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Herzinsuffizienz

Menschen mit Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion könnten künftig genauer danach unterschieden werden, welche Veränderungen des Herzmuskels ihrer Erkrankung zugrunde liegen. Die DZHK-Studie DECIPHER HFpEF zeigt, dass spezielle MRT-Verfahren solche Unterschiede erfassen können. Das könnte langfristig helfen, Therapien gezielter auszuwählen.

Bei einer Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion (HFpEF) ist die Pumpkraft des Herzens weitgehend erhalten. Trotzdem kann sich das Herz nicht ausreichend mit Blut füllen. Eine multizentrische Studie des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) zeigt nun: Mithilfe spezieller MRT-Verfahren lassen sich Veränderungen des Herzmuskelgewebes erfassen, die mit unterschiedlichen Mechanismen der gestörten Herzfüllung zusammenhängen. Die Ergebnisse der DECIPHER-HFpEF-Studie wurden im JACC: Cardiovascular Imaging veröffentlicht.

HFpEF ist eine komplexe Form der Herzinsuffizienz. Für die Diagnose spielt ein erhöhter Füllungsdruck in der linken Herzkammer eine wichtige Rolle. Dieser zeigt jedoch zunächst nur, dass die Füllung des Herzens beeinträchtigt ist. Welche Mechanismen dafür verantwortlich sind, lässt sich daraus nicht unmittelbar ableiten.

Eine diastolische Funktionsstörung kann beispielsweise dadurch entstehen, dass sich der Herzmuskel nach einem Herzschlag nicht ausreichend entspannt. Eine andere Ursache ist eine erhöhte passive Steifigkeit des Herzmuskels. Beide Mechanismen können zu einem erhöhten Füllungsdruck führen, könnten aber unterschiedliche therapeutische Ansätze erfordern.

MRT macht Veränderungen im Herzmuskel sichtbar

In der prospektiven DECIPHER-HFpEF-Studie untersuchten Forschende um Prof. Eike Nagel und Prof. Andreas Zeiher vom DZHK-Standort RheinMain und dem Universitätsklinikum Frankfurt an sieben deutschen Zentren Patientinnen und Patienten mit Verdacht auf HFpEF. Sie kombinierten die kardiale Magnetresonanztomografie (CMR) mit einer invasiven Druck-Volumen-Messung des Herzens.

Für die aktuelle Analyse standen Daten von 52 Patientinnen und Patienten mit invasiv bestätigter HFpEF zur Verfügung. Zum Vergleich wurden 32 alters- und geschlechtsangepasste Kontrollpersonen sowie 18 gesunde Freiwillige untersucht.

Im MRT setzten die Forschenden sogenanntes T1- und T2-Mapping ein. Dabei werden für das Herzmuskelgewebe Messwerte erzeugt, die Rückschlüsse auf seine Zusammensetzung ermöglichen. T1-Mapping kann Veränderungen durch vermehrtes Bindegewebe, eine sogenannte Fibrose, sichtbar machen. T2-Mapping reagiert insbesondere auf einen erhöhten Wassergehalt im Gewebe, wie er bei Ödemen und entzündlichen Veränderungen auftreten kann.

Beide Werte waren bei Menschen mit HFpEF deutlich höher als in der Kontrollgruppe. Noch entscheidender war, womit diese Veränderungen zusammenhingen: Die T1-Werte korrelierten vor allem mit der passiven Steifigkeit des Herzens, die T2-Werte mit der beeinträchtigten aktiven Entspannung. Diese Zusammenhänge bestanden auch dann, wenn der Füllungsdruck sowie klinische Faktoren wie Alter, Geschlecht, Body-Mass-Index, Bluthochdruck und Diabetes statistisch berücksichtigt wurden. Mit dem Füllungsdruck selbst zeigten die MRT-Werte dagegen keinen signifikanten Zusammenhang.

„Der Füllungsdruck zeigt uns einen wichtigen Zustand des Herzens, sagt aber noch wenig darüber aus, welcher Mechanismus dahintersteht“, sagt Prof. Eike Nagel vom Universitätsklinikum Frankfurt. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Gewebecharakterisierung im MRT zusätzliche Informationen über die zugrunde liegende diastolische Funktionsstörung liefern kann.“

Auffälligkeiten bereits bei normalem Füllungsdruck in Ruhe

Ein weiterer Teil der Studie liefert Hinweise darauf, dass die MRT-Gewebeparameter auch bei Patientinnen und Patienten relevant sein könnten, deren Füllungsdruck in Ruhe noch nicht erhöht ist.

18 symptomatische Patientinnen und Patienten mit normalem Füllungsdruck in Ruhe absolvierten während der invasiven Untersuchung einen Handgrifftest. Bei zwölf von ihnen stieg der Füllungsdruck unter dieser Belastung auf mindestens 16 mmHg. Je höher bereits in Ruhe die T1- und T2-Werte im MRT waren, desto stärker stieg der Füllungsdruck unter Belastung an.

Die Ergebnisse sprechen dafür, dass die MRT-Gewebecharakterisierung Veränderungen abbildet, die durch eine einzelne Messung des Füllungsdrucks in Ruhe nicht vollständig erfasst werden.

Langfristig könnte die MRT-Gewebecharakterisierung dazu beitragen, die sehr unterschiedliche Erkrankung HFpEF genauer zu charakterisieren. Bevor sich daraus eine klinische Einteilung oder Therapieentscheidung ableiten lässt, sind jedoch weitere Untersuchungen erforderlich. Insbesondere muss geprüft werden, ob die im MRT erfassten Unterschiede auch unterschiedliche Therapieantworten vorhersagen können. Die Autoren betonen ausdrücklich, dass aus der aktuellen Studie noch keine klinische Anwendung abgeleitet werden kann.

MaAB - Ansprechpartner:
Prof. Dr. Eike Nagel, Institut für Experimentelle und Translationale Kardiovaskuläre Bildgebung, Goethe-Universität Frankfurt, eike.nagel@cardiac-imaging.org

Originalpublikation:
Nagel E, Wenzel P, Seidler T, et al. Myocardial Tissue Characterization by CMR Captures Mechanistic Severity Beyond Filling Pressure in HFpEF: The Multicenter DECIPHER HFpEF Study. JACC Cardiovasc Imaging. https://doi.org/10.1016/j.jcmg.2026.07.012

Zusammenspiel von Herzmuskel

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Forschende der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) haben neue Erkenntnisse über das Zusammenspiel von Herzmuskel- und sympathischen Nervenzellen bei einer erblichen Herzrhythmuserkrankung gewonnen. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Nature Communications“ veröffentlicht.

Herzklopfen bei Aufregung, ein schneller Puls beim Sport oder ein pochendes Herz in Stresssituationen: Der Herzschlag passt sich ständig an unsere Umgebung und Situation an. Damit das Herz regelmäßig schlägt, müssen elektrische Signale im Herzmuskel präzise aufeinander abgestimmt sein. Bei manchen Menschen ist dieser Ablauf aufgrund einer genetischen Veränderung gestört: Der Herzmuskel braucht nach jedem Herzschlag länger, um sich elektrisch wieder zu stabilisieren. In Stresssituationen können dadurch gefährliche Herzrhythmusstörungen ausgelöst werden. Eine solche Erkrankung ist das sogenannte Long-QT-Syndrom Typ 2 (LQT2).
Ein Forschungsteam der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) hat nun gezeigt: Beim LQT2 sind nicht nur die Herzmuskelzellen elektrisch verändert, auch sympathische Nervenzellen, die den Herzschlag unter anderem bei körperlicher oder emotionaler Belastung beschleunigen, können übererregt sein. Ihre Aktivität kann die Anfälligkeit des Herzens für Rhythmusstörungen zusätzlich erhöhen.

Geleitet wurde das Forschungsteam von Dr. Maria-Patapia Zafeiriou, die seit Juni 2026 die Else Kröner Professur für Disease Modeling an der UMG innehat, mit Unterstützung von Prof. Dr. Wolfram-Hubertus Zimmermann, Direktor des Instituts für Pharmakologie und Toxikologie der UMG. Erstautoren der Studie sind Dr. Lennart Valentin Schneider, ehemaliger Doktorand, und Dr. Michael Gani Setya, Doktorand im Institut für Pharmakologie und Toxikologie der UMG.

Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Nature Communications“ veröffentlicht.

Originalpublikation:
Schneider LV et al. Innervated human cardiac muscle model reveals sympathetic drivers of KCNH2-associated arrhythmias. Nature Communications (2026). DOI: https://doi.org/10.1038/s41467-026-76956-9

Die Studie im Detail

Beim Long-QT-Syndrom ist die elektrische Erholung des Herzmuskels nach jedem Herzschlag verlängert, wodurch das Risiko für Herzrhythmusstörungen steigt. Die Erkrankung kann verschiedene genetische Ursachen haben. Beim Typ 2 (LQT2) ist ein Kaliumkanal gestört, der dazu beiträgt, die elektrische Erregung der Herzmuskelzellen zu beenden. Veränderungen an solchen Kanälen können auch die Funktion von Nervenzellen beeinträchtigen und beispielsweise epileptische Anfälle begünstigen.

Während bekannt ist, wie sich die genetische Veränderung auf den Herzmuskel auswirkt, war bislang unklar, welchen Einfluss sie auf autonome Nervenzellen hat, die unter anderem den Herzschlag steuern. Da emotionale Belastung bei LQT2 Herzrhythmusstörungen auslösen kann, untersuchten die Forschenden, ob auch die Nervenzellen, die das Herz bei Stress aktivieren, zu deren Entstehung beitragen.

Herz- und Nervenzellen im Modell

Um diese Frage zu untersuchen, entwickelten die Forschenden um Dr. Schneider ein menschliches 3D-Modell, in dem Herzmuskel- und sympathische Nervenzellen miteinander verbunden sind. Dafür stellten sie beide Zelltypen aus menschlichen Stammzellen her und entwickelten daraus dreidimensionale Gewebe.

Die Nervenzellen bildeten feine Nervenfasern, die in das Herzmuskelgewebe hineinwuchsen und dort Kontakt zu den Herzmuskelzellen aufnahmen. Dass diese Verbindung funktionierte, konnten die Forschenden ebenfalls nachweisen: Wurden die Nervenzellen gezielt mit Licht aktiviert, veränderte sich die Schlagfrequenz des Herzgewebes.

Anschließend untersuchten die Forschenden Herzmuskel- und Nervenzellen mit veränderten Kaliumkanälen. Dabei zeigte sich, dass die sympathischen Nervenzellen eine erhöhte elektrische Erregbarkeit aufwiesen. Auch in Kombination mit gesunden Herzmuskelzellen konnten sie die elektrische Stabilität des Herzgewebes beeinträchtigen. Diese Ergebnisse zeigen, dass krankhaft veränderte Nervenzellen selbst zur Entstehung von Herzrhythmusstörungen beitragen können.

Einfluss von Medikamenten auf die elektrische Aktivität

Der Betablocker Propranolol konnte die durch die Aktivierung der Nervenzellen ausgelösten Fehlaktivitäten nicht verhindern. Der Wirkstoff Mexiletin hingegen reduzierte sie. Er blockiert Natriumkanäle und beeinflusst dadurch die elektrische Erregbarkeit von Herzmuskel- und Nervenzellen.

Betablocker gehören zur Standardtherapie des Long-QT-Syndroms Typ 2. Allerdings bieten sie nicht allen Betroffenen einen ausreichenden Schutz vor Herzrhythmusstörungen. Die Ergebnisse liefern Hinweise auf weitere Mechanismen, die bei LQT2 eine Rolle spielen könnten. Ob sich daraus neue therapeutische Ansätze ergeben, muss in weiteren Untersuchungen geprüft werden.

„Die Ergebnisse liefern einen möglichen Hinweis darauf, dass bei Herzrhythmusstörungen aufgrund veränderter Kaliumkanäle nicht nur der Herzmuskel, sondern auch die elektrische Erregbarkeit der Nervenzellen berücksichtigt werden sollte“, sagt Prof. Zafeiriou.

Neues Modell für die Herzforschung

Das neue Modell ermöglicht es, Herzmuskel und Nervenzellen gemeinsam zu untersuchen und gezielt miteinander zu kombinieren. So können die Forschenden unterscheiden, welchen Beitrag veränderte Herzmuskelzellen und veränderte Nervenzellen zur Entstehung von Herzrhythmusstörungen leisten.

„Das Modell könnte künftig dazu beitragen, das Zusammenspiel von Herz und Nervensystem bei weiteren Erkrankungen besser zu verstehen und neue Wirkstoffe in einem menschlichen Gewebemodell zu untersuchen“, sagt Prof. Zafeiriou.

Bildunterschrift - Bild 1:
Herzmuskelgewebe mit Nervenverbindungen im 3D-Modell: Die linke Aufnahme zeigt das gesamte Gewebe mit Nervenfasern (grün), Herzmuskelzellen (rot), sympathischen Nervenzellen (grau) und Zellkernen (blau). In der mittleren Aufnahme sind Nervenfasern (grün) und Bereiche, die auf Kontaktstellen zwischen Nervenzellen und Herzmuskelzellen hinweisen (rot), zu sehen. Rechts sind diese Kontaktstellen auf der Oberfläche der Herzmuskelzellen vergrößert dargestellt (blaue Pfeilspitzen).

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT
Dr. Maria-Patapia Zafeiriou, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Telefon 0551 / 39-61203, patapia.zafeiriou@med.uni-goettingen.de

Originalpublikation:
Schneider LV et al. Innervated human cardiac muscle model reveals sympathetic drivers of KCNH2-associated arrhythmias. Nature Communications (2026). DOI: https://doi.org/10.1038/s41467-026-76956-9

Brustkrebs

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Die digitale Brust-Tomosynthese könnte etwa ein Viertel der invasiven Brustkrebsfälle verhindern, die zwischen zwei regulären Screening-Untersuchungen entdeckt werden. Im ersten Jahr nach einem unauffälligen Screening lag die Rate dieser sogenannten Intervallkarzinome um 29 Prozent niedriger als bei der herkömmlichen Mammografie. Das zeigt die bislang weltweit größte Vergleichsstudie TOSYMA. Ein Forschungsteam der Universität Münster und des Universitätsklinikums Münster (UKM) hat die Ergebnisse mit weiteren Partnern in der Fachzeitschrift „The Lancet Oncology“ veröffentlicht.

Mit rund 75.000 Neuerkrankungen pro Jahr ist Brustkrebs in Deutschland die mit Abstand häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Durch den Einsatz der digitalen Brust-Tomosynthese im Screening-Programm für Brustkrebs könnten möglicherweise etwa ein Viertel der sogenannten invasiven Intervallkarzinome vermieden werden, die innerhalb von zwei Jahren nach einer herkömmlichen digitalen Mammografie auftreten. Im ersten Jahr nach einem unauffälligen Screening lag die Rate dieser Brustkrebsdiagnosen in der Tomosynthese-Gruppe um 29 Prozent niedriger als in der Mammografie-Gruppe. Dies geht aus den Ergebnissen der „TOSYMA“-Studie hervor, der bislang weltweit größten Vergleichsstudie der beiden Diagnoseverfahren.

Bei der Tomosynthese werden mit niedrig dosierter Röntgenstrahlung mehrere Aufnahmen aus unterschiedlichen Winkeln erstellt. Aus diesen Aufnahmen lassen sich Schichtbilder der Brust mit einer Dicke von höchstens einem Millimeter berechnen. Dadurch bleiben Anzeichen eines Tumors seltener von überlagertem Gewebe verdeckt. Ein Forschungsteam der Universität Münster und des Universitätsklinikums Münster (UKM) hat die Ergebnisse mit weiteren Partnern in der Fachzeitschrift „The Lancet Oncology“ veröffentlicht.

Fachleute bezeichnen Brustkrebs, der zwischen zwei regulären Screenings diagnostiziert wird, als Intervallkarzinom. Diese Tumoren sind in der Regel aggressiver und haben eine ungünstigere Prognose als Tumoren, die während eines Screenings entdeckt werden. Deshalb ziehen Expertinnen und Experten sie als Ersatzmesswert für die Wirksamkeit der Früherkennung heran.

Die erste Auswertung der Studie (TOSYMA-1) aus dem Jahr 2022 hatte gezeigt, dass mit der Tomosynthese signifikant mehr invasive Brustkrebserkrankungen entdeckt werden – konkret 7,1 statt 4,8 pro 1.000 untersuchte Frauen. Ob die Tomosynthese damit auch klinisch wirksamer ist, blieb jedoch offen. Genau hier setzt die zweite Auswertung (TOSYMA-2) an, in der die Experten die Intervallkarzinome in beiden Gruppen miteinander vergleichen.

In der Tomosynthese-Gruppe wurde im ersten Jahr nach einem unauffälligen Screening bei 4,5 von 10.000 Frauen ein invasives Intervallkarzinom festgestellt, in der Mammografie-Gruppe waren es 6,3 Frauen. Im Mittelpunkt der Studie stand jedoch die Rate über zwei Jahre. Diese lag in der Tomosynthese-Gruppe bei 14,2 von 10.000 Frauen und war somit um 24 Prozent niedriger als in der Mammografie-Gruppe (18,6 von 10.000 Frauen). Dieser Unterschied ist im Gegensatz zum ersten Jahr nach der Screening-Teilnahme statistisch nicht signifikant. Die Autorinnen und Autoren nennen die Corona-Pandemie unter anderem als möglichen Grund, weshalb rund 20.000 Frauen weniger an der Studie teilnahmen als geplant.

Der mindernde Effekt zeigte sich besonders ausgeprägt bei Frauen, die zum wiederholten Mal am Screening teilnahmen. Bei ihnen lag die Rate nach zwei Jahren bei 13,5 pro 10.000 Frauen, während sie bei Frauen in ihrer ersten Screening-Runde nahezu identisch war (18,8 pro 10.000 Frauen). Zudem waren die Intervallkarzinome in der Tomosynthese-Gruppe seltener lokal fortgeschritten und es waren seltener Lymphknoten in der Achselhöhle befallen. Diese Merkmale gelten allgemein als Hinweis auf eine effektive Früherkennung. „Unsere Studie leistet einen entscheidenden Beitrag zur wissenschaftlichen Grundlage für die Anwendung der Tomosynthese im Brustkrebs-Screening“, sagt Prof. Dr. Stefanie Weigel von der Klinik für Radiologie des UKM und der Universität Münster. „Sie erweitert und präzisiert die bisherige, begrenzte Studienlage zur Nachbeobachtung nach einem Tomosynthese-Screening.“

Zwischen 2018 und 2020 wurden im Rahmen der Studie an 17 Screening-Standorten in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen knapp ‪100.000‬ Frauen im Alter von 50 bis 70 Jahren per Zufall einer von zwei Gruppen zugeteilt. Die eine Gruppe erhielt eine Tomosynthese, ergänzt um ein aus den Schichtaufnahmen errechnetes zweidimensionales Bild. Die andere Gruppe erhielt eine herkömmliche digitale Mammografie. Die Studie war in das bundesweite, qualitätsgesicherte Mammografie-Screening-Programm eingebettet und fand somit unter Alltagsbedingungen statt. Um Intervallkarzinome zu erfassen, glich das Forschungsteam die Daten der Teilnehmerinnen mit den Krebsregistern der beiden Länder ab. Diese erfassen mehr als 95 Prozent der neu auftretenden Brustkrebsfälle. Die Verdachtsfälle überprüfte das Forschungsteam in einem mehrstufigen Verfahren. Dabei wussten die Mitarbeiter des Krebsregisters und der Referenzzentren sowie das unabhängige Datensicherheitsgremium nicht, welcher Gruppe die jeweilige Frau zugeordnet war.

In beiden Auswertungen wurden 83,5 Prozent aller invasiven Tumoren, die innerhalb von zwei Jahren diagnostiziert wurden, bereits bei der Screening-Untersuchung in der Tomosynthese-Gruppe entdeckt. In der Mammografie-Gruppe waren es 72,3 Prozent. Die Zuverlässigkeit, mit der Frauen ohne Brustkrebs als unauffällig eingestuft wurden, war in beiden Gruppen ähnlich. „Im nächsten Schritt wollen wir die entdeckten Karzinome in der regulären folgenden Screening-Runde für Frauen beider Gruppen mit der herkömmlichen Mammografie analysieren“, erläutert Studienleiter Prof. Dr. Walter Heindel von der Klinik für Radiologie der Universität Münster. „Durch die Analyse dieser Daten möchten wir herausfinden, ob die Tomosynthese im Screening fortgeschrittene Tumorstadien stärker reduziert als die Mammografie.“

Die Studie wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildung VOR ORT

ProProf. Dr. Walter Heindel
E-Mail: heindel@uni-muenster.de
Telefon: ‪0251 83 45650‬

Prof. Dr. Stefanie Weigel
E-Mail: stefaniebettina.weigel@ukmuenster.de
elefon: ‪0251 83 45652‬

Originalpublikation:
Weigel S, Hense HW, Weyer-Elberich V, Czwoydzinski J, Decker T, Kajüter H, Oesterling F, Heilmann J, Stang A, Kieschke J, Wienbeck S, Stephan O, Baier S, Krischke M, Sommer A, Gerß J, Heindel W; TOSYMA Screening Trial Study Group. (2026) Invasive interval breast cancer rates after digital breast tomosynthesis plus synthesised mammography versus digital mammography screening (TOSYMA): 24-month follow-up of the multicentre, open-label, randomised, controlled, superiority trial. The Lancet Oncology. DOI: https://doi.org/10.1016/S1470-2045(26)00341-4
Weitere Informationen finden Sie unter
TOSYMA-Studie

Das Gesundheitsklima

„Die Energiewende zu vollziehen, kostet einen Haufen Geld. Sie nicht zu vollziehen, kostet die Zukunft.“ Das sagte Bestsellerautor Frank Schätzing („Der Schwarm“) am Mittwoch als Gast einer Sitzung des Parlamentarischen Beirats für Nachhaltigkeit und Zukunftsfragen zum Thema „Schnelles Handeln in der Klimakrise - verschiedene Szenarien unserer Zukunft“. Das größte Kapital, damit die Energiewende gelinge, sei nicht Geld, sagte er. Es sei das Vertrauen der Bevölkerung in die Gestaltungsmacht der Politik. Deren Aufgabe sei es nicht, Ängste zu verwalten, sondern „Ängsten positive Erzählungen entgegenzusetzen“.

Einige solcher positiven Erzählungen präsentierte Schätzing den Abgeordneten. „Green-Tech und Innovationen werden Deutschland zurück an die Spitze bringen“, lautete eine davon. Warum das so sei, erläuterte er auch: Die Nachfrage nach sauberen Technologien, erneuerbarer E-Mobilität, Wasserstoff und Kreislaufwirtschaft boome weltweit. „Unternehmen und Länder, die hier Pionierarbeit leisten, besetzen die Kernmärkte der Zukunft“, sagte er. Eine weitere positive Erzählung, die sich Schätzing von der Politik erhofft, lautet: Unabhängigkeit und Widerstandskraft werden Deutschland und Europa stark machen. Investitionen in den Klimaschutz seien betriebswirtschaftlich günstiger als die sozialen Schäden durch Unwetterereignisse, Ernteausfälle oder unterbrochene Lieferketten. Außerdem schütze die Abkehr von Kohle, Öl und Gas vor geopolitischen Preisschocks und Versorgungsengpässen, lautet seine Erklärung.

Schätzing empfahl den Abgeordneten auch gleich einen Masterplan, den diese vor dem EU-Parlament darlegen sollten. Schluss mit fossiler Verbrennung - alle Kraft in die Vollversorgung durch Erneuerbare, und zwar bis 2030, lautete sein erster Punkt. Außerdem brauche es „echte“ Innovationsschübe und Effizienzsteigerungen bei Wind, Solar, intelligenten Netzen, Zwischenspeichern, Batterien, autonomer Mobilität und künstlicher Intelligenz. Was es nicht brauche, so Schätzing, sei die „Nachbeatmung von Auslauftechnologien unter dem Deckmäntelchen der Technologieoffenheit“.

Als weitere Teile des Masterplans benannte er einen Bildungsturbo, die gezielte Einwanderung von Talenten aus dem Ausland mit einem „Fast-Track-Visum“, Kooperationen mit sonnenreichen Ländern zur Erzeugung grünen Wasserstoffs sowie Schuldenschnitte und „Green-Support“ für Länder des globalen Südens, damit diese „klimagerecht prosperieren können“. In Afrika, im globalen Süden, entscheide sich die Geopolitik von morgen, sagte der Autor.

Er erläuterte auch, warum es eigentlich das 1,5-Grad-Ziel gibt. „Unterhalb von 2 Grad haben wir gute Chancen die Ökosysteme, von denen unser Überleben abhängt, einigermaßen im Gleichgewicht zu halten, damit sie keine Kipppunkte überschreiten.“ Werde ein Kipppunkt überschritten, bewege sich ein System „unweigerlich in eine neue Richtung“. Schätzing illustrierte das mit dem grönländischen Eispanzer, den man sich wie einen Stapel Konservendosen vorstellen könne. Aus diesem könne man viele Dosen herausziehen, ohne dass er instabil werde. Greife man aber eine Dose zu viel, „kracht er in sich zusammen“. Diese Dose sei der Kipppunkt. Erwärme sich die Erde um mehr als zwei Grad, so Schätzing, drohten viele solcher Kipppunkte innerhalb kürzester Zeit überschritten zu werden. Dann komme es zu Kaskadeneffekten und damit zu einer noch stärkeren Erderwärmung, gegen die dann nichts mehr getan werden könne.

Das Geld für die Energiewende müsse „aus allen Quellen kommen“, forderte Schätzing. Für ihn ist die Rechnung ganz einfach: „Gelingt die Energiewende, wird sie sich in neuen Branchen, Arbeitsplätzen und Wachstum verzinsen, aus dem sich die aufgenommenen Schulden tilgen und Gewinne erzielen lassen.“ Misslinge sie, „weil unterfinanziert“, bleibe Deutschland im Hintertreffen, „in das es sich durch jahrelange Verwaltung des Stillstands hineinbugsiert hat“. Misslinge sie gar weltweit, werde Geld überhaupt nicht mehr in Wertschöpfung fließen, „sondern nur noch in Klimaanpassung verdampfen“.

Stichwort Klimaanpassung: Der Schriftsteller machte deutlich, dass dies keine Alternative zum Klimaschutz sei. „Klimaanpassung ist das, was es braucht, um die Folgen des menschengemachten Klimawandels, der Erderwärmung, erträglich zu gestalten.“ Die Menschheit könne nur innerhalb gewisser Rahmenbedingungen überleben. „Wir wären nicht die erste Spezies, die ausstirbt, weil es zu warm oder zu kalt wird“, sagte Schätzing. Setze man also nicht alles daran, die Erderwärmung zu stoppen, „ist irgendwann die Grenze jeder Anpassung überschritten“.

Auch was die politischen Umgangsformen angeht, äußerte Schätzing klare Vorstellungen. „Hören Sie bitte auf, sich öffentlich zu prügeln wie die Schulhofjungen“, sagte er. Auch das Einanderbeleidigen müsse aufhören. „Es ist am Ende immer eine Beleidigung des Wählers.“ Streiten um den richtigen Weg? Ja! Sich zerstreiten? Nein! „Zerstrittenen Anführern folgt niemand“, sagte Schätzing. Stattdessen gelte es, an einem Strang zu ziehen, über die Schatten des Machtwillens und der Parteiprogramme zu springen. „Verstehen Sie“, so Schätzing, „dass die Situation nicht so ist, wie sie ist, weil Extremisten stark sind.“ Sie sei so, „weil die Repräsentanten der Mitte schwach sind und sich gegenseitig weiter schwächen“.

Patientendaten

Gesundheitsfachleute fordern praxistaugliche Digitalisierung

Fachverbände sehen in der Digitalisierung des Gesundheitswesens eine wichtige Entwicklung zur Verbesserung der Versorgung. Die im Gesetzentwurf der Bundesregierung für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (21/8279) (GeDIG) angelegten Regelungen werden im Grundsatz begrüßt. Allerdings sehen Ärzte und Verbraucherschützer die geplante ausgeweitete Datennutzung durch Krankenkassen kritisch. Die Sachverständigen äußerten sich am Mittwoch in der öffentlichen Anhörung zu dem Gesetzentwurf sowie in schriftlichen Stellungnahmen.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) hob die geplante digitale Impfübersicht mit Erinnerungsfunktion als Mehrwertanwendung auch für gesunde Versicherte mit wenig Arztkontakten hervor. Das sollte die Vorstufe sein für den digitalen und interaktiven Impfpass, in dem ein immenses medizinisches Präventionspotenzial stecke. Mit Blick auf die Erhebung personenbezogener Daten erklärte der Verband, je mehr Gesundheitsdaten oder Sozialdaten die Krankenkassen erhielten, umso einfacher werde es für sie, ihr Handeln an wirtschaftlichen statt an gesundheitlichen Erwägungen auszurichten.

Ähnlich kritisch kommentierte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) diese Neuregelung. Zwar sei eine bessere Nutzung von Daten in der Gesundheitsversorgung grundsätzlich sinnvoll. Jedoch überschritten die vorgesehenen Einsichtsmöglichkeiten der Kassen in die ePA, die Möglichkeit zur Erhebung personenbezogener Daten der Versicherten bei „anderen Stellen“ sowie darauf aufbauende Verhaltenshinweise mit dem Ziel, auf „Lebensverhältnisse einzuwirken“, deutlich die Grenze des Zumutbaren.

Der AOK-Bundesverband wertete die erweiterten Datennutzungsmöglichkeiten hingegen als wichtigen Präventionsansatz. Krankenkassen könnten Versicherte gezielter auf Risiken und geeignete Versorgungsangebote hinweisen. Datennutzung werde damit zu einem wichtigen Instrument der Prävention. So könnten künftig nicht nur bestehende Erkrankungen, sondern auch erhöhte Risiken, etwa für schwerwiegende Herz-Kreislauf-Erkrankungen, identifiziert werden. Dieser Ansatz sollte nach Ansicht der AOK konsequent weiterentwickelt werden, um schwere Krankheitsverläufe zu vermeiden. Grundsätzlich gelte in der digitalen Versorgung, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen hohen Sicherheitsanforderungen und einer praktikablen Nutzung für Versicherte sicherzustellen.

Der Spitzenverband der Fachärztinnen und Fachärzte Deutschlands (Spifa) beklagte vorgesehene Honorarkürzungen bei nicht zertifizierten Praxissystemen. Der Gesetzgeber müsse technische Anforderungen bei denjenigen durchsetzen, die diese Produkte entwickelten und anböten. Versäumnisse dürften nicht auf die Praxen abgewälzt werden. Der Verband erwarte klare Grenzen für die Datennutzung der Kassen, den Schutz der ärztlichen Organisationsverantwortung sowie den Ausschluss von Honorarkürzungen für unverschuldete Systemmängel.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) kritisierte, dass die elektronische Einweisung in die stationäre Versorgung unberücksichtigt bleibe, während die elektronische Überweisung ausdrücklich geregelt werde. Dies sei eine erhebliche Regelungslücke, weil gerade die Schnittstelle zwischen ambulanter und stationärer Versorgung einen hohen Bedarf an standardisierten, interoperablen und rechtssicheren digitalen Zuweisungsprozessen aufweise.

In der Anhörung forderten mehrere Sachverständige die Abgeordneten dazu auf, praxistaugliche Regelungen mit einem konkreten Mehrwert zu ermöglichen. Die Allgemeinmedizinerin Annette Rennert ging auf die Vorteile eines digitalen Medikamentenplans ein und betonte, wenn digitale Anwendungen gut gestaltet seien, würden sie in der Breite angenommen. Auch Sylvia Thun von der Berliner Charité sagte, zentral seien der Versorgungsnutzen und die Patientensicherheit.

Apotheken-Vertreter wiesen darauf hin, dass die digitalen Möglichkeiten bisher oft nicht genutzt würden. Ein Sprecher der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) sagte, die Digitalisierung müsse Prozesse einfacher machen. Er wies darauf hin, dass derzeit schon geringfügige Formfehler einen enormen bürokratischen Aufwand und Kosten verursachen könnten. Künftig sollte es möglich sein, nur noch ordnungsgemäße Verschreibungen digital in das System zu geben, damit es nicht zu Retaxationen kommt. Ein Sprecher des Verbandes innovativer Apotheken (Via) forderte bei einem Kundenkontakt in der Apotheke Echtzeitinformationen der Krankenkassen, um wirtschaftliche Risiken abzufedern.

Ein Sprecher der Techniker Krankenkasse (TK) würdigte den Gesetzentwurf als einen großen Schritt hin zur Digitalisierung, allerdings mangele es an Tempo. Um schneller zu werden, müssten Prozesse ganz neu aufgesetzt werden. Die digitalen Systeme müssten so gestaltet sein, dass die Menschen sie auch benutzen wollten.

Konsumcannabisgesetzes

Der Ausschuss für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat hat sich am Mittwoch im Rahmen einer öffentlichen Anhörung mit einer von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen vorgeschlagenen Änderung des Konsumcannabisgesetzes befasst.

Mit dem Gesetzentwurf (21/2116) will die MdB-Fraktion eine Liberalisierung des Nutzhanfanbaus erreichen. Nachdem in den vergangenen Jahren immer mehr Nutzhanf angebaut wurde, hätten sich die Anbauflächen zuletzt wieder verringert, schildert die MdB-Fraktion in ihrem Gesetzentwurf. Den Grund für den Rückgang führt die Fraktion insbesondere auf Unsicherheiten bezüglich der Rechtslage zurück. Diesen soll durch die im Entwurf enthaltenen Maßnahmen entgegengewirkt werden. Dazu gehört die Streichung der sogenannten Missbrauchsklausel im Konsumcannabisgesetz (KCanG). Demnach wird eine Hanfpflanze bislang nur als Nutzhanf klassifiziert, wenn der Missbrauch zu Rauschzwecken ausgeschlossen ist. Für einen solchen Missbrauch liegen laut der Darstellung im Gesetzentwurf keine Belege vor. Seit der Verabschiedung des KCanG und den damit einhergehenden legalen Beschaffungsoptionen sei „ein derartiger Missbrauch von Nutzhanf praktisch endgültig auszuschließen“.

Im Weiteren sieht der Entwurf die Zulassung des Indoor-Anbaus für Nutzhanf vor, um auch Wirtschaftsbeteiligten außerhalb des klassischen Ackerbaus den Anbau zu ermöglichen. Zudem soll der THC-Grenzwert für die Definition von Nutzhanf von 0,3 auf 1 Prozent angehoben werden. Der THC-Gehalt sei abhängig von den Wetterverhältnissen in der Wachstumsphase. Somit bestehe für Landwirte das hohe wirtschaftliche Risiko einer nachträglichen „Aberkennung des Nutzhanfcharakters der Ernte“. Ein THC-Gehalt von 1 Prozent entspricht den Grenzwerten in der Schweiz und in Tschechien.

Der Sachverständige Felix Drewes, Berater und Fachbuchautor zum Thema Nutzhanf, nannte die Streichung der Missbrauchsklausel „sachgerecht und überfällig“. Die Klausel mache die Strafbarkeit des Umgangs mit einem zulässigen Rohstoff von einer unterstellten Zweckentfremdung abhängig. Der Landwirt stehe damit stets „unter Generalverdacht“, sagte Drewes in der Anhörung. Die Anhebung des THC-Werts auf ein Prozent hielt er für vertretbar. Der von der Linksfraktion benannte Sachverständige wies allerdings darauf hin, dass der EU-Förderwert unverändert bei 0,3 Prozent liege. Zudem müsse für die Höchstgehalte in Lebensmitteln ein gemeinsames Konzept entwickelt werden, „sonst wandert das Risiko vom Landwirt zum Verarbeiter“. Drewes plädierte außerdem dafür, bei der THC-Kontrolle an der Sorte statt an jedem einzelnen Feld anzusetzen. Die Hebel für die Förderung des Nutzhanfanbaus sieht der Sachverständige auch außerhalb des KCanG. Er schlägt etwa eine Quote für biobasierte Baustoffe bei Bauvorhaben des Bundes nach französischem Vorbild vor. Zudem sollten rechtliche Bestimmungen zu Nutzhanf im Agrarrecht festgehalten werden, forderte er. Nutzhanf sei ein Ackerrohstoff und solle auch so behandelt werden.

Simone Graeff-Hönninger, Professorin für Pflanzenbau an der Universität Hohenheim, sah in dem Entwurf einen „wesentlichen Schritt“ zur Förderung des Nutzhanfanbaus in Deutschland. Wie Drewes führte auch sie an, dass ein Missbrauch von Nutzhanf zu Rauschzwecken nicht belegt sei. Da der THC-Gehalt neben der Genetik von Standort, Witterung und Stressfaktoren abhänge, komme es beim bisherigen Grenzwert auch bei zertifiziertem Saatgut zu unverschuldeten Überschreitungen. Dies könne wiederum zur Aberkennung der Ernte führen. Die von der SPD-Fraktion benannte Sachverständige legte außerdem dar, dass der Wert von 0,3 Prozent als „genetischer Flaschenhals“ bei der Züchtung wirke, der viele Sorten in der EU ausschließe. Den Indoor-Anbau befürwortete sie ebenso wie Drewes. Fragen des Verbraucher- und Tierschutzes sind Graeff-Hönninger zufolge im Lebensmittel- und Futtermittelrecht zu regeln.

Katharina Geiger vom Deutschen Bauernverband (DBV) begrüßte den Entwurf ebenfalls ausdrücklich. Durch den Wegfall der Missbrauchsklausel werde die Rechtssicherheit erheblich verbessert. Das betreffe strafrechtliche Risiken, die selbst bei ordnungsgemäßem Umgang mit Nutzhanf entstehen könnten. Die Vertreterin des DBV sagte zudem, die Anhebung des THC-Grenzwerts trage zu mehr Wettbewerbsgleichheit innerhalb Europas bei. Der DBV unterstütze eine nationale Anhebung, die „so schnell wie möglich“ erfolgen solle. Das schaffe Planungssicherheit, so Geiger. Die von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen benannte Sachverständige bezeichnete es in der Anhörung als entscheidend, die vorgeschlagenen Maßnahmen zudem „durch weiteren Bürokratieabbau zu begleiten“.

Kritisch sehen den Gesetzentwurf Robert Pieper und Bernd Schäfer vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Die von der Unionsfraktion eingeladenen Sachverständigen warnten vor den Risiken für Tiere und Verbraucher. Pieper legte den Fokus auf Futtermittel. Dazu stellte er eine Modellrechnung auf: Würde man an Milchkühe, etwa bei regionaler Futtermittelknappheit, Nutzhanf verfüttern, würde der toxikologische Referenzwert bereits bei 0,3 Prozent THC und rund einem Kilogramm Hanf am Tag um das rund 130-Fache überschritten. THC und andere Cannabinoide gingen zudem in die Milch über. Da es auf EU-Ebene noch keine Höchstgehalte für Futtermittel gebe, sei die Missbrauchsklausel derzeit „unsere letzte Bastion“, sagte der Sachverständige. Wenn auch bei Lebens- und Futtermitteln solche Höchstgehalte oder ein Fütterverbot gelten würden, werde die Klausel nicht mehr gebraucht, so Pieper.

Schäfer bezog sich dagegen auf Lebensmittel. Verbraucherinnen und Verbrauchern sei oft nicht bewusst, dass hanfhaltige Lebensmittel einen psychoaktiven Stoff enthalten könnten. Besonders gefährdet seien Kinder. Für ihren Schutz reiche das geltende Lebensmittelrecht „auf gar keinen Fall“ aus, sagte der zweite Sachverständige des BfR. Höchstgehalte gebe es im Wesentlichen nur für Erzeugnisse aus Hanfsamen, nicht aber für Lebensmittel aus Blättern und Blüten. Wie Pieper plädierte auch er dafür, die Maßnahmen zur Missbrauchsklausel und zum THC-Grenzwert erst dann umzusetzen, wenn im Lebensmittelbereich eine ausreichende Regelung bestehe.

Dein Stress

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Obwohl das "Transaktionale Stressmodell" Stresserleben als dynamischen Prozess beschreibt, der im Alltag von kontinuierlichen Bewertungen abhängt, stützten sich bisherige Untersuchungen fast ausschließlich auf einmalige Befragungen. Erstmals ist es einer Forschungsgruppe nun gelungen, das Zusammenspiel beider Stressbewertungen im Alltag gleichzeitig zu untersuchen – und dabei sauber zu trennen, WER generell mehr Stress erlebt und WANN im Tagesverlauf Stress entsteht.

Das Transaktionale Stressmodell von Richard Lazarus zählt zu den einflussreichsten Theorien der Psychologie, präventiven Medizin und der Gesundheitswissenschaften. Es bildet eine zentrale wissenschaftliche Grundlage für nahezu alle Angebote, Interventionen und Maßnahmen im Bereich Stressmanagement, Resilienzförderung und Entspannung. Obwohl das Modell Stresserleben als dynamischen Prozess beschreibt, der im Alltag von kontinuierlichen Bewertungen abhängt („moment-to-moment"), stützten sich bisherige Untersuchungen fast ausschließlich auf einmalige Befragungen („Cross-Sectional Designs"). Erstmals ist es einer Forschungsgruppe um Prof. Dr. Dennis John (Evangelische Hochschule Nürnberg), Dr. Hannah van Alebeek (Universität Salzburg) und Prof. Dr. Thomas Probst (Universität Wien) nun gelungen, das Zusammenspiel beider Stressbewertungen im Alltag gleichzeitig zu untersuchen – und dabei sauber zu trennen, wer generell mehr Stress erlebt und wann im Tagesverlauf Stress entsteht.

In der im Fachjournal PLOS Digital Health (Impact-Faktor: 7,7) erschienenen Studie analysierte das Forschungsteam mithilfe der Smartphone-App TrackYourStress 2.908 Alltagsmessungen von 164 Personen. Über bayesianische Mehrebenenmodelle ließ sich präzise unterscheiden, wer generell mehr Stress erlebt und wann im Tagesverlauf Stress entsteht.

Die zentralen Ergebnisse der Studie:

- Nicht die Situation entscheidet, sondern ihre Bewertung: Ob ein Moment Stress auslöst, hängt davon ab, wie relevant eine Situation erscheint (primäre Bewertung) und ob man sich ihr gewachsen fühlt (sekundäre Bewertung) – und Stress entsteht dann, wenn beides zusammenkommt: hohe Relevanz bei knappen Ressourcen.

- Ressourcen sind der stärkste Hebel: Sowohl zwischen Personen wie auch im Alltagsverlauf derselben Person hing das Gefühl, handlungsfähig zu sein, am deutlichsten mit weniger Stress zusammen. Wer sich einer Situation gewachsen fühlt, erlebt spürbar weniger Druck.

- „Wer" und „Wann" folgen denselben Regeln: Was Menschen dauerhaft voneinander unterscheidet, treibt auch die Schwankungen im Alltag einer einzelnen Person – die transaktionale Stresstheorie gilt nicht nur im Vergleich zwischen Menschen, sondern auch innerhalb von Personen im zeitlichen Verlauf.

Die Ergebnisse liefern konkrete Anhaltspunkte für die Praxis. Herkömmliche, statische Stressmanagement-Angebote greifen oft zu kurz, weil sie die ständigen Schwankungen des Stresserlebens unberücksichtigt lassen. Da sich vor allem die Bewältigungsressourcen als wirksamer Ansatzpunkt erwiesen haben, sollten künftige Angebote gezielt diese Ressourcen im Alltag stärken. Genau hier zeigen eHealth-Anwendungen ihr Potenzial: Über regelmäßige Abfragen via Smartphone lassen sich kritische Momente im Alltag frühzeitig erkennen und passgenaue Unterstützung anbieten – „just in time", also genau dann, wenn die eigenen Ressourcen knapp werden.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT


Prof. Dr. Dennis John, Evangelische Hochschule Nürnberg, dennis.john@evhn.de

Originalpublikation:
https://doi.org/10.1371/journal.pdig.0001716

Änderungen im Betreuungsrecht

Änderungen im Betreuungsrecht waren Thema einer Anhörung im Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz am Mittwoch, 7. Oktober 2026. Sieben Sachverständige nahmen Stellung zu dem Gesetzentwurf der Bundesregierung „zur Änderung der Regelung über ärztliche Zwangsmaßnahmen im Betreuungsrecht und zur Stärkung des ultima-ratio-Gebots sowie der Selbstbestimmung der Betroffenen“ (21/7561). Die Änderungen gingen den Sachverständigen teilweise nicht weit genug. Ebenfalls auf der Tagesordnung stand ein Antrag der Fraktion Die Linke mit dem Titel „Zwangsbehandlungen reduzieren statt ausweiten - Rechte von Patientinnen und Patienten stärken“ (21/7060). Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat einen Änderungsantrag zum Entwurf vorgelegt.

Jörg Grotkopp, Direktor des Amtsgerichts Bad Segeberg, verwies in seiner schriftlichen Stellungnahme auf den Auftrag des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG), bis Ende dieses Jahres die Möglichkeit zu schaffen, eine ärztliche Zwangsmaßnahme auch außerhalb eines stationären Krankenhausaufenthaltes durchzuführen. Dieser sei umgesetzt worden, es gebe aber auch Spielräume. „Damit kann die Justiz leben“, sagte der von der CDU/CSU-Fraktion benannte Experte. Einerseits würden Änderungen im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) vorgenommen, die alle ärztlichen Zwangsmaßnahmen beträfen. Vor allem aber erfolgten im Verfahrensrecht Neuerungen. Da bundesweit nur sehr wenige Fälle erfasst würden, erscheine es hinnehmbar, dass das Verfahren ganz erheblich ausgeweitet werde. Weitaus größerer Mehraufwand entstehe durch die begleitenden Änderungen der Regelungen. Es werde komplizierter werden und länger dauern. Das sei „nicht im Sinne der Betroffenen“.

Walter Klitschka, Vorsitzender des Bundesverbands freier Berufsbetreuer, begrüßte die Erweiterung auf ambulante Zwangsbehandlungen. Die Betreuer hätten es lieber gesehen, dass die ambulante Zwangsbehandlung die Regelbehandlung sei und die stationäre die Ausnahme, sagte der ebenfalls für die Unionsfraktion eingeladene Sachverständige. In der Pflege gehe ambulant vor stationär und solle zur Entlastung der Betreuten auch hier gelten. Die geforderte Dokumentation halte der Verband nicht für sinnvoll. Dies sei „großer bürokratischer Aufwand“, den man nicht in das Gesetz schreiben müsse. Aus seiner Sicht habe man das Thema Zwangsbehandlung etwas einseitig behandelt, sagte Klitschka. Es werde immer nur die Gewaltsituation gesehen. Das sei aber nicht das, was täglich stattfinde, nämlich Zwangsbehandlungen wie Sedierungen. Dies sei ein „Graubereich“ in der Betreuung, den man hätte regeln können.

Volker Lipp von der Georg-August-Universität Göttingen verwies in seiner Stellungnahme darauf, dass das BVerfG dem Gesetzgeber aufgegeben habe, bei der Neuregelung des Krankenhausvorbehalts in jedem Fall sicherzustellen, dass die Grundrechte sämtlicher Betroffenen möglichst weitgehend gesichert werden. Der Entwurf treffe deshalb die richtige Grundentscheidung, dass eine ärztliche Zwangsmaßnahme auch künftig in einem geeigneten Krankenhaus stattfinden solle und die Ausnahme davon auf bestimmte, vom Gesetz näher beschriebene Ausnahmefälle beschränkt werde. Die bisherige Regelung habe zu zahlreichen ungeklärten Abgrenzungsfragen geführt. Die Neuregelung sei daher zu begrüßen, erklärte der von der SPD-Fraktion nominierte Sachverständige. Die vorgeschlagene Ausnahmeregelung entspreche den Anforderungen des BVerfG. „Das Gesetz sichert die hohen materiellen Anforderungen durch ein dreistufiges Verfahren und organisatorische Sicherungen“, sagte Lipp.

Für Hülya Özkan, die Vorsitzende des Bundesverbands der Berufsbetreuer*innen, enthält der Entwurf „wichtige Ansätze“. Es bestünden aber in drei Punkten „erhebliche Klarstellungs- und Änderungsbedarfe“, sagte die ebenfalls für die SPD-Fraktion teilnehmende Sachverständige. Dies betreffe zuerst die Behandlung außerhalb eines Krankenhauses. Hier verbleibe kaum ein tatsächlicher Anwendungsbereich. Erforderlich sei eine tatsächliche Einzelfallprüfung - „ist der alternative Ort medizinisch geeignet und ist die Behandlung dort für die betroffene Person weniger eingriffsintensiv als eine Behandlung im Krankenhaus?“. Die Gesetzesbegründung sollte diese Abwägung nicht faktisch ausschließen. Der zweite Punkt betreffe die Ausführungen zu medikamentösen Behandlungen. Hier sei unklar, welche Fallgestaltung gemeint sei. Der dritte Punkt betreffe die Empfehlungen des Bundesrates. So sei die Überlegung, kurzfristige postoperative freiheitsentziehende Maßnahmen von einem aufwendigen gerichtlichen Genehmigungsverfahren auszunehmen, aus Sicht des Verbandes nachvollziehbar.

Der für die Fraktion Die Linke eingeladene Rechtsanwalt David Schneider-Addae-Mensah erklärte in seiner Stellungnahme, die begrüßenswerten Abmilderungen und Stärkungen des Patientenwillens im Entwurf reichten im Ergebnis nicht aus, um die bestehenden menschenrechtlichen Bedenken gänzlich auszuräumen. Aufgrund der daher fortbestehenden völker- und verfassungsrechtlichen Bedenken gegen Zwangsbehandlungen generell und der Gefahr einer Ausweitung solcher Maßnahmen sowie aufgrund der gesundheitlichen Gefahren eines Home-Treatment, sollten die Regelungen zu einer ambulanten Zwangsbehandlungsmöglichkeit analog zum Antrag der Linksfraktion so restriktiv wie möglich sein. Es wäre durchaus möglich, wie von der Fraktion Die Linke vorgeschlagen, Ausnahmen vom Krankenhausvorbehalt nur zuzulassen, wenn der Betroffene dem in einer entsprechenden Vorausverfügung zugestimmt hat.

Katarina Stengler von der Aktion Psychisch Kranke (APK) begrüßte die Intention des Gesetzentwurfs ebenfalls. Neben der Regelung einer Ausnahme vom Krankenhausvorbehalt für eine ärztliche Zwangsmaßnahme würden vor allem die Verfahrensrechte der Betroffenen auf der Basis von Evaluationserkenntnissen gestärkt. Es gebe keinen guten Kenntnisstand über die Durchführung von Zwangsmaßnahmen in psychiatrischen Einrichtungen, in Einrichtungen der Eingliederungshilfe, der Pflege und außerhalb der Krankenhäuser. Diese Lücke sollte geschlossen werden, sagte die von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen vorgeschlagene Expertin. Deshalb setze sich die APK insbesondere dafür ein, ein einrichtungsinternes, aber auch auf kommunaler, Landes- und Bundesebene durchzuführendes Monitoring von Zwangsmaßnahmen gesetzlich zu regeln. Eine Datenanalyse der Zwangsmaßnahmen wäre ein Qualitätsmerkmal und würde die Möglichkeit eröffnen, eine Reduktion der Zwangsmaßnahmen zu erzielen.

Laut Entwurf kann nach geltendem Recht ein Betreuer in eine ärztliche Zwangsmaßnahme nur einwilligen, wenn diese im Rahmen eines Aufenthalts in einem Krankenhaus durchgeführt wird. Mit der geplanten Neuregelung setzt die Bundesregierung ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 26. November 2024 um. Das Gericht hatte entschieden, dass diese ausnahmslose Vorgabe in bestimmten Einzelfällen zu einem unangemessenen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit führen kann, und dem Gesetzgeber eine Neuregelung spätestens bis zum 31. Dezember 2026 aufgegeben.

Der Krankenhausaufenthalt soll laut Entwurf Regelfall bleiben. Der Betreuer solle in eine Zwangsmaßnahme außerhalb eines Krankenhauses nur einwilligen können, wenn dem Betroffenen durch die Verbringung oder den Aufenthalt im Krankenhaus erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigungen drohen und diese außerhalb des Krankenhauses voraussichtlich vermieden oder signifikant reduziert werden können. Der alternative Behandlungsort müsse die erforderliche medizinische Versorgung einschließlich der Nachversorgung den Krankenhausstandard nahezu erreichen.

Die Einwilligung des Betreuers bedarf weiterhin der Genehmigung des Betreuungsgerichts. „Diese Regelung erfordert somit eine individuelle Betrachtung des jeweiligen Einzelfalls, bei dem anhand von konkreten Anhaltspunkten eine Bewertung der in Betracht gezogenen Maßnahme vorgenommen wird“, führt die Bundesregierung aus. Die neue Norm soll im bestehenden Paragraf 1832 des BGB ergänzt werden.

Zur Stärkung des Grundsatzes, dass Zwangsmaßnahmen nur als letztes Mittel (ultima ratio) eingesetzt werden dürfen, sieht der Entwurf zudem zusätzliche Dokumentations- und Prüfpflichten vor. Die Feststellung des zu beachtenden Willens des Betroffenen soll stärker dokumentiert werden. Zudem sollen Verfahrenspfleger in Unterbringungssachen gestärkt und grundsätzlich verpflichtend bestellt werden.

Der Bundesrat verlangte in seiner Stellungnahme weitergehende Änderungen wie bestimmte Ausnahmen von betreuungsrechtlichen Genehmigungsvorschriften. Die Bundesregierung lehnte diese ab. Ebenfalls ablehnend äußerte sich die Bundesregierung zu dem Vorschlag, bei bestimmten freiheitsentziehenden Maßnahmen auf die Bestellung eines Verfahrenspflegers verzichten zu können. Eine vom Bundesrat geforderte Verlängerung der gerichtlichen Genehmigungsdauer ärztlicher Zwangsmaßnahmen von sechs Wochen auf drei Monate wurde als „zu weitgehend“ abgelehnt.

Konrad Veitenhansl, Leiter des Betreuungsgerichts beim Amtsgericht München, der ebenfalls auf Vorschlag der CDU/CSU-Fraktion zur Anhörung eingeladen wurde, lobte die Umsetzung der BVerfG-Entscheidung. Gleichzeitig begrüßte er die in der Stellungnahme des Bundesrates enthaltenen Änderungsanträge bezüglich postoperativer Maßnahmen, der Bestellung eines Verfahrenspflegers und der Anpassung beziehungsweise Verlängerung der Fristen. Letzteres sei aus der betreuungsgerichtlichen Praxis uneingeschränkt zu befürworten, heißt es in seiner Stellungnahme.

Im Antrag der Linksfraktion heißt es, psychiatrische Zwangsbehandlungen seien die schwersten Grundrechtseingriffe, die in Deutschland legal praktiziert würden. Der Staat habe daher die Aufgabe, diese Eingriffe auf ein Minimum zu begrenzen. Es gebe aber nicht einmal eine systematische Erhebung zum Ausmaß der Zwangsbehandlungen, sodass die Versorgungsrealität im Dunkeln bleibe und evidenzbasiertes politisches Handeln nicht möglich sei. Laut Änderungsantrag der Grünenfraktion schafft der Gesetzentwurf für Transparenz, Qualitätssicherung und Zwangsvermeidung bislang keine ausreichende Grundlage, weshalb diese Lücke durch eine Verpflichtung der Leistungserbringer zur Qualitätssicherung um Maßnahmen zur Förderung der Selbstbestimmung und zur Vermeidung von Zwangsmaßnahmen geschlossen werden solle. Der Bundestag hatte am Donnerstag, 24. September 2026, den Gesetzentwurf der Bundesregierung in erster Lesung debattiert.

Tabaksteuer

Die von der Bundesregierung geplante Erhöhung der Tabaksteuer wird nach Ansicht der deutschen Zigarrenhersteller eine „erdrosselnde Wirkung“ für Hersteller und Fachgeschäfte haben. Dagegen erklärte der AOK-Bundesverband in einer öffentlichen Anhörung des Finanzausschusses am Montag, deutliche Tabaksteuererhöhungen seien die wirksamste Einzelmaßnahme, um den Tabakkonsum zu reduzieren und insbesondere junge Menschen vom Einstieg abzuhalten. Das zeigten internationale Erfahrungen.

Unter Leitung des amtierenden Vorsitzenden Christian Görke (Linke) befasste sich der Finanzausschuss mit dem von der Bundesregierung eingebrachten Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Tabaksteuergesetzes (21/7859). Damit soll die Steuer auf Tabakprodukte wie Zigaretten, Feinschnitt, Pfeifentabak, erhitzten Tabak, Wasserpfeifentabak und Substitute für Tabakwaren über einen Zeitraum von vier Jahren regelmäßig erhöht werden. Im kommenden Jahr werden dadurch Steuermehreinnahmen in Höhe von 756 Millionen Euro erwartet, die im Jahr 2030 bei 3,589 Milliarden Euro liegen sollen. Gegenstand der Anhörung war auch ein Änderungsantrag der Koalitionsfraktionen CDU/CSU und SPD, mit dem die Tabaksteuer noch stärker als im Regierungsentwurf vorgesehen erhöht werden soll. Die Mehreinnahmen sollen im kommenden Jahr damit sogar 1,523 Milliarden Euro betragen und sich von 2027 bis 2030 auf 11,7 Milliarden Euro summieren.

Der Bundesverband der Zigarrenindustrie warnte vor der Erhöhung, die eine Verzwanzigfachung der Steuer auf Zigarren bedeute und zu Preiserhöhungen von 50 bis 60 Prozent führen werde. Die überwiegend mittelständischen Firmen müssten die Steuererhöhung vorfinanzieren, sodass es keine Mittel zum Auffangen von Kostensteigerungen mehr gebe. Statt zu Steuermehreinnahmen werde es zu einer ernsthaften wirtschaftliche Bedrohungslage für die lokalen Zigarrenhersteller, ihre 1.600 tarifgebundenen Beschäftigten und für den Fachhandel kommen. Für die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) ist es nicht nachvollziehbar, dass keine Folgenabschätzung für die Beschäftigungslage in der Branche vorgenommen worden sei. Der Großteil dieser Arbeitsplätze liege in ländlichen und wirtschaftsschwachen Regionen und könne durch die Steuererhöhungen gefährdet sein.

Darauf wies auch Professor Fritz Söllner (Technische Universität Ilmenau) hin. Im Entwurf werde außerdem sehr deutlich gemacht, dass der fiskalische Zweck eindeutig überwiege und dass der Gesundheitsschutz nur ein Nebenaspekt sei. „Es geht nur um das Stopfen von Haushaltslöchern“, sagte Söllner. Nach seiner Ansicht kann die Tabaksteuer weder aus steuersystematischer noch aus wohlfahrtstheoretischer Sicht gerechtfertigt werden. Daher „sollte sie natürlich nicht nur nicht erhöht, sondern vielmehr ganz abgeschafft werden“, forderte Söllner. Solange dies aus EU-Gründen noch nicht möglich sei, sollte die Steuer möglichst einfach gestaltet und die Steuersätze sollten auf das europarechtlich zulässige Minimum gesenkt werden.

Der Verband der deutschen Rauchtabakindustrie geht davon aus, dass die erhofften Mehreinnahmen „unter keinen Umständen“ fließen werden. Einziger Gewinner werde der Schwarzmarkt sein. Damit wandere der Konsum in Ware ohne Alters- und Qualitätskontrolle. In Deutschland würden illegale Zigarettenfabriken entstehen, warnte der Verband. Auch der Bundesverband der Tabakwirtschaft und neuartiger Erzeugnisse nannte die im Regierungsentwurf vorgesehenen Tabaksteuererhöhungen für Zigaretten und Feinschnitt zu hoch. Sie würden die Stabilität des legalen Marktes und des Steueraufkommens gefährden. Die im Änderungsantrag vorgesehenen nochmals deutlich höheren Steuersätze für Zigaretten würden diese Risiken zusätzlich verschärfen. Mit Blick auf Erfahrungen in anderen Ländern warnte der Verband: „Drastische Steuererhöhungen bedeuten nicht automatisch mehr Einnahmen.“

Die Deutsche Zoll- und Finanzgewerkschaft erkannte die Erhebung und Anpassung von Verbrauchsteuern als legitimes Instrument des Gesetzgebers an. Steuerpolitik und Vollzug dürften aber nicht voneinander getrennt betrachtet werden. Die erwarteten Mehreinnahmen könnten nur dann realisiert und dauerhaft gesichert werden, wenn der legal versteuerte Markt stabil bleibe und Ausweichbewegungen in unversteuerte, geschmuggelte oder gefälschte Produkte wirksam begrenzt werden könnten. „Genau hierfür ist eine leistungsfähige Zollverwaltung unverzichtbar“, so die Gewerkschaft, die auch warnte: „Der boomende Tabakschwarzmarkt bringt die betroffenen Bereiche des Zolls bereits heute an Belastungsgrenzen.“ Die illegale Produktion von Zigaretten habe sich in Deutschland bereits etabliert und sei Nährboden für die organisierte Kriminalität.

Der AOK-Bundesverband erklärte, Rauchen sei das größte vermeidbare Gesundheitsrisiko, das man kenne. Es gebe täglich 350 Todesfälle. Die Maßnahmen des Gesetzentwurfs bewegen sich „in einer Größenordnung, die geeignet ist, eine relevante Steuerungswirkung auf das Konsumverhalten zu entfalten“. Der Änderungsantrag der Koalitionsfraktionen bringt laut AOK Verbesserungen an entscheidender Stelle, da der Preissprung im ersten Jahr insgesamt deutlich stärker ausfallen und auch der Preisanstieg bei Feinschnitt stärker ausfallen würde, um ein Ausweichen auf die günstige Alternative Drehtabak zu verringern.

Katrin Schaller (Deutsches Krebsforschungszentrum) begrüßte, dass mit der Änderung des Tabaksteuergesetzes deutliche Tabaksteuererhöhungen für Zigaretten und Feinschnitt umgesetzt werden sollen. Denn deutliche Tabaksteuererhöhungen seien die wirksamste Maßnahme, um rauchende Personen zum Rauchstopp zu motivieren und Jugendliche vom Einstieg ins Rauchen abzuhalten. Es sei nicht zwangsläufig, dass der Schwarzmarkt durch die Steuererhöhung wachsen werde.

Auch Tobias Effertz (Universität Hamburg) lobte die Steuererhöhung als echten Schritt in Richtung Prävention und wirksamer Reduzierung der durch das Rauchen verursachten gesundheitlichen Kosten in Deutschland. Die Tabaksteuer sei das „effektivste Instrument“, Raucher zur Reduzierung des Konsums zu bewegen. Effertz erklärte, die ökonomischen Kosten des Rauchens würden sich unter Berücksichtigung neuer medizinischer Therapien in der Krebsbehandlung, einer älter werdenden Bevölkerung in Deutschland und der allgemeinen Lohn- und Preisentwicklungen auf rund 38 Milliarden Euro im Gesundheitswesen summieren.

Das Herz und die Chemo

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Forschende der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg haben den molekularen Mechanismus entschlüsselt, über den das gängige Chemotherapeutikum Doxorubicin das Herz schädigen kann. Schutz bot in präklinischen Versuchen ein anderes Krebsmedikament. Die Ergebnisse sind in „Nature Communications“ erschienen.

Das Chemotherapeutikum Doxorubicin wird erfolgreich zur Behandlung verschiedener Krebsarten eingesetzt, kann jedoch als Nebenwirkung den Herzmuskel schädigen. Forschende der Medizinischen Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg haben nun den molekularen Signalweg identifiziert, über den Doxorubicin die Herzschäden verursacht. Zudem entdeckten sie, dass der ebenfalls als Krebsmedikament zugelassene Wirkstoff SAHA (Suberoylanilid-Hydroxamsäure) in Zell- und Tierversuchen die schädlichen Mechanismen in Herzmuskelzellen abschwächt und so das Herz schützen könnte.

Doxorubicin ist eines der am häufigsten eingesetzten Chemotherapeutika unter anderem bei Brustkrebs, Lungenkrebs, bestimmten Sarkomen sowie Leukämien und Lymphomen. Seine Anwendung wird jedoch durch das Risiko einer sogenannten Kardiotoxizität begrenzt, also einer Schädigung des Herzmuskels, die langfristig zu Herzschwäche führen kann. „Eine ausgeprägte Herzschwäche tritt zwar nur selten auf, allerdings werden bei rund einem Viertel der Patientinnen und Patienten messbare Veränderungen der Herzfunktion nachgewiesen, die langfristig das Risiko einer Herzschwäche erhöhen“, so Professor Dr. Norbert Frey, Medizinische Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg, Ärztlicher Direktor der Abteilung für Kardiologie, Angiologie und Pneumologie des Universitätsklinikums Heidelberg (UKHD) und Co-Autor der Studie. „Besonders gefährdet sind Personen mit vorbestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung – und eine wirksame Strategie zur Prävention der Herzschäden fehlt bislang.“

Das Team um Professor Dr. Lorenz Lehmann, Medizinische Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg und Leiter der Sektion Kardio-Onkologie am UKHD, zeigte in Zell- und Tierversuchen, dass Doxorubicin die Aktivität bestimmter Gene in den Herzmuskelzellen verändert. Dabei spielen die Proteine Topoisomerase IIβ und MEF2 (Myocyte Enhancer Factor 2) eine zentrale Rolle. Es kommt zu einer Kettenreaktion: Doxorubicin führt dazu, dass sich das Enzym Topoisomerase IIβ verstärkt an bestimmte Bereiche der DNA in Herzmuskelzellen anlagert, an die auch MEF2 bindet. Diese Kombination hat zur Folge, dass MEF2 zahlreiche Gene überaktiviert. Das setzt die krankhaften Umbauprozesse im Herzen in Gang. Der Wirkstoff SAHA, der zur Therapie bei bestimmten Formen von Lymphomen eingesetzt wird, unterdrückte in den Untersuchungen diese Fehlregulation. Die Forschenden wiesen nach, dass SAHA über mehrere Zwischenschritte die schädliche Aktivierung von MEF2 bremst. In Mäusen verringerte SAHA die durch Doxorubicin verursachten Herzschäden.

„In unseren Arbeiten haben wir erstmals gezeigt, dass es sich bei der Entstehung der Herzschäden um einen mehrschrittigen Mechanismus handelt, der medikamentös beeinflusst werden kann“, sagt Professor Lehmann. „Das eröffnet mögliche Perspektiven für die Entwicklung gezielter Strategien, um das Herz bei Chemotherapien zu schützen. SAHA hat hier eindeutig Potenzial.“ Ob der Wirkstoff seine herzschützende Wirkung auch beim Menschen entfaltet und bei Krebspatientinnen und -patienten trotz eigener Nebenwirkungen sicher eingesetzt werden kann, müssen künftige klinische Studien zeigen. Dass SAHA bereits zugelassen ist, könnte die Weiterentwicklung für diesen Anwendungsbereich beschleunigen.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Professor Dr. Lorenz Lehmann
Medizinische Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg
Sektionsleitung Kardio-Onkologie, Leitung Coronary-Care-Unit (CCU)
Klinik für Kardiologie, Angiologie und Pneumologie
Universitätsklinikum Heidelberg
lorenz.lehmann@med.uni-heidelberg.de

Originalpublikation:
Eksi B, Finke F et al. HDAC inhibition via suberoylanilide hydroxamic acid ameliorates doxorubicin-induced cardiotoxicity. Nat Commun 17, 9505 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-77428-w