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Intensivpatient*innen mit ECMO

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1,7 Millionen Euro für bundesweite Studie unter Leitung des Universitätsklinikums Freiburg / Untersucht wird, ob Intensivpatient*innen mit ECMO von Bauchlagerung profitieren / 20 Zentren beteiligt

Eine neue bundesweite klinische Studie unter Leitung des Universitätsklinikums Freiburg soll die Behandlung dieser Patient*innen mit besonders schwerem Lungenversagen verbessern. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Projekt mit insgesamt 1,7 Millionen Euro. Denn viele Patient*innen mit schwerem Lungenversagen kämpfen auf der Intensivstation um ihr Leben. Bei besonders schwerem Verlauf kann eine extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) eingesetzt werden – ein Verfahren, bei dem eine Maschine außerhalb des Körpers vorübergehend den Gasaustausch der Lunge übernimmt. Trotz dieser aufwändigen Therapie überlebt derzeit nur etwa die Hälfte der betroffenen Patient*innen.

In der Studie unter Leitung von PD Dr. Alexander Supady, Oberarzt an der Interdisziplinären Internistischen Intensivmedizin (IMIT) des Universitätsklinikums Freiburg wird untersucht, ob sich die Überlebenschancen dieser schwerkranken Menschen verbessern lassen, wenn sie frühzeitig nach Beginn der ECMO-Therapie auf dem Bauch gelagert werden.

„Die Förderung durch die DFG ermöglicht uns, eine klinisch hochrelevante Frage systematisch und auf höchstem wissenschaftlichem Niveau zu untersuchen“, sagt Studienleiter Supady. „Unser Ziel ist es, die Überlebenschancen dieser schwerkranken Patient*innen weiter zu verbessern.“

Studie untersucht Therapie für besonders schweres Lungenversagen

Das akute Atemnotsyndrom (ARDS) ist eine lebensbedrohliche Form des Lungenversagens. Es kann unter anderem im Verlauf schwerer Lungeninfektionen auftreten, etwa bei COVID-19 oder Influenza, aber auch nach schweren Verletzungen oder großen Operationen.

Bei ARDS-Patient*innen ohne ECMO gehört die Bauchlagerung seit Jahren zur Standardtherapie und senkt nachweislich die Sterblichkeit. Ob dieser Effekt auch während einer ECMO-Therapie besteht, ist bislang jedoch nicht eindeutig geklärt. Frühere Analysen von Behandlungsdaten deuten teilweise auf einen Vorteil hin, während andere Studien keinen zusätzlichen Nutzen zeigen.

Die nun geplante multizentrische Studie soll diese Frage systematisch untersuchen. Insgesamt sollen rund 260 Patient*innen in 20 erfahrenen ECMO-Zentren in ganz Deutschland eingeschlossen werden. Die Durchführung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Klinische Studien (ZKS) des Universitätsklinikums Freiburg.
„In dieser Studie werden wir gemeinsam mit anderen erfahrenen ECMO-Zentren wichtige prospektive Daten erheben“, sagt Prof. Dr. Tobias Wengenmayer, Ärztlicher Leiter der Interdisziplinären Internistischen Intensivmedizin des Universitätsklinikums Freiburg. „Auf dieser Grundlage wollen wir die Behandlung von Patient*innen mit besonders schwerem Lungenversagen weiter verbessern.“

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Johannes Faber
PD Dr. Alexander Supady, MPH
Oberarzt | Senior Physician
Interdisziplinäre Medizinische Intensivtherapie (IMIT)
Universitätsklinikum Freiburg
Tel.: ‪+49 761 270-73790‬
alexander.supady@uniklinik-freiburg.de

Der Handdruck

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Aktuelle Studie zeigt: Auch nach überstandener Depression bleibt die Handkraft vermindert
Die Handgriffstärke ist ein einfaches und verlässliches Verfahren zur Bewertung der Muskelkraft und somit ein etablierter Biomarker für die allgemeine Fitness. Dass die Handkraft bei Menschen mit Depression oder Schizophrenie messbar reduziert ist, war schon länger bekannt. Eine Studie zeigt nun jedoch, dass sich die Muskelkraft selbst nach überstandener Depression nicht automatisch normalisiert. Die in JAMA Psychiatry veröffentlichten Ergebnisse werfen die Frage auf, ob Depressionen bleibende körperliche Spuren hinterlassen – mit möglichen Folgen für Fitness, Therapie und Lebenserwartung.

Würzburg. Der Händedruck ist im sozialen Leben nicht nur eine Höflichkeitsgeste, sondern ein kompaktes Signalpaket. Während es hierbei gar nicht so sehr auf die Kraft ankommt, zählt diese in der Medizin umso mehr. Die Messung der Handgriffstärke ist ein einfaches und kostengünstiges Verfahren zur Bewertung der Muskelkraft. Inzwischen gilt die Handgriffstärke sogar als verlässlicher Biomarker für die allgemeine körperliche Leistungsfähigkeit und zunehmend auch für die psychische Gesundheit.

Analyse der Handkraft bei Gesunden sowie bei Menschen mit Schizophrenie, mit Depression und nach überstandener Depression

„Die Handkraft wurde sowohl bei Schizophrenie als auch bei Depressionen als vermindert beobachtet“, sagt Prof. Dr. Sebastian Walther. Der Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Uniklinikum Würzburg (UKW) wollte es genauer wissen. Gibt es Unterschiede? Und wie sieht die körperliche Fitness nach einem Schub aus? Schließlich verlaufen psychische Erkrankungen meistens in Episoden. Nach den akuten Krankheitsphasen sollten die Betroffenen eigentlich wieder an ihre frühere Leistungsfähigkeit anknüpfen können.
Sebastian Walther und ein internationales Team untersuchten in einer Studie mit insgesamt 533 Personen die Handkraft bei psychisch gesunden Erwachsenen, Menschen mit Schizophrenie, Menschen in depressiven Krankheitsphasen sowie Personen mit überstandener Depression.

Veröffentlichung in JAMA Psychiatry – The Science of Mental Health and the Brain

In die Analyse flossen Daten mehrerer Studien der Arbeitsgruppen von Sebastian Walther aus Bern und Chicago ein, die vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) und dem National Institute of Health (NIH) geförderte waren. In allen Studien wurde die identische Methodik verwendet. Das heißt, die Handkraft wurde mit einem elektronischen Manometer in mehreren Versuchen von beiden Händen gemessen. Analysiert wurden die Werte für die jeweils dominante Hand. Die Ergebnisse konnte das Team in der renommierten Fachzeitschrift JAMA Psychiatry veröffentlichen

Niedrige Handkraft der aktuell Depressiven unterschied sich nicht von genesenen Depressiven

Das erste Ergebnis überraschte nicht: Alle Patientinnen und Patienten wiesen eine geringere Handkraft auf als die gesunden Kontrollgruppen. Es gab jedoch Unterschiede zwischen den einzelnen Erkrankungen. Diejenigen mit Schizophrenie hatten eine höhere Handkraft als diejenigen mit Depressionen. Dabei unterschieden sich die aktuell Depressiven nicht von den genesenen Depressiven. „Das hat uns sehr überrascht“, sagt Sebastian Walther. „Wir hatten erwartet, dass Menschen mit einer überstandenen Depression wieder eine normale Handkraft aufweisen.“
Der Psychiater bewertet es als beunruhigend, dass sich die Handkraft bei Menschen nach einer Depression nicht erholt. Schließlich galt die Handkraft in früheren Studien an der Allgemeinbevölkerung als guter Marker für Fitness und Gesundheit.

Echtes Fitnessdefizit und Frühwarnsignal für ein erhöhtes Sterberisiko oder nur eine motorische Steuerungsstörung?

„Weitere Studien müssen nun klären, ob eine niedrige Handkraft trotz überstandener Depression auf ein echtes Defizit in der Fitness oder lediglich auf fehlende motorische Kontrolle zurückzuführen ist“, sagt Walther. Ein ähnliches Muster fand das Team von Sebastian Walther in einer Meta-Analyse aus dem Jahr 2022 (doi:10.1017/S0033291722000903) zur Menge der Spontanbewegungen: Nach einer depressiven Episode bewegen sich Betroffene weiterhin deutlich weniger als gesunde Kontrollprobanden.

In der aktuellen Studie gab es bei Patienten mit Schizophrenie beispielsweise einen deutlichen Zusammenhang zwischen Handkraft und fehlender Motivation. Die Klärung der Ursache sei laut Walther wichtig, da sie darüber entscheidet, wie die Depression zusätzlich behandelt werden muss. Ein neuromotorisches Steuerungsproblem ist beispielsweise kein direkter Marker für körperlichen Abbau, sondern eher ein Ausdruck einer veränderten Hirn-Körper-Interaktion. In diesem Fall könnte die Behandlung stärker auf Koordinationstraining oder physiotherapeutische Rehabilitation setzen. Ein Fitness-Defizit deutet hingegen auf physische Langzeitfolgen hin. Das heißt, die Depression hinterlässt messbare körperliche Spuren. Das wiederum bedeutet, dass durch gezielte körperliche Interventionen möglicherweise nicht nur die Fitness, sondern auch die Langzeitprognose und die Überlebenswahrscheinlichkeit verbessert werden können. Immerhin verkürzen psychische Erkrankungen wie Depressionen die Lebenserwartung um durchschnittlich zehn Jahre, Schizophrenien sogar um 20 Jahre.

Informationen zur verkürzten Lebenserwartung bei schweren psychischen Erkrankungen: Eine Metaanalyse, die in 2015 Jama Psychiatry veröffentlicht wurde und auf 203 Studien aus 29 Ländern basiert, deutet darauf hin, dass psychische Erkrankungen nicht nur zu Leid und Funktionsverlust im Alltag führen, sondern auch mit einer deutlich erhöhten Gesamtmortalität und einem deutlich reduzierten Lebensalter verbunden sind. Betroffene sterben im Durchschnitt rund zehn Jahre früher als Menschen ohne psychische Erkrankung. Menschen mit Psychosen wie Schizophrenie hatten ein um den Faktor 2,5 erhöhtes Sterberisiko im Vergleich zu gesunden Personen. Bei Patientinnen und Patienten mit Depressionen war die Wahrscheinlichkeit, innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu sterben, um den Faktor 1,7 erhöht. Faktoren wie körperliche Begleiterkrankungen, Lebensstil, Versorgungslücken und Suizid tragen zu diesem erhöhten Mortalitätsrisiko bei.

Informationen zum Händedruck: Aus evolutionspsychologischer Sicht signalisiert der Händedruck Friedfertigkeit, fördert Vertrauen, leitet Kooperationen ein und zeigt die körperliche Verfassung. Dabei muss der Händedruck noch nicht einmal richtig stark sein. In der der angewandten Kommunikationsliteratur wird ein vollständiger Händedruck dadurch beschrieben, dass die Hand ausreichend geöffnet ist und sich die Daumen-Zeigefinger-Partien berühren.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Team Kirston Linkamp
Prof. Dr. Sebastian Walther Walther_S5@ukw.de

Originalpublikation:
Sofie von Känel, Anastasia Pavlidou, Niluja Nadesalingam, Victoria Chapellier, Melanie G. Nuoffer, Lydia Maderthaner, Alexandra Kyrou, Alexios Malifatouratzis, Florian Wüthrich, Stephanie Lefebvre, Victor Pokorny, Zachary Anderson, Stewart A. Shankman, Vijay A. Mittal, Sebastian Walther. Transdiagnostic Patterns of Grip Strength in Schizophrenia, Current Depression, and Remitted Depression. JAMA Psychiatry. Published Online: March 18, 2026, doi: 10.1001/jamapsychiatry.2026.0144
Weitere Informationen finden Sie unter
Zitierte Publikation von 2022
zitierte Metaanalyse von 2015

Herzinsuffizienz

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Herzinsuffizienz ist die häufigste Hauptdiagnose für stationäre Krankenhausaufenthalte und die Zeit nach der Entlassung gilt als besonders kritisch. Mit dem Projekt „WebMedX” entwickeln der IT-Dienstleister Bechtle, das Uniklinikum Würzburg (UKW) sowie weitere Partner eine Telemedizinplattform am Beispiel der Herzinsuffizienz, die Kliniken, Arztpraxen, Pflegekräfte und Patienten vernetzt. Ziel ist es, mithilfe von WebMedX Versorgungslücken in der vulnerablen Phase nach dem Krankenhausaufenthalt zu schließen, Wiedereinweisungen zu vermeiden und die Versorgung nachhaltig zu verbessern. Das digitale Netzwerk soll als Muster für andere Regionen und Krankheiten dienen. 

ICD-10: I50 ist der Code für Herzinsuffizienz. Er wird in westlichen Ländern am häufigsten als Hauptdiagnose für stationäre Krankenhausaufenthalte verwendet. Sie betrifft vor allem ältere Menschen und geht häufig mit Atemnot, rascher Erschöpfung, Wassereinlagerungen und akuten Verschlechterungen einher, die eine Klinikeinweisung erforderlich machen. Für viele Betroffene endet die Herausforderung jedoch nicht mit der Entlassung, denn gerade die Zeit nach dem Krankenhausaufenthalt gilt als besonders kritische Phase, in der das Risiko für erneute Komplikationen und Wiedereinweisungen hoch ist. Und mit jeder erneuten Dekompensation steigt das Sterberisiko. „Jeder Patient zeigt ein anderes Krankheitsbild, oft liegen mehrere Begleiterkrankungen vor, und die Behandlung erfordert die Zusammenarbeit von Hausärzten, Kardiologen, spezialisierten Kliniken sowie Pflegefachkräften“, weiß Prof. Dr. Stefan Störk, Leiter der Herzinsuffizienzambulanz und Klinischen Forschung am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz (DZHI) in Würzburg.


Stefan Störk: „Herzinsuffizienz ist ein Paradebeispiel dafür, wie wichtig vernetzte Strukturen für die Versorgung chronischer Krankheiten sind.“

Das DZHI hat in mehreren Studien und Versorgungsprogrammen mit weiteren Kooperationspartnern bereits gezeigt, wie eine gezielte Nachsorge und frühzeitige ambulante Betreuung in Deutschland aussehen kann. Das Spektrum reicht dabei von Telefonmonitoring und telemedizinischer Überwachung bis hin zum innovativen Case- & Care-Management mit eHealth-Plattform und speziell geschultem Fachpersonal zur Versorgung nach dem Krankenhausaufenthalt. „Die Umsetzung der sehr gut belegten Behandlungsleitlinien bleibt in der Praxis hinter ihren Möglichkeiten zurück. Zudem ist eine digitale Vernetzung zwischen den Beteiligten kaum vorhanden, sodass wichtige Daten und Befunde in unterschiedlichen Systemen liegen und oft verspätet ankommen“, so Störk.

Digitales Herzinsuffizienz-Netzwerk: Start der WebMedX-Plattform am Universitätsklinikum Würzburg

Um die Versorgung zu verbessern, hat das Universitätsklinikum Würzburg (UKW) gemeinsam mit dem DZHI und dem Servicezentrum Medizininformatik (SMI) und Verbundpartnern das Projekt WebMedX ins Leben gerufen. Das Konsortialprojekt wird im Rahmen der Förderlinie „Medizintechnische Lösungen für eine digitale Gesundheitsversorgung” des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert. In der dreijährigen Förderphase soll das bewährte Konzept der Herzinsuffizienz-Netzwerke (HF-NET) ins digitale Zeitalter überführt werden. Während im erfolgreichen DZHI-Programm HeartNetCare-HF™ beispielsweise die fachlichen Inhalte der Versorgung entwickelt wurden, liegt der Schwerpunkt jetzt auf der Prozess- und IT-Umsetzung.

Die Idee ist, mit WebMedX eine telemedizinische Lösung zu schaffen, die Kliniken, Haus- und Fachärzte, Pflegekräfte mit medizinischen Daten des Patienten vernetzt und digitale Hilfsmittel wie Telemonitoring, Wearables oder Apps einbindet. Da alle Beteiligten auf denselben Datensatz des Patienten zugreifen, haben sie stets mit einem Klick einen aktuellen Überblick über Krankengeschichte, Vitalparameter, laufende Therapien und kommende Termine. Die Daten können einfach untereinander ausgetauscht werden, sodass der Informationsfluss optimiert und Doppeluntersuchungen vermieden werden.

Prof. Dr. Stefan Frantz, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik I des UKW: „Herzinsuffizienztherapie ist ein lebenslanger Weg zusammen mit unseren Patienten. Die Telemedizin gibt uns alle Daten, um auf den einzelnen Patienten individuell einzugehen, und ergänzt damit ideal das persönliche Gespräch und ein individualisiertes Therapiekonzept.“

Drei Phasen zum digitalen Netzwerk - Blaupausenmodell für andere Regionen und Erkrankungen

Im ersten Schritt des neuen Projekts wird am UKW gemeinsam mit den Verbundpartnern Bechtle und Docs4D eine Telemedizinplattform mit den erforderlichen Hard- und Softwarekomponenten entwickelt und in die digitale Klinikumgebung integrieret. Parallel dazu legen die Beteiligten mit fachlicher Beratung von Prof. Dr. Friedrich Köhler und Prof. Dr. Siegfried Jedamzik den Datensatz fest, der künftig als Grundlage für den Austausch dienen soll. Zudem stimmen sie Prozesse für das sogenannte „Patient Sharing“ und „Data Sharing“ ab.

Dr. Olaf Iseringhausen, Leiter Team Healthcare Solutions bei Bechtle: „Mit WebMedX gestalten wir Digitalisierung dort, wo sie unmittelbar Wirkung entfalten kann: in einer besseren, verlässlicheren und stärker vernetzten Versorgung. Unser Anspruch ist es, gemeinsam mit den medizinischen Partnern eine Lösung zu schaffen, die Menschen spürbar unterstützt und zugleich als Modell für weitere Anwendungsfelder dienen kann.“

Im Anschluss startet die Pilotphase, in der das UKW und die Klinik Kitzinger Land die einzelnen Module der WebMedX-Plattform im Alltag erproben. Dabei steht die Nutzerfreundlichkeit im Vordergrund: Die Plattform soll barrierefrei und intuitiv bedienbar sein. Auch Datenschutz und IT-Sicherheit werden berücksichtigt. In dieser Phase soll untersucht werden, wie sich der Austausch zwischen den beiden Kliniken optimieren lässt und wie sich digitale Dienste wie Telemonitoring und leitliniengestützte Therapieempfehlungen in die Arbeitsabläufe integrieren lassen.

In der dritten Phase wird das Netzwerk schrittweise für weitere Partner geöffnet, sodass mehr Patientinnen und Patienten betreut werden können. Das Ziel besteht darin, ein Blaupausenmodell zu entwickeln, das später auch in anderen Regionen und für andere chronische Erkrankungen genutzt werden kann.

„Wir wollen eine generalisierbare telemedizinische Lösung schaffen, damit alle Krankenhäuser und Versorger an dem Prozess teilhaben können, auch wenn sie mit unterschiedlichen Informationssystemen arbeiten“, sagt Störk. Das UKW arbeitet beispielsweise mit dem Krankenhausinformationssystem ISH-med, während der Verbundpartner, die Klinik Kitzinger Land mit angeschlossenem MVZ, das System Orbis nutzt.

Prof. Dr. Frank Breuckmann, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin mit den Schwerpunkten Kardiologie, Pneumologie, Neurologie und internistische Intensivmedizin an der Klinik Kitzinger Land: „Das ist Medizin up to date. Endlich wird Technologie, die in Bereichen außerhalb des Krankenhauses längst Standard ist, auch für die gemeinsame Versorgung unserer Patientinnen und Patienten intersektoral nutzbar sein.“

Vorteile für Patientinnen und Patienten

Bei der Entlassung des Patienten werden alle erforderlichen Informationen aus dem Krankenhaussystem in eine elektronische Fallakte übertragen. Diese wird auf der Plattform WebMedX in einer sicheren Cloud gespeichert. Passt ein Arzt später die Medikation an, kann er diese Änderung ebenfalls in der digitalen Akte festhalten. Alle telemedizinischen Messwerte aus Implantaten, Waagen, Blutdruckmessern oder Smartwatches können im WebMedX-System automatisch verarbeitet werden, sodass Verschlechterungen rechtzeitig erkannt werden. Dadurch lassen sich Notfälle und Krankenhausaufenthalte vermeiden und die Lebensqualität steigern. Wird ein Grenzwert überschritten, geht ein Alarm an den entsprechenden Notfallkontakt.

„Mit WebMedX möchten wir moderne Technik nutzen, um Menschen mit Herzschwäche besser zu begleiten. Unser Ziel ist es, den Behandlungsalltag zu erleichtern, die Versorgung zu verbessern und die wertvolle Zeit des Fachpersonals stärker den Patientinnen und Patienten zu widmen“, verdeutlicht Prof. Stefan Störk, der das Teilvorhaben „Entwicklung von eHF-NET – Telemedizinisches Gesundheitsversorgungskonzept“ am DZHI leitet.

Verbundpartner „WebMedX – Intersektorale eHealth-Plattform für die Herzinsuffizienz-Versorgung

• Bechtle IT Systemhaus Bonn: Herstellung und Validierung eines Betriebskonzepts für die Meta-Plattform inkl. TMZ-Konzept, Datenschutz, IT-Sicherheit – Konsortialführer

• Universitätsklinikum Würzburg - Medizinische Klinik und Poliklinik I, Deutsches Zentrum für Herzinsuffizienz (DZHI) und Servicezentrum Medizininformatik (SMI): Erprobung der Meta-Plattform und des eHF-NET -Konzepts; DZHI: medizinisch-wissenschaftlicher Schwerpunkt; SMI: technischer Schwerpunkt

• Docs4D GmbH: Programmierung der Software für Meta-Plattform

• Klinik Kitzinger Land: Erprobung der Meta-Plattform und des eHF-NET -Konzepts außerhalb des UKW (Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung)

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Kirstin Linkamp
Prof. Dr. Stefan Störk, stoerk_s@ukw.de


Vorhofohrverschlusses

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Multizentrische randomisierte Untersuchung unter Leitung des Deutschen Herzzentrums der Charité (DHZC) zeigt bei Hochrisiko-Patient:innen keinen Vorteil gegenüber bestmöglicher medikamentöser Therapie

Der katheterbasierte Verschluss des linken Vorhofohrs gilt als etablierte Alternative zur Hemmung der Blutgerinnung, um lebensbedrohliche Schlaganfälle bei Vorhofflimmern zu verhindern – insbesondere bei Patient:innen mit erhöhtem Blutungsrisiko.

Eine jetzt im New England Journal of Medicine veröffentlichte Multicenter-Studie unter Leitung des DHZC in Zusammenarbeit mit dem AFNET e.V. und gefördert durch das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) zeigt jedoch: Bei Hochrisiko-Patient:innen zeigte sich kein Vorteil des katheterbasierten Vorhofohrverschlusses gegenüber einer rein medikamentösen Blutverdünnung. Die Ergebnisse liefern erstmals eine belastbare Grundlage für die klinische Entscheidungsfindung in dieser besonders gefährdeten Patientengruppe.

Vorhofflimmern ist eine Herzrhythmusstörung, bei der die Vorhöfe unregelmäßig und oft sehr schnell schlagen. Es ist die häufigste Herzrhythmusstörung – allein in Deutschland sind schätzungsweise zwischen 1,5 und 2 Millionen Menschen betroffen.

Die Erkrankung kann Beschwerden wie Herzrasen, Erschöpfung oder Luftnot verursachen. Gefährlicher ist jedoch eine andere Komplikation: Durch die unregelmäßige Bewegung der Vorhöfe können sich Blutgerinnsel bilden, die in den Kreislauf gelangen und einen Schlaganfall auslösen – die schwerwiegendste Folge des Vorhofflimmerns.
Gerade bei anhaltendem Vorhofflimmern, das nicht dauerhaft wirksam behandelt oder beseitigt werden kann, ist es entscheidend, diese Gerinnselbildung zu verhindern.

Bewährter Standard – mit Risiken

Standard zur Schlaganfallprävention ist die medikamentöse Hemmung der Blutgerinnung durch spezielle Medikamente, sogenannte Antikoagulanzien. Für viele Patientinnen und Patienten ist diese Therapie sicher und gut verträglich und senkt das Schlaganfallrisiko deutlich.

Es gibt jedoch Menschen, bei denen das Risiko für Blutungen unter dieser Behandlung stark erhöht ist – etwa aufgrund früherer Blutungen, einer eingeschränkten Nierenfunktion oder anderer schwerer Begleiterkrankungen. Für sie stellt die dauerhafte Blutverdünnung eine besondere Herausforderung dar.

Alternative bei hohem Blutungsrisiko

Für diese Patientengruppe wurde bereits vor rund zwei Jahrzehnten ein alternatives Verfahren entwickelt: der katheterbasierte Verschluss des linken Vorhofohrs. Dabei handelt es sich um eine sackartige Ausstülpung im linken Herzvorhof, in der die meisten Blutgerinnsel entstehen.

Über einen Katheter wird ein Implantat – ein sogenannter Okkluder – eingesetzt, das diese Ausstülpung dauerhaft verschließt. Damit können Blutgerinnsel aus dem Vorhof nicht mehr in den Blutkreislauf gelangen. Bis der Okkluder eingeheilt ist, müssen Patientinnen und Patienten für eine begrenzte Zeit Medikamente einnehmen, die die Bildung von Blutgerinnseln am Okkluder selbst verhindern. Danach ist in der Regel keine weitere Blutverdünnung mehr notwendig. Das Verfahren hat sich in den vergangenen Jahren etabliert und wird insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit Vorhofflimmern und erhöhtem Blutungsrisiko eingesetzt.

Vorhofohrverschluss und Blutverdünnung im direkten Vergleich

Ob dieses interventionelle Verfahren bei Patient:innen mit gleichzeitig hohem Schlaganfall- und Blutungsrisiko mindestens ebenso wirksam ist wie eine moderne, individuell gesteuerte medikamentöse Therapie, war bislang nicht in einer großen, randomisierten Studie unter Versorgungsbedingungen untersucht worden.

Ein Forschungskonsortium unter Leitung von Prof. Dr. med. Ulf Landmesser (Stellvertretender Ärztlicher Direktor des DHZC) hat diese Frage in der CLOSURE-AF-DZHK16-Studie untersucht. An 42 spezialisierten Zentren wurden 912 Patientinnen und Patienten mit Vorhofflimmern eingeschlossen. Alle hatten sowohl ein deutlich erhöhtes Schlaganfallrisiko als auch ein erhöhtes Blutungsrisiko – es handelte sich also um eine besonders gefährdete Patientengruppe.

Die Teilnehmenden wurden per Zufallsprinzip entweder einem katheterbasierten Verschluss des linken Vorhofohrs oder einer individuell ärztlich gesteuerten medikamentösen Therapie zugeteilt. In der medikamentösen Gruppe kamen überwiegend (bei > 80% der Patient:innen) moderne orale Antikoagulanzien zum Einsatz, sofern sie medizinisch vertretbar waren.

Untersucht wurde, wie häufig im Verlauf schwerwiegende Ereignisse auftraten – darunter Schlaganfälle, schwere Blutungen oder kardiovaskuläre Todesfälle. Die Patientinnen und Patienten wurden über einen Zeitraum von im Median drei Jahren nachbeobachtet.

Zentrale Ergebnisse

Im Beobachtungszeitraum zeigte sich kein Vorteil des Vorhofohrverschlusses gegenüber der medikamentösen Therapie. Die Zahl schwerwiegender Ereignisse – darunter Schlaganfälle, schwere Blutungen oder kardiovaskuläre Todesfälle – war in der Interventionsgruppe häufiger als in der Vergleichsgruppe. Die angestrebte Gleichwertigkeit konnte deshalb statistisch nicht nachgewiesen werden.

Untersucht wurde eine Patientengruppe mit gleichzeitig sehr hohem Schlaganfall- und Blutungsrisiko – also Menschen, bei denen jede therapeutische Entscheidung besonders sorgfältig abgewogen werden muss. Für diese Hochrisiko-Konstellation konnte kein genereller Vorteil des interventionellen Verfahrens gezeigt werden.

Einordnung und weiterer Forschungsbedarf

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir bei Patientinnen und Patienten mit sehr hohem Schlaganfall- und Blutungsrisiko besonders differenziert entscheiden müssen“, sagt Prof.
Dr. med. Ulf Landmesser, Direktor der DHZC-Klinik für Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin am Campus Benjamin Franklin und Principal Investigator der Studie:

„Der Vorhofohrverschluss bleibt ein relevantes Verfahren, das das Schlaganfallrisiko reduzieren kann. Entscheidend ist jedoch, für welche Patientengruppen er tatsächlich einen zusätzlichen Nutzen bringt. Genau hier besteht weiterer Forschungsbedarf.“

Landmesser betont, dass die Daten helfen werden, Indikationsstellungen präziser zu definieren: „Wir brauchen künftig eine noch genauere Risikostratifizierung. Ziel muss es sein, die Therapie stärker zu individualisieren – und dabei sowohl Schlaganfall- als auch Blutungsrisiken gleichermaßen zu berücksichtigen.“

„Gerade bei älteren Patientinnen und Patienten mit mehreren Erkrankungen brauchen wir eine solide Grundlage für unsere Therapieentscheidungen“, sagt Prof. Dr. med. Carsten Skurk, Co-Investigator der Studie. „Die CLOSURE-AF-DZHK16 -Studie liefert erstmals belastbare Daten aus einer großen randomisierten Untersuchung für diese Patient:innen. Weitere Studien müssen nun klären, welche Patientinnen und Patienten am besten von einem Vorhofohrverschluss profitieren – und ob eine Kombination mit einer medikamentösen Blutverdünnung Vorteile bringen könnte.“

Bedeutung für Praxis und Leitlinien

Angesichts der hohen Prävalenz des Vorhofflimmerns und einer alternden Bevölkerung haben die Ergebnisse unmittelbare Relevanz für die klinische Praxis. Sie sprechen für eine differenzierte, individuelle Therapieentscheidung und werden in die Weiterentwicklung von Empfehlungen und Leitlinien einfließen.

CLOSURE-AF-DZHK16 wurde durch eine öffentliche Förderung des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) ermöglicht und gemeinsam mit dem Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET) durchgeführt. Die Publikation im New England Journal of Medicine unterstreicht die internationale Bedeutung der Ergebnisse.

MaAB Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Christian Maier



Die Veröffentlichung „Left Atrial Appendage Closure or Medical Therapy in Atrial Fibrillation“ ist hier abrufbar:
https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2513310

Originalpublikation:
„Left Atrial Appendage Closure or Medical Therapy in Atrial Fibrillation“
https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2513310

Bürgergeld-Empfänger

Bürgergeld-Empfänger:innen stellen den Mitarbeitenden der Jobcenter ein gutes Zeugnis aus. 68 Prozent der Leistungsbeziehenden sind mit der Arbeit des Jobcenters zufrieden,
72 Prozent finden, die Berater:innen seien kompetent. Trotzdem sagt knapp die Hälfte,
dass ihnen die Termine beim Jobcenter "nichts bringen“, also ihre Erfolgschancen auf dem Arbeitsmarkt nicht verbessern. Das ist das Ergebnis einer Befragung von 1.006 Personen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, die seit mindestens einem Jahr Bürgergeld beziehen.

Die Bertelsmann Stiftung hat Langzeitarbeitslose gebeten, die Betreuung in den Jobcentern zu bewerten. Befragt wurden mehr als 1.000 Personen im Alter von 25 bis 50 Jahren, die aktuell arbeitslos sind und seit mindestens einem Jahr Bürgergeld beziehen. Die Rückmeldungen fallen in vielen Punkten positiv aus: Mehr als zwei Drittel der Befragten sind mit der Arbeit ihres Jobcenters zufrieden, knapp drei Viertel halten die Mitarbeitenden für kompetent. Zwei Drittel geben an, dass im Beratungsgespräch auch Weiterbildungsangebote thematisiert wurden.

Wirksame Aktivierung von Langzeitarbeitslosen kommt zu kurz

Trotz dieser insgesamt positiven Einschätzung zweifeln viele Langzeitarbeitslose an der Wirkung der Gespräche. 47 Prozent stimmen der Aussage zu, dass ihnen Termine im Jobcenter „nichts bringen“, also ihre Erfolgschancen auf dem Arbeitsmarkt nicht verbessern. „Beratung und Vermittlung sind Kernaufgabe der Jobcenter. Vermittlungshemmnisse müssen abgebaut werden. Doch gerade bei Personen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt kommen diese Aufgaben häufig zu kurz“, sagt Tobias Ortmann, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung. „Jobcenter nutzen ihre begrenzten Kapazitäten vor allem zur regelmäßigen Betreuung von Leistungsbeziehenden, die größere Chancen auf die Rückkehr auf den Arbeitsmarkt haben. Deswegen fehlt die Zeit, Arbeitslose mit Vermittlungshemmnissen zu betreuen.“ 46 Prozent der Arbeitslosen im Bürgergeld haben mehrere Vermittlungshemmnisse, wie beispielsweise Krankheiten oder fehlende Qualifikationen. Der Erfolg der Betreuung müsse deswegen – entgegen bisheriger Konzepte – auch an der Förderung marktfernerer Langzeitarbeitsloser bemessen werden. Wenn solche Angebote in Form von Coaching, Qualifikation oder konkreten Stellenangeboten stattfinden, honorieren die Langzeitarbeitslosen das: Dann fällt das Urteil über ihre Betreuung deutlich positiver aus.

Aber Zufriedenheit mit dem Jobcenter allein ist kein Gradmesser: Von arbeitsmarktnäheren Leistungsbeziehenden sollte stärker eine eigenständige Jobaufnahme gefordert werden, auch wenn darunter die Zufriedenheit leidet. Sanktionierte Langzeitarbeitslose oder solche, die zur Jobsuche aufgefordert wurden, sind tendenziell unzufriedener mit dem Jobcenter. Dennoch gilt es, die Vermittlung in Arbeit zu intensivieren. Die Vermittlungsquote der Arbeitsverwaltung ist von 13,9 Prozent im Jahr 2014 auf 4,9 Prozent im Jahr 2024 gesunken.

Die Bertelsmann Stiftung hatte sich bereits zuvor in zwei Publikationen mit dem Bürgergeld und Langzeitarbeitslosen beschäftigt. Die bereits veröffentlichte Studie zu den Eigenbemühungen der Leistungsempfänger:innen zeigte, dass mehr als die Hälfte der Bürgergeld-Empfänger:innen, die seit mehr als einem Jahr arbeitslos sind, in den vergangenen vier Wochen nicht nach einem Job gesucht hat, allerdings haben 43 Prozent noch nie ein Jobangebot bekommen. Das Focus Paper mit Daten zur Grundsicherung und Reformoptionen zeigte, dass die Jobcenter immer mehr Geld für das Verwalten und deutlich weniger für die Arbeitsförderung ihrer Kund:innen ausgeben.

Zu viel Verwaltung, zu wenig Zeit für Beratung

39 Prozent der Befragten bemängeln in der aktuellen Umfrage, dass Mitarbeitende des Jobcenters nur schwer erreichbar sind. Viele machen dafür strukturelle Probleme verantwortlich: Vermittlungsfachkräfte hätten zu wenig Zeit für Gespräche, es komme häufig zu Personalwechseln. Zudem werde ein erheblicher bürokratischer Aufwand wahrgenommen, der Kapazitäten bindet. „Jobcenter-Mitarbeitende verbringen zu viel Zeit mit Bürokratie. Damit mehr Zeit für individuelle Beratung bleibt, müssen Verfahren vereinfacht und stärker digitalisiert werden“, sagt Roman Wink, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung. „Wir sollten Leistungen zusammenfassen und pauschalieren und Verwaltungsprozesse so gestalten, dass sie Mitarbeitende der Jobcenter entlasten. So schaffen wir mehr Raum für Kundenkontakte.“

Fördern und Fordern mit klaren Regeln auf beiden Seiten

In den Beratungsgesprächen gilt es außerdem, Erwartungen frühzeitig zu klären – auf beiden Seiten. 82 Prozent der befragten Langzeitarbeitslosen sagen, der Staat müsse Menschen in schwierigen Lebenslagen finanziell unterstützen. Gleichzeitig ist eine Mehrheit der Ansicht, dass mit dieser Unterstützung auch Pflichten verbunden sein können: 55 Prozent stimmen der Aussage zu, dass von Bürgergeld-Empfänger:innen eine Gegenleistung erwartet werden kann. Diese Einstellungen sollten auch den Vermittlungsprozess prägen. Deshalb müssen die Kooperationsvereinbarungen zwischen den Arbeitslosen und den Jobcentern über die gesamte Betreuungsdauer hinweg gepflegt werden. Ziele, Pflichten und Unterstützung müssen verständlich vereinbart und bei Bedarf nachjustiert werden, damit sich weder falsche Vorstellungen noch überzogene Erwartungen verfestigen.

Hier ist der Link zur Studie.

Zusatzinformationen: Die Studie ist Teil der Untersuchung "Lebenssituation und Erfahrungen von Bürgergeldbeziehenden (LEBez)" des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) und des SOKO Instituts im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Die Erhebung erfolgte vom 15. April bis 18. Juni 2025. Zielgruppe waren erwerbsfähige Leistungsbeziehende zwischen 25 und 50 Jahren, die mindestens seit einem Jahr Bürgergeld beziehen und arbeitslos oder arbeitsuchend sind. Zum 1. Juli soll das Bürgergeld zur „neuen Grundsicherung“ reformiert werden. Die Stichprobe wurde vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gezogen. Die Genehmigung erfolgte durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS).

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Tobias Ortmann, Telefon: 0 52 41 81 81-181
E-Mail: tobias.ortmann@bertelsmann-stiftung.de

Roman Wink, Telefon: 0 52 41 81 81-560
E-Mail: roman.wink@bertelsmann-stiftung.de

Originalpublikation:
https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/themen/aktuelle-meldungen/2026/langzeitar...

Suizidversuch

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Ein einziges Gespräch kann den Unterschied machen: 

Kurze, strukturierte Interventionen nach einem Suizidversuch senken das Risiko für einen erneuten Versuch deutlich. 

Dies zeigt eine internationale Meta-Analyse unter Leitung der Universität Zürich

Menschen, die bereits einen Suizidversuch hinter sich haben, weisen ein deutlich höheres Risiko für weitere Versuche auf. 

Gleichzeitig erhält nur etwa ein Drittel von ihnen danach eine weiterführende Behandlung. 

Hier setzen sogenannte «Brief Interventions and Contacts» an – strukturierte, zeitlich begrenzte Massnahmen direkt nach einem Suizidversuch. Dazu gehören beispielsweise Sicherheitspläne, kurze psychotherapeutische Massnahmen wie Problemlösetherapie, psychoedukative Elemente sowie regelmässige Kontakte per Telefon oder Brief.

Ein Team unter der Leitung von Psycholog:innen der Universität Zürich hat nun untersucht, ob Kurzinterventionen nach einem Suizidversuch weitere Versuche verhindern können. Zudem prüfte das Team, ob sie Suizidgedanken verringern, selbstverletzendes Verhalten reduzieren und die Anbindung an die psychiatrische oder psychologische Versorgung verbessern.

Eindeutig weniger erneute Suizidversuche
Dazu analysierten die Forschenden 36 randomisierte kontrollierte Studien aus den Jahren 1993 bis 2025 mit insgesamt rund 9’500 erwachsenen Teilnehmenden aus Europa, Amerika, Asien, dem Nahen Osten sowie Australien und Neuseeland. In die statistische Gesamtauswertung wurden 33 Studien einbezogen. Alle Teilnehmenden hatten mindestens einen Suizidversuch unternommen.

Das zentrale Ergebnis: Personen, die eine Kurzintervention erhielten, hatten eine um 28 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit eines erneuten Suizidversuchs als Personen, die nur die übliche medizinische Versorgung erhielten. Im Durchschnitt wurden die Teilnehmenden über einen Zeitraum von rund zehn Monaten nachbeobachtet.

Auch Suizidgedanken nahmen ab. Dieser Effekt zeigte sich vor allem in den ersten Monaten nach der Intervention und schwächte sich mit der Zeit etwas ab. Keine klaren Effekte fanden sich hingegen für selbstverletzendes Verhalten ohne Suizidabsicht sowie für die Anbindung an die psychiatrische oder psychologische Versorgung. Für die Auswertung dieser Aspekte standen weniger Studien zur Verfügung.

Niederschwellig, skalierbar, praxisnah
«Bereits eine einzige strukturierte Sitzung kann wirksam sein», sagt Erstautorin Stephanie Homan vom Psychologischen Institut der Universität Zürich. «Diese Kurzinterventionen sind besonders in Notaufnahmen, auf psychiatrischen Stationen oder in der ambulanten Versorgung relevant – also überall dort, wo personelle und finanzielle Ressourcen begrenzt sind.» Sie eignen sich etwa im Anschluss an eine Notfallbehandlung oder nach einem Spitalaustritt. Gleichzeitig betont Homan, dass Kurzinterventionen keine intensiveren Therapien ersetzen können. Vielmehr können sie eine erste, rasch verfügbare Unterstützung bieten und Teil umfassender Präventionsstrategien sein.

Wirkmechanismen und Langzeiteffekte besser erforschen
Welche konkreten Bestandteile dieser Kurzinterventionen besonders wirksam sind und welche Personengruppen am meisten davon profitieren, bleibt offen. Um dies zu klären, sollen weitere ausreichend grosse Studien unterschiedliche Interventionsformen direkt vergleichen, die zugrunde liegenden Wirkmechanismen besser verstehen und Zielgruppen präziser identifizieren. Zudem gilt es zu klären, wie sich die Effekte langfristig stabilisieren lassen und welche Rolle digitale Formate dabei spielen können.

Gestützt auf die bereits gewonnenen Erkenntnisse entwickelt das Forschungsteam derzeit neue Interventionen, um Menschen nach einem Suizidversuch künftig noch gezielter zu unterstützen.

Literatur
Homan et al. Effectiveness of brief interventions and contacts after suicide attempt: a systematic review and meta-analysis. eClinicalMedicine. March 2026. DOI: 10.1016/j.eclinm.2026.103824
 

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Stephanie Homan, PhD
Experimentelle Psychopathologie und Psychotherapie
Psychologisches Institut
Universität Zürich
Tel. ‪+41 58 384 28 02‬
E-Mail: stephanie.homan@psychologie.uzh.ch

Originalpublikation:
Homan et al. Effectiveness of brief interventions and contacts after suicide attempt: a systematic review and meta-analysis. eClinicalMedicine. March 2026. DOI: 10.1016/j.eclinm.2026.103824

Pilzarten

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Einer Studie der Universität Trier nach ist man damit in Deutschland nicht allein. In der Bevölkerung sind kaum Kenntnisse über Champignon und Co vorhanden.

Im Rahmen der Studie aus der Biologie-Didaktik wurde das Wissen über einheimische Pilzarten in einer repräsentativen Stichprobe von 747 Personen in Deutschland untersucht. Sie zeigte erhebliche Wissenslücken in Bezug auf Pilzarten, die vermutlich zur anhaltenden Vernachlässigung der Organismengruppe der Pilze in Forschung, Naturschutz und Bildung beiträgt. Das könnte negative Folgen für die Erreichung globaler Biodiversitätsziele haben.

Im Durchschnitt konnten die Teilnehmenden nur 16,7 % der gezeigten heimischen Pilzarten korrekt identifizieren – mehr als ein Viertel war nicht in der Lage, eine einzige Art zu bestimmen. Nur etwa ein Drittel erkannte den Speisewert richtig. 70 % konnten keine 5 Pilzarten auflisten. Die Mehrheit ging fälschlicherweise davon aus, dass Pilze Pflanzen seien.

Die Autorinnen und Autoren betonen daher, dass Pilze in Lehrplänen, Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit stärker berücksichtigt werden sollten, da Artenkenntnis als wichtige Grundlage für umweltfreundliches Verhalten und Naturschutz gilt. „Menschen neigen dazu, nur das zu schätzen und zu schützen, was sie kennen“, erklärt Autorin Ina Schanz. „Daher ist eine zentrale Voraussetzung für den Schutz der Biodiversität die sogenannte Species Literacy – also die Artenkenntnis, die neben der Fähigkeit zu deren Identifikation auch das Wissen über Arten, deren Lebensräume und ihre ökologische Bedeutung umfasst.“
Pilze mit Image-Problem

Frühere Studien zeigten, dass die Artenkenntnis in der Bevölkerung in Bezug auf Tiere und Pflanzen allgemein niedrig ist. Besonders wenig bekannt war bislang über das Wissen zu Pilzen, obwohl sie nach den Tieren das zweitgrößte Organismenreich darstellen. Pilze werden häufig negativ konnotiert, etwa im Zusammenhang mit Krankheiten, Schimmel oder Vergiftungen. Diese Wahrnehmung verdeckt ihre enorme ökologische und auch gesellschaftliche Bedeutung. Pilze sind für das Funktionieren der Ökosysteme unverzichtbar.

Als wichtigste Zersetzer organischer Substanz spielen sie eine zentrale Rolle in Stoffkreisläufen, interagieren mit Pflanzen und Mikroorganismen und liefern dem Menschen wertvolle Substanzen wie Antibiotika und cholesterinsenkende Medikamente. Dennoch gab es kaum Studien zum Artenwissen über Pilze – insbesondere in Deutschland. Diese Forschungslücke wurde in der aktuellen Studie angegangen.

Als Konsequenz aus den Ergebnissen entwickelt das Team der Universität Trier derzeit ein neues Pilzmodul im Lehr-Lern-Labor Biologie, das Schülerinnen und Schülern die Vielfalt, Morphologie und die ökologische Bedeutung der Pilze näherbringen soll. Ziel ist es, Artenkenntnis und Naturbewusstsein frühzeitig zu fördern und damit langfristig zu einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) beizutragen.

Zur Studie: https://www.nature.com/articles/s41598-026-41150-w

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Dr. Simon Thijs
Ina Schanz & Prof. Dr. Martin Remmele
Biologie und ihre Didaktik
Mail: schanz@uni-trier.de
Tel. +49 651 201-4638

Vitamin B2 (Riboflavin)

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Ein Mangel an Vitamin B2 macht Tumorzellen anfälliger für eine spezielle Form des Zelltods. Das haben Forschende des Rudolf-Virchow-Zentrums der Uni Würzburg herausgefunden.

Der menschliche Körper kann Vitamin B2 (Riboflavin) nicht selbst herstellen, er muss den wichtigen Stoff über die Nahrung aufnehmen. Zu finden ist das Vitamin in Milchprodukten, Eiern, Fleisch und grünem Gemüse. Der Stoffwechsel wandelt es in Moleküle um, die unter anderem für den Schutz der Zelle vor oxidativen Schäden zuständig sind.

Forschende des Rudolf-Virchow-Zentrums (RVZ) der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) haben herausgefunden, dass diese Funktion des Vitamins auch eine Kehrseite hat: Sie schützt auch Krebszellen.

„Vitamin B2 spielt eine entscheidende Rolle dabei, Krebszellen vor der Ferroptose zu schützen, einer speziellen Form des programmierten Zelltods“, so die Doktorandin Vera Skafar. Sie forscht in der Arbeitsgruppe von José Pedro Friedmann Angeli, Professor für Translationale Zellbiologie. Die Ergebnisse sind im renommierten Fachmagazin Nature Cell Biology erschienen.

Wie Vitamin B2 und die Ferroptose zusammenhängen

Der Körper des Menschen nutzt den Mechanismus des programmierten Zelltods, um beschädigte oder gefährliche Zellen kontrolliert “sterben” zu lassen, ohne dass es dabei im umliegenden Gewebe zu Entzündungen kommt. Die Spezialform der Ferroptose wird mit vielen krankhaften Zuständen in Verbindung gebracht, darunter Krebs und Neurodegeneration.

Im Gegensatz zu anderen Wegen des Zelltods wird die Ferroptose ausgelöst, wenn die durch Eisen verursachte Lipid-Peroxidation den anti-oxidativen Schutz einer Zelle überfordert. Krebszellen umgehen die Ferroptose häufig, indem sie ihre Redox-Abwehrsysteme verstärken. Die Studie hebt den Vitamin-B2-Stoffwechsel als wichtigen Faktor für diese Abwehrmechanismen hervor und legt nahe, dass die gezielte Bekämpfung von Vitamin-B2-abgeleiteten Kofaktoren die Ferroptose-Resistenz schwächen und Tumore anfälliger machen könnte.

Ein potenzieller Hemmstoff

Um gesunde Zellen vor dem Tod zu schützen, kümmert sich unter anderem das Protein FSP1, das ein Forschungsschwerpunkt der Arbeitsgruppe ist. Vitamin B2 unterstützt das Protein bei der Aufgabe. Per Genom-Editierung und mit Krebszell-Modellen beobachteten die Forschenden, dass ein Mangel des Vitamins Krebszellen anfälliger für die Ferroptose machte.

Das müsste sich im Idealfall therapeutisch nutzen lassen: Den Stoffwechsel-Weg von Vitamin B2 ausschalten und damit gezielt den Tod der Krebszellen auslösen. „Es fehlt aber bisher ein Hemmstoff, der das kann“, sagt Skafar. Die Gruppe umging diese Einschränkung, indem sie Roseoflavin einsetzten, eine natürliche Verbindung mit einer ähnlichen Struktur wie Vitamin B2. Roseoflavin wird von Bakterien produziert.

Auf dem Weg zu gezielten Krebstherapien durch Ferroptose

Im Labor testete die Arbeitsgruppe von Professor Friedmann Angeli den Wirkstoff in Krebszell-Modellen: „Es zeigte sich, dass Roseoflavin in niedriger Konzentration eine Ferroptose anstößt“, so der Gruppenleiter, „unsere Experimente zeigen die Machbarkeit dieses Konzepts.“ Die Studie eröffne damit den Weg, gezielte Krebstherapien auf Ferroptose-Grundlage zu entwickeln.

Im nächsten Schritt will die RVZ-Arbeitsgruppe Inhibitoren des Vitamin-B2-Stoffwechsels entwickeln, um deren Einsatz in präklinischen Krebsmodellen zu testen.

Friedmann Angeli fügt hinzu: „Ferroptose ist nicht nur für Krebs relevant. Immer mehr Hinweise deuten darauf hin, dass sie auch zu pathologischen Prozessen bei neurodegenerativen Erkrankungen und bei Gewebeschäden nach Organtransplantationen oder Ischämie-Reperfusionsschäden beiträgt.“ Zu verstehen, wie der Vitamin-B2-Stoffwechsel die Ferroptose beeinflusst, könnte weitreichende Auswirkungen auf Erkrankungen haben, bei denen eine übermäßige oder unzureichende Ferroptose eine Rolle spielt.

Förderung

Die Studie erhielt Förderung aus dem Schwerpunktprogramm „Ferroptose: von den molekularen Grundlagen bis zur klinischen Anwendung“ (SPP2306) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Zudem lief sie unter dem Projekt DeciFerr (Deciphering and exploiting ferroptosis regulatory mechanism in cancer) von Professor Friedmann Angeli. Dieses wird vom Europäischen Forschungsrat (ERC) seit Mai 2024 mit einem ERC Consolidator Grant und knapp zwei Millionen Euro gefördert.

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Prof. Dr. José Pedro Friedmann Angeli, Rudolf-Virchow-Zentrum – Centre for Integrative and Translational Bioimaging, Universität Würzburg, pedro.angeli@virchow.uni-wuerzburg.de

Vera Skafar, Rudolf-Virchow-Zentrum – Centre for Integrative and Translational Bioimaging, Universität Würzburg, vera.skafar-amen@uni-wuerzburg.de

Originalpublikation:
Riboflavin metabolism shapes FSP1-driven ferroptosis resistance. Vera Skafar Amen, Izadora de Souza, Biplab Ghosh, Ancely Ferreira dos Santos, Florencio Porto Freitas, Zhiyi Chen, Shibo Sun, Merce Donate, Palina Nepachalovich, Lars Seufert, Sebastian Bothe, Juliane Tschuck, Apoorva Mathur, Ariane Nunes-Alves, Jannik Buhr, Camilo Aponte-Santamaría, Werner Schmitz, Matthias Mack, Martin Eilers, Ralf Bargou, Milena Chaufan, Mayher Kaur, Mario Palma, Jessalyn M. Ubellacker, Ulrich Elling, Hellmut G. Augustin, Kamyar Hadian, Svenja Meierjohann, Bettina Proneth, Marcus Conrad, Maria Fedorova, Hamed Alborzinia, José Pedro Friedmann Angeli. Nature Cell Biology, 13. März 2026, https://doi.org/10.1038/s41556-025-01856-x
Weitere Informationen finden Sie unter
Informationen zum ERC Consolidator Grant

Das Stresshormon Cortisol

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Das Stresshormon Cortisol stört das Navigationssystem des Gehirns. Es beeinträchtigt die Funktion der sogenannten Gitterzellen, die für die Orientierung entscheidend sind. Das zeigten Forschende der Ruhr-Universität Bochum in einer bildgebenden Studie mit 40 Personen. Die Teilnehmenden absolvierten ein virtuelles Navigationsexperiment, während ihre Gehirnaktivität im Kernspintomografen aufgezeichnet wurde. Hatten sie zuvor das Stresshormon Cortisol eingenommen, schnitten sie schlechter ab und das präzise Aktivitätsmuster der Gitterzellen verschwamm. Die Ergebnisse wurden online am 12. März 2026 in der Zeitschrift PLOS Biology veröffentlicht.

Dass Stress das menschliche Verhalten und Denken beeinflusst, ist hinlänglich bekannt. Doch wie genau das Stresshormon Cortisol die Schaltkreise im Gehirn stört, die für die Navigation zuständig sind, war bisher kaum verstanden. Ein Team um Dr. Osman Akan vom Bochumer Lehrstuhl für Kognitionspsychologie ging dieser Frage mit Kolleginnen und Kollegen vom Lehrstuhl für Neuropsychologie der Ruhr-Universität Bochum sowie vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf nach.

Virtueller Orientierungstest im Kernspintomografen

40 gesunde Männer nahmen an dem Versuch teil, jeweils an zwei verschiedenen Tagen. An einem Tag erhielten die Probanden 20 Milligramm Cortisol, am zweiten ein Placebo. An beiden Tagen absolvierten sie einen Orientierungstest, während ihre Hirnaktivität im Kernspintomografen aufgezeichnet wurde.

Für den Test mussten die Teilnehmenden in einer virtuellen weitläufigen Wiesenlandschaft nacheinander verschiedene Bäume ansteuern, die nach der Ankunft jeweils verschwanden. Anschließend mussten sie den direkten Rückweg zum Ausgangspunkt finden, ohne dass die Strecke dorthin vorgegeben war. In einem Teil des Tests war die Umgebung völlig frei von permanenten Orientierungspunkten, die Bäume dienten lediglich als temporäre Zielpunkte. In einem anderen Teil des Tests diente ein Leuchtturm als dauerhafte Orientierungshilfe.

Schlechtere Orientierung unter Cortisol-Einfluss

Cortisol verschlechterte die Orientierung der Teilnehmenden deutlich. Verglichen mit den Ergebnissen nach der Placebo-Einnahme machten die Probanden signifikant größere Fehler beim Finden ihrer Ziele, unabhängig von räumlichen Hinweisreizen oder der Schwierigkeit der Strecke.

Neuronales Koordinatensystem fällt unter Stress aus

Der Einfluss von Cortisol zeigte sich auch in den funktionellen Kernspinaufnahmen. Ohne den Einfluss des Stresshormons Cortisol feuert eine spezielle Gruppe von Nervenzellen im entorhinalen Kortex während räumlicher Orientierungsaufgaben in einem Gittermuster – daher der Name Gitterzellen; sie bilden sozusagen das innere GPS des Menschen.

Unter dem Einfluss von Cortisol verschwamm das Aktivitätsmuster der Gitterzellen; insbesondere beim Navigieren in Umgebungen ohne Landmarken hatten die Zellen praktisch keine Funktion mehr. „Unter Stress verliert das Gehirn die Fähigkeit, seine internen Navigationskarten effektiv zu nutzen“, resümiert Osman Akan.

Zudem beobachteten die Forschenden unter Cortisol eine verstärkte Aktivierung in einem anderen Hirnareal, dem Nucleus caudatus. „Das deutet darauf hin, dass das Gehirn versucht, den Ausfall des Haupt-Navigationssystems im entorhinalen Kortex durch alternative Strategien zu kompensieren“, erklärt Akan.

Bedeutung für das Verständnis der Alzheimer-Krankheit

Der enthorinale Kortex ist diejenige Gehirnregion, die bei der Alzheimer-Erkrankung als eine der ersten geschädigt wird. „Da chronischer Stress als Risikofaktor für Demenz gilt, liefert unsere Studie einen entscheidenden Mechanismus, wie Stresshormone diese empfindliche Region destabilisieren“, sagt Osman Akan.

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Dr. Osman Akan
Kognitionspsychologie
Fakultät für Psychologie
Ruhr-Universität Bochum
Tel.: ‪+49 234 32 12894‬
E-Mail: osman.akan@ruhr-uni-bochum.de

Originalpublikation:
Osman Akan, Varnan Chandreswaran, Henry D. Soldan, Anne Bierbrauer, Nikolai Axmacher, Oliver T. Wolf, Christian J. Merz: Cortisol Treatment Impairs Path Integration and Alters Grid-like Representations in the Male Human Entorhinal Cortex, in: PLOS Biology, 2026, DOI: 10.1371/journal.pbio.‪3003661‬https://journals.plos.org/plosbiology/article?id=10.1371/journal.pbio.3003661

Erwachsene mit ADHS

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Ö

Erwachsene mit ADHS sind oft unkonzentriert und haben Probleme, ihrem Alltag eine Struktur zu geben. Viele Betroffene benötigen eine Therapie, die Plätze dafür sind jedoch rar. Eine digitale Anwendung kann hier sofort unterstützen und zeigt ähnliche Erfolge wie eine Verhaltenstherapie. Dies hat eine wissenschaftliche Studie mit 337 Erwachsenen gezeigt, die im renommierten Fachjournal Psychological Medicine veröffentlicht wurde. Erstautor ist Roberto D'Amelio von der Universität des Saarlandes.

Schätzungen zufolge leiden in Deutschland etwa zwei Millionen Erwachsene an einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS genannt. Die Anzahl der Erstdiagnosen bei Erwachsenen hat sich seit 2015 verdreifacht. Dennoch bleibt die Störung im Erwachsenenalter häufig unerkannt oder wird nur unzureichend behandelt. Hier setzt die digitale Anwendung Attexis an, deren therapeutischer Einsatz seit vergangenem August von den gesetzlichen Krankenkassen nach Vorlage eines Rezepts finanziert wird. „Die App ist wie ein verhaltenstherapeutisches Gespräch aufgebaut und hilft den Betroffenen, die für sie schwierigen Situationen zu meistern“, sagt Psychotherapeut Roberto D’Amelio, der die Dialoge für die digitale Anwendung entwickelt hat. Die virtuellen Gespräche werden durch Funktionen ergänzt, mit denen sich die Nutzer selbst überwachen und an das Gelernte erinnern können, wenn unerwünschte Verhaltensweisen wieder auftreten.

In den Dialogen werden den Nutzern der App praktische Strategien für den Alltag vermittelt, um zum Beispiel an einer Sache dranzubleiben und gedanklich nicht abzuschweifen. „Auch geben wir Tipps, wie sich impulsives Handeln bändigen lässt, denn ein Kernproblem bei ADHS ist, dass die Personen häufig vorschnell und wenig reflektiert handeln. Wenn sie lernen, Entscheidungen bewusster zu treffen und impulsives Verhalten zu regulieren, lassen sich viele Alltagssituationen besser bewältigen“, erklärt D’Amelio. Häufig litten Erwachsende mit ADHS-Diagnose zudem an mangelndem Selbstwertgefühl, da sie in der Kindheit und Jugend durch ihre Andersartigkeit oft „aneckten“ und gehänselt wurden. „Hierfür haben wir in der App achtsamkeitsbasierte Techniken eingebaut, die den Betroffenen helfen, sich selbst zu beobachten und dabei zu lernen, wie sie in bestimmten Situationen selbstbewusster auftreten können“, erklärt Diplompsychologe D’Amelio. Er verweist darauf, dass von ADHS betroffene Erwachsen häufig kreativ und begeisterungsfähig seien und die Fähigkeit hätten, andere zu motivieren.

„An unserer wissenschaftlichen Studie nahmen 337 Erwachsene im Alter von 18 Jahren und älter mit einer bestätigten ADHS-Diagnose teil. Diese haben neben ihrer üblichen Anwendung in Form einer Medikation oder Psychotherapie drei Monate lang die Attexis-App genutzt“, erläutert Roberto D’Amelio. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne diese digitale Anwendung ließ sich beobachten, dass sich die Schwere der ADHS-Symptome statistisch signifikant und klinisch relevant verbesserten. Auch gab es im beruflichen Umfeld und im sozialen Miteinander weniger Probleme und das Selbstwertgefühl und die Lebensqualität der Betroffenen konnte gesteigert werden. Zudem nahmen depressive Symptome messbar ab. „Besonders bemerkenswert ist dabei, dass die digitale Therapie ähnlich hohe Effekte aufwies wie die persönliche Psychotherapie bei ADHS. Sie wurde zudem von den Studienteilnehmern gut angenommen“, fasst D’Amelio die Forschungsergebnisse zusammen.

Die digitale Anwendung soll klassische Therapien nicht ersetzen, sondern sie begleiten oder die Wartezeit auf einen Therapieplatz überbrücken helfen. „Wir wollen damit eine Versorgungslücke schließen, da leider viele Erwachsene mit ADHS-Diagnose lange auf eine Therapie warten müssen und häufig nicht leitliniengerecht behandelt werden. Die digitale Anwendung eignet sich auch im Nachgang zu einer Psychotherapie, um dort eingeübte Verhaltensänderungen im Alltag und Berufsleben zu stabilisieren“, sagt Professor Wolfgang Retz, Leiter der ADHS-Forschungsambulanz am Universitätsklinikum des Saarlandes, der die Studie mit betreut hat. Er verweist darauf, dass digitale Interventionen bei ADHS bisher nur in kleineren Studien untersucht wurden. „Die nun vorliegende Publikation ist eine der größten randomisierten Studien zu diesem Thema und zeigt, dass digitale Interventionen auf Basis der kognitiven Verhaltenstherapie eine wirksame Ergänzung zur Behandlung von Erwachsenen mit ADHS sein können“, unterstreicht Retz.

Für die randomisierte kontrollierte Studie hat der psychologische Psychotherapeut Roberto D‘Amelio, der in diesem Kontext derzeit an der Universität des Saarlandes promoviert, mit der ADHS-Forschungsambulanz am Universitätsklinikum des Saarlandes zusammengearbeitet. Professorin Petra Retz-Junginger war dort für die wissenschaftliche Planung und methodische Umsetzung der Studie verantwortlich, damit auch für das Studiendesign, die Evaluation sowie die statistische Auswertung. Professor Wolfgang Retz begleitete als Leiter der ADHS-Forschungsambulanz die Studie in beratender Funktion und unterstützte das Projekt als klinischer Supervisor. Zudem waren zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitätskliniken in Mainz und Bonn, der Universitäten in Lübeck und Kiel sowie der Firma Gaia in Hamburg beteiligt. Letztere hat die digitale Anwendung Attexis didaktisch und technisch umgesetzt und vermarktet sie in Zusammenarbeit mit den gesetzlichen Krankenkassen.

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Friederike Meyer zu Tittingdorf
Dipl. Psych. Roberto D'Amelio
Universität des Saarlandes/Universitätsklinikum des Saarlandes
Tel.: 06841 161-5850
Mail: Roberto.D.Amelio@uks.eu

Originalpublikation:
“Effectiveness of attexis, a digital intervention based on cognitive behavioral therapy for adults with ADHD: a randomized controlled trial”, Roberto D’Amelio, Linda T. Betz, Sarah M. Jow, Wolfgang Retz, Alexandra Philipsen, Jan Philipp Klein, Eva Fassbinder, Gitta A. Jacob und Petra Retz-Junginger, in: Psychological Medicine. 2026; 56:e54
doi.org/10.1017/S0033291726103390
Weitere Informationen finden Sie unter
https://doi.org/10.1017/S0033291726103390