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Neue Definition von Adipositas

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Eine internationale Forschungsgruppe hat untersucht, wie viele Menschen von präklinischer und klinischer Adipositas betroffen sind und welche Gesundheitsrisiken damit verbunden sind. Das Team unter der Leitung von Prof. Matthias Schulze vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) fand heraus, dass nahezu alle Menschen mit Adipositas, also einem Body Mass Index (BMI) von mindestens 30 kg/m², weitere messbare Anzeichen erhöhter Körperfettmasse aufweisen und rund 80 Prozent der Betroffenen bereits gesundheitliche Folgeprobleme haben. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Nature Communications veröffentlicht.


Neue Definition von Adipositas

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Adipositas (Fettleibigkeit) seit langem als Krankheit ein. Trotzdem ist umstritten, ob Adipositas wirklich eine eigenständige Krankheit ist oder eher ein Risikofaktor für andere Erkrankungen.

Im Frühjahr 2025 hat eine internationale Kommission von Lancet Diabetes & Endocrinology vorgeschlagen, Adipositas in zwei Kategorien einzuteilen: präklinische und klinische Adipositas. Nach diesem Konzept sollte Adipositas neben dem BMI von mindestens einem weiteren anthropometrischen Kriterium, wie z. B. einem erhöhten Taillenumfang oder Körperfettgehalt, bestätigt werden. Personen mit diagnostizierter Adipositas, die darüber hinaus Adipositas-assoziierte Auffälligkeiten wie Bluthochdruck oder Störungen des Zucker- und Fettstoffwechsels haben, sollten demnach als klinisch adipös eingestuft werden – adipöse Personen ohne diese Auffälligkeiten als präklinisch. Die Kommission schlägt vor, klinische Adipositas als eine eigenständige Erkrankung mit entsprechenden Behandlungsindikationen zu klassifizieren.

Auswertung großer Bevölkerungs- und Interventionsstudien

Vor diesem Hintergrund haben Wissenschaftler*innen des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) vom DIfE und vom Universitätsklinikum Tübingen untersucht, wie häufig präklinische und klinische Adipositas in der Bevölkerung auftreten, ob die Betroffenen ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben und ob eine Lebensstilintervention die Prävalenz von klinischer Adipositas senken kann. Dafür werteten die Forschenden die Daten aus drei großen Studien aus: NHANES (National Health and Nutrition Examination Survey; repräsentativ für die US-Bevölkerung), EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition)-Potsdam und TULIP (Tübinger Lebensstilinterventionsprogramm).

Unterschiede im Risiko: Präklinische versus klinische Adipositas

Dabei zeigte sich, dass 100 Prozent der Personen mit einem BMI gleich oder größer 30 kg/m² durch mindestens ein weiteres anthropometrisches Kriterium als adipös eingestuft werden konnten. Darüber hinaus erfüllten davon rund 80 Prozent die Kriterien einer klinischen Adipositas.

Personen mit klinischer Adipositas hatten ein rund 3-fach erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ein etwa 8-fach erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes im Vergleich zu Personen, die keine Adipositas haben und die klinischen Kriterien nicht erfüllen. Im Gegensatz dazu hatten Personen mit präklinischer Adipositas kein erhöhtes Herz-Kreislauf-Erkrankungsrisiko, aber trotzdem ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes.

Eine neunmonatige Lebensstilintervention in der TULIP-Studie senkte die Häufigkeit klinischer Adipositas von 71 auf 57 Prozent und verringerte die Häufigkeit von Prädiabetes von 52 auf 29 Prozent. Die Wissenschaftler*innen stellten fest, dass sich vor allem der Blutdruck, die Triglyzeridwerte und die Blutzuckerregulation durch die Intervention verbesserten. „Das ist eine wichtige Voraussetzung für mögliche Präventionsstrategien in diesem Zusammenhang“, erklärt Prof. Norbert Stefan vom Universitätsklinikum Tübingen. Wie gut Menschen auf ein Lebensstilprogramm ansprechen, scheint dabei u. a. vom Alter und Leberfettgehalt abzuhängen.

Zusätzliche diagnostische Schritte sind zum Teil nicht notwendig

„Unsere Ergebnisse liefern eine solide Datengrundlage, um diese neu vorgeschlagene Definition bewerten zu können“, sagt Erstautorin Dr. Catarina Schiborn vom DIfE. „Wir konnten zeigen, dass eine zusätzliche Bestätigung der Adipositas durch weitere anthropometrische Maße wie Taillenumfang oder Körperfettgehalt, wie von der Kommission als erster Diagnoseschritt vorgeschlagen, in der Praxis nicht notwendig zu sein scheint, da sie von nahezu allen Teilnehmenden mit BMI-basiertem Adipositasstatus erfüllt wurden. Hier ist ein Nachschärfen dieser zusätzlichen Kriterien notwendig.“

Außerdem würden nur weniger als 20 Prozent der Menschen mit bestätigter Adipositas als präklinisch gelten. Die meisten Personen mit Adipositas haben bereits messbare gesundheitliche Einschränkungen und werden deshalb in die Kategorie der klinischen Adipositas eingeordnet. „Wir haben darüber hinaus gesehen, dass viele klinische Kriterien stark überlappen“, ergänzt Prof. Matthias Schulze, Leiter der Abteilung Molekulare Epidemiologie am DIfE. „Das wirft die Frage auf, ob eine so umfangreiche Diagnostik zur Einteilung in präklinische und klinische Adipositas tatsächlich notwendig ist.“

In weiteren Untersuchungen wollen die Forschenden die neuen Kriterien mit bereits etablierten Konzepten wie „metabolisch gesunder“ versus „metabolisch ungesunder“ Adipositas vergleichen.

Hintergrundinformationen

Adipositas wurde erstmals 1948 von der WHO als Krankheit anerkannt und in jüngerer Zeit auch von mehreren medizinischen Gesellschaften und Ländern. Die aktuelle Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) der WHO stuft Adipositas als „chronische komplexe Krankheit“ ein und weist ihr einen spezifischen Code (5B81) zu. Trotzdem ist umstritten, ob Adipositas wirklich eine eigenständige Krankheit ist oder eher ein Risikofaktor für andere Krankheiten.

Befürworter sagen:

Wenn Adipositas offiziell als Krankheit anerkannt wird, hätten Betroffene besseren Zugang zu medizinischer Hilfe. Außerdem könnte dies helfen, Vorurteile und Stigmatisierung abzubauen.

Kritiker warnen:

Wenn Adipositas pauschal als Krankheit gilt, könnte die Eigenverantwortung vernachlässigt werden. Außerdem sind nicht alle Menschen mit Übergewicht krank. Der gängige Messwert (BMI) sagt wenig über den tatsächlichen Gesundheitszustand aus. Eine solche Einordnung könnte zu Überdiagnosen führen – mit unnötigen Medikamenten, Operationen und hohen Kosten.

Das Kernproblem ist:

Es ist bisher nicht klar definiert, welche konkrete Krankheit Adipositas selbst verursacht. Meist wird sie nur als Auslöser für andere Krankheiten (z. B. Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen) betrachtet, nicht als Krankheit mit eigenen Symptomen. Dadurch fehlt ihr eine klare medizinische Identität.

Zudem kann Übergewicht sehr unterschiedliche Ursachen und Bedeutungen haben und manchmal sogar ein Symptom anderer Krankheiten sein. Deshalb ist die aktuelle Definition von Adipositas für medizinische Entscheidungen oft ungenau.

Gleichzeitig führt diese Unklarheit dazu, dass viele Betroffene keine Behandlung bekommen, weil sie „noch keine Folgekrankheit“ haben – obwohl ihr Körper bereits durch das Übergewicht beeinträchtigt ist.

Die von der Lancet-Expertenkommission vorgeschlagenen neuen Diagnosekriterien sollen Adipositas besser im medizinischen Alltag erfassen – nicht nur über das Körpergewicht, sondern über konkrete gesundheitliche Einschränkungen in Bereichen wie Atmung, Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-System, Organsystemen (z. B. Leber, Niere) oder Bewegungsapparat. Hat Übergewicht bereits messbare Schäden an Organen und Geweben verursacht, nennt die Kommission diese Form „klinische Adipositas“. Ohne solche Einschränkungen ist Adipositas „präklinisch“.

Ein solches neues Verständnis könnte:
• gerechtere medizinische Versorgung ermöglichen
• bessere politische Entscheidungen unterstützen
• und den gesellschaftlichen Umgang mit Adipositas verbessern.

Weitere Informationen:
Rubino, F. et al.: Definition and diagnostic criteria of clinical obesity. Lancet Diabetes Endocrinol. 13(3), 221-262 (2025). [Open Access]
https://doi.org/10.1016/S2213-8587(24)00316-4

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Prof. Dr. Matthias Schulze
Leiter der Abteilung Molekulare Epidemiologie am DIfE
Tel.: ‪+49 33 200 88 - 2434‬
E-Mail: mschulze@dife.de

Dr. Catarina Schiborn
Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Molekulare Epidemiologie am DIfE
Tel.: ‪+49 33 200 88‬ – 2526
E-Mail: catarina.schiborn@dife.de

Prof. Dr. Norbert Stefan
Professur für Klinische und Experimentelle Diabetologie am Universitätsklinikum Tübingen
Tel.: ‪+49 7071 2980390‬
E-Mail: norbert.stefan@med.uni-tuebingen.de

Originalpublikation:
Schiborn, C., Hu, F., Stefan, N., Schulze, M.: Preclinical and clinical obesity: prevalence, associations to cardiometabolic risk and response to lifestyle intervention in NHANES and the EPIC-Potsdam and TULIP studies. Nature Commun. 17, 1935 (2026). [Open Access]
https://doi.org/10.1038/s41467-026-69738-w

Weiterführende Publikationen

Schulze, M. B., Stefan, N.: Metabolically healthy obesity: from epidemiology and mechanisms to clinical implications. Nat. Rev. Endocrinol. 20, 633–646 (2024). [Open Access]
https://doi.org/10.1038/s41574-024-01008-5

Stefan, N., Schulze, M. B.: Metabolic health and cardiometabolic risk clusters: implications for prediction, prevention, and treatment. Lancet Diabetes Endocrinol. 11(6), 426-440 (2023).
https://doi.org/10.1016/S2213-8587(23)00086-4

Zembic, A., Eckel, N., Stefan, N., Baudry, J., Schulze, M. B.: An Empirically Derived Definition of Metabolically Healthy Obesity Based on Risk of Cardiovascular and Total Mortality. JAMA Netw. Open 4(5), e218505 (2021). [Open Access]
https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2021.8505

Die Immunthrombozytopenie

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Gemeinsamer Therapieerfolg aus Magdeburg und Freiburg: Neuer Immuntherapie-Ansatz ermöglicht Patientin mit seltener Blutkrankheit ein Leben ohne Dauertherapie

Ein gemeinsames Team der Universitätsmedizin Magdeburg und der Universitätsklinik Freiburg konnte eine Patientin mit einer besonders schweren Form der seltenen Blutkrankheit Immunthrombozytopenie (ITP) erfolgreich behandeln. Zum Einsatz kam ein sogenannter T-Zell-Engager – ein aus der modernen Krebstherapie bekannter Wirkstoff, der hier erstmals genutzt wurde, um gezielt in die fehlgeleitete Immunantwort bei ITP einzugreifen.

Alle zuvor eingesetzten Therapien hatten bei der Patientin keine nachhaltige Wirkung gezeigt. Der neue Therapieansatz ermöglichte erstmals eine anhaltende Krankheitskontrolle – ohne dass sie dauerhaft Medikamente einnehmen muss. Über diesen außergewöhnlichen Fall berichtet das Team nun im renommierten Fachjournal The Lancet.

Die Immunthrombozytopenie ist eine seltene Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die eigenen Blutplättchen angreift und zerstört. Blutplättchen sind essenziell für die Blutgerinnung und den Wundverschluss. Sinkt ihre Zahl stark ab, kann es bereits bei kleineren Verletzungen zu schweren, potenziell lebensbedrohlichen Blutungen kommen. Während viele Betroffene auf Standardtherapien ansprechen, bleibt die Erkrankung bei einem Teil der Patientinnen und Patienten trotz intensiver Behandlung unkontrolliert – so auch bei der nun beschriebenen Patientin über mehrere Jahre.

In dieser Situation entschied sich das Behandlungsteam für den Einsatz eines T-Zell-Engagers. Diese Wirkstoffe gehören zu einer neuen Klasse immuntherapeutischer Medikamente. Sie stellen eine gezielte Verbindung zwischen körpereigenen Abwehrzellen – den T-Zellen – und krankheitsverursachenden Immunzellen, insbesondere Plasmazellen, her. Auf diese Weise können T-Zellen die entarteten Plasmazellen selektiv eliminieren. Nach der Behandlung erreichte die Patientin stabile Blutwerte und benötigt aktuell keine dauerhafte Therapie mehr.

Standortübergreifende Zusammenarbeit als Schlüssel zum Erfolg

„Eine derart anhaltende Krankheitskontrolle bei einer so intensiv vorbehandelten ITP ist außergewöhnlich“, sagt Prof. Dr. med. Jesus Duque-Afonso von der Universitätsklinik Freiburg, der die Patientin seit Jahren betreut. „Der Therapieerfolg ist das Ergebnis einer engen und vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen den Teams beider Standorte. Die Verbindung aus klinischer Erfahrung, immunologischer Expertise und translationaler Forschung war entscheidend“, betont Prof. Dr. med. Dimitrios Mougiakakos, Direktor der Universitätsklinik für Hämatologie, Onkologie und Zelltherapie Magdeburg. „Der Fall zeigt das Potenzial gezielter T-zellbasierter Immuntherapien auch jenseits der Krebsmedizin.“

„Unser nächstes gemeinsames Ziel ist es zu verstehen, welche immunologischen Veränderungen nach der Behandlung stattfinden und warum der Therapieerfolg so nachhaltig ist“, ergänzt Prof. Dr. med. Robert Zeiser, stellvertretender Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Freiburg.

Weltweit existieren bislang nur sehr wenige Berichte über den Einsatz von T-Zell-Engagern bei Autoimmunerkrankungen. Solche Wirkstoffe werden bisher vor allem in der Krebsmedizin eingesetzt. Die Forschenden betonen jedoch, dass weitere große, kontrollierte klinische Studien notwendig sind, um Wirksamkeit, Sicherheit und langfristige Effekte dieses Ansatzes systematisch zu untersuchen.

Die Universitätsmedizin Magdeburg zählt international zu den wenigen Standorten mit substantieller klinischer Erfahrung in der Anwendung T-zellbasierter Immuntherapien auch bei schweren Autoimmunerkrankungen und treibt deren translationale Weiterentwicklung systematisch voran. Der erfolgreiche Therapieverlauf unterstreicht zugleich die Bedeutung des neu gegründeten Magdeburger Zentrums für Zell- und Immuntherapien (MAZI) als Plattform für innovative, interdisziplinäre Immuntherapie-Konzepte aus Sachsen-Anhalt.

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Prof. Dr. med. Dimitrios Mougiakakos, Direktor der Universitätsklinik für Hämatologie, Onkologie, Zelltherapie Magdeburg, E-Mail: dimitrios.mougiakakos@med.ovgu.de, Tel: ‪+49 391 67 13266‬

Originalpublikation:
BCMA-CD3 T-cell engager as salvage therapy for multirefractory primary immune thrombocytopenia, in: Lancet, January 23, 2026, DOI: 10.1016/S0140-6736(25)02515-2