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Multiresistente Tuberkulose

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Eine neue nationale Kohortenstudie aus Lettland in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der klinischen Tuberkulose-Infrastruktur (ClinTB) am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) am Forschungszentrum Borstel, Leibniz Lungenzentrum (FZB), liefert wichtige Erkenntnisse zur Behandlung multiresistenter Tuberkulose (MDR-TB). Die Untersuchung zeigt, dass langfristige krankheitsfreie Überlebensraten deutlich höher sind, als bisherige Standardkennzahlen vermuten lassen.

Eine neue nationale Kohortenstudie aus Lettland in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der klinischen Tuberkulose-Infrastruktur (ClinTB) am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) am Forschungszentrum Borstel, Leibniz Lungenzentrum (FZB), liefert wichtige Erkenntnisse zur Behandlung multiresistenter Tuberkulose (MDR-TB). Die Untersuchung zeigt, dass langfristige krankheitsfreie Überlebensraten deutlich höher sind, als bisherige Standardkennzahlen vermuten lassen. Die Ergebnisse, die in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet Regional Health Europe publiziert wurden, basieren auf der Analyse von Daten von 1.299 erwachsenen Patientinnen und Patienten, die zwischen 2005 und 2021 behandelt wurden.

Multiresistente Tuberkulose stellt weltweit eine erhebliche Herausforderung für Gesundheitssysteme dar. Während die Wirksamkeit der Therapie traditionell anhand von Behandlungsergebnissen zum Zeitpunkt des Therapieendes bewertet wird, zeigt die neue Studie, dass diese Kriterien den tatsächlichen langfristigen Behandlungserfolg unterschätzen. Nach den WHO-Standarddefinitionen galten lediglich 4,8 % der Patientinnen und Patienten in Lettland als geheilt. Bei langfristiger Nachbeobachtung waren jedoch 76,9 % der Betroffenen dauerhaft rezidivfrei.

Die Forschenden verknüpften klinische Daten mit nationalen Registerinformationen zur Langzeitnachverfolgung und konnten so erstmals in einem ehemaligen europäischen Hochinzidenzland der MDR-TB langfristige Behandlungsergebnisse systematisch auswerten. Besonders entscheidend für den Therapieerfolg war der Einsatz von mindestens drei wirksamen Medikamenten im individuellen Behandlungsregime.

Darüber hinaus zeigte die Analyse, dass sehr kurze Therapiedauern von unter neun Monaten unter damals verfügbaren Therapieoptionen mit einem erhöhten Risiko für Rückfälle oder Todesfälle verbunden waren. Therapiezeiträume zwischen zehn und siebzehn Monaten erzielten hingegen vergleichbare Ergebnisse wie längere Behandlungen. Nach Beendigung des Beobachtungszeitraums wurden die Therapien der MDR-TB effektiver. Heute hat sich die Behandlungsdauer für die MDR-TB den 6 Monaten der Antibiotika-empfindlichen Tuberkulose angepasst.

„Die Studie unterstreicht die Bedeutung langfristiger Nachbeobachtung bei MDR-TB und legt nahe, dass Programme zur Tuberkulosekontrolle ihre Erfolgsmessung erweitern sollten. Die Einbeziehung rezidivfreier Überlebensraten ermöglicht eine realistischere Bewertung der Versorgungsqualität und des tatsächlichen Patientennutzens“, sagt Sophie Meier, Medizinische Doktorandin am FZB und an der Universität zu Lübeck bei DZIF-Wissenschaftler Professor Christoph Lange.

„Die Ergebnisse unterstützen auch die Rolle von Expertengremien, sog. Consilia, für die Wahl von Therapien und die Beurteilung des Behandlungserfolgs bei der MDR-TB. In Lettland waren die Entscheidungen des Consiliums den Ergebnissen der Anwendung von WHO-Definitionen für Behandlungsergebnisse der MDR-TB deutlich überlegen. Consilia sind auch ein Element eines wirksamen ‚Antimicrobial Stewardship‘ gegen die Entwicklung neuer Antibiotikaresistenzen“, sagt PD Dr. Thomas Brehm vom FZB und Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE), DZIF-Wissenschaftler und Seniorautor dieser Studie.

Die Ergebnisse dieser Arbeit liefern wichtige Impulse für zukünftige Behandlungsstrategien der MDR-TB und unterstützen den Einsatz individualisierter Therapiekonzepte mit ausreichend wirksamen Medikamenten. Nun sind prospektive Studien erforderlich, um diese Erkenntnisse im Kontext neuer verkürzter Therapieschemata mit modernen Wirkstoffen zu prüfen. Gegebenenfalls müssen die Definitionen der Behandlungsergebnisse der MDR-TB überarbeitet werden.


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Prof. Dr. Dr. h.c. Christoph Lange
Forschungszentrum Borstel, Leibniz Lungenzentrum
clange@fz-borstel.de

Originalpublikation:
Sophie Charlotte Meier, Liga Kukša, Santa Ķauķe, Vija Riekstina, Evita Biraua, Nityanand Jain, Christoph Lange, Thomas Theo Brehm,
Treatment outcomes and long-term relapse-free survival after multidrug-resistant tuberculosis treatment in Latvia: a retrospective national cohort study,
The Lancet Regional Health - Europe,
Volume 65,
2026,
101676,
ISSN 2666-7762,
https://doi.org/10.1016/j.lanepe.2026.101676.

Organspende nach dem sogenannten irreversiblen Hirnfunktionsausfall

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Dezeit ist die Organspende nach dem sogenannten irreversiblen Hirnfunktionsausfall die einzige rechtlich zulässige Form der Spende. 

Die Einführung der Organspende auch nach Herz-Kreislaufstillstand könnte Wartezeiten verkürzen und Transplantationszahlen steigern. Das zeigen Simulationen auf Basis europäischer Daten.

In Deutschland besteht seit Jahren ein erheblicher Mangel an Spenderorganen. Verstorbene dürfen in Deutschland dann Organe spenden, wenn dies ihrem zuvor geäußerten oder mutmaßlichen Wunsch entspricht und der Tod irreversibel eingetreten ist. Derzeit ist die Organspende nach dem sogenannten irreversiblen Hirnfunktionsausfall (IHA, umgangssprachlich Hirntod) die einzige rechtlich zulässige Form der Spende von Verstorbenen. In vielen anderen Ländern ist zusätzlich die kontrollierte Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand (HKS; engl. controlled donation after circulatory death, cDCD) geregelt und etabliert. Hierbei tritt der Tod nicht zuerst durch den Ausfall der Hirnfunktionen ein, sondern nach der durch die Patientinnen bzw. Patienten gewünschten Therapieeinstellung auf der Intensivstation. Die Therapieeinstellung (Beendigung der künstlichen Beatmung, Beendigung der künstlichen Kreislaufunterstützung) kann beispielsweise gewünscht sein, weil die Therapieaussichten sehr schlecht sind und kein weiteres Leiden gewünscht ist. Dies führt zum Ausfall des Herz-Kreislaufsystems und nach einer gewissen Wartezeit nach Eintritt des Todes ist die Organspende möglich.
Eine aktuelle Studie der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) in Zusammenarbeit mit der Eurotransplant International Foundation (Leiden, Niederlande) hat untersucht, welches Potenzial eine Indikationserweiterung auf die kontrollierte Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand für Deutschland hätte. Grundlage waren retrospektive Daten aus neun europäischen Ländern sowie simulationsgestützte Modelle zur Entwicklung von Transplantationszahlen und Wartelisten.
Die jetzt im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass die Einführung der HKS-Spende die Zahl verfügbarer Spenderorgane in Deutschland deutlich erhöhen könnte. Der Effekt hängt jedoch stark von organisatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen ab. Besonders ausgeprägt war dieser Effekt in Modellen, die sich an Ländern wie Spanien oder der Schweiz orientieren. Zwei Beispiele aus den Modellrechnungen für das Jahr 2023: Unter Annahmen wie in der Schweiz wären demnach etwa 35 Prozent mehr Leber- und 60 Prozent mehr Nierentransplantationen möglich gewesen. In einem Szenario wie in Tschechien ergäbe sich ein Plus von rund 10 Prozent bei Lebertransplantationen und rund 30 Prozent bei Nierentransplantationen.
„Wir haben diese Studie vor dem Hintergrund des anhaltenden Organmangels durchgeführt, da Deutschland im Gegensatz zu den meisten seiner Nachbarländer durch den Verzicht auf die HKS-Spende einen Sonderweg geht“, erklärt Dr. Friedrich von Samson-Himmelstjerna, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Medizinischen Fakultät der CAU. Er ist gemeinsam mit dem Eurotransplant-Wissenschaftler Hans de Ferrante, PhD, Erstautor der Studie. Bisherige Diskussionen konzentrierten sich meist auf andere Lösungsansätze, um den Organmangel abzumildern. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die kontrollierte Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand ein relevantes zusätzliches Potenzial bietet. Ihr sollte ein größerer Stellenwert in der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung eingeräumt werden“, sagt der Arzt und Wissenschaftler.

Daten für die öffentliche Debatte zur Organspende

Erwin de Buijzer, Medical Director, Eurotransplant, stellt fest: „Ob und wie DCD in Deutschland geregelt werden könnte, ist eine gesellschaftliche und politische Frage, die Eurotransplant nicht beantworten kann – und die Studie nimmt diese Entscheidung nicht vorweg. Sie bietet aber eine datenbasierte Grundlage für eine sachliche Debatte und hilft, mögliche Auswirkungen besser zu verstehen. Maßstab bleiben Transparenz, Qualität und Patientensicherheit.“
Denn die Analysen zeigen auch, dass die Wirkung stark von den jeweiligen Rahmenbedingungen abhängt. In einigen Szenarien, etwa nach österreichischem Vorbild, ergaben sich kaum Verbesserungen. Dies deutet darauf hin, dass die bloße Einführung der HKS-Spende nicht ausreicht. Darüber hinaus spielen strukturelle Faktoren eine entscheidende Rolle. Internationale Beispiele zeigen, dass steigende Organspendezahlen meist mit umfassenden Maßnahmen einhergehen, etwa verbesserter Spendererkennung in Kliniken, standardisierten Abläufen, gezielter Schulung von Fachpersonal sowie Öffentlichkeitsarbeit zur Steigerung der Akzeptanz.
Die Studie zielt darauf, die öffentliche Debatte zu erweitern. Aktuell wird vor allem die Einführung der Widerspruchslösung diskutiert. Diese sieht vor, dass jeder Mensch grundsätzlich als Organspender gilt, sofern nicht zu Lebzeiten explizit widersprochen worden ist. „Wir wollen alternative, wirksame Systemoptionen sichtbar machen. Viele wissen nicht, dass Organspende in Deutschland an eine bestimmte Todesfeststellung gebunden ist – und dass dadurch Spenden nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand derzeit ausgeschlossen sind. Ob und wie man dafür rechtliche Voraussetzungen schafft, sollte offen und sachlich diskutiert werden“, betont von Samson-Himmelstjerna.

Hintergrund

Hierzulande darf eine Organentnahme nach dem Tod derzeit nur erfolgen, wenn Ärztinnen und Ärzte den Tod als irreversiblen Ausfall der gesamten Hirnfunktionen festgestellt haben. Die Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand ist in vielen europäischen Ländern und auch beispielsweise in Japan, den Vereinigten Staaten von Amerika und Australien etabliert und wird dort unter unterschiedlichen Protokollen durchgeführt. Dabei wird der Tod anhand des dauerhaften Ausfalls der Kreislauffunktion festgestellt. Nach einer definierten Beobachtungszeit ohne Wiederbelebung kann die Organentnahme erfolgen. Diese Todeskonstellation ist nach der derzeitigen Rechtslage in Deutschland keine Grundlage für eine Organspende.

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Dr. Friedrich A. von Samson-Himmelstjerna
Medizinische Fakultät, CAU
Friedrich.vonSamson-Himmelstjerna@email.uni-kiel.de

Originalpublikation:
DOI: 10.3238/arztebl.m2026.0004
Weitere Informationen finden Sie unter
<http://www.uni-kiel.de/de/detailansicht/news/058-organspende-studie>

Einfluss- und Schutzfaktoren im Zusammenhang mit kindlicher Angst


Wie entsteht Angst – und was kann davor schützen? Teilnehmende für eine Eltern-Kind-Studie gesucht

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Kinder zwischen 8 und 12 Jahren gemeinsam mit einem Elternteil für eine psychologische Studie gesucht.

Angst ist eine normale und wichtige Schutzreaktion, besonders im Kindesalter. Wenn sie allerdings sehr stark wird und den Alltag beeinträchtigt, spricht man von einer Störung.

Psycholog*innen der Universität Mannheim erforschen Einfluss- und Schutzfaktoren im Zusammenhang mit kindlicher Angst. Teilnehmen können Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren gemeinsam mit einem Elternteil. Die Studie ist kindgerecht und spielerisch gestaltet und wurde von der Ethikkommission der Universität Mannheim begutachtet und als unbedenklich bewertet. Die Erhebung findet bis Juni 2026 am Lehrstuhl für Klinische und Biologische Psychologie und Psychotherapie statt.

Alle Teilnehmenden erhalten die Möglichkeit, spannende Forschung hautnah zu erleben und unterstützen damit die Arbeit zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Ängsten bei Kindern. Die Teilnahme dauert etwa 60 bis 90 Minuten. Als Dankeschön erhalten die Kinder am Ende eine Urkunde und eine kleine Überraschung. Die Aufwandsentschädigung beträgt 20 Euro.

Anmeldungen sind per Mail an klips-studienteilnahme@psychologie.uni-mannheim.de oder per Telefon unter der Nummer ‪0152 58593627‬ möglich.

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Prof. Dr. Antje Gerdes
Akademische Rätin
Lehr¬stuhl für Klinische und Biologische Psychologie und Psychotherapie
Universität Mannheim
E-Mail: gerdes@uni-mannheim.de


Service- und Reinigungskräfte – für eine Angleichung ihrer Arbeitsbedingungen und Löhne an den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVöD

Vivantes-Geschäftsführung scheitert mit Ultimatum – Tarifkommission lehnt Angebot einstimmig ab

Zweiter Tag des Erzwingungsstreiks: Beschäftigte der Vivantes-Töchter demonstrieren vor CDU-Landeszentrale

Die Tarifverhandlungen zwischen ver.di und Vivantes zur Beendigung der Ungleichbehandlung zwischen den Beschäftigten des Mutterkonzerns und denen der Vivantes-Töchter sind auch heute ohne Ergebnis geblieben. Die Vivantes-Geschäftsführung hat ihr bestehendes Angebot lediglich um die von der Bundesregierung anlässlich der gestiegenen Energiekosten angekündigte „Entlastungsprämie“ in Höhe von 1.000 Euro ergänzt – verbunden jedoch mit dem Ultimatum, das gesamte Angebot Ende April vom Tisch zu nehmen, sollte bis dahin keine Einigung erzielt werden. Die Tarifkommission lehnte das Angebot einstimmig ab. Die zeitgleich stattfindende Streikversammlung bestätigte diese Entscheidung.

Inhaltlich begründete die Geschäftsführung das Ultimatum mit den aktuell diskutierten Sparvorschlägen von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken – ohne diese Argumentation jedoch substanziell zu untermauern. Eine konstruktive Verhandlung wird nicht durch Basta-Politik erreicht. ver.di ist weiter bereit über ein Ende der Ungerechtigkeit zügig zu verhandeln.

Ben Brusniak, Verhandlungsführer von ver.di, kritisiert dieses Vorgehen scharf: „Sich in Verhandlungen auf noch nicht spruchreife Entwicklungen im Gesundheitssystem zu berufen, während man gleichzeitig verbindliche Grundlagen wie den Berliner Koalitionsvertrag – der die Rückführung der Töchter ausdrücklich vorsieht – außer Acht lässt, ist Rosinenpickerei. Die Kolleginnen und Kollegen streiken, weil das vorliegende Angebot die bestehende Ungerechtigkeit nicht beseitigt. Daran ändert auch eine Entlastungsprämie nichts, die ursprünglich für finanzielle Entlastung oberhalb der Tarifabschlüsse konzipiert wurde."

Kamila Weiß, Reinigungskraft bei Viva Clean, bringt auf den Punkt, wie das Ultimatum bei den Streikenden ankommt: „Wenn mir gesagt wird, dass das bisherige Angebot plus 1.000 Euro nur noch bis Ende des Monats gilt – dann fühlt sich das für mich und meine Kolleginnen und Kollegen wie Erpressung an."

Jana Seppelt, ver.di-Verhandlungsführerin, weist die Strategie der Geschäftsführung entschieden zurück: „Die aktuelle Debatte um Sparmaßnahmen im Gesundheitssystem zu nutzen, um den Druck auf die Beschäftigten zu erhöhen, zeigt einmal mehr, dass die Geschäftsführung nicht begriffen hat, in welcher wirtschaftlichen Lage sich viele Töchterbeschäftigte nach Jahrzehnten des Lohndumpings befinden. Was hier angedroht wird, ist die Abwälzung der Missstände im Gesundheitssystem auf genau jene, die ohnehin am schlechtesten verdienen."

Heute ist der zweite Tag des Erzwingungsstreiks mit starker Beteiligung.

Im Rahmen des Streiks zogen die Beschäftigten heute zur CDU-Zentrale, um den Regierenden Bürgermeister an sein Versprechen zu erinnern, die notwendigen Mittel für die Rückführung der Töchter in den TVöD bereitzustellen.

Am 23.4.2026 werden die Verhandlungen fortgesetzt.

Hintergrund: Vivantes ist das größte kommunale Krankenhausunternehmen Berlins. Seit Jahren kämpfen die Beschäftigten der ausgegliederten Tochterfirmen – darunter Service- und Reinigungskräfte – für eine Angleichung ihrer Arbeitsbedingungen und Löhne an den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVöD). 
Der Berliner Koalitionsvertrag sieht die Rückführung der Töchter und die Angleichung an den TVöD ausdrücklich vor.

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Jana Seppelt, jana.seppelt@verdi.de, 0151 / ‪15 94 88 42‬

Ben Brusniak, ben.brusniak@verdi.de, 0151 / ‪18 22 54 81

Muskelentzündungen

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Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) hat ein Mausmodell entwickelt, das neue Einblicke in die Entstehung einer seltenen, aber schwerwiegenden Muskelerkrankung bietet. Die Forschenden konnten zeigen, dass die anhaltende Entzündung bei der sogenannten Einschlusskörpermyositis mit einer gestörten zellulären „Müllabfuhr“ in Verbindung steht – ein wichtiger Anhaltspunkt für neue Behandlungsstrategien. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „Brain“ veröffentlicht.

Die Einschlusskörpermyositis ist eine seltene, chronisch fortschreitende Muskelerkrankung, die vor allem Menschen über 45 Jahre betrifft und zu Muskelschwäche und -abbau führt. Eiweiße, auch Proteine genannt, lagern sich dabei in den Muskelfasern ab und verursachen Veränderungen in den Mitochondrien – den "Kraftwerken der Zellen“. Diese produzieren die Energie, um beispielsweise Bewegungen durchführen zu können. Häufig betroffen sind bei dieser Erkrankung die Oberschenkelmuskeln und die Fingerbeuger, was alltägliche Bewegungen wie Gehen oder Greifen zunehmend erschwert. Das Besondere an dieser Krankheit: Sie spricht kaum auf die üblichen entzündungshemmenden Medikamente an, die bei anderen Muskelentzündungen erfolgreich eingesetzt werden.

In einer internationalen Zusammenarbeit unter Beteiligung der Klinik für Neurologie und dem Institut für Neuroimmunologie und Multiple-Sklerose-Forschung der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) haben Wissenschaftler*innen ein Mausmodell zur Untersuchung der Einschlusskörpermyositis entwickelt. Das Tiermodell ermöglicht neue Einblicke in die Entstehung dieser seltenen, aber schwerwiegenden Muskelerkrankung, deren Ursachen bisher nicht vollständig geklärt sind. Die Forschenden konnten gemeinsam mit Kolleg*innen aus Heidelberg, Aachen, Freiburg, München und der Schweiz zeigen, dass die chronische Entzündung mit einer gestörten „Müllabfuhr“ in den Körperzellen zusammenhängt. Beide Vorgänge – die Entzündung und die gestörte „Müllabfuhr“ – verstärken sich dabei gegenseitig und treiben die Krankheit gemeinsam an.

Neue Wege für wirksame Behandlungsstrategien

„Dies könnte erklären, warum klassische entzündungshemmende Therapien scheitern und neue Wege für die Entwicklung wirksamer Behandlungsstrategien eröffnen“, sagt Ko-Autorin der Studie Priv.-Doz. Dr. Jana Zschüntzsch, Oberärztin in der Klinik für Neurologie der UMG. „Unser Mausmodell ahmt zum ersten Mal alle wichtigen Merkmale der menschlichen Einschlusskörpermyositis nach. Das ist ein enormer Fortschritt, denn bisher fehlte uns ein geeignetes Tiermodell, um neue Therapien zu testen.“ Prof. Dr. Jens Schmidt, Letztautor und Facharzt in der Klinik für Neurologie der UMG, ergänzt: „Damit Zellen funktionieren, sorgt ein Reinigungssystem dafür, dass defekte Proteine und andere Zellabfälle ordnungsgemäß entsorgt werden. Bei unserem Mausmodell ist dieses System gestört, während gleichzeitig eine chronische Entzündung anhält – als würde man in einem unaufgeräumten Haushalt ständig Staub aufwirbeln.“

Die Studie ist in der Fachzeitschrift „Brain“ veröffentlicht:

Originalpublikation:
Bremer et al. Mutual reinforcement of lymphotoxin-driven myositis and impaired autophagy in murine muscle. Brain (2025). DOI: https://doi.org/10.1093/brain/awaf260

Mausmodell ermöglicht Ursachenforschung

Die Forschenden entwickelten Mäuse, die genetisch so verändert wurden, dass sowohl die entzündlichen Prozesse als auch die gestörte Zellreinigung der menschlichen Erkrankung nachgeahmt werden. Diese Mäuse zeigten ähnliche Symptome wie Patient*innen, die an einer Einschlusskörpermyositis litten.

Ein besonders wichtiger Befund der Studie: Die Forschenden konnten zeigen, warum die üblichen entzündungshemmenden Medikamente bei der Einschlusskörpermyositis nicht wirken. Selbst wenn sie die Entzündung erfolgreich unterdrückten, blieben die Muskelschwäche und die charakteristischen Zellveränderungen bestehen. Dies spiegelt die Erfahrungen aus der Klinik wider, wo Kortison und andere Immunsystem unterdrückende Medikamente bei den Patient*innen meist nur enttäuschende Ergebnisse zeigen.

In den kommenden Jahren werden die Wissenschaftler*innen verschiedene innovative Therapieansätze testen.

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Priv.-Doz. Dr. Jana Zschüntzsch, Klinik für Neurologie, Telefon 0551 / 39-62520, j.zschuentzsch@med.uni-goettingen.de

Originalpublikation:
Bremer et al. Mutual reinforcement of lymphotoxin-driven myositis and impaired autophagy in murine muscle. Brain (2025). DOI: https://doi.org/10.1093/brain/awaf260

Der Mann und seine Gefühle

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Was geschieht, wenn Männer das Gefühl haben, nicht ausreichend männlich zu sein? Eine neue sozialpsychologische Studie zeigt: Viele Männer erleben Männlichkeit als unsicheren Status, der immer wieder bestätigt werden muss. Dieser Druck ist kein Randphänomen, sondern beeinflusst messbar und verlässlich Gefühle, Selbstbild, Einstellungen und Verhalten von Männern. Mit spürbaren Folgen: für Männer selbst, ihr Umfeld und die Gesellschaft insgesamt, etwa durch das Wählen autoritärer, rechter Parteien.

In einer umfangreichen, in der Fachzeitschrift „Personality and Social Psychology Review“ erschienenen Meta-Analyse hat ein Forschungsteam um Lea Lorenz von der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU) und Sven Kachel von der Universität Kassel untersucht, wie Männer auf Situationen reagieren, in denen ihre Männlichkeit in Frage gestellt wird. Dafür hat das Team 123 Experimente, überwiegend aus westlichen Ländern, mit 19.448 Männern systematisch geordnet und ausgewertet. Für ihre Analyse haben die Forschenden unterschieden zwischen Auslösern, inneren Reaktionen wie Gefühle, kompensatorischen Reaktionen wie stark männliches Verhalten und Merkmalen der Situation, die die Wirkung beeinflussen. Dadurch konnten sie berechnen, wie stark der Effekt im Durchschnitt ist und welche Bedingungen ihn verstärken.

Über alle ausgewerteten Studien hinweg zeigt sich ein klarer, zuverlässiger Effekt: Wenn Männer an ihrer Männlichkeit zweifeln, verändert dies messbar ihre Gefühle, ihr Selbstbild, ihr Verhalten und ihre Einstellungen. Der Effekt ist nicht extrem groß, aber stabil und unter vielen Bedingungen nachweisbar. „Überraschend stark sind die Effekte, wenn Männer selbst zu dem Schluss kommen, nicht dem männlichen Ideal zu entsprechen – stärker als bei bloßer Rückmeldung von außen“, erklärt Sven Kachel. „Auch wenn andere dabei sind, steigt der Druck, sich männlich zu präsentieren“. In der Forschung wurde bisher nicht systematisch unterschieden, ob Männer selbst zu diesem Schluss kommen oder ob er ihnen von außen vermittelt wird, so das Forschungsteam.

Die Ergebnisse der Analyse stützen zwei zentrale Ansätze der Sozialpsychologie: die Theorie der prekären Männlichkeit, nach der Männlichkeit leicht verloren gehen kann und immer wieder bestätigt werden muss, sowie die Theorie sozialer Identität, nach der Menschen stark darauf achten, wie ihre Gruppenmitgliedschaft bewertet wird.

Von Risikobereitschaft bis Aggression

Haben Männer das Gefühl, dem männlichen Ideal nicht zu entsprechen, setzt sie das spürbar unter Druck. Bedrohungserfahrungen führen kurzfristig oft zu emotionaler Belastung wie Angst, Stress, Unbehagen oder Ärger, so die Studie. Nach außen reagieren diese Männer oft mit Einstellungen und Verhalten, die Männlichkeit betonen und die Bedrohung abschwächen sollen, wie Risikobereitschaft, Aggression, Abwertung anderer Gruppen oder stärkerer Zustimmung zu traditionellen, männlich dominierten Gesellschaftsstrukturen, etwa durch die Befürwortung von traditionellen Geschlechterrollen, durch sexuelle Belästigung von Frauen oder durch das Absprechen von Rechten für sexuelle Minderheiten. Langfristig schadet solches Verhalten aber oft den Männern selbst, so das Forschungsteam, etwa durch riskantes oder besonders hartes Auftreten.

Die ausgewerteten Studien zeigen außerdem körperliche Stressreaktionen. Dazu zählen beispielsweise eine erhöhte Ausschüttung des Stresshormons Cortisol oder aufgrund innerer Anspannung eine Veränderung der Herzratenvariabilität, wodurch sich der Körper nicht mehr so gut Belastungen anpassen kann.

Auslöser reichen von „untypischem Verhalten“ bis zu Rollenverlust

Bedroht in ihrer Männlichkeit fühlen sich Männer beispielsweise dann, so ein weiteres Ergebnis der Studie, wenn sie signalisiert bekommen, weniger durchsetzungsstark, dominant oder „männlich“ zu sein als andere. Auch wenn sie einer Frau unterstellt sind, die klar die Führung übernimmt, oder sie Aufgaben ausführen sollen, die als „unmännlich“ gelten, kann das entsprechend Reaktionen auslösen.

Bedrohung kann auch auf Gruppenebene entstehen – etwa, wenn gesellschaftliche Entwicklungen traditionelle Rollen infrage stellen. Das kann beispielsweise durch Äußerungen erfolgen, Männer seien im Laufe der Zeit „immer femininer“ geworden oder wenn behauptet wird, es gebe keine klaren Unterschiede mehr zwischen heterosexuellen und schwulen Männern.

Gesellschaftliche Folgen: von Diskriminierung bis politische Härte

„Unsere Studienergebnisse haben gesellschaftliche Relevanz“, betont Lea Lorenz. Männlichkeitsbedrohungen können nicht nur Männer selbst belasten, sondern auch negative Auswirkungen auf ihr Umfeld haben. Etwa dann, wenn dadurch aggressives, riskantes oder diskriminierendes Verhalten gefördert wird. Oder wenn sich deswegen das Wahlverhalten in Richtung harter, autoritärer Politik verschiebt.

„Wenn wir besser verstehen, wann solche Bedrohungen entstehen und was sie verstärkt oder abschwächt, kann das helfen, Konflikte, Diskriminierung und gesellschaftliche Spannungen zu reduzieren“, fasst Lea Lorenz zusammen.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau (Kerstin Theilmann
AG Sozialpsychologie

Lea Lorenz
+49 (0)6341 280-31213
lea.lorenz@rptu.de

Originalpublikation:
Lea L. Lorenz, Lorena Hüther, Melanie C. Steffens, Claudia Niedlich, Helena Wesnitzer, and Sven Kachel: Masculinity Threat in Heterosexual Men: A Comprehensive Meta-Analysis of Experimental Research with Recommendations for Future Theory Building and Research Practice. In: Personality and Social Psychology Review
Doi: 10.1177/‪10888683261433109‬
https://doi.org/10.1177/10888683261433109

Lange Arbeitszeiten

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Warum die Schweiz kein Vorbild ist: 

Die Schattenseiten langer Arbeitszeiten

Noch deutlich höhere Teilzeitquoten als in Deutschland, Stress, emotionale Erschöpfung durch Arbeitsdruck und Zeitnot mit Milliardenkosten für die Wirtschaft – die langen Arbeitszeiten in der Schweiz haben deutliche Negativ-Effekte und sind in der Eidgenossenschaft keineswegs unumstritten. Das zeigt eine neue Analyse des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.*

In vielen Diskussionen über die Erwerbsarbeitszeit in Deutschland wird auf die Schweiz verwiesen. Ein Vergleich zeige, dass es bei der Ausweitung der individuellen Erwerbsarbeitszeiten in Deutschland noch deutliche Spielräume gebe. Beispielsweise durch eine Ausweitung der wöchentlichen Arbeitszeit oder eine Aufhebung der täglichen Höchstarbeit, wie sie auch der Bundesregierung vorschwebt. Tatsächlich ist die betriebsübliche bzw. vertragliche Arbeitszeit bei einer Vollzeitstelle im Nachbarland mit 41,7 Stunden höher als in Deutschland oder anderen EU-Staaten. Doch der oberflächliche Zahlenvergleich greife zu kurz, betont Prof. Dr. Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des WSI: „Ein detaillierter Blick auf die Schweiz zeigt, dass der gesellschaftliche Preis für diese hohen Arbeitszeiten sehr hoch ist, denn sie wirken sich negativ auf die Gesundheit der Arbeitnehmenden und auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus.“

-Hoher Vollzeitstandard, gleichzeitig sehr hohe Teilzeitquote-

Auffällig ist, dass in der Eidgenossenschaft nicht nur die Stundenzahl bei Vollzeitbeschäftigung hoch ist, sondern auch die Quote der Teilzeitbeschäftigten. 2024 waren 58,4 Prozent der Frauen in der Schweiz in Teilzeit erwerbstätig und 21,1 Prozent der Männer. Damit liegt der Teilzeitanteil von Frauen sogar noch über dem in Deutschland (49 Prozent). Auch Männer (12 Prozent) arbeiten in Deutschland seltener mit reduzierter Stundenzahl.

Das Beispiel der Schweiz zeige: „Eine hohe Vollzeitnorm führt zu einem hohen Anteil von Teilzeitbeschäftigten“, analysieren Kohlrausch und ihre Ko-Autorin Noémie Zurlinden von der schweizer Gewerkschaft Unia. „Gerade für Frauen ist dies daher kein nachhaltiger Weg zu einer Ausweitung der Erwerbsbeteiligung.“ Hintergrund: Frauen tragen den deutlich größeren Anteil an unbezahlter Care-Arbeit, also etwa Kinderbetreuung, Haushaltsarbeit oder Pflege: Das gilt in der Schweiz wie in Deutschland und vielen anderen Ländern und führt dazu, dass Erwerbsarbeit oft nur in Teilzeit möglich ist. Durch die langen Vollzeit-Arbeitszeiten ist dieser Druck in der Schweiz besonders groß. Auch die Teilzeit ist vergleichsweise lang: Insgesamt arbeiten erwerbstätige Frauen in der Schweiz im Mittel rund 31 Wochenstunden im Erwerbsjob, in Deutschland sind es etwa 27 bis 28 Wochenstunden.

Daraus folgt, dass Frauen in der Schweiz, bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammengerechnet, mehr als Männer und auch mehr als Frauen in Deutschland arbeiten. Nach Daten des eidgenössischen Bundesamtes für Statistik sind es bei Frauen in der Schweiz insgesamt durchschnittlich 57,2 Stunden pro Woche, schweizer Männer kommen auf 54,3 Stunden. Die Gesamt-Wochenarbeitszeit in Deutschland beläuft sich bei Frauen auf 54 und bei Männern auf 53 Stunden. Auch wenn die Datengrundlagen – wie bei internationalen Arbeitszeitvergleichen sehr oft – nicht vollständig vergleichbar sind, „so ist dies doch ein deutlicher Hinweis auf die hohen Belastungen, die vor allem für Frauen mit hohen Erwerbsarbeitszeiten einhergehen“, schreiben Kohlrausch und Zurlinden.

-Lange und entgrenzte Arbeitszeiten mit Folgen für Gesundheit und Produktivität-

Lange Arbeitszeiten gehen zudem oft mit einer Entgrenzung und Fragmentierung von Arbeit einher, die besonders belastend sein kann. So zeigt die Europäische Erhebung über die Arbeitsbedingung (EWCTS 2024), dass entgrenzte Arbeitszeiten und die damit einhergehende Überlagerung von Arbeit und Privatleben sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland ein Problem sind – in der Schweiz aber noch deutlich ausgeprägter. Während schon in Deutschland 19 Prozent der Arbeitnehmer*innen mehrere Male pro Monat in der Freizeit arbeiten, um die Arbeitsanforderungen zu erfüllen, sind es in der Schweiz sogar 29 Prozent. Der Anteil der Beschäftigten, die im letzten Monat mindestens einmal weniger als elf Stunden Ruhezeit zwischen dem Ende eines und dem Beginn des nächsten Arbeitstages hatten, liegt in der Schweiz mit 25 Prozent acht Prozentpunkte über dem Anteil in Deutschland. In der Schweiz arbeiten 15 Prozent 48 oder mehr Stunden pro Woche. Das ist mehr als doppelt so häufig wie in Deutschland, wo bereits sieben Prozent der Befragten angeben, dass ihre Arbeitswochen 48 oder mehr Stunden betragen, obwohl die Höchstarbeitszeit bei 48 Stunden liegt.

Höchst problematische Werte, warnen Kohlrausch und Zurlinden. Untersuchungen zeigten, dass tägliche Arbeitszeiten von mehr als zehn Stunden und wöchentliche Arbeitszeiten von 48 Stunden und mehr zu gesundheitlichen Beschwerden, Burnout-Symptomen und Stresserleben führten. Zahlreiche Studien belegten darüber hinaus einen deutlichen Zusammenhang zwischen langen Arbeitszeiten und einem erhöhten Unfallrisiko. So steigt etwa das Verletzungsrisiko nach der neunten Arbeitsstunde exponentiell an. Auch „fragmentierte“ Arbeitszeiten, bei denen Arbeitnehmer*innen ihre Erwerbsarbeit unterbrechen und beispielsweise abends wieder aufnehmen, gehen nach Untersuchungen des WSI für Deutschland oft einher mit mehr Zeit- und Leistungsdruck, was die Gesundheit negativ beeinflussen kann.

Die Gesundheitsförderung Schweiz, eine von Kantonen und Versicherern getragene Stiftung führt einen Job-Stress-Index. Danach hat der Anteil von gestressten Erwerbstätigen im letzten Jahrzehnt zugenommen, so die Forscherinnen. Während 2014 noch 24,8 Prozent der Beschäftigten gestresst waren, waren es 2022 bereits 28,2 Prozent. Daten von Gesundheitsförderung Schweiz zeigen auch, dass in diesem Zeitraum der Anteil der Erwerbstätigen, die sich emotional erschöpft fühlten, von 24,0 Prozent auf 30,3 Prozent wuchs. Ebenfalls zugenommen hat die Zahl der Fälle von Langzeitarbeitsunfähigkeit unter schweizer Beschäftigten. Die Gesundheits-Stiftung berechnete für 2022, dass arbeitsbezogener Stress die schweizer Wirtschaft unter dem Strich rund 6,5 Milliarden Franken kostete – und das bezogen auf ein Achtel der Erwerbstätigenzahl Deutschlands.

Zudem kommen verschiedene Studien zu dem Ergebnis, dass die Arbeitsproduktivität bei langen Arbeitszeiten sinkt. Im Laufe langer Arbeitstage werden mehr Fehler gemacht, es braucht mehr Zeit, Tätigkeiten zu erledigen. Das gelte nicht nur bei überwiegend körperlicher Arbeit, sondern „auch für wissensnahe Tätigkeiten und Büroarbeit“, betonen die Expertinnen.

-Was wirklich hilft: Vereinbarkeit verbessern, Arbeitsfähigkeit Älterer erhalten-

Alles in allem zeige ein vertiefter Blick in die Schweiz, dass der Ansatz, die Arbeitszeiten forciert auszudehnen, in die falsche Richtung gehe, um Erwerbspotenziale, die es in Deutschland durchaus gibt, auszuschöpfen. So sei eine Erhöhung des Erwerbsvolumens von Frauen ein wichtiger Faktor. Das funktioniere allerdings nur mit einer Neuverteilung der Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen, wenn es nicht zu einer zusätzlichen Belastung von Frauen führen solle, analysieren Kohlrausch und Zurlinden. „Dafür muss es zeitliche Spielräume gerade für Männer geben, einen größeren Anteil der Sorgearbeit zu übernehmen. Eine hohe Vollzeitnorm hätte hier sicherlich eher den gegenteiligen Effekt.“ Ein Ausbau von institutioneller Kinderbetreuung und Pflege sei ebenfalls eine wichtige, wenngleich nicht hinreichende, Voraussetzung für eine Erhöhung der Erwerbstätigkeit von Frauen.

Anstatt die Erwerbsarbeitszeiten weiter auszudehnen, sollte der Reduktion von arbeitsverursachtem Stress eine höhere Bedeutung zukommen, so die WSI-Analyse. „Zur Verbesserung von Wohlbefinden und Gesundheit der Arbeitnehmenden, aber auch um die Produktivitätsverluste aufgrund von arbeitsbezogenem Stress und langen Arbeitszeiten zu reduzieren und den Beschäftigten zu ermöglichen, das gesetzlichen Rentenalter zu erreichen.“ Die Realität in Deutschland sieht jedoch häufig anders aus. In der Betriebs- und Personalrätebefragung des WSI gaben mehr als ein Sechstel der befragten Personal- und Betriebsräte an, dass sich der Betrieb beispielsweise „gar nicht“ darum bemühe, die Arbeitsbedingungen älterer Beschäftigter ihren Bedürfnissen entsprechend besser zu gestalten.

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Prof. Dr. Bettina Kohlrausch
Wissenschaftliche Direktorin WSI
Tel.: 0211-7778-186
E-Mail: Bettina-Kohlrausch@boeckler.de

Rainer Jung
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Originalpublikation:
*Bettina Kohlrausch, Noémie Zurlinden: Arbeitszeitflexibilisierung und lange Erwerbsarbeitszeiten: Warum die Schweiz kein Vorbild ist. WSI Kommentar Nr. 8, April 2026. Download: https://www.boeckler.de/de/faust-detail.htm?sync_id=HBS-009370

Vater und Kind Beziehungen

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Erste Ergebnisse einer neuen Studie zeigen: Wenn Väter sich Zeit nehmen, emotional zugewandt sind und mit ihren Kindern sprechen, verbessert das die Beziehung deutlich. Gerade in der Jugendphase sind die Papas für Jungen und Mädchen wichtig.

Väter spielen eine wichtige Rolle: Das Erziehungsverhalten in der Jugendphase ihrer Sprösslinge ist zentral für die Qualität der Vater-Kind-Beziehung, wie erste Ergebnisse einer aktuellen Studie zeigen. Forschende des Deutschen Jugendinstituts München weisen nach, wie bedeutsam zudem väterliche Familienorientierung insbesondere für jüngere Jugendliche ist. Laut den repräsentativen Daten kümmern sich Männer täglich rund 1,5 Stunden im Durchschnitt um ihre Kinder. Bedeutsam auch: Hatte das männliche Elternteil für sie als Kind ein offenes Ohr und suchte das Gespräch, berichten 82 Prozent der heute jungen Erwachsenen von einer „sehr guten“ Beziehungsqualität zu ihrem Papa. Die vorliegenden Daten sind Zwischenergebnisse der Studie „Vaterschaft im Wandel“. Professorin Dr. Johanna Possinger von der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg leitet das von der Stiftung Ravensburger Verlag geförderte 3-jährige Forschungsprojekt.

Der Vatertag erinnert an die neben der Mutter-Kind-Verbindung wohl prägendste Beziehung im Leben. Zwischen ein und drei Stunden – im Mittel 1,5 Stunden – betreuen Männer täglich ihre Kinder. Für Frauen liegt dieser Wert doppelt so hoch. Während Mütter im Alltag weiterhin mehr Zeit mit der Fürsorge für ihren Nachwuchs verbringen, zeigt sich: Mit zunehmendem Alter der Kinder wächst die Bedeutung der Väter. „Gerade in der Jugendphase werden sie für Gespräche, Orientierung und emotionale Unterstützung besonders wichtig“, erläutert Dr. Claudia Zerle-Elsäßer. Die Soziologin hat mit ihrem Team am Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München zu der Bedeutung von Vätern von 12- bis 17-Jährigen geforscht. „Gegenüber ihren Teenagern müssen Eltern eine neue Balance finden: Jugendliche wünschen sich mehr Autonomie, brauchen aber weiterhin emotionale Unterstützung und Orientierung. Väter spielen dabei eine wichtige Rolle.“

Emotionale Wärme und kindzentrierte Kommunikation steigern Beziehungsqualität

Die Beziehung zum männlichen Elternteil wird besser bewertet, wenn häufig gemeinsame Gespräche stattfinden: 67 Prozent der Kinder, deren Vater „sehr viel“ mit ihnen kommuniziert, bewerten die Beziehung zu ihm als „sehr gut“ – das entspricht einer statistisch signifikanten Differenz von über 20 Prozentpunkten im Vergleich zu den Jungen und Mädchen, deren Papas sich selten mit ihnen unterhalten. „Spannend war es zu sehen, dass das langfristig in noch stärkerem Maß für heute junge Erwachsene gilt, wenn sie sich an ihre Kindheit zurückerinnern“, so Forscher Thomas Eichhorn. „Bei ihnen steigt der Wert der ‚sehr guten‘ Beziehungsqualität auf 82 Prozent.“ Die Zahl schrumpft auf 7 Prozent, wenn das männliche Elternteil nicht gesprächsoffen war. „Die Messgrößen unserer Studie, die kindzentrierte Kommunikation beschreiben, stellten sich als mit Abstand wichtigster Einflussfaktor auf die Vater-Kind-Beziehung heraus“, betont Eichhorn.

Untersucht haben die Forschenden weiterhin, wie sich gefühlsbetonte Wärme im Umgang auswirkt. Auch hier belegen die Zahlen: Emotional offenes, positives Erziehungsverhalten verbinden Kinder mit einer höheren Relevanz ihres Vaters.

Weniger Beruf + mehr Familie = bessere Beziehungsqualität zwischen Vater und Teenager

Männer, die Familie vor den Beruf stellen: Das kommt bei den befragten Jugendlichen gut an. „Väter, die ihre Familie sichtbar priorisieren, werden von ihren Kindern als besonders wichtige Bezugspersonen wahrgenommen“, sagt Dr. Claudia Zerle-Elsäßer. 82 Prozent der 12- bis 17-Jährigen, deren Papas die Idee gut fanden, zumindest bis zum Schuleintritt der Kinder beruflich kürzer zu treten, berichten von einer „sehr guten“ Beziehungsqualität zu ihren Vätern. DJI-Forscherin Zerle-Elsäßer fasst zusammen: „Engagierte Vaterschaft lohnt sich.“

Auftakt für 3-jähriges Forschungsprojekt: Umfangreiche Datensätze erstmals unter dem Gesichtspunkt „Väter von Teenagern“ ausgewertet

An dem nun vorgelegten Zwischenbericht forschte seit April 2025 ein Team des DJI unter Leitung von Dr. Claudia Zerle-Elsäßer. Basis bildete die Analyse repräsentativer Datensätze der Jahre 2009 bis 2023, mit der die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Rolle von Vätern in Deutschland in der frühen Jugendphase ihrer Kinder beleuchten. Besagtes DJI-Panel „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ wurde erstmals unter diesem Aspekt ausgewertet. Diese Sekundärdatenanalyse bildet das Fundament für den qualitativen Teil der Studie: Derzeit interviewen Forschende der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg unter Leitung von Prof. Dr. Johanna Possinger Väter und Jugendliche. Sie erfragen, wie gemeinsam über gesellschaftliche Fragen gesprochen wird und welche Rolle die Papas dabei spielen. Die Untersuchung soll unter anderem zeigen, wie väterliche Care-Arbeit und politische Bildung zusammenhängen – ein bislang kaum erforschtes Feld. „Familien sind der erste Ort, an dem Jungen und Mädchen lernen, ihre Meinung zu äußern, Konflikte auszuhandeln und unterschiedliche Perspektiven zu verstehen“, sagt Professorin Johanna Possinger. „Wenn Väter sich aktiv beteiligen und Gespräche führen, stärken sie nicht nur die Beziehung zu ihren Kindern – sondern auch wichtige demokratische Kompetenzen.“ Die Stiftung Ravensburger Verlag fördert das bis 2027 laufende Forschungsprojekt „Vaterschaft im Wandel: Wie Väter ihre Teenager im Alltag und in gesellschaftlichen Fragen begleiten“ mit ‪160.000‬ Euro.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, DJI München (+49 89-62306-317, zerle@dji.de 

Verena Türck-Weishaupt
Prof. Dr. Johanna Possinger, Evang. Hochschule Ludwigsburg (‪+49 151 29 531 931‬j.possinger@eh-ludwigsburg.de )
Weitere Informationen finden Sie unter
Infografiken
Zusammenfassung Erkenntnisse

Permethrinhaltige Tierarzneimittel

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Permethrinhaltige Tierarzneimittel sind nicht für alle Vierbeiner geeignet

Zecken können bei einem Stich gefährliche Krankheitserreger auf Mensch und Tier übertragen. Wer sein Haustier vor Zecken, Flöhen und anderen Ektoparasiten schützen möchte, sollte auf die Wahl des richtigen Tierarzneimittels achten. Während der Wirkstoff Permethrin von Hunden in der Regel gut vertragen wird, kann er bei Katzen zu schweren Vergiftungserscheinungen bis hin zum Tod führen. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) informiert anlässlich des Tags des Haustiers am 11. April zum Umgang mit permethrinhaltigen Tierarzneimitteln.

„Katzen fehlt in der Leber das Enzym Glucuronyltransferase, um den Wirkstoff Permethrin im Körper abbauen zu können“, erklärt Prof. Dr. Gaby-Fleur Böl, Präsidentin des BVL. „Auch ein unbeabsichtigter Kontakt mit dem Wirkstoff sollte deshalb vermieden werden. Das Risiko besteht insbesondere, wenn Hunde und Katzen im selben Haushalt leben.“ Wachsamkeit sei ebenso bei der Anwendung permethrinhaltiger Insektenschutzmittel zur Imprägnierung von Kleidung oder anderen Textilien geboten. Das BVL rät deshalb dazu, vor der Anwendung eines Antiparasitikums stets die Gebrauchsinformation und die Warnhinweise zu lesen. Es stehen für Katzen zahlreiche sichere Tierarzneimittel für einen wirksamen Zeckenschutz zur Verfügung. Im Zweifelsfall sollte stets eine Tierärztin oder ein Tierarzt zu Rate gezogen werden.

Bei einer Permethrinvergiftung zeigen Katzen typischerweise Symptome wie Krämpfe, Lähmungserscheinungen, erhöhten Speichelfluss, Erbrechen, Durchfall und Atembeschwerden. Treten diese Anzeichen nach einem unbeabsichtigten Kontakt mit Permethrin auf, sollte das Tier umgehend in eine Tierarztpraxis gebracht werden. Hilfreich ist die Vorlage des Präparats oder der Packungsbeilage.

Wird versehentlich ein permethrinhaltiges Tierarzneimittel bei einer Katze angewendet, sollte die aufgetragene Lösung sofort mit Wasser und einem milden Shampoo abgewaschen werden. Vergiftungssymptome können je nach Art der Aufnahme wenige Minuten bis zu drei Tage nach Kontakt mit dem Wirkstoff auftreten. Je früher eine tierärztliche Behandlung erfolgt, desto größer sind die Überlebenschancen der Katze.

Tierhalter oder behandelnde Tierärztin bzw. Tierarzt sollten die aufgetretene Reaktion zusätzlich als unerwünschtes Ereignis an das BVL melden. Formulare und weitere Informationen stellt das BVL unter https://www.bvl.bund.de/uaw bereit.

Weiterführende Informationen

Flyer „Zecken, Flöhe, Läuse und Co. – Wie schütze ich mein Tier vor Ektoparasiten?“:

 https://www.bvl.bund.de/flyer_ektoparasiten

Meldung von unerwünschten Ereignissen an das BVL:
https://www.bvl.bund.de/uaw

Über das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL)

Das BVL ist eine eigenständige Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH). Es ist für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln, Tierarzneimitteln und gentechnisch veränderten Organismen in Deutschland zuständig. Im Bereich der Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit übernimmt das BVL Managementaufgaben und koordiniert auf verschiedenen Ebenen die Zusammenarbeit zwischen dem Bund, den Bundesländern und der Europäischen Union.

Behandlung der Herzinsuffizienz

Forschende des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) haben einen zentralen genetischen Steuerungsmechanismus entdeckt, der bei Herzschwäche aus dem Gleichgewicht gerät. 

Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Signal Transduction and Targeted Therapy“ veröffentlicht.

Bei einer Herzschwäche, auch Herzinsuffizienz genannt, kann das Herz den Körper nicht mehr ausreichend mit Blut versorgen. Häufig entsteht die Erkrankung über Jahre hinweg, zum Beispiel durch Bluthochdruck oder andere dauerhafte Belastungen des Herzmuskels. Das Herz versucht zunächst, diese Mehrarbeit auszugleichen, indem es kräftiger arbeitet und sich infolge dessen vergrößert. Langfristig führt diese Anpassung jedoch zu strukturellen Veränderungen im Herzgewebe und die Pumpfunktion verschlechtert sich zunehmend. Bislang war weitgehend unklar, welche Prozesse im Herzmuskel dabei ablaufen und gezielt behandelt werden können.

Ein Forschungsteam um Prof. Dr. Laura Zelarayán, Leiterin der Forschungsgruppe „Entwicklungspharmakologie“ am Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), hat gemeinsam mit Dr. Eric Schoger, ehemaliger Postdoktorand, und Rosa Kim, Doktorandin, herausgefunden, dass das Eiweiß KLF15 eine wichtige Steuerungsfunktion im Herzmuskel übernimmt und bei Herzschwäche deutlich an Aktivität verliert. Gleichzeitig entwickelten die Forschenden einen Ansatz, diesen Mechanismus gezielt wieder zu aktivieren.

Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Signal Transduction and Targeted Therapy“ aus dem Nature Portfolio veröffentlicht.

Originalpublikation:
Schoger E. et al. Enhancing KLF15 activity in cardiomyocytes: a novel approach to prevent pathological reprogramming and fibrosis via nuclease-deficient dCas9VPR. Signal Transduction and Targeted Therapy (2026). DOI: https://doi.org/10.1038/s41392-026-02593-9

Genetischer Schalter

Im gesunden Herzen arbeiten Herzmuskelzellen effizient: Sie produzieren Energie und ziehen sich rhythmisch zusammen, um Blut durch den Körper zu pumpen. Unter dauerhafter Belastung gerät dieses Gleichgewicht jedoch durcheinander. Bestimmte Gene werden anders reguliert als im gesunden Zustand. Gene, die für einen stabilen Energiestoffwechsel wichtig sind, werden weniger aktiv. Gleichzeitig werden Programme eingeschaltet, die sonst vor allem aus der frühen Entwicklungsphase des Herzens bekannt sind. Dieser Vorgang wird als „pathologische Reprogrammierung“ bezeichnet und trägt wesentlich zur Verschlechterung der Herzfunktion bei.

Die Göttinger Forschenden konnten zeigen, dass dabei ein wichtiger genetischer „Schalter“ eine zentrale Rolle spielt: der sogenannte Transkriptionsfaktor KLF15. Transkriptionsfaktoren sind Eiweiße, die im Zellkern bestimmen, welche Gene aktiv sind und welche nicht. Mit modernen Einzelzellanalysen fanden die Forschenden heraus, dass die Aktivität von KLF15 in erkrankten Herzmuskelzellen deutlich abnimmt. Dadurch geraten zentrale genetische Steuerungsprozesse aus dem Gleichgewicht.

Präziser Eingriff mit moderner Gentechnologie

Anstatt das fehlende Eiweiß künstlich zu ersetzen, wählte das Team einen anderen Ansatz: 

Mithilfe einer speziellen Variante der CRISPR-Technologie aktivierten sie gezielt das körpereigene KLF15-Gen in Herzmuskelzellen wieder stärker.

„Diese Methode, CRISPR-Aktivierung genannt, verändert das Erbgut nicht. Sie sorgt vielmehr dafür, dass ein natürlicher Gen-Schalter wieder angemessen eingeschaltet wird“, sagt Prof. Zelarayán, Letztautorin der Studie.

In einem Tiermodell, bei dem das Herz dauerhaft belastet war, zeigte sich eine deutliche Schutzwirkung. Tiere mit reaktiviertem KLF15 entwickelten eine weniger krankhafte Herzvergrößerung, ihre Pumpfunktion blieb stabiler und sie überlebten länger als unbehandelte Kontrolltiere. Der Ansatz zeigt, dass sich die Herzfunktion durch gezielte Aktivierung körpereigener Schutzmechanismen stabilisieren lässt.

Weniger Narbenbildung im Herzen

„Die Wirkung beschränkt sich dabei nicht nur auf die Herzmuskelzellen selbst. 

Auch Bindegewebszellen im Herzen, sogenannte Fibroblasten, reagieren positiv“, so Prof. Zelarayán. Fibroblasten sind maßgeblich an der Bildung von Narbengewebe beteiligt, das die Herzfunktion zusätzlich einschränkt. Durch die Reaktivierung von KLF15 wurde vermehrt ein schützendes Signalprotein namens AZGP1 gebildet. Dieses hemmt die Aktivierung der Fibroblasten und kann so die Entstehung von krankhaftem Narbengewebe im Herzen reduzieren.

Zusätzliche Untersuchungen an menschlichem Herzgewebe bestätigten die Bedeutung der Ergebnisse. In Proben von Patient*innen mit verschiedenen Formen der Herzmuskelerkrankung waren die Mengen des KLF15 deutlich vermindert. Die Studie zeigt damit erstmals, dass sich ein gestörter genetischer Steuerungsmechanismus im Herzen gezielt normalisieren lässt – mit positiven Auswirkungen auf Struktur und Funktion des Organs.

„Langfristig könnte dieser Ansatz neue Perspektiven für die Behandlung der Herzinsuffizienz eröffnen und sich auch auf weitere molekulare Zielstrukturen übertragen lassen, insbesondere bei Erkrankungen, die nicht auf einzelne Genveränderungen zurückgehen, sondern auf eine Fehlregulation ganzer genetischer Programme“, sagt Prof. Zelarayán.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Prof. Dr. Laura Zelarayán, Institut für Pharmakologie und Toxikologie, Telefon 0551 / ‪39- 68186‬laura.zelarayan@med.uni-goettingen.de

Originalpublikation:
Schoger E. et al. Enhancing KLF15 activity in cardiomyocytes: a novel approach to prevent pathological reprogramming and fibrosis via nuclease-deficient dCas9VPR. Signal Transduction and Targeted Therapy (2026). DOI: https://doi.org/10.1038/s41392-026-02593-9