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Die Zeit- und Leibrente

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Bundestag und Bundesrat beraten aktuell das Altersvorsorgereformgesetz, mit dem die Bürger*innen eine Wahlfreiheit zwischen einer lebenslänglichen Rente oder neu einem zeitbefristeten Entnahmeplan mindestens bis zum Alter von 85 Jahren erhalten sollen. Ein Experiment der Fachhochschule Dortmund zeigt, dass sich Verbraucher*innen oft aus Unkenntnis ihrer Lebenserwartung für die abgekürzte Zeitrente entscheiden.

Mit dem Altersvorsorgereformgesetz wird die Riester-Rente reformiert, die seit 2002 von rund 15 Millionen Menschen abgeschlossen wurde. Die Bundesregierung will mit der Reform „die private Altersvorsorge kostengünstiger, renditestärker, unbürokratischer, flexibler, einfacher und transparenter“ machen, so die Begründung. Die Attraktivität soll steigen und mit ihr die Verbreitung.

Kein Zwang zur Verrentung mehr

Der Gesetzentwurf basiert auf den Ergebnissen der „Fokusgruppe private Altersvorsorge“, die in der letzten Legislaturperiode ihren Abschlussbericht vorlegte. Ein zentrales Element ist, mehr Wettbewerb zwischen unterschiedlichen Anbietern der Altersvorsorge zuzulassen. Bisher mussten Anbieter einer Riester-Rentenversicherung sicherstellen, dass die Rente lebenslänglich gezahlt wird. Hingegen mussten Anbieter von Bank- und Fondssparplänen eine Kooperation mit einem Lebensversicherer eingehen und sicherstellen, dass zum Alter 85 noch ein ausreichendes Restkapital zur lebenslänglichen Verrentung übrigbleibt. Dieser Zwang soll nun entfallen.

Stattdessen können Spar- und Fondssparplan-Anbieter künftig eine „Zeitrente“ anbieten, also einen Plan zur regelmäßigen Entnahme des aufgebauten Altersvorsorgekapitals, der mindestens bis zum Alter von 85 Jahren reichen muss. Es kann auch ein späteres Datum vereinbart werden. Studienautor Professor Dr. Lukas Linnenbrink: „Wir rechnen damit, dass die Anbieter im Wettbewerb um die Kund*innen die höchstmöglichen Zeitrenten zeigen werden und deshalb nur ein Endalter 85 zugrunde legen.“

Fokusgruppe wollte, dass die Zeitrente für die meisten reicht

„Die Forschung hat allerdings immer wieder festgestellt, dass die Menschen ihre Lebenserwartung systematisch unterschätzen“, so Studienautor Prof. Dr. Matthias Beenken. „Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern wurde weltweit in verschiedenen Ländern nachgewiesen.“ Diese Tatsache spielte auch für die Fokusgruppe private Altersvorsorge eine wichtige Rolle. Zur Verrentung sagt deren Abschlussbericht: „Dabei sollte die Länge der Auszahlungsphase so bemessen sein, dass sie in der Regel einen hohen Anteil der erwarteten Rentenzeit abdeckt.“

Das ist bei einem Alter von 85 Jahren nicht der Fall. Nach Prognosen des Statistischen Bundesamts werden schon 1973 Geborene, die mit über 50 Jahren gar nicht zur Hauptzielgruppe der neuen privaten Altersvorsorge zählen dürften, zu 48 Prozent (Männer) bzw. 64 Prozent (Frauen) älter als 85 Jahre werden. 2003 Geborene werden zu 65 bzw. 77 Prozent ein höheres Lebensalter erleben. „Der medizinische Fortschritt, beispielsweise Erfolge in der Krebstherapie, ist dabei noch nicht einmal einkalkuliert“, so Prof. Linnenbrink.

Abstand zwischen Zeit- und Leibrente entscheidend

In einem Online-Experiment mit über 1.500 repräsentativ ausgesuchten Proband*innen zeigten die Forscher, dass 58 Prozent derjenigen, die ein Angebot zur Verrentung eines fiktiv er-reichten Altersvorsorgekapitals annahmen, sich für eine höhere Zeitrente bis zum Alter von 85 Jahren statt für eine niedrigere lebenslängliche Leibrente entschieden. „Entscheidend war, wie groß der Abstand zwischen den beiden Rentenangeboten ist“, so Prof. Beenken. „In einer Variante mit größerem Abstand zulasten der Versicherung wählten sogar nur noch 26 Prozent die Leibrente, wogegen bei einem unrealistisch niedrigen Abstand der Anteil der Interessenten an der lebenslänglichen Rente nur leicht auf 54 Prozent anstieg.“

„Die Leibrente muss deutlich niedriger ausfallen, weil die Versicherer das Langlebigkeitsrisiko tragen, dafür eine defensivere Anlagestruktur benötigen und obendrein gesetzlich verpflichtet sind, geschlechtsunabhängig zu kalkulieren, obwohl die Lebenserwartung von Frau-en deutlich höher ist als die von Männern“, erläutert Prof. Linnenbrink weiter, der auch Aktuar (DAV) ist.

Die Hälfte unterschätzt ihre Lebenserwartung – um mehr als 9 Jahre

Ein bedeutender Einflussfaktor auf die Wahlentscheidung Zeit- versus Leibrente ist die subjektive Lebenserwartung. 49 Prozent der Proband*innen unterschätzten ihre Lebenserwartung gegenüber der statistischen, und zwar um durchschnittlich 9,5 Jahre. 24 Prozent schätzten sie in einem Korridor von plus/minus zwei Jahren realistisch ein, 26 Prozent überschätzten sie. Insgesamt lag die geschätzte Lebenserwartung durchschnittlich um 2,7 Jahre zu niedrig. Die 49 Prozent Proband*innen, die ihre Lebenserwartung unterschätzten, entschieden sich zu 73 Prozent für die Zeitrente. Bei den realistisch schätzenden Proband*innen lagen die Anteile Zeit- und Leibrente bei ungefähr jeweils 50 Prozent. Die überschätzenden 26 Prozent der Proband*innen entschieden sich zwar zu 60 Prozent für die Leibrente, aber immer noch 40 Prozent für die Zeitrente bis zum Alter von 85 Jahren.

Einen Einfluss auf die Lebenserwartung hat die Erfahrung, welche Sterbealter eigene Familienmitglieder erreicht hatten. Auch gesundheitliche Einschränkungen senken die geschätzte Lebenserwartung. Allerdings ist der Einfluss auf die Wahlentscheidung zwischen Zeit- und Leibrente bei Personen mit solchen Einschränkungen überraschend gering.

Wahlfreiheit ja, aber mit realistischem Endalter

Die Autoren ziehen mehrere Schlüsse aus der Untersuchung. Sie begrüßen ausdrücklich eine Wahlfreiheit zwischen Zeit- und Leibrenten. „Das Experiment hat gezeigt, dass Menschen sich leichter überhaupt für eine freiwillige private Altersvorsorge entscheiden, wenn sie die freie Wahl zwischen verschiedenen Anlageformen haben“, so Prof. Beenken.

Allerdings ist das Mindestalter 85 Jahre ihrer Meinung nach deutlich zu niedrig angesetzt. 

„Damit besteht ein großes Enttäuschungsrisiko, wenn sich die Bürger*innen bei ihrer Lebenserwartung verschätzen“, gibt Prof. Linnenbrink zu bedenken. 

„Wenn sie das merken, ist es aber zu spät.“ Und Prof. Beenken ergänzt: 

„Es geht nicht nur um finanzielle Rationalität, sondern auch um die psychische Belastung, als hochbetagte Person plötzlich den Lebens-standard zu verlieren, vielleicht den eigenen Kindern zur Last zu fallen oder Grundsicherung beantragen zu müssen.“

Die Autoren schlagen deshalb vor, das Mindestalter für Zeitrenten auf 95 Jahre heraufzusetzen.....!

„Dann werden auf Basis heutiger Prognosen voraussichtlich mindestens mehr als die Hälfte der Betroffenen bis zum Lebensende versorgt sein“, so Prof. Linnenbrink.

Weiter empfehlen die Wissenschaftler, der Beratung zur Altersvorsorge einen höheren Stellenwert einzuräumen, um Wissenslücken beim Thema Demografie und Lebenserwartung auszugleichen und vulnerable Kund*innen besser zu schützen. Die konnten im Experiment auffallend häufiger als andere keine Entscheidung treffen.

Das setzt auch voraus, dass die Ungleichbehandlung bei den Beratungsvorgaben für Finanzanlagen, die beratungsfrei („Execution only“) vertrieben werden dürfen, und Versicherungsprodukten beseitigt wird, bei denen eine Beratung gesetzlich vorgeschrieben ist. Vertrieb und Beratung freiwillig abzuschließender Produkte verursachen zudem Abschlusskosten. „Der für das Standardprodukt der privaten Altersvorsorge vorgesehene Kostendeckel von 1,5 Prozent ist dafür jedenfalls knapp bemessen“, so Prof. Linnenbrink. „Erst im letzten Jahr hat der Europäische Rechnungshof öffentlich gerügt, dass der harsche Kostendeckel des ‚Paneuropäischen Privaten Pensionsprodukts‘ von sogar nur einem Prozent dazu geführt hat, dass niemand dieses Produkt anbietet“, gibt Prof. Beenken zu bedenken. „Den Fehler sollten wir jetzt nicht wiederholen“.

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Informationen zur Studie
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Die Studie „Altersvorsorgereformgesetz: Zeitrente versus Leibrente“ der Autoren und Professoren der Fachhochschule Dortmund Matthias Beenken und Lukas Linnenbrink basiert auf einem Onlineexperiment mit einer bevölkerungsrepräsentativ ausgewählten Stichprobe von 1.541 Personen zwischen 25 und 55 Jahren, die sich grundsätzlich den Abschluss einer (ggf. zusätzlichen) Rentenversicherung zur Sicherstellung ihrer Altersvorsorge vorstellen können. Repräsentativität besteht hinsichtlich Alters- und Geschlechterverteilung. Die Teilnehmen-den stammen aus einem etablierten Panel. Das Kölner Marktforschungsinstitut HEUTE UND MORGEN GmbH führte das Experiment im Februar 2026 online durch.

Die Teilnehmenden sollten sich vorstellen, sie hätten die neue steuerlich geförderte Altersrente abgeschlossen und zum Rentenbeginn ein Kapital von 50.000 Euro angespart, über dessen Verwendung sie zu entscheiden hätten. Ihnen wurden von einem mit Künstlicher Intelligenz (KI) generierten Avatar je ein Angebot einer Zeitrente mit 330 Euro bis Alter 85 Jahre oder einer lebenslänglichen Leibrente unterbreitet, bei letzterer in drei verschiedenen Varianten (170, 200 und 280 Euro monatlich, wobei die mittlere Variante in etwa einer kosteneffizienten Rentenversicherung mit Rentengarantiezeit bis zum Alter 85 bei frühzeitigem Ver-sterben entspricht). Eine Kontrollgruppe erhielt nur die Zeitrente angeboten. Das Projekt wurde aus Drittmitteln der Autoren finanziert. Die Studie ist digital unter DOI 10.26205/opus-3982 kostenfrei verfügbar.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Benedikt Reichel
Prof. Dr. Matthias Beenken
FH Dortmund / Fachbereich Wirtschaft
Tel. ‪+49 (0)2327 99 44 83‬
E-Mail: matthias.beenken@fh-dortmund.de

Prof. Dr. Lukas Linnenbrink
FH Dortmund / Fachbereich Wirtschaft
E-Mail: lukas.linnenbrink@fh-dortmund.de

Originalpublikation:
https://opus.bsz-bw.de/fhdo/frontdoor/index/index/docId/3986

Pankreas - Bauchspeicheldrüsenkrebs

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Schon bevor ein Tumor im Pankreas erkennbar wird, baut ein aktiviertes Krebs-Gen dessen künftige Umgebung aktiv um und schafft ein entzündliches und immunabwehrendes Mikromilieu, in dem das Karzinom wachsen kann. Das hat ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Ulm in einer wegweisenden Studie gezeigt. Die Arbeit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eröffnet neue Möglichkeiten, personalisierte Interventionsstrategien zu entwickeln – und zwar bevor sich ein schwer therapierbarer Tumor überhaupt erst ausbildet.

Er ist eine der aggressivsten Krebserkrankungen: Bauchspeicheldrüsenkrebs wird meist erst spät diagnostiziert, weil er zunächst keine Beschwerden verursacht und deshalb nicht bemerkt wird. Dazu kommt, dass er stark metastasiert. Wird das Pankreaskarzinom schließlich erkannt, ist eine Heilung häufig nicht mehr möglich. Ein Forschungsteam des Instituts für Molekulare Onkologie und Stammzellbiologie (IMOS) an der Universität Ulm hat gemeinsam mit nationalen und internationalen Partnern eine bahnbrechende Entdeckung gemacht, die den Weg zu einer deutlich früheren Diagnose ebnen könnte: Das Onkogen KRAS – der Haupttreiber von Bauchspeicheldrüsenkrebs – schafft ein eigenes Milieu, das dem Karzinom beste Wachstumsbedingungen bietet und in das T-Zellen der Immunabwehr nicht eindringen können. Die Ergebnisse der Studie sind jetzt in der hochrenommierten Fachzeitschrift Molecular Cancer veröffentlicht worden. Finanziert wurde die Forschung maßgeblich durch die Baden-Württemberg Stiftung im Rahmen des Projekts „CrossIngPanC – Cellular crosstalk durIng Niche proGramming to diagnose and treat Pancreatic Cancer“ sowie durch das Reinhart-Koselleck-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

„Unsere Daten zeigen, dass Bauchspeicheldrüsenkrebs nicht erst mit dem Tumor entsteht – die Weichen werden wahrscheinlich bereits wenige Tage nach der KRAS-Aktivierung gestellt, indem die Umgebung entsprechend verändert wird“, sagt Erstautorin Chantal Allgöwer, die die Arbeit im Rahmen ihrer Promotion am IMOS durchführte. KRAS ist ein Protein, das bei gesunden Menschen über Signalwege unter anderem das Zellwachstum reguliert. Liegt eine Mutation vor, kommt es zur unkontrollierten Zellteilung und damit zu Tumoren. Neben zellulären Veränderungen führen Botenstoffe und die Kommunikation von Tumor- zu ihren Nachbarzellen auch zu deren Veränderung und Adaption. In diesem Prozess spielt das Signalmolekül TNFα eine wichtige Rolle, wie die Forschenden nun herausfinden konnten: Im Normalfall reguliert TNFα Entzündungen und Zellwachstum. Produziert der Körper jedoch zu viel davon, kann es zu einem tumorfördernden Umfeld beitragen. „Besonders bemerkenswert ist, dass ein einzelner Botenstoff wie TNFα so viel dazu beiträgt, eine Nische einzurichten, in der sich der Tumor entwickeln kann“, erläutert Professor Alexander Kleger, einer der Leiter der Studie und Direktor des IMOS. „Genau in dieser frühen Phase könnten völlig neue Möglichkeiten der Prävention und gezielten Intervention liegen.“

Gewebebildende Zellen werden zu tumorförderndem Verhalten umprogrammiert
Für ihre Arbeit nutzten die Forschenden sogenannte Organoide – aus menschlichen Stammzellen im Labor gezüchtete, gangähnliche Modelle der Bauchspeicheldrüse (PDLOs). Diese „Mini-Tumoren“ bilden frühe Stadien der Tumorentstehung realitätsnah nach und ermöglichen es, Krankheitsprozesse unter kontrollierten Bedingungen zu untersuchen. Dabei zeigten sie, dass KRAS wie ein Türsteher das Eindringen der T-Zellen verhindert und gleichzeitig fibroblastische – also gewebebildende – Zelltypen zu einem tumorfördernden Verhalten umprogrammiert. „Wir konnten diese frühe Kommunikation zwischen Tumorvorläuferzellen und ihrer Umgebung mit hoher Präzision nachzeichnen“, sagt Juniorprofessor Markus Breunig, Co-Leiter der Studie. „Die Kombination aus innovativen humanen Stammzell- und Co-Kulturmodellen mit modernsten Analytikverfahren liefert ein neuartiges Bild der Tumorentstehung – und identifiziert gleichzeitig therapeutisch angreifbare Punkte, bevor überhaupt ein invasiver Tumor vorliegt.“

Zusätzlich analysierte das Forschungsteam in Zusammenarbeit mit der Vita-Salute San Raffaele Universität in Mailand (Italien) die bei Operationen gewonnene Zystenflüssigkeit von insgesamt 80 Patient*innen mit einer Vorstufe von Bauchspeicheldrüsenkrebs. Dabei zeigte sich, dass das Signalmolekül TNFα mit dem Fortschreiten der Erkrankung kontinuierlich anstieg: von den ersten abnormalen, aber noch nicht bösartigen Zellen bis hin zum invasiven Karzinom. „Dass der Entzündungsbotenstoff TNFα nicht nur in unseren Modellen, sondern auch in Proben von Patientinnen und Patienten schrittweise ansteigt, lieferte uns die entscheidende Bestätigung für die klinische Relevanz unserer Arbeit“, sagt Professor Alexander Kleger. „TNFα könnte sich als klinisch relevanter Biomarker für den Krankheitsfortschritt und auch für ein frühes Eingreifen eignen.“

Mit diesen Ergebnissen liefert die Studie einen wichtigen Baustein zum Verständnis der Tumorentstehung im Pankreas und eröffnet neue Wege, personalisierte Interventionsstrategien zu entwickeln – bevor sich ein invasiver und schwer therapierbarer Tumor ausbildet.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Christine Liebhardt
Prof. Dr. Alexander Kleger, Direktor des Instituts für Molekulare Onkologie und Stammzellbiologie Universitätsklinikum Ulm sowie Sektionsleiter Interdisziplinäre Pankreatologie, Klinik für Innere Medizin I, Universitätsklinikum Ulm
Mail: alexander.kleger@uni-ulm.de

Originalpublikation:
Allgöwer, C., Mulaw, M.A., Nagai, J. et al. An oncogenic KRAS-driven secretome involving TNFα promotes niche preparation prior to pancreatic cancer onset. Mol Cancer 25, 29 (2026). doi.org/10.1186/s12943-025-02541-1

K.O. Tropfen

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Neue Erkenntnisse aus der länderübergreifenden K.O.-Tropfen-Studie „Don’t knock me out“: Betroffene wenden sich eher an vertraute Personen als an medizinisches Personal oder die Polizei und wünschen sich facettenreiche Bereitstellung von Informationen zu „Drink Spiking“

Im Januar 2026 gab Jun.-Prof. Dr. Charlotte Förster, Inhaberin der Juniorprofessur Europäisches Management an der Technischen Universität Chemnitz, Einblick in die ersten Ergebnisse der länderübergreifenden K.O.-Tropfen-Studie „Don’t knock me out“. Nun folgen weitere Erkenntnisse aus der noch laufenden anonymen Online-Umfrage zur Bekanntheit, Erfahrung und dem Umgang mit K.O.-Tropfen im deutschsprachigen Raum.

Aus den 1.288 ausgewerteten Datensätzen für Deutschland wissen wir, dass 527 Personen schon mindestens einmal den Verdacht hatten, Opfer von „Drink Spiking“, also der unfreiwilligen Verabreichung von als K.O.-Tropfen missbrauchten Substanzen, geworden zu sein. „Die Ergebnisse weisen allerdings auch auf eine große Lücke zwischen den berichteten Erfahrungen und den institutionell erfassten Fällen hin“, berichtet Förster. Es scheint so, dass sich Personen, die einen solchen Verdacht haben, eher an vertraute Personen wie Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde, Partnerinnen und Partner oder Bekannte wenden, nicht aber an medizinisches Personal oder die Polizei. Dies betraf 95 Prozent der Personen, die einen solchen Verdacht hatten und diesen auch jemand anvertrauten. Nur 70 Personen, also 17 Prozent dieser Gruppe, wandten sich (auch) an eine Ärztin oder einen Arzt, beispielsweise in der Notaufnahme oder in der Hausarztpraxis. Weiterhin meldeten nur 48 Personen, also elf Prozent dieser Gruppe, den Verdacht (auch) bei der Polizei. 20 Prozent der befragten Personen mit einem solchen Verdacht gaben darüber hinaus an, ihren Verdacht nie jemandem anvertraut zu haben.

Diese Erkenntnisse stehen im Einklang mit den Ergebnissen der kürzlich veröffentlichten Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ (LeSuBiA) – eine Dunkelfeldbefragung der Bundesregierung zu Gewalt in Deutschland. Auch diese Studie zeigt, dass Gewalterfahrungen nur selten angezeigt werden, wobei Frauen von partnerschaftlicher oder geschlechtsspezifischer Gewalt stärker und häufiger betroffen sind als Männer. „Unsere Studienerkenntnisse sind damit also durchaus anschlussfähig“, resümiert Förster.

Für die Chemnitzer Juniorprofessorin ist es wichtig zu betonen, dass es sich um eine laufende Analyse handelt und dass diese Studie keinen repräsentativen Anspruch erhebt. „Für eine solche Datenerhebung fehlt uns an der Juniorprofessur das entsprechende Budget. Dennoch können wir mittels unserer Studie wichtige Erkenntnisse gewinnen, insbesondere wenn es um die Gründe geht, warum Verdachtsfälle institutionell nicht erfasst werden“, erklärt Förster. „Wir können beispielsweise aus den Ergebnissen ableiten, dass es so scheint, als ob Personen nicht wissen, wie sie sich bei einem solchen Verdacht verhalten sollen, oder dass sie bei den entsprechenden Stellen abgewiesen werden. Auch hierfür liefert unsere Studie Hinweise. Weiterhin spielen Scham und das Thema Victim-blaming – also die Beschuldigung von Opfern – eine wichtige Rolle.“ Das spricht dafür, dass die Verantwortlichkeiten nicht ganz klar zu sein scheinen, die Personen möglicherweise Angst haben ihren Verdacht zu äußern und es auch ein Aufklärungsproblem zu geben scheint. „Es ist deshalb wichtig, dass Personen, die einen solchen Verdacht haben oder in Begleitung einer solchen Person sind, genau wissen, was zu tun ist.“

65 Prozent der Befragten bewerten die betriebene Aufklärung zum Thema K.O.-Tropfen als nicht oder eher nicht ausreichend. 71 Prozent der Befragten gaben darüber hinaus an, nicht oder eher nicht das Gefühl zu haben, dass es ausreichend Präventionsmöglichkeiten zum Thema K.O.-Tropfen bzw. „Drink Spiking“ gibt. In der Verantwortung für eine solche Aufklärung und Bereitstellung von Informationen sahen die Befragten gleichermaßen Bildungseinrichtungen wie Schulen und Hochschulen (76 Prozent) sowie Ausgeh-Locations wie Bars, Clubs und Diskotheken (76 Prozent). Darüber hinaus sahen die Befragten auch öffentliche Institutionen wie Polizei oder öffentliche Gesundheit (74 Prozent) sowie die öffentlichen Medien (72 Prozent) in der Pflicht. Arztpraxen und Apotheken sahen die Befragten hingegen eher weniger in der Verantwortung für die Aufklärung und Bereitstellung von Informationen, sondern vielmehr als Orte, an denen Aufklärung betrieben bzw. Informationen bereitgestellt werden sollten. Darüber hinaus wünschen sich die Befragten insbesondere mehr Aufklärung in Ausgeh-Locations (90 Prozent), Bildungseinrichtungen (86 Prozent), öffentlichen Verkehrsmitteln (67 Prozent) und öffentlichen Institutionen (53 Prozent). Als bevorzugte Wege der Aufklärung wurden insbesondere der Schulunterricht (83 Prozent), Social-Media-Plattformen (78 Prozent), das Internet (72 Prozent) und Streamingdienste (45 Prozent) sowie über Plakate (47 Prozent) und Flyer und Broschüren (40 Prozent) genannt. Hinsichtlich der Themen, über die sich die Befragten mehr Aufklärung wünschten, stachen neben weiteren wichtigen Fragen insbesondere die Themen Nachweisbarkeit (77 Prozent) und Schutzmöglichkeiten (72 Prozent) hervor.

Aus den Ergebnissen lässt sich ein klarer Wunsch nach mehr Aufklärung und Prävention ableiten. „Das sollten gerade Bars, Clubs und Diskotheken nutzen, um sich durch eine gute Aufklärungs- und Präventionsstrategie einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Die Zeiten, in denen man dachte, das Risiko für Drink Spiking sei in einer Location höher, nur weil hier davor gewarnt wird, sind sicherlich vorbei”, fasst die Betriebswirtschaftlerin Förster zusammen.

Die gemeinsame anonyme Online-Umfrage der Juniorprofessur Europäisches Management der TU Chemnitz und des Kompetenzzentrums Gewaltschutz der Tirol Kliniken in Innsbruck wird fortgeführt. Die Erhebung richtet sich an Personen ab 14 Jahren in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Bisher sind mehr als 2.500 Rückmeldungen eingegangen. „Wir hoffen weiterhin auf eine Förderung und freuen uns sehr über die Unterstützung, die wir bereits erhalten, zum Beispiel von der international agierenden Marketingagentur Saatchi & Saatchi sowie durch das Frauennetzwerk IVY Female Collective“, ergänzt Förster.

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Jun.- Prof. Dr. Charlotte Förster, Telefon +49 (0)371 531-36855, E-Mail charlotte.foerster@wiwi.tu-chemnitz.de
Weitere Informationen finden Sie unter
- Weitere Informationen zum Forschungsprojekt „Don’t knock me out“ und zum Thema K.O.-Tropfen

Gesundes Essen

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Jüngere Jugendliche einer Klasse neigen häufiger zu ungesunden Ernährungsgewohnheiten. Zu diesem Schluss kommt eine Trierer Studie und zeigt, was dagegen hilft.


Übergewicht, weniger Gemüse, mehr Softdrinks, unregelmäßigere Mahlzeiten und häufigere Diäten – das alles trifft auf die Jüngeren einer Klasse eher zu als auf die Älteren. Das belegt eine Studie des Trierer Personalökonomen Dr. Sven Hartmann und zweier Kollegen aus Tschechien und Italien, die 2026 erschienen ist.

Die Verbindung des relativen Alters zum Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen ist schon länger bekannt. Die Jüngeren eines Jahrgangs leiden beispielsweise häufiger an mentalen Problemen, werden eher mit ADHS diagnostiziert, haben im Durchschnitt schlechtere Noten und machen seltener Sport. Daher haben sich die drei internationalen Wissenschaftler auch das Essverhalten der Klassenjüngeren in 30 europäischen Ländern näher angesehen – mit vergleichbaren Ergebnissen.

Jungs stärker betroffen
„Beim objektiven Übergewicht gemessen am Body Mass Index sehen wir zum Beispiel, dass die Jüngsten innerhalb eines Schuljahrgangs eine um rund 2 Prozentpunkte höhere Wahrscheinlichkeit haben, übergewichtig zu sein, als die Ältesten“, veranschaulicht Hartmann, „Jungs sogar noch stärker als Mädchen.“ Was zunächst nicht viel erscheint, ist gemessen am durchschnittlichen Risiko für Übergewicht von 13,9 Prozent in der gesamten Umfrage statistisch sehr relevant.

Andere Einflussfaktoren auf die Ernährungsgewohnheiten wie etwa Familienzusammenstellung oder Wohlstand hat das Trio jeweils herausgerechnet, um die Auswirkungen des relativen Alters genau erfassen zu können. Außerdem wurden Daten aus Ländern, die keinen einheitlichen Stichtag für den Schuleintritt haben, ausgeschlossen. Dazu gehört auch Deutschland.

Die Gründe für das ungesunde Verhalten können bisher nur vermutet werden. Zum einen fördern die schon erwähnten häufigeren mentalen Probleme bei Jüngeren schlechte Essgewohnheiten. Zum anderen könnten sie größeren sozialen Druck verspüren. So sei zum Beispiel vorstellbar, dass sie von älteren Mitschülern vorgelebtes ungesundes Verhalten übertrieben nachahmen.

Argument für Schulessen
Doch was ist dagegen zu tun? „Zum einen geht es darum, Eltern und Lehrkräfte für relative Alterseffekte zu sensibilisieren“, so Hartmann. Außerdem zeige die Studie auch, dass die Effekte in Ländern mit flächendeckenden Schulmahlzeiten weniger ausgeprägt kleiner ausfallen. Ein Plädoyer für die Schulkantine also, ebenso übrigens für einen späteren Schulbeginn. „Jüngere Schülerinnen und Schüler lassen an Schultagen häufiger das Frühstück ausfallen“, führen die Forscher aus. Das könne darauf hinweisen, dass sie länger schlafen und die fehlende Zeit durch das Weglassen des Frühstücks kompensieren.

Hintergrund:
Die Daten stammen aus der Studie „Health Behaviour in School-Aged Children“. In ihr wurden zwischen 2001 und 2018 etwa ‪600.000‬ Schüler*innen im Alter von 10 bis 17 Jahren aus 30 europäischen Ländern fünfmal befragt.

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Dr. Sven Hartmann
Personalökonomik
Mail: hartmann@uni-trier.de
Tel. +49 651 201-4736

Originalpublikation:
Zur Studie: https://doi.org/10.1016/j.econedurev.2025.102756

Erdnussallergie Test

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Erdnuss ist das häufigste Nahrungsmittel, das zu schweren allergischen Reaktionen bei Kindern führt. Diese Reaktionen können lebensbedrohlich sein. Patienten, die an einer Erdnussallergie leiden, müssen eine strikte erdnussfreie Diät einhalten. Trotz Meidung kommt es bei den meisten Patienten doch unbeabsichtigt zu Ingestionen von „versteckter“ Erdnuss mit anschließenden allergischen Reaktionen. So müssen die Patienten immer Notfallmedikamente, wie auch einen Adrenalin-Autoinjektor, zur Hand haben, um bei akzidentellen Reaktionen schnell handeln zu können.
Leider wird der Vertrieb von Palforzia® aus kommerziellem Interesse nun weltweit eingestellt.

Drama für unsere erdnussallergischen Kinder!

Anfänglich mit Spendengeldern finanziert, ist über viele Jahre eine orale Immuntherapie für erdnussallergische Kinder entwickelt worden, die Patienten gegen schwere Reaktionen bei versehentlicher Aufnahme von Erdnuss schützen sollte. Bei dieser Form der Immuntherapie (Desensibilisierungstherapie) müssen Patienten eine kleinste Menge des Allergens täglich essen, um dann z.B. alle 14 Tage unter einem ärztlichen Monitoring eine nächst höherer Dosis von Erdnussprotein verabreicht zu kriegen. Diese Dosis wird dann erneut zu Hause 14 Tage eingenommen bis zur nächsten Steigerung. In den großen internationalen Zulassungsstudien zur oralen Immuntherapie bei erdnussallergischen Kindern wurde eine Anfangsdosis von z.B. nur 0,5mg Erdnussprotein gewählt, die bis zu einer Erhaltungsdosis von 300mg Erdnussprotein (entspricht ca. 1 Erdnuss) gesteigert wurde, welche weiter dann täglich eingenommen werden musste. Ziel war es in den Studien zu zeigen, dass die Reaktionsschwelle der Patienten langsam angehoben wurde, so dass sie z.B. 600mg Erdnussprotein (ca. 2 Erdnüsse) bei einer oralen Provokation am Ende der Studien vertrugen. Vor Start der Therapie wiesen diese hochallergischen Patienten eine sehr geringe Reaktionsschwelle (≤100/300mg Erdnussprotein) auf. Der beschriebene Endpunkt konnten in den Studien bei 4 bis 17jährigen Kindern, die die orale Immuntherapie erhielten, zu 67-68% erreicht werden im Gegensatz zu nur 4-9% der Kinder, die ein Placebo erhielten. Auch in der jüngeren Gruppe der 1 bis 3jährigen erreichten 74% der Verumgruppe diesen Endpunkt versus 6% der Placebogruppe. Unter der Therapie kam es bei den meisten Patienten zu milden bis moderaten Nebenwirkungen wie Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen oder Kribbeln im Mund, seltener auch zu schwereren allergischen Reaktionen.
Diese Wirksamkeitsergebnisse sind hochsignifikant und bedeuten einen individuellen Schutz der Patienten vor akzidentellen Reaktionen. Es konnte außerdem gezeigt werden, dass sich die Lebensqualität der Patienten unter Therapie verbessert.

Aufgrund dieser Studienergebnisse erhielt die orale Immuntherapie unter dem Namen Palforzia® als erstes Medikament zur Behandlung von erdnussallergischen Kindern im Alter von 4-17 Jahren 2020 die Zulassung in der EU. 2025 folgte dann die Zulassung für Kinder von 1-3 Jahren. Auch die Erstattung dieses Medikaments durch die Krankenkassen war in Deutschland gegeben.

Die durch Palforzia® bewirkte Anhebung der individuellen Reaktionsschwelle stellt einen Gewinn an Sicherheit sowie an Lebensqualität im Alltag dar. Dadurch werden für viele Kinder und deren Familien wichtige Lebensbereiche wie z.B. Besuch von Kindergarten und Schule sowie die Teilnahme an Freizeitaktivitäten überhaupt erst wieder (angstfrei) möglich.

Leider wird der Vertrieb von Palforzia® aus kommerziellem Interesse nun weltweit eingestellt. Auch wenn weitere Medikamente für nahrungsmittelallergische Kinder in der Entwicklung sind wie z.B. die epikutane Immuntherapie (Pflastertherapie), ist dies ein großer Schritt rückwärts für unsere erdnussallergischen Kinder. Palforzia® war das einzige bislang zugelassene Medikament für diese Patientengruppe in der EU. Nun gibt es gar kein zugelassenes Medikament mehr.

Ein Marktrückzug von Palforzia® führt zu Versorgungslücken, gefährdet Therapieerfolge und erhöht das Risiko schwerer Reaktionen. Zudem geht eine wirksame Behandlungsoption verloren. Vor diesem Hintergrund sind verlässliche Systeme zum Schutz solcher potenziell lebensrettenden Medikamente dringend erforderlich.

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PD Dr. med. Katharina Blümchen

 bluemchen@med.uni-frankfurt.de

Albrecht Habicht


Nierenkrebs-Operation

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Das Fast-Track-Verfahren wurde am Uniklinikum Würzburg nun erstmals auch bei einer Nierenkrebs-Operation erfolgreich angewendet. Die Patientin profitierte von einer nahezu schmerzfreien Behandlung, einer schnellen Erholung und einem kurzen Krankenhausaufenthalt.

Die Fast-Track-Chirurgie ist ein modernes Behandlungskonzept, das darauf abzielt, den Körper nach einer Operation schneller wieder ins Gleichgewicht zu bringen, postoperative Komplikationen zu minimieren und die Selbstständigkeit der Patientinnen und Patienten möglichst zügig wiederherzustellen. Das dazugehörige Maßnahmenbündel umfasst zum Beispiel eine optimierte Ernährung, ein differenziertes, multimodales Schmerzkonzept und eine individuelle Betreuung.

Bewährtes Konzept nun auch bei Nierenoperationen

Am Uniklinikum Würzburg (UKW) wurde das Konzept bislang in der Allgemeinchirurgie und der gynäkologischen Chirurgie umgesetzt. Die Klinik und Poliklinik für Urologie und Kinderurologie des UKW wendet Fast-Track bereits seit einem Jahr erfolgreich bei radikalen Harnblasenentfernungen an. Im Januar dieses Jahres wurde das Verfahren nun auch auf Nierenoperationen ausgeweitet. Pilotpatientin war hier Petra Engelhardt. Die 72-Jährige war von einem Tumor an der rechten Niere betroffen. Dieser wurde von Privatdozent Dr. Charis Kalogirou, leitender Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Urologie und Kinderurologie des UKW, und seinem Team am 20. Januar operativ entfernt. Das Organ konnte dabei erhalten werden.

Entlassung schon drei Tage nach der OP

„Bei einem herkömmlichen Vorgehen wäre Frau Engelhardt mindestens sechs Tage stationär bei uns geblieben. Durch die Fast-Track-Chirurgie konnte sie schon nach drei Tagen und in einem sehr guten Gesundheitszustand nach Hause entlassen werden“, berichtet Kalogirou. Zu diesem überaus positiven Ergebnis trug neben dem minimalinvasiven Eingriff mit dem DaVinci-Operationsroboter vor allem ein innovatives Regionalanästhesieverfahren bei: Beim sogenannten Quadratus-Lumborum-Block werden Nerven ultraschallgesteuert gezielt blockiert. Zentraler Partner hierbei ist die Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie. Deren Oberarzt, Privatdozent Dr. Maximilian Kippnich, erläutert: „Diese moderne Betäubungstechnik ermöglicht eine deutlich frühere Mobilisation der Patientinnen und Patienten, einen erheblich geringeren Bedarf an Schmerzmitteln – insbesondere an Opiaten – und trägt maßgeblich zur guten Ergebnisqualität bei." Außerdem konnte auf eine Drainage des Operationsgebiets verzichtet werden.

Optimierte Ernährung und schnelle Mobilisation

Das beschleunigende Verfahren startete allerdings schon deutlich vor der Operation. „Wir haben der Patientin in einem Gespräch erläutert, wie wichtig ihre Mithilfe hierbei ist", berichtet die Pflegekraft Verena Bolldorf aus dem Fast-Track-Team der Urologischen Klinik und fährt fort: „Beispielsweise hatte sie in der Zeit vor dem Eingriff auf eine kohlenhydrat- und eiweißreiche Ernährung plus ausreichend Bewegung mit Spaziergängen sowie Atem- und Beingymnastik zu achten."
Nach der Operation wurde eine schnelle Mobilisation angestrebt: Schon am Tag des Eingriffs konnte Petra Engelhardt zwei Stunden lang das Bett verlassen, was in den folgenden drei Tagen schrittweise auf acht Stunden gesteigert wurde. Der Dauerkatheter wurde bereits am Morgen nach der Operation gezogen. Noch am Operationstag selbst gab es für die Patientin feste, proteinreiche Kost, die die Wundheilung unterstützt und dem Muskelabbau entgegenwirkt.
Verena Bolldorf und ihre Kollegin Cornelia Röth-Mais vom Fast-Track-Team begleiteten und unterstützten Petra Engelhardt während ihres gesamten stationären Aufenthalts. „Und auch nach der Entlassung rufen wir die Patientinnen und Patienten innerhalb von 30 Tagen noch zweimal an, um uns nach dem Befinden zu erkundigen und bei Bedarf noch Empfehlungen zu geben", schildert die Fast-Track-Nurse 

Cornelia Röth-Mais!

Susanne Just

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORZ

Blutzucker

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Bakterien nutzen Zucker als Nährstoff und wachsen darin. Urin ist praktisch zuckerfrei. Eine Behandlung mit SGLT2-Hemmern, die bei Diabetes 2 sowie Herz- oder Nierenerkrankungen eingesetzt werden, führt zu einer Zuckerausscheidung im Urin. Bei deren Einführung als Medikament gab es daher große Sorgen vor schweren Niereninfektionen. Die Bonner Forschenden Prof. Sibylle von Vietinghoff, Leiterin der Nephrologie am Universitätsklinikum Bonn (UKB) sowie Mitglied im Exzellenzcluster ImmunoSensation3, und ihre wissenschaftlichen Mitarbeitenden Dr. Georg W. Sendtner und Julia Miranda haben einen Mechanismus aufklärt, warum es bei SGLT2 Hemmung nicht zu vermehrten Infektionen der Niere selbst kommt.


Über dieses Forschungsergebnis berichteten die Experten kürzlich in der führenden nephrologischen Fachzeitschrift „Kidney International“.

Was ist Glukosurie, wie entsteht sie und welche Probleme bewirkt sie?
Prof. Sibylle von Vietinghoff: „Glukosurie ist Urinausscheidung von Zucker. Normalerweise ist der Urin zuckerfrei, da die Niere diesen Nährstoff sehr effizient zurückholt. Ausnahmen sind ein schwerer Diabetes 2, auch als „Alterszucker“ bekannt, der die Rückholkapazität der Nieren überfordert. Es gibt auch sehr selten genetische Veränderungen und eben - und das ist heute in Deutschland wahrscheinlich die häufigste Ursache – die Behandlung mit SGLT2-Hemmern.“

Welche Funktion hat SGLT2?
Prof. Sibylle von Vietinghoff: „SGLT2 ist der Transporter, der die größte Menge an Zucker aus dem Urin zurückholt. Er sitzt ganz am Anfang vom sogenannten Tubulusapparat. Das ist der Teil der Niere, der aus circa 160 Liter Primärharn am Tag diejenigen zwei bis drei Liter ‘destilliert’, die auch ausgeschieden werden.“

Was sind SGLT2-Hemmer und welche Komplikationen gibt es und welche wurden befürchtet?
Prof. Sibylle von Vietinghoff: „SGLT2-Hemmer verhindern, dass die Niere Glucose aus dem Urin zurückholt. Allgemein sind es sehr gut verträgliche Medikamente. Sie sollten nicht bei akuter Krankheit, das heißt also, wenn man nicht essen und trinken kann, eingenommen werden, sonst droht die Gefahr der Ketoazidose. Auch treten Infektionen der äußeren Harnwege häufiger auf. Das wurde auf das bessere Bakterienwachstum in Glucose zurückgeführt, das wir auch in unserer Arbeit bestätigen konnten.

SGLT2-Hemmer wurden ursprünglich zur Behandlung von Diabetes 2 entwickelt. Man wollte erreichen, dass vom Körper nicht verwendeter Zucker einfach über die Nieren ausgeschieden wird und damit den Stoffwechsel nicht mehr belastet. Dann stellte sich heraus, dass SGLT2-Hemmer Herz- und Nieren auch unabhängig von der Blutzuckereinstellung schützen. Nierenkranke zeigten eine bessere Nierenleistung und wurden seltener dialysepflichtig. Seit 2021 sind SGLT2-Hemmer zur Behandlung chronischer Nierenerkrankungen auch in Deutschland zugelassen. Für den Nierenschutz war das eine große Innovation. Die Leitlinien für die Behandlung der chronischen Nierenerkrankungen, kurz CKD, wurden umgeschrieben. Auch bei Herzschwäche sind SGLT2-Hemmer zur Standardmedikation geworden.“

Welche Hypothese stellen Sie auf, warum es bei der Behandlung mit SGLT2 Hemmern nicht zu schweren bakteriellen Niereninfektionen kommt?
Dr. Georg W. Sendtner: „Unsere Idee war, dass SGLT2 Hemmer in der Niere vielleicht nicht nur die Glukoseausscheidung verursachen, sondern auch Abwehrmechanismen beeinflussen, so dass am Ende die klinisch beobachtete, zunächst überraschende Infektneutralität steht.“

Zu welchem Schluss kommen Sie in Ihrer Publikation?
Julia Miranda: „Wir konnten zeigen, dass bei SGLT2 Hemmer-Behandlung in der Niere der Botenstoff Komplement C1q absinkt. C1q reduzierte in unseren Experimenten zum Beispiel die Fähigkeit von großen Fresszellen, wichtige Abwehrzellen gegen Bakterien anzulocken. Damit wären mit SGLT2 Hemmer behandelte Personen mit weniger C1q besser in der Lage sich gegen Bakterien zu wehren und in der Summe wieder geschützt.“

Was folgt daraus für Personen mit Niereninfektionen?
Prof. Sibylle von Vietinghoff: „Wir haben eine unerklärte klinische Beobachtung zum Anlass genommen, uns auf die Suche nach neuen Abwehrmechanismen bei Niereninfektionen zu machen, den wir im Komplement C1q auch gefunden haben.

Unsere Arbeit reicht hier über die SGLT2 Hemmung hinaus: Wir haben Komplement C1q auch bei gesunden Teilnehmenden der UK-Biobank in Bezug auf spätere Niereninfektionen untersucht. Die Daten zeigen, dass gesunde Menschen, die niedrigere C1q Spiegel hatten, später weniger Harnwegsinfekte bekamen. Das Ergebnis passt zu einer Rolle von C1q in der antibakteriellen Abwehr der Niere auch unabhängig von einer SGLT2 Hemmung.“

Beteiligte Institutionen und Förderung: Excellenzcluster Immunosensation3, DFG Forschungsgruppe "Bakterielle renale Infektionen und deren Abwehr (BARICADE)"

Publikation: Georg W. Sendtner, Julia Miranda et al.: Sodium glucose transporter 2 inhibition maintains kidney antibacterial response by decreasing complement C1q; Kidney International; DOI: 10.1016/j.kint.2026.01.003
https://www.kidney-international.org/article/S0085-2538(26)00009-8/fulltext

Zum Universitätsklinikum Bonn: Als eines der leistungsstärksten Universitätsklinika Deutschlands verbindet das UKB Höchstleistungen in Medizin und Forschung mit exzellenter Lehre. Jährlich werden am UKB über eine halbe Million Patienten ambulant und stationär versorgt. Hier studieren rund 3.500 Menschen Medizin und Zahnmedizin, zudem werden jährlich über 600 Personen in Gesundheitsberufen ausgebildet. Mit rund 9.900 Beschäftigten ist das UKB der drittgrößte Arbeitgeber in der Region Bonn/Rhein-Sieg. In der Focus-Klinikliste belegt das UKB Platz 1 unter den Universitätsklinika in NRW und weist unter den Universitätsklinika bundesweit den zweithöchsten Case-Mix-Index (Fallschweregrad) auf. 2024 konnte das UKB knapp 100 Mio. € an Drittmitteln für Forschung, Entwicklung und Lehre einwerben. Das F.A.Z.-Institut zeichnete das UKB im vierten Jahr in Folge als „Deutschlands Ausbildungs-Champion“ und „Deutschlands begehrtesten Arbeitgeber“ aus. Aktuelle Zahlen finden Sie im Geschäftsbericht unter: geschaeftsbericht.ukbonn.de

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Prof. Dr. Sibylle von Vietinghoff
Gesamtleitung Nephrologie
Medizinische Klinik 1, Universitätsklinikum Bonn
ImmunoSensation3, Universität Bonn
E-Mail: Sibylle.von_Vietinghoff@ukbonn.de

Originalpublikation:
Georg W. Sendtner, Julia Miranda et al.: Sodium glucose transporter 2 inhibition maintains kidney antibacterial response by decreasing complement C1q; Kidney International; DOI: 10.1016/j.kint.2026.01.003
Weitere Informationen finden Sie unter
Publikation

Vorhoffflimmern

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Das internationale Forschungsprojekt AF-B-STEP soll erstmals systematisch erfassen, wie lange Vorhofflimmern individuell andauert (Vorhofflimmerlast) und feststellen, in welchem Ausmaß diese Last das Risiko für Schlaganfälle oder Herzinsuffizienz beeinflusst bzw. sich auf die Lebensqualität auswirkt. Das Projekt soll einheitliche Standards entwickeln, wie medizinische Geräte und Technologien von implantierbaren Herzgeräten bis Smartwatches Vorhofflimmern und die Vorhofflimmerlast quantifizieren. 18 Partner aus Europa und Kanada haben sich mit dem Ziel zusammengeschlossen, die Diagnose und Behandlung von Menschen mit Vorhofflimmern grundlegend zu verbessern. AFNET ist einer dieser Partner.

Die Diagnose Vorhofflimmern wird aktuell nicht quantitativ gestellt. Das internationale Forschungsprojekt AF-B-STEP will dies ändern: Erstmals soll systematisch erfasst werden, wie lange das Vorhofflimmern bei Menschen individuell andauert und in welchem Ausmaß diese Vorhofflimmerlast das Risiko für Schlaganfälle oder Herzinsuffizienz beeinflusst oder sich auf andere Lebensaspekte der Patient:innen auswirkt. Darüber hinaus wird das Projekt einheitliche Standards für die Quantifizierung von Vorhofflimmern und der Vorhofflimmerlast durch medizinische Geräte (etwa implantierbare Herzgeräte oder einsetzbare Ereignisrekorder) oder Wearable-Elektronik (z.B. Smartwatches) entwickeln. Ziel ist die grundlegende Verbesserung der Diagnostik und Versorgung von Menschen mit Vorhofflimmern. Dazu haben sich 18 europäische und kanadische Partner aus Wissenschaft und Industrie zusammengeschlossen. Koordiniert wird das Projekt von der Klinik für Kardiologie des Universitären Herz- und Gefäßzentrums des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) sowie vom Medtronic Bakken Research Center in Maastricht (Niederlande) als Projektleiter aus der Industrie. Über die kommenden vier Jahre wird das Vorhaben mit insgesamt rund 18 Millionen Euro von der Innovative Health Initiative (IHI) gefördert, wobei sowohl die Europäische Union als auch die Industrie Beiträge leisten.

„Die Ergebnisse sollen Mediziner:innen dabei unterstützen, anhand der Vorhofflimmerlast präziser zu entscheiden, wer welche Behandlung benötigt. Ziel von AF-B-STEP ist es, langfristig zu einer messbaren Reduktion von Schlaganfällen und Herzinsuffizienz beizutragen und zugleich unnötige Behandlungen bei Menschen mit niedriger Vorhofflimmerlast zu vermeiden“, sagt Prof. Dr. Paulus Kirchhof, Direktor der Klinik für Kardiologie des UKE, Vorstandsvorsitzender des Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET) und Koordinator des Projektes AF-B-STEP (voller Titel: Quantifying Atrial Fibrillation Burden for Better Screening, Treatment, and HEalth Policy).

Vorhofflimmern erhöht das Risiko für Schlaganfall und Herzinsuffizienz und ist weltweit die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung. Es betrifft etwa ein Drittel der über 55-Jährigen und macht zwei bis drei Prozent der Gesundheitskosten in Europa und Nordamerika aus. Derzeit wird Vorhofflimmern gewöhnlich einfach mit „Ja“ oder „Nein“ diagnostiziert, auch therapeutische Entscheidungen basieren überwiegend auf dieser einfachen Klassifizierung. Bei Patient:innen tritt Vorhofflimmern jedoch in unterschiedlichen Ausprägungen und Intensitäten auf, von seltenen, kurzen Episoden über häufige Anfälle bis hin zu dauerhaftem Vorhofflimmern. Die Dauer des Vorhofflimmerns, die sogenannte Vorhofflimmerlast (atrial fibrillation burden), kann wesentlich Symptomatik, Prognose und therapeutische Entscheidungen beeinflussen. Mit größerer Vorhofflimmerlast steigt das Risiko für Schlaganfälle, Herzinsuffizienz, Krankenhauseinweisungen und andere nachteilige Auswirkungen. Herzschrittmacher und andere elektronische Implantate sowie zunehmend auch Smartwatches, Fitnesstracker und andere Wearable-Technologien ermöglichen heute die Erkennung selbst kurzer und seltener Episoden von Vorhofflimmern. Bislang fehlt jedoch eine standardisierte Methode zur zuverlässigen Quantifizierung der Vorhofflimmerlast und die präzise Beurteilung der daraus folgenden gesundheitlichen Risiken. Zudem fehlt eine einheitliche Berichterstattung der von implantierten und tragbaren Geräten erfassten Daten, was Vergleiche zwischen unterschiedlichen Systemen erschwert.

Auswertung von Daten von mehr als ‪100.000‬ Patient:innen weltweit
Hier setzt AF-B-STEP an, indem zunächst bestehende Daten zur Vorhofflimmerlast und zu den gesundheitlichen Folgen zusammengeführt und analysiert werden. Dafür stellen die Projektpartner:innen aus Wissenschaft und Industrie anonymisierte Datensätze von mehr als ‪100.000‬ Patient:innen zur Verfügung. Durch die Verknüpfung von Vorhofflimmerlast und klinischen Ergebnissen soll präzise berechenbar werden, wie hoch der Beitrag von Vorhofflimmern zum Risiko für Schlaganfall, Herzinsuffizienz sowie kardiovaskulären Tod ist und wie die Lebensqualität sowie die Herz- und Gehirnfunktion durch Vorhofflimmern beeinflusst werden. Gemeinsam mit Herstellern von implantierbaren Herzgeräten und Wearable-Technologien wird das Konsortium auch standardisierte Methoden zur Erfassung und Anzeige der Vorhofflimmerlast an die Betroffenen entwickeln. Idealerweise werden sich drei Kategorien herausbilden: niedrige Vorhofflimmerlast (keine weiteren Untersuchungen oder Therapien erforderlich), moderate Vorhofflimmerlast (weitere Diagnostik zur Therapieentscheidung notwendig) und hohe Vorhofflimmerlast (direkter Beginn einer Antikoagulation und einer Rhythmuskontrolltherapie). Eine verbesserte Patient:innenstratifizierung sowie mechanistische Erkenntnisse können anschließend in zukünftige Behandlungsleitlinien einfließen und die Rolle der Vorhofflimmerlast stärker bei Therapieentscheidungen berücksichtigen.

„Indem diese groß angelegte konzertierte Zusammenarbeit auf die bislang ungedeckten Bedarfe beim Management von Vorhofflimmern eingeht, wird sie grundlegend für die zukünftigen Anstrengungen zur weltweiten Verbesserung der Behandlung von Vorhofflimmern sein“, so Dr. Mirko De Melis, Distinguished Clinical Research Advisor am Medtronic Bakken Research Center in Maastricht, Niederlande, und Projektleiter des AF-B-STEP aus der Industrie.

„Während die Vorhofflimmerlast breit diskutiert wird, ist ihre klinische Anwendung weiterhin aufgrund von fehlenden validierten Schwellenwerten beschränkt. AF-B-STEP wird diese Lücke schließen, indem es exzeptionelle Datensätze, erfahrene Forschende und Partner:innen aus der Industrie zusammenbringt, um die praktische Anwendung der Vorhofflimmerlast in der klinischen Versorgung zu ermöglichen“, sagt Dr. William McIntyre, Projektleiter und Wissenschaftler am Population Health Research Institute, einem gemeinsamen Institut der McMaster University und Hamilton Health Sciences.

Prof. Dr. Barbara Casadei, Head of the National Heart and Lung Institute am Imperial College London (Großbritannien), sagt: „Vorhofflimmern ist ein großes globales Gesundheitsproblem, und die Zahl der Betroffenen – weltweit in Millionenhöhe – nimmt Jahr für Jahr weiter zu. Dieses Projekt bietet eine richtungsweisende Gelegenheit für Forschende, Wissenschaftler:innen und Kliniker:innen, gemeinsam die Initiative zu ergreifen und die besten Ansätze zur Erfassung, Risikostratifizierung und Versorgung von Menschen mit Vorhofflimmern zu entwickeln. Wir hoffen und sind überzeugt, dass wir in vier Jahren einen bedeutenden Wendepunkt in der Diagnostik von und im Umgang mit Vorhofflimmern erreichen werden.“

„Zu lange wurde Vorhofflimmern als einfache „Ja oder Nein“-Erkrankung behandelt. AF-B-STEP hat das Potenzial, die klinische Praxis zu verändern, indem der Zusammenhang zwischen Vorhofflimmerlast und bedeutsamen Outcomes wie Schlaganfall und Herzinsuffizienz untersucht wird; dies wird zum Ergebnis haben, dass die Versorgung von Millionen von Patient:innen weltweit verbessert wird“, sagt Prof. Dr. Helmut Pürerfellner, Präsident der European Heart Rhythm Association (EHRA), Partner von AF-B-STEP und Fachstelle der European Society of Cardiology.

„Bei BIOTRONIK sind wir überzeugt, dass klare und einheitliche Reporting-Standards entscheidend für die effektive Erforschung der Vorhofflimmerlast und letztlich für die Verbesserung der Patientenversorgung sind. BIOTRONIK unterstützt das AF-B-STEP Projekt mit Daten und wissenschaftlicher Expertise bei der Entwicklung breit anwendbarer Definitionen und Methodiken“, sagt Dr. Volker Lang, Senior Vice President Research & Development bei BIOTRONIK.

„Größe, Reichweite und Stärke dieser Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Industrie versprechen, nicht nur einen standardisierten Rahmen zur Erfassung und Quantifizierung der Vorhofflimmerlast zu schaffen, sondern vor allem auch, die Vorhofflimmerlast mit schwerwiegenden klinischen Outcomes zu verknüpfen. Ihre Beziehung zur Vorhofflimmerlast zu verstehen, ist entscheidend, um daraus klinisch relevante Endpunkte für die zukünftige Entwicklung dringend benötigter Therapien für dieses zunehmende Krankheitsrisiko und die wachsende Bevölkerungsbelastung abzuleiten“, sagt Dr. Amy Sehnert von Thryv Therapeutics Inc.

Internationales Konsortium
AF-B-STEP ist ein internationales Forschungsprojekt, das Universitätskliniken, Industrievertreter aus der Medizintechnik-, der Pharma- und der digitalen Gesundheitsbranche, internationale Kardiologieorganisationen, Patient:innengruppen, Fachleute für Projektmanagement und Wissenstransfer sowie Kostenträger im Gesundheitswesen aus Europa und Kanada zusammenbringt.

Die Partner:innen sind:
• Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
• Medtronic Bakken Research Center B.V.
• Acesion Pharma ApS
• BIOTRONIK SE & Co. KG
• Boston Scientific International SA
• concentris research management GmbH
• IDM gGmbH
• Imperial College of Science Technology and Medicine
• Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET)
• McMaster University
• Medicalgorithmics SA
• Novartis Pharma AG
• Preventicus GmbH
• Societé Europénne de la Cardiologie
• Techniker Krankenkasse
• Thryv Therapeutics Inc.
• Universiteit Maastricht
• Withings France SAS

Kick-off Meeting
Das AF-B-STEP Konsortium kommt vom 3. bis 5. Februar in Amsterdam (Niederlande) zum ersten Mal zusammen. Das Kick-off-Meeting soll das Team motivieren, die Arbeit mit Engagement und einem klaren Ziel zu koordinieren und zu optimieren – nämlich die Belastung durch Vorhofflimmern weltweit zu reduzieren und dessen Quantifizierung und Behandlung voranzubringen.

Finanzierung
Das Projekt wird durch die Innovative Health Initiative Joint Undertaking (IHI JU) im Rahmen der Fördervereinbarung Nr. ‪101252780‬ unterstützt. Das JU erhält Unterstützung aus dem Forschungs- und Innovationsprogramm Horizont Europa der Europäischen Union sowie von COCIR, EFPIA, EuropaBio, MedTech Europe, Vaccines Europe sowie von den Konsortialpartnern Acesion Pharma ApS, Medical Algorithmics, Preventicus GmbH, Thryv Therapeutics Inc. und Withings. Die geäußerten Ansichten und Meinungen sind ausschließlich die der Autor:innen und spiegeln nicht unbedingt die der oben genannten Parteien wider. Keine der oben genannten Parteien haftet dafür.

Weitere Informationen zum Projekt AF-B-Step: https://afbstep.eu/

Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET)
Das Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET) ist ein interdisziplinäres Forschungsnetz, in dem Wissenschaftler:innen und Ärzt:innen aus Kliniken und Praxen deutschlandweit zusammenarbeiten. Ziel des Netzwerks ist es, die Behandlung und Versorgung von Patient:innen mit Vorhofflimmern in Deutschland, Europa und weltweit durch koordinierte Forschung zu verbessern. Dazu führt das Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. wissenschaftsinitiierte, nicht-kommerzielle, klinische Studien (investigator initiated trials = IIT) und Register auf nationaler und internationaler Ebene sowie translationale Forschungsprojekte durch. Der Verein ist aus dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Kompetenznetz Vorhofflimmern hervorgegangen. Seit Januar 2015 werden einzelne Projekte und Infrastrukturen des AFNET vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) sowie einige Projekte aus EU-Forschungsmitteln gefördert. Das AFNET verfügt über langjährige Erfahrung in der Behandlung von Vorhofflimmern, unterstützt aber auch Forschungsarbeiten in anderen Bereichen, die für die kardiovaskuläre Versorgung relevant sind. Die Erkenntnisse aus der mittlerweile 20jährigen klinischen und translationalen Forschung des Forschungsnetzes haben das Leben von Patient:innen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbessert und Behandlungsleitlinien beeinflusst.

https://www.kompetenznetz-vorhofflimmern.de

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Dr. Angelika Leute
Tel: ‪0202 2623395‬
a.leute@t-online.de


Prof. Dr. Paulus Kirchhof
Universitäres Herz- und Gefäßzentrum | Klinik für Kardiologie
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
Martinistraße 52
20246 Hamburg
Telefon: 040 7410-52438
p.kirchhof@uke.de


Weitere Informationen finden Sie unter
https://afbstep.eu/
https://www.linkedin.com/company/af-b-step
https://bsky.app/profile/afbstep.bsky.social
https://x.com/AF_B_STEP
https://www.kompetenznetz-vorhofflimmern.de

Soziale Isolationen durch ExtremEreignisse

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Unter der Leitung von Dr. Samia Akhter-Khan an der Medizinischen Hochschule Brandenburg Theodor Fontane (MHB) wurde heute eine Studie in Nature Health veröffentlicht, die zeigt: Der Klimawandel schädigt nicht nur die Umwelt, sondern erhöht auch das Risiko sozialer Isolation und verschlechtert die psychische Gesundheit. Die Studie zeigt, dass extreme Wetterereignisse soziale Netzwerke zerstören, Konflikte verstärken und insbesondere marginalisierte Gruppen treffen. Gleichzeitig zeigen Programme zur Stärkung sozialer Kontakte eine schützende Wirkung: Sie erhöhen die soziale Resilienz und können die Sterblichkeit während Hitzewellen senken, insbesondere für ältere Menschen.


Wie wirkt sich der Klimawandel über Umweltzerstörung hinaus auf die Menschen aus? Eine neue, in Nature Health veröffentlichte Studie unter der Leitung von Expertinnen der Medizinschen Hochschule Brandenburg Theodor Fontane (MHB und der Charité Universitätsmedizin Berlin) legt nahe, dass der Klimawandel nicht nur die Umwelt schädigt, sondern auch das Risiko sozialer Isolation erhöht und die psychische Gesundheit verschlechtert. Es gibt jedoch noch Hoffnung: Neue Programme zeigen, dass soziale Kontakte vor den negativen Auswirkungen des Klimawandels schützen und sogar die Sterblichkeitsrate während Hitzewellen senken können.

Soziale Kontakte sind ein grundlegendes menschliches Bedürfnis. Es ist bekannt, dass soziale Isolation und Einsamkeit mit chronischen Krankheiten wie Herzerkrankungen, Schlaganfällen, Diabetes und Demenz sowie einem insgesamt schlechteren Gesundheitszustand verbunden sind. Um die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern, ist es wichtig, die Faktoren zu identifizieren, die soziale Kontakte zerstören und zu Einsamkeit führen.

Obwohl bekannt ist, dass der Klimawandel Umwelt- und Gesundheitskrisen verursacht, hebt eine neue Studie, die von Dr. Samia C. Akhter-Khan, Prof. Julianne Holt-Lunstad und Prof. Shuyan Liu in Nature Health veröffentlicht wurde, hervor, dass die Auswirkungen des Klimawandels weitaus tiefgreifender sind. Laut Dr. Akhter-Khan von der MHB gibt es zunehmend Evidenz, die die Folgen des Klimawandels mit Einsamkeit und sozialer Isolation in Verbindung bringt.

Extreme Wetterereignisse, wie Überschwemmungen und Hitzewellen, können soziale Netzwerke zerstören und den täglichen sozialen Kontakt einschränken. Es hat sich auch gezeigt, dass solche Ereignisse Konflikte und Gewalt verstärken. Die Auswirkungen sozialer Isolation sind für marginalisierte und schutzbedürftige Menschen, die ohnehin einem höheren Risiko der Einsamkeit ausgesetzt sind, noch gravierender. Die Autorinnen betonen, dass unzureichende Unterstützung die körperliche und mentale Gesundheit weiter verschlechtert und zum Fortschreiten von Krankheiten führt.

Was können wir dagegen tun? Die Forscherinnen stellen mehrere Programme vor, die alle darauf abzielen, die sozialen Beziehungen im Kontext des Klimawandels zu stärken. Während Menschen, die alleine leben, eher an den Folgen extremer Wetterereignisse sterben, kann der Aufbau starker sozialer Bindungen die Resilienz von Gemeinschaften bei Klimakatastrophen erhöhen. „Nachbarschaftsprogramme, bei denen Nachbar:innen nach älteren Menschen sehen, die alleine leben, können die Sterblichkeitsrate während Hitzewellen tatsächlich senken. Klimaengagement kann eine weitere wertvolle Form sein, um soziale Resilienz zu schaffen und Einsamkeit zu verringern, insbesondere bei älteren Generationen, denen oft Passivität im Klimaschutz vorgeworfen wird“, sagt Dr. Akhter-Khan, die die Studie als Erstautorin leitete. „Wenn wir mehr Möglichkeiten für ältere Generationen schaffen, sich für den Klimaschutz zu engagieren, können wir das Bild älterer Menschen als wertvolle Mitwirkende im Umweltschutz verändern und Spannungen zwischen den Generationen abbauen.“

Die Forscherinnen betonen, dass es in diesem aufstrebenden Forschungsgebiet noch viel zu tun gibt. So muss beispielsweise noch genauer untersucht werden, wie Einsamkeit und soziale Isolation sich auf politische Meinungsbildung oder den Glauben an Verschwörungstheorien und Klimaleugnung auswirkt.

Da extreme Wetterereignisse weltweit zunehmen, ist davon auszugehen, dass die Kosten sozialer Isolation und Einsamkeit steigen werden. Künftige klimapolitische und gesundheitliche Maßnahmen könnten integriert werden, sodass die Folgen des Klimawandels nicht tiefer in das soziale und psychologische Gefüge unserer Gesellschaften eindringen, und stattdessen eine Gesellschaft schaffen, die sowohl klima- und sozial resilient ist.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Dr. Samia C. Akhter-Khan
Nachwuchsgruppenleiterin CARE Lab
Medizinische Hochschule Brandenburg
E-Mail: samia.akhter-khan@mhb-fontane.de

Originalpublikation:
https://www.nature.com/articles/s44360-025-00041-6.epdf?sharing_token=KlXjQrnkY3...

Impfung gegen das Varizella-Zoster

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Kann die Impfung gegen das Varizella-Zoster-Virus (VZV), welches Windpocken und Gürtelrose auslöst, vor einer Demenz schützen? Im Jahr 2025 sind zwei große Studien – eine aus UK, eine andere aus Australien – publiziert worden, die beide quasi ein „Real-Life-Experiment“ waren und einen eindrucksvollen Nachweis liefern. Nun bestätigt eine aktuelle Publikation den beobachteten Effekt. Zwar wurde in allen Studien ein Lebendimpfstoff verwendet, der inzwischen in Deutschland und anderen Ländern nicht mehr verwendet wird, dennoch gehen DGN-Experten von einem ähnlichen Effekt des neuen rekombinanten Vakzins aus und raten Menschen ab 60 Jahren zur Impfung.


Im vergangenen Jahr zeigten verschiedene Studien einen interessanten Zusammenhang: Nach Impfung gegen VZV wurden geringere Demenzraten verzeichnet.

Beispiel Wales: Dort wurde zum Stichtag 01.09.2013 entschieden, Menschen, die am 02.09.1933 oder innerhalb eines Jahres danach geboren worden waren, gegen VZV zu impfen, während vor dem 02.09.1933 Geborene aus dem Impfprogramm ausgeschlossen blieben. Durch diese offizielle Regelung ergab sich eine Quasi-Randomisierung in Geimpfte und Ungeimpfte, die es erlaubte, die Demenzinzidenz von unmittelbar vor und unmittelbar nach dem Stichtag Geborenen zu vergleichen. Dabei zeigte sich, dass Geimpfte gegenüber Nicht-Geimpften innerhalb von sieben Jahren ein um 3,5 Prozentpunkte geringeres Risiko hatten, eine Demenz zu entwickeln (95 % CI 0,6-7,1; p=0,019) [1]. Dies entsprach einer relativen Risikoreduktion von 20 % (95 % CI 6,5-33,4). Ein ähnliches „Experiment“ wurde auch in Australien durchgeführt [2]. Hier war der Stichtag für die Impf-Berechtigung der 2. November 1936. Auch hier wurde die Demenz-Inzidenz bei den kurz nach dem 2. November 1936 mit den kurz davor Geborenen verglichen. Die Studie ergab, dass alleine die Impfberechtigung die Wahrscheinlichkeit, innerhalb von 7,4 Jahren eine Demenzdiagnose zu erhalten, um 1,8 Prozentpunkte (95 % CI, 0,4–3,3 Prozentpunkte; P = 0,01) reduzierte. Da die Impfquote nicht genau zu ermitteln war, konnte der absolute Effekt der Impfung nicht bestimmt werden, ist aber höher einzuschätzen als der der Impfberechtigung.

Aktuelle Studie stärkt Datenbasis
Eine aktuelle in „Lancet Neurology“ publizierte Studie [3] belegt die Evidenz noch weiter: Wie in Wales und Australien wurde dort ein natürliches Experiment mit Einführung der Impfung in Ontario (Kanada) durchgeführt, das methodisch aber noch ausgefeilter war: Hier hatten Personen, die nach dem 1. Januar 2017 ihren 71. Geburtstag hatten, Anspruch auf eine Herpes-Zoster-Impfung, während diejenigen, die vor diesem Datum 71 Jahre alt geworden waren, nicht anspruchsberechtigt waren. Im Gegensatz zu den Studien aus Wales und Australien wurde nicht nur die Demenzrate dieser beiden Gruppen verglichen, sondern von dreien: (1) Personen, die keinen Anspruch auf die Impfung hatten, weil sie vor dem 1. Januar 1945 geboren worden waren, (2) Personen, die nur 3,5 Monate lang anspruchsberechtigt waren, weil sie im Jahr 1945 geboren worden waren, und (3) jene, die mindestens 1 Jahr und 3,5 Monate anspruchsberechtigt waren, weil sie zwischen dem 1. Januar 1946 und dem 15. September 1951 geboren worden waren. In einer Sekundäranalyse wurden die drei Gruppen dann noch mit den entsprechenden Geburtskohorten von anderen kanadischen Provinzen verglichen, die kein Impfprogramm hatten, um einen möglichen Bias durch eine unterschiedliche Entwicklung der Demenzinzidenzen in den jeweiligen Zeiträumen auszuschließen. Die Studie zeigte, dass allein die Impfberechtigung in einem Beobachtungszeitraum von 5,5 Jahren zu einer signifikanten Senkung des Demenzrisikos von 2 Prozentpunkten führte, wenn man die unmittelbar vor und nach dem 1. Januar 1946 Geborenen verglich. Wenn man den 1. Januar 1945 als Stichtag nutze, betrug der vorher-nachher-Unterschied ebenfalls 2 Prozentpunkte. Auch waren nach Beginn des Programms neue Demenzdiagnosen unter den Geburtskohorten, die für eine Herpes-Zoster-Impfung in Ontario in Frage kamen, deutlich seltener als in den gleichen Geburtskohorten in anderen kanadischen Provinzen, die kein Herpes-Zoster-Impfprogramm hatten. Die wirklichen Effekte sind vermutlich noch deutlich größer, da die Zahl der wirklich Geimpften nicht ermittelt werden konnte und die Bezugsgröße nur die Impfberechtigten sind. Die Daten belegen nach Ansicht der Studiengruppe einen kausalen Zusammenhang zwischen der Impfung und dem Schutz vor Demenz.

„Zusammengenommen stellen alle drei Studien eine solide Datenbasis dar und zeigen populationsbasiert, dass die Impfung gegen Herpes zoster mit einem geringeren Demenzrisiko verbunden ist“, erklärt Prof Dr. Peter Berlit, DGN-Generalsekretär.

Allerdings stellt sich die Frage nach dem Pathomechanismus: Handelt es sich bei den beobachteten Demenz-protektiven Effekten um spezifische Effekte gegen Zoster-Viren – schließlich stehen Herpes-Viren stehen schon länger im Verdacht, eine Demenz zu begünstigen – oder um unspezifische immunologische Effekte einer Impfung?

Die neuen Daten legen einen spezifischen Zoster-Effekt nahe
„Meines Erachtens sprechen die Daten eher für einen spezifischen Zoster-Effekt“, erklärt Prof. Dr. Jörg Schulz, Sprecher der Kommission Demenzen der DGN. „Denn in einer anderen Studie [4] wurden auch die Effekte von zwei weiteren Impfungen untersucht, einer Influenza-Impfung und einer kombinierten Influenza/Tetanus/Diphtherie-Impfung. Diese hatte keinen ‚Demenzschutz‘, so dass dies als spezifischer Effekt der Zoster-Impfung angenommen werden kann.“ Warum aber dann eine medikamentöse antivirale Therapie mit Valacyclovir bei Menschen mit früher symptomatischer Alzheimer-Krankheit und positiver Herpes-Serologie keinen Einfluss auf den kognitiven Abbau hatte [5], erklärt der Experte folgendermaßen: „Die Erkrankung war in der Studie wahrscheinlich bereits zu weit fortgeschritten. Auch bietet eine Impfung immer einen Schutz vor Infektion, während eine antivirale Therapie erst zum Einsatz kommt, wenn Viren womöglich schon einen schädigenden Mechanismus in Gang gesetzt haben.“

Hervorgehoben werden muss aber, dass in den drei Studien [1, 2, 3] ein Lebendimpfstoff verwendet wurde, der in den USA und vielen europäischen Staaten, so auch bei uns in Deutschland, gar nicht mehr verfügbar ist. Dennoch geht Prof. Schulz auch von einem ähnlichen Effekt des bei uns verfügbaren Impfstoffs aus. „Wenn die Herpes-Viren eine Demenz begünstigen, ist es egal, welche Art der Impfung die Infektion verhindert, Hauptsache, sie schützt effektiv vor der Infektion. Hinzu kommt, dass in der Studie von Taquet et al. [4] der rekombinante Todimpfstoff mit dem abgeschwächten Lebendimpfstoff verglichen wurde und sich diesem hinsichtlich der Demenzprävention sogar überlegen zeigte.

Die Impfung konnte sogar das Fortschreiten der Erkrankung bei Menschen mit Demenz verzögern
Eine aktuelle Analyse [6] der Arbeitsgruppe, die die Daten aus Wales und Australien ausgewertet hatte, kam außerdem zu einem besonders interessanten Ergebnis: Wie sich zeigte, reduzierte die Impfung die Zahl neuer MCI-Diagnosen („mild cognitive impairment“) von insgesamt 7,3 % innerhalb von neun Jahren im Gesamtkollektiv um 3 %. Die Zahl der Demenz-bedingen Todesfälle nahm sogar um 30 % ab: die Impfung zeigte also auch einen Effekt bei Menschen, die bereits an Demenz litten. „Das ist ein interessanter Aspekt. Die VZV-Impfung könnte somit auch bei beginnender Demenz eingesetzt werden, um den neurodegenerativen Prozess zu verlangsamen“, so Prof. Berlit.

Der Demenz-protektive Effekt der VZV-Impfung ist insgesamt so überzeugend, dass die DGN wie auch die STIKO diese Impfung allen Menschen über 60 Jahren empfiehlt, auch wenn bereits erste kognitive Einschränkungen vorliegen. „Sie ist offensichtlich doppelt effektiv: Sie schützt vor einer schmerzhaften Gürtelrose und reduziert darüber hinaus das Demenzrisiko bzw. verlangsamt eine vorliegende Demenzerkrankung“, fasst DGN-Generalsekretär Prof. Berlit zusammen.

[1] Eyting M, Xie M, Michalik F et al. A natural experiment on the effect of herpes zoster vaccination on dementia. Nature. 2025 May;641(8062):438-446. doi: 10.1038/s41586-025-08800-x. Epub 2025 Apr 2. PMID: ‪40175543‬; PMCID: PMC12058522.
[2] Martins D, McCormack D, Tadrous M et al. Impact of a Publicly Funded Herpes Zoster Immunization Program on the Burden of Disease in Ontario, Canada: A Population-based Study. Clin Infect Dis. 2021 Jan 27;72(2):279-284. doi: 10.1093/cid/ciaa014. PMID: ‪31922540‬; PMCID: PMC7840108.
[3] Pomirchy M, Chung S, Bommer C et al. Herpes zoster vaccination and incident dementia in Canada: an analysis of natural experiments. Lancet Neurol. 2026 Feb;25(2):‪170-180‬. doi: 10.1016/S1474-4422(25)00455-7. PMID: ‪41579903‬.
[4] Taquet M, Dercon Q, Todd JA, Harrison PJ. The recombinant shingles vaccine is associated with lower risk of dementia. Nat Med. 2024 Oct;30(10):2777-2781. doi: 10.1038/s41591-024-03201-5. Epub 2024 Jul 25. PMID: ‪39053634‬; PMCID: PMC11485228.
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