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Prof. Dr. Scheele + Dr. Jana Lieberz: Bindungshormon Oxytocin - Kuschelhormon

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Kann Oxytocin gegen Einsamkeit helfen? Studie des Universitätsklinikums Bonn liefert neue Erkenntnisse

Einsamkeit ist keine Krankheit. 

  • Und dennoch stellt sie ein erhebliches Gesundheitsproblem dar. Depression, Herzerkrankungen oder Demenz - wer dauerhaft einsam ist, hat ein höheres Risiko krank zu werden. 

Wie man gezielt gegen Einsamkeit vorgehen könnte, hat das Team um Dr. Jana Lieberz vom Universitätsklinikum Bonn (UKB), die auch an der Universität Bonn forscht, und Prof. Dr. Dirk Scheele (Ruhr-Universität Bochum) untersucht.

In einer kontrollierten Studie, an der die Universitäten Oldenburg, Bochum, Freiburg und Haifa (Israel) ebenfalls beteiligt waren, haben 78 Frauen und Männer, die sich einsam fühlen, das sogenannte „Kuschelhormon“ Oxytocin als Nasenspray erhalten. 

Seniorautorin der Studie zu Effekten von Oxytocin konnte zusammen mit einem internationalen Team zeigen, dass das „Kuschelhormon“ kurzfristig das Einsamkeitsgefühl verringern kann, was für psychotherapeutische Interventionen vorteilhaft sein würde. Seniorautorin der Studie zu Effekten von Oxytocin konnte zusammen mit einem internationalen Team zeigen, dass das „Kuschelhormon“ kurzfristig das Einsamkeitsgefühl verringern kann, was für psychotherapeutische Interventionen vorteilhaft sein würde. Universitätsklinikum Bonn

  • Einsamkeit, ein negatives Gefühl, das auftritt, wenn die eigenen sozialen Beziehungen quantitativ oder qualitativ als nicht ausreichend wahrgenommen werden, kennt vermutlich jeder. 
  • Bleibt es jedoch bestehen, kann es mit vielen psychischen, aber auch physischen Erkrankungen einhergehen. 
  • Trotzdem mangelt es bisher an effektiven Interventionen, um chronische Einsamkeit bei Betroffenen zu verringern.

Ob das Bindungshormon Oxytocin helfen könnte, die Effektivität einer Gruppentherapie gegen Einsamkeit zu stärken, haben die Seniorautoren Dr. Jana Lieberz und Prof. Dr. Scheele zusammen mit Erstautor Ruben Berger (UKB) jetzt in einer aktuellen Studie untersucht.

Die Effekte, die die Forscherinnen und Forscher dabei beobachtet haben, könnten zukünftig helfen, die Einsamkeit und die möglichen schwerwiegenden Folgen abzumildern.

In der Proof-of-Concept-Studie haben Teilnehmerinnen und Teilnehmer fünf wöchentliche Gruppentherapiesitzungen durchlaufen, die durch die Gabe von Oxytocin in Form eines Nasensprays ergänzt wurden. Eine Kontrollgruppe erhielt ein Placebo-Präparat. Die Wahrnehmung des eigenen Einsamkeitsgefühls wurde zu Beginn der Studie, nach dem Durchlaufen aller Termine und noch einmal zu zwei Nachbeobachtungszeitpunkten (drei Wochen und drei Monate) von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bewertet. Zusätzlich wurden akute Einsamkeitsgefühle, das Stresslevel, die Lebensqualität sowie die therapeutische Beziehung bei jeder Sitzung bewertet.

Die Seniorautorin der Studie Dr. Lieberz resümiert: „Die psychologische Intervention war in allen Behandlungsgruppen mit einer verringerten Stresswahrnehmung und einer Verbesserung der generellen Einsamkeit verbunden, was auch bei der Nachuntersuchung nach drei Monaten noch sichtbar war.“ Zwar hatte Oxytocin keinen signifikanten Einfluss auf die generell empfundene Einsamkeit, die Lebensqualität oder den wahrgenommenen Stress.  

Im Vergleich zu Placebo berichteten die Teilnehmenden, die Oxytocin erhalten hatten, jedoch ein verringertes akutes Gefühl der Einsamkeit nach den Sitzungen. Zusätzlich verbesserte die Oxytocin-Gabe die positive Bindung zwischen den Gruppenmitgliedern.

  • „Das ist eine sehr wichtige Beobachtung, die wir gemacht haben – Oxytocin konnte die positive Beziehung zu den anderen Gruppenmitgliedern stärken und von Beginn an die akuten Einsamkeitsgefühle reduzieren. 

Es könnte daher hilfreich sein, Patientinnen und Patienten zu Beginn einer Psychotherapie damit zu unterstützen. 

Denn wir wissen, dass sich Patientinnen und Patienten anfangs – sobald Probleme benannt werden – auch erst einmal schlechter als vor Beginn einer Therapie fühlen können. 

Durch die beobachteten Effekte der Oxytocin-Gabe könnten Betroffene wiederum besser am Ball bleiben und weitermachen“, erläutert Dr. Lieberz. 

Dabei betont die Psychologin, dass Oxytocin nicht als Allheilmittel gesehen werden dürfe – und es zur Verringerung von Einsamkeit auch keinesfalls immer einer Therapie bedarf.

Zwar konnten in der Studie keine langfristigen Effekte durch die Oxytocin-Gabe beobachtet werden, dennoch deuten die Ergebnisse der Studie darauf hin, dass mithilfe von Oxytocin positive Effekte bei Interventionen erzielt werden. 

Weitere Studien sind jetzt erforderlich, um optimale Interventionsdesigns zu ermitteln, sodass die beobachteten akuten Auswirkungen von Oxytocin in langfristige Vorteile umgesetzt werden können.

Die Studie wurde von der German-Israel Foundation for Scientific Research and Development (Deutsch-israelische Stiftung für wissenschaftliche Forschung und Entwicklung) gefördert; Dirk Scheele und René Hurlemann wurden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. 

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Originalpublikation:

Publikation: Oxytocin-augmented modular-based group intervention for loneliness: A proof-of-concept randomized-controlled trial; Ruben Berger, Rene Hurlemann, Simone G. Shamay-Tsoory, Alisa Kantermann, Maura Brauser, Jessica Gorni, Maike Luhmann, Elisabeth Schramm, Johannes Schultz, Alexandra Philipsen, Jana Lieberz, Dirk Scheele; Psychother Psychosom 2024; https://doi.org/10.1159/000538752

Dr. Mercedes Alfonso-Prieto: Oxytocin ist als „Kuschel- und Bindungshormon https://kinderarztpraxis-st-hedwig.de/

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Oxytocin und Autismus: 

Studie zu Rezeptorvariante liefert neue Einblicke in zelluläre Prozesse

Oxytocin ist als „Kuschel- und Bindungshormon“ bekannt. 

Die Reaktionen werden durch die Bindung des Hormons an den Oxytocin-Rezeptor im Gehirn hervorgerufen. 

Forschende der Universität Regensburg und des Forschungszentrums Jülich haben nun mithilfe von Experimenten mit Zellkulturen und Computersimulationen gezeigt, wie sich genetische Varianten des Rezeptors auf die durch das Hormon ausgelöste Signalkaskade auswirken. 

  • Die Erkenntnisse helfen zu verstehen, warum Nasensprays mit Oxytocin nicht in allen Fällen in der Behandlung von Menschen mit Autismus hilfreich sind. 

Und sie zeigen alternative Strategien auf, die langfristig zu neuen Therapien führen können. 

Struktur des Oxytocinrezeptors (links) und der mutierten Rezeptorvariante A218T (rechts) im Vergleich Struktur des Oxytocinrezeptors (links) und der mutierten Rezeptorvariante A218T (rechts) im Vergleich Mercedes Alfonso-Prieto Forschungszentrum Jülich / Mercedes Alfonso-Prieto 

  • Veränderungen im fein abgestimmten Zusammenspiel von Oxytocin und seinem Rezeptor können psychosoziale Störungen auslösen. 

Davon geht die Forschung schon lange aus. 

Tatsächlich wurden bereits genetische Varianten des Oxytocin-Rezeptors mit Autismus-Spektrum-Störungen in Verbindung gebracht. 

Die zugrundeliegenden kausalen Mechanismen sind bislang noch ungeklärt. Vieles deutet darauf hin, dass es nicht nur einen einzigen Auslöser gibt.

Entsprechend wurde beobachtet, dass die simple Gabe von Nasenspray mit Oxytocin nicht in allen, sondern nur in bestimmten Fällen dazu beiträgt, die soziale Interaktion bei Kindern und Jugendlichen mit einer Autismus-Spektrum-Störung zu verbessern. 

Studien zur therapeutischen Wirkung kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen und legen nahe, dass die Wirksamkeit bei den Patienten stark variiert. 

Exemplarisch sind hier eine Arbeit von Forschenden des Forschungszentrums Jülich (DOI: 10.1038/s41386-018-0258-7) sowie eine weitere Studie, die bislang größte zu diesem Thema, die vor einigen Monaten im renommierten New England Journal of Medicine erschienen ist (DOI: 10.1056/NEJMoa2103583).

In einer aktuellen Forschungsarbeit beschreiben Forschende der Universität Regensburg und des Forschungszentrums Jülich in allen Einzelheiten, wie sich eine kleine Änderung in der DNA-Sequenz des Oxytocinrezeptors auf die durch das Hormon ausgelöste Reaktion in den Nervenzellen auswirkt.

„Der Teufel steckt hier wirklich im Detail“, erklärt Dr. Mercedes Alfonso-Prieto vom Forschungszentrum Jülich. 

„Der Oxytocinrezeptor besteht aus 389 Aminosäuren. 

Die von uns untersuchte Variante, weicht nur bei einer einzigen von dem normalen Typ ab – eine eher subtile Veränderung, die sich aber im Innern der Zelle wie durch eine Art Dominoeffekt verstärkt.“

Gemeinsam mit ihren Kollegen am Institut unter der Leitung von Prof. Paolo Carloni hat sie die Auswirkungen dieser Mutation am Computer modelliert und simuliert. „Unser Ziel war es, einen Eindruck von dem Mechanismus in der Zelle zu gewinnen. Wir wollten verstehen, wie sich die ganze Struktur des Oxytocinrezeptors verändert und wie sich diese Veränderung auf die damit zusammenhängende zelluläre Reaktion auswirkt“, erklärt Mercedes Alfonso-Prieto.
Das überraschende Ergebnis: Die mutierte Variante ist keineswegs passiver oder instabiler, sondern aktiver und stabiler als der normale Rezeptortyp – ganz im Gegensatz zu dem, was intuitiv zu erwarten wäre.

„Obwohl diese Rezeptorvariante mit Autismus in Verbindung steht, wurde sie früher als nicht-pathogen eingestuft. 

Das hat uns verwundert“, berichten Dr. Magdalena Meyer und Dr. Benjamin Jurek von der Universität Regensburg, die die Zellreaktion experimentell im Labor untersucht haben. 

Die Regensburger Arbeitsgruppe unter der Leitung von Prof. Inga Neumann forscht schon seit vielen Jahren zur neurobiologischen Wirkung von Oxytocin. 

Die aktuelle Arbeit, die in der angesehenen Fachzeitschrift Molecular Psychiatry erschienen ist, liefert nun neue Ansatzpunkte, um langfristig neue Therapien zu entwickeln.

„Da die mutierte Rezeptorvariante übermäßig auf Oxytocin reagiert, liegt es auf der Hand, dass die Erhöhung des Oxytocinspiegels durch ein Nasenspray wahrscheinlich nicht die beste therapeutische Strategie ist, um autistische Patienten mit dieser Mutation zu behandeln“, erklärt Magdalena Meyer. 

Mehr Erfolg versprechen dagegen Ansätze zur Entwicklung von Medikamenten, die darauf abzielen, Moleküle zu finden, die die normale Funktion des Rezeptors wiederherstellen.

Dr. Mercedes Alfonso-Prieto vom Institute for Computational Biomedicine des Forschungszentrums Jülich

 Dr. Mercedes Alfonso-Prieto vom Institute for Computational Biomedicine des Forschungszentrums Jülich Ralf-Uwe Limbach Forschungszentrum Jülich / Ralf-Uwe Limbach

 

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Originalpublikation:

Magdalena Meyer, Benjamin Jurek, Mercedes Alfonso-Prieto, Rui Ribeiro, Vladimir M. Milenkovic, Julia Winter, Petra Hoffmann, Christian H. Wetzel, Alejandro Giorgetti, Paolo Carloni & Inga D. Neumann
Structure-function relationships of the disease-linked A218T oxytocin receptor variant
Molecular Psychiatry (published online 04 January 2022), DOI: 10.1038/s41380-021-01241-8

 

TOP-Untersucherhinweis von Marika Vetter: Gabe von Cytotec (Misoprostol) zur Geburtseinleitung

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Stellungnahme zur Berichterstattung über „Cytotec zur Geburtseinleitung“

Recherchen der SZ und des BR hinsichtlich der Gabe von Cytotec (Misoprostol) zur Geburtseinleitung haben zu einem breiten Medienecho geführt. 

In einem ausführlichen wissenschaftlichen Statement beziehen die DGGG e. V., die AGG e. V. in der DGGG, die DGPM e. V., die DGPGM e. V. sowie die BLFG e. V. Stellung zum Einsatz des Medikaments und relativieren die einseitige Berichterstattung, um insbesondere eine mögliche Verunsicherung der Patientinnen zu vermeiden. 
 
Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V. (DGGG), die Arbeitsgemeinschaft für Geburtshilfe und Pränatalmedizin e. V. in der DGGG (AGG), die Deutsche Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM) e. V., die Deutsche Gesellschaft für Pränatal- und Geburtsmedizin e. V. (DGPGM) sowie die Bundesarbeitsgemeinschaft Leitender Ärztinnen und Ärzte in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe e. V. (BLFG) möchten zur Berichterstattung über „Cytotec zur Geburtseinleitung“ Stellung nehmen.

Es wurde berichtet, dass mit „Cytotec“ ein Magenmedikament zur Geburtseinleitung verwendet wird, das in der Geburtshilfe „umstritten“ ist und in einer „bisher unveröffentlichten Umfrage“ in rund der Hälfte der deutschen Kliniken verwendet wird.

Es ist richtig, dass „Cytotec 200“ ein Medikament ist, das zum Schutz der Schleimhaut des Magens zugelassen wurde.

  • Der Wirkstoff „Misoprostol“, ein Prostaglandin-E1-Analogon, hat wie andere Wirkstoffe auch Effekte an verschiedenen Organen. 

Es führt so zum Beispiel an der Gebärmutter zu einer Reifung des Gebärmutterhalses und Kontraktionen der Gebärmuttermuskulatur, weshalb es auch zur Geburtseinleitung verwendet wird.
Entgegen der Berichterstattung ist der Wirkstoff Misoprostol zur Geburtseinleitung bei geburtshilflichen Experten nicht umstritten, weshalb fast alle Perinatalzentren höchster Ordnung diesen Wirkstoff verwenden.
  • Hierbei wird nicht „Cytotec 200“ genutzt, sondern ein Misoprostol-Präparat geringerer Dosierung.

Die Behauptung, dass sich die Ärzte hierbei lediglich auf „Erfahrungswerte und Anwendungsbeobachtungen stützen“, ist falsch; es gibt keinen Wirkstoff zur Geburtseinleitung, der ähnlich gut in Studien untersucht wurde!

Mittlerweile gibt es mehr als 80 randomisiert-kontrollierte Studien zur Verwendung von oralem Misoprostol zur Geburtseinleitung und dutzende randomisiert-kontrollierte Studien zur vaginalen Applikation.

Die Evidenz ist unstrittig: Der Wirkstoff Misoprostol ist das effektivste Medikament zur Geburtseinleitung und führt vor allem bei der oralen Anwendung zu weniger Kaiserschnitten als mit anderen Medikamenten (Dinoproston, Oxytocin).

Es ist korrekt, dass jedes Medikament potenzielle Nebenwirkungen haben kann.

Zu den seltenen Nebenwirkungen von Misoprostol gehören erhöhte Temperatur/Fieber, Zittern und Überstimulation.

In der Berichterstattung wurde von „in seltenen Fällen verstarben Mütter, nachdem ihre Gebärmutter nach der Gabe von Cytotec gerissen war“ gesprochen und sogar von „vielen mütterlichen Todesfällen“ und „mehrere Babys verstarben“ war die Rede.


Diese Einzelfälle betreffen vor allem Geburten, bei denen im Vorfeld eine Operation der Gebärmutter (z. B. Kaiserschnitt, Entfernung von Myomen oder Endometriose) erfolgte. 

Hier gibt es unabhängig von einer Geburtseinleitung immer das Risiko, dass es zu einer Uterusruptur mit entsprechendem erhöhtem Risiko für Mutter und Kind kommen kann.

  • In dieser Situation darf Misoprostol nicht zur Geburtseinleitung verwendet werden, was seit vielen Jahren bekannt ist und im klinischen Alltag beachtet werden muss. 
  • Ebenso dürfen Prostaglandin-Präparate (Misoprostol und Dinoproston) nicht gegeben werden, wenn Wehentätigkeit vorhanden ist, da dies zu Überstimulationen („Wehenstürmen“) führen kann. 

Komplikationen wie mütterliche und kindliche Todesfälle sowie peripartale Morbidität werden sehr wohl im Rahmen der Qualitätserhebung erfasst und an das IQTIQ (Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen) weitergeleitet.


„Cytotec 200“ ist nicht zur Geburtseinleitung zugelassen worden und darf daher nur im „Off-Label-Use“ hierfür verwendet werden. 

Da Zulassungsstudien fast aller Medikamente Kinder und Schwangere ausschließen, werden in der Geburtshilfe und Kinderheilkunde überwiegend Antibiotika, Bluthochdruckmittel und Medikamente zur kindlichen Lungenreifung „off-label“ angewendet.

Auch die in der Berichterstattung erwähnten „zugelassenen“ Alternativen (Prostaglandine, Oxytocin) zur Geburtseinleitung sind nur in bestimmten Situationen je nach Gebärmutterhalsbefund zugelassen. 
Nicht erwähnt wurde in der Berichterstattung, dass der Wirkstoff Misoprostol in vielen Ländern zur Geburtseinleitung zugelassen wurde – und somit eher eine Besonderheit in Deutschland besteht. 

Diese Präparate heißen nicht „Cytotec“, sondern beispielsweise Angusta® oder Vagiprost®. 

Auch wenn manche internationale Gesundheitsbehörden wie die französische ANSM vor „Cytotec“ warnten, wurde dort das niedriger dosierte Misoprostol-Präparat Angusta® genauso wie in allen skandinavischen Ländern zur Geburtseinleitung zugelassen. Nachdem es bis zum letzten Jahr mit Misodel® ein zugelassenes Misoprostol-Präparat zur Geburtseinleitung in Deutschland gab, soll auch Ende 2020 in Deutschland mit der Zulassung von Angusta® gestartet werden.

Angesichts dieser ganzen Datenlage sind wir irritiert über die aktuelle einseitige Berichterstattung, die zu einer unnötigen und gefährlichen Verunsicherung der Schwangeren und der in die Betreuung der Schwangeren eingebundenen Fachkräfte führt(e).

Die Frauenärztinnen und Frauenärzte in Deutschland engagieren sich seit Jahren für eine hohe Qualität auch in der Geburtshilfe. Daher werden Komplikationen kontinuierlich erfasst und diese an zentrale Stellen gemeldet. Wir können aus den Daten entgegen der Berichterstattung schlussfolgern, dass Frauen, die zur Geburt eingeleitet werden (und keine Gebärmutteroperation in der Anamnese haben) sogar ein niedrigeres Risiko für schwere Komplikationen erleiden.

Hinsichtlich der kindlichen Komplikationsraten muss immer das Risiko berücksichtigt werden, das zur Einleitung geführt hat.

Aktuell ist eine S2k-Leitlinie zur Geburtseinleitung der DGGG, der SGGG (Schweizer Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe) und der OEGGG (Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe) in Erstellung. Nach Sichtung der Literatur wird die Verwendung von Misoprostol zur Geburtseinleitung in der DACH-Region im Einklang mit den anderen internationalen Leitlinien, z. B. USA (ACOG, American College of Obstetricians), Kanada (SOGC, Society of Obstetricians and Gynaecologists of Canada), Großbritannien (NICE, National Institute for Health and Care Excellence) und Frankreich (CNGOF, French national college of obstetricians and gynecologists), sowie der FIGO (International Federation of Gynaecology and Obstetrics) und der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization) empfohlen werden.

Die Stellungnahme wurde von Prof. Dr. med. habil. Sven Kehl und Prof. Dr. med. Michael Abou-Dakn verfasst.

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V.


Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V. (DGGG) ist eine der großen wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland. Sie hat sich der Stärkung der Fachgebiete der Frauenheilkunde und Geburtshilfe verschrieben und fördert das gesamte Fach und seine Subdisziplinen, um die Einheit des Faches Frauenheilkunde und Geburtshilfe weiter zu entwickeln. Als medizinische Fachgesellschaft engagiert sich die DGGG fortwährend für die Gesundheit von Frauen und vertritt die gesundheitlichen Bedürfnisse der Frau auch in diversen politischen Gremien.

Die Arbeitsgemeinschaft für Geburtshilfe und Pränatalmedizin e. V.

Die Arbeitsgemeinschaft für Geburtshilfe und Pränatalmedizin e. V. (AGG) in der DGGG ist eine selbständige Untergliederung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V. Sie verfolgt die Förderung der Wissenschaft und Forschung sowie der Aus- und Weiterbildung von Medizinern in dem Themen- und Aufgabenbereichen der Pränatal- und Geburtsmedizin. Er befasst sich mit allen klinischen, wissenschaftlichen und organisatorischen Anliegen auf diesem Gebiet.

Die Deutsche Gesellschaft für Perinatale Medizin e. V.

Die Deutsche Gesellschaft für Perinatale Medizin e. V. (DGPM) ist die älteste und mit Abstand größte Fachgesellschaft für das interdisziplinäre Gebiet „Perinatale Medizin" (Geburtshilfe/ Neonatologie und Nachbargebiete) im deutschsprachigen Raum. Aktuelle Entwicklungen des Faches im wissenschaftlichen oder politischen Bereich werden von der Gesellschaft unmittelbar durch Publikationen oder öffentliche Stellungnahmen begleitet.

Die Deutsche Gesellschaft für Pränatal- und Geburtsmedizin e. V.

Die Deutsche Gesellschaft für Pränatal- und Geburtsmedizin e. V. (DGPGM) ist eine der großen Fachgesellschaften in Deutschland mit dem Ziel, das Gebiet der Frauenheilkunde in Praxis, Klinik und Forschung zu vertreten. Darüber hinaus soll der Pränatal- und Geburtsmedizin im Interesse von Müttern, Kindern und Familien zu einer den Fortschritten entsprechenden Anerkennung und einer angemessenen Förderung verholfen werden.

Bundesarbeitsgemeinschaft Leitender Ärztinnen und Ärzte in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe e. V.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Leitender Ärztinnen und Ärzte in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe e. V. (BLFG) vertritt die Interessen der Chefärztinnen und -ärzte der Frauenheilkunde und Geburtshilfe aus Deutschland zum Wohl der Patientinnen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft setzt sich dafür ein, allgemein das Verständnis der Belange des Berufsstandes zu verbessern. Auf dem alle zwei Jahre stattfinden Chefärzte-Kongress werden politisch, wissenschaftlich und gesellschaftlich relevante Aspekte thematisiert und diskutiert.

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Allergiker: Ängstlicher und stressanfälliger .....

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Allergiker sind stressanfälliger und neigen zur Unterdrückung von Emotionen

  • Unterscheiden sich Gesunde und Allergiker hinsichtlich ihrer Reaktion auf akuten Stress und ihrem Umgang mit Emotionen? 
Ein Forschungsteam um Lisa Maria Glenk vom interuniversitären Messerli Forschungsinstitut – einer gemeinsamen Einrichtung der Vetmeduni Vienna, der Medizinischen Universität Wien und der Universität Wien – ging diesen Fragen in einer soeben veröffentlichten wissenschaftlichen Studie nach und kam zu erstaunlichen Ergebnissen. 
 
Allergien sind weltweit auf dem Vormarsch, vor allem aber in hochentwickelten Ländern mit einem hohen Hygienestandard.

Etwa jeder Vierte leidet an Asthma, Heuschnupfen & Co., wobei Frauen häufiger als Männer betroffen sind.

Stress kann das Immunsystem aktivieren oder hemmen, seine vielfältige Wirkung in Zusammenhang mit Allergien ist allerdings noch nicht vollständig aufgeklärt.

  • Frühere Untersuchungen zeigten bereits, dass Allergiker ängstlicher und stressanfälliger sind als Menschen ohne Allergie.

Ein Forschungsteam um Lisa Maria Glenk vom Messerli Forschungsinstitut in Wien untersuchte Gesunde und allergische Personen in einem Stresstest.

Den Studienteilnehmern wurden vor und nach der Stressprovokation ein Fragebogen zu ihrem Umgang mit Emotionen sowie ihrem aktuellen Befinden vorgelegt.

Zudem bestimmten die Wissenschaftler die Konzentrationen der Hormone Kortisol und Oxytocin.

  • Erhöhte Stressanfälligkeit durch ungünstigen Umgang mit Emotionen

Nach dem Stresstest fühlten sich sowohl Allergiker als auch Gesunde ängstlicher und gestresster. 

  • Allerdings verzeichneten Allergiker einen stärkeren Anstieg des Stresshormons Kortisol und brauchten zudem länger, um sich wieder davon zu erholen. 

Auch in der Ausschüttung von Oxytocin, welches auch als Kuschel- oder Bindungshormon bekannt ist, unterschieden sich die allergischen von den gesunden Probanden.

  • Zwar hatten Allergiker höhere Ausgangwerte im Blut, ihr Oxytocinspiegel sank aber infolge der Stresserfahrung. 

Bei den Gesunden verhielt es sich umgekehrt.

Interessanterweise unterdrückten eher Allergiker als Gesunde ihre Emotionen. 

Dazu Studienleiterin Erika Jensen-Jarolim:

„Wir sehen immer wieder, dass Allergiepatienten die Schwere ihrer chronischen Symptome negieren.“ 

  • Jene allergischen Personen, die zu einer emotionalen Neubewertung der Situation fähig waren, erholten sich deutlich schneller vom Stress. 

Co-Autor Oswald D. Kothgassner von der Medizinischen Universität Wien ergänzt dazu:

„Durch diese Ergebnisse kann angenommen werden, dass Mechanismen der Stressregulation eine entscheidende Rolle für das häufig gemeinsame Auftreten von Allergien und Depressionen spielen“.
  •  Die aktuelle Studie legt somit nahe, dass Allergiker und Gesunde einen unterschiedlichen Umgang mit Emotionen pflegen, was wiederum ihre Stresstoleranz beeinflusst.

Service:
Der Artikel “Salivary Cortisol responses to acute stress vary between allergic and healthy individuals: The role of plasma oxytocin, emotion regulation strategies, reported stress and anxiety” von L. M. Glenk, O. D. Kothgassner, A. Felnhofer, J. Gotovina, C. L. Pranger, A. N. Jensen, N. Mothes-Luksch, A. Goreis, R. Palme, E. Jensen-Jarolim wurde in “Stress” veröffentlicht. https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/10253890.2019.1675629

Über die Veterinärmedizinische Universität Wien:
Die Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna) ist eine der führenden veterinärmedizinischen, akademischen Bildungs- und Forschungsstätten Europas. Ihr Hauptaugenmerk gilt den Forschungsbereichen Tiergesundheit, Lebensmittelsicherheit, Tierhaltung und Tierschutz sowie den biomedizinischen Grundlagen. Die Vetmeduni Vienna beschäftigt 1.300 MitarbeiterInnen und bildet zurzeit 2.300 Studierende aus. Der Campus in Wien Floridsdorf verfügt über fünf Universitätskliniken und zahlreiche Forschungseinrichtungen. Zwei Forschungsinstitute am Wiener Wilhelminenberg sowie ein Lehr- und Forschungsgut in Niederösterreich gehören ebenfalls zur Vetmeduni Vienna. Die Vetmeduni Vienna spielt in der globalen Top-Liga mit: 2019 belegt sie den exzellenten Platz 5 im weltweiten Shanghai-Hochschulranking im Fach „Veterinary Science. http://www.vetmeduni.ac.at

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Der Artikel “Salivary Cortisol responses to acute stress vary between allergic and healthy individuals: The role of plasma oxytocin, emotion regulation strategies, reported stress and anxiety” von L. M. Glenk, O. D. Kothgassner, A. Felnhofer, J. Gotovina, C. L. Pranger, A. N. Jensen, N. Mothes-Luksch, A. Goreis, R. Palme, E. Jensen-Jarolim wurde in “Stress” veröffentlicht. https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/10253890.2019.1675629

Hormon Oxytocin: Das Fürsorgeverhalten einer Mutter beim Baby

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Verhalten der Mutter beeinflusst Oxytocin-Entwicklung beim Säugling

Ergebnisse aus einer epigenetischen Studie des MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften und der University of Virginia deuten darauf hin, dass ein höheres mütterliches Fürsorgeverhalten das Oxytocin-System bei Babys hochreguliert. 
 
  • Oxytocin gilt als das "Bindungshormon" bei Säugetieren und Menschen, denn es stärkt Vertrauen und fördert soziale Bindungen. 

Es ist ein Hormon der Nähe, welches schon ganz früh in der menschlichen Entwicklung von entscheidender Bedeutung ist:

CAVE: Seine Produktion wird angekurbelt bei Blickkontakt, Empathie oder angenehmen Berührungen. Also runter mit den elternlichen Sonnenbrillen.

Kathleen Krol und Jessica Connelly von der University of Virginia sowie Tobias Grossmann vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften haben nun die Frage geklärt, ob das Verhalten der Mutter die Entwicklung des Oxytocin-Systems beim Säugling entscheidend beeinflussen kann.

Ihre Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein höheres mütterliches Fürsorgeverhalten das Oxytocin-System bei Babys hochreguliert. Kinder sind somit auf diese frühen, grundlegenden Interaktionen angewiesen, die ihnen letztendlich erleichtern, sich mit anderen zu verbinden und zu beschäftigen.

Die menschliche Kindheit markiert eine der dynamischsten und formbarsten Phasen der Entwicklung nach der Geburt und einen Punkt, an dem viele Systeme im kindlichen Körper untereinander abgestimmt werden.

Welche Rolle das Hormon Oxytocin dabei spielt, war bislang unklar.

„Bekannt ist sein Potenzial, frühe soziale Wahrnehmungs- und Kognitionsprozesse zu unterstützen und Entwicklungspfade für die Entstehung komplexer sozialer Verhaltensweisen zu beeinflussen.“, sagt Tobias Grossmann. „Wir haben untersucht, ob das mütterliche Verhalten die Entwicklung des Oxytocin-Systems im Säuglingsalter entscheidend beeinflussen könnte. Fortschritte in der Molekularbiologie ermöglichen es seit kurzem, das Zusammenspiel von Natur und Säuglingspflege mit epigenetischen Mitteln genau zu erforschen. Das haben wir in unserer Studie genutzt, indem wir modernste molekulare und statistische Methoden mit klassischen Methoden der Verhaltenspsychologie kombiniert haben.“

So beobachteten die Wissenschaftler eine Freispiel-Interaktion zwischen Müttern und ihren fünf Monate alten Kindern. „Beim fünf-monatigen Besuch und etwa ein Jahr später, als das Kind 18 Monate alt war, haben wir sowohl bei der Mutter als auch beim Säugling Speichel gesammelt. Um die Variabilität innerhalb des Oxytocin-Systems zu untersuchen, haben wir uns das Oxytocin-Rezeptorgen genauer angeschaut. Der Oxytocin-Rezeptor ist unerlässlich, damit das Hormon Oxytocin seine Wirkung entfalten kann.“, erklärt Kathleen Krol. Sie hat die Studie gemeinsam mit Tobias Grossmann am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig durchgeführt und arbeitet nun in Connellys Labor an der Universität von Virginia als Postdoktorandin.

„Wir fanden heraus, dass die epigenetischen Veränderungen in der DNA der Säuglinge durch die Qualität des mütterlichen Engagements vorhergesagt wurden. 
  • Haben sich Mütter in der Spiel-Interaktion mit ihren Kindern besonders eingesetzt und gekümmert, zeigte sich dies ein Jahr später an einer stärkeren Reduktion der DNA-Methylierung des Oxytocin-Rezeptorgens. 
  • Ein höheres mütterliches Engagement hat also das Potenzial, das Oxytocin-System bei menschlichen Nachkommen hochzuregulieren.“, erklärt die Wissenschaftlerin. 

„Auf der anderen Seite fanden wir heraus, dass dieser Prozess, in dem das Oxytocin-Rezeptorgen eine entscheidende Rolle spielt, auch das Temperament von Säuglingen widerspiegeln kann, welches uns von den Eltern berichtet wurde.

18 Monate alte Kinder mit höheren Graden der Methylierung und vermutlich herunterregulierten Oxytocin-Rezeptoren waren daher temperamentvoller und weniger ausgeglichen.“

Die Ergebnisse dieser Studie sind ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass wir nicht nur an unsere Gene gebunden sind, sondern vielmehr das Ergebnis eines zarten Wechselspiels zwischen unseren Bauplänen und Erfahrungen. 

Die frühe soziale Interaktion mit unseren Betreuern, Väter ausdrücklich inbegriffen, kann unsere biologische und psychologische Entwicklung durch epigenetische Veränderungen des Oxytozinsystems beeinflussen. 

Diese und ähnliche Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung der Elternschaft für die Förderung generationenübergreifender Gesundheit.

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Originalpublikation:
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CAVE: Frühstück am Sonntag in der Pfingstgemeinschaft: Große Augen, Stupsnase und Pausbacken?

Medizin am Abend Berlin Fazit: Mutter-Kind-Bindung - Studie der Universität Hamburg zeigt: Oxytocin schlägt Testosteron

Verschiedene Hormone beeinflussen die mütterlichen Gefühle. 

  • Während Oxytocin die Bindung zum Kind stärkt, scheint Testosteron mütterliches Verhalten zu unterdrücken. 

Eine Studie von Sarah Holtfrerich und Jun.-Prof. Dr. Esther Diekhof aus der Abteilung Neuroendokrinologie am Institut für Zoologie zeigt nun, dass Oxytocin die negative Wirkung von Testosteron ausgleichen kann. 

Dies berichten die Wissenschaftlerinnen in der aktuellen Ausgabe des Scientific Reports. 

 
Große Augen, Stupsnase und Pausbacken sind typische Merkmale von Kindergesichtern. 
  • Erwachsene finden sie süß, für Kleinkinder sind diese vor allem eines: überlebenswichtig. 
  • Die typischen Gesichtszüge, auch Kindchenschema genannt, wirken als Schlüsselreiz im Belohnungssystem des Gehirns und bringen die Eltern dazu, sich um den Nachwuchs zu kümmern. 

Auch die Sexualhormone Oxytocin und Testosteron beeinflussen dieses Belohnungssystem im Hirn; Oxytocin, das oft auch als Kuschelhormon bezeichnet wird, stärkt die soziale Bindung der Mutter zum Kind. 

 Testosteron dagegen wirkt vermutlich negativ auf mütterliche Verhaltensweisen. 


In einer Studie mit 57 Studentinnen hat Sarah Holtfrerich, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Neuroendokrinologie bei Jun.-Prof. Dr. Esther Diekhof, nun untersucht, wie die beiden Hormone interagieren und ob sie Reaktionen auf das Kindchenschema beeinflussen.

Dafür teilte sie die Probandinnen in zwei Gruppen ein: Der ersten Gruppe verabreichte Holtfrerich vor dem Test Oxytocin, die zweite Gruppe bekam ein Placebo. Bei allen Versuchsteilnehmerinnen wurde zudem der Testosteronspiegel gemessen. Anschließend analysierte Holtfrerich mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) die Hirnaktivität der Studienteilnehmerinnen, während sie sich Bilder von Erwachsenen und Kindern mit unterschiedlich ausgeprägtem Kindchenschema ansahen.

„Verabreichten wir Frauen mit hohen Testosteronspiegeln Oxytocin, erhöhte sich die Aktivität im Belohnungssystem des Gehirns, sobald sie Babygesichter sahen“, fasst Sarah Holtfrerich ihre Ergebnisse zusammen.

„Außerdem reagierte die Frauengruppe nach der Gabe von Oxytocin deutlicher sensitiver auf das Kindchenschema.“ 

Bei Teilnehmerinnen, die ein Placebo bekommen hatten, zeigte sich keine erhöhte Präferenz.

  • Für Holtfrerich ist das ein erster Hinweis darauf, dass Oxytocin die negative Wirkung von Testosteron ausgleicht und das Fürsorgeverhalten der Frau motivieren kann. 
  • Bei Frauen mit niedrigen Testosteronwerten hatte das verabreichte Oxytocin keine Wirkung. 
Holtfrerich vermutet, dass niedrige Werte des männlichen Sexualhormons dazu führen, dass Frauen ein mütterliches Verhalten entwickeln und ein zusätzlicher Einfluss von Oxytocin nicht notwendig ist.

Die Hormonforscherin plant nun weitere Studien, um die Ergebnisse mit Müttern und Vätern zu überprüfen.

Die Ergebnisse könnten auch der pharmakologischen Grundlagenforschung dienen, da ein Oxytocinmangel höchstwahrscheinlich bei psychiatrischen Störungen wie der Wochenbettdepression eine wichtige Rolle spielt.

Original-Artikel: Sarah K. C. Holtfrerich, Roland Pfister, Alexander T.El Gammal, Eugen Bellon & Esther K. Diekhof (2018): Endogenous testosterone and exogenous oxytocin influence the response to baby schema in the female brain; Scientific Reports, DOI: 10.1038/s41598-018-26020-4

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Einfluss der Arzt-Patienten-Beziehung auf den Therapieerfolg bei chronischen Rücken- und Nackenschmerzen

Medizin am Abend Berlin Fazit: Gute Beziehung zum Therapeuten – weniger Schmerzen?

Nachwuchswissenschaftlerin der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg untersucht Einfluss der Arzt-Patienten-Beziehung auf den Therapieerfolg bei chronischen Rücken- und Nackenschmerzen / Auszeichnung mit Förderpreis der deutschen Schmerzgesellschaft / BMBF fördert internationale Netzwerkbildung in den kommenden fünf Jahren mit bis zu 600.000 Euro 

 Ann-Christin Pfeifer, Nachwuchswissenschaftlerin an der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg.
 Ann-Christin Pfeifer, Nachwuchswissenschaftlerin an der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg. privat
 
  • Bei Patienten mit chronischen Schmerzen, die gleichzeitig Schwierigkeiten haben, Bindungen aufzubauen, erzielen gängige Therapiekonzepte häufig keine nachhaltige Wirkung. 

Ann-Christin Pfeifer, Nachwuchswissenschaftlerin an der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg, untersucht im Rahmen einer Studie, ob ein kombiniertes Behandlungskonzept, das die Bindungs-Probleme gezielt mit in den Fokus rückt, den langfristigen Therapieerfolg für diese Patienten verbessern und die chronischen Schmerzen dauerhaft lindern kann. Für dieses Projekt ist sie mit dem Nachwuchsförderpreis der Deutschen Schmerzgesellschaft ausgezeichnet worden (Dotierung: 7.000 Euro).

Medizin am Abend Berlin ZusatzFachThema: Patientenbeauftragter  

Ihre Hypothese: Entscheidendes Kriterium für eine gute Langzeitprognose ist eine gute Beziehung zwischen Patient und Therapeut. Vorläufige Ergebnisse einer Heidelberger Pilotstudie mit 52 Patienten, die im Laufe des Jahres veröffentlich werden sollen, unterstützen diese Annahme.

In der aktuellen Studie prüft Ann-Christin Pfeifer bei 150 Patienten mit lange bestehenden Rücken- und Nackenschmerzen erstmals, wie sich die subjektive Einschätzung der Arzt-Patienten-Beziehung nach Abschluss der insgesamt vierwöchigen Therapie unter anderem auf zwei Parameter auswirkt:

den Spiegel des „Bindungshormons“ Oxytocin im Blut der Patienten und das Schmerzlevel drei Monate nach Therapieende. 
  • Die Kombinationstherapie umfasst Medikamente, Physiotherapie und psychotherapeutische Elemente, welche die soziale Interaktions- und Bindungsfähigkeit verbessern sollen. 
Die Studie ist ein Kooperationsprojekt der Universitätsklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie des Instituts für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Heidelberg unter Leitung von Prof. Dr. Marcus Schiltenwolf sowie Prof. Dr. Beate Ditzen.

Dauerhafte Therapieeffekte dank Bindungshormon?

Rund zwei Drittel der Schmerzpatienten sind „unsicher gebunden“, wie Psychologen z.B. Bindungsangst oder Bindungsvermeidung zusammenfassen. Das ist überdurchschnittlich häufig: Im allgemeinen Durchschnitt ist schätzungsweise ein Drittel der Bevölkerung davon betroffen. „Studien haben gezeigt, dass Schmerzpatienten mit solchen Bindungsproblemen es deutlich seltener als andere schaffen, einen anfänglichen Therapieerfolg länger aufrecht zu erhalten“, erläutert Psychologin Ann-Christin Pfeifer.

„Die Bindungsfähigkeit scheint also einen nicht zu unterschätzenden Einfluss sowohl auf die Entstehung als auch die Heilungschancen chronischer Schmerzen zu haben.“

Eine wichtige Rolle auf psychobiologischer Ebene könnte dabei Oxytocin zukommen: Es wird während sozialer Bindungskontakte verstärkt ausgeschüttet und wirkt sich positiv auf die Vertrauensbildung aus.

„Genau dieser Vertrauensaufbau ist wichtig für eine gelungene therapeutische Beziehung und in Folge auch die Bereitschaft des Patienten, Empfehlungen seiner Ärzte über die Therapie hinaus einzuhalten“, so die Preisträgerin. Darüber hinaus wurde Oxytocin mit der Schmerzwahrnehmung in Verbindung gebracht: Ein hoher Spiegel des Hormons im Blut ging mit geringerer Schmerzempfindlichkeit einher. Bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen ist der Oxytocin-Spiegel im Blut niedriger als bei schmerzfreien Vergleichspersonen. An diesen Punkten setzt die aktuelle Studie an: „Wir untersuchen unter anderem erstmals, ob bei dieser speziellen Patientengruppe der Oxytocin-Spiegel vor Therapiebeginn tatsächlich niedriger ist als bei anderen Schmerzpatienten, ob er sich unter bindungsorientierter Schmerztherapie verändert und wie lange diese Effekte anhalten“, so Pfeifer.

Deutsch-Australisches Netzwerk untersucht neue Formen der Schmerztherapie

Auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sieht in dem ausgezeichneten Projekt einen innovativen Ansatz, um die Versorgung von Schmerzpatienten zu verbessern. In den kommenden zwei bis fünf Jahren fördert es daher mit bis zu 600.000 Euro den Aufbau eines Deutsch-Australischen Forschungsnetzwerks zu Oxytocin, Schmerz und Bindung (German-Australian Research Network on Oxytocin, Pain and Attachment / GARNOPA) unter Heidelberger Federführung.

Speziell in der Schmerztherapie bestehen bereits seit 2015 unter Leitung von Professor Schiltenwolf enge Kooperationen zwischen Heidelberg und Forschungseinrichtungen in Brisbane, die sich zum Teil auch an der aktuellen Studie beteiligen. „Wir freuen uns sehr, dass wir dieses Netzwerk dank der Förderung durch das BMBF nun noch weiter ausbauen können“, so Professor Ditzen, Direktorin des Instituts für Medizinische Psychologie und Koordinatorin des GARNOPA-Netzwerks. So soll unter anderem ein spezielles Verfahren zur standardisierten Bestimmung von Oxytocin im Blut etabliert und im „GARNOPA-Lab“ in Heidelberg für gemeinsame Projekte zur Verfügung stehen. Eine gemeinsame elektronische Plattform, entwickelt von Professor Dr. Petra Knaup-Gregori und Dr. Matthias Ganzinger, Institut für Medizinische Biometrie und Informatik, fördert die digitale Vernetzung. Gemeinsam mit Professor Dr. Svenja Taubner, Direktorin des Instituts für Psychosoziale Prävention, wird ein internationales Handbuch mit Empfehlungen zur bindungsorientierten Schmerztherapie über diese Schnittstelle angepasst und verbreitet. Verbundpartner sind das Institut für Medizinische Psychologie, die Universitätsklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, das Institut für Medizinische Biometrie und Informatik, das Institut für Psychosoziale Prävention, alle Universitätsklinikum Heidelberg, sowie die University of Queensland, Australien.

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Weihnachtsfest 2017: Wasserausscheidungen, Geburt, Migräne, Schmerzen, Diabetes Insipidus

Medizin am Abend Berlin Fazit: Neue chemische Verbindung zur Erleichterung der Geburt entwickelt

Medizinchemiker entdeckt Alternative zu "Liebeshormon" Oxytocin

Markus Muttenthaler von der Fakultät für Chemie hat gemeinsam mit einem internationalen Forschungsteam eine neue chemische Verbindung entwickelt, die ähnlich wie das "Liebeshormon" Oxytocin wirkt, aber in der Anwendung sicherer und nebenwirkungsärmer ist. 


Diese Verbindung hat das Potential, zukünftig für verschiedenste Studien und therapeutische Anwendungen herangezogen zu werden, wo der Oxytocin-Rezeptor eine Rolle spielt. 

Die Studie erscheint aktuell in "Science Signaling". 

Medizin am Abend Berlin ZusatzFilm: Laborhinweise  

Markus Muttenthaler erhielt auch kürzlich einen hochdotierten ERC Starting Grant des Europäischen Forschungsrates.
Markus Muttenthaler erhielt auch kürzlich einen hochdotierten ERC Starting Grant des Europäischen Forschungsrates. Copyright: Anjanette Webb, Capture Studio
  • Oxytocin und Vasopressin sind Peptidhormone, die beim Menschen viele wichtige physiologische Funktionen regulieren, wie zum Beispiel Reproduktion, Herz-Kreislauf, soziales Verhalten und Lernen. 
  • Oxytocin ist vor allem als "Liebeshormon" bekannt, regelt beispielsweise Prozesse wie die Mutter-Kind-Bindung und ist auch für die Einleitung der Geburt sowie das Stillen verantwortlich. 
  • Beide Hormone agieren über vier Rezeptoren, die strukturell sehr ähnlich aufgebaut sind.
In verschiedenen (Krankheits-)Fällen stellen diese Rezeptoren vielversprechende Ziele für die Medikamentenentwicklung dar. 

So kann eine Aktivierung des Oxytocin-Rezeptors beispielsweise Verbesserungen im sozialen Verhalten von autistischen Kindern bewirken, Schmerzen bei Migräne und chronischen Darmproblemen lindern oder die Geburt eines Kindes erleichtern.

Die Aktivierung eines Vasopressin-Rezeptors hemmt Wasserausscheidungen und wird bei Diabetes Insipidus eingesetzt. 

Ein anderer Vasopressin-Rezeptor wiederum ist ein Ziel für Herz-Kreislauf-Probleme, da er an der Kontraktion von Blutgefäßen beteiligt ist.

Obwohl es viele medizinische Anwendungsmöglichkeiten für diese Signalsysteme gibt, geht die medizinische Entwicklung von wirksamen Substanzen nur schleppend voran.

Ein Hauptgrund dafür ist die Schwierigkeit, selektive Verbindungen herzustellen, die nur einen von den vier Rezeptoren aktivieren, um ungewünschte Nebeneffekte auszuschließen. 

Ein weiteres Problem ist, dass die Selektivität von solchen Verbindungen oftmals nur bei Tieren gegeben ist, jedoch nicht bei Menschen.

Der Medizinchemiker Markus Muttenthaler hat sich diesem Problem gewidmet und über einen neuen Ansatz Oxytocin-Rezeptor-selektive Verbindungen hergestellt, welche die Selektivität bei Tieren und bei Menschen beibehalten. 

In seiner Studie untersuchte er die therapeutische Anwendung beim klinischen Einsatz von Oxytocin zur Erleichterung der Geburt.

  • Oxytocin kann nämlich bei zu hoher Dosis oder zu langer Anwendung Nebenwirkungen für Mutter und Kind verursachen, die mit der Aktivierung des Vasopressin-Rezeptors V1a zu tun haben. 
  • Muttenthalers neu entwickelte Verbindung konnte die Kontraktionen des Uterus ähnlich wie mit Oxytocin verstärken, jedoch in einer viel geregelteren Art und Weise. 
  • Außerdem hatte die neue Verbindung – [Se-Se]-Oxytocin-OH – keine Aktivierung von Herzmuskelzellen zur Folge, was die Sicherheit in der Anwendung verbessert.

Über Markus Muttenthaler
Der Medizinchemiker Markus Muttenthaler erhielt heuer einen hochdotierten ERC Starting Grant des Europäischen Forschungsrates. Er erforscht nun am Institut für Biologische Chemie der Universität Wien neue therapeutische Ansätze gegen gastrointestinale Erkrankungen und überprüft unter anderem das therapeutische Potenzial des Oxytocin-Rezeptors.

Markus Muttenthaler, geboren 1978 in Steyr (Österreich), studierte Technische Chemie an der TU Wien (Diplomingenieur 2005) und erhielt seinen Doktor (PhD) in Biologischer und Medizinischer Chemie 2009 an der University of Queensland in Brisbane, Australien. Danach absolvierte er drei Postdoc-Aufenthalte an international renommierten Forschungsinstituten: dem Institute for Molecular Bioscience, Brisbane (Australien), dem Scripps Research Institute, La Jolla (USA) und dem Institute for Research in Biomedicine, Barcelona (Spanien). 2015 erhielt er ein hochangesehenes australisches Forschungsstipendium, das ihm ermöglichte, seine eigene Forschungsgruppe am Institute for Molecular Bioscience in Brisbane aufzubauen. Seit 2017 ist er nun an der Universität Wien tätig, wo er das "Neuropeptide Research"-Labor leitet.

Publikation in "Science Signaling"
Subtle modifications to oxytocin produce ligands that retain potency and improved selectivity across species: M. Muttenthaler, Å. Andersson, I. Vetter, R. Menon, M. Busnelli, L. Ragnarsson, C. Bergmayr, S. Arrowsmith, J. R. Deuis, H. S. Chiu, N. J. Palpant, M. O’Brien, T. J. Smith, S. Wray, I. D. Neumann, C. W. Gruber, R. J. Lewis, P. F. Alewood, Subtle modifications to oxytocin produce ligands that retain potency and improved selectivity across species. Sci. Signal. 10, eaan3398 (2017).
DOI: 10.1126/scisignal.aan3398

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Die Universität Wien ist eine der ältesten und größten Universitäten Europas: An 15 Fakultäten und vier Zentren arbeiten rund 9.700 MitarbeiterInnen, davon 6.800 WissenschafterInnen. Die Universität Wien ist damit auch die größte Forschungsinstitution Österreichs sowie die größte Bildungsstätte: An der Universität Wien sind derzeit rund 94.000 nationale und internationale Studierende inskribiert. Mit über 175 Studien verfügt sie über das vielfältigste Studienangebot des Landes. Die Universität Wien ist auch eine bedeutende Einrichtung für Weiterbildung in Österreich. http://www.univie.ac.at

GenderMedizin: Kuschelhormon Oxytocin der Frauen und Männer

Medizin am Abend Berlin Fazit:  Oxytocin: Männer mögen’s negativer als Frauen

Das „Kuschelhormon“ Oxytocin kann sehr unterschiedlich auf Männer und Frauen wirken. Das hat ein Forscherteam aus Chengdu (China) unter Beteiligung von Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Bonn herausgefunden. Während Frauen durch den Einfluss des Hormons stärker auf positive Botschaften reagieren, schließen sich Männer eher kritischen Aussagen mit negativen Inhalten an. Die Ergebnisse sind nun im Fachjournal „Proceedings of the National Academy of Sciences” (PNAS) veröffentlicht. 
 
Dem Hormon Oxytocin werden viele Wirkungen zugeschrieben: 

Es stärkt die Bindung von stillenden Müttern an ihre Säuglinge, hilft Ängste zu bewältigen und stärkt die Paarbeziehung.

„Oxytocin erhöht allgemein die Sensitivität für soziale Reize“, sagt Prof. Dr. René Hurlemann von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn.

 Prof. Dr. Dr. med. René Hurlemann, Stellvertretender Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn.
Prof. Dr. Dr. med. René Hurlemann, Stellvertretender Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn.(c) Foto: Katharina Wislsperger/UKB

Der Botenstoff spiele insbesondere auch für den ersten Eindruck, den neue Bekanntschaften hinterlassen, eine große Rolle. Lernt man zum Beispiel bei einer Party neue Leute kennen, kann auch das Oxytocin mit darüber entscheiden, ob aus den zuvor Unbekannten neue Geschäfts- oder sogar Ehepartner werden.

Doch wirkt das Hormon bei Frauen und Männern auf gleiche Weise?

Dieser Frage gingen Wissenschaftler um Prof. Dr. Keith M. Kendrick von der University of Electronic Science und Technology of China in Chengdu zusammen mit Prof. Hurlemann nach. Die Forscher zeigten Frauen und Männern Fotos von verschiedenen Personen und Objekten. Zu den Bildern wurden Aussagen eingeblendet, die entweder einen sehr positiven, lobenden Charakter oder einen sehr kritisierenden, negativen Inhalt hatten. Die 80 Studienteilnehmer sollten Auskunft darüber geben, ob ihnen die jeweilige Meinungsäußerung der auf den Fotos gezeigten Personen sympathisch oder unsympathisch war.

Aktivität der Amygdala im Gehirn war unter Oxytocineinfluss erhöht

Die Probanden erhielten entweder Oxytocin über ein Nasenspray verabreicht oder ein Placebo. Im Magnetresonanztomographen beobachteten die Forscher außerdem die Gehirnaktivität, besonders des Mandelkerns (Amygdala).

  • Diese Struktur in den Schläfenlappen übernimmt die emotionale Bewertung von Informationen, die auch im menschlichen Miteinander eine Rolle spielen. 
Unter Oxytocineinfluss war bei allen Teilnehmern die Aktivität der Amygdala erhöht. „Jedoch hatte Oxytocin auf die beiden Geschlechter sehr unterschiedliche Effekte hinsichtlich der Präferenz“, sagt Prof. Hurlemann.
  • Das Hormon verstärkte bei Frauen deutlich die Sympathie für Personen, die mit lobenden Aussagen verbunden waren
  • Bei den Männern steigerte Oxytocin hingegen die Zustimmung zu Fotos, die mit sehr kritischen Meinungsäußerungen in Zusammenhang gebracht wurden. 
„Das ist ein überraschender Befund, den Oxytocin wirkt ansonsten bei Frauen und Männern in vielen Situationen sehr ähnlich“, berichtet Prof. Hurlemann.

Nach den Vermutungen der Forscher kommen bei diesen Ergebnissen zwei unterschiedliche, geschlechtsspezifische Modelle zum Tragen, die in der Wissenschaft schon seit Längerem diskutiert werden. 
  • In sozialen Gruppen fühlen sich Frauen eher wohl und betonen stärker die positiven Aspekte. 
  • Männer hingegen fürchten viel mehr die Konkurrenz durch ihre Artgenossen und scheinen deshalb emotional negativer getönt.

„Diese Tendenz scheint das Oxytocin zu verstärken“, fasst Prof. Hurlemann zusammen.

„Frauen fühlen sich unter dem Einfluss des Hormons nicht so schnell bedroht wie Männer.“

Publikation: Oxytocin, the peptide that bonds the sexes also divides them, Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS)

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Prof. Dr. Dr. med. René Hurlemann.
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360° TOP-Hinweis: Rettungsstelle: Neuropeptid Oxytocin: Autismus + Asperger-Syndrom

Medizin am Abend Berlin Fazit:   Oxytocin schärft die Sinne

Das Neuropeptid Oxytocin ist ein neuer Therapieansatz bei psychischen Erkrankungen, die mit Beeinträchtigungen sozialer Interaktionen einhergehen. 

Wissenschaftler des ZI konnten nun einen Mechanismus von der Verhaltensebene bis hin zu seinen Auswirkungen auf synaptische Netzwerke aufklären, über den Oxytocin die Erkennung und Zuordnung relevanter sozialer Reize verbessert. 

Unter dem Titel „Oxytocin Enhances Social Recognition by Modulating Cortical Control of Early Olfactory Processing“ wurden die Ergebnisse der Studie in der Ausgabe des renommierten Fachjournals Neuron vom 21. April 2016 veröffentlicht. 

 Das Spiel „Memory“ erfordert geschärfte Sinne, um ähnliche Objekte zu unterscheiden und soziale Erkennung bei Mäusen zeigt Ähnlichkeiten zum „Memory Spiel"
 Das Spiel „Memory“ erfordert geschärfte Sinne, um ähnliche Objekte zu unterscheiden und soziale Erkennung bei Mäusen zeigt Ähnlichkeiten zum „Memory Spiel" . © Idee Cathrin Huber, Artwork Sebastian Wieland.
 
Soziale Interaktionen erfordern die Wahrnehmung und Wiedererkennung von Individuen. 

  • Wenn die Wahrnehmung sozialer Reize verändert beziehungsweise gestört ist, hat dies Konsequenzen auf alle folgenden Hirnprozesse bis hin zum Verhalten. 
Bereits einer der Erstbeschreiber des Autismus, der österreichische Kinderarzt Hans Asperger, betonte die veränderte Wahrnehmung von Sinnesreizen als Kennzeichen der Erkrankung. 
  • Er beschrieb 1944 als erster das später nach ihm benannte Asperger-Syndrom. 
Diesen sensorischen Defiziten wird in den letzten Jahren wieder vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt, was sich nun auch in den neuen amerikanischen diagnostischen Forschungskriterien niederschlägt.

Die Prozesse der sozialen Interaktionen können auf verschiedenen Ebenen beeinflusst oder verändert sein. 

Das Neuropeptid Oxytocin stellt hierbei einen ersten Ansatzpunkt dar, der soziale Interaktion beim Menschen beeinflusst, wie Arbeitsgruppen am ZI in den letzten Jahren zeigen konnten. Oxytocin kommt zunehmend in der klinischen Therapie zum Einsatz, beispielsweise um in Psychotherapien von Erkrankungen, die mit Beeinträchtigungen im Erkennen sozialer Signale einhergehen, eben diese Ressourcen zu verbessern.

Die Mechanismen sind jedoch nicht vollständig aufgeklärt, über die Oxytocin die Reizverarbeitung beeinflusst.

Wissenschaftler um den Neurobiologen Lennart Oettl und um den Psychiater und Neurophysiologen
Dr. Wolfgang Kelsch (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Leiter AG Entwicklungsbiologie psychiatrischer Störungen) konnte nun einen zentralen Mechanismus bei Mäusen aufklären, wie Oxytocin die Wahrnehmung und Wiedererkennung anderer Individuen moduliert. Wie die meisten anderen Tiere nutzen Mäuse vor allem den Geruchssinn, um soziale Reize wahrzunehmen. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass das vom Hirn ausgeschüttete Oxytocin das Signal-zu-Rausch-Verhalten in der sensorischen Informationsverarbeitung verbessert. 
  • Durch Oxytocin werden sogenannte Top-down-Projektionen aus der Großhirnrinde in sensorische Netzwerke aktiviert, die dort hemmende Neurone antreiben. Diese Top-down-Aktivierung verbessert die Signalqualität im Sinne eines Aufmerksamkeitsfilters, so dass die sensorische Information dann verändert an höhere Hirnareale weitergeleitet wird. Über diesen Mechanismus stärkt Oxytocin die Verarbeitung relevanter sozialer Signale und verbessert so die spätere Erkennung voriger sozialer Interaktionspartner.
„Das ist ähnlich wie bei dem Spiel Memory, bei dem es darum geht, die Sinne zu schärfen, um ähnliche Objekte zu unterscheiden und diese später zu erinnern.

Oxytocin scheint diese beiden Aspekte sozialer Interaktion zu fördern“, erklärt Wolfgang Kelsch. 

Das bedeutet, dass Oxytocin die Wahrnehmung in einen besonderen Zustand für die Verarbeitung sozialer Reize versetzt. Oxytocin wirkt auf multiple Schritte der Verarbeitung sozialer Reize.

  • Der aktuelle Befund verdeutlicht, dass die frühe Wirkung Oxytocins in der sozialen Reizwahrnehmung darauffolgende Prozesse verändert. 
  • Die hier beschriebenen Mechanismen könnten so oder ähnlich bei psychiatrischen Erkrankungen gestört sein und Defizite in der Wahrnehmung von Sinnesreizen bei Autismus erklären und, wie aktuelle Studien bei Menschen zeigen, möglicherweise als Ansatzpunkt zur Entwicklung objektivierbarer diagnostischer Kriterien dienen.

Publikation:

Oettl LL, Ravi R, Schneider M, Scheller M, Schneider P, Mitre M, da Silva Gouveia M, Froemke RC, Chao MV, Young WS, Meyer-Lindenberg A, Grinevich V, Shusterman, Kelsch W. Oxytocin enhances social recognition by modulating cortical control of early olfactory processing. Neuron (2016)
http://dx.doi.org/10.1016/j.neuron.2016.03.033

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Schmerzlindernd - lasst uns Oxytocin - Kuscheln

Medizin am Abend Berlin Fazit:   Kuschelhormon wirkt schmerzlindernd

Max-Planck-Forscher entdecken eine neue Wirkung von Oxytocin 
 
  • Manchmal reichen kleine Moleküle aus, um unsere Stimmung oder auch den Stoffwechsel zu verändern: eines wie Oxytocin, das an der Entstehung von Gefühlen wie Vertrauen und Liebe beteiligt ist. 
Das Hormon wird ausschließlich im Gehirn gebildet und unter anderem über die Hirnanhangsdrüse ins Blut abgegeben. Bislang war unbekannt, warum diese Oxytocin-produzierenden Nervenzellen mit dem Hirnstamm und dem Rückenmark verknüpft sind. Forscher des Max-Planck-Instituts für medizinische Forschung in Heidelberg haben nun eine kleine Population an Nervenzellen entdeckt, die die Ausschüttung von Oxytocin ins Blut koordiniert und auch Zellen im Rückenmark anregt.

  • Eine Reizung dieser Zellen erhöht den Oxytocinspiegel im Körper und hat eine schmerzlindernde Wirkung.
Schnelle Geburt: Die Bezeichnung des Hormons im Griechischen weist bereits auf eine wichtige Aufgabe hin: Bei der Geburt löst Oxytocin eine Kontraktion der Gebärmuttermuskulatur aus und leitet die Wehen ein. Außerdem ist es wichtig für eine starke Bindung zwischen Mutter und Kind sowie den Milcheinschuss der Mutter. Es reguliert zudem soziale Interaktionen im Allgemeinen. Es wird deswegen oft als Kuschelhormon bezeichnet

Das Hormon wird ausschließlich im Hypothalamus produziert.

Eine kleine Gruppe Oxytocin-produzierender Nervenzellen (rot) koordiniert die Freigabe von Oxytocin über Blut und Rückenmark.
 Eine kleine Gruppe Oxytocin-produzierender Nervenzellen (rot) koordiniert die Freigabe von Oxytocin über Blut und Rückenmark. Eliava et al., 2016

Oxytocin-bildende Nervenzellen werden in zwei unterschiedlich große Zelltypen unterteilt: Die großen Oxytocin-produzierenden Nervenzellen sind mit der Hirnanhangsdrüse verbunden, die Oxytocin über Kapillaren ins Blut abgibt. Die kleinen sind mit dem Hirnstamm und den tiefen Regionen des Rückenmarks verknüpft. Die Funktion dieser Verbindungen war bisher unklar.

Es wurde vermutet, dass sie wichtig für die Kontrolle des Herz-Kreislauf-Systems oder auch der Atmung sein könnte.

Kleine Zellen, große Wirkung

Forscher des Max-Planck-Instituts für medizinische Forschung und ihre Kollegen aus anderen Ländern haben nun eine schmerzstillende Wirkung von Oxytocin entdeckt und festgestellt, dass die Freisetzung nicht nur über das Blut, sondern auch über das Rückenmark reguliert wird. „Wir konnten einen neuen Aspekt der Wirkung von Oxytocin nachweisen und haben zudem eine neue Subpopulation an kleinen Oxytocin-produzierenden Neuronen entdeckt“, erklärt der Direktor Peter Seeburg. „Eine Gruppe des kleinen Zelltyps von etwa 30 Zellen sendet seine Nervenenden zu den großen Neuronen, wodurch Oxytocin über die Hirnanhangsdrüse ins Blut abgegeben als auch zum Rückenmark, wo Oxytocin als Neurotransmitter dient, um Nervenzellen zu hemmen." Diese Population koordiniert somit die Oxytocin-Freigabe. „Es ist faszinierend, dass die Koordination der Oxytocin-Wirkung von so wenigen Zellen abhängt“, so Seeburg.

Mit dem Griff in die optogenetische Werkzeugkiste konnten die Wissenschaftler die Population der kleinen Zellen im lebenden Versuchstier gezielt mit Licht stimulieren und dazu bringen, über beide Wege mehr Oxytocin auszuschütten. Ratten, die anschließend einen erhöhten Oxytocin Spiegel im Blut hatten, reagierten weniger stark auf die Berührung eines entzündeten Fußes. Das deutete auf eine geringere Schmerzempfindung hin. 

Eine Hemmung der Oxytocinwirkung erhöhte dagegen das Schmerzempfinden.

Die Forscher gehen davon aus, dass es die Untergruppe Oxytocin-produzierender Zellen auch im menschlichen Gehirn gibt. „Vermutlich ist das menschliche Oxytocin-System jedoch komplexer und besteht aus mehr als 30 Zellen“, erklärt Seeburg. Die Funktion dieser Zellen lässt sich im Menschen zudem nur schwer untersuchen. Trotzdem könnten die Erkenntnisse ein neuer Ansatz für die Entwicklung von Schmerztherapien sein.

Originalpublikation:
Marina Eliava , Meggane Melchior , H. Sophie Knobloch-Bollmann, Jérôme Wahis, Miriam da Silva Gouveia, Yan Tang , Alexandru Cristian, Ciobanu , Rodrigo Triana del Rio, Lena C. Roth , Ferdinand Althammer,Virginie Chavant , Yannick Goumon , Tim Gruber, Nathalie Petit-Demoulière, Marta Busnelli, Bice Chini , Linette L. Tan, Mariela Mitre, Robert C. Froemke, Moses V. Chao, Günter Giese , Rolf Sprengel , Rohini Kuner , Pierrick Poisbeau , Peter H. Seeburg , Ron Stoop , Alexandre Charlet and Valery Grinevich
A new population of parvocellular oxytocin neurons controlling magnocellular neuron activity and inflammatory pain processing
Neuron, 4 März 2016 (DOI: 10.1016/j.neuron.2016.01.041)

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Prof. Dr. Peter H. Seeburg
Max-Planck-Institut für medizinische Forschung, Heidelberg
Telefon:+49 6221 486-495Fax:+49 6221 486-110
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Dr Harald Rösch Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.