclooxygenase-prostaglandins pathway. PAIN®, 155(5), 921-928.
[6] Bingel, U., Wanigasekera, V., Wiech, K., Ni Mhuircheartaigh, R., Lee, M. C., Ploner, M., & Tracey, I. (2011). The effect of treatment expectation on drug efficacy: imaging the analgesic benefit of the opioid remifentanil. Science translational medicine, 3(70), 70ra14-70ra14.
[7]Pan, Y., Kinitz, T., Stapic, M., & Nestoriuc, Y. (2019). Minimizing drug adverse events by informing about the nocebo effect – an experimental study. Frontiers in Psychiatry, 10, 504.<
[8]Ludwig, W.-D., Mühlbauer, B., & Seifert, R. (Hrsg.): Arzneiverordnungs-Report 2021. Springer-Verlag, 2021. Arzneiverordnungs-Report 2021 | SpringerLink

Der Sonderforschungsbereich Treatment Expectation
Der überregionale, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Sonderforschungsbereich (SFB/Transregio 289) „Treatment Expectation“ untersucht seit dem Jahr 2020 mit einem interdisziplinären Team den Einfluss der Erwartung von PatientInnen auf die Wirksamkeit medizinischer Behandlungen. Die Forschungsansätze gestalten sich multidimensional, vielschichtig und komplex, um valide Antworten auf die entscheidende Frage zu finden: Welche Effekte haben positive und negative Erwartungen von PatientInnen auf den Erfolg einer Behandlung und das Auftreten von Nebenwirkungen?

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