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Vergleichbarkeit moderner Glukosemesssysteme

Neue Studie verdeutlicht Grenzen der Vergleichbarkeit moderner Glukosemesssysteme

Kontinuierliche Glukosemesssysteme (CGM) sind ein zentrales Instrument der modernen Diabetestherapie. Eine aktuelle Studie zeigt jedoch: Selbst moderne CGM-Systeme liefern bei derselben Person teils deutlich unterschiedliche, therapieentscheidende Kennzahlen. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) sieht darin einen wichtigen Hinweis, CGM-Daten differenziert zu bewerten und die Standardisierung von Mess- und Auswertungsverfahren voranzubringen – auch mit Blick auf das digitale Disease-Management-Programm (dDMP).


In der neu veröffentlichten Vergleichsstudie in der Fachzeitschrift Diabetes Care trugen Erwachsene mit Typ-1-Diabetes drei moderne CGM-Systeme parallel über einen Zeitraum von 14 Tagen. Ziel war es ausdrücklich nicht, einzelne Geräte zu bewerten, sondern zu analysieren, wie stark sich zentrale CGM-Kennzahlen bei identischen Stoffwechselsituationen unterscheiden. Untersucht wurden unter anderem die Zeit im Zielbereich (Time in Range), Zeiten mit Unter- und Überzuckerungen sowie der aus CGM-Daten „errechnete HbA1c-Wert“ (Glucose Management Indicator, GMI).

Unterschiede mit direkter Bedeutung für Therapieentscheidungen
Die Ergebnisse zeigen, dass sich diese CGM basierten Kennzahlen teils deutlich unterscheiden können – mit direkten Konsequenzen für die Therapie. „Unsere Daten zeigen, dass Glukoseverläufe je nach verwendetem CGM-System unterschiedlich gemessen und bewertet werden können“, erklärt Dr. med. Guido Freckmann, Studienautor und Vorstandsmitglied der DDG-Arbeitsgemeinschaft Diabetes & Technologie. „Das kann dazu führen, dass abhängig vom verwendeten CGM-System Therapieziele als erreicht oder nicht erreicht gelten – und damit Therapieanpassungen unterschiedlich ausfallen, insbesondere im Hinblick auf Unterzuckerungen.“ Da CGM-Daten heute sowohl von Ärztinnen und Ärzten als auch von Menschen mit Diabetes selbst genutzt werden – etwa zur Therapieanpassung oder zur Steuerung automatisierter Insulinsysteme (AID) –, haben diese Unterschiede eine hohe praktische Relevanz für den Versorgungsalltag.

Ursache liegt in der Kalibration der Systeme– nicht bei den Betroffenen
Nach Einschätzung der DDG sind die beobachteten Unterschiede nicht auf das Verhalten der Patientinnen und Patienten zurückzuführen, sondern auf technische Unterschiede zwischen den Systemen. „Jede Firma nutzt eigene Messverfahren, sowie eigene Algorithmen um die CGM-Messwerte zu ermitteln“, so Freckmann. „Dass diese Unterschiede einen Einfluss auf die angezeigten Kennzahlen haben, ist vielen bislang nicht bewusst.“ Hinzu kommt, dass Menschen mit Diabetes ihren Blutzucker im Alltag überwiegend kapillär messen – also mithilfe von herkömmlichen Blutzuckermessgeräten, während CGM-Systeme auf unterschiedlichen Referenzen basieren können. Daher liegen Werte von CGM-Systemen entweder näher an den von in der Diabetestherapie genutzten kapillären oder den für die Diagnose verwendeten venösen Werten. Da ein systematischer Unterschied zwischen den Kompartimenten besteht, erschwert dies eine systemübergreifende Vergleichbarkeit der Daten.

DDG setzt auf Standardisierung statt gerätespezifischer Zielwerte
Vor diesem Hintergrund spricht sich die DDG klar für eine weitergehende Standardisierung von CGM-Messung und -Auswertung aus. „Die zentrale Frage ist nicht, ob wir für jedes CGM-System eigene Zielwerte brauchen“, betont Freckmann. „Vielmehr müssen wir die Systeme so weiterentwickeln, dass sie vergleichbare Messergebnisse und Kennzahlen liefern.“ Die DDG arbeitet daher derzeit an einem Positionspapier, das Empfehlungen zur besseren Vergleichbarkeit und Einordnung von CGM-Daten formulieren soll. Ziel ist es, die Grundlage für fundierte Therapieentscheidungen weiter zu stärken – sowohl in der klinischen Praxis als auch für Menschen mit Diabetes.

Bedeutung für digitale Disease-Management-Programme (dDMP)
Die Forderung nach einer besseren Vergleichbarkeit von CGM-Daten gewinnt auch im Kontext der fortschreitenden Digitalisierung der Diabetesversorgung an Bedeutung. Die DDG hat sich bereits in früheren Stellungnahmen zur Digitalisierung der Disease-Management-Programme (DMP) grundsätzlich positiv geäußert, zugleich jedoch betont, dass digitale Versorgungsangebote nur dann wirksam sein können, wenn sie auf verlässlichen und transparenten Daten basieren. Digitale DMP sollen strukturierte Versorgung, ärztliche Betreuung und patientenseitiges Selbstmanagement enger miteinander verzahnen. Voraussetzung dafür ist eine systemübergreifend verständliche Datengrundlage – insbesondere bei CGM-Kennzahlen, die künftig stärker in digitale Auswertungen, Verlaufsbeobachtungen und Entscheidungsprozesse eingebunden werden. „Digitale DMP können ein wichtiger Baustein für eine moderne, vernetzte Diabetesversorgung sein“, sagt Dr. med. Tobias Wiesner, Vizepräsident der DDG und niedergelassener Diabetologe aus Leipzig. „Damit diese Programme ihr Potenzial entfalten können, brauchen wir CGM-Daten, die unabhängig vom verwendeten System vergleichbar und nachvollziehbar sind. Die aktuellen Studiendaten zeigen sehr deutlich, warum Standardisierung hier kein technisches Detail ist, sondern eine zentrale Voraussetzung für digitale Versorgungskonzepte.“

CGM-Daten richtig einordnen
Für die aktuelle Versorgung bedeutet das: CGM-Systeme sind ein großer Fortschritt und aus der Diabetestherapie nicht wegzudenken. Ihre Daten sollten jedoch stets im Kontext des verwendeten Systems interpretiert werden – insbesondere bei Therapieanpassungen oder beim Wechsel des CGM-Systems. Wenn ein optional kalibrierbares System mit seiner Werkskalibration Werte zeigt, die systematisch unter den kapillären Werten liegen, kann man durch die Kalibration mit einem verlässlichen Blutzuckermessgerät den Unterschied beseitigen. „CGM liefert wertvolle Informationen“, so Freckmann. „Damit diese ihr volles Potenzial entfalten können, brauchen wir Transparenz, fachliche Einordnung und langfristig einheitlichere Standards.“

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Über die Studie
Freckmann et al. A Comparative Analysis of Glycemic Metrics Derived From Three Continuous Glucose Monitoring Systems. Diabetes Care 20 June 2025; 48 (7): 1213–1217. https://doi.org/10.2337/dc25-0129

Psychische Erkrankungen

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Psychische Erkrankungen in den ersten Jahren nach der Geburt ihres Kindes betreffen etwa 15 bis 20 Prozent aller Mütter und können die frühe Bindung zum Kind stark belasten. Wie wirksam eine spezialisierte Therapieform für Eltern und Kind ist, untersuchte das von der Internationalen Psychoanalytischen Universität (IPU) Berlin federführend koordinierte, multizentrische Projekt SKKIPPI. Die im Fachjournal Child and Adolescent Psychiatry and Mental Health veröffentlichten Ergebnisse einer Interventionsstudie liefern wichtige Ansatzpunkte für eine zielgerichtete Versorgung.

Psychische Erkrankungen in den ersten Jahren nach der Geburt ihres Kindes betreffen etwa 15 bis 20 Prozent aller Mütter und können die frühe Bindung zum Kind stark belasten. Wie wirksam eine spezialisierte Therapieform für Eltern und Kind ist, untersuchte das von der Internationalen Psychoanalytischen Universität (IPU) Berlin federführend koordinierte, multizentrische Projekt SKKIPPI. Die im Fachjournal Child and Adolescent Psychiatry and Mental Health veröffentlichten Ergebnisse einer Interventionsstudie liefern wichtige Ansatzpunkte für eine zielgerichtete Versorgung.

Das Projekt „Evaluation der Eltern-Säugling-Kleinkind-Psychotherapie durch Prävalenz- und Interventionsstudien“ (SKKIPPI) untersuchte in einer randomisierten kontrollierten Studie (RCT) die Wirksamkeit der fokusbasierten Eltern-Säugling-Kleinkind-Psychotherapie (kurz: ESKP-f). Dabei wurden 120 Mutter-Kind-Paare, bei denen die Mütter unter diagnostizierten psychischen Störungen litten, entweder mit der spezialisierten ESKP-f im Kurzzeitsetting (12 Sitzungen in sechs Wochen) oder innerhalb der regulären Gesundheitsversorgung („Care-as-Usual“) behandelt.

Entscheidender Vorteil bei hoher psychischer Belastung

Ein zentrales Ziel der Untersuchung war herauszufinden, ob sich die mütterliche Feinfühligkeit durch die Behandlung verbessert – eine wichtige Bedingung für eine gesunde emotionale Entwicklung von Säuglingen. Die Daten zeigen eine Verbesserung der Interaktionsqualität und der mütterlichen Symptome in beiden Gruppen. Als besonders hilfreich erwies sich die spezialisierte ESKP-f-Intervention bei Müttern mit sehr hoher Symptombelastung. In dieser Hochrisikogruppe waren die Effekte der ESKP-f jenen aus der regulären Gesundheitsversorgung überlegen. Die Ergebnisse legen nahe, dass die ESKP-f im Kurzzeitsetting als gezielte Intensivmaßnahme für schwerer belastete Familien einen Unterschied machen kann.

Herausforderungen in der Behandlungskontinuität

Dass es für hochbelastete Familien in der sensiblen Zeit nach der Geburt nicht immer einfach ist, die regelmäßigen Therapietermine wahrzunehmen, spiegeln die hohen Abbruchquoten (Drop-out) in den beiden Studiengruppen wider. Die Publikation zeigte auch die Wichtigkeit niedrigschwelliger Zugangswege für eine engmaschige Begleitung der Familien: „Familien mit Säuglingen und Kleinkindern in psychischer Not brauchen Ansprechpersonen, die kurzfristig gezielte psychotherapeutische Hilfe leisten und möglichst zu den Familien nach Hause kommen können“, betont Prof. Dr. Lars Kuchinke, Leiter des SKKIPPI-Projekts. ESKP-f kann in psychotherapeutischen Ambulanzen, Kliniken und Praxen ein wirksamer Beitrag sein, folgenschwere Belastungen frühzeitig abzufangen.

Das Projekt SKKIPPI wird durch den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) gefördert und leistet einen Beitrag zur evidenzbasierten Weiterentwicklung der psychotherapeutischen Versorgung von Eltern und Kleinkindern in Deutschland.

MaAB - Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Lars Kuchenbecker


Originalpublikation:
Kuchinke, L., Mattheß, J., Eckert, M. et al. (2026). Efficacy of parent-infant psychotherapy with mothers with postpartum mental disorder: results from a randomized controlled trial. Child Adolesc Psychiatry Ment Health 20, 13. https://doi.org/10.1186/s13034-025-01013-0.

Physische Störungen im Gesundheitsbild

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Menschen mit verschiedenen psychischen Störungen ist häufig gemeinsam, dass sie sich nur schwer zu alltäglichen Aktivitäten motivieren können. Welche kognitiven Mechanismen dies bewirken und was das für psychotherapeutische Therapien bedeutet, erforscht Dr. Matthias Pillny, von der Universität Hamburg. Seine Metastudie wurde in der Fachzeitschrift „Psychological Bulletin“ veröffentlicht.

Ob Kino- oder Familienbesuch, Einkauf oder Spaziergang – Menschen mit psychischen Störungen erscheinen solche Aktivitäten häufig als unfassbar anstrengend. Können sie selbst lebensnotwenige Besorgungen kaum noch erledigen, treibt dies den Aufwand und die Kosten für ihre Betreuung in die Höhe und macht die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nahezu unmöglich. Aber welche kognitiven Mechanismen stecken hinter diesem Phänomen? Und sind diese Mechanismen bei verschiedenen Störungen ähnlich – oder unterscheiden sie sich? Diese Fragen hat Dr. Matthias Pillny, Hauptautor der nun veröffentlichten Metastudie, untersucht.

Gesunde Menschen treffen Entscheidungen, indem sie den Aufwand, der nötig ist um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, in Beziehung setzen mit der Wahrscheinlichkeit, mit der sie dieses Ziel erreichen können. „Je höher Nutzen und Wahrscheinlichkeit eingeschätzt werden, desto höher ist der Aufwand, der investiert wird, um das Ziel zu erreichen. Diesen häufig automatisch ablaufenden kognitiven Prozess nennt man aufwandbasiertes Entscheidungsverhalten“, erklärt der Psychologe.

Für seine Metastudie hat er 68 vorhandene Studien mit ca. 3.700 Teilnehmenden ausgewertet. Die Probandinnen und Probanden litten unter Depressionen, bipolaren Störungen oder Störungen aus dem Schizophrenie-Spektrum. Oder aber sie gehörten einer Risikogruppe an, für die eine erhöhte Wahrscheinlichkeit bestand, an einer dieser Störungen zu erkranken.

Die Auswertung zeigte: Menschen mit Depressionen und bipolaren Störungen schätzen den nötigen Aufwand für das Erreichen eines Zieles häufig als zu hoch ein – und den zu erwartenden Nutzen gleichzeitig als zu gering. „Diese Menschen können sich positive Ergebnisse oft gar nicht vorstellen und nehmen den benötigten Aufwand als unüberwindbar wahr“, sagt Pillny. Das bedeute, dass gut gemeinte Sätze wie beispielsweise ´Komm, das macht bestimmt Spaß´ bei ihnen nicht wirken oder sogar Druck erzeugen. Bessere Wirkungen könnten Therapien erzielen, die sich darauf konzentrieren, Empfindungen wie Vorfreude zu trainieren, beispielsweise durch Visualisierungen.

Anders verhielt es sich mit einer Teilgruppe von Menschen mit einer Diagnose aus dem Schizophrenie-Spektrum. Ihr Entscheidungsverhalten wirkte eher sprunghaft und willkürlich. „Wir wissen, dass Schizophrenie-Spektrum Störungen häufig mit einer verringerten kognitiven Leistungsfähigkeit einhergehen und dies scheint bei diesen Patientinnen und Patienten der zentrale Mechanismus zu sein“, schlussfolgert Pilny. „Dieser Gruppe fällt es schwer, Aufwand, Nutzen und Wahrscheinlichkeit in Verbindung zu setzen und ihr Verhalten entsprechend anzupassen. Ihnen könnte ein gezieltes Training ihrer kognitiven Fähigkeiten helfen.“

Der Wissenschaftler wollte zudem herausfinden, ob Auffälligkeiten im aufwandbasierten Entscheidungsverhalten helfen könnten, eine beginnende psychische Erkrankung zu erkennen. Dies scheint allerdings nicht der Fall zu sein, da Menschen mit einem erhöhten Risiko für eine solche Erkrankung im Vergleich zu gesunden Kontrollgruppen kein abweichendes Entscheidungsverhalten in seiner Metastudie zeigten. „Allerdings waren die Studiendesigns der ausgewerteten Arbeiten nicht passgenau auf diese Thematik zugeschnitten, deswegen ist die Frage nicht abschließend beantwortet“, stellt Dr. Pillny fest.

Von seiner transdiagnostischen Herangehensweise erhofft sich Pillny neben Anregungen für zielgerichtete Therapieansätze auch Aufschluss über die Mechanismen von Motivationsproblemen im Rahmen von psychischen Störungen. „Diese wurden im vergangenen Jahrhundert erstmals beschrieben und als voneinander abgrenzbare Phänomene katalogisiert. Heute wächst hingegen ein Bewusstsein dafür, dass viele der dabei gewählten Kriterien willkürlich sind und gewisse Symptome wie beispielsweise Motivationsprobleme bei vielen psychischen Störungen auftreten“, sagt er. Die Übereinstimmungen, die er insbesondere zwischen dem Verhalten von Menschen mit depressiven oder bipolaren Störungen fand, weisen darauf hin, dass zwischen diesen Störungsbildern tatsächlich stärkere Gemeinsamkeiten bestehen als bisher angenommen. Gleichzeitig scheinen sich die bei diesen Störungsbilden den Motivationsproblemen zugrundeliegenden Mechanismen von denen bei Störungen aus dem Schizophrenie-Spektrum deutlich zu unterscheiden. Allerdings sei auch dies aufgrund einer ersten Metastudie nicht endgültig zu entscheiden, betont er: „Um das Gehirn wirklich zu verstehen, ist noch sehr viel mehr Grundlagenforschung nötig.“

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Dr. Matthias Pillny
Universität Hamburg
Klinische Psychologie und Psychotherapie
E-Mail: matthias.pillny@uni-hamburg.de

Originalpublikation:
Pillny, M., Renz, K. E., Lincoln, T. M., Hay, A., Fulford, D., Barch, D. M., Gold, J. M., & Kaiser, S. (2026). Effort-based decision-making in psychopathology: A transdiagnostic multilevel meta-analysis and systematic review of behavioral patterns and mechanisms underlying amotivational psychopathology. Psychological Bulletin. https://doi.org/10.1037/bul0000510

Herz-Kreislaufstillstand

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Bei einem simulierten Herz-Kreislaufstillstand führten Ersthelfer:innen Wiederbelebungsmaßnahmen an einer weiblichen Puppe schlechter durch als an einer männlichen. Das zeigt eine aktuell an der Medizinischen Universität Innsbruck durchgeführte Studie. Diese bestätigt die Ergebnisse internationaler Studien, die zudem zeigen, dass Frauen in der Öffentlichkeit seltener reanimiert werden und u.a. deshalb geringere Überlebenschancen haben. Die Med Uni Innsbruck, das Rote Kreuz Tirol, das Land Tirol und die Stadt Innsbruck setzen jetzt auf weibliche Übungspuppen in der Ausbildung.

Das „Geschlecht“ der Übungspuppe beeinflusst die Qualität einer simulierten Reanimation deutlich. Bei einer Herzdruckmassage erzielten Ersthelfer:innen bei der männlichen Puppe im Durchschnitt 80,4 Punkte, bei der weiblichen nur 70,5 von 100 möglichen Punkten. Das sind Ergebnisse der Studie „Basic Life Support – Durchführung von kardiopulmonalen Wiederbelebungsmaßnahmen unter Berücksichtigung von Diversitätsaspekten“, die mit 164 Teilnehmenden unter der Leitung des Instituts für Diversität in der Medizin der Medizinischen Universität Innsbruck durchgeführt wurde. Drei Diplomanden haben die Studie unterstützt und begleitet: Jakob Stähr, David Ortner und Fabio Rützler. „Die Studienteilnehmenden sollten alleine eine Herz-Lungen-Wiederbelebung durchführen“, erklärt Medizinstudent Stähr. „Dabei fanden sie einmal die herkömmliche männliche Simulationspuppe vor und einmal eine Puppe, die wir mit Perücke, BH und Silikonbrüsten präpariert haben.“

„Bei der Wiederbelebung gibt es zwischen Mann und Frau medizinisch keinen Unterschied – gedrückt wird in der Mitte des nackten Brustkorbs, fest und schnell“, erläutert Benjamin Treichl, Oberarzt an der Univ.-Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin der Med Uni Innsbruck. „Auch bei Frauen soll niemand aus Unsicherheit oder falscher Rücksichtnahme zögern. Es gilt: Bewusstsein und Atmung kontrollieren, wenn diese fehlen den Notruf veranlassen oder selbst absetzen und dann ohne Zögern wiederbeleben – 30 Mal Herzmassage, 2 Mal Atemspende im Wechsel.“ Unsicherheit wurde bei der Innsbrucker Studie allerdings häufig beobachtet, wie Student Fabio Rützler berichtet: „Bei der weiblichen Reanimationspuppe starteten viele Teilnehmende die Reanimation ohne die vorschriftsmäßige vollständige Entkleidung, vor allem, wie sie mit dem BH umgehen sollen, war vielen unklar, es kam öfter zu Nachfragen. Den BH sollte man vollständig entfernen oder aufschneiden.“

„Diese Ergebnisse stehen im Einklang mit internationalen Studien“, sagt Sabine Ludwig, Direktorin des Instituts für Diversität in der Medizin. Sie hat die Studie initiiert und leitet sie. Ludwig verweist auf eine Studie aus den USA, wonach Frauen eine 14 Prozent geringere Chance hatten, in der Öffentlichkeit reanimiert zu werden – und in der Folge auch verminderte Überlebenschancen. „Als ein Grund wird vermutet, dass die helfenden Personen wegen der Berührung der weiblichen Brust den Vorwurf des sexuellen Übergriffs fürchten“, erläutert Ludwig. „Auch in unserer Studie empfanden männliche und auch weibliche Teilnehmende das Freilegen der Brust bei der weiblichen Puppe als unangenehmer.“

Reanimationsqualität sinkt trotz Vorerfahrung
Verglichen wurden auch die Ergebnisse von Studienteilnehmenden ohne Vorerfahrung in der Reanimation mit jenen, die etwa als Rettungssanitäter:in bzw. im Zivildienst ausgebildet wurden. „Die Vorerfahrenen erzielten im Durchschnitt deutlich bessere Ergebnisse bei der Wiederbelebung als die Unerfahrenen, sowohl bei der weiblichen als auch bei der männlichen Puppe“, erläutert Medizinstudent David Ortner, der selbst als Notfallsanitäter im Einsatz ist. „Aber auch jene mit Vorerfahrung zeigten einen deutlichen Leistungsabfall von der männlichen auf die weibliche Puppe.“ Bei der männlichen Puppe erreichten vorerfahrene Studienteilnehmer:innen im Durchschnitt 87,2 von 100 Punkten für die Herzdruckmassage, bei der weiblichen Puppe waren es nur 74,6 Punkte.

Herz-Kreislaufstillstand: keine geschlechtsneutrale Erkrankung
Herz-Kreislauf-Erkrankungen stellen weltweit für Frauen und Männer die häufigste Todesursache dar, eine besonders folgenreiche Form ist der plötzliche Herzstillstand. „Ein Herz-Kreislaufstillstand trifft Männer und Frauen, ist aber keine geschlechtsneutrale Erkrankung“, betont Barbara Sinner, Direktorin der Univ.-Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin der Med Uni Innsbruck. „So unterschieden sich die Ursachen für einen Herz-Kreislaufstillstand und diese sind bei Frauen per se ungünstiger als bei Männern, sie liegen etwa an Herzinsuffizienz, und der initiale Rhythmus ist meist nicht-schockbar, was die Prognose deutlich verschlechtert. Genau aufgrund dieser schlechteren Startchancen müssen Frauen unbedingt und konsequent wiederbelebt werden“, so die Intensivmedizinerin. Ihr Fazit lautet: „Unterschiede in Ursachen, Symptomen, Versorgung und Therapieentscheidungen tragen wesentlich zu den schlechteren Outcomes von Frauen bei – und erfordern gezielte Aufmerksamkeit in Prävention und Versorgung.“

„Geschlechterunterschiede wurden in Erste-Hilfe-Kursen und in der Ausbildung von Fachpersonal bisher zu wenig berücksichtigt“, ortet auch Studienleiterin Ludwig Nachholbedarf. „Wir sehen, dass es nicht reicht, nur mit männlichen Puppen zu trainieren. Mit der korrekten Handposition hatten die Teilnehmenden bei der weiblichen Puppe zum Beispiel größere Probleme, auch die Kompressionsqualität und die Drucktiefe waren mangelhaft im Vergleich zur männlichen,“ so die Expertin für Diversität in der Medizin. An der Med Uni Innsbruck werden deshalb zukünftig auch weibliche Puppen zum Einsatz kommen.

Bewusstsein schaffen, Leben retten
„Wir wollen Frauenleben retten“, unterstrichen Vertreter:innen der Medizinischen Universität Innsbruck, des Roten Kreuzes Tirol, des Landes Tirol und der Stadt Innsbruck bei ihrer gemeinsamen Pressekonferenz im Vorfeld des Internationalen Frauentags am 8. März.
„Die Ergebnisse der Studie der Medizinische Universität Innsbruck bestätigen, dass es bei der Wiederbelebung von Frauen Unsicherheiten gibt – selbst bei ausgebildetem Personal“, erklärt Andreas Karl, Geschäftsführer Rotes Kreuz und Rotes Kreuz Gemeinnützige Rettungsdienst Tirol GmbH. „Obwohl wir im Roten Kreuz bereits erste Maßnahmen gesetzt haben, erkennen wir, dass diese nicht ausreichend sind. Deshalb schärfen wir nach, beispielsweise indem die weibliche Wiederbelebung explizit in die bundesweite Lehrmeinung aufgenommen wird. Zudem investieren wir in deutlich diverseres Übungsmaterial und
-szenarien, sensibilisieren unsere Lehrbeauftragten und verstärken die Aufklärung über geschlechterspezifische Herzinfarktsymptome. Unser klares Ziel ist, dass Frauen im Notfall genauso rasch, selbstverständlich und in derselben Qualität wiederbelebt werden wie Männer.“

„Die Studien sind ein Weckruf: Die Medizin orientiert sich noch immer zu stark am Mann – mit spürbaren Folgen für Frauen“, erklärt Gesundheitslandesrätin Cornelia Hagele. „Mein Dank gilt der Medizinischen Universität Innsbruck und allen Partner:innen, die konsequent handeln und Bewusstsein für weibliche Reanimationspuppen schaffen. Denn wir haben ein Ziel: gleiche Überlebenschancen für Frauen. Auch das Land Tirol setzt mit seiner Frauengesundheitsstrategie Schritte für mehr Geschlechtergerechtigkeit in den Bereichen Prävention, Ausbildung und Versorgung.“

„Diese Forschungsergebnisse zeigen klaren Handlungsbedarf in der Bewusstseinsbildung für Frauengesundheit“, betont Innsbrucks Vizebürgermeisterin Elisabeth Mayr. „Mit dem neuen Referat Frauen, Gleichstellung und Queer wollen wir eine wichtige, teils sogar lebensentscheidende Perspektive auf alle Themen werfen, die in der Lebensrealität von Frauen eine Rolle spielen, und an Maßnahmen zur Gleichstellung arbeiten, ob im Bereich des Zusammenlebens, der Bildung, der Arbeitswelt oder wie hier der Gesundheit.“

COPD Leitlinie - neu!

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Die aktualisierte S2k-Leitlinie Fachärztliche Diagnostik und Therapie der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) 2026 ist publiziert! Federführend durch die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) erstellt, waren mehr als 30 Expert:innen und eine große Zahl an Fachgesellschaften in die mehr als zweijährige Aktualisierungsarbeit eingebunden. „Diese Leitlinie ergänzt die Nationale Versorgungsleitlinie COPD und integriert die neuesten evidenzbasierten Erkenntnisse, um eine frühere und effektivere Behandlung zu ermöglichen“, betont DGP-Präsident Professor Christian Taube.


Die Publikation sei für behandelnde Ärzt:innen sowie Patient:innen ein wichtiges Update und die gute Nachricht des Tages. „Diese Überarbeitung bietet evidenzbasierte Handlungsanweisungen für eine frühere Intervention“, so Taube, Direktor der Klinik für Pneumologie der Universitätsmedizin Essen.

Die Koordination der aktualisierten S2k-Leitlinie lag in den Händen von Professorin Kathrin Kahnert und Professor Henrik Watz. „Wir wissen jetzt: Eine detaillierte pneumologische Lungenfunktionsdiagnostik und CT-Thorax bieten hier einen hohen zusätzlichen Mehrwert, insbesondere bei Diskrepanz zwischen Symptomen und Spirometrie. So können wir Betroffene früher identifizieren“, erklärt Kahnert, niedergelassene Pneumologin in München sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Medizinischen Klinik und Poliklinik V, Schwerpunkt Pneumologie, am Klinikum der Ludwig‑Maximilians‑Universität München. Die alleinige Spirometrie, wie bisher empfohlen, erkenne frühe Veränderungen in der Regel zu spät – ein großes Problem.

Bodyplethysmografie, CT-Thorax und AAT-Mangel

Bei klinischem Verdacht auf eine COPD und normaler Spirometrie soll in der spezialfachärztlichen Diagnostik eine erweiterte Lungenfunktionsdiagnostik erfolgen, um die Lungenvolumina, die Atemwegswiderstände und den Gasaustausch der Lunge zu ermitteln und somit mögliche strukturelle Lungenveränderungen früh zu erfassen. Im Zuge der Früherkennung der COPD und dem kommenden Lungenkarzinomscreening gewinnt die Computertomografie des Brustkorbs zunehmend an Bedeutung. Die CT-Thorax-Untersuchung wird aber auch bei Diskrepanz zwischen Symptomen und Lungenfunktion oder häufigen Exazerbationen unbedingt empfohlen.

Neue Kapitel zu Alpha-1-Antitrypsin-Mangel (AAT) und zu Biomarkern fordern jetzt eine einmalige Screening-Untersuchung auf AAT-Mangel und die Bestimmung des Differentialblutbildes. „Die fachärztliche Kompetenz wird gestärkt, etwa durch Phänotypisierung mittels Lungenfunktion, Biomarker und CT als neuen Standard“, betont Henrik Watz – er arbeitet an der Medizinischen Klinik III, Campus Lübeck, am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein und ist dem Airway Research Center North (ARCN) des Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL) zugeordnet. Das Screening auf AAT-Mangel werde stark empfohlen, so Watz, da das Fehlen von AAT eine der am häufigsten nichtdiagnostizierten Ursachen darstellt.

Verschärfte Risikogruppen, Triple-Therapie und Rauchstopp

Die Einteilung der Risikogruppen anhand der GOLD-Gruppen wurde von den internationalen Empfehlungen in die aktualisierte Leitlinie aufgenommen. In der Initialtherapie wird nun eine duale Bronchodilatation (LAMA/LABA) für GOLD-Gruppe B priorisiert, ICS/LABA allein wird nicht mehr empfohlen. Bei persistierenden Exazerbationen unter Triple-Therapie (LAMA/LABA/ICS) soll eine Reevaluation mit Biomarkern und CT erfolgen. Die Optionen der Therapieeskalation mit Azithromycin, Roflumilast oder Biologika müssen fachärztlich geprüft werden. LAMA/LABA/ICS ist eine Dreifachkombination aus einem langwirksamen Muskarinrezeptor-Antagonisten (LAMA), einem langwirksamen Beta-2-Agonisten (LABA) und einem inhalativen Kortikosteroid (ICS), die zur Behandlung schwerer COPD eingesetzt wird, um so genannte Exazerbationen zu verhindern. Hierbei handelt es sich um akute Verschlechterungsereignisse mit Zunahme von Atemnot und verstärkter Schleimproduktion.

„Jede Exazerbation zählt – auch leichte Verschlechterungen bei unseren Patientinnen und Patienten dürfen wir nicht einfach tolerieren, eine zügige Eskalation der Therapie sind entscheidend“, betonen die Leitlinienkoordinatoren Kahnert und Watz einstimmig. Dies beinhaltet unbedingt auch die nicht-medikamentösen Therapiemöglichkeiten wie ein strenges Rauchstopp-Programm, pneumologische Rehabilitation sowie die Einhaltung der aktualisierten Impfempfehlungen – beispielsweise gegen Influenza, Pneumokokken oder RSV. Ein kardiovaskuläres Risiko solle abgeklärt werden, da COPD eine kardiovaskuläre Risikoerkrankung darstellt, also Herzinfarkte und Schlaganfälle begünstige.

Nicht zuletzt sind Behandlungsempfehlungen zur interventionellen oder chirurgischen Lungenvolumenreduktion und Lungentransplantation für Patient:innen mit weit fortgeschrittener COPD für die fachärztlicher Leitlinie von großer Bedeutung.

Living Guideline! Praktische Empfehlungen gleich weniger Krankenhauseinweisungen

„Für Patientinnne und Patienten bedeutet das ab 2026: Bessere Phänotypisierung als Standard, Lungenkrebs-Screening und null Toleranz für Exazerbationen“, fasst Prof. Henrik Watz zusammen. „Die dynamische Entwicklung auf diesem Gebiet wird zu einer fortwährenden Aktualisierung der Leitlinie führen“, ergänzt Prof. Kathrin Kahnert. Damit bietet die Leitlinie immer einen aktuellen und praktischen Nutzen für Ärzt:innen und Patient:innen.

→ S2k-Leitlinie „Fachärztliche Diagnostik und Therapie der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) 2026“ bei der AWMF abrufen: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/020-006

Informieren Sie sich live und vor Ort auf dem kommenden DGP-Kongress über die aktualisierte S2k-Leitlinie bzw. COPD-Erkennung und -Behandlung:

• Die neue COPD-Leitlinie und der G-BA-Beschluss zur Tabakentwöhnung
Bühne in der DGP-Lounge
Donnerstag, 19. März, 12:00 bis 12.30 Uhr

• State of the Art COPD (auch im Livestream)
https://vmx.m-anage.com/release/dgpneumo2026/de-DE/session/126310
Saal 14b (ICM, 1. OG)
Donnerstag, 19. März, 13.45 bis 15:15 Uhr

• 10 Clinical Years in Review: Asthma und COPD – Entwicklung aktueller Therapiekonzepte (auch im Livestream)
https://vmx.m-anage.com/release/dgpneumo2026/de-DE/session/126355
Saal 14a (ICM, 1.OG)
Freitag, 20. März, 9 bis 10:30 Uhr

• Erprobte und innovative Konzepte in der Behandlung der fortgeschrittenen COPD (auch im Livestream)
https://vmx.m-anage.com/release/dgpneumo2026/de-DE/session/126362
Saal 13a (ICM, 1. OG)
Samstag, 21. März, 9 bis 10.30 Uhr

Strassenlärm und das Herz

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Schon eine einzige Nacht mit mäßigem Straßenverkehrslärm bei vergleichsweise niedriger Belastung erhöht die Herzfrequenz, geht mit Veränderungen in Proteinen einher, die an Immun- und Stresssignalwegen beteiligt sind, und kann die Gefäßfunktion sowie die Schlafqualität beeinträchtigen. Das haben Forschende der Universitätsmedizin Mainz in einer kontrollierten Humanstudie anhand von Herz-Kreislauf-Messungen und Blutanalysen herausgefunden. Damit liefern sie experimentelle Hinweise auf biologische Mechanismen, die den Zusammenhang zwischen Straßenverkehrslärm und Herz-Kreislauf-Erkrankungen erklären könnten. Die Studie ist in der Fachzeitschrift Cardiovascular Research veröffentlicht worden.

Verkehrslärm gehört zu den häufigsten Umweltbelastungen in Europa. Langjährige Beobachtungsstudien haben gezeigt, dass dauerhafte Lärmbelastung mit einem erhöhten Risiko für Bluthochdruck, Herzinfarkt und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden ist. Bislang war jedoch noch wenig untersucht, wie der Körper unmittelbar auf Straßenverkehrslärm, der häufigsten Lärmquelle in Europa, in der Nacht reagiert. Dieser Forschungsfrage hat sich ein Forschungsteam um Dr. Omar Hahad, Univ.-Prof. Dr. Thomas Münzel und Univ.-Prof. Dr. Andreas Daiber vom Zentrum für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz gewidmet.

Im Rahmen ihrer Studie „A randomized, double-blind, crossover study of acute low-level night-time road traffic noise: effects on vascular function, sleep, and proteomic signatures in healthy adults“ stellten die Forschenden fest, dass selbst Verkehrslärm von durchschnittlich rund 41 bis 44 Dezibel messbare Stressreaktionen im Körper auslösen kann. „Die Studie liefert kontrollierte experimentelle Hinweise darauf, dass akuter nächtlicher Straßenverkehrslärm direkt in die Regulation des Gefäßsystems eingreift. Wir sehen sowohl funktionelle Veränderungen als auch begleitende Aktivierung bestimmter biologischer Signalwege“, betont Studienleiter und Erstautor der Studie Dr. Hahad.

Schlafen unter realitätsnahen Lärmbedingungen

Um die akuten Auswirkungen von Straßenverkehrslärm auf die 74 Studienteilnehmenden untersuchen zu können, simulierten die Forschenden unterschiedliche Belastungsgrade: eine Nacht ohne zusätzlichen Lärm sowie jeweils eine Nacht mit 30 bzw. 60 Straßenverkehrslärmereignissen in einer Lautstärke von durchschnittlich 41 bis 44 Dezibel für jeweils 1’15 Minuten. Die Lärmexposition erfolgte alle 11,5 bzw. 9,5 Minuten über Lautsprecher im privaten Schlafzimmer der Proband:innen. Am nächsten Morgen werteten die Forschenden die Herz-Kreislauf-Messungen der Nacht aus, analysierten Blutproben auf Proteine, die an Entzündungsprozessen beteiligt sind, und untersuchten die Elastizität der Blutgefäße. In der kontrollierten randomisierten doppelblinden Studie wussten weder die Teilnehmenden noch die Forschenden, die die Messungen durchführten, welchen Schallpegeln sie in der Nacht ausgesetzt waren.

Lärm belastet schon nach einer Nacht

Die Teilnehmenden, die den Lärmsequenzen ausgesetzt waren, berichteten von einer wahrgenommenen schlechteren Schlafqualität. Dabei reagierten die Proband:innen unterschiedlich stark, was auf eine individuelle Lärm-Empfindlichkeit hindeutet. Durch eine Kombination aus Herzfrequenzanalyse, molekularer Blutuntersuchung und Gefäßmessung konnten die Forschenden sowohl funktionelle als auch biologische Veränderungen nachweisen, was die geschilderte Beeinträchtigung verdeutlichte – und das bereits nach einer einzigen Nacht: Die Herzfrequenz stieg nach einzelnen Lärmereignissen an, im Blut zeigten sich Veränderungen in immun- und entzündungsassoziierten Proteinen und Ultraschallmessungen belegten eine verminderte Elastizität der Blutgefäße. Gerade diese endotheliale Funktion gilt als frühes Warnsignal für die Gefäßgesundheit. „Unsere Studienerkenntnisse könnten die molekularen Krankheitsmechanismen, die durch Lärm beim Menschen ausgelöst werden, erklären“, betont Professor Daiber, Leiter der Forschungsgruppe Molekulare Kardiologie am Zentrum für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz.

11 Millionen Deutsche sind nachts Lärm ausgesetzt

Die Studienautoren plädieren für konsequente Lärmschutzmaßnahmen, wie beispielsweise Tempo 30 innerorts und mehr Grünflächen als natürlichen Schallschutzpuffer. „Lärmschutz ist Herzschutz“, betont Professor Münzel. „Jede Dezibel-Reduktion bedeutet weniger Stress für Gefäße, weniger Entzündung im Blut – und langfristig weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle. Stadtplanung ist damit keine ästhetische Frage, sondern eine kardiovaskuläre Präventionsstrategie. Gesunde Städte sind leise Städte.“ Um besser zu verstehen, wie die Ergebnisse dieser Kurzzeitstudie mit dem langfristigen Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zusammenhängen könnten, seien weitere Untersuchungen erforderlich, sagen die Studienautoren. Laut Umweltbundesamt sind in Deutschland mehr als 11 Millionen Menschen nächtlichem Straßenverkehrslärm von mindestens 50 Dezibel ausgesetzt.

Originalpublikation:

Omar Hahad, Patrick Foos, Jonas Hübner, Christina Große-Dresselhaus, Frank P. Schmidt, Mir Abolfazl Ostad, Marin Kuntic, Lukas Hobohm, Karsten Keller, Volker H. Schmitt, Thomas Köck, Philipp Wild, Irene Schmidtmann, Mette Sørensen, Martin Röösli, Paul Stamm, Alexander von Kriegsheim, Johannes Herzog, Philipp Lurz, Andreas Daiber, Thomas Münzel.
A randomized, double-blind, crossover study of acute low-level night-time road traffic noise: effects on vascular function, sleep, and proteomic signatures in healthy adults, Cardiovascular Research (2026)

DOI: https://doi.org/10.1093/cvr/cvag028

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Dr. rer. Physiol. Omar Hahad
Zentrum für Kardiologie
Universitätsmedizin Mainz
Omar.Hahad@unimedizin-mainz.de

Originalpublikation:
Omar Hahad, Patrick Foos, Jonas Hübner, Christina Große-Dresselhaus, Frank P. Schmidt, Mir Abolfazl Ostad, Marin Kuntic, Lukas Hobohm, Karsten Keller, Volker H. Schmitt, Thomas Köck, Philipp Wild, Irene Schmidtmann, Mette Sørensen, Martin Röösli, Paul Stamm, Alexander von Kriegsheim, Johannes Herzog, Philipp Lurz, Andreas Daiber, Thomas Münzel.

A randomized, double-blind, crossover study of acute low-level night-time road traffic noise: effects on vascular function, sleep, and proteomic signatures in healthy adults, Cardiovascular Research (2026)

DOI: https://doi.org/10.1093/cvr/cvag028

Flexible Schulstartzeiten

An Schultagen schlafen Jugendliche chronisch zu wenig – mit negativen Folgen für Wohlbefinden und Lernfähigkeit. 

Eine neue Studie der Universität Zürich und des Universitäts-Kinderspitals Zürich zeigt: 

Ein flexibler Start des Unterrichts am Morgen kann Schlaf, Gesundheit und schulische Leistungen verbessern.

Schülerinnen und Schüler haben Mühe, abends zeitig einzuschlafen – was schlecht zum frühmorgendlichen Schulstart passt. 


Denn die Schlafbiologie von Jugendlichen ist auf ein spätes Einschlafen ausgerichtet, weil sich über die Jugend hinweg der biologische Rhythmus immer weiter in die Nacht hinein verschiebt. Die Folge: Die meisten schlafen an Schultagen zu wenig und bauen über die Woche ein Schlafdefizit auf.

«Das ist bedenklich, denn chronischer Schlafmangel betrifft nicht nur das Wohlbefinden, er hat auch messbare Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, körperliche Entwicklung und Lernfähigkeit», sagt Oskar Jenni von der Universität Zürich (UZH). Da gemäss dem Entwicklungspädiater ein früheres Einschlafen biologisch nur eingeschränkt möglich sei, könne ein späterer Schulbeginn am Morgen einiges bewirken. International ist der zeitlich versetzte Unterrichtsstart zwar gut untersucht, allerdings fehlen bislang Forschungen zu flexiblen Modellen, bei denen die Jugendlichen zwischen frühem und späterem Schulbeginn wählen können.

Neues Schulmodell mit flexiblen Randzeiten

Ein solches Projekt haben Joëlle Albrecht, Reto Huber und Oskar Jenni von der UZH und dem Universitäts-Kinderspital Zürich nun wissenschaftlich begleitet. Die Oberstufe Gossau im Kanton St. Gallen führte vor drei Jahren flexible Randzeiten ein. Vor dem regulären Unterrichtsbeginn morgens, mittags und am Nachmittag stehen seither individuelle Module zur Wahl. Die Schülerinnen und Schüler können so den Start in den Schultag am Morgen selbst bestimmen: entweder beginnen sie freiwillig um 07:30 Uhr oder erst ab 8:30 Uhr, wenn der offizielle Stundenplan startet.

Im Rahmen dieses Modells untersuchte das Forschungsteam das Schlafverhalten der Jugendlichen sowie die Auswirkungen von Schlafmangel auf Gesundheit und schulische Leistungen. Dazu wurden die durchschnittlich 14-Jährigen im alten Modus mit Schulstart um 07:20 Uhr einmal befragt und ein zweites Mal ein Jahr später im neuen Schulmodell. Insgesamt wertete das Forschungsteam 754 Rückmeldungen aus.

Flexible Randzeiten ermöglichen mehr Schlaf

Die Ergebnisse sind eindeutig: 

95 Prozent der Schülerinnen und Schüler nutzten die Möglichkeit eines späteren Schulbeginns – im Durchschnittlich war dies 38 Minuten später als im alten Modus. Entsprechend standen die Jugendlichen am Morgen auch 40 Minuten später auf als früher. Da sich die Bettzeiten kaum verändert haben, hat sich die Schlafdauer erhöht: Die Jugendlichen schliefen an Schultagen im Schnitt 45 Minuten länger.

Es zeigten sich noch weitere Vorteile: «Die Schülerinnen und Schüler berichteten weniger häufig von Einschlafproblemen und hatten seltener tiefe Werte bei der gesundheitsbezogenen Lebensqualität», fasst Erstautorin Joëlle Albrecht zusammen. Im Vergleich zu den kantonal geeichten Testergebnissen ergaben sich im neuen Schulmodell zudem bessere objektive Lernleistungen in Englisch und Mathematik.

Bessere Gesundheit und schulische Leistungen

Die in der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift Journal of Adolescent Health publizierte Studie zeigt damit: 

Flexible Schulstartzeiten können ein wirksamer und praktikabler Ansatz sein, um chronischen Schlafmangel zu reduzieren sowie die psychische Gesundheit und die schulischen Leistungen von Jugendlichen zu verbessern. «Ein späterer Unterrichtsbeginn am Morgen kann also ein wichtiger Beitrag zur Bewältigung der aktuellen Mental-Health-Krise bei Schülerinnen und Schülern sein», ergänzt Co-Letztautor Reto Huber. Eine vom Schweizerischen Gesundheitsobservatorium (Obsan) herausgegebene Studie hat nämlich ergeben, dass der Anteil der 11- bis 15-Jährigen mit multiplen wiederkehrenden oder chronischen psychoaffektiven Beschwerden (z. B. Traurigkeit, Müdigkeit, Ängstlichkeit, schlechte Laune, Nervosität, Gereiztheit, Verärgerung und Einschlafschwierigkeiten) im Jahr 2022 bei 47 Prozent lag.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Dr. phil. Joëlle Albrecht
Entwicklungspädiatrie, Universitäts-Kinderspital Zürich
joelle.albrecht@kispi.uzh.ch
‪+41 79 657 15 85‬

Prof. Dr. sc. nat. Reto Huber
Entwicklungspädiatrie, Universitäts-Kinderspital Zürich
Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychiatrische Universitätsklinik, Universität Zürich
reto.huber@kispi.uzh.ch
‪+41 44 266 81 60‬

Prof. Dr. med. Oskar Jenni
Entwicklungspädiatrie, Universitäts-Kinderspital Zürich
oskar.jenni@kispi.uzh.ch
‪41 44 249 75 36‬

Originalpublikation:
Literatur
Albrecht, J. N., Risch, A., Huber, R., & Jenni, O. G. (2026). The power of flexible school start times: Longitudinal associations with sleep, health, and academic performance. Journal of Adolescent Health, 17 February 2026. DOI: 10.1016/j.jadohealth.2026.01.011

COPD

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Marburger Team identifiziert Botenstoff als Auslöser für Schleimüberproduktion und geschwächte Virusabwehr


Forschende der Philipps-Universität Marburg haben herausgefunden, warum sich die chronische Lungenerkrankung COPD bei einer Grippe-Infektion oft plötzlich stark verschlechtert: Ein bestimmter Botenstoff namens CXCL11 wird dabei vermehrt gebildet und bringt die Atemwege aus dem Gleichgewicht. Dadurch wird nicht nur zu viel zäher Schleim produziert, sondern auch die natürliche Abwehr gegen Viren geschwächt – ein wichtiger Schritt, um diese gefährlichen Krankheitsschübe künftig besser behandeln zu können. Die Forschenden um Prof. Dr. Mareike Lehmann und Prof. Dr. Bernd Schmeck berichten darüber in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Thorax“ (https://doi.org/10.1136/thorax-2025-224202).

Von der Virusinfektion zur Schleimüberproduktion

Für ihre Analysen nutzte das Team humanbasierte Modellsysteme aus Epithelzellen der Atemwege, die strukturelle und funktionelle Eigenschaften des respiratorischen Epithels realitätsnah abbilden. Diese Modelle wurden kontrolliert mit Influenzaviren infiziert und anschließend mittels hochauflösender Einzelzellanalysen charakterisiert. Durch diesen Ansatz konnten zelltypspezifische Veränderungen präzise erfasst und molekulare Signalwege identifiziert werden, die durch CXCL11 vermittelt werden.

„Solche Studien sind nur in Marburg möglich, weil wir hier eine enge Verzahnung von klinischer Versorgung und molekularer Grundlagenforschung haben. Dadurch können wir Fragestellungen direkt aus der Behandlung von Patientinnen und Patienten in experimentelle Modelle übertragen – und die gewonnenen Erkenntnisse wiederum zurück in die Klinik spiegeln“, sagt Prof. Dr. Mareike Lehmann von der Philipps-Universität Marburg.

Die Ergebnisse liefern einen wichtigen Ansatzpunkt, um akute Verschlechterungen bei COPD künftig gezielter zu verhindern oder therapeutisch zu behandeln. Langfristig könnten Strategien, die auf CXCL11 abzielen, dazu beitragen, Schleimüberproduktion zu reduzieren und die antivirale Abwehr der Atemwege zu stärken.

Bildtext: Di
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Prof. Dr. Mareike Lehmann
Institut für Lungenforschung (iLung)
Philipps-Universität Marburg
Tel.: 06421 28-65043
E-Mail: mareike.lehmann@uni-marburg.de

Originalpublikation:
Originalpublikation: Melo-Narvaez et al, Single-cell mapping reveals CXCL11 as a driver of mucus production and inflammation in influenza A virus exacerbation in COPD, Thorax (2026) https://doi.org/10.1136/thorax-2025-224202

Entzündungsreaktionen

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Interleukin-1 alpha ist ein Botenstoff, der vor allem für die Steuerung von Entzündungsreaktionen in unserem Körper verantwortlich ist. Ein Forschungsverbund der Universität des Saarlandes und der TU Dresden möchte herausfinden, was genau an der Innenwand von Blutgefäßen vonstattengeht, wo IL-1 alpha eine Rolle bei Entzündungen der Blutgefäße spielt, die bislang nur wenig erforscht wurde. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Projekt ab dem Herbst 2026 mit rund ‪500.000‬ Euro.

Entzündungen sind Reaktionen des Körpers auf Krankheitserreger oder entartete Zellen, die, wenn sie die Oberhand gewinnen, zu lebensgefährlichen Tumorerkrankungen führen können. Reguliert werden solche Entzündungsreaktionen, die den Körper grundsätzlich also gesund halten sollen, unter anderem durch einen wichtigen Botenstoff unseres Immunsystems, dem Interleukin-1 alpha (IL-1α). Wie so oft im Leben gilt aber auch für dieses IL-1 α: Die Dosis macht das Gift. Übertreibt es der Körper mit der Ausschüttung des Proteins, können in der Folge chronisch-entzündliche Krankheiten wie Rheuma oder chronische Herzmuskelentzündung (Perikarditis) entstehen. Es ist also von großer Bedeutung, genau zu verstehen, wie IL-1α in Balance gehalten wird.

Ein wichtiger Ort für dieses Verständnis könnte an der Innenwand von Blutgefäßen liegen. „An dieser endothelialen Glykokalyx, einer schützenden Schicht auf der Innenseite von Blutgefäßen, spielen Glykosaminoglykane eine entscheidende Rolle. Erste Befunde deuten darauf hin, dass diese Zuckerstrukturen die Wirkung von IL-1α gezielt modulieren und damit Zell-Zell-Interaktionen sowie entzündliche Prozesse beeinflussen“, erklärt Sandra Rother, Juniorprofessorin für Molekulare Signalverarbeitung an der Universität des Saarlandes.

Gemeinsam mit Emmanuel Ampofo (Professor für Klinisch-Experimentelle Chirurgie, Universität des Saarlandes) sowie Professorin M. Teresa Pisabarro vom Biotechnologischen Zentrum (BIOTEC) der Technischen Universität Dresden möchte die Wissenschaftlerin in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt herausfinden, wie es den Glykosaminoglykanen an der endothelialen Glykokalyx gelingt, IL-1α zielgenau und in genau der richtigen Menge freizusetzen. „Ziel ist es, besser zu verstehen, wie Entzündungsprozesse an der Gefäßwand reguliert werden und inwieweit sich diese Mechanismen künftig gezielt beeinflussen lassen, um Entzündungsreaktionen differenzierter zu steuern“, erläutert Sandra Rother. Die Erkenntnisse könnten wichtige Grundlagen zum Beispiel für die Entwicklung neuer Therapien gegen entzündliche Krankheiten legen.

Auf einen Blick:
Das Projekt „Erforschung und gezielte Nutzung der ‚Moonlighting‘-Funktionen von Interleukin-1 alpha (IL-1α) zur Aktivitätsregulation“ beginnt im Herbst 2026. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt den Verbund über drei Jahre 

mit rund ‪500.000‬ Euro

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Jun.-Prof. Dr. Sandra Rother
Tel.: (06841) 1616208
E-Mail: sandra.rother@uks.eu

Neue Definition von Adipositas

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Eine internationale Forschungsgruppe hat untersucht, wie viele Menschen von präklinischer und klinischer Adipositas betroffen sind und welche Gesundheitsrisiken damit verbunden sind. Das Team unter der Leitung von Prof. Matthias Schulze vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) fand heraus, dass nahezu alle Menschen mit Adipositas, also einem Body Mass Index (BMI) von mindestens 30 kg/m², weitere messbare Anzeichen erhöhter Körperfettmasse aufweisen und rund 80 Prozent der Betroffenen bereits gesundheitliche Folgeprobleme haben. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Nature Communications veröffentlicht.


Neue Definition von Adipositas

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Adipositas (Fettleibigkeit) seit langem als Krankheit ein. Trotzdem ist umstritten, ob Adipositas wirklich eine eigenständige Krankheit ist oder eher ein Risikofaktor für andere Erkrankungen.

Im Frühjahr 2025 hat eine internationale Kommission von Lancet Diabetes & Endocrinology vorgeschlagen, Adipositas in zwei Kategorien einzuteilen: präklinische und klinische Adipositas. Nach diesem Konzept sollte Adipositas neben dem BMI von mindestens einem weiteren anthropometrischen Kriterium, wie z. B. einem erhöhten Taillenumfang oder Körperfettgehalt, bestätigt werden. Personen mit diagnostizierter Adipositas, die darüber hinaus Adipositas-assoziierte Auffälligkeiten wie Bluthochdruck oder Störungen des Zucker- und Fettstoffwechsels haben, sollten demnach als klinisch adipös eingestuft werden – adipöse Personen ohne diese Auffälligkeiten als präklinisch. Die Kommission schlägt vor, klinische Adipositas als eine eigenständige Erkrankung mit entsprechenden Behandlungsindikationen zu klassifizieren.

Auswertung großer Bevölkerungs- und Interventionsstudien

Vor diesem Hintergrund haben Wissenschaftler*innen des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) vom DIfE und vom Universitätsklinikum Tübingen untersucht, wie häufig präklinische und klinische Adipositas in der Bevölkerung auftreten, ob die Betroffenen ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben und ob eine Lebensstilintervention die Prävalenz von klinischer Adipositas senken kann. Dafür werteten die Forschenden die Daten aus drei großen Studien aus: NHANES (National Health and Nutrition Examination Survey; repräsentativ für die US-Bevölkerung), EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition)-Potsdam und TULIP (Tübinger Lebensstilinterventionsprogramm).

Unterschiede im Risiko: Präklinische versus klinische Adipositas

Dabei zeigte sich, dass 100 Prozent der Personen mit einem BMI gleich oder größer 30 kg/m² durch mindestens ein weiteres anthropometrisches Kriterium als adipös eingestuft werden konnten. Darüber hinaus erfüllten davon rund 80 Prozent die Kriterien einer klinischen Adipositas.

Personen mit klinischer Adipositas hatten ein rund 3-fach erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ein etwa 8-fach erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes im Vergleich zu Personen, die keine Adipositas haben und die klinischen Kriterien nicht erfüllen. Im Gegensatz dazu hatten Personen mit präklinischer Adipositas kein erhöhtes Herz-Kreislauf-Erkrankungsrisiko, aber trotzdem ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes.

Eine neunmonatige Lebensstilintervention in der TULIP-Studie senkte die Häufigkeit klinischer Adipositas von 71 auf 57 Prozent und verringerte die Häufigkeit von Prädiabetes von 52 auf 29 Prozent. Die Wissenschaftler*innen stellten fest, dass sich vor allem der Blutdruck, die Triglyzeridwerte und die Blutzuckerregulation durch die Intervention verbesserten. „Das ist eine wichtige Voraussetzung für mögliche Präventionsstrategien in diesem Zusammenhang“, erklärt Prof. Norbert Stefan vom Universitätsklinikum Tübingen. Wie gut Menschen auf ein Lebensstilprogramm ansprechen, scheint dabei u. a. vom Alter und Leberfettgehalt abzuhängen.

Zusätzliche diagnostische Schritte sind zum Teil nicht notwendig

„Unsere Ergebnisse liefern eine solide Datengrundlage, um diese neu vorgeschlagene Definition bewerten zu können“, sagt Erstautorin Dr. Catarina Schiborn vom DIfE. „Wir konnten zeigen, dass eine zusätzliche Bestätigung der Adipositas durch weitere anthropometrische Maße wie Taillenumfang oder Körperfettgehalt, wie von der Kommission als erster Diagnoseschritt vorgeschlagen, in der Praxis nicht notwendig zu sein scheint, da sie von nahezu allen Teilnehmenden mit BMI-basiertem Adipositasstatus erfüllt wurden. Hier ist ein Nachschärfen dieser zusätzlichen Kriterien notwendig.“

Außerdem würden nur weniger als 20 Prozent der Menschen mit bestätigter Adipositas als präklinisch gelten. Die meisten Personen mit Adipositas haben bereits messbare gesundheitliche Einschränkungen und werden deshalb in die Kategorie der klinischen Adipositas eingeordnet. „Wir haben darüber hinaus gesehen, dass viele klinische Kriterien stark überlappen“, ergänzt Prof. Matthias Schulze, Leiter der Abteilung Molekulare Epidemiologie am DIfE. „Das wirft die Frage auf, ob eine so umfangreiche Diagnostik zur Einteilung in präklinische und klinische Adipositas tatsächlich notwendig ist.“

In weiteren Untersuchungen wollen die Forschenden die neuen Kriterien mit bereits etablierten Konzepten wie „metabolisch gesunder“ versus „metabolisch ungesunder“ Adipositas vergleichen.

Hintergrundinformationen

Adipositas wurde erstmals 1948 von der WHO als Krankheit anerkannt und in jüngerer Zeit auch von mehreren medizinischen Gesellschaften und Ländern. Die aktuelle Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD) der WHO stuft Adipositas als „chronische komplexe Krankheit“ ein und weist ihr einen spezifischen Code (5B81) zu. Trotzdem ist umstritten, ob Adipositas wirklich eine eigenständige Krankheit ist oder eher ein Risikofaktor für andere Krankheiten.

Befürworter sagen:

Wenn Adipositas offiziell als Krankheit anerkannt wird, hätten Betroffene besseren Zugang zu medizinischer Hilfe. Außerdem könnte dies helfen, Vorurteile und Stigmatisierung abzubauen.

Kritiker warnen:

Wenn Adipositas pauschal als Krankheit gilt, könnte die Eigenverantwortung vernachlässigt werden. Außerdem sind nicht alle Menschen mit Übergewicht krank. Der gängige Messwert (BMI) sagt wenig über den tatsächlichen Gesundheitszustand aus. Eine solche Einordnung könnte zu Überdiagnosen führen – mit unnötigen Medikamenten, Operationen und hohen Kosten.

Das Kernproblem ist:

Es ist bisher nicht klar definiert, welche konkrete Krankheit Adipositas selbst verursacht. Meist wird sie nur als Auslöser für andere Krankheiten (z. B. Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen) betrachtet, nicht als Krankheit mit eigenen Symptomen. Dadurch fehlt ihr eine klare medizinische Identität.

Zudem kann Übergewicht sehr unterschiedliche Ursachen und Bedeutungen haben und manchmal sogar ein Symptom anderer Krankheiten sein. Deshalb ist die aktuelle Definition von Adipositas für medizinische Entscheidungen oft ungenau.

Gleichzeitig führt diese Unklarheit dazu, dass viele Betroffene keine Behandlung bekommen, weil sie „noch keine Folgekrankheit“ haben – obwohl ihr Körper bereits durch das Übergewicht beeinträchtigt ist.

Die von der Lancet-Expertenkommission vorgeschlagenen neuen Diagnosekriterien sollen Adipositas besser im medizinischen Alltag erfassen – nicht nur über das Körpergewicht, sondern über konkrete gesundheitliche Einschränkungen in Bereichen wie Atmung, Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-System, Organsystemen (z. B. Leber, Niere) oder Bewegungsapparat. Hat Übergewicht bereits messbare Schäden an Organen und Geweben verursacht, nennt die Kommission diese Form „klinische Adipositas“. Ohne solche Einschränkungen ist Adipositas „präklinisch“.

Ein solches neues Verständnis könnte:
• gerechtere medizinische Versorgung ermöglichen
• bessere politische Entscheidungen unterstützen
• und den gesellschaftlichen Umgang mit Adipositas verbessern.

Weitere Informationen:
Rubino, F. et al.: Definition and diagnostic criteria of clinical obesity. Lancet Diabetes Endocrinol. 13(3), 221-262 (2025). [Open Access]
https://doi.org/10.1016/S2213-8587(24)00316-4

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Prof. Dr. Matthias Schulze
Leiter der Abteilung Molekulare Epidemiologie am DIfE
Tel.: ‪+49 33 200 88 - 2434‬
E-Mail: mschulze@dife.de

Dr. Catarina Schiborn
Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Molekulare Epidemiologie am DIfE
Tel.: ‪+49 33 200 88‬ – 2526
E-Mail: catarina.schiborn@dife.de

Prof. Dr. Norbert Stefan
Professur für Klinische und Experimentelle Diabetologie am Universitätsklinikum Tübingen
Tel.: ‪+49 7071 2980390‬
E-Mail: norbert.stefan@med.uni-tuebingen.de

Originalpublikation:
Schiborn, C., Hu, F., Stefan, N., Schulze, M.: Preclinical and clinical obesity: prevalence, associations to cardiometabolic risk and response to lifestyle intervention in NHANES and the EPIC-Potsdam and TULIP studies. Nature Commun. 17, 1935 (2026). [Open Access]
https://doi.org/10.1038/s41467-026-69738-w

Weiterführende Publikationen

Schulze, M. B., Stefan, N.: Metabolically healthy obesity: from epidemiology and mechanisms to clinical implications. Nat. Rev. Endocrinol. 20, 633–646 (2024). [Open Access]
https://doi.org/10.1038/s41574-024-01008-5

Stefan, N., Schulze, M. B.: Metabolic health and cardiometabolic risk clusters: implications for prediction, prevention, and treatment. Lancet Diabetes Endocrinol. 11(6), 426-440 (2023).
https://doi.org/10.1016/S2213-8587(23)00086-4

Zembic, A., Eckel, N., Stefan, N., Baudry, J., Schulze, M. B.: An Empirically Derived Definition of Metabolically Healthy Obesity Based on Risk of Cardiovascular and Total Mortality. JAMA Netw. Open 4(5), e218505 (2021). [Open Access]
https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2021.8505