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Dr. Andreas Walther: Anhaltende depressive Störungen - Verformbarkeit von Blutzellen/Immunzellen - verschlechterte Zellfunktionen - generelle Erschöpfungen

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Depressive Störungen können zu Veränderungen der Immunzellen führen

Eine aktuelle Studie der TU Dresden und der Universität Zürich in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für die Physik des Lichts stellt erstmals einen Zusammenhang zwischen depressiven Störungen und mechanischen Merkmalen aller wichtigen Blutzelltypen her. 

  • Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass depressive Störungen und insbesondere anhaltende depressive Störungen mit einem allgemeinen Anstieg der Verformbarkeit von Immunzellen einhergehen, was auf eine verschlechterte Zellfunktion hinweisen könnte und die generelle Erschöpfung bei vielen Depressionspatient:innen weiter erklären könnte. 

Echtzeit-Verformbarkeitszytometrie und anschließende AI-basierte Klassifizierung von Blutzellen.

 Echtzeit-Verformbarkeitszytometrie und anschließende AI-basierte Klassifizierung von Blutzellen. Andreas Walther, CC BY-NC 4.0

  • Interessenverlust, Freudlosigkeit, Antriebsmangel und erhöhte Ermüdbarkeit – all diese Beschwerden gehören zu den Hauptsymptomen von Depression, einer psychischen Erkrankung, an der in Deutschland schätzungsweise fünf Prozent der Bevölkerung leiden. 
  • Pathophysiologische Merkmale depressiver Störungen sind häufig chronische Entzündungen geringen Ausmaßes und ein erhöhter Glukokortikoidausstoß.

In einer neuen Studie, die in dieser Woche in der renommierten Fachzeitschrift „Translational Psychiatry“ veröffentlicht wurde, stellen Forschende der Technischen Universität Dresden, der Universität Zürich sowie des Max-Planck-Instituts für die Physik des Lichts und des Max-Planck-Zentrums für Physik und Medizin Erlangen erstmals einen Zusammenhang zwischen depressiven Störungen und mechanischen Veränderungen der Blutzellen her.

Dafür führten die Forschenden eine Querschnitts-Fall-Kontroll-Studie durch, bei der eine bildbasierte morpho-rheologische Charakterisierung von unmanipulierten Blutproben erfolgte, die eine Verformbarkeitszytometrie in Echtzeit (RT-DC) ermöglichte. 69 Personen mit einem hohen Risiko für depressive Störungen und 70 gesunde Kontrollpersonen wurden in die Studie aufgenommen und mit dem „Composite International Diagnostic Interview“, einem weltweit anerkannten klinischen Interview für psychiatrische Störungen, klinisch untersucht. Mit Hilfe der KI-Methode des Deep Learnings, angewendet auf über 16 Millionen Blutzellbildern, wurden die wichtigsten Blutzelltypen klassifiziert und Parameter wie Zellgröße und Zellverformbarkeit jeder einzelnen Zelle quantifiziert.

Dabei fanden die Wissenschaftler:innen heraus, dass periphere Blutzellen bei Patient:innen mit depressiven Störungen im Vergleich zu Kontrollpersonen verformbarer waren, während die Zellgröße nicht beeinflusst wurde. 

Personen, die über den Lebensverlauf an einer persistierenden depressiven Störung gelitten hatten, weisen eine erhöhte Zellverformbarkeit bei Monozyten und Neutrophilen auf, während sich bei einer gegenwärtigen persistierenden depressiven Störung Erythrozyten stärker verformten. 

  • Auch Lymphozyten waren bei Personen mit einer aktuellen depressiven Störung stärker verformbar.

Damit zeigt die Studie erstmals, dass depressive Störungen und insbesondere persistierende depressive Störungen, welche über einen Zeitraum von über zwei Jahren anhalten, mit einer erhöhten Deformierbarkeit der Blutzellen einhergehen. 

  • Während alle großen Blutzellen zu einer erhöhten Verformbarkeit neigen, sind Lymphozyten, Monozyten und Neutrophile am stärksten betroffen. 
  • Dies deutet darauf hin, dass bei depressiven Störungen mechanische Veränderungen der Immunzellen auftreten, die für eine anhaltende Immunreaktion ursächlich sein könnten. 

Mit der Identifizierung dieses Pathomechanismus könnten zukünftig neue Möglichkeiten zur Therapie einhergehen, welche die dysfunktionale Zellfunktion über die Verbesserung zellmechanischer Prozesse wiederherstellen könnte.

Für Erstautor Dr. Andreas Walther, der die Studie an der Professur für Biopsychologie der TU Dresden durchgeführt hat und mittlerweile am Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Zürich tätig ist, bedeutet es viel, sowohl biologische als auch psychologische Therapien voranzutreiben, welche depressive Störungen auf lange Sicht effizienter und nachhaltiger therapieren: „Wir arbeiten parallel an der Erforschung pharmakologischer Therapien zur Verbesserung einer dysfunktionalen Biologie sowie an psychologischen Therapien zur Verbesserung dysfunktionaler kognitiver und emotionaler Prozesse. Meines Erachtens lässt sich nämlich nur in einem holistischen Ansatz dieses komplexe Störungsbild verstehen und effizient therapieren und hoffentlich in Zukunft viel Leid verhindern.“

Bildbeschreibung:
Links: Es wird eine schematische Darstellung eines RT-DC-Messchips gezeigt. Vollblut wurde in Messpuffer (CellCarrierB) resuspendiert, in eine Spritze aufgezogen und an den Probeneinlass angeschlossen. CellCarrierB wurde in einer zweiten Spritze als Mantelflüssigkeit verwendet, und die Probe und der Mantel wurden in einem Verhältnis von 1:3 unter konstantem Fluss (0,06 μL/s) durch den Chip geleitet. Der Chip wurde an einem inversen Mikroskop befestigt, und von jeder Zelle wurde ein Bild am Ende einer 600 μm langen Verengungskanüle aufgenommen.
Rechts: Mit ShapeOut, einem Open-Source-Softwaretool, wurden die Daten aufgezeichnet. Das Punktdiagramm zeigt eine Messung von über 38000 Blutzellen eines Studienteilnehmers, aufgetragen in Zellgröße (projizierte Fläche [μm2]) und Zellverformbarkeit. Zur besseren Darstellung ist das Verhältnis von Leukozyten (IV, Vi-iii) zu Erythrozyten und Thrombozyten (I-III) künstlich erhöht. Um die verschiedenen Blutzelltypen zu identifizieren, wurden die Bilder in AIDeveloper importiert, ein Open-Source-Softwaretool zum Trainieren, Bewerten und Anwenden neuronaler Netze für die Bildklassifizierung. Ein auf der LeNet5-Architektur basierendes neuronales Netz, das bereits für die Klassifizierung von Blutzellen trainiert wurde, wurde in AID geladen und zur Klassifizierung von I = Thrombozyten, II = Erythrozyten, III = Erythrozyten-Doubletten, IV = Lymphozyten, Vi = Eosinophile, Vii = Neutrophile und Viii = Monozyten verwendet. Schließlich wurden die Mittelwerte für die Zellverformbarkeit und die Zellgröße für jeden Zelltyp einzeln extrahiert.

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Dr. Andreas Walther
Biopsychologie
TU Dresden
und
Klinische Psychologie und Psychotherapie
Universität Zürich
Email: a.walther@psychologie.uzh.ch

Julian Eder
Biopsychologie
TU Dresden
julian.eder@tu-dresden.de

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Deutschland
Sachsen

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Telefon: 0351 463-32427
E-Mail-Adresse: konrad.kaestner@tu-dresden.de

Katrin Presberger
E-Mail-Adresse: pressestelle@tu-dresden.de
Originalpublikation:

Andreas Walther; Anne Mackens-Kiani; Julian Eder; Maik Herbig; Christoph Herold; Clemens Kirschbaum; Jochen Guck; Lucas Daniel Wittwer; Katja Beesdo-Baum; Martin Kräter. Depressive disorders are associated with increased peripheral blood cell deformability: A cross-sectional case-control study (Mood-Morph). Translational Psychiatry. DOI: https://doi.org/10.1038/s41398-022-01911-3


Einladung zur Mitarbeit zum Thema: Herbst-Winter Depression -Vitamin D

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Lichttherapie mit Lichtlampen: Hinweis auf kurzfristigen Nutzen bei Herbst-Winter-Depression

Lichttherapie mit Lichtlampen: Hinweis auf kurzfristigen Nutzen bei Herbst-Winter-Depression

Vorläufiger HTA-Bericht bewertet den Nutzen einer Lichttherapie oder einer Vitamin-D-Therapie im Vergleich zueinander sowie zu Antidepressiva, Psychotherapie oder Placebo. Stellungnahmen bitte bis zum 17.2.2020. 

 

Im Auftrag des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Donau-Universität Krems mit weiteren Kooperationspartnern u. a. untersucht, wie wirksam und sicher eine Lichttherapie bzw. eine Therapie mit Vitamin D zur Behandlung der Herbst-Winter-Depression ist. 

Die Nutzenbewertung einer Behandlung der Herbst-Winter-Depression mit Lichttherapie oder einer Vitamin-D-Therapie erfolgte im Vergleich zueinander, aber auch im Vergleich zu einer Behandlung mit Antidepressiva oder Psychotherapie, zu einer Scheinbehandlung (Placebo) oder zu keiner Behandlung.

  • Die Untersuchung zeigt einen Hinweis auf einen kurzfristigen Nutzen von Lichttherapie mittels Lichtlampen im Vergleich zu Placebo im Hinblick auf depressionsbezogene Symptome. 
  • Zur Behandlung von Herbst-Winter-Depression mit Vitamin D wurde keine aussagekräftige Studie gefunden, sodass keine Aussagen zur Wirksamkeit und Sicherheit einer Vitamin-D-Behandlung bei Herbst-Winter-Depression möglich sind.

Herbst-Winter-Depressionen in unseren Breiten recht häufig

Die Herbst-Winter-Depression kommt in nördlichen Ländern häufiger vor als in südlichen. Während für Deutschland keine repräsentativen Daten zum Vorkommen vorliegen, berichten Erhebungen aus Österreich und der Schweiz, dass dort rund 2,5 % der Bevölkerung pro Jahr von einer Herbst-Winter-Depression betroffen sind.

Die Betroffenen entwickeln im Herbst/Winter depressive Symptome, die erst im Frühling meist wieder vollständig verschwinden. 

  • Zu den Symptomen gehören:
  • depressive, gedrückte Stimmung, 
  • fehlender Antrieb, 
  • Interessenverlust,
  • Freudlosigkeit, 
  • häufig auch Heißhunger auf Kohlenhydrate, 
  • erhöhtes Schlafbedürfnis
  • Gewichtszunahme.
Da die depressiven Episoden im Herbst/Winter einsetzen, wird ein Zusammenhang zwischen der Entstehung einer Herbst-Winter-Depression und dem Rückgang der Zahl der Sonnenstunden vermutet.

Da nördlich des 40. Breitengrades im Winter die Vitamin-D-Synthese in der Haut durch die Sonne nicht ausreichend ist, lässt sich auch ein Vitamin-D-Mangel als mögliche Ursache für die Entwicklung von Herbst-Winter-Depression in Erwägung ziehen.

21 randomisierte kontrollierte Studien mit 1441 Teilnehmenden ausgewertet

Die Auswertung von 21 randomisierten kontrollierten Studien zur Lichttherapie mit insgesamt 1441 untersuchten Erwachsenen gab – im Hinblick auf die Remission der Depression und den Schweregrad der depressiven Symptome – Hinweise auf einen kurzfristigen Nutzen von Lichttherapie mittels Lichtlampen im Vergleich zu Placebo. Für sogenannte Head-Mounted Units (am Kopf angebrachte Lichtvorrichtungen) kann hingegen kein Anhaltspunkt für einen Nutzen abgeleitet werden.

Im direkten Vergleich zum untersuchten Antidepressivum oder zu einer kognitiven Verhaltenstherapie ergibt sich kein Hinweis auf einen höheren Nutzen der Lichttherapie mittels Lichtlampen bei der Behandlung der Herbst-Winter-Depression.

Allerdings gibt es einen Anhaltspunkt dafür, dass das Antidepressivum während der Behandlung häufiger zu Nebenwirkungen führt als die Lichttherapie mittels Lichtlampen. Dieser Anhaltspunkt liegt für die kognitive Verhaltenstherapie nicht vor.

Die langfristige Auswirkung von Lichttherapie im Vergleich zu Placebo bleibt unklar, weil die patientenrelevanten Endpunkte nur am Ende der 2- bis 8-wöchigen Intervention erhoben wurden und keine weiteren Nachbeobachtungen erfolgten.

Zur Behandlung von Herbst-Winter-Depression mit Vitamin D wurde keine aussagekräftige Studie gefunden. Aussagen zur Wirksamkeit und Sicherheit einer Vitamin-D-Behandlung bei Herbst-Winter-Depression sind daher nicht möglich.

Das IQWiG bittet um Stellungnahmen

Zu diesem vorläufigen HTA-Bericht bittet das IQWiG bis zum 17. Februar 2020 um Stellungnahmen. Es handelt sich dabei um ein sogenanntes Health-Technology-Assessment (kurz: HTA) in dem durch Gesetzesauftrag 2016 gestarteten IQWiG-Verfahren „ThemenCheck Medizin“. Stellungnahmen können alle interessierten Personen, Institutionen und Gesellschaften abgeben. Gegebenenfalls wird eine wissenschaftliche Erörterung zur Klärung von weitergehenden Fragen aus den schriftlichen Stellungnahmen durchgeführt. Die Anhörung kann zu Änderungen und/oder Ergänzungen des vorläufigen HTA-Berichts führen.

Bürger fragen, Wissenschaftler antworten

Zu den Besonderheiten von „ThemenCheck Medizin“ gehört, dass die Fragestellungen der Berichte immer auf Vorschläge aus der Bevölkerung zurückgehen. Das IQWiG sammelt diese und wählt pro Jahr bis zu fünf Themen aus. Ein Auswahlbeirat bringt dabei die Bürger- und Patientensicht mit ein, ein Fachbeirat die Expertenperspektive.

Die HTA-Berichte werden nicht vom IQWiG selbst verfasst, sondern von extern beauftragten Sachverständigen. Deren Bewertung wird gemeinsam mit einer allgemein verständlichen Kurzfassung (HTA kompakt) und einem Herausgeberkommentar des IQWiG veröffentlicht.

Originalpublikation:
https://www.themencheck-medizin.iqwig.de/de/hta-berichte/38-ht18-04-herbst-winte...

Medizin am Abend Berlin DirektKontakt
www.medzin-am-abend.blogspot.com










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Jens Flintrop Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
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E-Mail-Adresse: jens.flintrop@iqwig.de