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PD Dr. Casper Grim: Hormon-Stoffwechsel, Mensruationsstörungen, Ess-Störungen, verminderte Knochendichte

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Energiedefizit bei Sportlern: Der Fuß läuft solange bis er bricht

Ausdauersportler, die ihr Training zu schnell und ohne Plan intensivieren und dabei bestimmte Stoffwechsel-Prozesse nicht beachten, laufen Gefahr, dass ihr Fuß oder andere Strukturen einen Bruch erleiden. 

Die sogenannte „Stressfraktur“ gibt es vor allem an der unteren aber auch an der oberen Extremität. 

Welche Ursachen zugrunde liegen, wer betroffen ist und wie man Abhilfe schaffen kann – darüber diskutierten Sportorthopäden und Wissenschaftler vom 26. bis 28. August auf dem Zeulenrodaer Kongress für Orthopädie und Sportorthopädie.

  • Stressfrakturen sind typische Überlastungsschäden und entstehen aus einem Missverhältnis von Belastung und Belastbarkeit, meist in Ausdauer-Sportarten wie Laufsport (Gehen, Duathlon, Triathlon, Marathon). 

Häufig ist an der unteren Extremität der Mittelfußknochen betroffen. 

Es kann aber auch zur Stressreaktion des Beckens und des Oberschenkel-Halses kommen.


PD Dr. Casper Grim, Sportorthopäde und Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Sportmedizin am Klinikum Osnabrück: 

„Gerade auch Freizeitsportler sind gefährdet, wenn sie übermäßig ihre Belastung in Umfang, Intensität und Frequenz steigern. 

Zum Beispiel wenn man das Lauftraining von zwei Mal adhoc auf sieben Mal pro Woche steigert oder statt moderaten Dauerläufen plötzlich viele harte und lange Trainingsintervalle einbaut. Bei Profisportlern sind es eher die vielen Stunden Training pro Tag, die Probleme verursachen. Betroffen können grundsätzlich alle Altersklassen sein, häufiger jedoch Sportler zwischen 20 und 35 Jahren.“

Eine wesentliche Ursache ist das „Relative Energy Deficiency in Sport“ (RED-S), welches den Stoffwechsel aus dem Ruder laufen lässt. 

  • Die Zusammensetzung der Ernährung und die Gesamt-Energiezufuhr sind dabei nicht adäquat dem Bedarf angepasst. 

Viele haben das klassische Bild der ausgemergelten Marathon-Läuferin vor sich und tatsächlich hängt vieles mit dem Hormon-Stoffwechsel, gerade bei Frauen, zusammen. 

Folgen sind Menstruationsstörungen, Ess-Störungen, eine verminderte Knochendichte. 

Aber auch Männer können betroffen sein, besonders wenn es wie zum Beispiel im Skispringen oder in Laufdisziplinen von Vorteil ist, besonders leicht zu sein.

Nicht nur der Knochenstoffwechsel ist dann gestört, sondern auch viele andere Organsysteme und -funktionen. 

  • So kann auch der Verdauungstrakt betroffen sein, eine vegetative Dysregulation kann sich zeigen, Stimmungsschwankungen von antriebslos bis gereizt sowie immunologische Dysbalancen mit der Folge von vermehrten Infekten sind möglich.

„Wenn Sportler in diesem Mix aus falscher Ernährung und unzureichender Energiezufuhr über längere Zeit trainieren, sind Stressfrakturen das mögliche Resultat. 

Dann gilt es nachzuforschen, warum der Betroffene dieses Defizit hat, ob hormonelle Erkrankungen eventuell zugrunde liegen, wie zB eine Parathormon-Stoffwechselstörung. 

Denn auch ein funktionierender Kalzium-Haushalt ist lebenswichtig für den Knochen“, so Grim.

Jeder betroffene Sportler sollte sich zuerst mit einem Sportorthopäden zusammensetzen. Dieser arbeitet dann interdisziplinär bei Bedarf mit Gynäkologen, Orthopädie-Schuhtechnikern, Ernährungswissenschaftlern und anderen Experten zusammen. 

Eine mechanische Achsabweichung ist manchmal der Grund, der erst bei vermehrtem Training zum Tragen kommt. 

Der klassische Mittelfuß-Bruch wird auch gerne „Marsch-Fraktur“ genannt (Militär), aber auch Schienbein und Fußwurzelknochen können Stressfrakturen erleiden.

Mit Einlagen, Bandagen und Orthesen können Fehlstellungen und Fehlbelastungen behandelt und die mechanische Belastung optimiert werden. 

Die ausgewogene Energiezufuhr und das sinnvoll aufgebaute Training können den Betroffenen bei RED-S helfen auch nach Ausheilung des Bruches ihren Sport wieder auszuüben. 

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Univ.-Prof. Dr. Philipp Wild: Die chronisch-venöse Insuffizienz (CVI) - chronische Wunden - Varikosis/Besenreiser + Varzen/Krampfadern

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Schönere Beine, längeres Leben?

Forschende der Universitätsmedizin Mainz gewinnen neue Erkenntnisse zur chronischen Venenschwäche - Die chronisch-venöse Insuffizienz (CVI) ist eine Erkrankung der Beinvenen, die zu schweren Venen- und Hautveränderungen bis hin zu chronischen Wunden führen kann. 

Bislang wurde die Erkrankung vorwiegend als ein ästhetisches und lokales Problem der Venen betrachtet. 

  • Jedoch zeigen neue Daten, dass die chronische Venenschwäche mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie einer höheren Sterblichkeit einhergeht. 

Neue Daten aus Mainz zeigen, dass die chronische Venenschwäche mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie einer höheren Sterblichkeit einhergeht. (v.l.n.r.: Univ.-Prof. Dr. Philipp Wild, Dr. Jürgen Prochaska)

 Neue Daten aus Mainz zeigen, dass die chronische Venenschwäche mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie einer höheren Sterblichkeit einhergeht. (v.l.n.r.: Univ.-Prof. Dr. Philipp Wild, Dr. Jürgen Prochaska) Thomas Böhm Universitätsmedizin Mainz

Diese bisher unbekannten Erkenntnisse von Wissenschaftler:innen des Centrums für Thrombose und Hämostase (CTH) der Universitätsmedizin Mainz und des Deutschen Zentrums für Herzkreislaufforschung (DZHK) legen nahe, die CVI zukünftig als Vorhersagekriterium für das Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu nutzen. 

Die Ergebnisse der Mainzer Studie wurden jetzt in der Fachzeitschrift „European Heart Journal“ veröffentlicht.

„Unsere Untersuchung ist die erste und umfangreichste bevölkerungsbezogene Studie, die systematisch das gesamte Spektrum der Veneninsuffizienz untersucht und in Verbindung mit etablierten Herz-Kreislauf-Erkrankungen auswertet“, erläutert Dr. Jürgen Prochaska, Oberarzt am Zentrum für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz und Arbeitsgruppenleiter am CTH.

„Wir konnten zeigen, dass die chronisch-venöse Insuffizienz ausgesprochen verbreitet ist: 

Bei rund 41 Prozent der 40- bis 80-jährigen Probanden der bevölkerungsbasierten Gutenberg-Gesundheitsstudie (GHS) wurde eine symptomatische chronische Venenschwäche mit Ödemen, Hautveränderungen oder offenen Wunden der unteren Gliedmaßen diagnostiziert.“ 

Die Studiendaten belegen, dass die Häufigkeit der chronisch-venösen Insuffizienz mit zunehmendem Alter deutlich ansteigt.  

Während bei den 40- bis 50-Jährigen mehr als jeder Fünfte betroffen ist, sind es bei den 70- bis 80-Jährigen sogar mehr als zwei Drittel.  

Eine weitere Erkenntnis der Studie: Frauen erkranken etwas häufiger als Männer.

  • Zudem stellte das Mainzer Forscherteam fest, dass Personen mit einer chronisch-venösen Insuffizienz mit einer etwa 60 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit gleichzeitig eine schwere Herz-Kreislauf-Erkrankung aufweisen als Personen mit gleichem Alter und Geschlecht ohne CVI. 
  • Die Wissenschaftler:innen konnten darüber hinaus zeigen, dass das Risiko, in den nächsten zehn Jahren an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzschwäche oder der Herzrhythmusstörung Vorhofflimmern zu erkranken, bei Personen mit CVI fast doppelt so hoch ist wie bei Personen ohne Zeichen einer Venenschwäche.


„Unsere Daten offenbaren eine weitere alarmierende Erkenntnis“, betont Univ.-Prof. Dr. Philipp Wild, Leiter der Präventiven Kardiologie am Zentrum für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz und Leiter der Klinischen Epidemiologie und Systemmedizin am CTH. „Wir haben in der Studie nachgewiesen, dass die Gesamtsterblichkeit über alle Todesursachen hinweg bei Menschen mit chronisch-venöser Insuffizienz unabhängig von allen anderen Faktoren, wie etwa Alter, Geschlecht, Risikofaktoren und Begleiterkrankungen, deutlich erhöht ist. 

Dies unterstreicht in Verbindung mit der hohen Verbreitung die Notwendigkeit, die Krankheit ernst zu nehmen und als möglichen Indikator für das Vorliegen einer kardiovaskulären Erkrankung zu nutzen.“  

Die Sterblichkeit von Personen mit fortgeschrittener Venenschwäche war im Beobachtungszeitraum von etwas mehr als sechs Jahren um etwa das 1,7-fache höher als bei Personen ohne diese Erkrankung.

Der Direktor des Zentrums für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz, Univ.-Prof. Dr. Thomas Münzel, sieht die gemeinsamen kardiovaskulären Risikofaktoren als eine mögliche Ursache für die Verbindung zwischen arterieller und venöser Erkrankung: „Unsere Daten weisen darauf hin, dass klassische Risikofaktoren für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, beispielsweise Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Übergewicht oder Rauchen, zu einer fortgeschrittenen Venenschwäche beitragen. Mit der Diagnose einer chronisch-venösen Insuffizienz sollte daher immer auch nach Risikofaktoren und Herz-Kreislauf-Erkrankungen gesucht werden.“

Die Wissenschaftler:innen teilten die erhobenen Befunde zu den Venenveränderungen systematisch nach Schweregraden ein. 

Diese reichten von keinen Zeichen einer Venenveränderung bis hin zum Vorliegen einer sehr fortgeschrittenen Veneninsuffizienz. Bei einer deutlichen Mehrheit von rund 90 Prozent zeigte sich eine Venenveränderung: 36,5 Prozent der Personen hatten eine sogenannte Varikosis (z. B. Besenreiser) und 13,3 Prozent wiesen Varizen (Krampfadern) auf. 

  • Beides sind Venenveränderungen, die häufig im Laufe des Lebens zu einer fortgeschrittenen Venenschwäche führen. 

Mit einem Anteil von 40,8 Prozent aller untersuchten Personen wies ein hoher Anteil eine manifeste chronisch-venöse Insuffizienz auf.

Für die Untersuchung wurden die Daten von rund 12.400 Teilnehmenden der Gutenberg-Gesundheitsstudie (GHS) aus Mainz und dem Landkreis Mainz-Bingen sowie von mehr als 2.400 Teilnehmenden der MyoVasc-Studie berücksichtigt. Die Bestimmung des Schweregrads einer Venenveränderung wurde mittels standardisierter digitaler Bildaufnahme, einer klinischen Untersuchung der Beine und per Befragung zu typischen Symptomen erhoben. Zudem lagen Daten zu kardiovaskulären Risikofaktoren und Begleiterkrankungen für alle Studienteilnehmenden vor.

Originalpublikation:
Prochaska JH, Arnold N, Falcke A, Kopp S, Schulz A, Buch G, Moll S, Panova-Noeva M, Jünger C, Eggebrecht L, Pfeiffer N, Beutel M, Binder H, Grabbe S, Lackner KJ, Ten Cate-Hoek A, Espinola-Klein C, Münzel T, Wild PS. Chronic venous insufficiency, cardiovascular disease, and mortality: a population study. Eur Heart J. 2021 Aug 13:ehab495. Online ahead of print. PMID: 34132336.
DOI: 10.1093/eurheartj/ehab495


Über die Gutenberg-Gesundheitsstudie (GHS):
Die Gutenberg Gesundheitsstudie (GHS) ist eine interdisziplinäre, populationsbasierte, prospektive, monozentrische Kohorten-Studie, die seit 2007 an der Universitätsmedizin Mainz durchgeführt wird. Bei der GHS handelt es sich um eine der weltweit größten Studien ihrer Art, in die über 15.000 Frauen und Männer aus der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt und dem Landkreis Mainz-Bingen im Alter zwischen 35 und 74 Jahren eingeschlossen wurden. Im Rahmen der Studie werden Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebserkrankungen, Augenerkrankungen, metabolische Erkrankungen sowie Erkrankungen des Immunsystems und der Psyche untersucht. Ziel der Studie ist es, die Risikovorhersage für den Einzelnen für diese Erkrankungen zu verbessern. Hierzu werden Lebensstil, psychosoziale Faktoren, Umwelt, laborchemische Parameter sowie das Ausmaß der subklinischen Erkrankung berücksichtigt. Eine umfangreiche Biomaterialbank ermöglicht molekularbiologische Untersuchungen, unter anderem auch in einem systembiologischen Ansatz. Weitere Informationen im Internet unter www.gutenberg-gesundheitsstudie.de

Über die MyoVasc-Studie
Die MyoVasc-Studie ist eine epidemiologische, prospektive Kohortenstudie zur Untersuchung der Herzinsuffizienz und der Interaktion mit Gefäßerkrankungen. Die Studie wird seit 2012 durch die Präventive Kardiologie und Medizinische Prävention (Leitung: Univ.-Prof. Dr. Philipp Wild) am Zentrum für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz durchgeführt. Insgesamt werden mehr als 3.200 Personen mit verschiedenen Formen der Herzinsuffizienz und Kontrollpersonen ohne Herzinsuffizienz über jeweils sechs Jahre regelmäßig untersucht. Ziel ist, den Verlauf der Herzinsuffizienz noch besser zu verstehen und Risikofaktoren zu identifizieren. Weitere Informationen im Internet unter Präventive Kardiologie und Medizinische Prävention | MyoVasc (unimedizin-mainz.de)
Über das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK)
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat im Rahmen seiner Bemühungen, optimale Forschungsbedingungen zur Bekämpfung von Volkskrankheiten zu schaffen, die Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG) gegründet. Eines dieser sechs Zentren ist das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK). Dieses Zentrum setzt sich aus insgesamt 29 Institutionen zusammen, die auf sieben Standorte verteilt sind. Die Ziele des Zentrums sind die Verbesserung von Prävention, Diagnostik und Therapie von kardiovaskulären Erkrankungen. Die Universitätsmedizin Mainz gehört dem Standort RheinMain des DZHK an und hat im Netzwerk den Schwerpunkt in der patientenorientierten Forschung zu kardiovaskulären Erkrankungen.

Über die Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Die Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ist die einzige medizinische Einrichtung der Supramaximalversorgung in Rheinland-Pfalz und ein international anerkannter Wissenschaftsstandort. Sie umfasst mehr als 60 Kliniken, Institute und Abteilungen, die fächerübergreifend zusammenarbeiten und jährlich mehr als 300.000 Menschen stationär und ambulant versorgen. Hochspezialisierte Patientenversorgung, Forschung und Lehre bilden in der Universitätsmedizin Mainz eine untrennbare Einheit. Rund 3.000 Studierende der Medizin und Zahnmedizin sowie mehr als 600 Fachkräfte in den verschiedensten Gesundheitsfachberufen, kaufmännischen und technischen Berufen werden hier ausgebildet. Mit rund 8.600 Mitarbeitenden ist die Universitätsmedizin Mainz zudem einer der größten Arbeitgeber der Region und ein wichtiger Wachstums- und Innovationsmotor. Weitere Informationen im Internet unter www.unimedizin-mainz.de.

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Univ.-Prof. Dr. Philipp Wild, Zentrum für Kardiologie und Centrum für Thrombose und Hämostase (CTH) der Universitätsmedizin Mainz, Telefon 06131 17-7439,
E-Mail: philipp.wild@unimedizin-mainz.de

Veronika Wagner M.A. Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

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55131 Mainz
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Telefon: 06131/17 8391
Fax: 06131 17-3496
E-Mail-Adresse: veronika.wagner@unimedizin-mainz.de
Originalpublikation:

Prochaska JH, Arnold N, Falcke A, Kopp S, Schulz A, Buch G, Moll S, Panova-Noeva M, Jünger C, Eggebrecht L, Pfeiffer N, Beutel M, Binder H, Grabbe S, Lackner KJ, Ten Cate-Hoek A, Espinola-Klein C, Münzel T, Wild PS. Chronic venous insufficiency, cardiovascular disease, and mortality: a population study. Eur Heart J. 2021 Aug 13:ehab495. Online ahead of print. PMID: 34132336.

https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehab495


Prof. Dr. Milo Puhan: Lungenerkrankung COPD

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Patienten mit chronischer Lungenerkrankung optimal behandeln

Patienten mit der Lungenerkrankung COPD erhalten Medikamente zur Verbesserung der Atmungsfähigkeit kombiniert mit Kortikosteroiden, die das Risiko einer akuten Verschlechterung der Lunge verringern. 

Die Balance zwischen dieser Verringerung und der Zunahme schädlicher Nebenwirkungen hängt von der Dosierung und Patientenmerkmalen ab, wie Forschende der Universität Zürich nun zeigen. Dank den Erkenntnissen können COPD-Betroffene gezielter behandelt werden.

Patientinnen und Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) leiden unter einer dauerhaften Verengung der Atemwege, was die Atmung erschwert. Die Verengung wird durch eine Entzündung der kleinen Atemwege verursacht, die zu Schleimproduktion führt und das Lungengewebe zerstört. Kortikosteroide zum Inhalieren werden in der Regel in Kombination mit lang wirkenden Bronchodilatatoren eingesetzt, um bei COPD-Patienten eine akute Verschlechterung des Lungenzustands zu verhindern. Während Kortikosteroide eine Entzündung bzw. eine Zustandsverschlechterung reduzieren, verbessern Bronchodilatatoren die Atmung, indem sie die Bronchien erweitern.

Nutzen von Kortikosteroiden hängt von drei Hauptfaktoren ab

Seit Jahren wird über den Einsatz von Kortikosteroiden bei der sehr heterogenen Gruppe von COPD-Patienten debattiert. In Leitlinien wird zwar ein personalisierter Behandlungsansatz vorgeschlagen. Doch bleiben diese recht vage, da unklar ist, für wen der Nutzen die schädlichen Nebenwirkungen überwiegt. Eine Studie unter der Leitung von Henock Yebyo, Postdoktorand am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich (UZH), bringt nun Licht in diese Frage. «Unsere Ergebnisse zeigen, dass drei Hauptfaktoren die Balance zwischen Therapienutzen und Nebenwirkungen unterschiedlich dosierter Kortikosteroide beeinflussen: das Risiko einer akuten Verschlechterung, die Menge bestimmter Blutzellen und das Alter des Patienten», sagt Erstautor Yebyo.

Systematische Betrachtung von Behandlungs- und Patientenmerkmalen

Die Forscher berücksichtigten zahlreiche Merkmale von Therapien und Patientinnen, die einen Einfluss auf das Nutzen-Risiko-Verhältnis haben. Sie führten umfassende statistische Analysen durch, um zu berechnen, wie hoch das Risiko für akute Verschlechterungen bei den Patienten sein muss, damit der Nutzen, dieses Risiko zu reduzieren, die Nebenwirkungen überwiegt: eine schwere Lungenentzündung, Pilzbefall der Mundschleimhaut und Heiserkeit. Sie fanden heraus, dass Patientinnen von niedrig bis mittelstark dosierten Kortikosteroiden nicht profitieren, wenn ihr Risiko, in den nächsten zwei Jahren eine akute Verschlechterung zu erleiden, weniger als 32 Prozent beträgt. Was typischerweise jene Patienten sind, deren Lungenzustand in der Vergangenheit stabil war.

In den Leitlinien wurde die Dosierung der Kortikosteroide bisher nicht berücksichtigt. Die UZH-Studie zeigt nun deutlich, dass hohe Dosen mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sind, die den Nutzen nicht rechtfertigen. Patienten über 80 Jahren profitieren von der Therapie ebenfalls kaum, da ihr Risiko, eine Lungenentzündung zu entwickeln, höher ist als die Verringerung einer akuten Verschlechterung. Patientinnen mit grösseren Mengen bestimmter, für Asthma typischer Blutzellen –sogenannte Eosinophile – profitieren dagegen eher.

Systematischer Ansatz ermöglicht individuellere Behandlungen

Als die Wissenschaftler ihre Ergebnisse anhand von Daten von zwei Patientengruppen aus der Schweiz und den Niederlanden überprüften, zeigte sich, dass einige Patienten mit Kortikosteroiden überbehandelt werden, während andere unterbehandelt werden. «Unsere Ergebnisse führen nicht unbedingt dazu, dass weniger Kortikosteroide eingesetzt werden. Aber sie helfen, die Über- und Unterversorgung zu minimieren, indem die Therapie hinsichtlich Dosierung und Patientenmerkmalen zugeschnitten wird», erklärt Henock Yebyo.

Die Präzisionsmedizin wird oft auf einzelne Faktoren wie einen genetischen Marker reduziert, doch die Realität ist meist komplizierter. Mit ihrem systematischen Ansatz haben die Forschenden drei Kategorien von Faktoren, die das Behandlungsergebnis beeinflussen, berücksichtigt und sie umfassend kombiniert: Faktoren, die Behandlungseffekte verändern, Faktoren, die mit den Risiken für Nutzen und Nebenwirkungen ohne Behandlung verbunden sind, und Patientenpräferenzen. «Unsere Studie dient als Beispiel dafür, wie die Komplexität der Nutzen-Schaden-Balance systematisch angegangen werden kann, damit medizinische Richtlinien klare und nützliche Empfehlungen für personalisierte Behandlungen geben können", sagt UZH-Professor Milo Puhan.

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Dr. Henock Yebyo
Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention
Universität Zürich
Tel. +41 44 634 48 53
E-Mail: henock.yebyo@uzh.ch

Prof. Dr. Milo Puhan
Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention
Universität Zürich
Tel. +41 44 63 44610
E-Mail: miloalan.puhan@uzh.ch


Originalpublikation:

Yebyo HG, Braun J, Menges D, Riet Gt, Sadatsafavi M, Puhan MA. Personalising add-on treatment with inhaled corticosteroids in patients with chronic obstructive pulmonary disease: a benefit-harm modelling study. Lancet Digital Health. 25 August 2021. DOI: 10.1016/S2589-7500(21)00130-8

PD Dr. Mirjam Stahl: Neugeborenenscreening - Salztransportstörung - Chloridkanal - Schweißtest

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: MRT geeignet, um Fortschreiten der Mukoviszidose bei Vorschulkindern & Vorteile des Neugeborenenscreenings zu erkennen

Eine regelmäßige Untersuchung der Lunge mithilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) kann erfassen, wie sich die Lungenerkrankung bei Kindern mit Mukoviszidose entwickelt. 

Wird die Erkrankung im Rahmen des Neugeborenenscreenings (NGS) bereits erkannt und behandelt, bevor Symptome auftreten, kann sie außerdem milder verlaufen. 

Das haben Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL) in einer Studie herausgefunden, die Vorschulkinder vier Jahre lang begleitete.

„Die MRT-Untersuchungen zeigten, dass die Veränderungen in der Lunge bereits über die ersten vier Lebensjahre zunehmen, etwa dass die Bronchialwände sich verdicken und zunehmend bestimmte Lungenbereiche nicht mehr so gut belüftet werden, da die Atemwege mit Schleim verlegt sind“, sagt Privatdozentin Dr. Mirjam Stahl, DZL-Forscherin an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. 

In ihrer Studie hat sie knapp 100 Kinder im Alter bis zu vier Jahren einmal pro Jahr mit dem MRT untersucht. 

Alle Kinder hatten eine Mukoviszidose, die entweder durch das Neugeborenenscreening oder aufgrund der Mukoviszidose-typischen klinischen Symptome erkannt worden war. 

  • Mukoviszidose ist eine angeborene Multiorganerkrankung, bei der durch eine Salztransportstörung zähes Sekret entsteht, das nach und nach die Funktion vieler Organe beeinträchtigt. 

Verantwortlich für die Erkrankung sind Defekte in einem Gen, das die Bauanleitung für den CFTR-Chloridkanal enthält. 

Die Erkrankung kann nicht geheilt werden.

Behandelt werden die Symptome unter anderem, indem die Kinder bronchienerweiternde und schleimlösende Substanzen inhalieren.

Therapiebeginn im beschwerdefreien Stadium bringt Vorteile

Die Studie ergab außerdem, dass bei Kindern Veränderungen in der Lunge nicht so ausgeprägt waren, wenn ihre Erkrankung bereits durch das Neugeborenenscreening erkannt und mit der Behandlung begonnen wurde, bevor erste Symptome auftraten. „Ein früher Therapiebeginn im asymptomatischen Stadium hält die Erkrankung auf einem niedrigeren Niveau, kann ihr Voranschreiten aber nicht aufhalten“, so Stahl. Sie hofft, dass eine neue Gruppe von Medikamenten, die direkt an dem defekten Chloridkanal angreifen, die sogenannten CFTR-Modulatoren, hier einen noch größeren Effekt haben und den Krankheitsverlauf eventuell ausbremsen könnten. 

Solche Fragestellungen müssten klinische Studien zukünftig untersuchen.

Einheitliche Vorgaben fehlen

Seit 2016 wird beim Neugeborenenscreening untersucht, ob eine Mukoviszidose vorliegt. 

Zunächst wird das Blut der Babys analysiert. 

Sind bestimmte Werte auffällig, erfolgt ein Schweißtest, mit dem die Diagnose abgesichert wird. 

Um abzuschätzen, ob die Lunge schon betroffen ist, können die Ärzte Lungenfunktionstests oder bildgebende Verfahren wie das Röntgen der Lunge, das MRT oder die Computertomographie (CT) einsetzen. 

  • MRT und CT haben eine bessere räumliche Auflösung als das Röntgen und lassen daher mehr Details erkennen. 

Das MRT bietet gegenüber der CT den Vorteil, dass es strahlenfrei ist. 

Welches Verfahren verwendet wird, ist jedoch klinikabhängig, da es dafür bisher keine einheitlichen Leitlinien gibt.

Am Universitätsklinikum Heidelberg, an dem die Studie unter Leitung von Stahl und Professor Marcus Mall durchgeführt wurde, wird das MRT seit 2008 bei Neugeborenen und Kleinkindern eingesetzt, um zu erkennen, ob und wie stark die Lunge von einer diagnostizierten Mukoviszidose betroffen ist. 

Die beiden Wissenschaftler empfehlen außerdem, erkrankte Kinder einmal pro Jahr im MRT zu untersuchen. 

„Gerade wenn die Erkrankung noch auf einem milden Niveau ist, fragen sich viele Eltern, ob die jährliche MRT-Untersuchung überhaupt nötig ist. 

  • Doch unsere Studie belegt, dass wir mit dem MRT sehr genau, und dazu strahlenfrei, beurteilen können, wie der Zustand der Lunge sich entwickelt hat, so dass wir die Behandlung rechtzeitig anpassen können“, so Stahl.
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PD Dr. Mirjam Stahl
Klinik für Pädiatrie m. S. Pneumologie, Immunologie und Intensivmedizin, Camoud Virchow-Klinikum, Charité – Universitätsmedizin Berlin
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Dr. Christian Kalberlah
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Originalpublikation:

Magnetic Resonance Imaging Detects Progression of Lung Disease and Impact of Newborn Screening in Preschool Children with Cystic Fibrosis. Stahl M, Steinke E, Graeber SY, Joachim C, Seitz C, Kauczor HU, Eichinger M, Hämmerling S, Sommerburg O, Wielpütz MO, Mall MA.Am J Respir Crit Care Med. 2021 Jul 20.
DOI: 10.1164/rccm.202102-0278OC
https://www.atsjournals.org/doi/10.1164/rccm.202102-0278OC


Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte

https://www.atsjournals.org/doi/abs/10.1164/rccm.202107-1727ED Editorial zur Publikation: Foretelling Early Lung Disease Progression in CF: The Combined Benefits of MRI and Newborn Screen. Jennifer L Goralski. Am J Respir Crit Care Med. 2021 Aug 12. DOI: 10.1164/rccm.202107-1727ED.


PD Dr. med. Sophie Yammine: Risiken für Atmungsprobleme nach Kaiserschnittgeburt - Sectio?

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Kaiserschnittgeburt: Kein erhöhtes Risiko für Atemwegserkrankungen

Eine umfangreiche Langzeitstudie geleitet durch Forscherinnen des Inselspitals, Universitätsspital und der Universität Bern konnte keine erhöhten Risiken für Atmungsprobleme nach Kaiserschnittgeburt ermitteln. 

Die Publikation im «American Journal of Obstetrics and Gynecology» weist für Kaiserschnittgeborene weder nach einem Jahr noch nach sechs Jahren vermehrt auftretende Erkrankungen des Atmungssystems nach. 

Spirometrie bei Kleinkind
Spirometrie bei Kleinkind S. Yammine Inselspital, Universitätsspital 

In der Schweiz kommen ca. 33% aller Neugeborenen per Kaiserschnitt (Sectio) zur Welt. 

In entwickelten Ländern liegt dieser Wert zwischen 20-40%. 

Verschiedene Studien haben einen Zusammenhang zwischen der Geburt per Sectio und dem Auftreten eines erhöhten Risikos für spätere Atemprobleme festgestellt. 

Langzeit-Untersuchungen bei älteren Kindern sind noch spärlich, wobei ein möglicherweise erhöhtes Risiko für Allergien und Erkrankungen des Atmungssystems postuliert wird. 

Es wird vermutet, dass weitere Faktoren, die die Entwicklung des Mikrobioms und des Immunsystems des Neugeborenen beeinflussen, eine grosse Rolle spielen. 

Hier werden der Kontakt mit dem Mikrobiom der Mutter im Geburtskanal aber auch der Zeitpunkt und die Art des Einsatzes von Antibiotika unter der Geburt, sowie epigenetische Effekte von Stress unter der Geburt erwähnt.

Kein erhöhtes Risiko für Atemwegserkrankungen nach Kaiserschnitt

Die Forschungsgruppe der Kinderklinik am Inselspital hat deshalb erstmals eine sehr eingehende und systematische Untersuchung von Erkrankungen des Atmungssystems bei einer Gruppe von Kindern in zwei Altersabschnitten vorgenommen: 

Während des ersten Lebensjahrs und nach sechs Jahren. 

Die Ergebnisse überraschen: 

Schon im ersten Lebensjahr konnte kein Zusammenhang zwischen Kaiserschnitt-Geburten und Erkrankungen des Atmungssystems mehr nachgewiesen werden. 

Die Lungenfunktionen von Kindern nach Normalgeburt und nach Kaiserschnitt wiesen keinen Unterschied auf, weder 6 Wochen nach Entbindung noch nach sechs Jahren.

Was wurde genau untersucht? 

Die Studie schloss 578 gesunde Termingeborene aus der SNF-geförderten BILD-Kohorte (Basel Bern Infant Lung Development Cohort) ein. Während des ersten Lebensjahres wurden wöchentlich detailliert die Symptome von Atemwegserkrankungen erhoben, sowie im Alter von 6 Wochen eine Lungenfunktion durchgeführt. Nach sechs Jahren wurden die Lungenfunktion, sowie erworbene Erkrankungen des Atmungssystems und die Allergieneigung erhoben. Eine solche Längsstudie über sechs Jahre ist bisher einzigartig in der Tiefe und der Breite der beobachteten Parameter. Die Aussagekraft der Resultate wird daher als hoch eingestuft.

Schlussfolgerung für die Praxis und Beratung

Die Studienleiterin PD Dr. med. Sophie Yammine aus der pädiatrischen Pneumologie interpretiert die Ergebnisse vorsichtig: «Wir können zum jetzigen Zeitpunkt nur Aussagen über die Gruppe von Kindern machen, die wir studiert haben.

Es gilt auch zu berücksichtigen, dass die Anzahl Kinder mit Asthmasymptomen relativ klein ist. 

Daher ist Vorsicht vor voreiligen Schlüssen angebracht. 

Was wir aber feststellen können, und das hat durchaus Relevanz für die Geburtsberatung, sind die fehlenden Unterschiede zwischen Normalgeborenen und per Kaiserschnitt geborenen Kindern. 

  • Schon nach einem Jahr und erst recht nach sechs Jahren waren in der untersuchten Gruppe die möglichen Nachteile durch Kaiserschnitt vollständig kompensiert worden. 

Es konnte kein erhöhtes Risiko für Erkrankungen des Atmungssystems und für Allergien für Kaiserschnittgeborene nachgewiesen werden.»

PD Dr. med. Sophie Yammine, Oberärztin Kinderklinik, Inselspital, Universitätsspital Bern

 PD Dr. med. Sophie Yammine, Oberärztin Kinderklinik, Inselspital, Universitätsspital Bern Insel Gruppe

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PD Dr. med. Sophie Yammine, Oberärztin Kinderklinik, Inselspital, Universitätsspital Bern
Yasmin Salem Mahmoud, PhD Studentin, Kinderklinik, Inselspital, Universitätsspital Bern
Prof. Dr. med. Philipp Latzin, Abt.leiter Kinderklinik, Inselspital, Universitätsspital Bern
Prof. Dr. med. Daniel Surbek, Ordinarius und Chefarzt Geburtshilfe, Frauenklinik, Inselspital, Universitätsspital Bern


3010 Bern
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Marcel Wyler
Telefon: 0041 31 632 3720
E-Mail-Adresse: marcel.wyler@insel.ch
Originalpublikation:

Originalpublikation: https://doi.org/10.1016/j.ajog.2021.07.027
Salem Y, Oestreich M-A, Fuchs O, Usemann J, Frey U, Surbek D, Amylidi Mohr S, Latzin P, Ramsey K, Yammine S, on behalf of the BILD study group, Are children born by cesarean section at higher risk for respiratory sequelae?, American Journal of Obstetrics and Gynecology (2021

 

Prof. Dr. Martina Sester: Organtransplantierte Herz, Nieren, Lunge, Leber und die Impfwirksamkeiten

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Wie Covid-19-Impfungen bei Organtransplantierten die Immunantwort mobilisieren

  • Wenn schwerkranke Menschen ein Spenderorgan erhalten, müssen sie zeitlebens Medikamente einnehmen, die das Immunsystem unterdrücken. 
  • Diese können verhindern, dass eine Impfung die gewünschten Abwehrmechanismen im Körper in Gang setzt. 

Immunologie-Professorin Martina Sester und ihr Team haben jetzt trotz der abgeschwächten Immunantwort von Organtransplantierten nachgewiesen, dass die verschiedenen Covid-19-Impfstoffe ihre Immunabwehr auf unterschiedliche Weise mobilisieren und sich dabei ergänzen können. 

  • Sie konnten auch zeigen, dass Antikörpertests nicht ausreichen, um die Impfwirkung bei dieser Patientengruppe zu bestimmen, sondern auch die T-Zellen analysiert werden müssen. 

Martina Sester, Professorin für Transplantations- und Infektionsimmunologie der Universität des Saarlandes
Martina Sester, Professorin für Transplantations- und Infektionsimmunologie der Universität des Saarlandes Oliver Dietze 

Ihre Forschungsergebnisse haben sie jetzt im „American Journal of Transplantation“ veröffentlicht.

Für die noch laufende Studie werden insgesamt 400 Personen untersucht. 

Für die jetzt veröffentlichte Publikation wurden die Daten von den ersten 110 bereits zweifach geimpften Personen ausgewertet. 

Darunter befinden sich 40 Nieren-, Lungen- und Lebertransplantierte sowie Patienten mit einem Spenderherz, die am Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg behandelt werden. 

Hinzu kommen 70 gesunde Personen, die keine Immunsuppressiva einnehmen. 

„Organtransplantierte müssen mehrere Medikamente mit verschiedenen immunsuppressiven Wirkprinzipien einnehmen, um eine Abstoßung des Spenderorgans zu verhindern. 

Bei anderen Autoimmunerkrankungen reicht meist nur ein Medikament aus, aber auch dieses kann die Wirkung einer Impfung schmälern, wie wir aus früheren Studien zu Grippeimpfungen wissen“, sagt Martina Sester, Professorin für Transplantations- und Infektionsimmunologie der Universität des Saarlandes.

Um die Ergebnisse ihrer Studie einordnen zu können, muss man wissen, wie sich der menschliche Körper gegen eine Covid-19-Virusinfektion wehrt und wie er dabei durch eine Impfung unterstützt wird. 

Gegen Viren, die in den Körper eindringen, werden Antikörper gebildet, die im Blut und an den Schleimhäuten, etwa in der Lunge, wirken. 

Sie fangen das Virus ab und neutralisieren es, indem sie sich etwa bei Covid-19 an das Spike-Protein binden, das wie eine stachelige Hülle das Virus umgibt. 

„Sogenannte T-Helferzellen unterstützen den menschlichen Körper unter anderem dabei, dass Antikörper gebildet werden. 

Bei der Vernichtung der infizierten Zellen kommen zudem die T-Killerzellen ins Spiel. 

Die Covid-19-Impfstoffe aktivieren diese verschiedenen natürlichen Abwehrmechanismen, jedoch auf unterschiedliche Weise und bei Organtransplantierten mit abgeschwächter Intensität“, erklärt Martina Sester, die mit ihrem Team diese Reaktionen in aufwändigen Labortests untersuchte.

Dabei wurde nicht nur die Bildung der Antikörper erfasst, sondern auch analysiert, wie die unterschiedlichen T-Zellen durch die verschiedenen Impfstoffe angesprochen wurden. 

  • Nach Erstimpfung zeigte sich, dass der mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer eine stärkere Wirkung auf die Bildung von Antikörpern hat als der Vektorimpfstoff von Astrazeneca. 
  • Genau umgekehrt war es bei den T-Zellen, die nach Erstimpfung mit dem Vektorimpfstoffs stärker ausgebildet wurden. 
  • Bei den Organtransplantierten konnten nach der ersten Impfdosis nur bei rund fünf Prozent der Patienten Antikörper festgestellt werden, während es in der Kontrollgruppe 80 Prozent waren. 
  • T-Zellen hingegen wurden immerhin bei einem Viertel der Organtransplantierten nachgewiesen, bei der Vergleichsgruppe waren es über 80 Prozent.


„Unsere Studie belegt zum einen, dass die Covid-19-Impfstoffe nach der ersten Gabe unterschiedlich wirken. 

Zum anderen zeigte die Studie, dass reine Antikörpertests nicht ausreichen, um bei immungeschwächten Personen herauszufinden, ob sie einen ausreichenden Impfschutz aufweisen“, erläutert Martina Sester. 

„Auch nach der zweiten Impfung war der Nachweis einer Impfantwort unter der Berücksichtigung der T-Zellen deutlich besser als bei der alleinigen Analyse von Antikörpern. 

Antikörper oder T-Zellen waren nach Zweitimpfung bei immerhin 71 Prozent aller Patienten zu beobachten. 

Da wir sowohl homolog als auch heterolog geimpfte Organempfänger untersuchen konnten, haben wir deutliche Hinweise, dass sich auch bei diesen die Kombination verschiedener Impfstoffe sehr gut ergänzt“, führt sie weiter aus.

Die Immunologie-Professorin und ihr Team hatten kürzlich in einer Publikation in „Nature Medicine“ bereits belegen können, dass bei Immungesunden eine Kombination des Astrazenca-Impfstoffs mit dem Biontech-Wirkstoff eine deutlich stärkere Immunantwort zeigt als eine doppelte Astrazeneca-Impfung. 

Die Ständige Impfkommission hat dieses Forschungsergebnis bereits aufgegriffen und empfiehlt inzwischen die heterologe Impfung auch für über 60-Jährige. 

„Wir überprüfen jetzt, ob immungeschwächte Menschen als dritte Impfung eine kombinierte Version bekommen sollten, um ein möglichste breite Immunreaktion des Körpers zu erzeugen“, sagt Martina Sester. 

Zudem wollen sich die Transplantationszentren in Deutschland vernetzen, um verschiedene Studien miteinander zu verknüpfen. 

Dabei soll auch untersucht werden, ob diese Erkenntnisse auch anderen gefährdeten Gruppen wie Menschen mit Downsyndrom dazu verhelfen können, einen besseren Impfschutz zu entwickeln.

Die noch laufende Studie mit Organtransplantierten wurde von der saarländischen Staatskanzlei mit rund 80.000 Euro gefördert.

Originalpublikation:
Schmidt, T., Klemis, V., Schub, D., Schneitler, S., Reichert, M.C., Wilkens, H., Sester, U., Sester, M., and Mihm, J. 2021. Cellular immunity predominates over humoral immunity after homologous and heterologous mRNA and vector-based COVID-19 vaccine regimens in solid organ transplant recipients. Am J Transplant in press. https://doi.org/10.1111/ajt.16818

Weitere Informationen:


Abteilung für Transplantations- und Infektionsimmunologie: 


http://www.uniklinikum-saarland.de/de/einrichtungen/kliniken_institute/infektionsmedizin/transplantations_und_infektionsimmunologie/

 

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Prof. Dr. Martina Sester
Transplantations- und Infektionsimmunologie
Tel.: 06841 162-3557
E-Mail: martina.sester@uks.eu

Gerhild Sieber Universität des Saarlandes

Campus A2 3
66123 Saarbrücken
Deutschland
Saarland 

Telefon: 0681/302-4582
Fax: 0681/302-2609
E-Mail-Adresse: presse.sieber@univw.uni-saarland.de


Originalpublikation:

https://doi.org/10.1111/ajt.16818


Prof. Steffen Desch: Herzkatheter-Untersuchungen bei wiederbelebten Herzstillstand-Patienten

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Bei unklarem Herzstillstand keine Vorteile durch schnelle Herzkatheter-Untersuchung

  • Herzkatheter-Untersuchungen sollten bei wiederbelebten Herzstillstand-Patienten mit unklarer Ursache besser nicht direkt nach Eintreffen im Krankenhaus erfolgen. 

Das ist das Ergebnis der Studie TOMAHAWK-DZHK4, die heute auf dem Europäischen Kardiologenkongress vorgestellt und zeitgleich im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde. 

Studienleiter Prof. Dr. Steffen Desch, Universitäres Herzzentrum Lübeck und Herzzentrum Leipzig

 Studienleiter Prof. Dr. Steffen Desch, Universitäres Herzzentrum Lübeck und Herzzentrum Leipzig (Foto: privat) 

Etwa 75.000 Menschen pro Jahr erleiden in Deutschland einen plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand außerhalb des Krankenhauses. 

  • Bei nahezu der Hälfte ist er die Folge eines Herzinfarkts, andere Ursachen sind primäre Herzrhythmusstörungen, Hirnblutungen, Lungenembolien oder Traumata. 
  • Fünfzehn bis zwanzig Prozent der Betroffenen können durch Herzdruckmassage und Elektroschocks wiederbelebt werden
  • Ein Teil der wiederbelebten Patienten hat eindeutige Merkmale für einen Herzinfarkt im EKG, die sogenannten ST-Hebungen. 

Diese Patienten werden sofort nach Eintreffen in der Klinik per Herzkatheter untersucht, wodurch verengte Herzkranzgefäße sichtbar gemacht und geweitet werden können. 

Bei allen anderen, die ins Krankenhaus kommen, bleibt die Ursache zunächst häufig unklar. 

  • Hinzu kommt, dass Patienten selbst keine Auskunft über Symptome vor oder nach dem Herz-Kreislauf-Stillstand geben können, da sie in den allermeisten Fällen bewusstlos sind.


Kardiale Ursachen für Herz-Kreislauf-Stillstand am wahrscheinlichsten

„Kardiale Ursachen sind für einen Herz-Kreislauf-Stillstand am wahrscheinlichsten, deshalb lag es lange nahe, alle von denen wir nicht wissen, was sie haben, umgehend zu kathetern“, sagt Prof. Steffen Desch vom Universitären Herzzentrum Lübeck, der die vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) finanzierte Studie geleitet hat. 

Ob das für diese Patientengruppe auch am besten ist, darin waren sich Mediziner bislang nicht einig.

  • Für eine sofortige Herzkatheter-Untersuchung, auch Koronarangiographie genannt, spricht, dass das Herz weniger Schaden nimmt, wenn verschlossene Gefäße frühzeitig geöffnet werden. 

Aber natürlich nur dann, wenn auch ein Infarkt vorliegt. 

Liegt keiner vor, wird der Patient den Risiken einer solchen Untersuchung unnötig ausgesetzt und andere diagnostische Maßnahmen kommen eventuell zu spät.

Die TOMAHAWK-DZHK4 Studie wollte hier mehr Klarheit schaffen. 

Sie hat deshalb untersucht, ob sich die 30-Tage-Überlebensrate von wiederbelebten Patienten mit unklarer Ursache des Herz-Kreislauf-Stillstandes unterscheidet je nachdem, ob sie eine sofortige oder verzögerte bzw. auch keine Koronarangiographie erhalten haben.

Überraschendes Ergebnis

Das Ergebnis hat Desch und sein Team überrascht, auch wenn die COACT-Studie von 2019 schon darauf hindeutete: 

„Wir haben zwischen den beiden Vorgehensweisen kaum Unterschiede gefunden, eher ist es so, dass die frühe Untersuchung nachteilig ist“, fasst Desch zusammen.

Die Daten von 530 Patienten, die nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt worden waren, haben die Forscher ausgewertet. 

Die Patienten in der Sofort-Gruppe wurden rund drei Stunden, nachdem sie im Krankenhaus eingetroffen waren, per Koronarangiographie untersucht.

Von ihnen waren nach 30 Tagen 143 verstorben. 

Die andere Gruppe wurde im Mittel zwei Tage intensivmedizinisch betreut, bevor ein Herzkatheter durchgeführt wurde. 

Wurden zwischenzeitlich andere Ursachen des Kreislaufstillstandes identifiziert, verzichtete das Behandlungsteam auch ganz auf die Koronarangiographie. 

In dieser verzögerten Gruppe verstarben 122 Personen innerhalb der ersten 30 Tage. 

Schwere neurologische Schäden waren bei der Sofort-Gruppe sogar etwas häufiger.

Was bedeutet das nun für die Notfallsituation im Krankenhaus? 

Prof. Desch empfiehlt seinen Kolleginnen und Kollegen: 

„Bei der Mehrheit der Patienten gibt es keinen Grund, gerade auch in angespannten Situationen wie Nachtdiensten überhastete Koronarangiographien durchzuführen. 

Nehmen Sie sich Zeit und verfolgen Sie den klinischen Verlauf. 

Sollten sich nach ein bis zwei Tagen keine weiteren Ursachen für den Herz-Kreislauf-Stillstand gefunden haben, kann eine Herzkatheter-Untersuchung Klarheit bringen.“

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Prof. Steffen Desch, Universitäres Herzzentrum Lübeck & Herzzentrum Leipzig, Steffen.Desch@uksh.de

Christine Vollgraf Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung e.V.

Potsdamer Str. 58
10785 Berlin
Deutschland
Berlin

Telefon: 030 3465 52902
E-Mail-Adresse: christine.vollgraf@dzhk.de

Originalpublikation:

Angiography after Out-of-Hospital Cardiac Arrest without ST-Segment Elevation, Desch et al., New England Journal of Medicine, 29 August 2021 https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2101909

 

Dr. Henock Yebyo und Prof. Dr. Milo Puhan: Typische Blutzellen bei Asthma und COPD

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Patienten mit chronischer Lungenerkrankung optimal behandeln

Patienten mit der Lungenerkrankung COPD erhalten Medikamente zur Verbesserung der Atmungsfähigkeit kombiniert mit Kortikosteroiden, die das Risiko einer akuten Verschlechterung der Lunge verringern. 

Die Balance zwischen dieser Verringerung und der Zunahme schädlicher Nebenwirkungen hängt von der Dosierung und Patientenmerkmalen ab, wie Forschende der Universität Zürich nun zeigen. Dank den Erkenntnissen können COPD-Betroffene gezielter behandelt werden.

  • Patientinnen und Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) leiden unter einer dauerhaften Verengung der Atemwege, was die Atmung erschwert. 

Die Verengung wird durch eine Entzündung der kleinen Atemwege verursacht, die zu Schleimproduktion führt und das Lungengewebe zerstört. 

Kortikosteroide zum Inhalieren werden in der Regel in Kombination mit lang wirkenden Bronchodilatatoren eingesetzt, um bei COPD-Patienten eine akute Verschlechterung des Lungenzustands zu verhindern. 

Während Kortikosteroide eine Entzündung bzw. eine Zustandsverschlechterung reduzieren, verbessern Bronchodilatatoren die Atmung, indem sie die Bronchien erweitern.

Nutzen von Kortikosteroiden hängt von drei Hauptfaktoren ab

Seit Jahren wird über den Einsatz von Kortikosteroiden bei der sehr heterogenen Gruppe von COPD-Patienten debattiert. 

In Leitlinien wird zwar ein personalisierter Behandlungsansatz vorgeschlagen. 

Doch bleiben diese recht vage, da unklar ist, für wen der Nutzen die schädlichen Nebenwirkungen überwiegt.

Eine Studie unter der Leitung von Henock Yebyo, Postdoktorand am Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich (UZH), bringt nun Licht in diese Frage. 

«Unsere Ergebnisse zeigen, dass drei Hauptfaktoren die Balance zwischen Therapienutzen und Nebenwirkungen unterschiedlich dosierter Kortikosteroide beeinflussen: 

das Risiko einer akuten Verschlechterung, 

die Menge bestimmter Blutzellen, 

das Alter des Patienten», sagt Erstautor Yebyo.

Systematische Betrachtung von Behandlungs- und Patientenmerkmalen

Die Forscher berücksichtigten zahlreiche Merkmale von Therapien und Patientinnen, die einen Einfluss auf das Nutzen-Risiko-Verhältnis haben. 

Sie führten umfassende statistische Analysen durch, um zu berechnen, wie hoch das Risiko für akute Verschlechterungen bei den Patienten sein muss, damit der Nutzen, dieses Risiko zu reduzieren, die Nebenwirkungen überwiegt: 

eine schwere Lungenentzündung, 

Pilzbefall der Mundschleimhaut und Heiserkeit. 

Sie fanden heraus, dass Patientinnen von niedrig bis mittelstark dosierten Kortikosteroiden nicht profitieren, wenn ihr Risiko, in den nächsten zwei Jahren eine akute Verschlechterung zu erleiden, weniger als 32 Prozent beträgt. Was typischerweise jene Patienten sind, deren Lungenzustand in der Vergangenheit stabil war.

In den Leitlinien wurde die Dosierung der Kortikosteroide bisher nicht berücksichtigt.  

Die UZH-Studie zeigt nun deutlich, dass hohe Dosen mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sind, die den Nutzen nicht rechtfertigen. 

  • Patienten über 80 Jahren profitieren von der Therapie ebenfalls kaum, da ihr Risiko, eine Lungenentzündung zu entwickeln, höher ist als die Verringerung einer akuten Verschlechterung. 

Patientinnen mit grösseren Mengen bestimmter, für Asthma typischer Blutzellen –sogenannte Eosinophile – profitieren dagegen eher.

Systematischer Ansatz ermöglicht individuellere Behandlungen

Als die Wissenschaftler ihre Ergebnisse anhand von Daten von zwei Patientengruppen aus der Schweiz und den Niederlanden überprüften, zeigte sich, dass einige Patienten mit Kortikosteroiden überbehandelt werden, während andere unterbehandelt werden. 

«Unsere Ergebnisse führen nicht unbedingt dazu, dass weniger Kortikosteroide eingesetzt werden. 

Aber sie helfen, die Über- und Unterversorgung zu minimieren, indem die Therapie hinsichtlich Dosierung und Patientenmerkmalen zugeschnitten wird», erklärt Henock Yebyo.

Die Präzisionsmedizin wird oft auf einzelne Faktoren wie einen genetischen Marker reduziert, doch die Realität ist meist komplizierter. 

Mit ihrem systematischen Ansatz haben die Forschenden drei Kategorien von Faktoren, die das Behandlungsergebnis beeinflussen, berücksichtigt und sie umfassend kombiniert: 

Faktoren, die Behandlungseffekte verändern, Faktoren, die mit den Risiken für Nutzen und Nebenwirkungen ohne Behandlung verbunden sind, und Patientenpräferenzen. 

«Unsere Studie dient als Beispiel dafür, wie die Komplexität der Nutzen-Schaden-Balance systematisch angegangen werden kann, damit medizinische Richtlinien klare und nützliche Empfehlungen für personalisierte Behandlungen geben können", sagt UZH-Professor Milo Puhan.

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Originalpublikation:

Yebyo HG, Braun J, Menges D, Riet Gt, Sadatsafavi M, Puhan MA. Personalising add-on treatment with inhaled corticosteroids in patients with chronic obstructive pulmonary disease: a benefit-harm modelling study. Lancet Digital Health. 25 August 2021. DOI: 10.1016/S2589-7500(21)00130-8



Dr. rer. nat. Cristina Cadenas: CAVE: Die Fettlebererkrankung die Bildung von Nierensteinen begünstigt.

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Fettlebererkrankung begünstig die Bildung von Nierensteinen

Die nicht-alkoholische Fettlebererkrankung (NAFLD) ist die häufigste Lebererkrankung in den westlichen Ländern mit weltweit steigender Inzidenz. 

Folgen einer NAFLD können auch Nierenerkrankungen und Nierensteine sein, wobei die Mechanismen zur Entwicklung dieser Nierenleiden auf Grund von NAFLD noch nicht vollständig aufgeklärt sind.

Forschende des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) haben jetzt in einem Paper veröffentlicht, wie die Fettlebererkrankung die Bildung von Nierensteinen begünstigt.

Forschende am IfADo haben in Studien herausgefunden, dass durch die Fettlebererkrankung die Stoffwechselprozesse in der Leber gestört sind. 

In Folge dessen kommt es zu einer höheren Anreicherung von Oxalat. 

Oxalat ist nicht nur in einigen Lebensmitteln vorhanden, sondern wird als Stoffwechselprodukt in der Leber gebildet und durch die Niere über den Urin ausgeschieden. 

  • Eine erhöhte Konzentration von Oxalat im Urin ist mit einem höheren Risiko für das Fortschreiten einer chronischen Nierenerkrankung verbunden, denn Oxalat bindet Kalzium, was zur Bildung von Nierensteinen führen kann.


Obwohl Nierensteine in der Regel nicht lebensbedrohlich sind, treten sie häufig wieder auf und sind Ursache für eine chronische Nierenerkrankungen. 

  • In einer gesunden Leber verhindert das Enzym Alanin-Glyoxylat-Aminotransferase (AGXT), dass zu viel Oxalat entsteht. 

Die IfADo Studie zeigt aber, dass AGXT in der Fettleber vermindert ist und damit seine Funktion nicht ausreichend ausüben kann. 

Eine Fettlebererkrankung stellt damit auch einen Risikofaktor für Nierensteine und chronische Nierenerkrankungen dar.

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Dr. rer. nat. Cristina Cadenas
Gruppenleiterin Interorgan-Toxikologie
Telefon: +49 231 1084-392
E-Mail: cadenas@ifado.de

Anne Rommel Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund

Ardeystraße 67
44139 Dortmund
Deutschland
Nordrhein-Westfalen

Telefon: 0231 - 1084 239
E-Mail-Adresse: rommel@ifado.de
Originalpublikation:

Epigenomic and transcriptional profiling identifies impaired glyoxylate detoxification in NAFLD as a risk factor for hyperoxaluri, Cell Reports, VOLUME 36, ISSUE 8, 109526, AUGUST 24, 2021. DOI: https://doi.org/10.1016/j.celrep.2021.109526