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Prof. Dr. Christl Reisenauer: Belastungsinkontinenz, Mischharnkontinenz oder Dranginkontinenz auch bei Kriegsflüchtlingen

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Harninkontinenz der Frau: Erste vereinheitlichte S2k-Leitlinie erschienen

Die Harninkontinenz gehört zu den häufigsten Krankheitsbildern in der Frauenheilkunde und betrifft ca. 30 Prozent aller Frauen. 

Für die Betroffenen kann die Erkrankung massive Beeinträchtigungen der Lebensqualität auf physischer, psychischer, sozialer und ökonomischer Ebene zur Folge haben und stellt somit ein schwerwiegendes Gesundheitsproblem für Frauen aller Altersklassen dar. 

Zur Vereinheitlichung der Behandlung von entsprechenden Patientinnen hat die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. (AWMF) nun die erste S2k-Leitlinie zu diesem Thema veröffentlicht

„Die vorliegende Leitlinie verfolgt das Ziel, alle wissenschaftlich relevanten Informationen zur Belastungskontinenz und Überaktiven Blase/Dranginkontinenz zu bündeln, die bislang in getrennten Leitlinien dargestellt wurden“, unterstreicht Prof. Anton Scharl, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V. (DGGG). 

  • Auch wurde der diagnostische Teil zur Beckenbodensonographie bei Harninkontinenz einer weiteren Leitlinie in diese zusammenfassende Handlungsempfehlung integriert.


Zusammenführung mehrerer Leitlinien

Der Fokus liegt auf den diagnostischen Ansätzen und unterschiedlichen Therapieformen von Harninkontinenz. 

Erarbeitet wurde die Leitlinie unter der Federführung der DGGG e. V. mit Beteiligung zahlreicher weiterer Fachgesellschaften. 

Die Empfehlungen beziehen sich auf die Therapie von erwachsenen Frauen im ambulanten sowie stationären Versorgungsbereich.

„Mit der neuen S2k-Leitlinie ist eine umfassende Darstellung der Harninkontinenz gelungen, die dazu beiträgt eine angemessene Versorgung der betroffenen Frauen in Diagnostik und Therapie zu garantieren und individualisierte Behandlungsoptionen zu verbessern.“
Prof. Dr. Christl Reisenauer (Tübingen)
DGGG-Leitlinienkoordinatorin

Koffeinkonsum und Übergewicht als Risikofaktoren


Die ausführliche und sorgfältige Anamnese – so betonen die AutorInnen – ist der erste und grundlegende Schritt bei der Behandlung. 

Auch die Untersuchungs- und Behandlungserwartungen sollten in diesem Zuge ermittelt werden. 

  • Je nach Art der Erkrankung – Belastungsinkontinenz, Mischharnkontinenz oder Dranginkontinenz – wird zwischen konservativer, medikamentöser und operativer Therapie unterschieden. 
  • Die konservative Therapie erstreckt sich auf einfache klinische Maßnahmen, lebensstilbezogene Interventionen, wie etwa Koffeinreduktion, körperliche Aktivität, Gewichtsreduktion, und individuelle Verhaltens- und Physiotherapie. 
  • Für die medikamentöse Therapie wird je nach Ausprägung der Harninkontinenz der Einsatz von entsprechenden Arzneimitteln empfohlen. 

Führen konservative und medikamentöse Maßnahmen nicht zum erwünschten Erfolg sieht die Leitlinie individuelle operative Therapien vor. 

  • Zuletzt widmen sich die AutorInnen der Diagnose und Behandlung von urogenitalen Fisteln, die eine Harninkontinenz herbeiführen können.


„Diese Leitlinie bietet ein breites diagnostisches und therapeutisches Instrumentarium, dessen Anwendung sich am Leidensdruck und an der Therapiemotivation der Patientin orientiert. 

Eine fachgerechte Diagnostik und eine gut fundierte Beratung kann jeder betroffenen Frau die Chance auf eine individualisierte Behandlung eröffnen.“
PD Dr. Gert Naumann (Erfurt)
DGGG-Leitlinienkoordinator

An der Erstellung der insgesamt 262 Seiten umfassenden Handlungsempfehlung waren 32 AutorInnen aus elf Fachgesellschaften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz beteiligt. Finanziell unterstützt wurde dieses Leitlinienprojekt durch das DGGG-Leitlinienprogramm.

Leitlinien sind Handlungsempfehlungen. Sie sind rechtlich nicht bindend und haben daher weder haftungsbegründende noch haftungsbefreiende Wirkung.

Zur Leitlinien-Detailansicht: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/015-091.html 

Wissenschaftliche Ansprechpartner:

https://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/das-klinikum/mitarbeiter/1737

 
https://www.helios-gesundheit.de/kliniken/erfurt/unser-angebot/unsere-mitarbeite...


Originalpublikation:

https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/015-091l_S2k_Harninkontinenz-der-Fr...


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Beckenboden und Blasenschwäche: Blasenschrittmacher - Sakrale Neuromodulation

Medizin am Abend Berlin Fazit: Unbeschwerter Alltag durch schonende OP - Schrittmacher hilft bei Blasenschwäche

Viele, vor allem ältere Menschen, kennen die Situation: 

Gerade war noch alles in Ordnung und plötzlich quält ein unerträglicher Harndrang, der oft nicht kontrollierbar ist.
  • In Deutschland leiden über 30 Prozent aller Frauen, zum Teil auch jüngeren Alters, an einer Harninkontinenz. 
Am Beckenbodenzentrum der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Universitätsklinikum Ulm hat Oberärztin Dr. Miriam Deniz am 23. August Ulms ersten sogenannten Blasenschrittmacher implantiert.

Das OP-Verfahren kann Betroffenen helfen, bei denen konventionelle Behandlungen bisher keine Wirkung gezeigt haben. 

 Der Blasenschrittmacher wird unter der Haut im Bereich des Kreuzbeines eingesetzt.
Der Blasenschrittmacher wird unter der Haut im Bereich des Kreuzbeines eingesetzt.
Quelle: Medtronic GmbH
 
Wer an einer überaktiven Blase leidet, muss sehr häufig und dringend zur Toilette und kann dabei teilweise auch den Urin nicht halten. Die Therapie dieser Erkrankung erfordert viel Geduld, denn oft reichen auch medikamentöse Behandlungsoptionen nicht aus, um die Lebensqualität der Betroffenen wieder herzustellen.

  • „Wir können Patientinnen, bei denen bisher nichts anderes angeschlagen hat, nun mit einem Blasenschrittmacher wirkungsvoll behandeln. 

Ähnlich wie ein Herzschrittmacher kann dieser die Blasenfunktion mit Hilfe von feinen Elektroden, die die Nerven der Blase und der Blasenmuskulatur mit elektrischen Impulsen stimulieren, wieder vollständig herstellen“, erklärt die Leiterin des Beckenbodenzentrums, Dr. Deniz. Nach der Operation können die Patientinnen, die meist einen langen Leidensweg hinter sich haben, wieder ein unbeschwerteres Leben führen. Die Therapieform bringt kaum Komplikationen mit sich und kann auch bei Stuhlinkontinenz und Blasenentleerungsstörungen eingesetzt werden.

Am 23. August hat Dr. Deniz erstmals zwei ihrer Patientinnen einen Blasenschrittmacher, in der Fachsprache „Sakrale Neuromodulation“ genannt, eingesetzt.

„Um zu testen, ob die Behandlung anschlägt, implantieren wir zunächst eine Elektrode, die mit einem Schrittmacher außerhalb des Körpers verbunden ist“, erklärt Frau Dr. Deniz.

„In der anschließenden ‚Testphase‘ von zwei bis vier Wochen überprüfen wir, ob die Therapie anschlägt.

Ist dies der Fall, setzen wir den Blasenschrittmacher unter der Haut im Bereich des Kreuzbeines ein.“

Nach der schonenden, minimalinvasiven Operation ist das kleine Gerät von außen nicht zu sehen und nach einer Weile spüren die Patientinnen auch das leichte Kribbeln, das es auslöst, nicht mehr.

Denn der Schrittmacher stellt Kontakt zu den Nerven her, die vom Kreuzbein zur Blase und zur Blasenmuskulatur führen, und gibt immer wieder schwache elektrische Impulse ab. 

Durch diese Stimulation kann die Muskelaktivität nun wieder besser kontrolliert und die Beschwerden einer überaktiven Blase behoben werden. 


Am leichtesten erklärt Dr. Miriam Deniz ihren Patientinnen die Funktionen des Blasenschrittmachers an einem Modell.

Am leichtesten erklärt Dr. Miriam Deniz ihren Patientinnen die Funktionen des Blasenschrittmachers an einem Modell.Quelle: Universitätsklinikum Ulm

Bisher wird die sehr wirkungsvolle Operation deutschlandweit nur in wenigen spezialisierten Zentren durchgeführt, zu denen nun auch das interdisziplinäre Beckenbodenzentrum der Ulmer Universitätsfrauenklinik gehört. 

„Das OP-Verfahren ist ein Alleinstellungsmerkmal unseres Beckenbodenzentrums“, betont Professor Wolfgang Janni, Ärztlicher Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Universitätsklinikums Ulm.

 „Es liegt uns sehr am Herzen, auch Patientinnen zu helfen, die bisher als ‚hoffnungslose‘ Fälle galten. Wir streben deshalb immer danach, unser Behandlungsspektrum um innovative Therapieformen und Methoden zu erweitern.“

Harninkontinenz ist nach wie vor ein gesellschaftliches Tabuthema. 

Häufig ist es betroffenen Menschen sehr unangenehm, über das Thema zu sprechen oder sich Hilfe zu holen, obwohl in vielen Fällen Abhilfe geschaffen werden kann.

Am Beckenbodenzentrum des Universitätsklinikums Ulm legen die Ärztinnen und Ärzte die am besten geeignete Therapie für ihre Patientinnen fest – von Akupunktur über medikamentöse Behandlungen bis hin zu operativen Methoden.

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Dr. Miriam Deniz, Leiterin Urogynäkologie & Beckenbodenzentrum
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Deutschland
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- Informationsveranstaltung des interdisziplinären Beckenbodenzentrums des Universitätsklinikums Ulm für alle Interessierten: „Beckenboden und Blasenschwäche – nur ein Problem der Frau?“, 05.11.2018, 18.00 Uhr, Stadthaus Ulm 



www.kinder-im-kiez.de : Einnässen bei Kindern und Jugendlichen - Harninkontinenz

Medizin am Abend Berlin Fazit:  Einnässen bei Kindern: frühzeitiges Abklären verringert seelische Belastung

Einnässen ist das häufigste urologische Symptom bei Kindern und Jugendlichen. Von Ängsten und Schulproblemen bis hin zu funktionellen und organischen Störungen - Harninkontinenz kann viele Ursachen haben. Häufig entwickeln betroffene Kinder in der Folge negative Gefühle wie Scham, Ängste und Sorgen. Die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) empfiehlt, frühzeitig die Ursachen von Harninkontinenz medizinisch abklären zu lassen. Sei das Problem benannt, falle der Umgang mit dem Krankheitsbild oft leichter.
Was die Ursachen für Einnässen sein können, wann Abwarten Sinn macht und wann welche Behandlungen in Frage kommen, ist ein Thema auf der Konferenz der DGKCH am 15. September in Hamburg.




Medizin am Abend Berlin ZusatzFachThema: Hundebisse in der Familie


Mit sieben Jahren nässen nachts noch fünf bis 10 Prozent der Kinder ein. „Etwa sieben Prozent der Schulkinder machen sogar bis ins Erwachsenenalter nachts ins Bett“, berichtet Dr. med. Tobias Schuster, Pressesprecher der DGKCH.

An einer vom nächtlichen Einnässen zu unterscheidenden sogenannten funktionellen Störung der Blasenfunktion litten zudem bis zu zehn Prozent der Schulkinder.

Im dritten bis sechsten Lebensjahr entwickelt sich bei den meisten Kindern eine stabile Blasenkontrolle – zunächst tagsüber, später auch nachts. „Bis zum vollendeten fünften Lebensjahr sehen wir Einnässen als physiologisch an“, sagt Schuster, der Chefarzt der Kinderchirurgie am Klinikum Augsburg ist. Daure es jedoch nach dem sechsten Geburtstag an, sollten Eltern die Ursachen medizinisch abklären lassen: „Von seelischen Auslösern abgesehen liegen die Ursachen der Harninkontinenz meist in Reifungsverzögerungen und funktionellen Störungen – eher selten haben wir es mit anatomischen oder neurologischen Grunderkrankungen wie Fehlbildungen des Urogenitaltraktes zu tun“, so Schuster. Die Bandbreite der normalen Kontinenzentwicklung sei jedoch groß – und nicht immer eine Behandlung nötig, ergänzt er.

  • Um die genaue Ursache zu klären, sind als erster Schritt Trink- und Ausscheidungsprotokolle entscheidend. 
  • Weiterführende Untersuchungen können Ultraschalluntersuchungen, Messungen der Blasenkapazität sowie der Blasenentleerung (Uroflow) mit Restharnbestimmung und Darstellung der Funktion des Beckenbodens (EMG) sein. 
  • Aber auch klassische urologische Untersuchungen wie etwa Blasendruckmessung oder eine Blasenspiegelung können erforderlich werden. 

Oft sei die Kapazität der Blase, Urin zu halten, und die Steuerung der Blasenfunktion durch das Gehirn noch nicht ausreichend entwickelt.

Gar nicht so selten haben sich Kinder auch ein problematisches Zurückhalten ihres „Pipi“ antrainiert.

 „Wenn sie sich etwa vor dem Gang aufs dreckige Schulklo fürchten, kann sich ihr Beckenboden so verkrampfen, dass die normale Urinausscheidung nachhaltig gestört wird.“

Auch komme es vor, dass ein Hormon, das unter anderem die Urinproduktion über Nacht reduziert, noch nicht ausreichend wirkt.

Die Therapie orientiert sich an der jeweiligen Diagnose und daran, ob das Kind nur nachts oder rund um die Uhr in die Hose macht.

Sie reicht von klassischer Konditionierung mit Klingelhose, die den Patienten aufweckt, wenn er nachts einnässt bis hin zur Gabe von Medikamenten zur Beruhigung der Blase – und in seltenen Fällen zu kinderchirurgischen oder urologischen Eingriffen.

 „Unter konsequenter und manchmal durchaus auch langwieriger Therapie lassen sich die meisten Beschwerden erfolgreich behandeln“, sagt Schuster.

Oft arbeiten hier Kinderchirurgen, Kinderärzte, Urologen und Kinder- und Jugendpsychotherapeuten Hand in Hand zusammen.

Wichtig sei jedoch, mit dem Gang zum Kinderarzt oder Kinderchirurgen nicht zu lange zu warten. „Es gilt, auch sekundäre Folgen des Einnässens, wie reduziertes Selbstwertgefühl, sozialen Rückzug und einen gestörten Schlafrhythmus bei Kind und Familie in Grenzen zu halten“, bekräftigt Schuster.


Quellen:
Neveus, T., et al. (2010) Evaluation of and treatment for monosymptomatic enuresis: a standardization document from the International Children`s Continence Society. J Urol 183(2):441-7

Austin, P., et al (2014) The standardization of terminology of lower urinary tract function in children and adolescente: Update report from the Standardization Comimittee oft the International Children`s Continence Society (ICCS). J Urol 191:1863-5

Negoro, H., et al. (2013) Chronobiology of micturation: putative role oft he circadian clock. J Urol 190:843-9

Glazener, C.M., et al. (2005) Alarm interventions for nocturnal enuresis in children. Cochrane Database Syst Rev, Cd002911

Van Gool, JD., et al. (2014) Multi-center randomized controlled trial of cognitive treatment, placebo, oxybutinin, bladder training, and pelvic floor training in children with functional urinary incontinence. Neurourol Urodyn 33:482-7

Sinha, R., et al (2016) Management of nocturnal enuresis – myths and facts. World J Nephrol 584):328-38

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Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH)
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Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften


 

360° TOP-Hinhweis: Harninkontinenz - Sturzrisiko

Medizin am Abend Berlin Fazit:  Aktualisierte Leitlinie der DGG zu Harninkontinenz erhält S2e-Status

Inkontinenz ist immer noch ein Tabuthema. 

  • Doch vor allem ältere Menschen verlieren ungewollt Urin – etwa beim Husten – oder schaffen es nicht mehr rechtzeitig auf die Toilette. 

Schätzungen zufolge sind ca. 40 % der über 70-Jährigen in Deutschland inkontinent. 

Entsprechend viele ältere Patienten werden wegen ihrer Inkontinenz behandelt. Daher brauchen die betreuenden Ärzte Behandlungsleitfäden und Studien, um bestmöglich behandeln zu können.

Die Arbeitsgruppe Inkontinenz der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) hat dieser Notwendigkeit nun Rechnung getragen und eine aktualisierte Leitlinie zu Harninkontinenz bei geriatrischen Patienten veröffentlicht. 


 PD Dr. Andreas Wiedemann
 PD Dr. Andreas Wiedemann
 
Die Arbeitsgruppe hat dafür in akkurater Detailarbeit Studien zusammengetragen, gesichtet und mit Blick auf die Anwendung auf ältere Patienten bewertet.

Die Leitlinie hat nun den S2e-Status der zertifizierenden Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) erhalten. Damit ist offiziell bestätigt, dass eine systematische Evidenz-Recherche stattgefunden hat.

Relevanz für den geriatrischen Patienten geprüft

Die Leitlinie schlägt eine Bresche durch den Studiendschungel. „Viele Studien-Autoren definieren „ältere Patienten“ allein durch das Alter 65+. Das greift aber zu kurz“, erklärt der Leiter der Arbeitsgruppe, PD Dr. med. Andreas Wiedemann.

„Ein geriatrischer Patient ist gekennzeichnet durch Vulnerabilität, Multi-Morbidität – er hat also mehrere Krankheiten – und er ist deutlich älter, nämlich über 80 Jahre. Wir haben daher alle Studien-Ergebnisse genau geprüft, ob sie für geriatrische Patienten überhaupt relevant sind.“ So sind beispielsweise operative High-End-Methoden wie die sakrale Neuromodulation („Blasen-Schrittmacher“) für geriatrische Patienten nicht geeignet.

Besonders wichtig ist dagegen das Toilettentraining. 

Unter diesen Sammelbegriff fallen verschiedene Methoden. Dies kann der Gang zur Toilette zu festen Zeitpunkten sein. Aber auch die regelmäßige Frage, ob der Betroffene Harndrang verspürt, ist eine wichtige Interventionsmaßnahme.

So wird die Aufmerksamkeit des Patienten auf die Blase gelenkt.

  • Selbst gebrechliche ältere Menschen mit kognitiven oder körperlichen Einschränken sprechen auf diese Form des Verhaltenstrainings gut an – und die Methoden sind naturgemäß frei von Nebenwirkungen. Allerdings ist hier die kontinuierliche Unterstützung der Pflegenden z. B. durch Angehörige, Partner oder Pflegepersonal gefragt.

Fokus auf Nebenwirkungen von Medikamenten

Ein weiterer Schwerpunkt der Leitlinie ist die Untersuchung von Nebenwirkungen breit eingesetzter Medikamente aus dem internistischen oder hausärztlichen Bereich. So können beispielsweise bestimmte Antidepressiva die Blase blockieren und sollten entsprechend nur nach sorgfältiger Abwägung angewendet werden.
Aber auch klassische Medikamente gegen Inkontinenz dürfen bei geriatrischen Patienten nur mit Bedacht eingesetzt werden.

  • So verändern manche dieser so genannten Anticholinergika die Kognition und können zu einem erhöhten Sturzrisiko führen – ein fatales Risiko für hochbetagte Patienten.

Kosten werden transparent gemacht

Eine Besonderheit der Leitlinie ist, dass sie die Kosten der unterschiedlichen Behandlungsmaßnahmen klar benennt. In einem zunehmend teurer werdenden Gesundheitssystem ist dies ein wichtiger Wegweiser für die Klinik oder den niedergelassenen Hausarzt bzw. Urologen.

Dabei ist wichtig zu wissen: Die Kosten für die Erstellung der Leitlinie wurden von den Mitgliedern der Arbeitsgruppe komplett selbst getragen – ein Sponsoring durch Medizin- oder Pharmaindustrie fand nicht statt.

Interdisziplinäre Arbeitsgruppe aus Geriatern und Urologen

An der Erarbeitung der Leitlinie waren sowohl Geriater als auch Urologen beteiligt – einige davon sind klinisch tätig, andere sind niedergelassen. „Durch die interdisziplinäre Arbeit wurde wirklich jeder Aspekt von unterschiedlichen Blickwinkeln aus beleuchtet“, betont Wiedemann. „Allen Arbeitsgruppen-Mitgliedern gemeinsam war: Wir sind praktisch tätig und haben täglich mit inkontinenten Patienten zu tun. Ich bin daher sicher, dass die Leitlinie eine wertvolle Arbeitshilfe für alle Kolleginnen und Kollegen sein wird, die geriatrische Patienten behandeln.“

Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte

http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/084-001.html – 


Möglichkeit zum Download der Leitlinie „Harninkontinenz bei geriatrischen Patienten, Diagnostik und Therapie“

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360° TOP-Einladung: Altershindruck: Überschüssiges Hirnwasser - typische Alterserscheinung - NPH

Medizin am Abend Berlin:  OP verhindert dauerhafte Schäden

Die Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden veranstaltet am morgigen Mittwoch (27. Januar) einen Informationsabend, um ärztliche Kollegen aus ganz Sachsen auf die Anzeichen und Behandlungsmöglichkeiten des Altershirndrucks hinzuweisen. 

Unter dem Titel „Ohne Demenz, Gangstörung und Inkontinenz durchs Alter – Normaldruckhydrocephalus rechtzeitig erkennen“ sprechen die Dresdner Neurochirurgen über die oft übersehene Kombination der Symptome und die Möglichkeiten, mit einer Operation das überschüssige Hirnwasser mit einem in den Bauchraum führenden Schlauch dauerhaft abzuleiten und damit eine Schädigung des Gehirns zu vermeiden. 

Seitliche Röntgenaufnahme des Schädels eines Patienten, bei dem ein Shuntsystem implantiert worden ist.
Seitliche Röntgenaufnahme des Schädels eines Patienten, bei dem ein Shuntsystem implantiert worden ist. Das hier sichtbare Ende des Schlauchsystems reicht in die inneren Hirnkammern während das andere Ende bis in den Bauchraum geführt wird (nicht abgebildet) Über die kreisförmigen Ventileinheiten wird der Abflusswiderstand des Hirnwassers reguliert. Foto: Uniklinikum Dresden

„Herr Konrad*, ein 67 Jahre alter Akademiker stellte sich im Oktober 2014 in unserer neurochirurgischen Ambulanz vor.

Seine Symptome waren beginnende Demenz im Sinne von Kurzzeitgedächtnisstörungen mit Harninkontinenz und einer sichtbaren Gangstörung“, sagt Prof. Dietmar Krex, geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Neurochirurgie des Dresdner Uniklinikums.

Diese Symptomkombination, genannt Hakim-Trias, sehen die Spezialisten der Klinik häufiger bei über 60-Jährigen. 
  • „Demenz, Inkontinenz und ein breitbeiniger, schlurfender Gang während des ‚Altwerdens‘ sind nicht der Ausdruck des Alterungsprozesses sondern stellen einen behandelbaren Symptomenkomplex dar. 
Je früher wir mit einer Therapie beginnen, desto besser sind auch die Erfolgsaussichten“, erklärt Prof. Krex die Anzeichen. Auch medizinische Laien können sie gut erkennen und sollen deshalb ebenfalls auf diese Erkrankung aufmerksam gemacht werden. (* Name geändert)

Das Krankheitsbild, das sich dahinter verbirgt, heißt kurz NPH: Normalpressure Hydrocephalus oder deutsch: Normaldruckhydrocephalus.

Der NPH kann jedoch auch mit anderen degenerativen Erkrankungen wie zum Beispiel Morbus Alzheimer oder Morbus Parkinson einhergehen. Da die meisten Patienten älter als 60 Jahre sind, sprechen die Ärzte auch von „Altershirndruck“. Die Ursachen sind bis heute nicht ausreichend erforscht. Es wird aber vermutet, dass in Deutschland etwa 80.000 über 60-Jährige daran leiden.

Experten gehen davon aus, dass etwa jeder zehnte Demenzkranke eigentlich unter NPH leidet.

Herr Konrad hatte eigentlich Glück, denn anders als bei vielen anderen wurde bei ihm bereits vor gut fünf Jahren in einer anderen Klinik erstmals die Diagnose Normaldruckhydrocephalus gestellt.

 „Seither erfolgten immer wieder Liquorablasspunktionen, also das Ablassen überschüssigen Hirnwassers durch eine Punktion des Rückenmarkschlauches in Höhe der Lendenwirbelsäule.

Danach verbesserte sich jeweils sein Gangbild. Diese Störung in Form einer Kleinschrittigkeit und „des Klebens der Füße auf der Erde beim Laufen“ kam jedoch nach wenigen Wochen wieder. „Zuletzt blieb das Ablassen des Hirnwassers ohne den gewünschten Effekt, so dass sich der Patient in unserer Klinik vorgestellt hat“, so Prof. Krex. Die daraufhin gemachten Aufnahmen des Gehirns mit einem Magnetresonanztomografen (MRT) zeigten, dass alle inneren Hirnwasserkammern erweitert waren. „Ein eindeutiges Bild. Die Zusammenschau der Krankengeschichte, der Symptome und der sichtbar gemachten Strukturen und Formen des Gehirns, bestätigten uns die Diagnose eines Normaldruckhydrocephalus, so dass wir dem Patienten eine Operation anboten.“

Die Therapieoption der ersten Wahl war auch bei Herrn Konrad eine neurochirurgische OP:

  • Im Gehirn wird täglich Hirnwasser gebildet, das aufgrund des begrenzten Kopfvolumens jedoch kontinuierlich ablaufen muss. Die dafür notwendigen natürlichen „Ablaufkanäle“ sind bei Patienten mit NPH gestört. 

Deshalb schafft das Team um Prof. Krex eine „Umleitung“ von den inneren Hirnkammern zum Bauchraum, in dem das überschüssige Hirnwasser problemlos vom Körper abgebaut wird. Bei einer rechtzeitig erfolgenden OP profitieren mehr als 90 Prozent der Patienten von diesem Verfahren.

Herrn Konrads Zustand besserte sich bereits unmittelbar nach der Operation deutlich:

Sein Gangbild war sichtbar flüssiger, sicherer – er konnte mit weiter ausgreifenden Schritten gehen, wies eine höhere Stabilität der Körperhaltung auf und seine Neigung zu fallen, war deutlich zurückgegangen. Herr Konrad und seine Frau berichteten auch, dass sich die Harninkontinenz sowie seine geistige Leistungsfähigkeit ebenfalls deutlich verbesserten“, berichtet Prof. Krex, der mit seinem Team bereits eine Vielzahl an NPH-Patienten operiert hat.

„Aktuell können wir den Normaldruckhydrocephalus nicht heilen.

Jedoch führt das rechtzeitige Erkennen und Behandeln der Krankheit zum Ausbleiben beziehungsweise zum deutlichen Rückgang der Beschwerden. Dadurch lässt sich die Lebensqualität sichtbar verbessern. Und das ist die gute Nachricht, mit der die Betroffenen im Alter häufig gar nicht rechnen“, sagt Prof. Krex.

Die hausärztliche Rolle bei der Erkennung der NPH und die richtige Zuweisung der Patienten in die entsprechenden neurochirurgischen Zentren sind unverzichtbar.

Bei einer Demenz, Harninkontinenz und Gangstörung sollten alle Mediziner neben degenerativen Erkrankungen auch den Normaldruckhydrocephalus in die differentialdiagnostischen Überlegungen mit einbeziehen. 

Deshalb entschloss sich die Klinik für Neurochirurgie, eine Informationsoffensive zu starten und vor allem für ärztliche Kollegen mit eigener Praxis die Veranstaltung „Ohne Demenz, Gangstörung und Inkontinenz durchs Alter – Normaldruckhy¬drocephalus rechtzeitig erkennen“ anzubieten, die am morgigen Mittwoch (27. Januar) im Medizinisch-Theoretischen Zentrum der Hochschulmedizin Dresden, Fiedlerstraße 42, 01307 Dresden stattfindet.


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