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Professor Johannes Keller: Emotionalen Tränen und basale Tränen und Reflextränen

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Was bringt uns zum Weinen? 

Fünf Gründe für emotionale Tränen identifiziert

Der Mensch ist wohl das einzige Lebewesen, das aufgrund von Gefühlen weinen kann. 

In einer Studie haben Psychologinnen und Psychologen unter anderem von der Universität Ulm untersucht, warum dies so ist. 

Die Forschenden konnten thematische Auslöser identifizieren, die uns zu Tränen rühren. 

Dazu gehören beispielsweise Einsamkeit oder Überforderung.

Weshalb weinen Menschen aus Freude oder Angst? 

Psychologinnen und Psychologen der Universitäten Ulm und Sussex haben in mehreren Studien untersucht, warum wir in bestimmten Situationen weinen. Anhand von insgesamt über eintausend Berichten erwachsener Personen konnten die Forschenden eine Reihe thematischer Auslöser identifizieren, die häufig mit emotionalen Tränen assoziiert sind. 

Dazu zählen die Kategorien Einsamkeit, Machtlosigkeit, Überforderung, Harmonie und Medienkonsum. Erschienen ist die Arbeit zu den fünf Gründen des Weinens im Journal „Motivation and Emotion“.

  • Der Mensch ist wahrscheinlich das einzige Lebewesen, das in der Lage ist, emotionale Tränen zu vergießen, das heißt aufgrund von Gefühlen zu weinen. 
  • Dazu zählen Freudentränen oder Tränen aus Trauer, Angst oder Wut. 

Neben den untersuchten emotionalen Tränen existieren auch basale Tränen, die das Auge stets feucht halten und schützen. 

Die dritte Art sind Reflextränen, die beispielsweise bei Kälte, Wind oder beim Zwiebelschneiden auftreten. 

Laut einer neuen Untersuchung von Forschenden der Universität Ulm und der University of Sussex in Brighton, Großbritannien, lassen sich die meisten Episoden, in denen Erwachsene aus emotionalen Gründen weinen, zuverlässig einer von fünf Kategorien zuordnen. 

Dazu zählen Einsamkeit, Machtlosigkeit, Überforderung, Harmonie und Medienkonsum.

Der Einteilung in diese Kategorien liegt die Überlegung zugrunde, dass emotionale Tränen immer dann auftreten, wenn psychologische Grundbedürfnisse entweder verletzt oder sehr intensiv befriedigt werden. „Ähnlich wie bei biologischen Grundbedürfnissen, wie Schlaf oder Essen, geht man davon aus, dass die Frustration oder die Befriedigung dieser psychologischen Faktoren unser subjektives Wohlbefinden beeinflussen“, erklärt Erstautor Michael Barthelmäs, inzwischen Postdoc in der Abteilung Sozialpsychologie der Universität Ulm.

Als zentrale psychologische Grundbedürfnisse haben sich in der Forschung die Bedürfnisse nach „Nähe“ (sich verbunden fühlen), „Autonomie“ (Dinge beeinflussen können) und „Kompetenz“ (etwas erfolgreich ausführen können) etabliert. Wie erwartet, zeichnete sich in der Studie „Einsamkeit“ insbesondere durch eine erlebte Frustration des Bedürfnisses nach Nähe aus. Dieser Kategorie wurden Tränen aus Liebeskummer oder aufgrund von Heimweh zugeordnet. Tränen der Kategorie „Harmonie“ waren hingegen durch eine intensive Befriedigung des Bedürfnisses nach Nähe gekennzeichnet und traten beispielsweise als Freudentränen bei einer Hochzeitsfeier auf. Ein Beispiel für „Machtlosigkeit“ waren Tränen in Reaktion auf eine Todesnachricht (Frustration von Autonomie); Tränen der „Überforderung“ wurden häufig im Arbeitskontext berichtet (Frustration von Kompetenz).

Jede vierte beobachtete Episode fiel in die Kategorie „Medienkonsum“, die mehrere Besonderheiten aufweist. Im Vergleich zu den anderen Kategorien ist die weinende Person dabei nur indirekt betroffen und die Tränen treten „stellvertretend“ auf. Der Auslöser ist ein Erlebnis, das der Hauptfigur eines Buches oder Filmes widerfährt, in die sich die Person hineinversetzt. Zudem kann man Tränen bei einem Drama, aber eben auch bei einer Komödie vergießen, in dieser Kategorie können also Freudentränen und Tränen der Traurigkeit fließen.

Insgesamt führten die Forschende drei Studien durch, in denen neben Personen aus der Allgemeinbevölkerung auch Studierende befragt wurden. Der Altersdurchschnitt lag bei 30,3 Jahren; Der Anteil weiblicher Versuchspersonen betrug 64 Prozent. In zwei Studien wurden die Versuchsteilnehmenden in Online-Umfragen gebeten, im Rückblick Auskunft über die letzte Episode zu geben, in der sie emotionale Tränen vergossen hatten. In einer dritten Studie wurden die Teilnehmenden im Rahmen einer 30-tägigen elektronischen Tagebuchstudie einmal täglich via Smartphone zu ihrem Befinden sowie zum Weinen befragt. Es zeichnete sich der Trend ab, dass jüngere Personen im Vergleich zu älteren häufiger aufgrund von Überforderung weinten. Zudem wurden in der Tagebuchstudie weniger Episoden der Machtlosigkeit berichtet, als in den beiden retrospektiven Studien. Es könnte also sein, dass eine Todesnachricht eher mit Weinen verknüpft wird als andere Kategorien. Somit erinnern sich die Studienteilnehmer besser daran und berichten davon häufiger.

Die neuen Untersuchungen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Ulm und Sussex schließen eine Lücke in der Erforschung von emotionalen Tränen. Die Einteilung bildet einen wichtigen Grundstein in der weiteren Erforschung des Phänomens emotionale Tränen. „Bislang weiß man relativ wenig darüber, welche Rolle emotionale Tränen bei psychischen Erkrankungen spielen. Außerdem fehlen systematische Erkenntnisse darüber, wie Tränen soziale Interaktionen regulieren. Das heißt, welchen Einfluss Tränen zum Beispiel darauf haben, ob ein Mensch einen anderen unterstützt“, so Professor Johannes Keller, Leiter der Abteilung Sozialpsychologie der Uni Ulm, an der die Studie entstanden ist. Die Identifikation der fünf häufigsten Gründe des Weinens kann dabei helfen, diese Fragen in Zukunft zu beantworten.

Michael Barthelmäs, Erstautor der Studie zu den fünf Gründen des Weinens

 Michael Barthelmäs, Erstautor der Studie zu den fünf Gründen des Weinens Foto: Eugen Bauer

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Michael Barthelmäs, Abteilung Sozialpsychologie Universität Ulm

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Originalpublikation:

Barthelmäs, M., Kesberg, R., Hermann, A. et al. Five reasons to cry—FRC: a taxonomy for common antecedents of emotional crying. Motiv Emot (2022)
https://doi.org/10.1007/s11031-022-09938-1


Dr. Anna Vogel: http://www.trauer-therapie.de - Anhzaltende Trauerstörung

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Wenn Abschiedsschmerz zum Lebensgefühl wird: Hilfe bei Anhaltender Trauerstörung

Der Tod einer nahestehenden Person bedeutet einen tiefen Lebenseinschnitt für die Hinterbliebenen. 

Trauer ist dabei eine ganz normale Reaktion auf den Verlust. 

Doch bei fünf bis zehn Prozent der Trauernden dominiert der Verlust auch nach geraumer Zeit den Alltag so sehr, dass Fachleute dann von einer Anhaltenden Trauerstörung im Sinne einer psychischen Erkrankung sprechen. 

Unter Leitung von Psychologinnen und Psychologen der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) wird bundesweit in mehreren Behandlungszentren eine spezielle Form der Psychotherapie bei dieser Erkrankung erprobt – mit vielversprechenden Zwischenergebnissen. 

 

 

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat die Förderung des Projektes PROGRID (Prolonged Grief Disorder) gerade noch einmal verlängert, so dass für Betroffene weiterhin Gelegenheit dafür besteht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

„Trauer ist eine ganz normale Reaktion, die alle Menschen im Lauf ihres Lebens erfahren. 

Dabei wird die Bindung zu einer verstorbenen Bezugsperson gewissermaßen neu aufgestellt. 

Das ist ein hochindividueller Prozess, der in der Regel nicht behandelt wird“, erläutert Dr. Anna Vogel. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Lehrstuhls für Klinische und Biologische Psychologie (Prof. Dr. Rita Rosner) an der KU und stellvertretende Leiterin der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz in Ingolstadt. „Es gibt keine allgemeingültigen Ratschläge für den Umgang mit Trauer. Gut ist das, was jedem selbst guttut. 

  • Fest steht: Wenn man bei Trauer psychotherapeutisch zu früh einschreitet, kann dies genau das Gegenteil bewirken und den Trauerprozess sogar verlängern!“ 
  • Auch wenn hierzulande immer wieder von einem Trauerjahr gesprochen werde, nach dem die Gedanken rund um die verstorbene Person angeblich weniger im Vordergrund sein sollen, sei dies kein allgemeingültiger Zeitrahmen. 
  • Selbst Jahre später gebe es sogenannte Trauerspitzen, etwa zu Jahrestagen.


Im Vergleich dazu hat die Anhaltende Trauerstörung jedoch einen grundlegend anderen Charakter. 

„Wir sprechen davon, wenn auch nach mehr als sechs Monaten der Tod des oder der Angehörigen den Alltag bestimmt und die eigene Lebensführung signifikant einschränkt – indem sich die Hinterbliebenen etwa weiterhin zurückziehen, die Sehnsucht nach der verstorbenen Person täglich als quälend erlebt wird, ihr Zimmer unangetastet bleibt oder über sie so berichtet wird als ob sie immer noch leben würde.“
Auch Extreme zum Beispiel im Hinblick auf das Grab der Verstorbenen begegnen den Psychologinnen und Psychologen in ihrer Praxis zur anhaltenden Trauer:
Manche Hinterbliebenen gehen auch nach langer Zeit dreimal täglich ans Grab, andere meiden den Friedhof komplett, weil dieser Ort nicht ertragbar scheint.

  • Die Grenzen zu einer Depression sind – wie Vogel erläutert – teilweise fließend und setzen eine genaue Diagnostik voraus. 
  • Identisch zu einer Depression sind Symptome wie etwa das Gefühl, keinerlei Freude mehr empfinden zu können und wie betäubt zu sein. 
  • Im Unterschied zur Depression sind jedoch Konzentrationsstörungen, Schlaflosigkeit oder gar Suizidgedanken eher untypisch für eine Anhaltende Trauerstörung. 

Zudem helfen, wie verschiedene Studien gezeigt haben, keine Medikamente gegen komplizierte Trauer.

Dass die Anhaltende Trauerstörung erst vor kurzem als psychische Erkrankung in die Systematik der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen wurde, zeigt, wie komplex die Materie ist: 

„Es geht nicht darum die Trauer per se zu pathologisieren! 

Zudem hat die Forschung lange gebraucht, um präzise zwischen einer Depression bzw. einer Postraumatischen Belastungsstörung und anhaltender Trauer differenzieren zu können“, so Vogel. 

International gehe man in der Wissenschaft davon aus, dass die besonderen Umstände der Pandemie zu einem Anstieg der Anhaltenden Trauerstörung führen werde. 

„Betroffene schildern uns, wie belastend es für sie war, sich nicht von Sterbenden verabschieden oder eine Beerdigung nur im engsten Kreis abhalten zu können. 

Hinzu kommt, dass viele Hilfsangebote für Trauernde pandemiebedingt nicht möglich waren.“

Die anhaltende Trauer als psychische Erkrankung sei nicht auf ältere Menschen beschränkt, so dass das Angebot der Forscherinnen und Forscher für alle Personen ab 18 Jahren offen ist. 

Vor der eigentlichen Therapie finden mehrere Vorgespräche statt, um genau zu diagnostizieren, ob eine Anhaltende Trauerstörung vorliegt. 

Die eigentliche Behandlung dauert ca. ein halbes Jahr und umfasst rund 25 Sitzungen, die – wie erste Zwischenergebnisse zeigen – zu einer deutlichen Besserung der Symptome führt. 

Anlaufpunkt zur Teilnahme an der PROGRID-Studie sind Behandlungszentren in Ingolstadt, München, Frankfurt, Marburg und Leipzig.

Weitere Informationen finden sich unter http://www.trauer-therapie.de.

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Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte

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Broken-Heart-Syndrom: Gebrochenes Herz: Stresshormone, sog. Katecholamine

Medizin am Abend Berlin Fazit: Gebrochenes Herz – erste Hilfe in Sicht

Göttinger Herzforschern ist es erstmals gelungen, genetische Ursachen bei Patienten mit dem „Broken-Heart-Syndrom“ zu identifizieren. Veröffentlichung im „Journal of the American College of Cardiology (JACC)“.

Göttinger Herzforschern ist es erstmals gelungen, genetische Ursachen bei Patienten mit dem „Broken-Heart-Syndrom“ zu identifizieren.
Göttinger Herzforschern ist es erstmals gelungen, genetische Ursachen bei Patienten mit dem „Broken-Heart-Syndrom“ zu identifizieren.

  • Schmerzen in der Brust, Luftnot, erhöhte Herzenzymwerte im Blut und Veränderungen der Herzstromkurve im EKG – in akuten Fällen deuten die Symptome zunächst auf einen Herzinfarkt hin

Doch etwa zwei Prozent aller Patienten mit der Verdachtsdiagnose Herzinfarkt leiden eigentlich an einer lebensbedrohlichen Funktionsstörung des Herzens mit ähnlichen Symptomen: 

Das Takotsubo-Syndrom (TTS) wird auch „Broken-Heart-Syndrom“ genannt. Es tritt nach einer starken seelischen Belastung, wie Trauer oder Liebeskummer, auf. Betroffen sind überwiegend Frauen nach der Menopause. 
Medizin am Abend Berlin ZusatzFachThema: KATECHOLAMINE

Wie dieses Syndrom entsteht, weiß man bislang nicht. Die zugrunde liegenden Mechanismen waren bisher noch völlig unklar und Therapieansätze wenig erfolgreich.

Forschern der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) ist es nun gelungen, neue und grundlegende Erkenntnisse über die Ursachen der Erkrankung und für eine Behandlungsmöglichkeit des „Broken-Heart-Syndrom“ zu bekommen. Sie haben neuartige Signalwege identifiziert und können auch bisher vermutete Annahmen für eine genetische Prädisposition untermauern. Die Erkenntnisse der Göttinger Forscher beruhen auf Untersuchungen von Stammzellen von an „Broken-Heart-Syndrom“ erkrankten Patienten, aus denen schlagende Herzzellen hergestellt wurden. Die Forschung wurde durch das Heidenreich von Siebold-Habilitationsprogramm der UMG, das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) sowie das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Die Ergebnisse sind in der renommierten Fachzeitschrift „Jour-nal of the American College of Cardiology (JACC)“ veröffentlicht.

Originalveröffentlichung: Thomas Borchert, Daniela Hübscher, Celina I. Guessoum, Tuan-Dinh D. Lam, Jelena R. Ghadri, Isabel N. Schellinger, Malte Tiburcy, Norman Y. Liaw, Yun Li, Jan Haas, Samuel Sossalla, Mia A. Huber, Lukas Cyganek, Claudius Jacobshagen, Ralf Dressel, Uwe Raaz, Viacheslav O. Nikolaev, Kaomei Guan, Holger Thiele, Benjamin Meder, Bernd Wollnik, Wolfram-Hubertus Zimmermann, Thomas F. Lüscher, Gerd Hasenfuß, Christian Templin, Katrin Streckfuß-Bömeke: Catecholamine-Dependent β-Adrenergic Signaling in a Pluripotent Stem Cell Model of Takotsubo Cardiomyopathy. Journal of the American College of Cardiology. ISSN 0735-1097, Vol 70, No 8; August 22; 2017, 975-91.

„Die Identifizierung von bisher unbekannten Signalwegen ist für die Entwicklung neuer Therapieverfahren von besonderer Bedeutung. Mit Hilfe von in der Kulturschale hergestellten Stammzellen und Herzgewebe von betroffenen Patienten konnten wir erstmals die molekularen Mechanismen der Takotsubo-Kardiomyopathie auf Patienten-spezifischer Ebene sichtbar machen“, sagt Dr. Katrin Streckfuß-Bömeke, Senior-Autorin der Publikation und Leiterin der Arbeitsgruppe „Translationale Stammzellforschung“ der Klinik für Kardiologie und Pneumologie (Direktor: Prof. Dr. Gerd Hasenfuß).

Die aus Stammzellen von „Broken-Heart-Syndrom“-Patienten hergestellten Herzzellen weisen eine erhöhte β-adrenerge Signalweiterleitung und eine bis auf das Sechsfache des Normalwerts gesteigerte Sensitivität auf Stresshormone, sog. Katecholamine, auf.

Diese zwei Mechanismen wurden von den Forschern als typisch für an „Broken-Heart-Syndrom“-Erkrankte identifiziert. In ihrer Studie konnten die Göttinger Herzforscher außerdem die Hypothese bestätigen, dass aufgrund familiärer Häufung eine genetische Komponente für das „Broken-Heart-Syndrom“ zugrunde liegt.

DAS VERFAHREN: SCHLAGENDE HERZZELLEN AUS PATIENTENZELLEN

Ihre Forschung zu den Ursachen des „Broken Heart Syndrom“ führten die Göttinger Herzforscher an in der Kulturschale hergestelltem Herzgewebe aus Zellen von Patienten durch, die an dem „Broken Heart Syndrom“ erkrankt sind. Diese sogenannten „induzierten pluripotenten Stammzell-Kardiomyozyten“ (iPSC-KMs) wurden aus Haut- oder Blutbiopsien von Patienten gewonnen und unter definierten Bedingungen zu schlagenden Herzmuskelzellen generiert.

„Da sie dasselbe genetische Material wie die zuvor entnommenen Zellen des Patienten enthalten, ist es möglich, die Eigenschaften der hergestellten Herzmuskeln mit dem Phänotyp des Takotsubo-Patienten in Beziehung zu setzen. So werden die funktionellen Eigenschaften der TTS-Herzmuskelzellen sichtbar und messbar“, sagt Thomas Borchert, Erstautor der Publikation und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der AG Streckfuß-Bömeke, Klinik für Kardiologie und Pneumologie der UMG. Der Einsatz von Patienten-spezifischen iPSC-KMs erschien dem Forscherteam daher besonders erfolgsversprechend, um einen genetischen Zusammenhang bei TTS zu untersuchen. Die Zellen für die Grundlagenforschung stammten von ausgewählten Patienten im „Internationalen Takotsubo Register“ aus Zürich und Göttingen.

„Auf Basis dieser Arbeit wollen wir nun genetische Faktoren für eine Vorbelastung in einer großen TTS-Patienten-Kohorte identifizieren und therapeutische Langzeit-Behandlungsmethoden entwickeln“, sagt Dr. Streckfuß-Bömeke. Zudem soll die Wirkweise von verschiedenen Medikamenten auf die erkrankten Herzzellen weiter erforscht werden.

„Die Studie ist eine wichtige Grundlage und ein Durchbruch für ein bis dato wenig erforschtes Krankheitsbild. Forschungsvielfalt und Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen am Herzzentrum Göttingen waren die Voraussetzungen, verschiedene Sichtweisen und Ansätze zum Gewinn neuer, wichtiger Erkenntnisse beizutragen“, sagt Prof. Dr. Gerd Hasenfuß, Vorsitzender des Herzzentrums der Universitätsmedizin Göttingen und Mitautor der Studie.

Das Takotsubo-Syndrom

Erstmals beschrieben wurde das Krankheitsbild des Takotsubo-Syndroms in den 1990er Jahren von den japanischen Ärzten Keigo Dote und Hikaru Sato. Namensgeber war eine traditionelle, japanische Tintenfischfalle in Form eines ausgebuchteten Tonkrugs mit verengtem Hals. Die daran erinnernde eigentümliche Form der linken Herzkammer am Ende der Systole wurde von den Medizinern als Folge einer Durchblutungsstörung des Herzmuskels angesehen. Da die Krankheit oft infolge starker seelischer Belastungen, etwa dem Verlust eines geliebten Menschen, emotionalem Stress oder Kummer auftritt, wird umgangssprachlich auch vom „Broken Heart-Syndrom“ gesprochen. Etwa zwei Prozent aller Patienten mit der Verdachtsdiagnose Herzinfarkt leiden eigentlich an einem „Broken-Heart-Syndrom“.

Gewissheit bringt erst eine Herzkatheter-Untersuchung.

  • Zeigt diese keine Verschlüsse der Herzkranzgefäße, handelt es sich vermutlich um ein „gebrochenes Herz“. 
  • Betroffen sind überwiegend Frauen nach der Menopause. In der akuten Phase erleiden fast ein Viertel der Patienten ernsthafte Komplikationen mit Todesfolge.


(A) Die TTS-Herzzellen zeigen eine regulär angeordnete Sarkomerstruktur und (B) haben ein mitochondriales Netzwerk (MitoSpy) wie humane Herzzellen. Größenstandard: 10µm





 (A) Die TTS-Herzzellen zeigen eine regulär angeordnete Sarkomerstruktur und (B) haben ein mitochondriales Netzwerk (MitoSpy) wie humane Herzzellen. Größenstandard: 10µm
Fotos: umg


Internationale Würdigung des Forschungsergebnisses

Die Publikation der Göttinger Forschungserkenntnisse erfährt eine große Resonanz in der Fachwelt. In einem begleitenden Editorial würdigt der prominente UK Forscher Prof. Alexander Lyon vom ‚Cardiovascular Research Centre, Royal Brompton Hospital and Imperial College London‘ die Göttinger Forschung um das erste humane ‚Takotsubo in der Kulturschale‘-Modell und gratuliert zu den komplexen Experimenten, die neue Einblicke in die Mechanismen der TTS liefern.

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Konsequenzen für die Bestattungs-, Trauer-und Erinnerungskultur?

Medizin am Abend Berlin: Friedhofspflicht, Friedhofsflucht?

Zukunft der Bestattungs- und Erinnerungskultur 
 
Die Situation ist alltäglich und doch außergewöhnlich:

Der Tod eines Menschen trifft die Angehörigen hart. Zur Trauer kommt die Pflicht, den Verstorbenen innerhalb kurzer Zeit bestatten zu lassen. 

Vieles muss dann bedacht, entschieden und erledigt werden. „Es ist hilfreich, sich rechtzeitig mit dem Thema zu befassen und im Gespräch mit Angehörigen vorzusorgen“, empfiehlt Professor Thomas Klie von der Universität Rostock. Der Theologe ist Experte für moderne Trauerkultur.

Er hat das Thema auf ganz große Beine gestellt und in Kooperation mit der Theologischen Fakultät Bern sowie Aeternitas, Verbraucherinitiative Bestattungskultur Königswinter, eine dreitägige Tagung zum Thema „Friedhofspflicht/Friedhofsflucht“ an der Uni Rostock ins Leben gerufen. Vom 3. bis 5. November diskutierten Experten auch darüber, was es hieße, die typisch deutsche Friedhofpflicht aufzugeben, um sich rechtsförmig, beispielsweise am schweizerischen und niederländischen Modell zu orientieren. Zu der wissenschaftlichen Tagung hatten sich etwa 50 Gäste aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen und Friedhofsverwaltungen deutscher Städte angemeldet.

Professor Thomas Klie auf dem Neuen Friedhof von Rostock, der zunehmend durch neue Bestattungsformen sein Gesicht verändert. Professor Thomas Klie auf dem Neuen Friedhof von Rostock, der zunehmend durch neue Bestattungsformen sein Gesicht verändert. Foto: Universität/ Julia Tetzke

In Nordrhein-Westfalen und in Bremen sind unlängst schon Veränderungen in Richtung auf eine (partielle) Freigabe der Friedhofspflicht vorgenommen worden.

Auch private Friedhöfe sind in Nordrhein-Westfalen erlaubt. 

Und es gibt den ersten privaten Friedhofsbetreiber in Bergisch Gladbach, Fritz Roth. 

Er hat in der Kreisstadt „Gärten der Bestattung" gegründet. Werden bald weitere Bundesländer folgen? Welche Konsequenzen hat das für die Bestattungs-, Trauer-und Erinnerungskultur?


Viele Friedhöfe verändern augenfällig ihr Gesicht, weil sich immer weniger Menschen in einem Sarg bestatten lassen.

Dadurch wird viel Platz frei. „Die Trauerkultur hat sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt“, sagt Prof. Klie. „Die Träger der Friedhöfe müssen sich darauf einstellen.“

In Rostock wird gegenwärtig eine neue Friedhofskonzeption für Bestattungen erarbeitet.


So wolle die Hansestadt sich mit den veränderten Bestattungsformen und ihren Ansprüchen an Fläche und grünräumlicher Ausstattung auseinandersetzen, sagt Ute Fischer-Gäde, Amtsleiterin für Stadtgrün. „Erdbestattungen haben deutlich abgenommen, betragen nur noch fünf Prozent von der Gesamtbestattungszahl. Schwerpunkt bilde die Urnenbestattung, die sich auch in unterschiedlichen Formen und damit Flächeninanspruchnahmen auswirke, betont die Amtsleiterin.Ein Beispiel dafür seien die Partnergemeinschaftsanlagen, die im Gegensatz zum klassischen Urnengemeinschaftsgrab eine größere Flächenausweisung erfordern. „Wir werden dafür auch künftig weiter Flächen ausweisen“, unterstreicht Ute Fischer-Gäde. Beachtet würden dabei Ansprüche an Naturschutz und Denkmalpflege.


„In Rostock ist die Aschestreuwiese als besondere Bestattungsform einmalig in Deutschland und gilt als weiterhin erhaltenswert“, sagt die Amtsleiterin. Neben dem Ort als letzte Ruhestätte stehen die Friedhöfe der Hansestadt Rostock der Öffentlichkeit auch als Parkanlage zur Verfügung. Ein Einklang von naturnaher Erholung und Bestattungsflächen spricht ein Parkkonzept an, das bereits in anderen Städten erfolgreich geführt wird. Selbstverständlich, so Fischer-Gäde, sei der parkähnliche Charakter von den Bestattungsflächen zu trennen. Jedoch mit gestalterischen Mitteln im Einklang mit Denkmalschutz und Naturschutz spiegele dieses Freiraumkonzept einen wichtigen Baustein des öffentlichen Grüns wider.

Aber wie sieht der Friedhof der Zukunft aus? Die Rostocker Tagung will gesellschaftliche und kirchliche Chancen und Herausforderungen aus kulturwissenschaftlicher, soziologischer, juristischer und theologischer Perspektive ausloten. Fest steht: Die Urne im eigenen Garten oder auf dem Bücherregal in der Wohnung wird es jedenfalls auf absehbare Zeit in Mecklenburg-Vorpommern nicht geben. Ein Reformvorschlag der Linksfraktion zur Liberalisierung des Bestattungswesens ist im Januar 2016 im Landtag gescheitert.

Wald- oder Baumbestattungen sind nur im Zusammenhang mit einer Einäscherung möglich.

Auch bei Seebestattungen wird die Urne im Meer versenkt. 

Aber was bedeutet das für die Angehörigen? Prof. Klie weiß nur zu gut, dass sie im Trauerfall unter Zeitdruck stehen. „Dann sind sie oft nicht in der Lage, eine richtige Entscheidung im Sinne des verstorbenen Angehörigen zu treffen“, gibt der Wissenschaftler zu bedenken. Das Verstreuen der Asche auf einer anonymen Grabstätte oder die Seebestattung seien dann nicht mehr rückgängig zu machen. „Es fehlt dann ein Ort, an dem man trauern kann“. Und dennoch beobachtet Thomas Klie einen deutlichen Trend zur anonymen Bestattung.

Als aktuelle Entwicklung sieht der evangelische Theologe die Tendenz zur Wahl von Nicht-Orten:

Die Asche wird auf Streuwiesen, ähnlich wie bei der Seebestattung, verteilt, und ein konkreter Ort ist dann nicht mehr auszumachen. Klie vermutet, dass eine solche Form der Bestattung Langzeitwirkung für den Einzelnen, aber auch für eine Kultur hat. Denn je länger, je mehr werde diese Kulturform Friedhof nicht mehr von allen bevorzugt.

Doch viele, die mit der Bestattung auch noch Sinn verbinden, wünschen sich ein individuelleres Eingehen.

Dies umso mehr, weil die Kirchen ja auch vielfach, zumal auf den Dörfern, Träger der Friedhöfe sind, sie könnten also über die Friedhofsordnungen viel individueller, viel freier damit umgehen.

Professor Klie verweist auf einen weiteren Trend: „Seit geraumer Zeit wird bereits im Cyberspace bestattet und getrauert“.

In dem Maße, wie sich Bestattungskultur verändere und ausdifferenziere, besetze sie mit großer Selbstverständlichkeit auch die modernen Repräsentationsmedien. „Computer-mediatisierte Kommunikationen eröffnen dabei neue Wege zur Visualisierung des Umgangs mit Tod und Trauer“, sagt Prof. Klie.



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Zum Jahreswechsel 2016: Pflegende Angehörige sind keine Co-Patienten

Medizin am Abend Berlin Fazit: Pflegende Angehörige brauchen einen Coach

Pflegende Angehörige sollten als kompetente Partner anerkannt und in ihren Kompetenzen unterstützt werden, zum Beispiel durch eine Anlaufstelle, die auch in der Nacht und am Wochenende verfügbar ist. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Schweizerischen Nationalfonds (SNF). 
 
Bei der Betreuung von schwer kranken Menschen zu Hause tragen pflegende Angehörige die Hauptlast.

Medizin am Abend Berlin Zusatzfach-Link: Unabhängige Patientenberatung 

  • Um diese schwierige Aufgabe erfolgreich zu meistern, sollten sie frühzeitiger und systematischer unterstützt werden, zum Beispiel im psychosozialen Bereich und durch einen besseren Zugang zu Entlastungangeboten. 
Zu diesem Schluss kommt eine Studie, die die Ressourcen und Bewältigungsstrategien pflegender Angehöriger untersucht hat.

Erfolgreiche Bewältigungsstrategien entwickeln

Wie belastend pflegende Angehörige ihre Situation erleben, hängt nicht nur von direkt erhaltener Unterstützung wie Hilfe in der Pflege ab, sondern auch von ihren Strategien und Ressourcen.

  • Mit Ressourcen sind nicht allein finanzielle Möglichkeiten, sondern auch Merkmale der Person wie zum Beispiel Motivation, ihr soziales Netz, ihre Fähigkeiten sowie die Persönlichkeit gemeint. 

Das sozialwissenschaftliche Forschungsteam von Beat Sottas aus Freiburg i. Ue. hat im Rahmen des Nationalen Forschungsprogrammes „Lebensende“ (NFP 67) die Perspektive der pflegenden Angehörigen untersucht. Dazu wurden 25 Personen aus den Kantonen Freiburg und Wallis interviewt, die sich aufgrund eines Zeitungsartikels gemeldet haben.

Befragt wurden 20 Frauen, die ihre schwerkranken Ehemänner, Mütter, Väter oder Geschwister pflegten, und 5 Männer, die sich um ihre Ehefrau kümmerten. Die Forschenden wollten wissen, was die pflegenden Angehörigen als besonders belastend erleben und welche Strategien sie entwickeln, um die oft lang andauernde Situation zu bewältigen.

  • Die Studie zeigt, dass pflegende Angehörige häufig über zunehmende Müdigkeit und Überlastung berichten. 
  • Hinzu kommen Einsamkeit, Trauer und Zukunftssorgen, Hilf- und Machtlosigkeit sowie das Gefühl, immer stärker fremdbestimmt zu sein.

Zu den Bewältigungsstrategien der Angehörigen gehört die aktive Suche nach Entlastung, zum Beispiel durch die Unterstützung professioneller Dienste oder durch Hilfe aus dem persönlichen Umfeld;

Sich informieren und Kompetenzen erwerben; Austausch mit anderen; das Positive hervorheben sowie Ausgleich schaffen und die eigenen Bedürfnisse pflegen.

  • Denn die Angehörigen fühlen sich durch moralische Verpflichtungen oder gesellschaftliche Erwartungen unter Druck, sich um ihre kranken Angehörigen zu kümmern. 

„Am wichtigsten ist in dieser Situation, mutig zu sein und sich Zeit zu nehmen, um eine gewisse Distanz zu gewinnen“, sagt Beat Sottas.

Partner, keine Co-Patienten

Um die pflegenden Angehörigen zu unterstützen brauche es meistens keine weiteren Entlastungsangebote, sondern insbesondere bessere Information über die bestehenden Dienste und Finanzierungen, ein ernsthaftes Abwägen der eigenen Möglichkeiten sowie soziale, psychologische und spirituelle Unterstützung, folgern die Forschenden aus ihren Ergebnissen.

Und Beat Sottas betont: „Es braucht einen Wechsel in der Wahrnehmung. Pflegende Angehörige sind keine Co-Patienten, sondern sollten als kompetente Partner des Pflegesystems behandelt werden.“

Um das Therapie- und Unterstützungsangebot eines Patienten zu Hause zu koordinieren bringe ein Gespräch an einem Tisch viel mehr, als vereinzelte kurze Besuche eines Arztes oder Spitex-Dienstes.

Wichtig sei dabei, dass die Fäden immer bei einer einzigen Fachperson zusammenlaufen, sagt Sottas: „Für die pflegenden Angehörigen wäre eine Ansprechperson für alle Fragen wie ein Coach.“

(*) Sarah Brügger, Adrienne Jaquier und Beat Sottas (2015). Belastungserleben und Coping-Strategien pflegender Angehöriger. doi: 10.1007/s00391-015-0940-x
(Für Medienvertreter als PDF-Datei beim SNF erhältlich: com@snf.ch)

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