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Plötzlicher Herztod

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Eine jetzt im European Heart Journal veröffentlichte Analyse stellt eine etablierte Herzinfarkt-Therapie infrage: Obwohl europäische Leitlinien für bestimmte Patient:innen die vorbeugende Implantation eines Defibrillators (ICD) mit der höchsten Empfehlungsstufe vorsehen, war in den jüngsten ausgewerteten Patientendaten kein Überlebensvorteil mehr nachweisbar. Ob die routinemäßige prophylaktische Implantation unter heutigen Behandlungsbedingungen noch gerechtfertigt ist, soll nun eine randomisierte Studie klären.

Der plötzliche Herztod ist für etwa 20 Prozent aller Todesfälle in Europa verantwortlich. Besonders gefährdet sind Patient:innen nach einem Herzinfarkt. Ihr Risiko wird bislang vor allem anhand der linksventrikulären Ejektionsfraktion (LVEF) eingeschätzt – einem Maß für die Pumpleistung der linken Herzkammer.

Für Patient:innen mit symptomatischer Herzinsuffizienz nach einem Herzinfarkt und einer LVEF von höchstens 35 Prozent sehen die europäischen Herzinsuffizienz-Leitlinien bislang die vorbeugende ICD-Implantation als Klasse-I-Empfehlung mit Evidenzgrad A vor. Der ICD (implantierbarer Kardioverter-Defibrillator) erkennt gefährliche Herzrhythmusstörungen und bringt das Herz durch elektrische Impulse wieder in einen normalen Rhythmus.

Die maßgeblichen Studien, auf denen diese Empfehlung basiert, liegen allerdings mehr als zwei Jahrzehnte zurück. Viele heute etablierte Medikamente und Behandlungsmöglichkeiten standen damals noch nicht zur Verfügung. Deshalb untersuchen Wissenschaftler:innen unter der Leitung von Prof. Dr. Gerhard Hindricks und Prof. Dr. Nikolaos Dagres vom Deutschen Herzzentrum der Charité (DHZC) in dem internationalen Forschungsprojekt PROFID, ob Patient:innen nach einem Herzinfarkt heute noch in gleichem Maße von einem vorbeugend implantierten ICD profitieren.

Methodik
Die Untersuchung baut auf einem außergewöhnlich großen Datenfundus auf. Für PROFID wurden Individualdaten von mehr als ‪140.000‬ Patient:innen nach einem Herzinfarkt aus 20 internationalen Datensätzen zusammengeführt. Die 2024 veröffentlichte Hauptanalyse dieses Datenpools zeigte, dass sich das individuelle Risiko für einen plötzlichen Herztod nicht zuverlässig vorhersagen lässt.

Jetzt hat das Team eine neue Subanalyse im European Heart Journal veröffentlicht und auf dem ESC Congress 2026 in München vorgestellt.

Dafür analysierten die Forschenden gezielt die Daten einer Subgruppe von 32.214 Patient:innen mit deutlich eingeschränkter Pumpfunktion und verglichen die Gesamtsterblichkeit von Patient:innen mit und ohne implantierten Defibrillator über einen Zeitraum von 25 Jahren.

Abhängig vom Zeitraum, aus dem ihre Daten stammten, wurden die Patientendaten drei Untersuchungsperioden zugeordnet (1995 – 2004; 2005 – 2014 und 2015 – 2020).
Das Ergebnis stellt die bisherige Behandlungspraxis infrage: Der Überlebensvorteil durch einen ICD wurde über die vergangenen zwei Jahrzehnte immer kleiner und war in der zuletzt untersuchten Patientengruppe nicht mehr nachweisbar. Zu Beginn des Untersuchungszeitraums konnten die Wissenschaftler:innen noch eine deutlich geringere Sterblichkeit bei Patient:innen mit Defibrillator feststellen. Dieser Überlebensvorteil blieb über viele Jahre stabil. In der jüngsten Untersuchungsperiode von 2015 bis 2020 ließ sich dieser Zusammenhang statistisch jedoch nicht mehr belegen.

Einordnung und Schlussfolgerungen für die klinische Praxis
„Unsere Ergebnisse bedeuten nicht, dass der Einsatz eines ICD bei Herzinfarkt-Patient:innen mit stark eingeschränkter Pumpfunktion grundsätzlich keinen Nutzen mehr hat. Sie zeigen vielmehr, dass die aktuelle Strategie, diesen Patient:innen vorsorglich einen Defibrillator einzusetzen, keine Pauschallösung sein kann. Jeder Fall muss differenziert betrachtet werden“, sagt Prof. Dr. Gerhard Hindricks, kommissarischer Direktor der DHZC-Klinik für Kardiologie, Angiologie und Intensivmedizin am Campus Charité Mitte, der das PROFID-Forschungsprojekt wissenschaftlich leitet.

PROFID-Co-Leiter und Letztautor der Analyse Prof. Dr. Nikolaos Dagres, Leitender Oberarzt an der DHZC-Klinik für Kardiologie Mitte, ergänzt: „Um präzise feststellen zu können, welche Herzinfarkt-Patient:innen tatsächlich von einem Defibrillator profitieren und bei welchen Patient:innen eine medikamentöse Therapie ausreicht, brauchen wir randomisierte Daten. Genau diese Frage untersuchen wir derzeit in einer klinischen Studie. Die Ergebnisse könnten die Behandlung von Patient:innen nach einem Herzinfarkt künftig maßgeblich verändern.“

In der randomisierten, von der Charité geleiteten Studie „PROFID EHRA“ sollen rund 3.600 Patient:innen aus 180 Kliniken in 13 Ländern untersucht werden. Dabei wird verglichen, ob eine optimale medikamentöse Therapie allein bei Patient:innen mit eingeschränkter Pumpleistung des Herzens nach einem Herzinfarkt hinsichtlich der Gesamtsterblichkeit einer Behandlung mit Medikamenten und zusätzlichem ICD nicht unterlegen ist.
Mit diesem Forschungsprojekt wollen die Wissenschaftler:innen dazu beitragen, dass Defibrillatoren in Zukunft gezielt nur denjenigen Patient:innen implantiert werden, die tatsächlich einen Nutzen davon haben. So sollen unnötige Eingriffe vermieden und gleichzeitig die Sicherheit der Betroffenen verbessert werden.

Fortschritte in der Patientenversorgung
Die Analyse untersucht nicht explizit die Ursachen dafür, warum sich die Sterblichkeitsraten bei Herzinfarkt-Patient:innen mit und ohne ICD im Laufe der Zeit angeglichen haben könnten. Eine mögliche Erklärung könnte aber darin liegen, dass sich die Behandlung von Herzinfarkt-Patient:innen in den vergangenen Jahrzehnten erheblich verbessert hat. Wirksamere Medikamente und Fortschritte bei der kathetergestützten Behandlung verengter oder verschlossener Herzkranzgefäße tragen heute dazu bei, die Prognose der Patient:innen zu verbessern. Außerdem entstehen durch die Fortschritte in der Behandlung von Herzinfarkten heute möglicherweise weniger schwere Herzschäden, die zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen führen können.

Das individuelle Risiko der Patient:innen als Basis
Die Forschenden ziehen aus ihrer Analyse klare Schlüsse für die Risikostratifizierung. „Die Therapieplanung muss künftig personalisierter werden. Wir brauchen individuelle Ansätze, um fundiert entscheiden zu können, welchen Herzinfarkt-Patient:innen ein ICD wirklich nützt“, sagt Dr. Alireza Sepehri Shamloo, Co-Erstautor der Subanalyse und Forscher an der DHZC-Klinik für Kardiologie Mitte.

Toshinori Chiba, Co-Erstautor und Forscher am DHZC, ergänzt: „Das Kriterium der linksventrikulären Ejektionsfraktion zur Beurteilung der Pumpfunktion allein reicht nicht aus, um das individuelle Risiko für den plötzlichen Herztod verlässlich bestimmen zu können. Zur Beurteilung müssen viele weitere Faktoren mit berücksichtigt werden.“

Der DHZC-Wissenschaftler hat die Ergebnisse der PROFID-Subanalyse am 28. August beim Jahreskongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie, dem ESC Congress in München, im Rahmen der Young Investigator Award Session als einer von vier Finalist:innen vorgestellt. Unter den zahlreichen eingereichten Abstracts für die Young Investigator Award Sessions gehörte sein Beitrag zur Gesamtsterblichkeit bei Patient:innen nach einem Herzinfarkt mit und ohne ICD-Therapie zu den vier besten Arbeiten im Bereich der Rhythmusstörungen.

Mehr Informationen zum europäischen Forschungsprojekt PROFID („Implementation of personalised risk prediction and prevention of sudden cardiac death after myocardial infarction“) gibt es unter: https://profid-project.eu/

Originalpublikation:
Mortality reduction with implanted defibrillator for primary prevention of sudden death after myocardial infarction: temporal trends in the PROFID study.
European Heart Journal, 2026, ehag706
DOI: https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehag706

Takotsubo-Syndrom

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Forschende der Universität Zürich haben einen neuen Biomarker-Score entwickelt, der das Takotsubo-Syndrom («Broken-Heart-Syndrom») bereits vor einer invasiven Herzkatheteruntersuchung mit hoher Genauigkeit erkennen kann. Das neue Instrument könnte die Diagnose in der Notfallmedizin vereinfachen und liefert zugleich neue Hinweise zu den biologischen Mechanismen dieser häufig verkannten Herzerkrankung.

Das Takotsubo-Syndrom ist eine akute Herzerkrankung, die vor allem Frauen nach den Wechseljahren betrifft und häufig durch starken emotionalen oder körperlichen Stress ausgelöst wird. Obwohl sie rund zwei Prozent aller Patientinnen und Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt betrifft – bei Frauen mit akutem Koronarsyndrom sogar bis zu jede Zehnte – ist die Erkrankung bis heute nur schwer von einem Herzinfarkt zu unterscheiden.

Die Betroffenen entwickeln plötzlich Brustschmerzen, Veränderungen im Elektrokardiogramm und erhöhte Herzenzyme – Symptome, die einem Herzinfarkt nahezu gleichen. Anders als beim Herzinfarkt sind die Herzkranzgefässe jedoch nicht verschlossen. Da sich beide Erkrankungen bei der Erstbeurteilung kaum unterscheiden lassen, müssen die meisten Patientinnen und Patienten zunächst mittels invasiver Herkatheteruntersuchung abgeklärt werden.

Ein internationales Forschungsteam unter enger Zusammenarbeit von Forscheden der Universitäten Zürich und Greifswald hat nun einen einfachen diagnostischen Score entwickelt und validiert, der das Takotsubo-Syndrom bereits vor einer Herkatheteruntersuchung erkennen kann.

Hohe Genauigkeit
Der neue BioTAK-Score berücksichtigt neben dem Geschlecht verschiedene Biomarker im Blut, die unterschiedliche Vorgänge im Herz-Kreislauf-System abbilden. Mithilfe künstlicher Intelligenz identifizierten die Forschenden die aussagekräftigste Kombination dieser Marker und entwickelten daraus eine diagnostische Entscheidungshilfe. In einer unabhängigen Validierung mit knapp 1'800 weiteren Patientinnen und Patienten konnte BioTAK das Takotsubo-Syndrom mit hoher Genauigkeit erkennen. Vordefinierte Grenzwerte ermöglichten bereits vor der Herzkatheteruntersuchung eine korrekte Einordnung von nahezu 90 Prozent der untersuchten Personen.

«Unsere Studie zeigt, dass eine einfache Kombination aus Blutbiomarkern und dem Geschlecht die Patientinnen und Patienten bereits vor einer Herzkatheteruntersuchung mit bemerkenswerter Genauigkeit identifizieren kann», sagt Co-Erstautor der Studie, Florian A. Wenzl vom Center for Molecular Cardiology der Universität Zürich und Radcliffe Department of Medicine der University of Oxford. «Gleichzeitig liefern die Biomarker Hinweise auf die biologischen Prozesse, die das Takotsubo-Syndrom vom klassischen Herzinfarkt unterscheiden», fügt der zweite Co-Erstautor Victor Schweiger vom Universitätspital Zürich hinzu.

Neue Hinweise auf Krankheitsmechanismen
Die Studie liefert auch neue Hinweise auf die Krankheitsmechnismen des Takotsubo-Syndroms. Der BioTAK-Score beinhaltet zwei neuartige Einweissstoffe, die auf die zentrale Rolle der sogenannte Gehirn-Herz-Achse sowie auf eine Atherosklerose-unabhängige Krankheitsentstehnung hindeuten. Das eine Eiweiss ist an der Aktivierung zahlreicher Neuropeptide beteiligt ist, welche Stressreaktionen, Angst, den Gefässtonus und die Aktivität des vegetativen Nervensystems regulieren, das andere steht mit der Stabilität atherosklerotischer Plaques in Zusammenhang. So ergibt sich ein biologisches Muster, das sich grundlegend von jenem eines klassischen Herzinfarkts unterscheidet. «Indem der BioTAK-Score Signalwege von Stressreaktionen, Herzmuskelfunktionsstörungen und Plaquestabilität erfasst, übersetzt er komplexe Krankheitsmechanismen in ein praxistaugliches diagnostisches Instrument», erklärt Co-Letztautor Thomas Lüscher vom National Heart and Lung Institute des Imperial College London.

Potenzial für die klinische Praxis
Die Forschenden sehen im BioTAK-Score eine wertvolle Ergänzung der frühen Notfallabklärung von Patientinnen und Patienten mit Verdacht auf ein akutes Koronarsyndrom. «Der BioTAK-Score ersetzt keine Herzkatheteruntersuchung, wenn diese medizinisch erforderlich ist. Er könnte jedoch helfen, diagnostische Abläufe gezielter zu steuern und bei ausgewählten Patientinnen und Patienten unnötige invasive Untersuchungen zu vermeiden», so der zweite Co-Letztautor Christian Templin, Direktor der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin B der Universitätsmedizin Greifswald und Gründer des InterTAK Registry. «Unser Ziel ist es, Patientinnen und Patienten mit Takotsubo-Syndrom künftig früher und zuverlässiger zu identifizieren und gleichzeitig die zugrunde liegenden Krankheitsmechanismen besser zu verstehen.»

Zukünftige Studien sollen nun zeigen, ob die Integration des BioTAK-Scores in die klinische Routine die Diagnostik und Behandlung der Patientinnen und Patienten weiter verbessern kann.

Literatur
Florian A. Wenzl, Victor Schweiger, Maria A. Smolle, Daniel Zech, Alexander Akhmedov, Peizhi Wang, et al. Takotsubo syndrome diagnosis: the biomarker-based BioTAK score. European Heart Journal 2026. DOI: https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehag597

Zusammenspiel Internationaler Forschungsinfrastrukturen
Die Studie basiert auf zeitlich und örtlich überlappender prospektiver Patient:innnenkohorten, aus der Schweiz, dem SPUM-ACS Register und dem International Takotsubo (InterTAK) Registry. Das InterTAK Registry wurde 2010 initiiert und gehört zu den weltweit grössten internationalen Forschungsinfrastrukturen zum Takotsubo-Syndrom. Für die im European Heart Journal publizierte Studie wurden Daten von mehr als 3'600 Patientinnen und Patienten mit akutem Koronarsyndrom oder Takotsubo-Syndrom ausgewertet.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT

Nathalie Huber


Dr. Florian A. Wenzl, MD PhD FESC
Center for Molecular Cardiology
Universität Zürich
florian.wenzl@uzh.ch
‪+41 76 749 42 50‬

Prof. Thomas F. Lüscher, MD FESC
Royal Brompton and Harefield Hospitals
Guy's and St Thomas' NHS Foundation Trust
thomas.luescher@zhh.ch
‪+44 7502 008 487‬

Originalpublikation:
Florian A. Wenzl, Victor Schweiger, Maria A. Smolle, Daniel Zech, Alexander Akhmedov, Peizhi Wang, et al. Takotsubo syndrome diagnosis: the biomarker-based BioTAK score. European Heart Journal 2026. DOI: https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehag597

Trichterbrust Therapie

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Deutlich geringeres Schmerzempfinden nach dem Eingriff beschleunigt Genesungsprozess und verbessert Behandlungsqualität nachhaltig

Bei einer minimal-invasiven Trichterbrust-Korrektur wird am Universitätsklinikum Leipzig (UKL) seit einem Jahr routinemäßig eine Kryoablation der Interkostalnerven durchgeführt. Durch extreme Kältebehandlung werden dabei die zwischen den Rippen verlaufenden Schmerzfasern gezielt und kontrolliert temporär unterbrochen, bis sich die Nerven vollständig regeneriert haben. Die klinische Erfahrung nach einem Jahr zeigt, dass die Patient:innen durch die Anwendung dieses speziellen Verfahrens nach der Operation deutlich geringere Schmerzen empfinden, dadurch weniger schmerzreduzierende Medikamente benötigen und sich außerdem die Dauer ihres stationären Aufenthalts signifikant verkürzt. Das UKL gehört deutschlandweit zu den wenigen Kliniken, bei denen dieses innovative Verfahren standardmäßig zum Einsatz kommt.

Bei der Trichterbrust handelt es sich um eine angeborene Fehlbildung der vorderen Brustwand, bei der das Brustbein und die angrenzenden Rippen nach innen in den Brustraum einsinken. Neben den negativen psychischen Folgen, die eine solche Deformation bei den Betroffenen auslösen kann, besteht die Gefahr, dass bei einer starken Vertiefung Druck auf Herz oder Lunge entsteht. Dies führt in manchen Fällen zu schneller Ermüdbarkeit, Luftnot bei Belastung, Herzrasen oder anderen Beschwerden.

Bei starken körperlichen Einschränkungen oder hohem Leidensdruck kommt deshalb eine operative Korrektur infrage. Diese erfolgt am UKL in Form eines minimal-invasiven Eingriffs nach der modifizierten Nuss-Methode (MIRPE – Minimally Invasive Repair of Pectus Excavatum). Bei dieser Methode, die der US-amerikanische Kinderchirurg Dr. Donald Nuss erstmals im Jahr 1987 vorgenommen hat, werden ein oder mehrere passgenaue Metallbügel durch seitliche kleine Schnitte unter das Brustbein geschoben. Auf diese Weise wird der Brustkorb von innen angehoben und die normale Form stabilisiert.

Sehr gute Schmerzreduktion direkt nach dem Eingriff

„Dieser Eingriff gilt heute als das modernste und am häufigsten genutzte Standardverfahren, um eine eingedrückte Brustwand ohne großen Schnitt zu beheben“, erläutert Dr. Oliver Deffaa, Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Kinderchirurgie am UKL. „Nach der Operation treten jedoch üblicherweise relevante Schmerzen auf. Seit Einführung der Kryoablation beobachten wir bei unseren Patientinnen und Patienten eine sehr gute Schmerzreduktion nach dem Eingriff. Viele benötigen deutlich weniger schmerzstillende Medikamente und können früher mobilisiert und entlassen werden“, erklärt Dr. Deffaa.

Bei der Kryoablation der Interkostalnerven wird eine spezielle Sonde mit extrem tiefen Temperaturen von annähernd minus 80 Grad gezielt und kontrolliert an die Zwischenrippennerven geführt, wodurch die Schmerzleitung des Nervs vorübergehend unterbrochen wird, während gleichzeitig seine Schutzhülle unversehrt bleibt. Dadurch wird die Schmerzweiterleitung aus dem Operationsgebiet für mehrere Wochen bis Monate reduziert, bis sich die Nerven vollständig regeneriert haben. Dieses Verfahren ermöglicht eine deutlich effektivere frühe Schmerzkontrolle in den Wochen nach der Operation.

„Wir gehören deutschlandweit zu den wenigen Kliniken, die dieses innovative Verfahren im Rahmen der Trichterbrust-Korrektur routinemäßig einsetzen“, hebt Prof. Martin Lacher, Leiter der Kinderchirurgie am Universitätsklinikum Leipzig, hervor. „Die bisherigen Ergebnisse bestätigen unseren Weg, moderne schmerztherapeutische Konzepte konsequent in die klinische Versorgung zu integrieren.

Patient berichtet: Positive Erwartungen wurden erfüllt

Zu den Patient:innen, bei denen am UKL eine MIPRE-Operation der Trichterbrust mit Kryoablation erfolgreich durchgeführt wurde, gehört Tom Wilke. Der heute 20-Jährige klagte im Alter von 18 Jahren zunehmend über Atemprobleme. Mit der Diagnose Trichterbrust stand die weitere sportliche Karriere des Nachwuchsfußballers aus Magdeburg plötzlich auf der Kippe. „Durch Recherche im Internet sind wir auf die Kinderchirurgie am Universitätsklinikum Leipzig gestoßen und waren von Dr. Deffaa und seinem Team sofort überzeugt“, sagt Toms Vater Thomas Wilke. „Einfühlsam, kompetent und bis ins Detail wurde uns erklärt, wie der Eingriff ablaufen soll und vor allem welche Methode zur Schmerzlinderung nach der Operation vorgesehen ist“, so der 56-Jährige, der selbst im Gesundheitswesen tätig ist. „Damals wurde uns eine deutlich verkürzte Genesung in Aussicht gestellt. Rückblickend können wir sagen, dass alles genauso positiv verlaufen ist wie wir gehofft hatten.“ Dank des Einsatzes der Kryoablation konnte Tom bereits kurz nach der Operation das Bett verlassen und war schon nach wenigen Tagen so gut wie schmerzfrei.
„Besonders schätze ich, dass ich sehr zügig in Abstimmung mit meiner Hausärztin die Schmerzmittel mit ihren möglichen unerwünschten Nebenwirkungen nach und nach absetzen konnte“, sagt Tom Wilke, der zurzeit mit Atemübungen und ersten leichten Belastungseinheiten wieder zur gewohnten körperlichen Leistungsfähigkeit zurückkehren möchte. „Dank der sehr guten Behandlung und umfassenden Betreuung im Universitätsklinikum Leipzig bin ich sehr optimistisch, dass Tom das gelingen wird“, sagt sein Vater. Zumal sein Sohn seit der Operation auch deutlich offener und selbstbewusster auftritt. „Die Operation hat ihn also nicht nur von einem körperlichen Leiden befreit, sondern ihm ein ganz neues, positives Lebensgefühl gegeben.“

Ergebnis erfolgreicher interdisziplinärer Zusammenarbeit

Der erfolgreiche Einsatz der Kryoablation bei der MIPRE-Operation der Trichterbrust ist auch das Ergebnis der intensiven Zusammenarbeit der Kinderchirurgie mit der Thoraxchirurgie am UKL, vertreten durch den Geschäftsführenden Oberarzt PD Dr. Sebastian Krämer, sowie den Kolleg:innen der Anästhesie, vertreten durch Prof. Tobias Piegeler. Ziel dieser interdisziplinären Kooperation ist es, die Expertise im Bereich der Trichterbrust-Korrektur zu bündeln, kontinuierlich weiterzuentwickeln und sämtliche Abläufe rund um die operative Versorgung – von der präoperativen Planung über die Schmerztherapie bis zur Nachsorge – fortlaufend zu optimieren.
Das Universitätsklinikum Leipzig unterstreicht damit seinen Anspruch, innovative Verfahren frühzeitig in die klinische Routine zu integrieren und die Behandlung von Patient:innen mit Thoraxwanddeformitäten stetig zu verbessern.

„Faster, harder, louder“ Metalfans

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Getreu dem Motto „Faster, harder, louder“ feiern beim Wacken Open Air jedes Jahr an die 80.000 Metalfans ihre Musik und Bands. Ob und wie sich das Festivalerlebnis und das Livehören von Heavy Metal auf die Schmerztoleranz des Publikums auswirken, haben Lydia Schneider und Tom Fritz vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig in einer Feldstudie direkt vor Ort untersucht und ihre Ergebnisse jetzt im Journal Scientific Reports veröffentlicht.

„Bisher wussten wir, dass unterdrückter Ärger den größten Effekt auf die Intensivierung von Schmerzerleben bei Patienten mit chronischen Schmerzen hat. Deshalb wollten wir untersuchen, ob sich das Schmerzerleben verändert – gerade bei einer Musikform wie Heavy Metal, bei der ziemliche viele unangenehme Gefühle ausgedrückt werden, insbesondere auch Ärger.“, beschreibt Lydia Schneider, Erstautorin der Studie, ihre Motivation, 2023 zum Wacken Open Air zu fahren und direkt vor Ort Metalfans zu untersuchen. 122 von ihnen machten bei dem Experiment der Doktorandin vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften mit, das darin bestand, zu erfassen, wie lange sie Hand und Unterarm in einer Apparatur mit eiskaltem Wasser halten können, nachdem mit EKG Herzfrequenz und Herzratenvariabilität gemessen wurden. „Der Andrang, an dem Experiment teilzunehmen, war groß und wir haben gemerkt, dass Wissenschaft einen hohen Stellenwert in der Szene einnimmt.“, sagt Lydia Schneider. Am deutlichsten sieht man die Zusammenhänge, wenn nur Teilnehmer betrachtet werden, die über den Testtag verteilt gar nicht, wenig oder moderat Alkohol getrunken haben, da Alkohol die Schmerztoleranz unvorhersehbar beeinflussen kann.

„Als erstes haben wir die Vergleichsgruppe messen können aus derselben Kohorte an Metal Heads, die ja schon vor Beginn der Live-Konzerte vor Ort sind und mit Freunden die Zelte aufschlagen. Das intensive Musikerlebnis über mehrere Tage am Stück beim Metalfestival hat sich dann nicht negativ darauf auswirkt, wie die Studienteilnehmenden Schmerz erlebt haben. Im Gegenteil – die Festivalbesucher konnten den Kälteschmerz dann sogar länger aushalten als die Vergleichsgruppe.“, beschreibt Lydia Schneider die erstaunlichen Ergebnisse der Studie.

„Die Teilnehmenden empfanden die Schmerzen während des Festivals nicht als weniger unangenehm oder waren weniger empfindlich bei deren Wahrnehmung, sondern sie konnten sie über einen längeren Zeitraum ertragen. Dies scheint darauf hinzudeuten, dass sie widerstandsfähiger wurden, was bedeutet, dass sie die unangenehmen Empfindungen im Zusammenhang mit dem Schmerzerlebnis möglicherweise in größerem Maße akzeptiert und sich auf die Faktoren konzentriert haben, die sie selbst beeinflussen können – wie zum Beispiel die Zeit, bis sie tatsächlich auf ihre unangenehmen Empfindungen reagierten, indem sie ihre Hand und ihren Unterarm aus dem eiskalten Wasser nahmen.“

Tom Fritz, der die Studie gemeinsam mit ihr beim Wacken Festival durchgeführt hat und die Gruppe „Musikevozierte Hirnplastizität“ am MPI CBS leitet, erklärt: „Das ist für die Gruppe chronischer Schmerzpatienten durchaus relevant, denn im klinischen Kontext wird Musik ja häufig dafür genutzt, positive Gefühle auszulösen, Entspannung auszulösen – wenn es aber darum geht, auch mal seinen Ärger auszuleben, will man ja nicht unbedingt Entspannungsmusik hören. Akzeptanz unangenehmer emotionaler Zustände oder schwieriger Situationen spielt eine zentrale Rolle für die Resilienz und die Schmerztoleranz, und wütende Musik hören kann daher vorteilhaft sein anstatt unangenehme Emotionen mit positiven Emotionen zu überdecken. Metalmusik oder wütende Musik insgesamt könnte so vermutlich bei Patienten mit viel Ärgererleben durch Schmerzen auch präventiv dazu beitragen die Entwicklung chronischer Schmerzen zu verhindern.“

MaAB - Medizin am Abend Fortbildungen VOR ORT
Prof. Tom Fritz
Gruppenleiter
fritz@cbs.mpg.de
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig

Lydia Schneider
Doktorandin
lschneider@cbs.mpg.de
Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig

Originalpublikation:
Lydia Schneider, Thomas H. Fritz
"Increased pain resilience among heavy metal music festival attendees"
Scientific Reports
https://www.nature.com/articles/s41598-026-67389-x
Weitere Informationen finden Sie unter
https://www.cbs.mpg.de/2510042/2026-08-24

Die Lungenentzündung


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Marburger Forschende entdecken Frühwarnsignal im Blut: Niedrige Eosinophilenzahl bei der Krankenhausaufnahme geht mit höherem Risiko für Intensivbehandlung einher

Eine Lungenentzündung zählt trotz guter Behandlungsmöglichkeiten weiterhin zu den häufigsten infektionsbedingten Todesursachen. Marburger Forschende haben nun einen Weg gefunden, früher vorherzusagen, welche Patient*innen ein höheres Risiko für eine Behandlung auf der Intensivstation haben oder länger im Krankenhaus bleiben werden. Das Forschungsteam um Dr. Barbara Weckler und Prof. Dr. Bernd Schmeck vom Institut für Lungenforschung der Philipps-Universität hat einen bereits routinemäßig bestimmten Blutwert identifiziert, der dabei helfen könnte. Ihr Studienergebnisse veröffentlichen die Forschenden in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins CHEST (DOI: https://doi.org/10.1016/j.chest.2026.03.018), einer der international führenden Fachzeitschriften für Lungenerkrankungen.

Im Fokus stehen die sogenannten Eosinophilen. Das ist eine spezialisierte „Eingreiftruppe“ unserer Immunabwehr, die im Blut zirkuliert. Die Marburger Studie zeigt: Die Zahl dieser Zellen ist ein entscheidender Wegweiser für den Krankheitsverlauf.

Große Netzwerk Studie zur Lungenentzündung mit fast 3.000 Patient*innen

Die Mediziner*innen vom Institut für Lungenforschung der Philipps-Universität Marburg untersuchten gemeinsam mit weiteren Teams der Universitätsmedizin Marburg sowie des Deutschen Zentrums für Lungenforschung die Bedeutung der Eosinophilenzahl im Blut von Patient*innen mit einer außerhalb des Krankenhauses erworbenen Lungenentzündung. Für die Studie werteten die Forschenden die Daten von 2.880 erwachsenen Patient*innen im Altern von 56 bis 78 Jahren aus, die im Rahmen des CAPNETZ-Netzwerks in deutschen Universitätskliniken behandelt wurden. Für die Analyse des Zusammenhangs zwischen Eosinophilenzahl und Behandlungsbedarf standen vollständige Datensätze von 1.673 Patient*innen zur Verfügung. Mithilfe statistischer Modelle untersuchten die Forschenden den Zusammenhang zwischen der Eosinophilenzahl bei Krankenhausaufnahme und dem Bedarf an intensivmedizinischer Behandlung, künstlicher Beatmung sowie der Dauer des Krankenhausaufenthalts.

Klarer Zusammenhang mit Behandlungsbedarf

Die Auswertung ergab: Patient*innen mit höchstens zehn Eosinophilen pro Mikroliter Blut mussten deutlich häufiger auf einer Intensivstation behandelt werden als Patient*innen mit höheren Werten (14,2 gegenüber 8,5 Prozent). Sie benötigten zudem öfter eine künstliche Beatmung und blieben im Durchschnitt länger im Krankenhaus (10,2 gegenüber 9,0 Tagen).

Die Lösung schlummert in den Daten – keine Zusatzdiagnostik nötig

Der große Vorteil dieser Entdeckung: Es ist keine zusätzliche Untersuchung nötig. „Da dieser Wert bei jedem Patienten, der mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus kommt, im Rahmen des Standard-Blutbildes sowieso gemessen wird, liegt die Information bereits vor“, erklärt Dr. Barbara Weckler. Für die Betroffenen bedeutet das: Keine zusätzliche Nadel und kein Warten auf Speziallabore.

Was bedeuten die Studienergebnisse für die Patientenversorgung?

„Die Eosinophilenzahl im Blut kann ohne zusätzlichen Aufwand helfen, bereits bei der Aufnahme abzuschätzen, welche Patient*innen voraussichtlich einen höheren Behandlungsbedarf im Krankenhaus haben.“, sagt Dr. Barbara Weckler. „Nun könnten Überwachung und Therapie von Patient*innen sowie der Einsatz von Krankenhausressourcen frühzeitig gezielter geplant werden.“

Nach Ansicht der Forschenden könnte die Eosinophilenzahl bestehende klinische Bewertungssysteme sinnvoll ergänzen. Weitere Studien sollen nun prüfen, wie sich der Marker in klinische Entscheidungsprozesse integrieren lässt und welche biologischen Mechanismen zusammenhängt.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT


Dr. Barbara Weckler
Leiterin der Hochschulambulanz für Atemwegsinfektionen
Klinik für Pneumologie, Intensiv- und Schlafmedizin - Sektion für
Atemwegsinfektionen
Institut für Lungenforschung
Philipps-Universität Marburg
E-Mail: barbara.weckler@uni-marburg.de

Originalpublikation:
Barbara Weckler, Bernd Schmeck et al, CHEST (2026) https://doi.org/10.1016/j.chest.2026.03.018
Weitere Informationen finden Sie unter
CAPNETZ zur Untersuchung ambulant erworbener 

Diabetes mellitus, chronische Nieren- und Gefäßerkrankungen

Forschende der Medizinischen Fakultäten Heidelberg und Mannheim sowie des Centre for Organismal Studies (COS) der Universität Heidelberg nehmen in einem nun gestarteten Forschungsprojekt sogenannte Dipeptide unter die Lupe. 

Einige dieser körpereigenen Eiweißbausteine fangen giftige Stoffwechselprodukte ab – und könnten damit insbesondere bei Diabetes mellitus vor Gefäß- und Nierenschäden schützen. Ziel des Forschungsverbunds ist es zu klären, welche Dipeptide eine besondere Schutzwirkung entfalten und wie sie zukünftig für die Therapie von Gefäß- und Nierenerkrankungen genutzt werden können. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Projekt über drei Jahre mit rund ‪600.000‬ Euro.


Reaktive Stoffwechselprodukte können – wenn sie wie bei der Zuckererkrankung Diabetes mellitus im Übermaß auftreten – schwere Schäden an Blutgefäßen, Nerven und den feinen Strukturen der Nieren verursachen. Ein Forschungsverbund der Medizinischen Fakultäten Heidelberg und Mannheim sowie der Metabolomics Core Technology Plattform (MCTP) als Teil des Centre for Organismal Studies (COS) der Universität Heidelberg wird in den kommenden drei Jahren körpereigene Schutzmechanismen untersuchen. Im Fokus des Projekts „Therapeutisches Potential von Dipeptiden bei diabetischer Vaskulopathie und Nephropathie (PoDiVaN)“ stehen kleine Eiweißbestandteile, die den schädlichen Stoffwechselprodukten entgegenwirken. Die Forschenden möchten mithilfe eines breiten Methodenspektrums herausfinden, wie genau diese Mechanismen funktionieren, welche der zahlreichen Dipeptide am wirksamsten schützen und ob sich daraus zukünftige Therapie- und Präventionsansätze ableiten lassen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Vorhaben mit rund ‪600.000‬ Euro.

Verschiedene Volkskrankheiten haben eine gemeinsame Ursache

Diabetes mellitus, chronische Nieren- und Gefäßerkrankungen zählen aufgrund ihrer großen und weiter zunehmenden Häufigkeit zu den sogenannten Volkskrankheiten. Obwohl es sich um unterschiedliche Erkrankungen handelt, gibt es ein verbindendes Element in den molekularen Ursachen: sogenannte reaktive Stoffwechselprodukte. Diese entstehen vermehrt bei hohem Blutzucker oder ungünstiger Ernährung und schädigen Zellen und Gewebe. So binden bestimmte Zuckerabbauprodukte an Eiweiße im Körper und behindern sie dadurch in ihrer Funktion.

Hier kommen Dipeptide ins Spiel. Sie bestehen jeweils aus zwei Aminosäuren, den Grundbausteinen von Eiweißen. Vorarbeiten der Projektteams – zum Beispiel im Rahmen des Sonderforschungsbereichs „Reaktive Metabolite als Ursache diabetischer Folgeschäden“ (SFB 1118) und eines ExploreTech Grant der Health + Life Science Alliance Heidelberg Mannheim – zeigten bei mehreren Dipeptiden starke biologische Effekte: „Wir haben nachgewiesen, dass sich die Konzentrationen bestimmter Dipeptide bei diabetischen Erkrankungen verändern und dass einige von ihnen Hinweise auf den weiteren Verlauf einer diabetischen Nierenschädigung geben könnten. Vor allem aber können bestimmte Dipeptide in pharmakologischen Dosen vor der schädlichen Wirkung reaktiver Stoffwechselprodukte schützen“, sagt Professorin Dr. Verena Peters, die das Projekt gemeinsam mit Professor Dr. Claus Schmitt am Zentrum für Kinder und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Heidelberg (UKHD) leitet. „Daran können wir dank der Förderung nun anknüpfen.“

Schutz vor „Verzuckerung“ von Eiweißen

„Diabetische Folgeerkrankungen verlaufen bei den Betroffenen jeweils sehr unterschiedlich, die Gründe dafür sind noch wenig verstanden“, so Professor Schmitt. „Bei Mäusen mit diabetischer Nierenerkrankung haben wir Dipeptid-Muster identifiziert, die mit einer schnelleren Verschlechterung des Zustands einhergehen. Den genauen Zusammenhang versuchen wir nun aufzuklären – und wie wir die Schutzwirkung bestimmter Dipeptide therapeutisch nutzen können.“ Denn einige dieser Moleküle verhindern, dass Zuckerabbauprodukte an Eiweiße binden, und könnten so empfindliche Strukturen wie Blutgefäße, Nerven und Nieren, die bei Diabetikerinnen und Diabetikern häufig in Mitleidenschaft gezogen werden, vor langfristigen Schäden bewahren.

Das nun geförderte PoDiVaN-Projekt verbindet Grundlagen- und klinische Forschung. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen die Wirkung von Dipeptiden sowohl in Zellkulturen als auch in Modellorganismen wie Maus und Zebrafisch. Darüber hinaus analysieren sie gut charakterisierte Proben von Patientinnen und Patienten mit Diabetes aus dem Patientenregister der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie, Stoffwechselkrankheiten und Klinische Chemie des UKHD (Ärztliche Direktorin: Professorin Dr. Julia Szendrödi). Unter Leitung von Dr. Gernot Poschet, Geschäftsführer der MCTP als Teil der CellNetworks Core Technology Platform (CCTP) – der Dachstruktur der lebenswissenschaftlichen Core Facilities der Universität Heidelberg –, kommt dabei hochmoderne massenspektrometrische Analytik zum Einsatz, mit der erstmals mehrere Hundert verschiedene Dipeptide aus den Proben gleichzeitig erfasst werden können.

So können Dipeptid‑Muster identifiziert werden, die mit Schutz beziehungsweise Fortschreiten von Nieren- und Gefäßerkrankungen zusammenhängen. Wenn die biologische Funktion der schützenden Dipeptide an menschlichen Nieren- und Gefäßzellen verstanden ist, werden Therapiestrategien entwickelt und diese in experimentellen Interventionsstudien mit diabetischen Mäusen und ­– im Labor von Professor Dr. Jens Kroll, Abteilung Vaskuläre Biologie und Tumorangiogenese der Medizinischen Fakultät Mannheim – an Zebrafischen untersucht werden. Langfristig sollen neue, krankheitsübergreifende Therapien entstehen, die Schäden durch reaktive Stoffwechselprodukte abmildern oder stoppen.

„Dipeptide wurden bislang kaum beachtet – dabei könnten sie eine wichtige Rolle dabei spielen, schädliche Stoffwechselprozesse zu bremsen und natürliche Schutzmechanismen zu stärken“, sagt Professor Schmitt, kommissarischer Ärztlicher Direktor der Klinik für Allgemeinpädiatrie, pädiatrische Nephrologie, Gastroenterologie, Rheumatologie und Organtransplantation des UKHD.

MaAB - Medizin am Abend Berlin Fortbildungen VOR ORT 

Professor Dr. Claus P. Schmitt
Medizinische Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg
Kommissarischer Ärztlicher Direktor, Klinik für Allgemeinpädiatrie, pädiatrische Nephrologie, Gastroenterologie, Rheumatologie und Organtransplantation, Universitätsklinikum Heidelberg
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Ceuta - der Massenansturm

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Der Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR) sieht in dem Massenansturm wie zuletzt in Ceuta eine Ausnahmesituation, die zu diesem Zeitpunkt niemand vorhergesehen hat und die sich nicht wiederholen sollte. Am 30. Juli waren rund 60.000 Menschen aus Marokko in der spanischen Exklave Ceuta angekommen, überwiegend schwimmend. Laut Angaben spanischer Behörden sind dabei mehr als 70 Personen gestorben. Ein Großteil der Menschen ist inzwischen nach Marokko zurückgekehrt. Was bedeutet das Geschehen für die europäische Migrationspolitik und worauf muss geachtet werden? Der SVR gibt eine kurze Einordnung.

„Die Ankunft von Tausenden Menschen in Ceuta war eine Ausnahmesituation, die niemand vorhergesehen hat. Einseitige Schuldzuweisungen helfen hier nicht weiter. Es braucht nun eine sorgfältige Aufarbeitung der Hintergründe der Ereignisse. Es ist auch zu prüfen, ob die vorgesehenen neuen Kriseninstrumente umgesetzt und genutzt wurden“, sagt Prof. Winfried Kluth, der Vorsitzende des Sachverständigenrats für Integration und Migration. „Neben der Frage, was die Auslöser für den Massenansturm waren und wie die vielen Toten hätten verhindert werden können, ist auch zu klären, wie die EU in einer ähnlichen Situation künftig agieren sollte. „Trotz der unerwartet hohen Zahl an ankommenden Menschen haben die Behörden vor Ort die Situation vergleichsweise schnell in den Griff bekommen. Für die Akzeptanz der Flüchtlingsaufnahme sollten sich aber solche Szenen nicht zu oft wiederholen.“ Das erst im Juni in Kraft getretene reformierte GEAS – das Gemeinsame Europäische Asylsystem – halte ja durchaus Instrumente für Krisenlagen bereit. „Neben den Kriseninstrumenten in der regulären Verfahrensordnung gibt es jetzt auch eine neue Krisenverordnung, die zusätzliche Instrumente vorsieht. Dafür ist aber eine Aktivierung der Krisenverordnung erforderlich“, so Kluth. „Man muss aber auch überprüfen, ob im Rahmen der ebenfalls neu vorgesehenen Planungsmechanismen die Aufnahmekapazitäten an den neuralgischen Punkten der EU-Außengrenzen wie den Exklaven anzupassen sind.“ Dass inzwischen die meisten Personen, die nicht über den offiziellen Grenzübergang angekommen sind, die Exklave Ceuta bereits wieder verlassen haben, bedeute nicht, dass nicht mit einem neuen Ansturm gerechnet werden müsse.

„Es ist sehr wahrscheinlich, dass Bilder wie solche aus Ceuta auch in Zukunft politisch instrumentalisiert werden. Es gibt Mitgliedstaaten und auch gesellschaftliche Gruppen, die ein Interesse daran haben, ein Bedrohungsszenario aufrechtzuerhalten und Ängste zu schüren, um die Abwehrhaltung gegenüber Migrantinnen und Migranten weiter anzuheizen“, gibt Prof. Kluth zu Bedenken. „Dabei gerät aus dem Blick, dass die Zahlen von Asylsuchenden in Europa zuletzt stark gesunken sind. Es braucht daher ein stärker differenziertes und lösungsorientiertes Handeln. Die Wahrnehmung, sich in der Bewältigung von irregulärer Zuwanderung und Flucht nicht auf europäische Partner verlassen zu können, kann einen Teufelskreis auslösen, der den Trend zu Rechtsbrüchen und nationalen Alleingängen weiter befeuert. Das zeigt, wie leicht es auch künftig zu politisch gewollten Provokationen kommen kann. Darauf müssen Behörden und Politik besser vorbereitet sein und die selbst gesetzten Regeln und Mechanismen noch besser umsetzen und falls nötig weiterentwickeln.“

Rechtliche Einordnung:

Schutzsuchende durchlaufen nach einem Grenzübertritt gemäß den GEAS-Regeln erstmal ein Screening, in dem die Identität festgestellt und Sicherheits-, Gesundheits- und Vulnerabilitätsmerkmale geprüft werden, bevor dann nach Stellung eines Asylantrags ein Asylverfahren folgt. „All dies hat in Ceuta nicht stattgefunden, vor allem weil offenbar keine Anträge auf internationalen Schutz gestellt wurden und die größte Zahl der Migranten freiwillig zurück nach Marokko zurückgekehrt ist. In der Vergangenheit wurden nach einer gewaltsamen Überwindung der Grenzzäune aber viele Migranten ohne eine Einzelfallprüfung zurückgeführt. „Das war umstritten, weil gemäß des 4. Zusatzprotokolls der Europäischen Menschenrechtskonvention EMRK Kollektivausweisungen, also pauschale Abschiebungen ohne individuelle Prüfung möglicher Schutzgründe, verboten sind. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte EGMR hatte das Vorgehen der spanischen Grenzpolizei durch Urteil vom 13. Februar 2020 aber gebilligt. Demzufolge dürfen Personen, die ohne reguläre Grenzübergänge zu nutzen und in einer großen Gruppe die Grenze stürmen, sofort zurückgeschoben werden“, erklärt Kluth. Die neue Variante des Zugangs über das Meer sei zwar nicht damit identisch, verfolge aber die gleiche Logik. Gleichwohl müsse das weiter diskutiert und geklärt werden. Es stehen zudem Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zu den hybriden Bedrohungen an der Grenze zu Belarus aus, die für die weitere rechtliche Debatte wichtig sein werden.

Alternative Steuerungsperspektiven:

Um Menschen in Zukunft davon abzuhalten, den gefährlichen Weg über das Mittelmeer nach Europa zu nehmen und ihre Leben zu riskieren, können erweiterte legale Zuwanderungswege ein zentraler Bestandteil für eine geregelte Migrationspolitik sein, zumal Europa auf Zuwanderung schon aufgrund der demografischen Entwicklung und dem wachsenden Bedarf an Arbeitskräften angewiesen ist. In den bilateralen Migrationsabkommen der EU mit verschiedenen afrikanischen Staaten gibt es dafür auch schon Ansätze. Der SVR empfiehlt daher, legale Zuwanderungswege zu stärken und Integration aktiv zu gestalten. Hier könnte vorrangig die arbeitsmarktbezogene Zuwanderung bzw. die Arbeitsmarktintegration von bereits zugewanderten Personen – auch solchen mit Fluchthintergrund – ansetzen. Deutschland ist hinsichtlich der rechtlichen Öffnung seines Arbeitsmarkts für Arbeits- und Fachkräfte aus dem Ausland bereits weit vorangeschritten. Bestehende Vorhaben wie der Talent Pool können weiter vorangetrieben werden und Mitgliedstaaten sollten – mit Unterstützung der EU und in Partnerschaft mit Herkunftsländern – Migrationswege zum Zweck der Erwerbstätigkeit sowie der Aus- und Weiterbildung qualitativ und quantitativ weiter ausbauen.

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Über den Sachverständigenrat
Der Sachverständigenrat für Integration und Migration ist ein unabhängiges und interdisziplinär besetztes Gremium der wissenschaftlichen Politikberatung. Mit seinen Gutachten soll das Gremium zur Urteilsbildung bei allen integrations- und migrationspolitisch verantwortlichen Instanzen sowie der Öffentlichkeit beitragen. Dem SVR gehören neun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen und Forschungsrichtungen an: Prof. Dr. Winfried Kluth (Vorsitzender), Prof. Dr. Birgit Glorius (Stellvertretende Vorsitzende), Prof. Dr. Dr. Rauf Ceylan, Prof. Dr. Havva Engin, Prof. Dr. Marc Helbling, Prof. Dr. Irena Kogan, Prof. Sandra Lavenex, Ph. D., Prof. Dr. Annekatrin Niebuhr, Prof. Dr. Hannes Schammann.

Weitere Informationen unter: 

www.svr-migration.de