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PD OA Dr. Johannes Dietrich + OA Dr. Assem Aweimer: Takotsubo-Kardiomyopathie + Stress-Kardiomyopathie ´+ Broken Heart Syndrome

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit:Wie die Schilddrüse stressbedingte Herzprobleme beeinflusst

  • Brustschmerz, Atemnot, Herzstolpern und Herzklopfen: 

Diese Symptome charakterisieren nicht nur einen Herzinfarkt, sondern können auch durch ein anderes, noch wenig erforschtes Krankheitsbild hervorgerufen werden. 

Bei der sogenannten Takotsubo-Kardiomyopathie handelt es sich um eine seltene, aber lebensbedrohliche Erkrankung des Herzens, die bei extremen Stressereignissen eintreten kann. 

Teams aus Herz- und Hormonforschung in Bochum und Mannheim haben jetzt gezeigt, dass offenbar ein starker Zusammenhang besteht zwischen dem Auftreten eines Takotsubo-Syndroms und einer gestörten Schilddrüsenfunktion von Betroffenen. 

 Johannes Dietrich und Assem Aweimer (rechts) haben das Broken Heart Syndrome näher untersucht.

 Johannes Dietrich und Assem Aweimer (rechts) haben das Broken Heart Syndrome näher untersucht. M. Kalwey M. Kalwey, Bergmannsheil

Die multizentrische Studie, an der federführend das Berufsgenossenschaftliche Universitätsklinikum Bergmannsheil, Klinikum der Ruhr-Universität Bochum (RUB), beteiligt war, wurde am 12. November 2020 im Journal of Internal Medicine publiziert.

  • Schwerwiegende Funktionsstörung des Herzmuskels


Die Takotsubo-Kardiomyopathie – auch Stress-Kardiomyopathie oder Broken Heart Syndrome genannt – ist als Krankheitsbild erst seit rund 30 Jahren bekannt. 

  • Sie ist gekennzeichnet durch eine akute schwerwiegende Funktionsstörung des Herzmuskels, meist ausgelöst durch eine extreme emotionale und psychische Belastungssituation. 

Frühzeitig erkannt und richtig behandelt, ist die Prognose für die meisten Patienten günstig. 

Allerdings kann es in der Akutphase der Erkrankung zu komplizierten und sogar lebensgefährlichen Verläufen kommen. 

  • Forscher vermuteten schon länger, dass es eine enge Beziehung zwischen dem Auftreten einer Takotsubo-Kardiomyopathie und Erkrankungen der Schilddrüse gibt. 

Eine Arbeitsgruppe aus Bochum und Mannheim hat jetzt in einer größeren Fallserie Patienten mit Takotsubo-Syndrom systematisch hinsichtlich ihres Schilddrüsenstoffwechsels untersucht und sie mit Gesunden und mit Personen nach einem Herzinfarkt verglichen.

Mithilfe künstlicher Intelligenz und systembiologischen Modellen fand sich ein starker Zusammenhang zwischen Schilddrüsenfunktion und Takotsubo-Syndrom, und zwar in zwei Unterformen. 

Bei der einen Form, endokriner Typ genannt, liegt eine Überfunktion der Schilddrüse vor, die zur Entwicklung der Herzkrankheit beiträgt. 

Die zweite Form, der sogenannte Stresstyp, ist durch einen erhöhten Sollwert der Schilddrüsenregulation bedingt, der wahrscheinlich direkt mit dem Stressereignis zusammenhängt. Hierbei ist kein direkter Beitrag der kreislaufrelevanten Schilddrüsenhormone auf das Herz nachweisbar.

Wie Hormone die Herzempfindlichkeit beeinflussen

„Es war bislang unklar, warum sich Stressereignisse sehr unterschiedlich auf das Herz auswirken“, erklärt Dr. Assem Aweimer, Oberarzt der Kardiologischen Klinik im Bergmannsheil. 

„Die Ergebnisse unserer Studie liefern ein neues Erklärungsmodell, das eine erhöhte Empfindlichkeit des Herzmuskels für Stresshormone auf eine Sensibilisierung durch Schilddrüsenhormone zurückführt.“ Privatdozent Dr. Johannes Dietrich, Oberarzt der Medizinischen Klinik I im Bergmannsheil, ergänzt: 

„Die Ergebnisse der Studie streichen die Bedeutung psychoendokriner Zusammenhänge auch bei schweren Erkrankungen heraus. 

Die Schilddrüsenfunktion könnte künftig als Biomarker für den individuellen Entstehungsmechanismus eines Takotsubo-Syndroms dienen und helfen, die medikamentöse Therapie personalisiert zu optimieren.“

Originalveröffentlichung

Assem Aweimer et al.: Abnormal thyroid function is common in Takotsubo syndrome and depends on two distinct Mechanisms: Results of a multicenter observational study, in: Journal of Internal Medicine, 2020, DOI: 10.1111/joim.13189, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/joim.13189

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Originalpublikation:

Assem Aweimer et al.: Abnormal thyroid function is common in Takotsubo syndrome and depends on two distinct Mechanisms: Results of a multicenter observational study, in: Journal of Internal Medicine, 2020, DOI: 10.1111/joim.13189, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/joim.13189

 

Die Risikoabschätzungen: Patienten mit chronischen Lungen- und Atemwegserkrankungen - Atmungsorgane

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: DGP: Pneumologen legen aktualisierte Stellungnahme zur Risikoabschätzung vor

Chronische Atemwegserkrankungen und SARS-CoV-2: 

Nicht Jeder ist ein Risikopatient

Wie hoch ist mein Risiko für einen schweren Verlauf? 

Für Patienten mit chronischen Lungen- und Atemwegserkrankungen, aber auch anderen chronischen Krankheiten stellen sich mit besonderer Dringlichkeit diese Fragen angesichts der Covid-19-Pandemie. 

Um der Verunsicherung von Patienten und behandelnden Ärzten entgegenzuwirken, hat die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V. (DGP) gemeinsam mit dem Bundesverband der Pneumologen, Schlaf- und Beatmungsmediziner e. V. (BdP) nun eine aktualisierte Stellungnahme veröffentlicht.

Diese soll die Risikoabschätzung bei unterschiedlichen chronischen Erkrankungen – insbesondere der Atmungsorgane - erleichtern. 

Darin wird der bisherige Wissensstand zusammengefasst, wie Vorerkrankungen das Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf beeinflussen und welche Schutzmaßnahmen notwendig sind.  

  • Heute geht man davon aus, dass eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus nur bei einer Minderheit von weniger als fünf Prozent der Infizierten einen schweren Verlauf nimmt. 
  • Bereits im Frühjahr zeichnete sich ab, dass Senioren, Männer, Menschen mit Diabetes und Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen hiervon besonders betroffen sind. 
  • Auch Patienten mit bestimmten Lungenerkrankungen wie COPD, fortgeschrittener interstitieller Lungenerkrankung wie der Lungenfibrose, Lungenkrebs und Lungentransplantierte sind nach derzeitigem Kenntnisstand stärker gefährdet. 

„Das trifft jedoch längst nicht für alle Krankheiten aus unserem Fachgebiet zu“, sagt Professor Dr. med. habil Marek Lommatzsch, Oberarzt der Abteilung für Pneumologie des Zentrums für Innere Medizin der Universitätsmedizin Rostock und Hauptautor der aktualisierten Stellungnahme.

Für die große Gruppe der Asthma-Patienten etwa könne weitgehend Entwarnung gegeben werden – Asthma gleich welchen Schweregrades habe sich in bisherigen Studien nicht als eigenständiger Risikofaktor für einen schweren COVID-19-Verlauf erwiesen.  

Allerdings könne eine Anpassung der Medikation ratsam sein: 

  • „Es gibt Hinweise darauf, dass hoch dosierte inhalative Steroide, ebenso wie eine systemische Steroidtherapie das Risiko für einen schweren Verlauf erhöhen“, sagt Lommatzsch. 

Hier biete sich eine Umstellung auf eine Therapie mit Biologika an. 

  • Niedrig- oder mittelhochdosierte inhalative Steroide (dies betrifft die übergroße Mehrheit aller Patienten mit Asthma) seien dagegen unbedenklich.

Ähnliche Empfehlungen gelten auch für die Therapie von chronischen Erkrankungen wie der Sarkoidose oder bestimmten anderen interstitiellen Lungenerkrankungen. „Auch hier wird die Fortführung der immunsuppressiven oder immunmodulatorischen Therapie mit der niedrigsten noch wirksamen Dosis in jedem Fall empfohlen“, sagt Professor Dr. med. Torsten Bauer, stellvertretender Präsident der DGP und Mitautor des Positionspapieres. 

Bei einer Unterbrechung der Therapie sei davon auszugehen, dass der Schaden durch eine Verschlechterung der Grunderkrankung den Nutzen in Bezug auf das COVID-19-Risiko überwiege.  

Lediglich bei nachgewiesener SARS-CoV-2-Infektion könne die Therapie kurzfristig pausiert werden.

Trotz der immer besser werdenden Datenlage bleibt die Risikoabschätzung für die verschiedenen Lungenerkrankungen, die das DGP-Statement anhand von 13 konkreten Fällen und Fragen praxisnah beleuchtet, kompliziert: Denn für das COVID-19-Risiko spielt die Lungenerkrankung selbst oft nicht die wichtigste Rolle. Selbst das Vorliegen einer COPD, die bereits früh als eigenständiger Risikofaktor genannt wurde, erhöht die Gefahr eines schweren COVID-19-Verlaufs für sich genommen nur mäßig. „Hier liegen jedoch häufig Begleiterkrankungen und zusätzliche Risikofaktoren vor, deren Effekt nur schwer von dem der Lungenschädigung zu trennen ist“, erklärt Professor Dr. med. Michael Pfeifer, Universität Regensburg, Chefarzt der Klinik für Pneumologie, Klinik Donaustauf und der Klinik für Pneumologie und konservative Intensivmedizin, KH Barmherzige Brüder, Regensburg und Präsident der DGP. Die Patienten seien meist älter, viele wiesen auch Herz-Kreislauf-Risikofaktoren auf – „allein dadurch ist das Risiko für einen schweren Verlauf deutlich erhöht.“

Auch das Stadium der Erkrankung oder der Allgemeinzustand des Patienten – etwa bei Krebspatienten – beeinflusst das individuelle COVID-19-Risiko erheblich. 

  • Einen vorbeugenden Daueraufenthalt zu Hause empfehlen die DGP-Experten jedoch selbst bei erhöhtem Risikoprofil nicht. 

„Dieser ist meist nicht erforderlich und angesichts der vielen positiven Aspekte von körperlicher Bewegung auch nicht sinnvoll“, so Pfeifer. 

Die vom RKI empfohlenen Hygiene- und Abstandsregeln seien allerdings für all diese Patienten konsequent einzuhalten. 

Je nach Risikokonstellation und in Absprache mit dem Arzt können auch FFP-Masken getragen werden. 

Außerdem raten die Lungen-Experten Lungenpatienten unbedingt zu einer Impfung gegen Pneumokokken, die eine Vielzahl der bakteriellen Lungenentzündungen verursachen.

Das vollständige Positionspapier der DGP können Sie unter dem folgenden Link abrufen: https://pneumologie.de/covid-19

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Dr. Bo Eric Beuthner + Prof. Dr. Gerd Hasenfuß: Die kardiale Fibrose und die Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI) - Aortenstenose

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: UMG-Kardiologe erhält Lieselotte Becht-Forschungspreis für neue Erkenntnisse bei TAVI

Deutsche Stiftung für Herzforschung (DSHF) zeichnet Dr. Bo Eric Beuthner für seine Forschung über den Einfluss von Transkatheter-Aortenklappenimplantationen (TAVI) auf den Behandlungserfolg bei Patient*innen mit Aortenstenose aus.

 Dr. Bo Eric Beuthner, Assistenzarzt der Klinik für Kardiologie und Pneumologie der Universitätsmedizin Göttingen.

 Dr. Bo Eric Beuthner, Assistenzarzt der Klinik für Kardiologie und Pneumologie der Universitätsmedizin Göttingen. Bild: umg/hzg

 Dr. Bo Eric Beuthner, Assistenzarzt in der Klinik für Kardiologie und Pneumologie der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), ist von der Deutschen Stiftung für Herzforschung (DSHF) mit dem August Wilhelm und Lieselotte Becht-Forschungspreis 2020 geehrt worden. Der Preis ist mit 15.000 Euro dotiert. Ausgezeichnet wurde Dr. Beuthner für seine Arbeit mit dem Titel „Impact of myocardial fibrosis on left ventricular remodelling, recovery, and outcome after transcatheter aortic valve implantatoin in different haemodynamic subtypes of severe aortic stensosis“.

Originalveröffentlichung: Miriam Puls, Bo Eric Beuthner, Rodi Topci, Anja Vogelgesang, Annalen Bleckmann, Maren Sitte, Torben Lange, Sören Jan Backhaus, Andreas Schuster, Tim Seidler, Ingo Kutschka, Karl Toischer, Elisabeth Zeisberg, Claudius Jacobshagen, Gerd Hasenfuß: Impact of myocardial fibrosis on left ventricular remodel-ling, recovery, and outcome after transcatheter aortic valve implantation in different haemodynamic subtypes of severe aortic stenosis. European Heart Journal (2020), doi: 10.1093. February 12th, 2020.

In der prämierten Studie ist Dr. Beuthner zwei bislang ungeklärten Fragen nachgegangen: 

  • Welchen Einfluss haben die typischen Gewebeveränderungen bei e
  • iner kardialen Fibrose auf die Umbauprozesse des Herzens? 

Und: Wie wirken sich diese auf die Behandlungsergebnisse von Patient*innen mit schwerer Aortenstenose nach einer Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI) aus? 

„Die seit etwas mehr als zehn Jahren verfügbare kathetergestützte Aortenklappenimplantation (TAVI) hat die Behandlung der Aortenstenose revolutioniert. Sie ermöglicht nun auch die Behandlung von älteren und gebrechlichen Patienten, für die es zuvor keine Therapiemöglichkeiten gegeben hat. 

Bisher waren keine Daten zum Einfluss der histologisch gesicherten, kardialen Fibrose (Bindegewebsvermehrung) auf das Überleben und die Lebensqualitäten der Patienten nach TAVI verfügbar“, erläutert Dr. Beuthner die Ausgangslage der Studie.

100 Studien-Patient*innen wurde während des kathetergestützten Aortenklappenersatzes (TAVI) zusätzlich eine Gewebeprobe aus der linken Herzhauptkammer entnommen. Die Probe diente dazu, einen möglichen Zusammenhang zwischen der kardialen Fibrose, dem Überleben nach Klappenersatz, der Erholung des Herzens und dem Befinden der Patient*innen zu untersuchen. 

  • Das Ergebnis der Untersuchungen: Die Vermehrung des Bindegewebes im Herzen verzögert die Erholung der Herzfunktion und mindert die Überlebenswahrscheinlichkeit nach einer TAVI-Prozedur.

„Die Studie hat uns aufgezeigt, dass die Beschaffenheit des Herzgewebes eine bedeutende Rolle für das Leben nach einem Klappenersatz spielt

  • Folglich sollte zusätzlich zum Klappenersatz bei Patienten mit ausgeprägter Herzmuskelfibrose eine medikamentöse Therapie zur Reduktion der Fibrose durchgeführt werden

Die Ergebnisse dienen uns als Grundlage für die Entwicklung dieser antifibrotischen Therapie. Eine entsprechende Patientenstudie ist bereits für 2021 geplant“, sagt Dr. Beuthner.

„Ich freue mich außerordentlich über die Auszeichnung von Herrn Dr. Beuthner, der mit seinen Kolleginnen und Kollegen eine großartige Forschungsarbeit hier in Göttingen leistet. Die inzwischen fünfmalige Auszeichnung von Göttinger Herzforschern mit dem renommierten Forschungspreis ehrt und unterstreicht die wissenschaftliche Expertise an unserem Standort", sagt Prof. Dr. Gerd Hasenfuß, Direktor der Klinik für Kardiologie und Pneumologie, Vorsitzender des Herzzentrums Göttingen und Letztautor der Studie.

Hintergrundinformationen


  • Die Aortenklappenstenose ist die häufigste Herzklappenerkrankung im höheren Erwachsenenalter. 
  • Ist die Aortenklappe verengt, kann das Blut nicht mehr ausreichend in den Körper gepumpt werden. 
  • Hierdurch kommt es bei den Betroffenen häufig zu Luftnot, starken Brustschmerzen und Schwindel bis hin zur Bewusstlosigkeit. 
  • Um das Herz-Kreislauf-System bei einer Mehrbelastung zu stabilisieren, passt sich der Herzmuskel an (Kardiales Remodeling).
  • Bei einer Aortenstenose wird die Belastung chronisch und es kann zu einer fortschreitenden krankhaften Veränderung des Herzmuskels kommen. 
  • Diese zeigt sich unter anderem durch Vermehrung des Bindegewebes im Herzmuskel (Fibrose). 
  • Eine chronische Herzschwäche kann die Folge sein. 
  • Daher sollte eine schwere Aortenstenose zeitnah behandelt werden.


In den vergangenen zehn Jahren hat sich der kathetergestützte Aortenklappenersatz (TAVI) über die Leistenarterie als Alternative zum chirurgischen Eingriff bei einer fortgeschrittenen Aortenstenose insbesondere bei älteren Patient*innen mit erhöhtem Operationsrisiko durchgesetzt. 

Bei diesem besonders schonenden Verfahren wird die verkalkte Aortenklappe zur Seite gedrückt und eine neue Herzklappe mittels Katheter in Position gebracht.

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Originalpublikation:

Originalveröffentlichung: Miriam Puls, Bo Eric Beuthner, Rodi Topci, Anja Vogelgesang, Annalen Bleckmann, Maren Sitte, Torben Lange, Sören Jan Backhaus, Andreas Schuster, Tim Seidler, Ingo Kutschka, Karl Toischer, Elisabeth Zeisberg, Claudius Jacobshagen, Gerd Hasenfuß: Impact of myocardial fibrosis on left ventricular remodelling, recovery, and outcome after transcatheter aortic valve implantation in different haemodynamic subtypes of severe aortic stenosis. European Heart Journal (2020), doi: 10.1093. February 12th, 2020.

 

Prof. Dr. Victor Spoormaker: CAVE-Untersucher: Die Pupille - Erweiterungen diagnostisch beachten - Schwere Depressions-Symtomatik

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Depression in der Pupille sehen

  • Können Menschen etwas gewinnen oder verlieren, so erweitert sich ihre Pupille leicht. 
  • Forscher haben herausgefunden, dass diese Erweiterung bei akut depressiven Patienten geringer ausfällt als bei Gesunden. 

Je schwerer die Patienten erkrankt waren, desto weniger weitete sich sogar das Augeninnere. 

Diese Erkenntnis könnte langfristig zu einer fundierteren Diagnose führen, die nicht nur auf den Aussagen der Patienten basiert, sondern biologisch begründet ist. 

Daraus abgeleitet könnte auch die Therapie mit Medikamenten individueller angepasst werden.

Seit Jahrzehnten versuchen Wissenschaftler herauszufinden, ob depressive Patienten Belohnungen weniger wertschätzen als nicht-depressive Probanden. 

Studienteilnehmer im Max-Planck-Institut für Psychiatrie (MPI) absolvierten jetzt im Magnetzresonanztomographen (MRT) ein einfaches Spiel, bei dem sie einen kleinen Geldbetrag gewinnen konnten.  

Ein klarer Anreiz, der bei Gesunden zur Erweiterung der Pupille führt

Dabei haben die Forscher die Pupillen ihrer Studienteilnehmer extrem genau und mit extrem hohem Tempo vermessen: Mit einem speziellen Versuchsaufbau konnten sie 250 Bilder pro Sekunde aufnehmen – zum Vergleich, wir blinzeln überhaupt nur alle vier bis sechs Sekunden.

Das Ergebnis: 

Die MPI-Wissenschaftler konnten erstmals die Verbindung zwischen einer Pupillen-Erweiterung als Reaktion auf eine zu erwartende Belohnung und dem Schweregrad der Depression der jeweiligen Testperson nachweisen. 

Je schwerer die Symptome waren, desto weniger weit öffneten sich die Pupillen.

Die Studie zeigt, dass die Aussicht auf eine Belohnung bei schwer depressiven Patienten nicht zur gleichen Verhaltensaktivierung führt wie bei Gesunden. 

Ihr Nervensystem kann sich selbst bei so einer positiven Erwartung weniger stark aktivieren. 

„Wir vermuten, dass dahinter ein physiologisches System steht, das die oft berichtete Antriebsstörung bei Patienten teilweise erklären kann“, sagt Studienleiter Victor Spoormaker.

Die Forscher am MPI gehen davon aus, dass psychiatrische Erkrankungen anders aufgeteilt werden sollten als in die bisherigen Diagnose-Gruppen. 

Maßgebend wären biologische Faktoren wie die Pupillenerweiterung, die klar messbar sind. Depressive Patienten, die mit ihren Pupillen weniger stark reagieren, würden eine eigene Untergruppe bilden. 

„Dann könnten wir diese Patienten medikamentös auch zielgerichteter behandeln“, so die Einschätzung von Spoormaker. Um diesen Ansatz zu verfeinern, bedarf es noch weiterer Forschung.

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Prof. Dr. Victor Spoormaker
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Originalpublikation:

Brain Sciences | https://doi.org/10.3390/brainsci10120906

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Prof. Dr. Martin Röösli: CAVE-Untersucher: Chronische Lärmbelastung: Herz-Kreislauftod

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Fluglärm in der Nacht kann zum Herz-Kreislauf-Tod führen

  • Zum ersten Mal hat eine Studie gezeigt, dass lauter Fluglärm in der Nacht innerhalb von zwei Stunden zum Herz-Kreislauf-Tod führen kann. 

Forschende des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts (Swiss TPH) und Partner haben die Sterblichkeitsdaten mit der akuten nächtlichen Lärmbelastung um den Flughafen Zürich zwischen 2000 und 2015 verglichen. 

Die Ergebnisse der Studie wurden heute im renommierten European Heart Journal veröffentlicht.

Die meisten Studien über Verkehrslärm und Herz-Kreislauf-Sterblichkeit konzentrierten sich bisher auf die langfristige Lärmbelastung. 

Diese Studien zeigen auf, dass chronische Lärmbelastung ein Risikofaktor für die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit ist. 

Insgesamt können in Europa rund 48’000 Fälle von ischämischen Herzerkrankungen pro Jahr auf Lärmbelastung zurückgeführt werden, insbesondere auf Strassenverkehrslärm.

Zum ersten Mal wurde im Rahmen einer Studie unter der Leitung des Swiss TPH nun aufgezeigt, dass akuter nächtlicher Fluglärm innerhalb von zwei Stunden ab der Lärmbelastung einen Herz-Kreislauf-Tod auslösen kann

Die heute in der Fachzeitschrift European Heart Journal veröffentlichte Studie ergab, dass das Risiko eines Herz-Kreislauf-Todes bei einer nächtlichen Lärmbelastung zwischen 40 und 50 Dezibel um 33 Prozent und bei einer Belastung über 55 Dezibel um 44 Prozent steigt.

«Wir haben festgestellt, dass zwischen 2000 und 2015 bei ungefähr 800 von 25’000 Herz-Kreislauf-Todesfällen in der Nähe des Flughafens Zürich Fluglärm die Ursache war. 

Dies entspricht drei Prozent aller beobachteten Herz-Kreislauf-Todesfälle», sagt Martin Röösli, Korrespondenzautor der Studie und Leiter der Einheit «Environmental Exposures and Health» am Swiss TPH.

  • Gemäss Martin Röösli zeigen die Ergebnisse, dass Fluglärm ähnliche Auswirkungen auf die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit haben kann wie Emotionen (zum Beispiel Wut oder Aufregung). 

«Die Ergebnisse überraschen nicht, denn wir wissen, dass eine Lärmbelastung in der Nacht Stress verursacht und den Schlaf beeinträchtigt», erklärt er. 

In ruhigen Gegenden mit wenig Eisenbahn- und Strassenverkehrslärm war die nächtliche Fluglärmwirkung stärker ausgeprägt.  

  • Dies war auch der Fall bei Menschen, die in älteren, weniger isolierten und damit lärmanfälligen Häusern wohnen.


Am Flughafen Zürich gilt ein Flugverbot zwischen 23.30 und 6.00 Uhr. 

«Auf Basis unserer Studienergebnisse können wir folgern, dass dieses nächtliche Flugverbot zusätzliche Herz-Kreislauf-Todesfälle verhindert», so Röösli.

Innovatives Studiendesign zum Ausschluss von Bias

Im Rahmen der Studie wurde ein Case-Crossover-Design verwendet, um herauszufinden, ob die Fluglärmbelastung zum Zeitpunkt der Todesfälle im Vergleich zu zufällig gewählten Kontrollzeiträumen ungewöhnlich hoch war. 

«Dieses Studiendesign ist sehr hilfreich, wenn man akute Auswirkungen der Lärmbelastung mit einer hohen täglichen Variabilität untersuchen möchte, wie im Falle von Fluglärm wegen wechselnden Wetterbedingungen oder Flugverspätungen», meint Apolline Saucy, Hauptautorin der Studie und Doktorandin am Swiss TPH. 

«Mit diesem zeitlichen Analyseansatz können wir die Wirkung ungewöhnlich hoher oder niedriger Lärmbelastungen auf die Sterblichkeit von anderen Faktoren abgrenzen. Faktoren, die auf den Lebenswandel zurückgehen, wie z. B. Rauchen oder schlechte Ernährung, stellen in diesem Studiendesign keine Verzerrung dar.»

Die Lärmbelastung wurde anhand einer Liste aller Flugzeugbewegungen beim Flughafen Zürich zwischen 2000 und 2015 und in Verbindung mit bereits vorhandenen Berechnungen der Fluglärmbelastung modelliert. Dabei berücksichtigt wurde der Flugzeugtyp, Flugroute sowie Tages- und Jahreszeit.

Über die Studie

Saucy, A., Schäffer, B., Tangermann, L., Vienneau, D., Wunderli, J. M., Röösli, M. Does nighttime aircraft noise trigger mortality? A case-crossover study on 24,886 cardiovascual deaths. (2020) European Heart Journal. DOI: 10.1093/eurheartj/ehaa957

Die Studie wurde vom Swiss TPH in Zusammenarbeit mit der Empa und mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds durchgeführt (Förderungsnummer 324730_173330).

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Originalpublikation:

https://academic.oup.com/eurheartj/advance-article/doi/10.1093/eurheartj/ehaa957...


Dr. Victor Corman: Corona- Picornaviren - Verlauf einer viralen Atemwegserkrankung

Medizin am Abend Berlin -MaAB-Fazit: Eine Glaskugel für Erkältungsviren

Neue Charité-Nachwuchsgruppe in der Infektionsforschung

Lässt sich der Verlauf einer viralen Atemwegserkrankung – beispielsweise verursacht durch Coronaviren – anhand individueller Merkmale der Patientinnen und Patienten vorhersagen? 

Dieser Frage wird eine Nachwuchsgruppe um Dr. Victor Corman an der Charité – Universitätsmedizin Berlin jetzt nachgehen. 

Das bereits im vergangenen Jahr beantragte Forschungsvorhaben gewinnt im Zuge der aktuellen Pandemie eine ganz neue Bedeutung. Es wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) über fünf Jahre mit knapp zwei Millionen Euro gefördert.

Virusinfektionen der Atemwege sind die häufigsten Infektionskrankheiten beim Menschen: 

Im Schnitt erkranken Erwachsene dreimal, Kinder sechsmal im Jahr. 

In den meisten Fällen verlaufen die Infektionen mild – hin und wieder führen sie aber zu einer schweren Lungenentzündung, die tödlich sein kann. Eine Frage, die sich seit der COVID-19-Pandemie nicht nur Experten stellen, lautet: 

Warum sind die Verläufe so unterschiedlich? 

Und gibt es individuelle Eigenschaften bei den Patientinnen und Patienten, die sich für eine Vorhersage des Krankheitsverlaufs nutzen lassen? 

Dr. Victor Corman, Wissenschaftler und Arzt am Institut für Virologie am Campus Charité Mitte, setzte sich schon 2019 das Ziel, dieses Thema langfristig zu erforschen – und zwar anhand der landläufigen Corona- und sogenannten Picornaviren. Das Vorhaben mit dem Titel „VARIPath“ reichte er für eine Förderung im BMBF-Programm „Nachwuchsgruppen in der Infektionsforschung“ ein – mit Erfolg. Inzwischen hat sich gezeigt, dass Dr. Corman mit seinem Antrag Weitblick bewiesen hat. Denn der Bedarf, den Krankheitsverlauf bei Infektionen mit Atemwegsviren wie SARS-CoV-2 vorauszusagen, ist heute offensichtlich.

Zwei Ansatzpunkte will der Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) und stellvertretende Leiter des Konsiliarlabors für Coronaviren an der Charité in seiner neuen Forschungsgruppe verfolgen, um einer Vorhersage des Krankheitsverlaufs näher zu kommen: Die Analyse von Eigenschaften des Virus einerseits und des individuellen Immunsystems andererseits. „Wenn sich ein Atemwegsvirus im Menschen vermehrt, kommt es immer zu geringfügigen Mutationen in der Viruspopulation“, erklärt Dr. Corman. „Wir wollen herausfinden, ob sich aus den Merkmalen der Viruspopulationen eine Prognose für die Erkrankten ableiten lässt.“

Der Mediziner wird modernste Methoden der Hochdurchsatz-Sequenzierung nutzen, um eine solche Evolution des Virus im Patienten im Detail analysieren zu können. Dabei wird er sich insbesondere auf Picornaviren und Coronaviren konzentrieren. Beide Virusarten speichern ihre Erbinformation in Form von RNA, zeigen aber sehr unterschiedliche Mutationsraten. 

Während Coronaviren nur langsam mutieren, verändert sich das Erbgut von Picornaviren deutlich schneller. Zusätzlich zur ursprünglich vorgesehenen Untersuchung bislang bekannter und verbreiteter Coronaviren wie HCoV-NL63 oder HCoV-OC43 wird Dr. Corman auch das neue Coronavirus SARS-CoV-2 in seine Studien aufnehmen.

Parallel plant der Forscher, individuelle Eigenschaften der Immunreaktion bei verschiedenen Patientinnen und Patienten zu analysieren. Dazu will er beispielsweise per Genanalyse kartieren, gegen welche Oberflächenstrukturen des Virus sich einzelne Immunzellen, die sogenannten B- und T-Zellen, richten. Ebenso untersucht werden soll die Antikörper-Antwort sowie die Ausschüttung verschiedener Immun-Botenstoffe, der Zytokine. 

„Für all diese Parameter werden wir dann überprüfen, ob sie beispielsweise Voraussagen über eine Arbeitsunfähigkeit, eine zusätzliche bakterielle Infektion oder einen Aufenthalt auf der Intensivstation zulassen“, erläutert Dr. Corman. „Solche prognostischen Parameter könnten anschließend dabei helfen, Behandlungsstrategien frühzeitig anzupassen und Krankheitsverläufe positiv zu beeinflussen.“

Zur Förderung
Das Forschungsvorhaben VARIPath („Virusevolution und Immunrepertoires als neue prognostische Marker bei akuten viralen Erkrankungen des Respirationstraktes“) wird im Rahmen des BMBF-Förderprogramms „Nachwuchsgruppen in der Infektionsforschung“ seit November 2020 für fünf Jahre gefördert. Mit dem Programm unterstützt das BMBF exzellente Nachwuchsforschende in der klinischen und anwendungsorientierten Infektionsforschung, um Erkenntnisse zur Prävention und Behandlung von Infektionskrankheiten zu generieren und Innovationen für die klinische Praxis zu entwickeln.

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Dr. Victor Corman
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Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteilige

https://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/8883.php BMBF-Förderprogramm „Nachwuchsgruppen in der Infektionsforschung“

https://virologie-ccm.charite.de/ Institut für Virologie (CCM)


CAVE-Untersucher: Die Kinderwunschmedizin in Deutschland

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Kinderwunschmedizin besser als je zuvor – aber bereits ab 35 wird es schwieriger

  • Die Chance, mit Unterstützung einer Kinderwunschbehandlung schwanger zu werden, liegt pro Behandlungszyklus bei etwa 33 Prozent. 
  • Das ist tatsächlich sogar höher als die Quote bei einem einzelnen natürlichen Zyklus bei einem gesunden, sexuell aktiven Paar (etwa 25%). 

Wenn die Paare, bei denen es im ersten Zyklus nicht geklappt hat, einen weiteren Behandlungszyklus auf sich nehmen, liegt die Schwangerschafts-Rate ebenfalls bei etwa 30%. Nach der vierten Behandlung sind drei von vier Paaren werdende Eltern. Aber bereits ab einem Patientinnenalter von 35 Jahren sinken die Erfolgsraten.

21.385 Kinder wurden in Deutschland nach einer im Jahr 2018 begonnenen Kinderwunschbehandlung geboren. 

Dies ist eines der wichtigsten Ergebnisse und Erkenntnisse aus dem Jahrbuch 2019 des Deutschen IVF-Registers (D·I·R), das soeben veröffentlicht wurde(*).

Bessere Chancen unter 35 Jahren

  • Die Statistik des D·I·R Jahrbuchs zeigt aber auch, dass bereits ab 35 Jahren die Gefahr steigt, dass nach dem Einsetzen des Embryos erst gar keine Schwangerschaft zustande kommt, oder dass die Schwangerschaft durch eine Fehlgeburt endet. 
  • Mit 40 Jahren liegt pro Behandlungs-Runde die Chance auf eine Schwangerschaft nur noch bei gut 20% und die Chance auf eine Geburt nur noch bei 15%.


Die Kinderwunschmedizin in Deutschland arbeitet auf einem weltweiten Spitzenniveau“, beschreibt Prof. Dr. med. Jan-Steffen Krüssel vom Kinderwunschzentrum des Universitätsklinikums Düsseldorf. 

„Dennoch können wir nichts daran ändern, dass bei Frauen über 35 Jahre nicht nur die Zahl der Eizellen in den Eierstöcken sinkt, so dass wir nach der hormonellen Stimulation immer weniger reife Eizellen durch eine Punktion gewinnen können. 

  • Es nimmt ab diesem Alter auch bereits die Chance ab, dass sich ein zunächst lebensfähiger Embryo in der Wand der Gebärmutter einnistet. 
  • Während bei Frauen unter 30 Jahren in etwa 4 von 10 Fällen pro Behandlungszyklus diese Einnistung erfolgreich ist, sind es bei den Frauen zwischen 35 und 40 Jahren nur noch drei von zehn, bei einer 40-jährigen Frau nur noch zwei von 10. 

Das ist nicht nur von der Fähigkeit der Gebärmutterschleimhaut abhängig, für die Eizelle eine geeignete Umgebung zu schaffen, sondern auch von der Vitalität der Eizelle selbst.“

  • Das Hauptproblem beim Kinderwunsch mit über 35 oder über 40 ist, dass die Biologie des Menschen Schwangerschaften mit 40 und darüber im Grund genommen für nicht notwendig hält. 

Bis zu diesem Alter hätte normalerweise eine Frau, die keine Verhütungsmittel verwendet, fünf, zehn oder noch mehr Kinder und wäre froh, wenn nicht noch weitere hinzukommen. 

Die natürliche Fehlgeburtenrate bei Frauen mit 45 Jahren liegt bei über 50%.

Kinderwunschbehandlung kann viele, aber nicht alle Probleme lösen

Besteht also erst in diesem Alter ein Kinderwunsch, und wird erst zu diesem Zeitpunkt der Versuch unternommen, Eizellen für eine Kinderwunschbehandlung zu entnehmen, so begrenzt das die Erfolgschancen erheblich. 

„Viel besser ist die Ausgangssituation, wenn die Eizellen für eine spätere Schwangerschaft schon vor dem 35. Lebensjahr entnommen und kältekonserviert wurden; hier entwickeln sich nach dem Auftauen und der Befruchtung mit einem Spermium deutlich häufiger gesunde, überlebensfähige Embryonen“, so Prof. Krüssel. 

 „Doch auch mit der Schwangerschaft selbst sollte die Frau nicht warten, bis sie 45 ist. 

Die Veränderungsprozesse in der Gebärmutter oder im Körper der Frau selbst setzen uns dann oft Grenzen, die wir mit einer früheren Schwangerschaft besser umgehen können.“

Die Krankenkassen und auch die Bundesländer übernehmen einen Teil der Kosten für die Kinderwunschbehandlung bis zum 40. Lebensjahr der Frau, jedenfalls dann, wenn eine Reihe von Bedingungen erfüllt ist. 

„Es ist sinnvoll“, so Krüssel, „trotzdem nicht bis zum letzten Moment abzuwarten und zu versuchen, ob es nicht doch noch auf natürlichem Weg funktioniert. Je früher die Beratung und die Behandlung anfangen, umso besser können wir helfen.“

Über das Deutsche IVF-Register

Die Öffentlichkeit fordert Information und Transparenz im Hinblick auf Diagnostik und Behandlungen auf dem sensiblen Gebiet der Kinderwunschmedizin. Diese Forderung ist berechtigt. Nur mit einer zuverlässigen und kontinuierlichen Auswertung der Behandlungsergebnisse möglichst vieler Kinderwunschzentren, wie sie das Deutsche IVF-Register leistet, kann dieser Forderung gefolgt werden. Darüber hinaus dient diese Auswertung wissenschaftlichen Erkenntnissen und damit verbunden Verbesserungen der medizinischen Versorgung und Ergebnisse. Aber auch bei der Beratung und letztlich der Entscheidungsfindung der ungewollt kinderlosen Paare sind die Auswertungen des Deutschen IVF-Registers von elementarer Bedeutung.

Mit der Auswertung der Behandlungen und ihrer Ergebnisse aus nahezu allen deutschen Kinderwunschzentren stellt das Deutsches IVF-Register (D·I·R)® einen einzigartigen Datenschatz dar, der mittlerweile fast 2 Millionen Behandlungen und über 300.000 geborene Kinder in Deutschland enthält. Das Deutsche IVF-Register (D·I·R)® ist ein gemeinnütziger Verein.

(*): Reproduktionsmed Endokrinologie 2020;17(5), D·I·R Jahrbuch 2019, Deutsches IVF-Register e.V. (D·I·R)®, https://www.deutsches-ivf-register.de/jahrbuch.php


Originalpublikation:

J Reproduktionsmed Endokrinologie 2020;17(5), D·I·R Jahrbuch 2019, Deutsches IVF-Register e.V. (D·I·R)®, https://www.deutsches-ivf-register.de/jahrbuch.php und https://www.kup.at/journals/reproduktionsmedizin/index.html

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Prof. Dr. Anette Buyken: Wann wir essen....Essen gegen die innere Uhr

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Schadet Essen gegen die innere Uhr? Paderborner Forscher untersuchen Einfluss von Ernährungszeiten auf den Stoffwechsel  

Aktuelle Studien zeigen, dass es für die Entstehung von Übergewicht und Krankheiten wie Diabetes mellitus Typ 2 nicht nur wichtig ist, was wir essen, sondern auch wann. 

  • Ungünstige Kohlenhydrate am Abend zu sich zu nehmen, die den Blutzucker stark ansteigen lassen, kann in dieser Hinsicht problematisch sein. 

Eine derzeit laufende Studie der Universität Paderborn soll nun Aufschluss darüber geben, ob das Essen gegen die „innere Uhr“ schon bei jungen Erwachsenen einen negativen Einfluss auf den Stoffwechsel haben kann. 

Die Studie „Chronotype and Nutrition“ (ChroNu) wird seit 2017 für einen Zeitraum von drei Jahren mit rund 200.000 Euro von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. 

Prof. Dr. Anette Buyken vom Institut für Ernährung, Konsum und Gesundheit an der Universität Paderborn. 

 Prof. Dr. Anette Buyken vom Institut für Ernährung, Konsum und Gesundheit an der Universität Paderborn.Besim Mazhiqi Universität Paderborn

Jeder Mensch hat seine eigene „innere Uhr“.  

Sie lässt uns zu bestimmten Uhrzeiten müde oder wach werden, kann Hunger verstärken oder bestimmt sogar die Tageszeit unserer optimalen geistigen Aufnahmefähigkeit. 

  • „In der Forschung sind wir besonders an den Extrema zwischen verschiedenen Chronotypen interessiert: 
  • den Früh- und Spätaufstehern, die entsprechend ihres Chronotyps als „Lerche“ (früh) oder „Eule“ (spät) bezeichnet werden. 

Durch unterschiedliche Schlaf- und Wachzeiten können sich so oft auch die Mahlzeiten verschieben – teilweise bis in die späten Abendstunden“, erklärt Ernährungswissenschaftlerin Prof. Dr. Anette Buyken. Gemeinsam mit ihrer Arbeitsgruppe „Public Health Nutrition“ am Institut für Ernährung, Konsum und Gesundheit hatte sie bereits im vergangenen Jahr Paderborner Studierende zur Teilnahme an der Studie aufgerufen. Buyken: „Studierende sind besonders gefährdet, gegen die innere Uhr zu essen, da sich ihr Schlafmittelpunkt im Alter von 18 bis 25 Jahren physiologisch in die frühen Morgenstunden verlagert. 

Hinzu kommt, dass das Studium einen bestimmten Tageszeitplan vorschreiben kann, was das Essen gegen die innere Uhr fördert.“

Studierende protokollieren ihren Alltag

Zunächst hat das Team um Buyken ein Screening durchgeführt, um der Frage nachzugehen, wie der Chronotyp mit der Körperzusammensetzung – also dem Körperfettanteil, aber auch der Muskelmasse – zusammenhängt. Hierfür wurde von insgesamt 327 Studierenden die Körperzusammensetzung detailliert ermittelt und deren Chronotyp bestimmt. Da sich der Chronotyp im Laufe des Lebens verändere, sei laut der Paderborner Wissenschaftlerin eine Wiederholung dieses Screenings für das Sommersemester 2021 geplant, um zu analysieren, ob sich Veränderungen im Chronotyp auf die Körperzusammensetzung auswirken. Im Anschluss an den pandemiebedingten Lockdown im März wurden die Teilnehmenden zudem per Mail gebeten, Fragen zur Veränderungen ihres Tagesablaufs zu beantworten.

„Die frühesten und spätesten Chronotypen laden wir seit September zu einer kontrollierten Ernährungsstudie ein, die sich über einen Zeitraum von acht Tagen erstreckt. In den ersten drei Tagen werden hauptsächlich die Aktivitäten und nächtlichen Ruhephasen der Probanden beobachtet, um Einblicke in den Tagesablauf zu bekommen“, so Buyken. Dazu tragen sie einen speziellen Bewegungssensor um das Handgelenk und führen ein Aktivitäts-, Schlaf- und Ernährungstagebuch. Ein am Bauch oder Oberarm befestigter Glukosesensor zeichnet während der gesamten Studiendauer kontinuierlich die Glukosewerte im Gewebe auf.

Blutzuckerantwort im Fokus

Nach der Beobachtungsphase erhalten die Studierenden an insgesamt vier Tagen jeweils ein Frühstück, Mittagessen und Snacks, die sie zu bestimmten Tageszeiten einnehmen sollen. Während dieser Zeit werden sie gleichzeitig gebeten, auf Sport zu verzichten und nur die Lebensmittel zu verzehren, die sie jeden Tag ausgehändigt bekommen. Buyken: „Ziel unserer Untersuchung ist es, Aufschluss darüber zu erlangen, ob sich die Blutzuckerantwort auf eine Mahlzeit, die reich an ungünstigen Kohlenhydraten ist, zwischen Lerchen und Eulen unterscheidet, wenn sie diese aufgrund sozialer Rahmenbedingungen wie Studienzeiten „gegen die innere Uhr“ verzehren müssen. Das bedeutet konkret: wenn Lerchen die Mahlzeit sehr spät und Eulen die Mahlzeit sehr früh verzehren.“

Die ChroNu-Studie wird von Wissenschaftlerinnen der Arbeitsgruppe „Public Health Nutrition“ durchgeführt, unterstützt vom Paderborner Sportmediziner Prof. Dr. Dr. Claus Reinsberger und ist Teil einer Kooperation mit der Universität Bonn sowie dem Deutschen Diabetes Zentrum in Düsseldorf. Erste Ergebnisse der Untersuchungen werden für 2021 erwartet.

Weitere Informationen zur Studie gibt es unter: https://sug.uni-paderborn.de/ekg/phn/studien

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Langzeitimmunität nach einer natürlichen SARS-CoV-2 Infektion

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Erste klinische Prüfung eines Peptid-Impfstoffs gegen COVID-19 in Deutschland genehmigt

Das Paul-Ehrlich-Institut, Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, hat am 25.11.2020 die erste klinische Prüfung der Phase 1 eines Peptid-Impfstoffs gegen COVID-19 in Deutschland genehmigt. 

  • Der Impfstoff stimuliert hochspezifisch die T-Zell-Antwort. 

Diese Zellen des Immunsystems erkennen und zerstören SARS-CoV-2-infizierte Zellen – ein wichtiges Komplementärsystem zur humoralen Immunantwort durch neutralisierende Antikörper.

 „Der Peptid-Impfstoff ergänzt das Portfolio der COVID-19-Impfstoffplattformen um einen weiteren vielversprechenden Ansatz“, so Professor Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts. 

 Elektronenmikroskopische Aufnahme von Coronaviren (SARS-Cov-2)

 Elektronenmikroskopische Aufnahme von Coronaviren (SARS-Cov-2) NIAD National Institute of Allergy and Infectious Diseases

Die Bereitstellung zugelassener sicherer und wirksamer COVID-19-Impfstoffe ist ein zentrales Ziel zur Bewältigung der SARS-CoV-2-Pandemie. 

  • Erste klinische Prüfungen haben das Ziel, die generelle Verträglichkeit von Impfstoffkandidaten und ihre Fähigkeit zu ermitteln, eine spezifische Immunantwort gegen den Erreger zu erzeugen. 

Das für die Genehmigung klinischer Prüfungen sowie die Bewertung und Zulassung von Impfstoffen in Deutschland zuständige Paul-Ehrlich-Institut unterstützt die COVID-19-Impfstoffentwicklung mit höchster Priorität. Frühe und umfassende wissenschaftliche Beratung durch Expertinnen und Experten des Paul-Ehrlich-Instituts beschleunigen zielgerichtet die Impfstoffentwicklung –Voraussetzung für zeitnahe Verfügbarkeit von COVID-19-Impfstoffen. Die Sicherheit und Wirksamkeit steht dabei immer im Vordergrund.

Bei dem Impfstoffkandidaten der Universität Tübingen handelt es sich um einen Peptid-Impfstoff. 

Peptide sind kurze Protein-Bruchstücke. 

  • Verwendet werden zur Impfung Peptide aus verschieden Proteinen (u.a. Spike, Nukleokapsid) des SARS-Coronavirus-2, die im Fall einer Infektion auf der Oberfläche infizierter Zellen präsentiert, vom Immunsystem aufgrund der vorherigen Impfung sofort erkannt werden und somit die infizierten Zellen für die Elimination durch das Immunsystem markieren. 

Ein Prinzip, das bereits in der Onkologie, dort allerdings nicht zur Prävention, sondern zur Krebsimmuntherapie angewendet wird. 

Die Immunreaktion auf die Peptide im Impfstoff wird durch ein eigens an der Universität Tübingen entwickeltes Adjuvanz verstärkt und auch die Produktion des Wirkstoffes findet in Tübingen statt. 

  • Eingesetzt werden Peptide, die eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einer Langzeitimmunität nach einer natürlichen SARS-CoV-2-Infektionen spielen.


Im ersten Teil der genehmigten klinischen Prüfung werden 12 gesunde Probandinnen und Probanden zwischen 18-55 Jahren geimpft, im nächsten Schritt auch ältere Probandinnen und Probanden mit Vorerkrankungen. 

Die Studie beinhaltet einen Screening-Termin, einen Impftermin und sechs Kontrolltermine innerhalb eines Zeitraumes von sechs Monaten.

Die klinische Prüfung eines präventiven, spezifischen COVID-19-Impfstoffkandidaten am Menschen, die das Paul-Ehrlich-Institut für Deutschland genehmigt hat, ist ein weiterer Schritt, um einen wirksamen und sicheren COVID-19-Impfstoff möglichst zeitnah in Deutschland zu entwickeln – und nach der Zulassung in Deutschland und weltweit verfügbar zu machen. 

Denn für die Bekämpfung der SARS-Coronavirus-2-Pandemie werden mehrere Impfstoffprodukte notwendig sein, um eine ausreichende Versorgung sicherzustellen. 

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Dr. Susanne Stöcker   

Paul-Ehrlich-Institut - Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel

Paul-Ehrlich-Str. 51 - 59
63225 Langen
Deutschland
Hessen

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Prof. Dr. Christian Bogdan + Prof. Dr. Klaus Überla: Bundesweite COVID-19-Impfstrategie: CAVE-Untersucher : T-Lymphozyten

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: „Wir werden nicht einfach etwas durchwinken“

Zwei Mitglieder der Ständigen Impfkommission kommen aus Erlangen und entscheiden mit über die bundesweite COVID-19-Impfstrategie – Impfstart „wahrscheinlich Anfang 2021“ 

 Prof. Dr. Christian Bogdan ist Direktor des Mikrobiologischen Instituts – Klinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene des Uni-Klinikums Erlangen und seit 2011 Mitglied der STIKO. Bild: Franzsika Männel/Uni-Klinikum Erlangen

 Prof. Dr. Christian Bogdan ist Direktor des Mikrobiologischen Instituts – Klinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene des Uni-Klinikums Erlangen und seit 2011 Mitglied der STIKO. Bild: Franzsika Männel/Uni-Klinikum Erlangen Franzsika Männel/Uni-Klinikum Erlangen

Medizin am Abend Berlin ZusatzFachLink: Therapie Patienten COVID-19 

In der Berufungsperiode von 2020 bis 2023 hat die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut 18 Mitglieder – zwei von ihnen kommen aus dem Universitätsklinikum Erlangen der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU): Prof. Dr. Christian Bogdan, Direktor des Mikrobiologischen Instituts – Klinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene, und Prof. Dr. Klaus Überla, Direktor des Virologischen Instituts – Klinische und Molekulare Virologie. In der STIKO arbeiten die beiden Erlanger Wissenschaftler mit an einer COVID-19-Impfstrategie für Deutschland. Diese könnte noch in diesem Jahr feststehen.

Die STIKO entwickelt Impfempfehlungen für ganz Deutschland. Sie ist ein unabhängiges Expertengremium, das von der Geschäftsstelle im Fachgebiet Impfprävention des Robert-Koch-Instituts koordiniert und unterstützt wird. Erst wenn die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) und das deutsche Paul-Ehrlich-Institut (PEI) einen Impfstoff zugelassen haben – wenn er also aufgrund klinischer Phase-III-Studien als wirksam, sicher und qualitativ hochwertig gilt –, kann die STIKO eine Impfempfehlung aussprechen. 

  • Die Kommission berücksichtigt dabei nicht nur gesundheitliche Nutzen-Risiko-Aspekte für den Einzelnen, sondern bewertet Impfungen auch hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die gesamte Bevölkerung.


Arbeitsgruppe „COVID-19-Impfung“

In der STIKO-Arbeitsgruppe „COVID-19-Impfung“ leisten Prof. Bogdan und Prof. Überla
die Vorarbeit für eine bundesweite Impfstrategie. 

  • Neben Virologen und Mikrobiologen gehören auch Kinderärzte, niedergelassene Allgemeinmediziner, Vertreter des Öffentlichen Gesundheitsdiensts, Ethiker, Statistiker und andere Fachleute zur AG. 

„In der Arbeitsgruppe analysieren wir die umfangreiche Literatur zu COVID-19. Es geht vor allem um die Frage, was man mit der COVID-19-Impfung erreichen will und wer geimpft werden soll“, erklärt Prof. Bogdan – seit 2011 STIKO-Mitglied.  

Die Arbeitsgruppe entwirft eine Empfehlung, über die dann wiederum die gesamte STIKO abstimmt. Dabei können jederzeit Korrekturen vorgenommen werden – die AG bekommt also ein neutrales Feedback.  

  • Dann geht die Beschlussvorlage an den Gemeinsamen Bundesausschuss der Krankenkassen (G-BA). 
  • Der befindet darüber, ob die Impfung in die Schutzimpfungs-Richtlinie aufgenommen wird und damit von den Krankenkassen erstattet werden muss.


„Wir sind angenehm überrascht“ – erste Impfstoffzulassung im Dezember 2020 wahrscheinlich

Derzeit trifft sich die COVID-19-AG der STIKO alle zwei Wochen online. 

Arbeitsgruppenmeetings finden damit viel häufiger statt als vor der Corona-Pandemie. „Ich gehe davon aus, dass die Zulassung eines oder mehrerer COVID-19-Impfstoffe noch im Dezember 2020 erfolgen wird und dass wir auch zeitnah unsere Strategie veröffentlichen. Verabreicht werden könnte der Impfstoff wahrscheinlich schon Anfang 2021“, schätzt Prof. Bogdan. Das Besondere: Normalerweise beurteilt die STIKO einen Impfstoff erst dann, wenn dieser bereits zugelassen ist. „Eine Impfstoffentwicklung hat in der Vergangenheit manchmal 10 bis 15 Jahre gedauert“, erklärt Prof. Überla, der seit 2017 Mitglied der STIKO ist. Bei der Corona-Impfung ist es anders: Die STIKO evaluiert die Impfstoffe parallel zum Zulassungsverfahren von EMA und PEI. Viele Verwaltungs- und Entscheidungsprozesse wurden extrem beschleunigt. „Wir wollen keine Zeit verlieren. Trotzdem werden wir nicht einfach irgendetwas durchwinken“, versichert Prof. Bogdan. Die Zahlen zur Wirksamkeit seien momentan aber „sehr vielversprechend“. „Von drei verschiedenen Impfstoffherstellern wurden jetzt Schutzraten von 90 Prozent und höher berichtet, was uns angenehm überrascht hat.“  

Bei der Grippeimpfung gebe es zum Beispiel einen deutlich niedrigeren Schutz von nur 50 bis 60 Prozent, je nach Saison. 

„Trotzdem müssen wir auch für die Corona-Impfung eine detaillierte Nutzen-Risiko-Bewertung vornehmen. An den Regeln und Sicherheitsanforderungen hat sich trotz des rasanten Tempos nichts geändert“, so Prof. Bogdan weiter.

Zulassung mehrerer Impfstoffe für unterschiedliche Personengruppen möglich

Die Daten aus klinischen Phase-I- und Phase-II-Studien mit ersten Impfstoffkandidaten liegen bereits vor und auch die Ergebnisse aus den Phase-III-Studien soll die STIKO in Kürze erhalten. In den derzeit laufenden Phase-III-Studien wird überprüft, ob Geimpfte neutralisierende Antikörper gegen das Virus SARS-CoV-2 bilden und ob bei den Probanden zudem eine spezifische Immunantwort aufgebaut wird, die durch T-Lymphozyten – also bestimmte weiße Blutzellen – vermittelt wird. 

„In den Studien wird erfasst, wie viele COVID-19-Infektionen bei den Geimpften im Vergleich zu einer ungeimpften Kontrollgruppe auftreten.  

So kann die Wirksamkeit eines Impfstoffs abschließend beurteilt werden“, erklärt Prof. Überla. „Wenn die Studienunterlagen dann zur STIKO kommen, prüfen wir, ob Wirksamkeit und Sicherheit ausreichend nachgewiesen wurden und ob der Nutzen der Impfung für die Bevölkerung so groß ist, dass wir eine Empfehlung aussprechen können. Wir müssen auch darüber entscheiden, welche Personengruppen den Impfstoff überhaupt erhalten sollen bzw. wer ihn zuerst bekommt. Oberste Ziele sind, Risikogruppen wie Ältere und Menschen mit Grunderkrankungen bestmöglich zu schützen und eine Weiterverbreitung des Virus zu verhindern.“

Dabei kann es auch passieren, dass die STIKO über verschiedene zugelassene Impfstoffe befinden muss und dass diese eventuell für unterschiedliche Personengruppen infrage kommen. Da es noch viele Monate dauern wird, bis größere Bevölkerungsgruppen geimpft sind, sollten sich die Menschen nach Ansicht der Erlanger Experten nicht vorschnell in Sicherheit wiegen. „Ein Impfstoff wird uns nicht erlauben, alle Hygienemaßnahmen schlagartig über Bord zu werfen“, betont Prof. Bogdan. „Wir werden zunächst nur einen Teil der Gesellschaft durch eine Impfung schützen können und müssen dann sehen, wie gut es mit der Produktion und Verteilung der Impfstoffe und mit der Durchführung der Impfungen vorangeht.“

  • „Persönlich hoffe ich dennoch, dass es uns als Gesellschaft gelingt, innerhalb von 90 Tagen nach Zulassung 90 Prozent der Hochrisikogruppen mit einem Impfstoff zu schützen, der mindestens eine Wirksamkeit von 90 Prozent aufweist. 

Für mich sind das die 90-90-90-Ziele der COVID-19-Impfung“, so Prof. Überla. 

„Damit könnten wir einen großen Teil der COVID-19-Todesfälle vermeiden und das Risiko der Überlastung des Gesundheitssystems bannen. Wenn wir das erreichen, kann eine Neubewertung der Kontaktreduktionsmaßnahmen erfolgen, die natürlich auch die vielen negativen Folgen für jeden Einzelnen, die Wirtschaft und die Gesellschaft berücksichtigt.“

Nebenwirkungen umfassend dokumentieren – „Langzeitfolgen sind sehr selten“

Das Gute: Die Phase-III-Studien für den Corona-Impfstoff sind deutlich größer angelegt als bei vielen früher zugelassenen Impfstoffen. „Wir sprechen schon jetzt von über 43.000 Personen, die einen der sogenannten COVID-19-mRNA-Impfstoffe im Rahmen einer Phase-III-Studie erhalten haben. 

Im Rahmen der laufenden Phase-III-Studie zu einem der Adenovirus-basierten COVID-19-Impfstoffe ist der Einschluss von bis zu 60.000 Probanden vorgesehen. 

Bei so großen Gruppen können wir auch seltene Nebenwirkungen erkennen, die zum Beispiel bei weniger als einem von 1.000 Geimpften auftreten. 

Dabei ist immer auch zu prüfen, ob Nebenwirkungen kausal auf die Impfung zurückzuführen sind oder ob sie einfach zufällig mit einer Impfung zusammentrafen. 

Deshalb muss es eine langfristige gründliche Dokumentation von unerwünschten Ereignissen geben, die möglicherweise mit der Impfung in Verbindung stehen“, erklärt Prof. Bogdan.

 „Es geht letztlich immer um eine Nutzen-Risiko-Abwägung. Sehr seltene Nebenwirkungen werden wir erst beobachten können, wenn der Impfstoff längerfristig genutzt wird und wenn wir Anwendungsstudien machen können. Langzeitfolgen sind aber sehr selten. Die meisten unerwünschten Ereignisse treten schon zwei, drei Wochen nach einer Impfung auf“, ergänzt Prof. Überla.

Prof. Dr. Klaus Überla ist Direktor des Virologischen Instituts – Klinische und Molekulare Virologie des Uni-Klinikums Erlangen und seit 2017 STIKO-Mitglied. Bild: Franzsika Männel/Uni-Klinikum Erlangen

Prof. Dr. Klaus Überla ist Direktor des Virologischen Instituts – Klinische und Molekulare Virologie des Uni-Klinikums Erlangen und seit 2017 STIKO-Mitglied. Bild: Franzsika Männel/Uni-Klinikum Erlangen Franzsika Männel/Uni-Klinikum Erlangen


STIKO: strenge Regularien und Unabhängigkeit


Alle STIKO-Mitglieder arbeiten komplett ehrenamtlich als unabhängige Experten. Für die Aufnahme in die Kommission gelten strenge Befangenheitsregeln. Bei STIKO-Mitgliedern dürfen keine Interessenkonflikte in Bezug auf eine Impfstoffentwicklung bestehen – etwa, weil jemand ein Pharmaunternehmen berät, entsprechende Aktien besitzt oder an einer Universität Industrieforschung betreibt. Alles muss offengelegt werden. „Wenn es da irgendeinen Anschein der Befangenheit gibt, wird man für Jahre für STIKO-Abstimmungen über Impfstoffe des entsprechenden Unternehmens gesperrt“, betont Klaus Überla. „Als Mitglieder der STIKO sind wir nur unserem Gewissen und der unparteiischen Erfüllung unserer Aufgaben verpflichtet.“

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