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Dr. Anna Vogel: http://www.trauer-therapie.de - Anhzaltende Trauerstörung

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Wenn Abschiedsschmerz zum Lebensgefühl wird: Hilfe bei Anhaltender Trauerstörung

Der Tod einer nahestehenden Person bedeutet einen tiefen Lebenseinschnitt für die Hinterbliebenen. 

Trauer ist dabei eine ganz normale Reaktion auf den Verlust. 

Doch bei fünf bis zehn Prozent der Trauernden dominiert der Verlust auch nach geraumer Zeit den Alltag so sehr, dass Fachleute dann von einer Anhaltenden Trauerstörung im Sinne einer psychischen Erkrankung sprechen. 

Unter Leitung von Psychologinnen und Psychologen der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) wird bundesweit in mehreren Behandlungszentren eine spezielle Form der Psychotherapie bei dieser Erkrankung erprobt – mit vielversprechenden Zwischenergebnissen. 

 

 

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat die Förderung des Projektes PROGRID (Prolonged Grief Disorder) gerade noch einmal verlängert, so dass für Betroffene weiterhin Gelegenheit dafür besteht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

„Trauer ist eine ganz normale Reaktion, die alle Menschen im Lauf ihres Lebens erfahren. 

Dabei wird die Bindung zu einer verstorbenen Bezugsperson gewissermaßen neu aufgestellt. 

Das ist ein hochindividueller Prozess, der in der Regel nicht behandelt wird“, erläutert Dr. Anna Vogel. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Lehrstuhls für Klinische und Biologische Psychologie (Prof. Dr. Rita Rosner) an der KU und stellvertretende Leiterin der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz in Ingolstadt. „Es gibt keine allgemeingültigen Ratschläge für den Umgang mit Trauer. Gut ist das, was jedem selbst guttut. 

  • Fest steht: Wenn man bei Trauer psychotherapeutisch zu früh einschreitet, kann dies genau das Gegenteil bewirken und den Trauerprozess sogar verlängern!“ 
  • Auch wenn hierzulande immer wieder von einem Trauerjahr gesprochen werde, nach dem die Gedanken rund um die verstorbene Person angeblich weniger im Vordergrund sein sollen, sei dies kein allgemeingültiger Zeitrahmen. 
  • Selbst Jahre später gebe es sogenannte Trauerspitzen, etwa zu Jahrestagen.


Im Vergleich dazu hat die Anhaltende Trauerstörung jedoch einen grundlegend anderen Charakter. 

„Wir sprechen davon, wenn auch nach mehr als sechs Monaten der Tod des oder der Angehörigen den Alltag bestimmt und die eigene Lebensführung signifikant einschränkt – indem sich die Hinterbliebenen etwa weiterhin zurückziehen, die Sehnsucht nach der verstorbenen Person täglich als quälend erlebt wird, ihr Zimmer unangetastet bleibt oder über sie so berichtet wird als ob sie immer noch leben würde.“
Auch Extreme zum Beispiel im Hinblick auf das Grab der Verstorbenen begegnen den Psychologinnen und Psychologen in ihrer Praxis zur anhaltenden Trauer:
Manche Hinterbliebenen gehen auch nach langer Zeit dreimal täglich ans Grab, andere meiden den Friedhof komplett, weil dieser Ort nicht ertragbar scheint.

  • Die Grenzen zu einer Depression sind – wie Vogel erläutert – teilweise fließend und setzen eine genaue Diagnostik voraus. 
  • Identisch zu einer Depression sind Symptome wie etwa das Gefühl, keinerlei Freude mehr empfinden zu können und wie betäubt zu sein. 
  • Im Unterschied zur Depression sind jedoch Konzentrationsstörungen, Schlaflosigkeit oder gar Suizidgedanken eher untypisch für eine Anhaltende Trauerstörung. 

Zudem helfen, wie verschiedene Studien gezeigt haben, keine Medikamente gegen komplizierte Trauer.

Dass die Anhaltende Trauerstörung erst vor kurzem als psychische Erkrankung in die Systematik der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen wurde, zeigt, wie komplex die Materie ist: 

„Es geht nicht darum die Trauer per se zu pathologisieren! 

Zudem hat die Forschung lange gebraucht, um präzise zwischen einer Depression bzw. einer Postraumatischen Belastungsstörung und anhaltender Trauer differenzieren zu können“, so Vogel. 

International gehe man in der Wissenschaft davon aus, dass die besonderen Umstände der Pandemie zu einem Anstieg der Anhaltenden Trauerstörung führen werde. 

„Betroffene schildern uns, wie belastend es für sie war, sich nicht von Sterbenden verabschieden oder eine Beerdigung nur im engsten Kreis abhalten zu können. 

Hinzu kommt, dass viele Hilfsangebote für Trauernde pandemiebedingt nicht möglich waren.“

Die anhaltende Trauer als psychische Erkrankung sei nicht auf ältere Menschen beschränkt, so dass das Angebot der Forscherinnen und Forscher für alle Personen ab 18 Jahren offen ist. 

Vor der eigentlichen Therapie finden mehrere Vorgespräche statt, um genau zu diagnostizieren, ob eine Anhaltende Trauerstörung vorliegt. 

Die eigentliche Behandlung dauert ca. ein halbes Jahr und umfasst rund 25 Sitzungen, die – wie erste Zwischenergebnisse zeigen – zu einer deutlichen Besserung der Symptome führt. 

Anlaufpunkt zur Teilnahme an der PROGRID-Studie sind Behandlungszentren in Ingolstadt, München, Frankfurt, Marburg und Leipzig.

Weitere Informationen finden sich unter http://www.trauer-therapie.de.

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Psychotherapeutische Hochschulambulanz
der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU)
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Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte

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Adhedonie - Innere Leere

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Mehr als nur ein Bauchgefühl – Gehen Depressionen durch den Magen?

Regensburger Forscher finden heraus: 
  • Antibiotikum vermindert Depressions-Verhalten über Veränderungen der Zusammensetzung der Darmflora und hemmt dadurch einen "Entzündungsprozess" im Gehirn. 

Laborratten im Heimatkäfig
Laborratten im Heimatkäfig © Marianella Masis
 
Die Depression gehört zu den häufigsten psychischen Krankheiten.

Fast jeder Fünfte wird einmal im Leben davon betroffen.

Weltweit leiden mindestens 350 Millionen Menschen an Depressionen.  

Die Erkrankten schildern eine alarmierende Gemütslage gezeichnet von Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Apathie, einem Gefühl innerer Leere und oft dem Verlust an den schönen Dingen des Lebens, genannt Anhedonie.  

  • Dazu kommen Müdigkeit, Antriebslosigkeit und ein vermindertes Selbstwertgefühl sowie in den schlimmsten Fällen Suizidgedanken und Suizidversuche. 

Die Behandlung einer klinisch manifesten Depression erfolgt heutzutage mittels sogenannter Antidepressiva, die bei vielen Patienten zu einer zuverlässigen Verbesserung der Symptome führt.

Der Heilungsprozess wird jedoch häufig durch Nebenwirkungen erschwert, und 30 Prozent der Patienten sprechen entweder sehr spät oder gar nicht auf die Behandlung an.

Reguliert wird unsere Psyche durch verschiede Einflüsse: dem Immunsystem, dem Zusammenspiel unserer Hormone, aber auch der Darmflora, dem Mikrobiom.

  • In der Tat besteht unser Körper aus mehr Bakterienzellen im Darm als „eigenen“ Körperzellen. 

Die Bakterien der Darmflora sind nicht nur – wie lange angenommen – für die Verdauung wichtig, sondern die Zusammensetzung des Mikrobioms entscheidet sogar maßgeblich über unser emotionales Wohlbefinden und scheint in depressiven Patienten verändert zu sein.

In einer Studie, die in der Online-Zeitschrift Translational Psychiatry erschienen ist, untersuchten nun Neurobiologen um Prof. Dr. Inga Neumann, Lehrstuhl für Tierphysiologie und Neurobiologie der Universität Regensburg, in Kooperation mit den Teams von Prof. Dr. Rainer Rupprecht, Lehrstuhl für Psychiatrie und Psychotherapie des Bezirksklinikums Regensburg, Prof. Dr. Andre Gessner vom Institut für Klinische Mikrobiologie und Hygiene des Universitätsklinikums Regensburg, sowie Prof. Dr. Isabella Heuser, Charite Berlin den genauen Zusammenhang zwischen Emotionalität, Depression und Mikrobiom bei Laborratten. Dabei konnte die Doktorandin Anna-Kristina Schmidtner nachweisen, dass sich bei den Ratten, die besonders ängstlich sind und zudem ein behandlungsresistentes Depressions-Verhalten zeigen, die Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms stark von normalen, nicht-ängstlichen Tieren unterscheidet.

Werden die ängstlichen Tiere mit dem Antibiotikum Minozyklin behandelt, wird nicht nur die Darmflora erwartungsgemäß stark verändert.

Die Tiere verhalten sich auch aktiver und zeigen weniger Depressions-ähnliches Verhalten.

Wie kann es sein, dass ein Antibiotikum das Verhalten von Tieren beeinflusst?

Neben seiner Wirkung auf die Darmbakterien veränderte Minozyklin im Gehirn sogenannte Glia-Zellen, vormals als „Kitt“ des Gehirns bezeichnet, die zahlreiche Gehirn-Funktionen regulieren.

  • Depressionen gehen mit einer Aktivierung der Mikroglia einher, was auch als Entzündungsprozess des Gehirns interpretiert wird.

Dem Team um Prof. Neumann gelang nun der Nachweis, dass sich nach einer Minozyklin-Behandlung die Zusammensetzung des Mikrobioms ändert:

Manche Bakterienfamilien werden seltener, andere werden häufiger, insbesondere solche Bakterienfamilien, die kurzkettige Fettsäuren produzieren 

Diese gelangen in die Blutbahn und können auf diesem Weg auch Einfluss auf das Gehirn nehmen.

Eine dieser Substanzen –Butyrat – kann sogar die Aktivierung von Mikroglia im Gehirn verhindern, also entzündungshemmend wirken. 

Der antidepressive Effekt von Minozyklin ist daher mit großer Wahrscheinlichkeit auf diese Wirkung zurückzuführen.

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Prof. Dr. Inga Neumann
Lehrstuhl für Tierphysiologie und Neurobiologie
Universität Regensburg
Tel.: 0941 943-3053
E-Mail: Inga.neumann@ur.de

Christina Glaser Universität Regensburg
Universitätsstr. 31
93053 Regensburg
Deutschland
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E-Mail-Adresse: christina.glaser@ur.de

Originalpublikation:
Anna K. Schmidtner, David A. Slattery, Joachim Gläsner, Andreas Hiergeist, Katharina Gryksa, Victoria A. Malik, Julian Hellmann-Regen, Isabella Heuser, Thomas C. Baghai, André Gessner, Rainer Rupprecht, Barbara Di Benedetto and Inga D. Neumann, “Minocycline alters behavior, microglia and the gut microbiome in a trait-anxiety-dependent manner”, Translational Psychiatry (2019).
DOI: https://doi.org/10.1038/s41398-019-0556-9

CAVE: Neurotransmitter Serontonin: Suizidgedanken - Selbsttötung

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Fettsäuremangel an Serotoninrezeptoren kann Depressionen auslösen

MHH-Forscher: 

Palmitat offenbar für Regulation von Serotoninrezeptoren im Gehirn wichtig / Veröffentlichung im Journal Nature Communications 

Dr. Nataliya Gorinski und Professor Dr. Evgeni Ponimaskin.
Dr. Nataliya Gorinski und Professor Dr. Evgeni Ponimaskin.
Quelle „MHH / Karin Kaiser".

Fettsäuremangel an Serotoninrezeptoren kann Depressionen auslösen
 
Depression ist eine häufig unterschätzte, schwere seelische Erkrankung. 

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind weltweit etwa 350 Millionen Menschen betroffen.  

In Deutschland leiden etwa 5,4 Millionen Menschen unter depressiven Störungen, fühlen sich niedergeschlagen, erschöpft und antriebslos.

  • Viele Untersuchungen deuten darauf hin, dass bei Depressionen typische Veränderungen im Gehirn vorliegen. 
  • Dabei scheinen bestimmte Botenstoffe, so genannte Neurotransmitter wie etwa Serotonin, aus dem Gleichgewicht geraten zu sein. 

Die genauen molekularen Abläufe im Gehirn Betroffener sind bislang jedoch nur unzureichend erforscht.

Ein Team um Professor Dr. Evgeni Ponimaskin vom Institut für Neurophysiologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) hat jetzt gezeigt, dass die Fettsäure Palmitat offenbar eine entscheidende Rolle spielt.

„Fehlt die Fettsäure, funktioniert ein wichtiger Serotoninrezeptor nicht mehr richtig“, sagt Professor Ponimaskin.

Die MHH-Forscherinnen und -Forscher haben nicht nur das zuständige Enzym gefunden, das Palmitat auf den Serotonin-Rezeptor überträgt. Sie konnten auch die Steuerungsmechanismen identifizieren, die für eine genaue Diagnose und Therapie entscheidend sein könnten. Die Forschungsergebnisse der internationalen Studie sind jetzt in der Fachzeitschrift „Nature Communications“ erschienen. Erstautorin ist Dr. Nataliya Gorinski, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team.

„Bisher ist die Behandlung von Depressionen leider sehr unspezifisch“, sagt Professor Ponimaskin.

Medikamente, die den Serotoninspiegel erhöhen, zeigen bei etwa 40 Prozent der Patientinnen und Patienten gar keine Wirkung und haben oft schwere Nebenwirkungen.

Mitunter verstärken sie das Krankheitsbild sogar.

Und das ist gefährlich, denn ein sehr häufiges Symptom bei Depression sind Suizidgedanken. 

  • „In Deutschland sterben jährlich etwa 10.000 Menschen durch Selbsttötung, wobei die Zahl der Suizidversuche schätzungsweise 15- bis 20-mal höher ist“, sagt Professor Ponimaskin.

Um den fatalen Folgen depressiver Störungen auf die Spur zu kommen, haben die Neurophysiologen die Rolle des Palmitats und der dazugehörigen Steuermechanismen nicht nur in Zellkulturen sowie im Gehirn von Mäusen und Ratten untersucht. Dank einer Kooperation mit einer Psychiatrischen Klinik in den USA konnten sie auch Gehirnproben von Suizidopfern analysieren, die unter Depressionen litten.

„In unserer Studie haben wir gezeigt, dass die natürlich vorkommende Modifikation des Serotoninrezeptors 5-HT1ARs mit der Fettsäure Palmitat für die physiologischen Rezeptorfunktionen unbedingt notwendig ist“, erklärt der Neurophysiologe.

Wenn diese Modifikation fehlt, kann der Rezeptor nicht mehr aktiviert werden.

Auch das zuständige Enzym, welches Palmitat auf den Rezeptor überträgt, haben die MHH-Forscher identifiziert.

In zwei verschiedenen Nagetiermodellen konnten sie eine verringerte Expression dieses Enzyms sowie eine stark abgeschwächte Modifikation des 5-HT1AR mit dem Palmitat nachweisen.

Wird das Enzym etwa im Vorderhirn von Mäusen selektiv ausgeschaltet, entwickeln die Tiere spontan ein sehr starkes depressionsähnliches Verhalten.

Auf der Suche nach Mechanismen, die die genetische Umsetzung des Palmitat-übertragenen Enzyms steuern, hat das Forscherteam in Kooperation mit Professor Dr. Dr. Thomas Thum, Leiter des MHH-Instituts Institut für Molekulare und Translationale Therapiestrategien, einige regulatorische Moleküle – sogenannte MicroRNAs – identifiziert.

Diese waren im Gehirn von suizidalen Opfern deutlich häufiger zu finden als bei Gesunden, während gleichzeitig die Expression des Palmitat-übertragenden Enzyms sowie der Grad der Modifikation des 5-HT1ARs mit dem Palmitat verringert waren.

„Als nächstes hoffen wir einen passenden Biomarker zu finden, um suizidales Verhalten früh identifizieren zu können“, sagt Professor Ponimaskin.

In Zusammenarbeit mit Professor Dr. Kai Kahl, Geschäftsführender Oberarzt an der MHH-Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie, soll ein Bluttest entwickelt werden, der suizidale Neigungen bei depressiven Patienten frühzeitig zu erkennen hilft.

Langfristig wollen Professor Ponimaskin und sein Team außerdem eine MicroRNA-basierte Therapie entwickeln, mit deren Hilfe Depressionen künftig spezifisch und erfolgreich behandelt werden können.

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Professor Dr. Evgeni Ponimaskin
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Originalpublikation:
Die Originalpublikation finden Sie unter https://www.nature.com/articles/s41467-019-11876-5 .

CAVE: Rettungsstellen-KANZEL: "Werther-Effekt" Suizid und Selbstverletzung

Medizin am Abend Berlin MaAB -Fazit: Suizid und Selbstverletzung auf Instagram

  • Bildliche Darstellungen von Suizid und Selbstverletzung finden sich auf Instagram, einer Social Media Plattform, die vor allem bei jungen Menschen populär ist. 
  • Wissenschaftliche Untersuchungen dazu kamen zum Schluss, dass Selbstverletzung und Suizid präsent sind und teilweise äußerst explizit dargestellt werden. 

Die konkreten Auswirkungen der Nutzung dieser Inhalte auf UserInnen waren bis jetzt unbekannt. 

Diese Lücke schließt nun eine Studie von Florian Arendt von der Universität Wien, der gemeinsam mit Wissenschaftern der Universität Pennsylvania und der KU Leuven die Wirkung solcher Darstellungen untersucht hat. 
 
Die Tatsache, dass eine explizite, detaillierte Beschreibung und Abbildung der Suizidmethode in Medien Nachahmungseffekte begünstigen kann, ist in zahlreichen Studien für das Fernsehen und Tageszeitungen nachgewiesen.

Dies ist in der Literatur bereits als "Werther-Effekt" bekannt. Wie es sich mit solchen Inhalten auf Instagram verhält, untersuchte nun Florian Arendt vom Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft mit einem internationalen Forscherteam.

Konkret führten die Forscher in den USA im Abstand von rund einem Monat eine webbasierte Befragung in zwei Wellen mit insgesamt 729 ProbandInnen im Alter zwischen 18 und 29 Jahren durch.

Dabei fanden sie heraus, dass eine überraschend große Anzahl der UserInnen (43 Prozent) bereits mit Suizid- oder Selbstverletzungsinhalten auf Instagram persönlich in Berührung gekommen war. 

Die Mehrheit dieser UserInnen (64 Prozent) gab "emotionale Verstörung" als Reaktion auf diese Zuwendung an. 

Nur 20 Prozent gaben an, bewusst nach Suizid- oder Selbstverletzungsinhalten auf Instagram gesucht zu haben. 

Das heißt, dass ein Großteil der UserInnen diese Inhalte ohne gezielte Suchabsicht, also zufällig und unbeabsichtig, gesehen hat.

Im Querschnitt zeigte sich den Forschern ein statistischer Zusammenhang zwischen dem Anschauen von Suizid- oder Selbstverletzungsinhalten (z.B. Fotos mit Ritzen, kurze Videoclips mit Suiziddarstellungen) und häufigeren Suizidgedanken, einer größeren Hoffnungslosigkeit, weniger Gründen selbst am Leben zu bleiben (d.h. weniger "Reasons for Living") und mehr (selbst-berichtetes) selbstverletzendes Verhalten.


Die Zuwendung zu problematischen Inhalten sagte (auch im Längsschnitt) eine Verschlechterung von Suizidgedanken, Hoffnungslosigkeit, Reasons for Living, und selbstverletzendem Verhalten zwischen den beiden Befragungswellen voraus. Die Zuwendung zeigte jedoch keinen Effekt auf konkrete Suizidpläne (d.h. eine konkrete Verhaltensabsicht) der UserInnen.

"Sowohl KommunikationswissenschafterInnen und SuizidexpertInnen, aber auch Eltern haben in der jüngsten Vergangenheit Besorgnis über diese expliziten Inhalte auf Instagram geäußert. 

Unsere Ergebnisse liefern Evidenz dafür, dass diese Besorgnis gerechtfertigt ist", sagt Florian Arendt von der Universität Wien, Erstautor der Studie.

"Zwar kann diese Befragungsstudie keine Werther-Effekte im Sinne eines Anstiegs der Suizidrate nachweisen, die Analysen deuten jedoch auf problematische Konsequenzen dieser Inhalte hin.

Darstellungen von Suizid- und selbstverletzendem Verhalten auf Social Media wie Instagram gehören stärker in den Fokus unserer Aufmerksamkeit."

Gesellschaftliche Verantwortung: Was soll Instagram machen?
"Betreiber von Social Media Plattformen wie Instagram haben eine wichtige gesellschaftliche Verantwortung ", meint Arendt. Instagram hat unlängst verlautbart, sich dem Thema stärker annehmen zu wollen und explizite grafische Darstellungen von Suizid und Selbstverletzung zu verbannen. "Ein guter und wichtiger Schritt", so Arendt. Dieser Ansicht schließen sich auch die Ko-Autoren der Studie, Sebastian Scherr von der KU Leuven (Belgien) und Daniel Romer von der Universität Pennsylvania (USA) an. Die Ergebnisse dieser Studie bekräftigen die Wichtigkeit einer raschen und verantwortungsvollen Umsetzung dieses Vorhabens.

"Es soll allerdings nicht zu einer Tabuisierung von Suizid oder Selbstverletzung kommen. Das präventive Potential von Instagram sollte besser als bislang genützt werden, indem etwa vulnerablen UserInnen verstärkt Hilfsangebote kommuniziert werden und sie dadurch online Unterstützung finden.

Inhalte hingegen, von denen wir empirische Evidenz besitzen, dass diese Nachahmungseffekte begünstigen – wie etwa detaillierte, grafische, explizite Darstellungen – sollten nicht öffentlich und derart leicht zugänglich sein.

Vor allem auch, wenn man an die Jüngsten unserer Gesellschaft denkt", so Arendt.

Zum Studiendesign
Bei der vorliegende Studie handelt es sich um eine nicht-repräsentative Stichprobe von jungen Erwachsenen.

Es wurde kein klinisches Sample getestet.

Zudem kann ein mehrwelliges Panel-Design zwar die Interpretation kausaler Effekte erleichtern, jedoch kann Kausalität nicht bewiesen werden, wie dies etwa bei einer randomisierten kontrollierten Studie der Fall wäre. Letzterem Forschungsdesign sind im Suizidpräventionsbereich jedoch auf Grund ethischer Bedenken bei gewissen Fragestellungen zurecht Grenzen gesetzt.

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Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft
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+43-1-4277-493 23
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E-Mail-Adresse: paulina.parvanov@univie.ac.at


Originalpublikation:
Publikation in "New Media & Society"
Florian Arendt, Sebastian Scherr, Daniel Romer: "Effects of exposure to self-harm on social media: Evidence from a two-wave panel study among young adults"
DOI: 10.1177/1461444819850106

ZNA-Rettungsstelle RETTUNGSKANZEL: CAVE: Suizidalen Verhalten

Medizin am Abend Berlin Fazit: Lässt sich ein Suizid vorhersagen?

Etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung entwickeln im Laufe ihres Lebens Suizidgedanken. 

Eine genaue Vorhersage, wer diesen Gedanken auch Taten folgen lässt, ist der aktuellen Forschung zufolge nicht sicher möglich. 

  • Dennoch brauchen Ärzte und Therapeuten Anhaltspunkte, um das Risiko suizidalen Verhaltens abschätzen zu können. 

Wissenschaftler der Leipziger Universitätsmedizin untersuchen eine Theorie zur Vorhersage von suizidalen Gedanken und Handlungen. Die Ergebnisse stellen sie auf dem gemeinsamen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Psychologie und der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie vor. 


  • Wann sollte ein suizidgefährdeter Patient stationär aufgenommen und versorgt werden? 
  • Darf ein Patient die Klinik über das Wochenende verlassen oder ist die Gefahr eines Suizids zu hoch? 

Diese Fragen müssen Ärzte und Therapeuten regelmäßig beantworten und anhand von bestimmten Faktoren das Risiko einschätzen.

Es gibt zwar etablierte Risikofaktoren für suizidale Handlungen, wie männliches Geschlecht, Substanzmissbrauch oder ein bereits erfolgter Suizidversuch, deren praktische Bedeutung für die Vorhersage von suizidalen Handlungen ist im Einzelfall jedoch kritisch zu sehen. 

„Die Studienlage aus den vergangenen Jahrzehnten ist eindeutig: 

Wir können einen Suizid bislang nicht sicher vorhersagen“, sagt Prof. Dr. Heide Glaesmer, Psychologische Psychotherapeutin und stellvertretende Abteilungsleiterin der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie. „Wir wollen die Vorhersage von suizidalen Handlungen verbessern und untersuchen deshalb Theorien suizidalen Verhaltens in empirischen Studien.“

Theorie suizidalen Verhaltens empirisch geprüft
In einer aktuellen Untersuchung prüften Wissenschaftlerinnen die Evidenz zur Interpersonalen Theorie suizidalen Verhaltens von Thomas Joiner.

Sie besagt, dass drei Komponenten einen möglichen Suizid bedingen:

  • Betroffene empfinden sich als Last für andere
  • und fühlen sich keiner wertgeschätzten Gruppe der Gesellschaft zugehörig

Der dritte Aspekt beschreibt die „capability for suicide“, also die Fähigkeit durch Suizid zu sterben. 

Denn nicht jeder Mensch ist in der Lage, sich Schmerzen und Verletzungen zuzufügen, die zum Tod führen können.

  • Diese Eigenschaft können Betroffene etwa durch traumatische Erfahrungen wie Missbrauch oder Krieg erwerben, aber auch durch bereits erfolgte Suizidversuche. 

Die Theorie ging bislang davon aus, dass sie erworben wird und dann zeitlich eher stabil bleibt.

Patienten per Smartphone zu Befinden befragt

Die Studie der Leipziger Wissenschaftler zeigt etwas Anderes:

  • Die Fähigkeit, sich selbst diese Verletzungen zuzufügen, kann von Tag zu Tag variieren. 

Stationäre Patienten, die an Depressionen litten und Suizidgedanken hatten, nahmen an der Studie teil. Für die Untersuchung wurden sie an sechs Abenden hintereinander per Smartphone um eine Einschätzung gebeten, ob sie heute großen körperlichen Schmerz hätten aushalten können und wie furchtlos sie heute gegenüber dem Tod waren. „Ein gewisser Prozentsatz der Probanden hat immer gleich geantwortet. Die Mehrheit hingegen gab jeden Tag eine etwas andere Antwort. Die Fähigkeit, durch Suizid zu sterben, hat somit nicht ausschließlich mit den vorangegangen Lebensereignissen und -erfahrungen zu tun, sondern auch mit dem aktuellen Befinden“, sagt Dr. Lena Spangenberg, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Leiterin der Studie. Aktuell wird eine weitere Studie gemeinsam mit Kollegen aus Aachen und Bochum durchgeführt. In dieser wurden rund 300 Patienten, die nach einem Suizidversuch oder wegen akuter Suizidalität in psychiatrische Kliniken aufgenommen wurden, befragt. Sie werden nun nach sechs, neun und zwölf Monaten erneut befragt. Ziel dieser Studie ist es, die Bedeutung der Interpersonalen Theorie suizidalen Verhaltens für die Vorhersage von Suizidalität in dieser Hochrisikogruppe genauer unter die Lupe zu nehmen.

Über 250 Teilnehmer zur Tagung erwartet
Die Ergebnisse der Untersuchung werden nun erstmals auf der gemeinsamen Fachtagung der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Psychologie und der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Soziologie vom 26. bis 28. September vorgestellt.

Unter dem Motto „Von globalen Herausforderungen der Gesundheitsversorgung zu gemeindebasierten und individuellen psychosozialen Interventionsstrategien“ werden in Leipzig etwa 300 Wissenschaftler aus Deutschland erwartet.

„Wir beschäftigen uns auf der Konferenz mit den aktuellen Herausforderungen einer globalisierten Welt.

Dazu zählen die älter werdende Bevölkerung mit einer hohen Morbidität und spezifischen Versorgungsbedürfnissen, die zunehmende Bedeutung psychischer Störungen, wie Depression und Angsterkrankungen, sowie die Zunahme von Adipositas und deren Folgeerkrankungen in den Industriestaaten“, sagt Prof. Dr. Anja Mehnert-Theuerkauf, die die Abteilung und die Tagung leitet.

Der Kongress bietet die Möglichkeit des Austauschs zwischen Wissenschaftlern und Klinikern sowie allen in der Medizinpsychologie und Medizinsoziologie tätigen Berufsgruppen. 

Ein Schwerpunkt liegt auf der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung und der Fortbildung.

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Prof. Dr. Heide Glaesmer
Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie
Telefon: +49 341 97-18811

Dr. Katarina Werneburg Universität Leipzig

Ritterstraße 26
04109 Leipzig
Deutschland
Sachsen 

Dr. Katarina Werneburg
Telefon: 0341-9735021
E-Mail-Adresse: katarina.werneburg@medizin.uni-leipzig.de

 


Personalisierten Lithiumtherapie bei bipolaren Störungen

Medizin am Abene Berlin Fazit:  Studie eröffnet ersten Schritt hin zu einer personalisierten Lithiumtherapie bei bipolaren Störungen

An der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus der TU Dresden werden seit vielen Jahren Daten bipolar erkrankter Patienten ausgewertet. Die ersten Ergebnisse weisen darauf hin, dass bestimmte molekulare Strukturen ausschlaggebend sind, welche Patienten von einer Lithiumtherapie profitieren, indem beispielsweise die Suizidalität gesenkt werden kann. In einer gemeinsamen Publikation internationaler Forscher im renommierten Fachjournal „THE LANCET“ wurde insbesondere herausgearbeitet, dass die große Anzahl von Patientendaten erstmals die Möglichkeit bietet, die genetischen Grundlagen, weshalb Lithium solch eine positive Wirkung bei vielen Patienten entfaltet, wissenschaftlich zu untersuchen. 

 Prof. Dr. Dr. Michael Bauer, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus.
 Prof. Dr. Dr. Michael Bauer, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus. Foto: Uniklinikum Dresden / Christoph Reichelt
 
Seit 60 Jahren gehört das Spurenelement Lithium zur äußerst wirksamen Standardtherapie bei Depressionen und Manisch-Depressiver Krankheit (bipolare Störung).

Bislang liegen allerdings kaum wissenschaftlich belegte Studienergebnisse vor, wie der Wirkmechanismus von Lithium genau funktioniert und welche Patientengruppen am meisten von einer entsprechenden Behandlung profitieren.

„Wir haben bei unseren Patienten immer wieder beobachtet, dass Lithium eines der wenigen Medikamente ist, welches langfristig Suizidgedanken ausschalten kann.

Es gibt kein anderes Medikament, das so ausgeprägt suizidale Gedanken und Handlungen vermindert“, sagt Professor Michael Bauer, der Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus.

„Heute findet man kaum noch ein Medikament auf dem Arzneimittelmarkt, das über 60 Jahre hinweg noch verordnet wird, und trotzdem stellen wir immer noch weiter neue Wirkaspekte fest, die uns überraschen. 

Beispielsweise haben wir während der Analyse langjähriger Behandlungsdaten festgestellt, dass Lithium auch einen gewissen Schutz vor Gedächtnisverlust und Demenz aufweist. Im Laborversuch konnte ganz klar die neuroprotektive Wirkung von Lithium nachgewiesen werden“, so Professor Bauer.

„Wenn Patienten Lithium über zehn oder zwanzig Jahre einnehmen, dann sinkt auch die Demenzrate.“ All das waren Gründe, die dafür sprachen, Lithium noch genauer unter die Lupe zu nehmen.

Bereits 2008 hat sich ein internationales Forscherkonsortium in Dresden getroffen, um ganz detailliert Patientendaten zu erfassen und diese auszuwerten. Professor Bauer, der vor acht Jahren unter anderem die Initiative gestartet hat, hegt große Erwartungen, dass die über 3.000 Datensätze einen neuen Einblick in die Wirkmechanismen von Lithium geben, die bislang noch nicht umfassend erforscht sind.

  • Lithium löst eine Reihe von intrazellulären Effekten aus. Das Salz erhöht beispielsweise auch die Serotoninausschüttung.  
Ein möglicher Grund, weshalb es in der Therapie so wirksam einsetzbar ist.

Viele Patienten, die eine lange schwere Manie oder bipolare Erkrankung durchlebt haben, gelten mit der Einnahme des Medikaments als geheilt. 

„Wir unterscheiden in drei Gruppen: 

exzellente Lithiumresponder, Patienten, bei denen das Medikament weniger deutlich und solche, bei denen es gar nicht anschlägt.

Interessant dabei ist, dass sich ähnlich der bipolaren Erkrankung auch das Ansprechverhalten auf das Medikament vererbt“, so Professor Bauer.

An der Medizinischen Fakultät Carl Gustav Carus läuft zu diesem Forschungsschwerpunkt gerade eine vom Dresdner Forscherteam initiierte große mehrzentrische bundesweite Studie, gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Dabei bietet sich die Chance, den sofortigen Effekt von Lithium auf Suizidgedanken bei Depressionen nachzuweisen, etwas, was bisher noch für kein einziges Medikament belegt werden konnte.

Informationen zum Forschungsverbund
http://www.conligen.org


Publikation
Genetic variants associated with response to lithium treatment in bipolar disorder: a genome-wide association study, in: The Lancet, Volume 387, Issue 10023, 12–18 March 2016, Pages 1085–1093
doi:10.1016/S0140-6736(16)00143-4
www.thelancet.com

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Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der TU Dresden
Prof. Dr. Dr. Michael Bauer
Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Telefon:0351-458 2760
E-Mail: michael.bauer@uniklinikum-dresden.de
Konrad Kästner Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden

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