Medizin am Abend Berlin Fazit: Warnleuchte: Warum die Nutzung von Smartphone und Laptops am Abend für ADHS-Patienten riskant ist
Über die Funktion der Inneren Uhr und die Zusammenhänge von Licht
und seelischen Erkrankungen berichten zwei Beiträge in der soeben
erschienenen Ausgabe von „Forschung Frankfurt“ zum Jahr des Lichts.
Unsere biologische Uhr muss täglich neu gestellt werden,
um den inneren Rhythmus von ungefähr 24 Stunden mit dem Rhythmus der
Außenwelt zu synchronisieren. Licht spielt in diesem komplexen Prozess
eine besondere Rolle. Ist die Innere Uhr falsch getaktet, kann dies
gravierende Folgen haben:
- Schlaf- und Konzentrationsstörungen,
depressive Verstimmungen, aber auch Veränderungen des Immunsystems sowie
vermehrter Konsum von Genussmitteln.
Über die Funktion der Inneren Uhr
berichtet in der soeben erschienenen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins
der Goethe-Universität „Forschung Frankfurt“ der Neurobiologe Prof. Dr.
Horst-Werner Korf, während sich die Psychiater Prof. Andreas Reif und
Dr. Christine Reif-Leonhard in ihrem Beitrag
mit den Zusammenhängen
zwischen Licht und seelischen Erkrankungen beschäftigen.
-
Lichtreize, welche die Innere Uhr takten, werden in erster Linie von
circadianen Photorezeptoren wahrgenommen, die den Sehfarbstoff
Melanopsin enthalten und erst vor 20 Jahren entdeckt wurden.
- Während die
klassischen Photorezeptoren der Netzhaut, die Stäbchen und Zapfen,
uns die Orientierung im Raum ermöglichen, dienen die circadianen
Photorezeptoren der Orientierung in der Zeit.
Sie liegen in der Tiefe
der Netzhaut und vermitteln Informationen über die Umgebungshelligkeit
an die Hauptuhr im Gehirn, die in den „bilateral angeordneten
suprachiasmatischen Kernen“, kurz „SCN“, verortet ist.
Hier tickt ein
molekulares Uhrwerk:
„Im Zentrum steht ein Ensemble von Uhrengenen, die
in sogenannten transkriptional-translationalen Rückkopplungsschleifen
interagieren. Ihre Proteinprodukte sind hemmende oder aktivierende
Transkriptionsfaktoren, die Gene an- oder abschalten“, erläutert Korf,
Direktor der Dr. Senckenbergischen Anatomie und des Chronomedizinschen
Instituts. Inzwischen
konnten mehr als 3000 Gene identifiziert werden,
die unter Kontrolle dieses Uhrwerks stehen.
Besonders sensibel reagieren die circadianen Photorezeptoren übrigens
auf das Licht im blauen Bereich des sichtbaren Spektrums.
- „Deshalb
können Menschen, die spät am Abend vor Smartphone, Tablet oder Laptop
sitzen, häufig schlecht schlafen“, ergänzt der Neurobiologe.
- Besonders
nachteilige Folgen zeigt der Gebrauch dieser Geräte am Abend bei
Menschen, die unter dem Aufmerksamkeits-Defizit-/Hyperaktivitätssyndrom
(ADHS) leiden.
Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass diese Patienten
eine genetische Veranlagung zu einer leicht veränderten molekularen Uhr
haben. „Wird diese dann noch zusätzlich durch Beleuchtungsmuster – wie
das blaue Licht – desynchronisiert, führt dies über noch unbekannte
Mechanismen zur Erkrankung,“ so Andreas Reif, Ärztlicher Direktor der
Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des
Uni-Klinikums.
„Deshalb gilt: bei ADHS haben iPhone & Co nachts
Pause!“
Licht ist gut für die Seele, dies ist die gängige Auffassung; doch ganz
so einfach ist es nicht, wie schon das ADHS-Beispiel zeigt.
Saisonale
Stimmungsschwankungen werden häufig als „Winterdepression“ bezeichnet.
Zwar lässt sich ein eindeutiges Nord-Süd-Gefälle erkennen:
So leiden
fast 10 Prozent der in Alaska Lebenden an dieser Depression, in Florida
sind es dagegen nur 1,5 Prozent. Aber vielleicht hatten die Menschen,
die im Norden leben, deshalb eine höhere Anfälligkeit, weil ihr
genetisches Risiko für Stimmungserkrankungen in einer Region mit
geringerer Sonnenscheindauer eher zur Ausprägung kommen kann. So haben
der Dresdner Psychiater Prof. Michael Bauer und sein Team in diesem Jahr
herausgefunden, dass auch weniger Sonnenscheindauer am Geburtsort zu
einer
früheren Ersterkrankung bei bipolar affektiven Störungen (früher
„manisch-depressive Erkrankung“) führen kann. Weitere Untersuchungen, an
denen auch das Team von Prof. Reif beteiligt war, belegen die These,
dass es
einen Zusammenhang zwischen dem Ersterkrankungsalter bei
bipolaren Störungen und der regionalen Sonneneinstrahlung gibt.
Die aufhellende Wirkung des Lichts zeigt bei saisonaler Depression gute
Wirkung:
Als „therapeutisches Licht“ wird eine helle Lichtquelle (10.000
Lux) circa 30 Minuten bei offenen Augen angewendet. „Auch bei
nichtsaisonaler Depression zeigt die ‚Bright Light Therapy‘ eine gute
Wirkung. Allerdings gibt es hier noch zu wenige Studien“, sagt die
Psychiaterin und Neurologin Dr. Christine Reif-Leonhard. Unter
Frankfurter Leitung startet im nächsten Jahr ein internationales
Forschungskonsortium, um den therapeutischen Effekt von Licht bei ADHS
weiter zu untersuchen.
Informationen: Prof. Dr. Horst-Werner Korf, Dr. Senckenbergischen
Anatomie und Dr. Senckenbergisches Chronomedizinschen Institut,
Fachbereich Medizin, Tel. 069/6301 6040, Korf@em.uni-frankfurt.de; Prof.
Andreas Reif und Dr. Christine Reif-Leonhard, Klinik für Psychiatrie,
Psychotherapie und Psychosomatik, Universitätsklinikum, Campus
Niederrad, Tel. 069/6301-5222, andreas.reif@kgu.de,
christine.reif-leonhard@kgu.de
Die aktuelle Ausgabe von „Forschung Frankfurt“, die sich mit ganz
unterschiedlichen Facetten des Lichts beschäftigt, können Journalisten
kostenlos bestellen: ott@pvw.uni-frankfurt.de. Im Internet steht sie
unter: www.forschung-frankfurt.uni-frankfurt.de.
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