Medizin am Abend Berlin Fazit: TROPICAL-ACS: Verbesserte Therapieoptionen für Patienten mit akutem Koronarsyndrom
Daten einer großen Multicenter-Studie an der Medizinischen Klinik I
am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München von mehr als
2.600 Patienten mit akutem Koronarsyndrom (ACS) und Stentimplantation
bestätigen statistisch signifikant die Gleichwertigkeit einer frühen,
kontrollierten Umstellung der Therapie von Prasugrel (Efient) zu Clopidogrel (Plavix).
Prof. Dr. med. Dirk Sibbing, MHBA, FESC Dirk Sibbing (privat)
-
Eine einwöchige Behandlung mit Prasugrel und die anschließende
kontrollierte Umstellung der Medikation auf Clopidogrel liefern
überzeugende Ergebnisse bei ACS Patienten im Sinne einer
Gleichwertigkeit bezüglich der Inzidenz des primären Endpunkts der
Studie (thrombotische Ereignisse und Blutungskomplikationen) im
Vergleich zur Langzeittherapie mittels hochpotenter Plättchenhemmung.
Eine Umstellung der Therapie wird in der klinischen Praxis bereits bei
bis zu 25 Prozent der Patienten praktiziert; bisher jedoch ohne sichere
Evidenz.
- Häufige Gründe zur frühen Umstellung der Therapie auf
Clopidogrel im klinischen Alltag sind Blutungen und klinisch relevante
Nebenwirkungen der potenten Plättchenhemmer Prasugrel (Efient) und Ticagrelor (Brilique).
Auch ökonomische Aspekte spielen hier eine große Rolle,
da nur
Clopidogrel kostengünstig und generisch verfügbar ist.
TROPICAL-ACS ist die erste Studie, die nun sichere Evidenz liefert für
ein alternatives Therapiekonzept einer frühen Umstellung der
Plättchenhemmung von einem potenten Plättchenhemmer (hier: Prasugrel)
auf Clopidogrel.
Dabei verfolgt die Studie ein individualisiertes
Therapiekonzept.
Neben einer Gleichwertigkeit im Gesamtkollektiv zeigte
sich sogar, dass relevante Untergruppen von Patienten
(Patienten mit
ST-Hebungsinfarkt, Patienten mit einem Alter <70) von einer
kontrollierten Umstellung und Individualisierung der Therapie
profitieren.
Da ausschließlich Clopidogrel (nicht jedoch Prasugrel oder
Ticagrelor) als kostengünstiges Generikum verfügbar ist, können die
Behandlungskosten durch das untersuchte Konzept deutlich gesenkt werden.
Ebenso zeigten sich unter der frühen Umstellung auf Clopidogrel weniger
Blutungskomplikationen, wobei der Unterschied zur Kontrollgruppe hier
nicht statistisch signifikant war.
Die Studienergebnisse wurden auf dem größten Kardiologenkongress, dem
ESC in Barcelona, mit großem Interesse von der Fachwelt diskutiert.
Simultan wurden die Ergebnisse in der renommierten Fachzeitschrift The
Lancet publiziert.
TROPICAL-ACS ist die bisher größte Studie, die ein individualisiertes
Therapiekonzept im Kollektiv der ACS Patienten untersucht hat. Das
Klinikum der Universität München erweitert mit dieser IIT-Studie die
Behandlungsoptionen für Patienten mit akutem Koronarsyndrom.
Studiendesign, Studienleitung und Projektmanagement liegen in der Hand
der Medizinischen Klinik I und dem Clinical Study Center am Klinikum der
Universität München (LMU). Insgesamt nahmen 33 Zentren in ganz Europa
teil, darunter auch elf Universitätsklinika in Deutschland.
Goldstandard bei der Behandlung von Patienten mit akutem Koronarsyndrom
(ACS) ist das Einbringen eines Stents und neben einer lebenslangen
Behandlung mit Aspirin die anschließende 12-monatige Gabe von potenten
Plättchenhemmern wie Prasugrel oder Ticagrelor.
Während potente
Plättchenhemmer in vorausgegangenen großen Phase III Studien
(TRITON-TIMI 38, PLATO) das Risiko für Re-Infarkte und Stentthrombosen
reduzieren konnten, kam es insbesondere unter der Langzeittherapie mit
diesen Medikamenten zu Blutungskomplikationen, die zum Teil auch
lebensbedrohlich (z.B. Hirnblutungen) sein können.
Ziel von TROPICAL-ACS
war es daher, den Zeitraum für die Gabe von Prasugrel auf eine kurze
Akutphase zu reduzieren, um anschließend die Patienten im Sinne einer
individualisierten Stufentherapie mit Clopidogrel weiter zu behandeln.
Um aber eine ausreichende Hemmung der Blutplättchen bei allen Patienten
zu gewährleisten, erfolgte eine Plättchenfunktionstestung zum Nachweis
der Wirkung von Clopidogrel im Rahmen der Studie.
Investigator Initiated Trials (IIT) oder auch nicht-kommerzielle
klinische Studien gelten als wichtige Maßnahmen der klinischen
Forschung, wenn es darum geht, Erkenntnisse zu neuen oder verbesserten
Behandlungsoptionen zu gewinnen. Auf dem Europäischen
Kardiologenkongress (ESC, 26. - 30. August 2017) in Barcelona stellte
Prof. Dr. Dirk Sibbing vom Klinikum der Universität München die
Ergebnisse der Studie TROPICAL-ACS (1) vor, in der es um Fragen zur
personalisierten Behandlung von Patienten mit koronarer Herzerkrankung
(KHK) und akutem Koronarsyndrom (ACS) ging.
"Durch die Ergebnisse der TROPICAL-ACS Studie können wir ein
alternatives Therapiekonzept für ACS Patienten etablieren,
welches vor
allem dann Anwendung finden kann, wenn potente Plättchenhemmer aus
klinischen aber auch aus ökonomischen Gründen nicht verschrieben werden
können", erklärt Prof. Sibbing, der auch Principal Investigator (PI)
war. Gemeinsam mit Prof. Dr. Julinda Mehilli (Co-PI) und Klinikdirektor
Prof. Dr. Steffen Massberg (Study Chair) – beide von der Medizinischen
Klinik I am Klinikum der Universität München – sowie weiteren Experten
aus Deutschland, Ungarn, Polen und Österreich, waren sie federführend
verantwortlich.
Mit den erzielten Ergebnissen der Studie ist es nun
möglich, die individuellen Gegebenheiten der Betroffenen bei der
Behandlung zu berücksichtigen,
um eine bestmögliche Risikoreduktion für
Blutungen und thrombotische Komplikationen gleichermaßen zu erreichen.
Es geht also um verbesserte Therapieoptionen und eine individualisierte
Therapie mit bereits zugelassenen Medikamenten.
Um herauszufinden, welche Patienten wie auf die Medikamente ansprechen,
wurde das individuelle Risiko für thrombotische Ereignisse mit Hilfe des
Multiplate Analyzer (2) von Roche Diagnostics ermittelt. Roche hat die
Studie zudem finanziell unterstützt, jedoch keinen Einfluss auf das
Studiendesign und die spätere Auswertung der Daten genommen. Auch stehen
keine von Roche hergestellten oder vertriebenen Medikamente auf dem
Prüfstand.
Zum Studiendesign:
1.304 Patienten in der Monitoring-Gruppe (= Gruppe mit der
individualisierten Therapie, "guided de-escalation") haben nach einem
ACS mit Stentimplantaion nach Entlassung aus dem Krankenhaus f
ür 7 Tage
Prasugrel (5/10 mg) erhalten, anschließend 7 Tage Clopidogrel (75 mg).
Die 1.306 Patienten der Kontrollgruppe wurden im selben Zeitraum 14 Tage
ausschließlich mit Prasugrel (5/10 mg) behandelt. Anschließend erfolgte
eine Plättchenfunktionstestung (Multiplate Analyzer) Im weiteren
Verlauf erhielt die Kontrollgruppe unabhängig von den Ergebnissen dieser
Messung für weitere 11,5 Monate Prasugrel. Hier hatte die
Multiplate-Analyse nur einen observierenden Charakter. Der
Monitoring-Arm der Studie erhielt auf Basis der Messung eine
individualisierte Therapie für die verbleibenden 11,5 Monate. Nur die
kleinere Gruppe der Patienten, die kein ausreichendes Ansprechen auf
Clopidogrel zeigte, wurde auf Prasugrel weiterbehandelt. Der
überwiegende Anteil der Patienten im Monitoring Arm der Studie wurde
nach Bestätigung eines guten Ansprechens auf Clopidogrel auch mit diesem
Medikament für weitere 11,5 Monate weiterbehandelt.
1) Testing RespOnsiveness to Platelet Inhibition on Chronic An-tiplatetLet Treatment for Acute Coronary Syndrome.
2) Damit kann die Tendenz der Blutplättchen Blutgerinnsel zu bilden
gemessen werden. Selbige ist mit dem Risiko für das Auftreten von
thrombotischen Ereignissen assoziiert
Literatur:
Sibbing D, Aradi D, Jacobshagen C, et al. Guided De-Escalation of
Antiplatelet Treatment in Acute Coronary Syndrome Patients Undergoing
percutaneous coronary intervention (TROPICAL-ACS): a randomised,
open-label, multicentre trial. Lancet 2017
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Philipp Kressirer
Klinikum der Universität München
Prof. Dr. med. Dirk Sibbing, MHBA, FESC
Oberarzt, Medizinische Klinik und Poliklinik I
Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München
Co-Chairperson ESC Working Group on Thrombosis
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