Medizin am Abend Fazit: Immer weniger HIV-Infizierte benutzen Kondome
Erstmals haben Forschende unter der Leitung der Universität Zürich
den Gebrauch von Kondomen bei HIV-Infizierten in der Schweiz in einer
Langzeitstudie untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass der Gebrauch
zwischen 2000 und 2009 relativ konstant war und seit 2009 kontinuierlich
sinkt. Als Hauptgrund vermuten die Wissenschaftler das teilweise falsch
interpretierte Statement der Eidgenössischen Kommission für Aidsfragen
von 2008. Dieses besagt, dass erfolgreich behandelte HIV-Infizierte mit
festem Partner auf Kondome verzichten können.
Grafik: Kondom-Verwendung bei HIV-Infizierten von 2000 bis 2013
Mit jährlich eineinhalb Millionen Toten zählt Aids nach wie vor zu
den gefährlichsten sexuell übertragbaren Krankheiten der Welt.
Verursacht wird die Krankheit durch eine HIV-Infektion, die über den
Kontakt mit Körperflüssigkeiten, wie beispielsweise Sperma und Blut,
übertragen wird. In der Schweiz leben zwischen 15'000 und 25'000
Menschen mit HIV und Aids. Seit 1988 erfasst und erforscht die
Schweizerische HIV-Kohortenstudie (SHKS) verschiedene Daten von
HIV-Infizierten in der Schweiz.
Innerhalb dieser Studie haben nun Schweizer Forschende die erfassten
Daten bezüglich der Kondomverwendung zwischen 2000 und 2013 ausgewertet.
Geleitet wurde die Studie von Huldrych Günthard, leitender Arzt in der
Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene des
UniversitätsSpitals Zürich und Professor am Institut für medizinische
Virologie der Universität Zürich und Dr. Roger Kouyos,
Forschungsgruppenleiter an den selben Instituten.
Verzicht auf Kondom beim Sex mit Gelegenheitspartner verdreifachte sich bei HIV-infizierten homosexuellen Männern
Die Studie basiert auf einer halbjährlichen Befragung aller an der SHKS
teilnehmenden Menschen zwischen 2000 und 2013. Insgesamt wurden über
12'000 HIV-Infizierte befragt.
Vier Kategorien wurden unterschieden:
«Sex ohne Kondom mit festem Partner bei homosexuellen Männern»,
«Sex
ohne Kondom mit Gelegenheitspartnern bei homosexuellen Männern»
«Sex ohne Kondom mit festem Partner bei heterosexuellen Männern und
Frauen»
«Sex ohne Kondom mit Gelegenheitspartnern bei
heterosexuellen Männern und Frauen».
Die Auswertungen zeigen, dass die
Kondom-Verwendung bei allen vier Kategorien zwischen 2000 und 2009
relativ konstant blieb und zwischen 2009 und 2013 in drei von vier
Gruppen markant abnahm.
Haben 2009 zum Beispiel nur circa fünf Prozent
der Homosexuellen angegeben, mit Gelegenheitspartnern nicht immer ein
Kondom zu benutzen, waren es 2013 fast dreimal so viele.
Am wenigsten
griffen heterosexuelle HIV-Infizierte beim Sex mit festem Partner zum
Kondom.
Knapp 30 Prozent (2009: 20 Prozent) verzichteten 2013 auf den
Schutz aus Gummi.
Vorreiter in der Benutzung von Kondomen sind
Heterosexuelle beim Sex mit Gelegenheitspartnern, von denen 2013 trotz
Abnahme seit 2009 noch über 97 Prozent immer Kondome verwendeten.
«Swiss Statement» als wichtiger Grund für den Rückgang vermutet
Als wichtigen Grund für den starken Rückgang sehen die Forschenden das
sogenannte Swiss Statement der Eidgenössischen Kommission für Aidsfragen
(EKAF).
Am 30. Januar 2008 hat die EKAF vermeldet, dass HIV-Infizierte,
die erfolgreich mit antiretroviraler Therapie behandelt werden und in
einer stabilen Beziehung leben, nicht infektiös sind und deshalb auf
Kondome verzichten können.
«Obwohl diese Aussage nur für Patienten in
festen Beziehungen galt, haben sich anscheinend auch HIV-Infizierte
angesprochen gefühlt, welche nicht in festen Partnerschaften leben und
seither öfter auf Kondome verzichtet», erklärt Prof. Huldrych Günthard.
Ein weiterer Grund könnte laut dem Professor die geringere Angst der
Bevölkerung in Bezug auf HIV sein, da in den westlichen Ländern viel
weniger Todesfälle aufgrund der neuen äusserst erfolgreichen
Therapiemöglichkeiten verzeichnet werden.
Zudem sei die Verhütung mit
Kondomen früher auch mehr im Fokus der präventiven Aids-Kampagnen
gestanden als heute. Dies könne ebenfalls ein möglicher Grund für den
Rückgang sein.
Die geringere Kondom-Verwendung könne zudem dazu beigetragen haben, dass
die Anzahl der HIV-Neuinfizierten trotz der zahlreichen
Präventionsmassnahmen nur langsam zurückgeht. Gleichzeitig stieg die
Anzahl der Neu-Diagnosen bei anderen sexuell übertragbaren Krankheiten,
wie beispielsweise
Syphilis, Gonorrhö und Chlamydien, zwischen 2009 und
2013, was laut den Forschern ebenfalls mit der geringeren Verwendung
von Kondomen zusammenhängen könnt.
Schweizerische HIV-Kohortenstudie
Die SHKS erfasst seit 1988 prospektiv epidemiologische, klinische und
labormässige Daten in anonymisierter Form von HIV-infizierten Frauen,
Männern und Kindern in der Schweiz. Gesamtschweizerisch wurden bisher
über 19'000 Patienten eingeschlossen; pro Jahr kommen ca. 500-600 neue
Teilnehmende hinzu. Die Studie ist repräsentativ für die Schweiz, denn
circa 70% der dem Bundesamt für Gesundheit gemeldeten Aids-Fälle sind
auch in der SHKS dokumentiert. Die SHKS wird vom Schweizerischen
Nationalfonds unterstützt.
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