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ChatGPT-Modelle und die Gesundheit

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Laut einer Studie der TU Berlin neigen ChatGPT-Modelle zu übervorsichtigen Empfehlungen. Für die gezielte Steuerung von Patient*innen im Gesundheitssystem reicht das aktuell nicht aus

Künstliche Intelligenz (KI) wird zunehmend auch für gesundheitliche Fragen genutzt. Viele Menschen verwenden Tools wie ChatGPT, um Beschwerden einzuordnen und abzuschätzen, ob sie sofort medizinische Hilfe brauchen, ärztlichen Rat einholen sollten oder zunächst abwarten können. Mit speziell für den Gesundheitsbereich positionierten Versionen wie etwa ChatGPT Health in den USA entsteht dabei leicht der Eindruck besonderer fachlicher Eignung. Wie verlässlich Empfehlungen von ChatGPT tatsächlich sind, ist bislang jedoch nur begrenzt untersucht.

In einer neuen Studie aus dem Fachgebiet Arbeitswissenschaft der Technischen Universität Berlin haben Forschende deshalb analysiert, wie genau ChatGPT in verschiedenen Modellversionen gesundheitliche Beschwerden einordnet, wie sich die Leistung im Zeitverlauf verändert hat und ob identische Eingaben konsistente Empfehlungen erzeugen. Das Ergebnis: Für die digitale Ersteinschätzung und eigenständige Patientensteuerung ist ChatGPT derzeit nur eingeschränkt geeignet.

22 Modellversionen, 45 reale Fälle, 9.900 Bewertungen
„Der Hauptunterschied zu unseren früheren Studien ist die längsschnittliche Analyse. Bisher wurden nur ein oder zwei Modelle untersucht. Nun haben wir alle Modelle, die über die Zeit verfügbar waren, getestet und analysiert, wie sie sich tatsächlich verändert haben“, sagt Studienleiter Dr. Marvin Kopka. „Das war uns auch deshalb wichtig, weil es immer wieder Meldungen gibt, nach denen neue Modelle in ärztlichen Zulassungsprüfungen oder Wissenstests nahezu perfekte Ergebnisse erreichen. Daraus wird dann schnell geschlossen, dass sie auch für Patient*innen verlässliche medizinische Empfehlungen geben. Genau das stimmt aber laut unserer Studie nicht.“

Für die Studie „Evaluating the accuracy of ChatGPT model versions for giving care-seeking advice“, erschienen im Journal „Communications Medicine“, testete das Forschungsteam 22 ChatGPT-Modellversionen anhand echter Fälle von 45 Patient*innen. Darunter waren Krankheitsbilder wie „eine kurzfristige Überlastung von Sehnen/Bändern am Vortag“ oder auch „einfache Verdauungsprobleme/Durchfall seit einem Tag ohne weitere Beschwerden“. Jeder Fall wurde pro Modell zehnmal eingegeben. Insgesamt entstanden so 9.900 Einzelbewertungen. Die Modelle mussten jeweils entscheiden, ob ein Fall als Notfall, als Fall für ärztliche Abklärung oder als Fall für Selbstversorgung einzustufen ist.

Die Genauigkeit steigt kaum noch
Die Auswertung zeigt: Die Genauigkeit stieg mit den ersten Modellversionen zunächst deutlich an. Seit der dritten Modellgeneration (gpt-4) gab es jedoch nur noch geringfügige Verbesserungen. Das beste getestete Modell erreichte eine Treffergenauigkeit von 74 Prozent. Zwar empfahlen neuere Modelle häufiger überhaupt Selbstversorgung, insgesamt blieb die Leistung in diesem Bereich aber begrenzt.

Besondere Schwächen bei harmlosen Beschwerden
Besonders gut waren die getesteten Modelle darin, behandlungsbedürftige Fälle zu erkennen. Die meisten Fehler traten dagegen bei Fällen auf, in denen Selbstversorgung ausreichend gewesen wäre: 70 Prozent aller Fehler entfielen auf diese Gruppe. Kein einziger der 13 Selbstversorgungsfälle wurde von allen Modellen in allen Durchläufen korrekt gelöst.

Lediglich einzelne Modelle, etwa o4, o3 oder GPT 5, empfahlen überhaupt jemals Selbstversorgung. Bei allen anderen getesteten Modellen wurde durchgängig zur ärztlichen Abklärung geraten. Das ist problematisch, weil ein erheblicher Teil der Beschwerden tatsächlich nicht gefährlich ist, von allein wieder weggeht oder selbst behandelt werden kann.
Die Studie zeigt damit ein strukturelles Muster: Fast alle Modelle neigen dazu, Beschwerden vorsichtshalber als behandlungsbedürftiger einzustufen, als es medizinisch erforderlich wäre.

Die Forschenden bezeichnen dieses Muster als konservatives Triagierungsverhalten. „Uns haben die Ergebnisse in dieser Klarheit selbst überrascht“, so Dr. Marvin Kopka. „Denn sie zeigen explizit, dass die für Patient*innen relevanten Fragen durch neuere Modelle nicht automatisch besser beantwortet werden. Bessere Test- oder Prüfungsergebnisse bedeuten eben nicht zwangsläufig einen höheren praktischen Nutzen in der Versorgung.“

Entscheidend ist der praktische Nutzen
„Entscheidend ist aus unserer Sicht nicht nur, ob ein Modell einzelne Fälle richtig einordnet, sondern welchen praktischen Nutzen die Empfehlungen im Alltag tatsächlich haben. Wenn ein System bei sehr vielen Beschwerden vorsorglich zur medizinischen Abklärung rät, wirkt das zunächst sicher für Nutzer*innen – es bietet aber faktisch keine echte Entscheidungshilfe mehr, wenn die Empfehlung fast immer gleich ausfällt“, so Dr. Marvin Kopka.

Gleiche Eingabe, nicht immer gleiche Empfehlung
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Die Modelle antworten nicht durchgängig konsistent. Bei identischen Eingaben kam es je nach Modell zu teils deutlichen Schwankungen. Neuere Modelle hatten zwar seltener Fälle, die nie korrekt gelöst wurden, zugleich aber häufiger Fälle mit inkonsistenten Empfehlungen über mehrere Durchläufe hinweg. Besonders deutlich zeigte sich das bei GPT 5: Bei 42 Prozent aller Fälle waren die Empfehlungen bei mehrfacher Eingabe desselben Falls mal richtig und mal falsch – trotz exakt gleicher Eingabe.

Im Experiment zeigte sich zwar, dass sich die Genauigkeit verbessern lässt, wenn dieselbe Frage mehrfach gestellt und anschließend die niedrigste Dringlichkeitsstufe aus mehreren Antworten ausgewählt wird. Auf diese Weise stieg die Gesamtgenauigkeit im Mittel um vier Prozentpunkte, die Genauigkeit bei Selbstversorgungsfällen sogar um 14 Prozentpunkte. Die Forschenden betonen aber ausdrücklich, dass dies keine Empfehlung für Endnutzer*innen ist, weil dabei im schlimmsten Fall Notfälle übersehen werden könnten.

Relevanz für die Debatte um Primärversorgung
Die Ergebnisse sind auch gesundheitspolitisch relevant, so Kopka. In Deutschland wird intensiv über ein Primärversorgungssystem und über Formen digitaler Patientensteuerung diskutiert. Die TU-Studie legt nahe, dass allgemeine Sprachmodelle wie ChatGPT dafür derzeit kein geeignetes allein einsetzbares Instrument sind. Wenn ein System in der Praxis überwiegend zur ärztlichen Abklärung rät, entsteht kaum ein echter Steuerungseffekt – unnötige ärztliche Inanspruchnahme kann dann sogar zunehmen.

Potenzial eher in qualitätsgesicherten Anwendungen
„Das Potenzial großer Sprachmodelle sehen wir deshalb derzeit weniger in einer Nutzung im Chatfenster der Hersteller als in einer sinnvollen Integration in qualitätsgesicherten Anwendungen, also in Symptom-Checker-Apps. Dort könnten sie helfen, Informationen verständlich aufzubereiten, Empfehlungen zu erläutern und Menschen besser durch bestehende Versorgungswege zu lotsen – vorausgesetzt, die medizinische Qualitätssicherung erfolgt im Hintergrund“, so Marvin Kopka.

Einschränkungen der Studie
Die Forschenden weisen zugleich daraufhin, dass der Fokus dieser Studie auf Bevölkerungsrepräsentativität lag. Da echte Notfälle im Alltag selten sind und dementsprechend auch seltener bei der Nutzung von ChatGPT auftreten, enthielt auch der Datensatz nur wenige Notfälle und untersuchte hauptsächlich Entscheidungen für oder gegen das Aufsuchen von ärztlicher Hilfe. Die Genauigkeit bei der Erkennung von echten Notfällen sollte in weiteren Studien untersucht werden.

Studie:
Kopka, M., He, L. & Feufel, M.A., Evaluating the accuracy of ChatGPT model versions for giving care-seeking advice. Commun Medicine (2026). https://www.nature.com/articles/s43856-026-01466-0

MaAB - Medizin am Abend Berlin VOR ORT

Dr. Marvin Kopka
Fachgebiet Arbeitswissenschaft
Fakultät V – Verkehrs- und Maschinensysteme
Technische Universität Berlin
E-Mail: marvin.kopka@tu-berlin.de

Der Heilmittelbericht

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Fachkräftemangel, Digitalisierung und verzerrte Branchendebatten

Der Heilmittelbericht des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) hat hohe Wellen geschlagen. Im März hatte der Spitzenverband der Heilmittelverbände eine offizielle Beschwerde gegen diesen Bericht eingelegt. Jetzt erheben auch Forscher der Technischen Hochschule Deggendorf (THD) ihre Stimme gegen ein verzerrtes Bild der Branche, welches teilweise auf ungeeigneten Datengrundlagen basiere und die Realität in den Praxen nicht korrekt darstelle.


Um die wirtschaftliche Situation der Heilmittelbranche ist eine hitzige Diskussion entstanden. So argumentiert der Bericht des WIdO beispielsweise, dass sich die Einführung der Blanko-Verordnung als Kostentreiber entwickelt habe. Jene erlaubt es niedergelassenen Therapeutinnen bei gewissen Diagnosen selbst Methode und Umfang der Therapie wählen zu dürfen. Der Unterstellung einer Selbstbereicherung widerspricht Dr. Norbert Lichtenauer aufs Schärfste. Er ist Mitgestalter des THD-Bachelorstudiengangs „Ergotherapie“ und auch selbst Ergotherapeut: „Die Heilmittelbranche mit den Therapieberufen der Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie, Podologie und Ernährungsberatung macht gerade mal fünf Prozent der Kosten im Gesundheitssystem aus. Dafür bietet sie ihren Patienten eine individuelle und persönlich zugeschnittene Hilfestellung im Alltag. Hier wird zugehört und auf die Problemlagen der Menschen spezifisch eingegangen.“ Die Argumentation des WIdO vergesse außerdem die Zunahme an Behandlungsfällen durch chronische Erkrankungen einer immer älter werdenden Bevölkerung mit immer mehr Diagnosen. „Gleiches gilt für die Zunahme an psychischen Beeinträchtigungen, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen nach der Corona-Pandemie“, ergänzt Lichtenauer.

Ohne Frage spielen Ergotherapeutinnen eine zentrale Rolle in der Versorgung von Menschen in jedem Lebensalter, etwa bei der Rehabilitation nach Unfällen oder bei chronischen Erkrankungen. Gleichzeitig verschärft sich seit Jahren der Fachkräftemangel in den Heilberufen und die Wartezeiten für eine Therapie bei niedergelassenen Praxen und Einrichtungen erhöhen sich dramatisch. „Eine unbehandelte Diagnose, beispielsweise im Bereich der Feinmotorik von Kindern beim Erlernen des Schreibens, kann neue Probleme mit sich bringen. Im schlimmsten Fall führen die Herausforderungen des Kindes beim Erlernen von Buchstaben und Zahlen zu einer Frustration und genereller Schulunlust“, berichtet der erfahrene Ergotherapeut Lichtenauer. Dies könne am Ende das gesamte Lernen in der Schule und den weiteren Bildungsweg des Kindes betreffen.

Um dieser Relevanz gerecht zu werden, habe die THD im Wintersemester 2025/26 den Bachelor Ergotherapie gestartet. „Wie bei der Pflege auch, ist das ist unsere Antwort auf den wachsenden Bedarf an qualifizierten Fachkräften und auf die umfassenden digitalen Veränderungen im Gesundheitswesen“, sagt Studiengangsleiter Prof. Dr. Patrick Ristau. Man wisse an der Hochschule natürlich um die Brisanz, falle doch der Start dieses ersten studiengebühren-freien Bachelors der Ergotherapie an einer staatlichen bayerischen Hochschule in eben jene Phase sehr emotional geführter Diskussionen um die wirtschaftliche Situation der gesamten Heilmittelbranche.

Aber vor diesem Hintergrund gewinne die akademische Ausbildung sogar noch mehr an Bedeutung. „Wir brauchen gut ausgebildete Fachkräfte, die nicht nur praktisch arbeiten, sondern auch die strukturellen Herausforderungen im Gesundheitswesen verstehen und interdisziplinär denken“, so Ristau. An der THD würden daher neben praktischen Kompetenzen auch wissenschaftliche, interdisziplinäre und gesundheitsökonomische Inhalte vermittelt. Ein besonderer Fokus liege auf der evidenzbasierten Praxis. „Es kann nicht sein, dass Deutschland das einzige Land in Europa ist, das standardmäßig noch keine akademische Ausbildung in der Ergotherapie anbietet“ postuliert Lichtenauer und Ristau ergänzt: „Die Zukunft der Heilmittelberufe liegt in qualifizierter Ausbildung, fundierter Datenbasis – und einer differenzierten Betrachtung der tatsächlichen Herausforderungen der Branche.“

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Dr. Jörg Kunz

Prof. Dr. Patrick Ristau
Fakultät Angewandte Gesundheitswissenschaften
Technische Hochschule Deggendorf
patrick.ristau@th-deg.de

Dr. Norbert Lichtenauer
Fakultät Angewandte Gesundheitswissenschaften
Technische Hochschule Deggendorf
norbert.lichtenauer@th-deg.de

Vorhoffflimmern

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Universitätsklinikum Freiburg leitet bundesweite Studie für Patient*innen mit Vorhofflimmern und Stent / Untersucht wird ein früheres Therapieende nach einem statt sechs Monaten / Ziel sind weniger schwere Blutungen bei gleicher Sicherheit

Patient*innen mit Vorhofflimmern haben ein erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel und Schlaganfälle. Wenn sie zusätzlich wegen verengter Herzkranzgefäße einen Herz-Stent erhalten, brauchen sie nach dem Eingriff Medikamente, die vor Blutgerinnseln und einem Verschluss des Stents schützen. Diese Behandlung erhöht aber gleichzeitig das Risiko für schwere Blutungen. Am Universitätsklinikum Freiburg wird deshalb die bundesweite SATURN-Studie geplant, die jetzt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit vier Millionen Euro gefördert wird. In ihr wird untersucht, ob ein Teil der Medikamente bereits 30 Tage nach der Stent-Implantation abgesetzt werden kann statt wie bisher erst nach sechs Monaten. Ziel ist es, Blutungen zu vermeiden, ohne das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder einen Verschluss des Stents zu erhöhen. Die Studie soll Ende des Jahres starten und 2029 erste Ergebnisse liefern.

„Bei jedem siebten Patienten kommt es bei der derzeitigen Behandlung zu Blutungskomplikationen“, sagt SATURN-Studienleiter Prof. Dr. Christoph B. Olivier, Oberarzt an der Klinik für Kardiologie und Angiologie des Universitätsklinikums Freiburg. „Mit der SATURN-Studie wollen wir herausfinden, ob weniger Medikamente für viele Betroffene genauso sicher sind und ihnen zugleich belastende Nebenwirkungen ersparen.“
Prof. Dr. Dirk Westermann, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie, betont die Bedeutung des Forschungsvorhabens: „Die Studie greift eine hochrelevante Frage aus der Versorgung von Patient*innen auf: Wie können wir wirksam vor Komplikationen schützen und gleichzeitig Blutungen vermeiden? Genau solche Studien sind wichtig, um die Behandlung weiter zu verbessern und noch stärker an den Bedürfnissen der Betroffenen auszurichten.“

Weniger Blutungsrisiko, mehr Blick auf den Alltag

Im Mittelpunkt der Studie stehen Patient*innen mit Vorhofflimmern, die wegen verengter Herzkranzgefäße einen Stent erhalten haben. Ein Herz-Stent ist eine kleine, gitterartige Gefäßstütze, meist aus Metall, die verwendet wird, um verengte oder verschlossene Herzkranzgefäße offen zu halten. In der Studie wird untersucht, ob das blutungshemmende Medikament Clopidogrel schon nach 30 Tagen abgesetzt werden kann. Bisher bleibt dieses Medikament in der Regel sechs Monate Teil der Behandlung.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Sicht der Patient*innen. Gemeinsam mit der Deutschen Herzstiftung wurde darauf geachtet, neben medizinischen Risiken auch Fragen einzubeziehen, die den Alltag betreffen. Dazu gehören die Lebensqualität und die Sorge vor Blutungen. Fallen die Ergebnisse positiv aus, könnte die Studie dazu beitragen, die Behandlung von Patient*innen mit Vorhofflimmern nach einer Stent-Implantation zu vereinfachen und zugleich sicherer zu machen. Studienteilnehmer*innen werden direkt in den teilnehmenden Zentren ausgewählt und in die Studie aufgenomme

An der Studie sollen mehr als 1.500 Patient*innen in 30 spezialisierten Zentren in Deutschland teilnehmen. SATURN steht für „Shortened Antiplatelet Therapy in patients Undergoing stent implantation with atRial fibrillation

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Prof. Dr. Christoph Olivier
Oberarzt
Klinik für Kardiologie und Angiologie
Universitätsklinikum Freiburg
christoph.olivier@uniklinik-freiburg.de

Vorhoffflimmern

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Universitätsklinikum Freiburg leitet bundesweite Studie für Patient*innen mit Vorhofflimmern und Stent / Untersucht wird ein früheres Therapieende nach einem statt sechs Monaten / Ziel sind weniger schwere Blutungen bei gleicher Sicherheit

Patient*innen mit Vorhofflimmern haben ein erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel und Schlaganfälle. Wenn sie zusätzlich wegen verengter Herzkranzgefäße einen Herz-Stent erhalten, brauchen sie nach dem Eingriff Medikamente, die vor Blutgerinnseln und einem Verschluss des Stents schützen. Diese Behandlung erhöht aber gleichzeitig das Risiko für schwere Blutungen. Am Universitätsklinikum Freiburg wird deshalb die bundesweite SATURN-Studie geplant, die jetzt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit vier Millionen Euro gefördert wird. In ihr wird untersucht, ob ein Teil der Medikamente bereits 30 Tage nach der Stent-Implantation abgesetzt werden kann statt wie bisher erst nach sechs Monaten. Ziel ist es, Blutungen zu vermeiden, ohne das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder einen Verschluss des Stents zu erhöhen. Die Studie soll Ende des Jahres starten und 2029 erste Ergebnisse liefern.

„Bei jedem siebten Patienten kommt es bei der derzeitigen Behandlung zu Blutungskomplikationen“, sagt SATURN-Studienleiter Prof. Dr. Christoph B. Olivier, Oberarzt an der Klinik für Kardiologie und Angiologie des Universitätsklinikums Freiburg. „Mit der SATURN-Studie wollen wir herausfinden, ob weniger Medikamente für viele Betroffene genauso sicher sind und ihnen zugleich belastende Nebenwirkungen ersparen.“
Prof. Dr. Dirk Westermann, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie, betont die Bedeutung des Forschungsvorhabens: „Die Studie greift eine hochrelevante Frage aus der Versorgung von Patient*innen auf: Wie können wir wirksam vor Komplikationen schützen und gleichzeitig Blutungen vermeiden? Genau solche Studien sind wichtig, um die Behandlung weiter zu verbessern und noch stärker an den Bedürfnissen der Betroffenen auszurichten.“

Weniger Blutungsrisiko, mehr Blick auf den Alltag

Im Mittelpunkt der Studie stehen Patient*innen mit Vorhofflimmern, die wegen verengter Herzkranzgefäße einen Stent erhalten haben. Ein Herz-Stent ist eine kleine, gitterartige Gefäßstütze, meist aus Metall, die verwendet wird, um verengte oder verschlossene Herzkranzgefäße offen zu halten. In der Studie wird untersucht, ob das blutungshemmende Medikament Clopidogrel schon nach 30 Tagen abgesetzt werden kann. Bisher bleibt dieses Medikament in der Regel sechs Monate Teil der Behandlung.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Sicht der Patient*innen. Gemeinsam mit der Deutschen Herzstiftung wurde darauf geachtet, neben medizinischen Risiken auch Fragen einzubeziehen, die den Alltag betreffen. Dazu gehören die Lebensqualität und die Sorge vor Blutungen. Fallen die Ergebnisse positiv aus, könnte die Studie dazu beitragen, die Behandlung von Patient*innen mit Vorhofflimmern nach einer Stent-Implantation zu vereinfachen und zugleich sicherer zu machen. Studienteilnehmer*innen werden direkt in den teilnehmenden Zentren ausgewählt und in die Studie aufgenommen.

An der Studie sollen mehr als 1.500 Patient*innen in 30 spezialisierten Zentren in Deutschland teilnehmen. SATURN steht für „Shortened Antiplatelet Therapy in patients Undergoing stent implantation with atRial fibrillatioN“.

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Prof. Dr. Christoph Olivier
Oberarzt
Klinik für Kardiologie und Angiologie
Universitätsklinikum Freiburg
christoph.olivier@uniklinik-freiburg.de

Narzisstische Persönlichkeitszüge

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Die Ergebnisse der jetzt veröffentlichten Studie zeigen auf, dass Narzissmus in Familien zwar gehäuft vorkommt, diese Ähnlichkeit aber überwiegend genetisch bedingt ist. Das familiäre Umfeld und der Erziehungsstill sind hingegen nicht – wie bislang angenommen – der Ursprung für Narzissmus.

Narzisstische Persönlichkeitszüge treten innerhalb von Familien gehäuft auf. Eine neue Studie unter Beteiligung der Universität Münster legt nun nahe, dass diese familiären Ähnlichkeiten vor allem genetisch erklärt werden können. Gemeinsame Umweltfaktoren innerhalb der Familie, etwa allgemeine Erziehungsbedingungen oder das soziale Umfeld, das Geschwister teilen, trugen in den Analysen dagegen kaum zur Erklärung von Unterschieden im Narzissmus bei. Veröffentlicht wurde die Arbeit in der Fachzeitschrift Social Psychological and Personality Science.

Das Forschungsteam um Prof. Dr. Mitja Back vom Institut für Psychologie der Universität Münster und Prof. Dr. Christian Kandler von der Abteilung für Psychologie der Universität Bielefeld wertete Daten aus dem seit 2013 laufenden Projekt „TwinLife“ aus. In die Analysen gingen die Angaben von 6.715 Personen ein, darunter Zwillinge, deren nicht-zwillingsgeborene Geschwister, Mütter, Väter sowie Partnerinnen und Partner. Berücksichtigt wurden verschiedene Altersgruppen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die im Schnitt 15, 21 und 27 Jahre alt waren.

„Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass Narzissmus in Familien zwar gehäuft vorkommt, diese Ähnlichkeit aber überwiegend genetisch vermittelt ist“, betont Mitja Back. „Die verbreitete Annahme, dass das familiäre Umfeld und der Erziehungsstil der zentrale Ursprung narzisstischer Unterschiede seien, ist nicht länger haltbar.“

Methodisch ging die Untersuchung über klassische Zwillingsstudien hinaus. Die Forscherinnen und Forscher nutzten ein erweitertes Zwillingsfamiliendesign, das neben Zwillingen Eltern und weitere Geschwister einbezieht. „Die besondere Stärke von TwinLife liegt darin, dass wir nicht nur Zwillinge vergleichen, sondern Familienkonstellationen sehr viel breiter erfassen“, erläutert der Leiter der TwinLife-Studie, Christian Kandler. Das erlaube es, genetische Einflüsse, das familiäre Umfeld und individuelle Erfahrungen genauer voneinander zu trennen als in klassischen Zwillingsstudien. Über Altersgruppen und Messinstrumente hinweg entfielen den Analysen zufolge jeweils rund 50 Prozent der Unterschiede auf genetische Faktoren und auf individuelle, nicht geteilte Umwelteinflüsse. Geteilte familiäre Umweltfaktoren zeigten dagegen keinen nennenswerten Beitrag.

Aus Sicht des Teams hat das auch Folgen für die weitere Forschung zur Entwicklung von Narzissmus. Wenn das familiäre Umfeld nur wenig zur Erklärung beiträgt, rücken andere Einflüsse stärker in den Fokus, etwa Erfahrungen mit Gleichaltrigen, in Partnerschaften, in Bildungswegen oder im Beruf. Die Autoren plädieren deshalb dafür, die Entwicklung narzisstischer Persönlichkeitszüge künftig stärker außerhalb des engeren Familienkontexts zu untersuchen.

Die Ergebnisse sind zudem von Bedeutung, weil Narzissmus nicht nur das individuelle Erleben und soziale Beziehungen prägt, sondern auch in Lebensbereichen wie Bildung und der Arbeitswelt relevant sein kann. Ein genaueres Verständnis seiner Entstehung kann dazu beitragen, narzisstische Persönlichkeitszüge besser zu verstehen und damit angemessen einzuordnen.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Prof. Dr. Mitja Back
Arbeitseinheit Psychologische Diagnostik und Persönlichkeitspsychologie der Universität Münster
Tel.: +49 (2 51) ‪83 - 3 41 22‬
E-Mail: mitja.back@uni-muenster.de

Originalpublikation:
Back, M. D., Instinske, J., Rohm, T., Deppe, M., & Kandler, C. (2026). Narcissism Runs in Families Due to Genetics: An Extended Twin Family Analysis. Social Psychological and Personality Science. https://doi.org/10.1177/19485506261429556
Weitere Informationen finden Sie unter
Originalpublikation
Arbeitseinheit Psychologische Diagnostik und Persönlichkeitspsychologie der Universität Münster

Gefässverschlüsse in den Beinen

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Gefässverschlüsse in den Beinen machen bei vielen Betroffenen eine Amputation oder wiederholte notfallmässige Eingriffe zur Rettung des Beins nötig. In einer Studie der Klinik für Angiologie am Universitätsspital Zürich konnte mit einer neuen Behandlung die Zahl der Amputationen und Notfalleingriffe reduziert werden.

Durchblutungsstörungen wegen Gefässverschlüssen sind weit verbreitet. Über 113 Mio. Menschen weltweit sind von der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK) betroffen. Dabei sind Arterien unterhalb der Leiste verengt und die Beine deshalb ungenügend durchblutet. Die Gefässverengungen führen u.a. zu Schmerzen, die Betroffene zu häufigen Gehpausen zwingen. Im Volksmund ist die PAVK deshalb als «Schaufensterkrankheit» bekannt.

Wenige Möglichkeiten, Amputationen zu verhindern

PAVK ist eine schwerwiegende Krankheit, die bis zum Tod führen kann. Eine Folge bei PAVK sind grosse Amputationen, d.h. Amputationen, bei denen der Fuss oberhalb des Sprunggelenks abgenommen werden muss. In einigen Fällen ist gar die Amputation des Unterschenkels oder des gesamten Beins nötig. Die Behandlungsmöglichkeiten, um diese oft notfallmässigen Amputationen zu verhindern sind beschränkt auf Mittel, um die Durchblutung medikamentös wiederherzustellen oder mit chirurgischen Eingriffen. Weltweit eingesetzt wird auch die Angioplastie, ein minimal invasives Verfahren, bei dem verengte Blutgefässe mittels eines Ballonkatheters erweitert werden und so der Blutfluss wiederhergestellt werden kann. Häufig wird bei dem Eingriff gleich ein Stent eingesetzt, eine Gefässstütze, mit der der Blutfluss dauerhaft gesichert werden soll. Um den Effekt der Angioplastie zu verbessern, wurden mit Medikamenten beschichtete Ballonkatheter entwickelt. Mit dem Wirkstoff Paclitaxel beschichtete Ballonkatheter reduzieren bei PAVK die erneute Verengung der Gefässe, dadurch sind weniger Folgeeingriffe nötig. Die Sterblichkeit durch Paclitaxel könnte aber im Vergleich zu unbeschichteten Ballonen aufgrund toxischer Effekte erhöht sein. Bisher wurde für keine einzige minimal-invasive Methode eine Reduktion von Amputationen oder Notfalleingriffen zur Rettung des Beins gezeigt.

Ein bewährter Wirkstoff neu eingesetzt

Für die Beschichtung von Ballonkathetern zur Erweiterung von Herzkrankgefässen wird weltweit der Wirkstoff Sirolimus eingesetzt. Ein Forscherteam unter der Leitung von Nils Kucher und Stefano Barco von der Klinik für Angiologie am Universitätsspital Zürich hat nun in einer gross angelegten klinischen Studie untersucht, ob Sirolimus-beschichtete Ballone genauso wirksam oder sogar besser wirksam sind als unbeschichtete Ballone, um die Zahl an grossen Beinamputationen und Notfalleingriffen innerhalb eines Jahres zu reduzieren.

An der SirPAD-Studie (Sirolimus-coated balloon for Peripheral Artery Disease) nahmen zum Studienstart 1252 Patientinnen und Patienten teil, die zwischen November 2020 und Dezember 2024 in einem von 44 Gefässzentren der Schweiz in Behandlung waren. Das mittlere Alter der Teilnehmer lag bei 75 Jahren, 35% waren Frauen. Von allen Patientinnen und Patienten wurde neben Alter, BMI, Vorerkrankungen und weiteren Grunddaten die Art ihrer Gefässerkrankung erfasst und nach Standards klassifiziert.
35% der Patienten hatten kritische Durchblutungsstörungen, 45% wiesen chronische, die Gliedmassen gefährdende Durchblutungsstörungen auf. 10% der Studienteilnehmer wurden wegen eines akuten Gefässverschlusses behandelt. 711 Patienten (56.8%) hatten totale Gefässverschlüsse. Bei 472 (37.7%) wurde die Ballondilatation mit einem Stent ergänzt. Bei der Hälfte der Teilnehmenden wurde der Sirolimus-beschichtete Ballonkatheter verwendet, bei der anderen ein unbeschichteter.

Weniger grosse Amputationen und weniger Notfalloperationen

In der Sirolimus-Gruppe musste bei 55 Patienten (8.8%) im Jahr nach dem Eingriff eine ungeplante Amputation oder Notfalloperation zur Rettung des Beins vorgenommen werden; in der Vergleichsgruppe mit den unbeschichteten Ballonen bei 94 Patienten (15%). Dies entspricht im Mittel einem verminderten Risiko in der Sirolimus-Gruppe um -4.9%. Betrachtet man die ungeplanten Amputationen und Gefässwiedereröffnungen insgesamt, erfolgten solche bei 144 Patienten (23%) der Sirolimus-Gruppe, und bei 193 Patienten (30.8%) in der Vergleichsgruppe. Dies entspricht einem um 7.8% verminderten Risiko in der Sirolimus-Gruppe.
In der Sirolimus-Gruppe wurden 74 Todesfälle (11.8%) verzeichnet, in der Vergleichsgruppe 80 (12.8%). In der Sirolimus-Gruppe wurden bei 364 (58%) Patientinnen und Patienten unerwünschte Ereignisse gemeldet, in der Vergleichsgruppe ebenfalls bei 364. Damit sind die Sterblichkeit und die Wahrscheinlichkeit für ein unerwünschtes Ereignis ähnlich bzw. identisch.

Jede verhinderte Amputation ist ein Erfolg

«In der SirPAD-Studie konnten wir zeigen, dass die Sirolimus-beschichteten Ballone bei PAVK die Zahl grosser Amputationen und Notfalloperationen infolge kritischer Durchblutungsstörungen reduzieren. Auch die Sterblichkeit ist nicht erhöht», fasst Nils Kucher, Direktor der Klinik für Angiologie am USZ und verantwortlicher Hauptprüfer der Studie, deren Ergebnisse zusammen. «Das ist ein grosser Meilenstein in der Behandlung der PAVK. Nun werden wir noch die langfristigen Ergebnisse untersuchen. «Was dieser Fortschritt in der Behandlung von Patienten mit PAVK bewirkt, zeigt sich bei uns in der Klinik bei jeder Amputation, die wir abwenden können.»

Die Ergebnisse der SirPAD-Studie wurden an der ACC26, der Tagung des American College of Cardiology in New Orleans als «Late Breaking Clinical Trial» präsentiert und zeitgleich im New England Journal of Medicine publiziert.

Originalpublikation:
Stefano Barco et al. Sirolimus-Coated Balloon Angioplasty for Infrainguinal Artery Disease. New England Journal of Medicine, 2026.

DOI: 10.1056/NEJMoa2600360

Arbeitsunfähigkeit und das Telefon

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Studie mit innovativer Fragemethode des Zentrums für Präventivmedizin und Digitale Gesundheit relativiert Debatte zu telefonischen Krankmeldungen

Mehr Menschen gehen krank zur Arbeit, als dass sie sich zu Unrecht krankmelden. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Zentrums für Präventivmedizin und Digitale Gesundheit (CPD) der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg. Der Zugang zu telefonischen Krankschreibungen spielte bei falschen Krankmeldungen keine entscheidende Rolle. Wichtiger waren vielmehr Arbeitsstress, Rollenkonflikte und geringes Arbeitsengagement.

Die Sorge um einen möglichen Missbrauch von Krankschreibungen wird derzeit kontrovers diskutiert, insbesondere im Zusammenhang mit der telefonischen oder telemedizinischen Krankmeldung. Auch aktuelle Reformvorschläge aus dem Bundesgesundheitsministerium setzen hier an. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie legen allerdings nahe, dass die aktuellen politischen Reformvorschläge die zentralen Ursachen von Krankschreibungen nur begrenzt adressieren.

Für die Studie nutzten die Forschenden eine spezielle indirekte Befragungsmethode, mit der sensible Verhaltensweisen realistischer und ohne Verzerrungen durch sogenannte „sozial erwünschte Antworten“ erfasst werden können. Dabei berichtete rund ein Drittel der Befragten (34,6 Prozent – versus 18,6 Prozent bei einer direkten Befragung), sich mindestens einmal im vergangenen Jahr trotz Arbeitsfähigkeit krankgemeldet zu haben. Gleichzeitig gaben 67,2 Prozent an, trotz Krankheit gearbeitet zu haben.

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass der Fokus auf falsche Krankmeldungen zu kurz greift“, sagt das Forschungsteam um Professor Dr. Falko Sniehotta, Leiter der Abteilung für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin innerhalb des CPD. „Viel häufiger ist das Gegenteil der Fall: Menschen gehen krank zur Arbeit.“

Arbeitsbedingungen wichtiger als Krankschreibungsverfahren

Die Studie zeigt außerdem, dass Krankmeldungen trotz Arbeitsfähigkeit vor allem mit belastenden Arbeitsbedingungen zusammenhängen – durch Stress, Rollenkonflikte, die „innere Kündigung“ oder Druck durch soziale Normen im Arbeitsumfeld.

„Eine Fehleinschätzung der Ursachen für falsche Krankmeldungen kann dazu führen, dass politische Maßnahmen an den eigentlichen Problemen vorbeigehen“, warnen die Hauptautorinnen der Studie Stephanie Zintel und Raenhha Dhami. Während strukturelle Faktoren wie Arbeitsbelastung oder Personalmangel weniger Beachtung finden, drohen Maßnahmen mit begrenzter Wirkung in den Vordergrund zu rücken.

Empfehlungen für die Politik

Abgeleitet aus den Ergebnissen ihrer Studie empfiehlt das Forschungsteam daher, den Blick auf die Arbeitsbedingungen zu richten, um Fehlzeiten von Beschäftigten wirksam zu reduzieren. Priorität sollten dabei Maßnahmen zur Reduktion von Stress, Burnout und Rollenkonflikten haben.

Hintergrund zur Studie

Die Analyse basiert auf einer großen, repräsentativen Befragung von 1964 Beschäftigten in Deutschland. Durch eine indirekte Fragetechnik konnten verzerrte Antworten reduziert und sensiblere Verhaltensweisen besser erfasst werden.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Dr. Eva Maria Wellnitz
Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg

Zentrum für Präventivmedizin und Digitale Gesundheit (CPD)
Abteilung für Public Health, Sozial- und Päventivmedizin
Stephanie Zintel (Kontakt deutsch)
Stephanie.zintel@medma.uni-heidelberg.de
Raenhha Dhami (Kontakt englisch)
raenhha.dhami@medma.uni-heidelberg.de

Originalpublikation:
Die Studie wurde bei einem hochrangigen Fachjournal eingereicht und als PrePrint hier veröffentlicht:
Estimating Alleged Sick Leave Misuse Accounting for Social Desirability Afflicted Responding
Dhami, Raenhha; Zintel, Stephanie; Andreas, Marike; Hennig, Hannah; Araújo-Soares, Vera & Sniehotta, Falko
https://osf.io/preprints/socarxiv/9pkvc_v1

Multiresistente Tuberkulose

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Eine neue nationale Kohortenstudie aus Lettland in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der klinischen Tuberkulose-Infrastruktur (ClinTB) am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) am Forschungszentrum Borstel, Leibniz Lungenzentrum (FZB), liefert wichtige Erkenntnisse zur Behandlung multiresistenter Tuberkulose (MDR-TB). Die Untersuchung zeigt, dass langfristige krankheitsfreie Überlebensraten deutlich höher sind, als bisherige Standardkennzahlen vermuten lassen.

Eine neue nationale Kohortenstudie aus Lettland in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der klinischen Tuberkulose-Infrastruktur (ClinTB) am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) am Forschungszentrum Borstel, Leibniz Lungenzentrum (FZB), liefert wichtige Erkenntnisse zur Behandlung multiresistenter Tuberkulose (MDR-TB). Die Untersuchung zeigt, dass langfristige krankheitsfreie Überlebensraten deutlich höher sind, als bisherige Standardkennzahlen vermuten lassen. Die Ergebnisse, die in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet Regional Health Europe publiziert wurden, basieren auf der Analyse von Daten von 1.299 erwachsenen Patientinnen und Patienten, die zwischen 2005 und 2021 behandelt wurden.

Multiresistente Tuberkulose stellt weltweit eine erhebliche Herausforderung für Gesundheitssysteme dar. Während die Wirksamkeit der Therapie traditionell anhand von Behandlungsergebnissen zum Zeitpunkt des Therapieendes bewertet wird, zeigt die neue Studie, dass diese Kriterien den tatsächlichen langfristigen Behandlungserfolg unterschätzen. Nach den WHO-Standarddefinitionen galten lediglich 4,8 % der Patientinnen und Patienten in Lettland als geheilt. Bei langfristiger Nachbeobachtung waren jedoch 76,9 % der Betroffenen dauerhaft rezidivfrei.

Die Forschenden verknüpften klinische Daten mit nationalen Registerinformationen zur Langzeitnachverfolgung und konnten so erstmals in einem ehemaligen europäischen Hochinzidenzland der MDR-TB langfristige Behandlungsergebnisse systematisch auswerten. Besonders entscheidend für den Therapieerfolg war der Einsatz von mindestens drei wirksamen Medikamenten im individuellen Behandlungsregime.

Darüber hinaus zeigte die Analyse, dass sehr kurze Therapiedauern von unter neun Monaten unter damals verfügbaren Therapieoptionen mit einem erhöhten Risiko für Rückfälle oder Todesfälle verbunden waren. Therapiezeiträume zwischen zehn und siebzehn Monaten erzielten hingegen vergleichbare Ergebnisse wie längere Behandlungen. Nach Beendigung des Beobachtungszeitraums wurden die Therapien der MDR-TB effektiver. Heute hat sich die Behandlungsdauer für die MDR-TB den 6 Monaten der Antibiotika-empfindlichen Tuberkulose angepasst.

„Die Studie unterstreicht die Bedeutung langfristiger Nachbeobachtung bei MDR-TB und legt nahe, dass Programme zur Tuberkulosekontrolle ihre Erfolgsmessung erweitern sollten. Die Einbeziehung rezidivfreier Überlebensraten ermöglicht eine realistischere Bewertung der Versorgungsqualität und des tatsächlichen Patientennutzens“, sagt Sophie Meier, Medizinische Doktorandin am FZB und an der Universität zu Lübeck bei DZIF-Wissenschaftler Professor Christoph Lange.

„Die Ergebnisse unterstützen auch die Rolle von Expertengremien, sog. Consilia, für die Wahl von Therapien und die Beurteilung des Behandlungserfolgs bei der MDR-TB. In Lettland waren die Entscheidungen des Consiliums den Ergebnissen der Anwendung von WHO-Definitionen für Behandlungsergebnisse der MDR-TB deutlich überlegen. Consilia sind auch ein Element eines wirksamen ‚Antimicrobial Stewardship‘ gegen die Entwicklung neuer Antibiotikaresistenzen“, sagt PD Dr. Thomas Brehm vom FZB und Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE), DZIF-Wissenschaftler und Seniorautor dieser Studie.

Die Ergebnisse dieser Arbeit liefern wichtige Impulse für zukünftige Behandlungsstrategien der MDR-TB und unterstützen den Einsatz individualisierter Therapiekonzepte mit ausreichend wirksamen Medikamenten. Nun sind prospektive Studien erforderlich, um diese Erkenntnisse im Kontext neuer verkürzter Therapieschemata mit modernen Wirkstoffen zu prüfen. Gegebenenfalls müssen die Definitionen der Behandlungsergebnisse der MDR-TB überarbeitet werden.


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Prof. Dr. Dr. h.c. Christoph Lange
Forschungszentrum Borstel, Leibniz Lungenzentrum
clange@fz-borstel.de

Originalpublikation:
Sophie Charlotte Meier, Liga Kukša, Santa Ķauķe, Vija Riekstina, Evita Biraua, Nityanand Jain, Christoph Lange, Thomas Theo Brehm,
Treatment outcomes and long-term relapse-free survival after multidrug-resistant tuberculosis treatment in Latvia: a retrospective national cohort study,
The Lancet Regional Health - Europe,
Volume 65,
2026,
101676,
ISSN 2666-7762,
https://doi.org/10.1016/j.lanepe.2026.101676.

Organspende nach dem sogenannten irreversiblen Hirnfunktionsausfall

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Dezeit ist die Organspende nach dem sogenannten irreversiblen Hirnfunktionsausfall die einzige rechtlich zulässige Form der Spende. 

Die Einführung der Organspende auch nach Herz-Kreislaufstillstand könnte Wartezeiten verkürzen und Transplantationszahlen steigern. Das zeigen Simulationen auf Basis europäischer Daten.

In Deutschland besteht seit Jahren ein erheblicher Mangel an Spenderorganen. Verstorbene dürfen in Deutschland dann Organe spenden, wenn dies ihrem zuvor geäußerten oder mutmaßlichen Wunsch entspricht und der Tod irreversibel eingetreten ist. Derzeit ist die Organspende nach dem sogenannten irreversiblen Hirnfunktionsausfall (IHA, umgangssprachlich Hirntod) die einzige rechtlich zulässige Form der Spende von Verstorbenen. In vielen anderen Ländern ist zusätzlich die kontrollierte Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand (HKS; engl. controlled donation after circulatory death, cDCD) geregelt und etabliert. Hierbei tritt der Tod nicht zuerst durch den Ausfall der Hirnfunktionen ein, sondern nach der durch die Patientinnen bzw. Patienten gewünschten Therapieeinstellung auf der Intensivstation. Die Therapieeinstellung (Beendigung der künstlichen Beatmung, Beendigung der künstlichen Kreislaufunterstützung) kann beispielsweise gewünscht sein, weil die Therapieaussichten sehr schlecht sind und kein weiteres Leiden gewünscht ist. Dies führt zum Ausfall des Herz-Kreislaufsystems und nach einer gewissen Wartezeit nach Eintritt des Todes ist die Organspende möglich.
Eine aktuelle Studie der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) in Zusammenarbeit mit der Eurotransplant International Foundation (Leiden, Niederlande) hat untersucht, welches Potenzial eine Indikationserweiterung auf die kontrollierte Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand für Deutschland hätte. Grundlage waren retrospektive Daten aus neun europäischen Ländern sowie simulationsgestützte Modelle zur Entwicklung von Transplantationszahlen und Wartelisten.
Die jetzt im Deutschen Ärzteblatt veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass die Einführung der HKS-Spende die Zahl verfügbarer Spenderorgane in Deutschland deutlich erhöhen könnte. Der Effekt hängt jedoch stark von organisatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen ab. Besonders ausgeprägt war dieser Effekt in Modellen, die sich an Ländern wie Spanien oder der Schweiz orientieren. Zwei Beispiele aus den Modellrechnungen für das Jahr 2023: Unter Annahmen wie in der Schweiz wären demnach etwa 35 Prozent mehr Leber- und 60 Prozent mehr Nierentransplantationen möglich gewesen. In einem Szenario wie in Tschechien ergäbe sich ein Plus von rund 10 Prozent bei Lebertransplantationen und rund 30 Prozent bei Nierentransplantationen.
„Wir haben diese Studie vor dem Hintergrund des anhaltenden Organmangels durchgeführt, da Deutschland im Gegensatz zu den meisten seiner Nachbarländer durch den Verzicht auf die HKS-Spende einen Sonderweg geht“, erklärt Dr. Friedrich von Samson-Himmelstjerna, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Medizinischen Fakultät der CAU. Er ist gemeinsam mit dem Eurotransplant-Wissenschaftler Hans de Ferrante, PhD, Erstautor der Studie. Bisherige Diskussionen konzentrierten sich meist auf andere Lösungsansätze, um den Organmangel abzumildern. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die kontrollierte Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand ein relevantes zusätzliches Potenzial bietet. Ihr sollte ein größerer Stellenwert in der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung eingeräumt werden“, sagt der Arzt und Wissenschaftler.

Daten für die öffentliche Debatte zur Organspende

Erwin de Buijzer, Medical Director, Eurotransplant, stellt fest: „Ob und wie DCD in Deutschland geregelt werden könnte, ist eine gesellschaftliche und politische Frage, die Eurotransplant nicht beantworten kann – und die Studie nimmt diese Entscheidung nicht vorweg. Sie bietet aber eine datenbasierte Grundlage für eine sachliche Debatte und hilft, mögliche Auswirkungen besser zu verstehen. Maßstab bleiben Transparenz, Qualität und Patientensicherheit.“
Denn die Analysen zeigen auch, dass die Wirkung stark von den jeweiligen Rahmenbedingungen abhängt. In einigen Szenarien, etwa nach österreichischem Vorbild, ergaben sich kaum Verbesserungen. Dies deutet darauf hin, dass die bloße Einführung der HKS-Spende nicht ausreicht. Darüber hinaus spielen strukturelle Faktoren eine entscheidende Rolle. Internationale Beispiele zeigen, dass steigende Organspendezahlen meist mit umfassenden Maßnahmen einhergehen, etwa verbesserter Spendererkennung in Kliniken, standardisierten Abläufen, gezielter Schulung von Fachpersonal sowie Öffentlichkeitsarbeit zur Steigerung der Akzeptanz.
Die Studie zielt darauf, die öffentliche Debatte zu erweitern. Aktuell wird vor allem die Einführung der Widerspruchslösung diskutiert. Diese sieht vor, dass jeder Mensch grundsätzlich als Organspender gilt, sofern nicht zu Lebzeiten explizit widersprochen worden ist. „Wir wollen alternative, wirksame Systemoptionen sichtbar machen. Viele wissen nicht, dass Organspende in Deutschland an eine bestimmte Todesfeststellung gebunden ist – und dass dadurch Spenden nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand derzeit ausgeschlossen sind. Ob und wie man dafür rechtliche Voraussetzungen schafft, sollte offen und sachlich diskutiert werden“, betont von Samson-Himmelstjerna.

Hintergrund

Hierzulande darf eine Organentnahme nach dem Tod derzeit nur erfolgen, wenn Ärztinnen und Ärzte den Tod als irreversiblen Ausfall der gesamten Hirnfunktionen festgestellt haben. Die Organspende nach endgültigem Herz-Kreislaufstillstand ist in vielen europäischen Ländern und auch beispielsweise in Japan, den Vereinigten Staaten von Amerika und Australien etabliert und wird dort unter unterschiedlichen Protokollen durchgeführt. Dabei wird der Tod anhand des dauerhaften Ausfalls der Kreislauffunktion festgestellt. Nach einer definierten Beobachtungszeit ohne Wiederbelebung kann die Organentnahme erfolgen. Diese Todeskonstellation ist nach der derzeitigen Rechtslage in Deutschland keine Grundlage für eine Organspende.

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Dr. Friedrich A. von Samson-Himmelstjerna
Medizinische Fakultät, CAU
Friedrich.vonSamson-Himmelstjerna@email.uni-kiel.de

Originalpublikation:
DOI: 10.3238/arztebl.m2026.0004
Weitere Informationen finden Sie unter
<http://www.uni-kiel.de/de/detailansicht/news/058-organspende-studie>

Einfluss- und Schutzfaktoren im Zusammenhang mit kindlicher Angst


Wie entsteht Angst – und was kann davor schützen? Teilnehmende für eine Eltern-Kind-Studie gesucht

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Kinder zwischen 8 und 12 Jahren gemeinsam mit einem Elternteil für eine psychologische Studie gesucht.

Angst ist eine normale und wichtige Schutzreaktion, besonders im Kindesalter. Wenn sie allerdings sehr stark wird und den Alltag beeinträchtigt, spricht man von einer Störung.

Psycholog*innen der Universität Mannheim erforschen Einfluss- und Schutzfaktoren im Zusammenhang mit kindlicher Angst. Teilnehmen können Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren gemeinsam mit einem Elternteil. Die Studie ist kindgerecht und spielerisch gestaltet und wurde von der Ethikkommission der Universität Mannheim begutachtet und als unbedenklich bewertet. Die Erhebung findet bis Juni 2026 am Lehrstuhl für Klinische und Biologische Psychologie und Psychotherapie statt.

Alle Teilnehmenden erhalten die Möglichkeit, spannende Forschung hautnah zu erleben und unterstützen damit die Arbeit zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Ängsten bei Kindern. Die Teilnahme dauert etwa 60 bis 90 Minuten. Als Dankeschön erhalten die Kinder am Ende eine Urkunde und eine kleine Überraschung. Die Aufwandsentschädigung beträgt 20 Euro.

Anmeldungen sind per Mail an klips-studienteilnahme@psychologie.uni-mannheim.de oder per Telefon unter der Nummer ‪0152 58593627‬ möglich.

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Prof. Dr. Antje Gerdes
Akademische Rätin
Lehr¬stuhl für Klinische und Biologische Psychologie und Psychotherapie
Universität Mannheim
E-Mail: gerdes@uni-mannheim.de