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Bürgergeld-Empfänger

Bürgergeld-Empfänger:innen stellen den Mitarbeitenden der Jobcenter ein gutes Zeugnis aus. 68 Prozent der Leistungsbeziehenden sind mit der Arbeit des Jobcenters zufrieden,
72 Prozent finden, die Berater:innen seien kompetent. Trotzdem sagt knapp die Hälfte,
dass ihnen die Termine beim Jobcenter "nichts bringen“, also ihre Erfolgschancen auf dem Arbeitsmarkt nicht verbessern. Das ist das Ergebnis einer Befragung von 1.006 Personen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, die seit mindestens einem Jahr Bürgergeld beziehen.

Die Bertelsmann Stiftung hat Langzeitarbeitslose gebeten, die Betreuung in den Jobcentern zu bewerten. Befragt wurden mehr als 1.000 Personen im Alter von 25 bis 50 Jahren, die aktuell arbeitslos sind und seit mindestens einem Jahr Bürgergeld beziehen. Die Rückmeldungen fallen in vielen Punkten positiv aus: Mehr als zwei Drittel der Befragten sind mit der Arbeit ihres Jobcenters zufrieden, knapp drei Viertel halten die Mitarbeitenden für kompetent. Zwei Drittel geben an, dass im Beratungsgespräch auch Weiterbildungsangebote thematisiert wurden.

Wirksame Aktivierung von Langzeitarbeitslosen kommt zu kurz

Trotz dieser insgesamt positiven Einschätzung zweifeln viele Langzeitarbeitslose an der Wirkung der Gespräche. 47 Prozent stimmen der Aussage zu, dass ihnen Termine im Jobcenter „nichts bringen“, also ihre Erfolgschancen auf dem Arbeitsmarkt nicht verbessern. „Beratung und Vermittlung sind Kernaufgabe der Jobcenter. Vermittlungshemmnisse müssen abgebaut werden. Doch gerade bei Personen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt kommen diese Aufgaben häufig zu kurz“, sagt Tobias Ortmann, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung. „Jobcenter nutzen ihre begrenzten Kapazitäten vor allem zur regelmäßigen Betreuung von Leistungsbeziehenden, die größere Chancen auf die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt haben. Deswegen fehlt die Zeit, Arbeitslose mit Vermittlungshemmnissen zu betreuen.“ 46 Prozent der Arbeitslosen im Bürgergeld haben mehrere Vermittlungshemmnisse, wie beispielsweise Krankheiten oder fehlende Qualifikationen. Der Erfolg der Betreuung müsse deswegen – entgegen bisheriger Konzepte – auch an der Förderung marktfernerer Langzeitarbeitsloser bemessen werden. Wenn solche Angebote in Form von Coaching, Qualifikation oder konkreten Stellenangeboten stattfinden, honorieren die Langzeitarbeitslosen das: Dann fällt das Urteil über ihre Betreuung deutlich positiver aus.

Aber Zufriedenheit mit dem Jobcenter allein ist kein Gradmesser: Von arbeitsmarktnäheren Leistungsbeziehenden sollte stärker eine eigenständige Jobaufnahme gefordert werden, auch wenn darunter die Zufriedenheit leidet. Sanktionierte Langzeitarbeitslose oder solche, die zur Jobsuche aufgefordert wurden, sind tendenziell unzufriedener mit dem Jobcenter. Dennoch gilt es, die Vermittlung in Arbeit zu intensivieren. Die Vermittlungsquote der Arbeitsverwaltung ist von 13,9 Prozent im Jahr 2014 auf 4,9 Prozent im Jahr 2024 gesunken.

Die Bertelsmann Stiftung hatte sich bereits zuvor in zwei Publikationen mit dem Bürgergeld und Langzeitarbeitslosen beschäftigt. Die bereits veröffentlichte Studie zu den Eigenbemühungen der Leistungsempfänger:innen zeigte, dass mehr als die Hälfte der Bürgergeld-Empfänger:innen, die seit mehr als einem Jahr arbeitslos sind, in den vergangenen vier Wochen nicht nach einem Job gesucht hat, allerdings haben 43 Prozent noch nie ein Jobangebot bekommen. Das Focus Paper mit Daten zur Grundsicherung und Reformoptionen zeigte, dass die Jobcenter immer mehr Geld für das Verwalten und deutlich weniger für die Arbeitsförderung ihrer Kund:innen ausgeben.

Zu viel Verwaltung, zu wenig Zeit für Beratung

39 Prozent der Befragten bemängeln in der aktuellen Umfrage, dass Mitarbeitende des Jobcenters nur schwer erreichbar sind. Viele machen dafür strukturelle Probleme verantwortlich: Vermittlungsfachkräfte hätten zu wenig Zeit für Gespräche, es komme häufig zu Personalwechseln. Zudem werde ein erheblicher bürokratischer Aufwand wahrgenommen, der Kapazitäten bindet. „Jobcenter-Mitarbeitende verbringen zu viel Zeit mit Bürokratie. Damit mehr Zeit für individuelle Beratung bleibt, müssen Verfahren vereinfacht und stärker digitalisiert werden“, sagt Roman Wink, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung. „Wir sollten Leistungen zusammenfassen und pauschalieren und Verwaltungsprozesse so gestalten, dass sie Mitarbeitende der Jobcenter entlasten. So schaffen wir mehr Raum für Kundenkontakte.“

Fördern und Fordern mit klaren Regeln auf beiden Seiten

In den Beratungsgesprächen gilt es außerdem, Erwartungen frühzeitig zu klären – auf beiden Seiten. 82 Prozent der befragten Langzeitarbeitslosen sagen, der Staat müsse Menschen in schwierigen Lebenslagen finanziell unterstützen. Gleichzeitig ist eine Mehrheit der Ansicht, dass mit dieser Unterstützung auch Pflichten verbunden sein können: 55 Prozent stimmen der Aussage zu, dass von Bürgergeld-Empfänger:innen eine Gegenleistung erwartet werden kann. Diese Einstellungen sollten auch den Vermittlungsprozess prägen. Deshalb müssen die Kooperationsvereinbarungen zwischen den Arbeitslosen und den Jobcentern über die gesamte Betreuungsdauer hinweg gepflegt werden. Ziele, Pflichten und Unterstützung müssen verständlich vereinbart und bei Bedarf nachjustiert werden, damit sich weder falsche Vorstellungen noch überzogene Erwartungen verfestigen.

Hier ist der Link zur Studie.

Zusatzinformationen: Die Studie ist Teil der Untersuchung "Lebenssituation und Erfahrungen von Bürgergeldbeziehenden (LEBez)" des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) und des SOKO Instituts im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Die Erhebung erfolgte vom 15. April bis 18. Juni 2025. Zielgruppe waren erwerbsfähige Leistungsbeziehende zwischen 25 und 50 Jahren, die mindestens seit einem Jahr Bürgergeld beziehen und arbeitslos oder arbeitsuchend sind. Zum 1. Juli soll das Bürgergeld zur „neuen Grundsicherung“ reformiert werden. Die Stichprobe wurde vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gezogen. Die Genehmigung erfolgte durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS).

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Tobias Ortmann, Telefon: 0 52 41 81 81-181
E-Mail: tobias.ortmann@bertelsmann-stiftung.de

Roman Wink, Telefon: 0 52 41 81 81-560
E-Mail: roman.wink@bertelsmann-stiftung.de

Originalpublikation:
https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2026/langzeitar...

Suizidversuch

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Ein einziges Gespräch kann den Unterschied machen: 

Kurze, strukturierte Interventionen nach einem Suizidversuch senken das Risiko für einen erneuten Versuch deutlich. 

Dies zeigt eine internationale Meta-Analyse unter Leitung der Universität Zürich

Menschen, die bereits einen Suizidversuch hinter sich haben, weisen ein deutlich höheres Risiko für weitere Versuche auf. 

Gleichzeitig erhält nur etwa ein Drittel von ihnen danach eine weiterführende Behandlung. 

Hier setzen sogenannte «Brief Interventions and Contacts» an – strukturierte, zeitlich begrenzte Massnahmen direkt nach einem Suizidversuch. Dazu gehören beispielsweise Sicherheitspläne, kurze psychotherapeutische Massnahmen wie Problemlösetherapie, psychoedukative Elemente sowie regelmässige Kontakte per Telefon oder Brief.

Ein Team unter der Leitung von Psycholog:innen der Universität Zürich hat nun untersucht, ob Kurzinterventionen nach einem Suizidversuch weitere Versuche verhindern können. Zudem prüfte das Team, ob sie Suizidgedanken verringern, selbstverletzendes Verhalten reduzieren und die Anbindung an die psychiatrische oder psychologische Versorgung verbessern.

Eindeutig weniger erneute Suizidversuche
Dazu analysierten die Forschenden 36 randomisierte kontrollierte Studien aus den Jahren 1993 bis 2025 mit insgesamt rund 9’500 erwachsenen Teilnehmenden aus Europa, Amerika, Asien, dem Nahen Osten sowie Australien und Neuseeland. In die statistische Gesamtauswertung wurden 33 Studien einbezogen. Alle Teilnehmenden hatten mindestens einen Suizidversuch unternommen.

Das zentrale Ergebnis: Personen, die eine Kurzintervention erhielten, hatten eine um 28 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit eines erneuten Suizidversuchs als Personen, die nur die übliche medizinische Versorgung erhielten. Im Durchschnitt wurden die Teilnehmenden über einen Zeitraum von rund zehn Monaten nachbeobachtet.

Auch Suizidgedanken nahmen ab. Dieser Effekt zeigte sich vor allem in den ersten Monaten nach der Intervention und schwächte sich mit der Zeit etwas ab. Keine klaren Effekte fanden sich hingegen für selbstverletzendes Verhalten ohne Suizidabsicht sowie für die Anbindung an die psychiatrische oder psychologische Versorgung. Für die Auswertung dieser Aspekte standen weniger Studien zur Verfügung.

Niederschwellig, skalierbar, praxisnah
«Bereits eine einzige strukturierte Sitzung kann wirksam sein», sagt Erstautorin Stephanie Homan vom Psychologischen Institut der Universität Zürich. «Diese Kurzinterventionen sind besonders in Notaufnahmen, auf psychiatrischen Stationen oder in der ambulanten Versorgung relevant – also überall dort, wo personelle und finanzielle Ressourcen begrenzt sind.» Sie eignen sich etwa im Anschluss an eine Notfallbehandlung oder nach einem Spitalaustritt. Gleichzeitig betont Homan, dass Kurzinterventionen keine intensiveren Therapien ersetzen können. Vielmehr können sie eine erste, rasch verfügbare Unterstützung bieten und Teil umfassender Präventionsstrategien sein.

Wirkmechanismen und Langzeiteffekte besser erforschen
Welche konkreten Bestandteile dieser Kurzinterventionen besonders wirksam sind und welche Personengruppen am meisten davon profitieren, bleibt offen. Um dies zu klären, sollen weitere ausreichend grosse Studien unterschiedliche Interventionsformen direkt vergleichen, die zugrunde liegenden Wirkmechanismen besser verstehen und Zielgruppen präziser identifizieren. Zudem gilt es zu klären, wie sich die Effekte langfristig stabilisieren lassen und welche Rolle digitale Formate dabei spielen können.

Gestützt auf die bereits gewonnenen Erkenntnisse entwickelt das Forschungsteam derzeit neue Interventionen, um Menschen nach einem Suizidversuch künftig noch gezielter zu unterstützen.

Literatur
Homan et al. Effectiveness of brief interventions and contacts after suicide attempt: a systematic review and meta-analysis. eClinicalMedicine. March 2026. DOI: 10.1016/j.eclinm.2026.103824
 

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Stephanie Homan, PhD
Experimentelle Psychopathologie und Psychotherapie
Psychologisches Institut
Universität Zürich
Tel. ‪+41 58 384 28 02‬
E-Mail: stephanie.homan@psychologie.uzh.ch

Originalpublikation:
Homan et al. Effectiveness of brief interventions and contacts after suicide attempt: a systematic review and meta-analysis. eClinicalMedicine. March 2026. DOI: 10.1016/j.eclinm.2026.103824

Pilzarten

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Einer Studie der Universität Trier nach ist man damit in Deutschland nicht allein. In der Bevölkerung sind kaum Kenntnisse über Champignon und Co vorhanden.

Im Rahmen der Studie aus der Biologie-Didaktik wurde das Wissen über einheimische Pilzarten in einer repräsentativen Stichprobe von 747 Personen in Deutschland untersucht. Sie zeigte erhebliche Wissenslücken in Bezug auf Pilzarten, die vermutlich zur anhaltenden Vernachlässigung der Organismengruppe der Pilze in Forschung, Naturschutz und Bildung beiträgt. Das könnte negative Folgen für die Erreichung globaler Biodiversitätsziele haben.

Im Durchschnitt konnten die Teilnehmenden nur 16,7 % der gezeigten heimischen Pilzarten korrekt identifizieren – mehr als ein Viertel war nicht in der Lage, eine einzige Art zu bestimmen. Nur etwa ein Drittel erkannte den Speisewert richtig. 70 % konnten keine 5 Pilzarten auflisten. Die Mehrheit ging fälschlicherweise davon aus, dass Pilze Pflanzen seien.

Die Autorinnen und Autoren betonen daher, dass Pilze in Lehrplänen, Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit stärker berücksichtigt werden sollten, da Artenkenntnis als wichtige Grundlage für umweltfreundliches Verhalten und Naturschutz gilt. „Menschen neigen dazu, nur das zu schätzen und zu schützen, was sie kennen“, erklärt Autorin Ina Schanz. „Daher ist eine zentrale Voraussetzung für den Schutz der Biodiversität die sogenannte Species Literacy – also die Artenkenntnis, die neben der Fähigkeit zu deren Identifikation auch das Wissen über Arten, deren Lebensräume und ihre ökologische Bedeutung umfasst.“
Pilze mit Image-Problem

Frühere Studien zeigten, dass die Artenkenntnis in der Bevölkerung in Bezug auf Tiere und Pflanzen allgemein niedrig ist. Besonders wenig bekannt war bislang über das Wissen zu Pilzen, obwohl sie nach den Tieren das zweitgrößte Organismenreich darstellen. Pilze werden häufig negativ konnotiert, etwa im Zusammenhang mit Krankheiten, Schimmel oder Vergiftungen. Diese Wahrnehmung verdeckt ihre enorme ökologische und auch gesellschaftliche Bedeutung. Pilze sind für das Funktionieren der Ökosysteme unverzichtbar.

Als wichtigste Zersetzer organischer Substanz spielen sie eine zentrale Rolle in Stoffkreisläufen, interagieren mit Pflanzen und Mikroorganismen und liefern dem Menschen wertvolle Substanzen wie Antibiotika und cholesterinsenkende Medikamente. Dennoch gab es kaum Studien zum Artenwissen über Pilze – insbesondere in Deutschland. Diese Forschungslücke wurde in der aktuellen Studie angegangen.

Als Konsequenz aus den Ergebnissen entwickelt das Team der Universität Trier derzeit ein neues Pilzmodul im Lehr-Lern-Labor Biologie, das Schülerinnen und Schülern die Vielfalt, Morphologie und die ökologische Bedeutung der Pilze näherbringen soll. Ziel ist es, Artenkenntnis und Naturbewusstsein frühzeitig zu fördern und damit langfristig zu einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) beizutragen.

Zur Studie: https://www.nature.com/articles/s41598-026-41150-w

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Dr. Simon Thijs
Ina Schanz & Prof. Dr. Martin Remmele
Biologie und ihre Didaktik
Mail: schanz@uni-trier.de
Tel. +49 651 201-4638

Vitamin B2 (Riboflavin)

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Ein Mangel an Vitamin B2 macht Tumorzellen anfälliger für eine spezielle Form des Zelltods. Das haben Forschende des Rudolf-Virchow-Zentrums der Uni Würzburg herausgefunden.

Der menschliche Körper kann Vitamin B2 (Riboflavin) nicht selbst herstellen, er muss den wichtigen Stoff über die Nahrung aufnehmen. Zu finden ist das Vitamin in Milchprodukten, Eiern, Fleisch und grünem Gemüse. Der Stoffwechsel wandelt es in Moleküle um, die unter anderem für den Schutz der Zelle vor oxidativen Schäden zuständig sind.

Forschende des Rudolf-Virchow-Zentrums (RVZ) der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) haben herausgefunden, dass diese Funktion des Vitamins auch eine Kehrseite hat: Sie schützt auch Krebszellen.

„Vitamin B2 spielt eine entscheidende Rolle dabei, Krebszellen vor der Ferroptose zu schützen, einer speziellen Form des programmierten Zelltods“, so die Doktorandin Vera Skafar. Sie forscht in der Arbeitsgruppe von José Pedro Friedmann Angeli, Professor für Translationale Zellbiologie. Die Ergebnisse sind im renommierten Fachmagazin Nature Cell Biology erschienen.

Wie Vitamin B2 und die Ferroptose zusammenhängen

Der Körper des Menschen nutzt den Mechanismus des programmierten Zelltods, um beschädigte oder gefährliche Zellen kontrolliert “sterben” zu lassen, ohne dass es dabei im umliegenden Gewebe zu Entzündungen kommt. Die Spezialform der Ferroptose wird mit vielen krankhaften Zuständen in Verbindung gebracht, darunter Krebs und Neurodegeneration.

Im Gegensatz zu anderen Wegen des Zelltods wird die Ferroptose ausgelöst, wenn die durch Eisen verursachte Lipid-Peroxidation den anti-oxidativen Schutz einer Zelle überfordert. Krebszellen umgehen die Ferroptose häufig, indem sie ihre Redox-Abwehrsysteme verstärken. Die Studie hebt den Vitamin-B2-Stoffwechsel als wichtigen Faktor für diese Abwehrmechanismen hervor und legt nahe, dass die gezielte Bekämpfung von Vitamin-B2-abgeleiteten Kofaktoren die Ferroptose-Resistenz schwächen und Tumore anfälliger machen könnte.

Ein potenzieller Hemmstoff

Um gesunde Zellen vor dem Tod zu schützen, kümmert sich unter anderem das Protein FSP1, das ein Forschungsschwerpunkt der Arbeitsgruppe ist. Vitamin B2 unterstützt das Protein bei der Aufgabe. Per Genom-Editierung und mit Krebszell-Modellen beobachteten die Forschenden, dass ein Mangel des Vitamins Krebszellen anfälliger für die Ferroptose machte.

Das müsste sich im Idealfall therapeutisch nutzen lassen: Den Stoffwechsel-Weg von Vitamin B2 ausschalten und damit gezielt den Tod der Krebszellen auslösen. „Es fehlt aber bisher ein Hemmstoff, der das kann“, sagt Skafar. Die Gruppe umging diese Einschränkung, indem sie Roseoflavin einsetzten, eine natürliche Verbindung mit einer ähnlichen Struktur wie Vitamin B2. Roseoflavin wird von Bakterien produziert.

Auf dem Weg zu gezielten Krebstherapien durch Ferroptose

Im Labor testete die Arbeitsgruppe von Professor Friedmann Angeli den Wirkstoff in Krebszell-Modellen: „Es zeigte sich, dass Roseoflavin in niedriger Konzentration eine Ferroptose anstößt“, so der Gruppenleiter, „unsere Experimente zeigen die Machbarkeit dieses Konzepts.“ Die Studie eröffne damit den Weg, gezielte Krebstherapien auf Ferroptose-Grundlage zu entwickeln.

Im nächsten Schritt will die RVZ-Arbeitsgruppe Inhibitoren des Vitamin-B2-Stoffwechsels entwickeln, um deren Einsatz in präklinischen Krebsmodellen zu testen.

Friedmann Angeli fügt hinzu: „Ferroptose ist nicht nur für Krebs relevant. Immer mehr Hinweise deuten darauf hin, dass sie auch zu pathologischen Prozessen bei neurodegenerativen Erkrankungen und bei Gewebeschäden nach Organtransplantationen oder Ischämie-Reperfusionsschäden beiträgt.“ Zu verstehen, wie der Vitamin-B2-Stoffwechsel die Ferroptose beeinflusst, könnte weitreichende Auswirkungen auf Erkrankungen haben, bei denen eine übermäßige oder unzureichende Ferroptose eine Rolle spielt.

Förderung

Die Studie erhielt Förderung aus dem Schwerpunktprogramm „Ferroptose: von den molekularen Grundlagen bis zur klinischen Anwendung“ (SPP2306) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Zudem lief sie unter dem Projekt DeciFerr (Deciphering and exploiting ferroptosis regulatory mechanism in cancer) von Professor Friedmann Angeli. Dieses wird vom Europäischen Forschungsrat (ERC) seit Mai 2024 mit einem ERC Consolidator Grant und knapp zwei Millionen Euro gefördert.

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Prof. Dr. José Pedro Friedmann Angeli, Rudolf-Virchow-Zentrum – Centre for Integrative and Translational Bioimaging, Universität Würzburg, pedro.angeli@virchow.uni-wuerzburg.de

Vera Skafar, Rudolf-Virchow-Zentrum – Centre for Integrative and Translational Bioimaging, Universität Würzburg, vera.skafar-amen@uni-wuerzburg.de

Originalpublikation:
Riboflavin metabolism shapes FSP1-driven ferroptosis resistance. Vera Skafar Amen, Izadora de Souza, Biplab Ghosh, Ancely Ferreira dos Santos, Florencio Porto Freitas, Zhiyi Chen, Shibo Sun, Merce Donate, Palina Nepachalovich, Lars Seufert, Sebastian Bothe, Juliane Tschuck, Apoorva Mathur, Ariane Nunes-Alves, Jannik Buhr, Camilo Aponte-Santamaría, Werner Schmitz, Matthias Mack, Martin Eilers, Ralf Bargou, Milena Chaufan, Mayher Kaur, Mario Palma, Jessalyn M. Ubellacker, Ulrich Elling, Hellmut G. Augustin, Kamyar Hadian, Svenja Meierjohann, Bettina Proneth, Marcus Conrad, Maria Fedorova, Hamed Alborzinia, José Pedro Friedmann Angeli. Nature Cell Biology, 13. März 2026, https://doi.org/10.1038/s41556-025-01856-x
Weitere Informationen finden Sie unter
Informationen zum ERC Consolidator Grant

Das Stresshormon Cortisol

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Das Stresshormon Cortisol stört das Navigationssystem des Gehirns. Es beeinträchtigt die Funktion der sogenannten Gitterzellen, die für die Orientierung entscheidend sind. Das zeigten Forschende der Ruhr-Universität Bochum in einer bildgebenden Studie mit 40 Personen. Die Teilnehmenden absolvierten ein virtuelles Navigationsexperiment, während ihre Gehirnaktivität im Kernspintomografen aufgezeichnet wurde. Hatten sie zuvor das Stresshormon Cortisol eingenommen, schnitten sie schlechter ab und das präzise Aktivitätsmuster der Gitterzellen verschwamm. Die Ergebnisse wurden online am 12. März 2026 in der Zeitschrift PLOS Biology veröffentlicht.

Dass Stress das menschliche Verhalten und Denken beeinflusst, ist hinlänglich bekannt. Doch wie genau das Stresshormon Cortisol die Schaltkreise im Gehirn stört, die für die Navigation zuständig sind, war bisher kaum verstanden. Ein Team um Dr. Osman Akan vom Bochumer Lehrstuhl für Kognitionspsychologie ging dieser Frage mit Kolleginnen und Kollegen vom Lehrstuhl für Neuropsychologie der Ruhr-Universität Bochum sowie vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf nach.

Virtueller Orientierungstest im Kernspintomografen

40 gesunde Männer nahmen an dem Versuch teil, jeweils an zwei verschiedenen Tagen. An einem Tag erhielten die Probanden 20 Milligramm Cortisol, am zweiten ein Placebo. An beiden Tagen absolvierten sie einen Orientierungstest, während ihre Hirnaktivität im Kernspintomografen aufgezeichnet wurde.

Für den Test mussten die Teilnehmenden in einer virtuellen weitläufigen Wiesenlandschaft nacheinander verschiedene Bäume ansteuern, die nach der Ankunft jeweils verschwanden. Anschließend mussten sie den direkten Rückweg zum Ausgangspunkt finden, ohne dass die Strecke dorthin vorgegeben war. In einem Teil des Tests war die Umgebung völlig frei von permanenten Orientierungspunkten, die Bäume dienten lediglich als temporäre Zielpunkte. In einem anderen Teil des Tests diente ein Leuchtturm als dauerhafte Orientierungshilfe.

Schlechtere Orientierung unter Cortisol-Einfluss

Cortisol verschlechterte die Orientierung der Teilnehmenden deutlich. Verglichen mit den Ergebnissen nach der Placebo-Einnahme machten die Probanden signifikant größere Fehler beim Finden ihrer Ziele, unabhängig von räumlichen Hinweisreizen oder der Schwierigkeit der Strecke.

Neuronales Koordinatensystem fällt unter Stress aus

Der Einfluss von Cortisol zeigte sich auch in den funktionellen Kernspinaufnahmen. Ohne den Einfluss des Stresshormons Cortisol feuert eine spezielle Gruppe von Nervenzellen im entorhinalen Kortex während räumlicher Orientierungsaufgaben in einem Gittermuster – daher der Name Gitterzellen; sie bilden sozusagen das innere GPS des Menschen.

Unter dem Einfluss von Cortisol verschwamm das Aktivitätsmuster der Gitterzellen; insbesondere beim Navigieren in Umgebungen ohne Landmarken hatten die Zellen praktisch keine Funktion mehr. „Unter Stress verliert das Gehirn die Fähigkeit, seine internen Navigationskarten effektiv zu nutzen“, resümiert Osman Akan.

Zudem beobachteten die Forschenden unter Cortisol eine verstärkte Aktivierung in einem anderen Hirnareal, dem Nucleus caudatus. „Das deutet darauf hin, dass das Gehirn versucht, den Ausfall des Haupt-Navigationssystems im entorhinalen Kortex durch alternative Strategien zu kompensieren“, erklärt Akan.

Bedeutung für das Verständnis der Alzheimer-Krankheit

Der enthorinale Kortex ist diejenige Gehirnregion, die bei der Alzheimer-Erkrankung als eine der ersten geschädigt wird. „Da chronischer Stress als Risikofaktor für Demenz gilt, liefert unsere Studie einen entscheidenden Mechanismus, wie Stresshormone diese empfindliche Region destabilisieren“, sagt Osman Akan.

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Dr. Osman Akan
Kognitionspsychologie
Fakultät für Psychologie
Ruhr-Universität Bochum
Tel.: ‪+49 234 32 12894‬
E-Mail: osman.akan@ruhr-uni-bochum.de

Originalpublikation:
Osman Akan, Varnan Chandreswaran, Henry D. Soldan, Anne Bierbrauer, Nikolai Axmacher, Oliver T. Wolf, Christian J. Merz: Cortisol Treatment Impairs Path Integration and Alters Grid-like Representations in the Male Human Entorhinal Cortex, in: PLOS Biology, 2026, DOI: 10.1371/journal.pbio.‪3003661‬https://journals.plos.org/plosbiology/article?id=10.1371/journal.pbio.3003661

Erwachsene mit ADHS

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Ö

Erwachsene mit ADHS sind oft unkonzentriert und haben Probleme, ihrem Alltag eine Struktur zu geben. Viele Betroffene benötigen eine Therapie, die Plätze dafür sind jedoch rar. Eine digitale Anwendung kann hier sofort unterstützen und zeigt ähnliche Erfolge wie eine Verhaltenstherapie. Dies hat eine wissenschaftliche Studie mit 337 Erwachsenen gezeigt, die im renommierten Fachjournal Psychological Medicine veröffentlicht wurde. Erstautor ist Roberto D'Amelio von der Universität des Saarlandes.

Schätzungen zufolge leiden in Deutschland etwa zwei Millionen Erwachsene an einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS genannt. Die Anzahl der Erstdiagnosen bei Erwachsenen hat sich seit 2015 verdreifacht. Dennoch bleibt die Störung im Erwachsenenalter häufig unerkannt oder wird nur unzureichend behandelt. Hier setzt die digitale Anwendung Attexis an, deren therapeutischer Einsatz seit vergangenem August von den gesetzlichen Krankenkassen nach Vorlage eines Rezepts finanziert wird. „Die App ist wie ein verhaltenstherapeutisches Gespräch aufgebaut und hilft den Betroffenen, die für sie schwierigen Situationen zu meistern“, sagt Psychotherapeut Roberto D’Amelio, der die Dialoge für die digitale Anwendung entwickelt hat. Die virtuellen Gespräche werden durch Funktionen ergänzt, mit denen sich die Nutzer selbst überwachen und an das Gelernte erinnern können, wenn unerwünschte Verhaltensweisen wieder auftreten.

In den Dialogen werden den Nutzern der App praktische Strategien für den Alltag vermittelt, um zum Beispiel an einer Sache dranzubleiben und gedanklich nicht abzuschweifen. „Auch geben wir Tipps, wie sich impulsives Handeln bändigen lässt, denn ein Kernproblem bei ADHS ist, dass die Personen häufig vorschnell und wenig reflektiert handeln. Wenn sie lernen, Entscheidungen bewusster zu treffen und impulsives Verhalten zu regulieren, lassen sich viele Alltagssituationen besser bewältigen“, erklärt D’Amelio. Häufig litten Erwachsende mit ADHS-Diagnose zudem an mangelndem Selbstwertgefühl, da sie in der Kindheit und Jugend durch ihre Andersartigkeit oft „aneckten“ und gehänselt wurden. „Hierfür haben wir in der App achtsamkeitsbasierte Techniken eingebaut, die den Betroffenen helfen, sich selbst zu beobachten und dabei zu lernen, wie sie in bestimmten Situationen selbstbewusster auftreten können“, erklärt Diplompsychologe D’Amelio. Er verweist darauf, dass von ADHS betroffene Erwachsen häufig kreativ und begeisterungsfähig seien und die Fähigkeit hätten, andere zu motivieren.

„An unserer wissenschaftlichen Studie nahmen 337 Erwachsene im Alter von 18 Jahren und älter mit einer bestätigten ADHS-Diagnose teil. Diese haben neben ihrer üblichen Anwendung in Form einer Medikation oder Psychotherapie drei Monate lang die Attexis-App genutzt“, erläutert Roberto D’Amelio. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne diese digitale Anwendung ließ sich beobachten, dass sich die Schwere der ADHS-Symptome statistisch signifikant und klinisch relevant verbesserten. Auch gab es im beruflichen Umfeld und im sozialen Miteinander weniger Probleme und das Selbstwertgefühl und die Lebensqualität der Betroffenen konnte gesteigert werden. Zudem nahmen depressive Symptome messbar ab. „Besonders bemerkenswert ist dabei, dass die digitale Therapie ähnlich hohe Effekte aufwies wie die persönliche Psychotherapie bei ADHS. Sie wurde zudem von den Studienteilnehmern gut angenommen“, fasst D’Amelio die Forschungsergebnisse zusammen.

Die digitale Anwendung soll klassische Therapien nicht ersetzen, sondern sie begleiten oder die Wartezeit auf einen Therapieplatz überbrücken helfen. „Wir wollen damit eine Versorgungslücke schließen, da leider viele Erwachsene mit ADHS-Diagnose lange auf eine Therapie warten müssen und häufig nicht leitliniengerecht behandelt werden. Die digitale Anwendung eignet sich auch im Nachgang zu einer Psychotherapie, um dort eingeübte Verhaltensänderungen im Alltag und Berufsleben zu stabilisieren“, sagt Professor Wolfgang Retz, Leiter der ADHS-Forschungsambulanz am Universitätsklinikum des Saarlandes, der die Studie mit betreut hat. Er verweist darauf, dass digitale Interventionen bei ADHS bisher nur in kleineren Studien untersucht wurden. „Die nun vorliegende Publikation ist eine der größten randomisierten Studien zu diesem Thema und zeigt, dass digitale Interventionen auf Basis der kognitiven Verhaltenstherapie eine wirksame Ergänzung zur Behandlung von Erwachsenen mit ADHS sein können“, unterstreicht Retz.

Für die randomisierte kontrollierte Studie hat der psychologische Psychotherapeut Roberto D‘Amelio, der in diesem Kontext derzeit an der Universität des Saarlandes promoviert, mit der ADHS-Forschungsambulanz am Universitätsklinikum des Saarlandes zusammengearbeitet. Professorin Petra Retz-Junginger war dort für die wissenschaftliche Planung und methodische Umsetzung der Studie verantwortlich, damit auch für das Studiendesign, die Evaluation sowie die statistische Auswertung. Professor Wolfgang Retz begleitete als Leiter der ADHS-Forschungsambulanz die Studie in beratender Funktion und unterstützte das Projekt als klinischer Supervisor. Zudem waren zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitätskliniken in Mainz und Bonn, der Universitäten in Lübeck und Kiel sowie der Firma Gaia in Hamburg beteiligt. Letztere hat die digitale Anwendung Attexis didaktisch und technisch umgesetzt und vermarktet sie in Zusammenarbeit mit den gesetzlichen Krankenkassen.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Friederike Meyer zu Tittingdorf
Dipl. Psych. Roberto D'Amelio
Universität des Saarlandes/Universitätsklinikum des Saarlandes
Tel.: 06841 161-5850
Mail: Roberto.D.Amelio@uks.eu

Originalpublikation:
“Effectiveness of attexis, a digital intervention based on cognitive behavioral therapy for adults with ADHD: a randomized controlled trial”, Roberto D’Amelio, Linda T. Betz, Sarah M. Jow, Wolfgang Retz, Alexandra Philipsen, Jan Philipp Klein, Eva Fassbinder, Gitta A. Jacob und Petra Retz-Junginger, in: Psychological Medicine. 2026; 56:e54
doi.org/10.1017/S0033291726103390
Weitere Informationen finden Sie unter
https://doi.org/10.1017/S0033291726103390

Multitasking

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Selbst mit viel Training gelingt es dem menschlichen Gehirn nicht wirklich, zwei Aufgaben parallel durchzuführen. Zudem können bereits kleinste Abweichungen von der erlernten Routine starke Folgen darauf haben, wie schnell und erfolgreich Menschen Aufgaben gleichzeitig erledigen. Das zeigt eine neue Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), der FernUniversität in Hagen und der Hamburg Medical School. Sie erschien kürzlich im „Quarterly Journal of Experimental Psychology“.

In drei Experimenten untersuchten die Forscher, wie Menschen zwei Aufgaben gleichzeitig bewältigen, die unterschiedliche Sinne ansprechen: Zum einen sollten sie mit der rechten Hand die Größe eines kurz eingeblendeten Kreises anzeigen und zum anderen sagen, ob ein gleichzeitig eingespielter Ton hoch, mittel oder tief ist. Dabei wurde gemessen, wie schnell die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Aufgaben absolvierten und wie viele Fehler sie dabei machten. Die Aufgaben wurden bis zu zwölf Tage lang wiederholt. Dabei zeigte sich: Je häufiger die Versuchspersonen den Test absolvierten, desto schneller gelang es ihnen, beide Aufgaben fehlerfrei zu lösen. Frühere Studien mit ähnlichen Befunden hatten deshalb nahegelegt, dass sogenannte Doppelaufgaben-Kosten, also Leistungseinbußen beim gleichzeitigen Bearbeiten zweier Aufgaben, mit viel Übung fast vollständig verschwinden könnten. „Dieses als Virtually Perfect Time Sharing bekannte Phänomen galt lange als Hinweis auf echte Parallelverarbeitung im Gehirn und als Nachweis dafür, dass unser Gehirn grenzenlos multitaskingfähig ist. Die Ergebnisse unserer Studie widersprechen dieser Annahme deutlich“, sagt der Psychologe Prof. Dr. Torsten Schubert von der MLU.

Die Studie zeigt nämlich auch, dass die zugrunde liegenden kognitiven Prozesse weiterhin nicht vollständig parallel ablaufen. Und: Bereits kleinste Veränderungen an den Aufgaben sorgten dafür, dass die Fehlerquote stieg und die Versuchsteilnehmerinnen und -teilnehmer wieder länger brauchten, um die Aufgaben zu lösen. „Unser Gehirn ist sehr geschickt darin, Prozesse hintereinander zu reihen, sodass sie sich nicht mehr stören. Allerdings hat diese Optimierung ihre Grenzen. In besonders herausfordernden Situationen ermüdet unser kognitiver Apparat daher sehr schnell und wird fehleranfällig“, so Schubert weiter.

Die Studie liefert auch neue Impulse für die Sicherheitsforschung. „Unsere Ergebnisse zeigen, warum Multitasking im Alltag trotz Routine oft riskant sein kann, zum Beispiel beim Autofahren und gleichzeitigen Telefonieren. Das ist auch für Berufe mit komplexen Tätigkeiten relevant, bei denen mehrere Aufgaben parallel erledigt werden müssen, zum Beispiel Fluglotsen oder Simultanübersetzer“, so Prof. Dr. Tilo Strobach von der Medical School Hamburg. Prof. Dr. Roman Liepelt von der FernUniversität in Hagen ergänzt: „Unsere Studie rückt die Grenzen menschlicher Informationsverarbeitung in ein neues Licht. Das Verständnis solcher kognitiven Engpässe ist entscheidend, um Arbeitsprozesse, Lernumgebungen und auch Sicherheitsmaßnahmen im Alltag besser gestalten zu können.“

Originalpublikation:
Studie: Schubert, T., Liepelt, R., & Strobach, T. Evidence for a latent bottleneck after extensive dual-task practice of a visual-manual and an auditory-verbal task. Quarterly Journal of Experimental Psychology (2025). doi: 10.1177/‪17470218251396870‬
https://doi.org/10.1177/17470218251396870

Vergleichbarkeit moderner Glukosemesssysteme

Neue Studie verdeutlicht Grenzen der Vergleichbarkeit moderner Glukosemesssysteme

Kontinuierliche Glukosemesssysteme (CGM) sind ein zentrales Instrument der modernen Diabetestherapie. Eine aktuelle Studie zeigt jedoch: Selbst moderne CGM-Systeme liefern bei derselben Person teils deutlich unterschiedliche, therapieentscheidende Kennzahlen. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) sieht darin einen wichtigen Hinweis, CGM-Daten differenziert zu bewerten und die Standardisierung von Mess- und Auswertungsverfahren voranzubringen – auch mit Blick auf das digitale Disease-Management-Programm (dDMP).


In der neu veröffentlichten Vergleichsstudie in der Fachzeitschrift Diabetes Care trugen Erwachsene mit Typ-1-Diabetes drei moderne CGM-Systeme parallel über einen Zeitraum von 14 Tagen. Ziel war es ausdrücklich nicht, einzelne Geräte zu bewerten, sondern zu analysieren, wie stark sich zentrale CGM-Kennzahlen bei identischen Stoffwechselsituationen unterscheiden. Untersucht wurden unter anderem die Zeit im Zielbereich (Time in Range), Zeiten mit Unter- und Überzuckerungen sowie der aus CGM-Daten „errechnete HbA1c-Wert“ (Glucose Management Indicator, GMI).

Unterschiede mit direkter Bedeutung für Therapieentscheidungen
Die Ergebnisse zeigen, dass sich diese CGM basierten Kennzahlen teils deutlich unterscheiden können – mit direkten Konsequenzen für die Therapie. „Unsere Daten zeigen, dass Glukoseverläufe je nach verwendetem CGM-System unterschiedlich gemessen und bewertet werden können“, erklärt Dr. med. Guido Freckmann, Studienautor und Vorstandsmitglied der DDG-Arbeitsgemeinschaft Diabetes & Technologie. „Das kann dazu führen, dass abhängig vom verwendeten CGM-System Therapieziele als erreicht oder nicht erreicht gelten – und damit Therapieanpassungen unterschiedlich ausfallen, insbesondere im Hinblick auf Unterzuckerungen.“ Da CGM-Daten heute sowohl von Ärztinnen und Ärzten als auch von Menschen mit Diabetes selbst genutzt werden – etwa zur Therapieanpassung oder zur Steuerung automatisierter Insulinsysteme (AID) –, haben diese Unterschiede eine hohe praktische Relevanz für den Versorgungsalltag.

Ursache liegt in der Kalibration der Systeme– nicht bei den Betroffenen
Nach Einschätzung der DDG sind die beobachteten Unterschiede nicht auf das Verhalten der Patientinnen und Patienten zurückzuführen, sondern auf technische Unterschiede zwischen den Systemen. „Jede Firma nutzt eigene Messverfahren, sowie eigene Algorithmen um die CGM-Messwerte zu ermitteln“, so Freckmann. „Dass diese Unterschiede einen Einfluss auf die angezeigten Kennzahlen haben, ist vielen bislang nicht bewusst.“ Hinzu kommt, dass Menschen mit Diabetes ihren Blutzucker im Alltag überwiegend kapillär messen – also mithilfe von herkömmlichen Blutzuckermessgeräten, während CGM-Systeme auf unterschiedlichen Referenzen basieren können. Daher liegen Werte von CGM-Systemen entweder näher an den von in der Diabetestherapie genutzten kapillären oder den für die Diagnose verwendeten venösen Werten. Da ein systematischer Unterschied zwischen den Kompartimenten besteht, erschwert dies eine systemübergreifende Vergleichbarkeit der Daten.

DDG setzt auf Standardisierung statt gerätespezifischer Zielwerte
Vor diesem Hintergrund spricht sich die DDG klar für eine weitergehende Standardisierung von CGM-Messung und -Auswertung aus. „Die zentrale Frage ist nicht, ob wir für jedes CGM-System eigene Zielwerte brauchen“, betont Freckmann. „Vielmehr müssen wir die Systeme so weiterentwickeln, dass sie vergleichbare Messergebnisse und Kennzahlen liefern.“ Die DDG arbeitet daher derzeit an einem Positionspapier, das Empfehlungen zur besseren Vergleichbarkeit und Einordnung von CGM-Daten formulieren soll. Ziel ist es, die Grundlage für fundierte Therapieentscheidungen weiter zu stärken – sowohl in der klinischen Praxis als auch für Menschen mit Diabetes.

Bedeutung für digitale Disease-Management-Programme (dDMP)
Die Forderung nach einer besseren Vergleichbarkeit von CGM-Daten gewinnt auch im Kontext der fortschreitenden Digitalisierung der Diabetesversorgung an Bedeutung. Die DDG hat sich bereits in früheren Stellungnahmen zur Digitalisierung der Disease-Management-Programme (DMP) grundsätzlich positiv geäußert, zugleich jedoch betont, dass digitale Versorgungsangebote nur dann wirksam sein können, wenn sie auf verlässlichen und transparenten Daten basieren. Digitale DMP sollen strukturierte Versorgung, ärztliche Betreuung und patientenseitiges Selbstmanagement enger miteinander verzahnen. Voraussetzung dafür ist eine systemübergreifend verständliche Datengrundlage – insbesondere bei CGM-Kennzahlen, die künftig stärker in digitale Auswertungen, Verlaufsbeobachtungen und Entscheidungsprozesse eingebunden werden. „Digitale DMP können ein wichtiger Baustein für eine moderne, vernetzte Diabetesversorgung sein“, sagt Dr. med. Tobias Wiesner, Vizepräsident der DDG und niedergelassener Diabetologe aus Leipzig. „Damit diese Programme ihr Potenzial entfalten können, brauchen wir CGM-Daten, die unabhängig vom verwendeten System vergleichbar und nachvollziehbar sind. Die aktuellen Studiendaten zeigen sehr deutlich, warum Standardisierung hier kein technisches Detail ist, sondern eine zentrale Voraussetzung für digitale Versorgungskonzepte.“

CGM-Daten richtig einordnen
Für die aktuelle Versorgung bedeutet das: CGM-Systeme sind ein großer Fortschritt und aus der Diabetestherapie nicht wegzudenken. Ihre Daten sollten jedoch stets im Kontext des verwendeten Systems interpretiert werden – insbesondere bei Therapieanpassungen oder beim Wechsel des CGM-Systems. Wenn ein optional kalibrierbares System mit seiner Werkskalibration Werte zeigt, die systematisch unter den kapillären Werten liegen, kann man durch die Kalibration mit einem verlässlichen Blutzuckermessgerät den Unterschied beseitigen. „CGM liefert wertvolle Informationen“, so Freckmann. „Damit diese ihr volles Potenzial entfalten können, brauchen wir Transparenz, fachliche Einordnung und langfristig einheitlichere Standards.“

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Über die Studie
Freckmann et al. A Comparative Analysis of Glycemic Metrics Derived From Three Continuous Glucose Monitoring Systems. Diabetes Care 20 June 2025; 48 (7): 1213–1217. https://doi.org/10.2337/dc25-0129

Psychische Erkrankungen

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Psychische Erkrankungen in den ersten Jahren nach der Geburt ihres Kindes betreffen etwa 15 bis 20 Prozent aller Mütter und können die frühe Bindung zum Kind stark belasten. Wie wirksam eine spezialisierte Therapieform für Eltern und Kind ist, untersuchte das von der Internationalen Psychoanalytischen Universität (IPU) Berlin federführend koordinierte, multizentrische Projekt SKKIPPI. Die im Fachjournal Child and Adolescent Psychiatry and Mental Health veröffentlichten Ergebnisse einer Interventionsstudie liefern wichtige Ansatzpunkte für eine zielgerichtete Versorgung.

Psychische Erkrankungen in den ersten Jahren nach der Geburt ihres Kindes betreffen etwa 15 bis 20 Prozent aller Mütter und können die frühe Bindung zum Kind stark belasten. Wie wirksam eine spezialisierte Therapieform für Eltern und Kind ist, untersuchte das von der Internationalen Psychoanalytischen Universität (IPU) Berlin federführend koordinierte, multizentrische Projekt SKKIPPI. Die im Fachjournal Child and Adolescent Psychiatry and Mental Health veröffentlichten Ergebnisse einer Interventionsstudie liefern wichtige Ansatzpunkte für eine zielgerichtete Versorgung.

Das Projekt „Evaluation der Eltern-Säugling-Kleinkind-Psychotherapie durch Prävalenz- und Interventionsstudien“ (SKKIPPI) untersuchte in einer randomisierten kontrollierten Studie (RCT) die Wirksamkeit der fokusbasierten Eltern-Säugling-Kleinkind-Psychotherapie (kurz: ESKP-f). Dabei wurden 120 Mutter-Kind-Paare, bei denen die Mütter unter diagnostizierten psychischen Störungen litten, entweder mit der spezialisierten ESKP-f im Kurzzeitsetting (12 Sitzungen in sechs Wochen) oder innerhalb der regulären Gesundheitsversorgung („Care-as-Usual“) behandelt.

Entscheidender Vorteil bei hoher psychischer Belastung

Ein zentrales Ziel der Untersuchung war herauszufinden, ob sich die mütterliche Feinfühligkeit durch die Behandlung verbessert – eine wichtige Bedingung für eine gesunde emotionale Entwicklung von Säuglingen. Die Daten zeigen eine Verbesserung der Interaktionsqualität und der mütterlichen Symptome in beiden Gruppen. Als besonders hilfreich erwies sich die spezialisierte ESKP-f-Intervention bei Müttern mit sehr hoher Symptombelastung. In dieser Hochrisikogruppe waren die Effekte der ESKP-f jenen aus der regulären Gesundheitsversorgung überlegen. Die Ergebnisse legen nahe, dass die ESKP-f im Kurzzeitsetting als gezielte Intensivmaßnahme für schwerer belastete Familien einen Unterschied machen kann.

Herausforderungen in der Behandlungskontinuität

Dass es für hochbelastete Familien in der sensiblen Zeit nach der Geburt nicht immer einfach ist, die regelmäßigen Therapietermine wahrzunehmen, spiegeln die hohen Abbruchquoten (Drop-out) in den beiden Studiengruppen wider. Die Publikation zeigte auch die Wichtigkeit niedrigschwelliger Zugangswege für eine engmaschige Begleitung der Familien: „Familien mit Säuglingen und Kleinkindern in psychischer Not brauchen Ansprechpersonen, die kurzfristig gezielte psychotherapeutische Hilfe leisten und möglichst zu den Familien nach Hause kommen können“, betont Prof. Dr. Lars Kuchinke, Leiter des SKKIPPI-Projekts. ESKP-f kann in psychotherapeutischen Ambulanzen, Kliniken und Praxen ein wirksamer Beitrag sein, folgenschwere Belastungen frühzeitig abzufangen.

Das Projekt SKKIPPI wird durch den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) gefördert und leistet einen Beitrag zur evidenzbasierten Weiterentwicklung der psychotherapeutischen Versorgung von Eltern und Kleinkindern in Deutschland.

MaAB - Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Lars Kuchenbecker


Originalpublikation:
Kuchinke, L., Mattheß, J., Eckert, M. et al. (2026). Efficacy of parent-infant psychotherapy with mothers with postpartum mental disorder: results from a randomized controlled trial. Child Adolesc Psychiatry Ment Health 20, 13. https://doi.org/10.1186/s13034-025-01013-0.

Physische Störungen im Gesundheitsbild

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Menschen mit verschiedenen psychischen Störungen ist häufig gemeinsam, dass sie sich nur schwer zu alltäglichen Aktivitäten motivieren können. Welche kognitiven Mechanismen dies bewirken und was das für psychotherapeutische Therapien bedeutet, erforscht Dr. Matthias Pillny, von der Universität Hamburg. Seine Metastudie wurde in der Fachzeitschrift „Psychological Bulletin“ veröffentlicht.

Ob Kino- oder Familienbesuch, Einkauf oder Spaziergang – Menschen mit psychischen Störungen erscheinen solche Aktivitäten häufig als unfassbar anstrengend. Können sie selbst lebensnotwenige Besorgungen kaum noch erledigen, treibt dies den Aufwand und die Kosten für ihre Betreuung in die Höhe und macht die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nahezu unmöglich. Aber welche kognitiven Mechanismen stecken hinter diesem Phänomen? Und sind diese Mechanismen bei verschiedenen Störungen ähnlich – oder unterscheiden sie sich? Diese Fragen hat Dr. Matthias Pillny, Hauptautor der nun veröffentlichten Metastudie, untersucht.

Gesunde Menschen treffen Entscheidungen, indem sie den Aufwand, der nötig ist um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, in Beziehung setzen mit der Wahrscheinlichkeit, mit der sie dieses Ziel erreichen können. „Je höher Nutzen und Wahrscheinlichkeit eingeschätzt werden, desto höher ist der Aufwand, der investiert wird, um das Ziel zu erreichen. Diesen häufig automatisch ablaufenden kognitiven Prozess nennt man aufwandbasiertes Entscheidungsverhalten“, erklärt der Psychologe.

Für seine Metastudie hat er 68 vorhandene Studien mit ca. 3.700 Teilnehmenden ausgewertet. Die Probandinnen und Probanden litten unter Depressionen, bipolaren Störungen oder Störungen aus dem Schizophrenie-Spektrum. Oder aber sie gehörten einer Risikogruppe an, für die eine erhöhte Wahrscheinlichkeit bestand, an einer dieser Störungen zu erkranken.

Die Auswertung zeigte: Menschen mit Depressionen und bipolaren Störungen schätzen den nötigen Aufwand für das Erreichen eines Zieles häufig als zu hoch ein – und den zu erwartenden Nutzen gleichzeitig als zu gering. „Diese Menschen können sich positive Ergebnisse oft gar nicht vorstellen und nehmen den benötigten Aufwand als unüberwindbar wahr“, sagt Pillny. Das bedeute, dass gut gemeinte Sätze wie beispielsweise ´Komm, das macht bestimmt Spaß´ bei ihnen nicht wirken oder sogar Druck erzeugen. Bessere Wirkungen könnten Therapien erzielen, die sich darauf konzentrieren, Empfindungen wie Vorfreude zu trainieren, beispielsweise durch Visualisierungen.

Anders verhielt es sich mit einer Teilgruppe von Menschen mit einer Diagnose aus dem Schizophrenie-Spektrum. Ihr Entscheidungsverhalten wirkte eher sprunghaft und willkürlich. „Wir wissen, dass Schizophrenie-Spektrum Störungen häufig mit einer verringerten kognitiven Leistungsfähigkeit einhergehen und dies scheint bei diesen Patientinnen und Patienten der zentrale Mechanismus zu sein“, schlussfolgert Pilny. „Dieser Gruppe fällt es schwer, Aufwand, Nutzen und Wahrscheinlichkeit in Verbindung zu setzen und ihr Verhalten entsprechend anzupassen. Ihnen könnte ein gezieltes Training ihrer kognitiven Fähigkeiten helfen.“

Der Wissenschaftler wollte zudem herausfinden, ob Auffälligkeiten im aufwandbasierten Entscheidungsverhalten helfen könnten, eine beginnende psychische Erkrankung zu erkennen. Dies scheint allerdings nicht der Fall zu sein, da Menschen mit einem erhöhten Risiko für eine solche Erkrankung im Vergleich zu gesunden Kontrollgruppen kein abweichendes Entscheidungsverhalten in seiner Metastudie zeigten. „Allerdings waren die Studiendesigns der ausgewerteten Arbeiten nicht passgenau auf diese Thematik zugeschnitten, deswegen ist die Frage nicht abschließend beantwortet“, stellt Dr. Pillny fest.

Von seiner transdiagnostischen Herangehensweise erhofft sich Pillny neben Anregungen für zielgerichtete Therapieansätze auch Aufschluss über die Mechanismen von Motivationsproblemen im Rahmen von psychischen Störungen. „Diese wurden im vergangenen Jahrhundert erstmals beschrieben und als voneinander abgrenzbare Phänomene katalogisiert. Heute wächst hingegen ein Bewusstsein dafür, dass viele der dabei gewählten Kriterien willkürlich sind und gewisse Symptome wie beispielsweise Motivationsprobleme bei vielen psychischen Störungen auftreten“, sagt er. Die Übereinstimmungen, die er insbesondere zwischen dem Verhalten von Menschen mit depressiven oder bipolaren Störungen fand, weisen darauf hin, dass zwischen diesen Störungsbildern tatsächlich stärkere Gemeinsamkeiten bestehen als bisher angenommen. Gleichzeitig scheinen sich die bei diesen Störungsbilden den Motivationsproblemen zugrundeliegenden Mechanismen von denen bei Störungen aus dem Schizophrenie-Spektrum deutlich zu unterscheiden. Allerdings sei auch dies aufgrund einer ersten Metastudie nicht endgültig zu entscheiden, betont er: „Um das Gehirn wirklich zu verstehen, ist noch sehr viel mehr Grundlagenforschung nötig.“

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Dr. Matthias Pillny
Universität Hamburg
Klinische Psychologie und Psychotherapie
E-Mail: matthias.pillny@uni-hamburg.de

Originalpublikation:
Pillny, M., Renz, K. E., Lincoln, T. M., Hay, A., Fulford, D., Barch, D. M., Gold, J. M., & Kaiser, S. (2026). Effort-based decision-making in psychopathology: A transdiagnostic multilevel meta-analysis and systematic review of behavioral patterns and mechanisms underlying amotivational psychopathology. Psychological Bulletin. https://doi.org/10.1037/bul0000510