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flimmernden“ Herzvorhof Blutgerinnsel (Thromben): neue orale Antikoagulans Asundexian

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Neues Medikament zur Gerinnungshemmung für die Schlaganfallprävention mit geringem Blutungsrisiko

Zur Schlaganfallprävention ist in bestimmten Situationen oder bei bestimmten Erkrankungen die Gabe von gerinnungshemmenden Medikamenten (Antikoagulanzien) notwendig – beispielsweise bei Vorhofflimmern, einer relativ häufigen Herzrhythmusstörung älterer Menschen. 

Dafür steht heute eine Reihe verschiedener oraler Präparate zur Verfügung, die zu einer effektiven Gerinnungshemmung führen und damit Schlaganfälle vermeiden. 

Allerdings erhöhen sie auch das Risiko für Blutungen. 

Eine neue Substanz, Asundexian, zeigte nun in einer Phase-II-Studie [1] eine hohe gerinnungshemmende Wirksamkeit bei gleichzeitig deutlich reduziertem Blutungsrisiko.

Ältere Menschen leiden relativ häufig an Vorhofflimmern (VHF), einer oftmals symptomlosen Herzrhythmusstörung. 

In Deutschland leidet ca. 1% der Gesamtbevölkerung und ca. 20% der älteren Menschen an einem VHF [2] – das sind ca. 1,8 Millionen Betroffene [3]. 

Die häufigsten zugrunde liegenden Ursachen des VHF sind Bluthochdruck und Herzschwäche [4].


  • Beim VHF breiten sich die elektrischen Impulse in den Vorhöfen nicht mehr regelmäßig aus. 
  • Dadurch gibt es im linken Herzvorhof keine rhythmischen Kontraktionen mehr, durch die das Blut normalerweise bei jedem Herzschlag zügig in die linke Herzkammer weitertransportiert wird, sondern der Vorhof bewegt sich hochfrequent und unkoordiniert, er „flimmert“. 

Dies ist zunächst nicht gefährlich, über längere Zeit kann sich jedoch neben anderen Gesundheitsproblemen das Schlaganfallrisiko erhöhen. 

  • Der Grund ist, dass sich im „flimmernden“ Herzvorhof Blutgerinnsel (Thromben) bilden können, da in einem kleinen Bereich (im „Herzohr“) durch die fehlende rhythmische Entleerung der Blutfluss praktisch zum Stillstand kommt – und stehendes Blut gerinnt. 
  • Kleine Stückchen des Thrombus können sich im Verlauf ablösen, mit dem Blutstrom in Gehirnarterien gelangen, stecken bleiben und einen plötzlichen Gefäßverschluss auslösen (Hirninfarkt bzw. ischämischer Schlaganfall).


Die optimale Therapie des VHF besteht in der kardiologischen Behandlung, wodurch das Flimmern unterbrochen wird und der Vorhof wieder koordiniert an der Pumpfunktion des Herzens teilnimmt. Wenn diese Behandlung nicht möglich oder nicht erfolgreich ist, wird zur Schlaganfallprävention die Gabe von gerinnungshemmenden Medikamenten (Antikoagulanzien) empfohlen. Dafür gibt es verschiedene orale Substanzen; neben den klassischen Vitamin K-Antagonisten (Marcumar®) sind seit einiger Zeit die sogenannten direkten oralen Antikoagulanzien („DOACs“) verfügbar, die spezifisch einzelne Gerinnungsfaktoren (Proteine) hemmen, beispielsweise den Faktor IIa (Dabigatran) oder Faktor Xa (Apixaban, Edoxaban, Rivaroxaban). DOACs sind besser steuerbar als Marcumar, da die Wirkung praktisch sofort einsetzt und beim Absetzen auch schnell wieder nachlässt. Alle Präparate haben jedoch das Problem, dass sie nicht nur die Gerinnung hemmen, sondern gleichzeitig das allgemeine Blutungsrisiko leicht erhöhen.

  • Das neue orale Antikoagulans Asundexian (ein sogenanntes „small molecule“) hemmt den Faktor XIa und soll thromboembolische Ereignisse bei nur minimalen Effekten auf die Blutgerinnung bzw. geringem Blutungsrisiko verhindern. 

Die nun publizierte Phase-2-Dosisfindungsstudie „Pacific-AF“ verglich randomisiert doppelblind zwei Dosierungen Asundexian gegenüber einer Standardbehandlung mit Apixaban bei Menschen ab 45 Jahren mit Vorhofflimmern hinsichtlich der Inzidenz von Blutungsereignissen. 

Die Studie wurde in 14 Ländern an insgesamt 93 Zentren durchgeführt (12 europäische Länder, Kanada und Japan). Einschlusskriterium war ein CHA2DS2-VASc-Score (zur Abschätzung des Thrombembolie-Risikos bei Vorhofflimmern anhand anamnestischer Risikofaktoren) von ≥ 2 (Männer) oder ≥ 3 (Frauen) sowie ein erhöhtes Blutungsrisiko. Die Teilnehmenden wurden in drei gleichgroße Gruppen randomisiert und erhielten einmal täglich 20 mg oder 50 mg Asundexian oder zweimal täglich 5 mg Apixaban. Es erfolgte außerdem eine Stratifizierung nach der bisherigen DOAC-Einnahme vor Studienbeginn. Primärer Endpunkt war eine Kombination großer bzw. klinisch relevanter, kleinerer Blutungen gemäß den ISTH-Kriterien („International Society on Thrombosis and Haemostasis“). Insgesamt wurden 755 geeignete Patientinnen und Patienten randomisiert und 753 ausgewertet (249 erhielten 20 mg und 254 erhielten 50 mg Asundexian und 250 hatten Apixaban). Das mittlere Alter der Teilnehmenden lag bei 73,7±8,3 Jahren, 41% waren weiblich, 29% hatten eine chronische Nierenerkrankung und der mittlere CHA2DS2-VASc-Score betrug 3,9±1,3.

Mit Asundexian 20 mg wurde eine 81%ige Hemmung der Faktor XIa-Maximalkonzentrationen im Blut erzielt sowie eine 94%ige Inhibition der FXIa-Talspiegel. Die Inzidenz-Ratio für das Auftreten des primären Endpunktes lag bei 0,5 für 20 mg Asundexian (drei Ereignisse), bei 0,16 für 50 mg Asundexian (ein Ereignis) und bei 0,33 für beide gepoolten Asundexian-Gruppen (vier Ereignisse) gegenüber der Behandlung mit Apixaban (sechs Ereignisse). Die sonstige Nebenwirkungsrate war in allen drei Gruppen ähnlich: Sie betrug 47% bei den mit 20 mg Asundexian Behandelten, ebenfalls 47% bei 50 mg Asundexian und 49% bei Apixaban.

„Bei Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Vorhofflimmern mit dem Faktor XIa-Inhibitor Asundexian – in zwei verschiedenen Dosierungen – gab es mit insgesamt 4/503 (0,8%) deutlich weniger Blutungsereignisse als mit der Apixaban-Standardmedikation mit 6/250 (2,4%)“, so das Fazit von Prof. Hans Christoph Diener, Essen. 

„Die Blutungsraten wurden um 67% reduziert – bei fast vollständiger Hemmung des Gerinnungsfaktors XIa. Diese Ergebnisse sind vielversprechend und wir erwarten nun mit Spannung prospektive klinische Outcome-Studien zur Schlaganfallprävention für diese neue Substanz.“


[1] Piccini JP, Caso V, Connolly SJ et al. the PACIFIC-AF Investigators. Safety of the oral factor XIa inhibitor asundexian compared with apixaban in patients with atrial fibrillation (PACIFIC-AF): a multicentre, randomised, double-blind, double-dummy, dose-finding phase 2 study. Lancet 2022 Apr 03;
Published Online https://doi.org/10.1016/S0140-6736(22)00456-1
[2] Kompetenznetz Vorhofflimmern e. V. http://kv2020.vs10366.internet1.de/de/patienteninformation/vorhofflimmern
[3] https://www.herzstiftung.de/infos-zu-herzerkrankungen/herzrhythmusstoerungen/vor...
[4] https://www.herzstiftung.de/infos-zu-herzerkrankungen/herzrhythmusstoerungen/vor...

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Originalpublikation:

https://doi.org/10.1016/S0140-6736(22)00456-1

Co-Infektionen mit Hepatitis-Viren C und E (HCV und HEV)

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Ich war zuerst da! Wie Heptitis C Hepatitis E hemmt

Infektionen mit Hepatis C und E sind so verbreitet, dass rein statistisch viele Menschen mit beiden Viren gleichzeitig infiziert sein müssten. 

Es werden aber nur sehr wenige solcher Fälle bekannt. 

Eine Vermutung, warum das so ist, hat ein Forschungsteam der Abteilung für Molekulare und Medizinische Virologie der Ruhr-Universität Bochum (RUB): 

  • Die Forschenden haben festgestellt, dass sich bei einem parallelen Befall die Viren gegenseitig hemmen. 

Das Team um Thomas Burkard berichtet in der Zeitschrift „Cells“ vom 8. März 2022. 

Replikation von Hepatitis C virus (HCV) und Heaptitis E Virus (HEV) in humanen Leberzellen. HCV leuchtet bei erfolgreicher Vermehrung rot, HEV grün. Replikation von Hepatitis C virus (HCV) und Heaptitis E Virus (HEV) in humanen Leberzellen. HCV leuchtet bei erfolgreicher Vermehrung rot, HEV grün. © Abteilung für Molekulare und Medizinische Virologie 

Dass es Co-Infektionen mit Hepatitis-Viren gibt, ist bekannt. 

„Die Co-Infektion von Hepatitis C und E wurde bisher allerdings nicht systematisch untersucht“, so Thomas Burkard. „Dabei steht immer im Raum, dass eine zeitgleiche Infektion mit zwei Viren vielleicht besonders gefährlich sein könnte.“

Ein einzelnes Protein unterdrückt die Infektion


Um mehr über die parallele Infektion mit Hepatitis-C-Virus (HCV) und Hepatitis-E-Virus (HEV) herauszufinden, infizierten die Forschenden zunächst Leberzellen in Zellkultur mit beiden Erregern. 

Dabei stellte sich heraus, dass das Hepatitis-C-Virus in der Lage ist, eine Infektion mit Hepatitis E zu unterdrücken. 

Das Team machte sich daran, die Ursachen dafür zu ergründen. 

„HCV besteht aus zehn Proteinen“, erklärt Thomas Burkard. 

„Indem wir dafür gesorgt haben, dass einzelne davon im Übermaß hergestellt werden, konnten wir ihre Auswirkung untersuchen.“ So konnten die Forschenden herausfinden, dass ein einzelnes Virus-Protein – namens NS3/4A – die Vermehrung der Hepatitis-E-Viren in der Zellkultur erfolgreich unterdrückt. „Es schien so, als sei eine Co-Infektion mit beiden Viren nur sehr eingeschränkt möglich“, so Thomas Burkard.

Experimente im Tiermodell boten allerdings ein etwas anderes Bild: 

Genetisch veränderte Mäuse, die eine menschliche Leber haben, konnten sich mit beiden Viren infizieren. 

Je nachdem, welchem sie zuerst ausgesetzt waren, verliefen die Infektionen aber unterschiedlich. 

  • War HEV zuerst da, konnte HCV die Tiere nicht erfolgreich infizieren. 
  • War HCV zuerst da, verlief die Infektion mit HEV oft verlangsamt. 

„Hier stellte sich HCV also nicht als so dominant heraus wie in der Zellkultur“, so Thomas Burkard. 

Genauere Untersuchungen der Leberzellen sollen nun Aufschluss darüber geben, was dem zugrunde liegt: „Vielleicht finden wir nur Inseln, die jeweils mit dem einen oder dem anderen Virus infiziert sind“, mutmaßt der Forscher. „Fest steht auf jeden Fall, dass es zwischen den beiden Viren einen gegenseitigen Einfluss gibt.“

Förderung

Die Arbeiten wurden gefördert durch das Bundesgesundheitsministerium (ZMVI1-2518FSB705), die Research Foundation Flanders (FWO-Vlaanderen, Projekt G047417N und VirEOS 30981113) sowie den Open-Access-Publikationsfonds der Ruhr-Universität Bochum.

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Thomas Burkard
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E-Mail-Adresse: meike.driessen@presse.rub.de

Originalpublikation:

Thomas Burkard et al.: Viral interference of Hepatitis C and E virus replication in novel experimental co-infection systems, in: Cells, 2022, DOI: 10.3390/cells11060927, https://www.mdpi.com/2073-4409/11/6/927


Speichelproben - Stresshormon Cortisol: Ältere Paare: Küssen, Berühren, Umarmen, körperliche Nähe - besseres Wohlbefinden

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Körperliche Nähe im Alltag älterer Paare

  • Küssen, Berühren, Umarmen - ältere Paare, die im Alltag mehr körperliche Nähe erleben, haben ein besseres Wohlbefinden. 

Eine Studie mit Beteiligung der Humboldt-Universität hat dazu erstmals tagesaktuelle Daten erhoben.

  • Männer und Frauen empfinden dies jedoch unterschiedlich, was auch am Stresshormonlevel nachweisbar ist.


Körperliche Intimität im Alltag älterer Paare wird selten zum Gegenstand wissenschaftlicher Studien. 

Ein Forscher:innenteam mit Beteiligung des Instituts für Psychologie der Humboldt-Universität analysierte nun die gewünschte und erlebte körperliche Nähe im Alltag heterosexueller Paare aus Deutschland im Alter von 56 bis 88 Jahren. Erstmals wurden dabei Daten tagesaktuell erhoben. Die Wissenschaftler:innen interessierten Häufigkeit und Ausprägung der körperlichen Nähe, aber auch die Zusammenhänge mit den erlebten Emotionen und den Levels des Stresshormons Cortisol. Die Studie soll zum besseren Verständnis vom Wohlbefinden im Alter und den damit zusammenhängenden alltäglichen Faktoren beitragen.

„Die Ergebnisse unserer Studie legen nahe, dass auch kleine Formen des Körperkontakts, sei es Berührung, Umarmung, oder Kuss, im Alltag wichtig für das Wohlbefinden sind“, sagt Erstautorin Karolina Kolodziejczak, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie der Humboldt-Universität.

Die Teilnehmer:innen der Studie berichteten über eine Woche hinweg mehrmals am Tag von der gewünschten und erlebten körperlichen Nähe mit dem Partner bzw. der Partnerin und schätzen ihre momentanen Emotionszustände ein – alles mittels eines iPads. 

Zeitgleich sammelten sie Speichelproben, in denen anschließend im Labor das Stresshormon Cortisol bestimmt wurde. 

  • Die Ergebnisse zeigen, dass ältere Paare sich zu den meisten Messzeitpunkten Körperkontakt gewünscht oder erlebt haben. 

Frühere Befragungen ließen oft nur Aussagen in Bezug auf die vergangenen sechs bis zu zwölf Monate zu.

Als ein weiteres Ergebnis der Studie wurden Unterschiede zwischen Männern und Frauen festgestellt. 

  • Bei den Studienteilnehmerinnen war keine Veränderung des tagesgenauen Stresshormonlevels auf die erlebte körperliche Nähe zurückzuführen, anders als bei den männlichen Teilnehmern. 
  • Bei Männern, die von mehr körperlicher Nähe berichteten, war der Stresshormonlevel geringer.


An der Analyse waren Forscher:innen der Humboldt-Universität zu Berlin, der Charité – Universitätsmedizin Berlin, der Universität Zürich, Stanford University und University of British Columbia beteiligt. 

Die Ergebnisse wurden 14. März 2022 von The Journals of Gerontology, Series B: Psychological Sciences and Social Sciences veröffentlicht.

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Karolina Kolodziejczak
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Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte

https://academic.oup.com/psychsocgerontology/advance-article/doi/10.1093/geronb/... Zur Studie


Prof. Dr. med. Christoph Starck: https://www.doctorbox.de/ Fachbegriff „Typ A Aortendissektion - Innere Wand der Hauptschlagader (Aorta) am Herzen

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Neuer Notfallausweis für Aortenpatient*innen und Aorten-Informationswoche am DHZB

Bei akuten Erkrankungen der Hauptschlagader sind eine schnelle Diagnose, die richtige Erstversorgung und der rasche Transport in ein spezialisiertes Krankenhaus für die Patient*innen überlebenswichtig. 

Das Deutsche Herzzentrum Berlin (DHZB) bietet Aortenpatient*innen deshalb jetzt einen neuen Notfallausweis an, der im Ernstfall schnellen Zugriff auf die Patient*innenakte ermöglicht. 

Die Einführung der Notfallkarte ist der Auftakt einer Informationswoche zu akuten Aortenerkrankungen. 

Denn noch immer sterben Patient*innen, weil die Erkrankung zu spät erkannt wurde oder die Verlegung in ein Herzzentrum zu lange gedauert hat. 

 https://www.doctorbox.de/

Medizin am Abend Berlin ZusatzFachLink: Plus Card

Herzchirurg Prof. Dr. med. Christoph Starck (links) und Kardioanästhesist und Notfallmediziner Dr. med. Stephan Kurz präsentieren den Notfallausweis für Aortenpatient*innen. Herzchirurg Prof. Dr. med. Christoph Starck (links) und Kardioanästhesist und Notfallmediziner Dr. med. Stephan Kurz präsentieren den Notfallausweis für Aortenpatient*innen. DHZB 

Der Fachbegriff „Typ A Aortendissektion“ steht für einen der dringlichsten Notfälle in der Herzmedizin: 

  • Meist ohne jede Vorwarnung reißt die innere Wand der Hauptschlagader (Aorta) unmittelbar am Herzen. 
  • Blut dringt durch den Einriss in einen Spalt zwischen den Gefäßwänden und vergrößert diesen immer weiter. 
  • Die einzig mögliche Therapie ist eine Notoperation in einem spezialisierten Herzzentrum. Unbehandelt verläuft die Typ A Aortendissektion fast immer tödlich.


Tückisches Krankheitsbild

Leider werden die Symptome dieser Erkrankung oft als – wesentlich häufiger auftretender – Herzinfarkt fehlinterpretiert oder die Erkrankung wird aus anderen Gründen zu spät diagnostiziert. 

Einer aktuellen DHZB-Studie zufolge wurde bei mehr als 75 Prozent der Patient*innen eine falsche Erstdiagnose gestellt. 

Zudem kann die Dringlichkeit der Erkrankung unterschätzt werden

Dadurch verlieren die Patient*innen entscheidende Zeit. 

Denn mit jeder Stunde, die eine akute Typ A Aortendissektion unbehandelt bleibt, versterben statistisch ein bis zwei Prozent der Patient*innen.

Am Deutschen Herzzentrum Berlin, dem nach Fallzahlen bundesweit größten Zentrum für die chirurgische Behandlung der Typ A Aortendissektion, wurde bereits 2015 das europaweit einzigartige Konzept eines „Aortentelefons“ ausgearbeitet: 

Eine medizinische Hotline, die allen Berliner und Brandenburger Ärztinnen und Ärzten rund um die Uhr koordinierend und beratend zur Seite steht.

Das Konzept hat bereits zu einer deutlichen Verbesserung der Diagnostik und Versorgung geführt: Die Zahl der Patientinnen und Patienten, die am DHZB wegen einer akuten Typ A Aortendissektion operiert wurden, konnte verglichen mit den Vorjahren um mehr als 45 Prozent gesteigert werden. Die Zeit von der Diagnose bis zur Operation wurde ebenfalls deutlich reduziert. Insgesamt sank auch die Sterblichkeit.

Jetzt stellt das DHZB erstmals einen speziellen Notfallausweis für Aorten-Patient*innen vor. Er ermöglicht Notärzt*innen einen sofortigen Zugriff auf die wichtigsten Patient*innendaten. 

Das DHZB kooperiert dabei mit der DoctorBox GmbH, die das Konzept eines digitalen Gesundheitskontos entwickelt hat. Das Angebot ist kostenlos.

Wie der Notfallausweis funktioniert

Patient*innen, die das Angebot wahrnehmen möchten, können sich über die kostenlose DoctorBox-App registrieren und Daten zur Blutgruppe, Krankheiten und Allergien eintragen. Über diese App können Klinken oder Arztpraxen auch Patient*innendaten übermitteln.

Sind die medizinischen Daten hinterlegt, kann auch der Notfallausweis aktiviert werden. 

Im Notfall können Notärzt*innen oder Mitglieder des Teams einer Klinik-Rettungsstelle über einen auf der Karte aufgedruckten QR-Code die DoctorBox-Website aufrufen und erhalten nach Eingabe einer PIN-Nummer sämtliche Gesundheitsdaten der Patient*innen.

Zudem steht die Nummer des DHZB-Aortentelefons auf der Karte und ermöglicht Rettungsstellen und Notärzt*innen schnellen Support.

Die Daten sind sicher

Die technischen und infrastrukturellen Schutzmaßnahmen der DoctorBox GmbH entsprechen den höchsten Standards und sind gemäß der ISO/IEC 27001 – einer internationalen Norm für Informationssicherheits-Managementsysteme auf der Basis von Vertraulichkeit, Integrität und Verfügbarkeit – zertifiziert.

Der Notfallausweis für Aortenpatient*innen soll zur bestmöglichen Versorgung insbesondere bei Patient*innen mit Vorerkrankungen beitragen, wie Herzchirurg Prof. Dr. med. Christoph Starck, Leitender Oberarzt am DHZB, erläutert: „Auch bei Patientinnen und Patienten, die bereits in ambulanter Behandlung sind, kann es zu einer plötzlichen Notfallsituation außerhalb der Klinik kommen. Dann ermöglicht die sofortige Abfrage der Vorgeschichte und aller wichtigen Parameter den erstversorgenden Kolleginnen und Kollegen eine schnelle und individuelle Therapie – was für die Patientinnen und Patienten lebensrettend sein kann.“

Oberarzt Dr. med. Stephan Kurz, Kardioanästhesist und Notfallmediziner am DHZB und der Charité, ergänzt: „Viele Patientinnen und Patienten, die eine akute Aortenerkrankung mit einer Notoperation hinter sich haben, leben in großer Sorge vor einer erneuten Erkrankung. Wir möchten mit dem Notfallausweis zu einem besseren Gefühl der Sicherheit beitragen.“

Übertragbares Konzept


Das DHZB wird gemeinsam mit DoctorBox mehreren hundert Patient*innen mit bekannten Aortenerkrankungen einen Notfallausweis zur Verfügung stellen, der durch die Registrierung bei DoctorBox und die Übermittlung der Patient*innendaten aktiviert werden kann.

Bei positiver Resonanz und Praxistauglichkeit wird das Konzept auch allen anderen DHZB-Patient*innen empfohlen. Schon jetzt ist die Registrierung bei DoctorBox selbstverständlich für alle Patient*innen möglich.

„Aortenwoche“ am DHZB

Das DHZB nimmt die Einführung der Notfallkarte zum Anlass für eine Aortenwoche: Sieben Tage lang wollen wir auf unseren Social-Media-Kanälen für Information und Aufklärung sorgen. Wir präsentieren informative Schaubilder mit Daten und Fakten zu Aortenerkrankungen, sprechen mit Expert*innen über modernste Diagnose- und Therapieformen, stellen Patient*innengeschichten vor und vieles mehr.

Wenn Sie zum Notfallausweis oder anderen Aspekten rund um akute Aortenerkrankungen berichten wollen, sprechen Sie uns bitte an: Wir vermitteln Ihnen gerne den Kontakt zu betroffenen Patient*innen, Gespräche mit unseren Expert*innen sowie entsprechende Foto- oder Drehmöglichkeiten.

Wir würden uns freuen, wenn Sie uns im Rahmen der Aortenwoche medial bei der Information zu diesem wichtigen Thema unterstützen könnten!

Website und Ratgeber für Patient*innen und Angehörige

Weitere Informationen zu Erkrankungen der Aorta und zu deren Behandlungsmöglichkeiten finden Sie auch auf unserer Website unter www.dhzb.de/ratgeber/aorta. Hier können sich Patient*innen, Angehörige und Interessierte außerdem einen Ratgeber mit ausführlichen Informationen zur Diagnose, Therapie und Nachbehandlung von Aortenerkrankungen herunterladen. 

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13353 Berlin
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Christian Maier
Telefon: 493045931211
Fax: 493045932100
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Can Gollmann-Tepeköylü: Koronararterien-Bypass-OP: perioperativen Myokardinfarkts (pMI)

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: „Bedeutung des perioperativen Infarkts nach Bypass-OP geklärt“

Die Bypass-Operation stellt eine erfolgversprechende Option zur Behandlung verengter Herzkranzgefäße bzw. zur Vorbeugung eines Herzinfarkts dar. 

Der chirurgische Eingriff ist aber auch mit dem Risiko eines perioperativen Myokardinfarkts (pMI) verbunden, also einer Komplikation, die während oder infolge der OP auftreten kann. 

Ein Innsbrucker Herzchirurgie-Team hat die Diagnose des pMI auf den Prüfstand gestellt und liefert weitreichende Erkenntnisse für herzchirurgische und kardiologische Guidelines und künftige Studien zu diesem Thema. 

Bypass-Operation an der Innsbrucker Univ.-Klinik für Herzchirurgie. Bypass-Operation an der Innsbrucker Univ.-Klinik für Herzchirurgie. David Bullock MUI/Bullock 

  • Ob die Bypass-OP oder die Implantation eines Stents die bessere Lösung für verengte Herzkranzgefäße ist, darüber ist man sich in Fachkreisen nicht immer einig. 

„Fest steht, dass der Erfolg einer Koronararterien-Bypass-Operation auch daran gemessen wird, ob die Patientinnen und Patienten während oder wenige Stunden nach dem Eingriff einen Myokardinfarkt erleiden“, weiß der Innsbrucker Herzchirurg Can Gollmann-Tepeköylü.

Um die Qualität der Risikovorhersage für einen Herzinfarkt nach Bypass-OP beurteilen zu können, hat ein Team um Leo Pölzl, Nikolaos Bonaros und Can Gollmann-Tepeköylü an der Univ.-Klinik für Herzchirurgie (Direktor: Michael Grimm) der Medizin Uni Innsbruck gemeinsam mit KollegInnen des Universitätsklinikums Essen die verschiedenen Definitionen eines Mykordinfarkts einer Prüfung unterzogen. 

 Für die kürzlich im renommierten Fachjournal European Heart Journal veröffentlichte Studie wurden Daten von 2.829 PatientInnen, die in Innsbruck und Essen einer Bypass-Operation unterzogen worden waren, herangezogen und rückblickend analysiert. So konnte die Inzidenz eines pMI unter realen Bedingungen überprüft werden.

Erhöhtes Troponin markiert nicht unbedingt Herzinfarkt
Ein Herzinfarkt wird in der Regel durch die Messung des Herzenzyms Troponin diagnostiziert. Dieser im Blut gemessene Wert erlaubt Hinweise auf den Untergang von Herzmuskelzellen, wie er infolge eines Myokardinfarkts eintritt. Doch auch bei einer Herzoperation wird Herzmuskelgewebe geschädigt. „Wir sehen, dass der Troponin-Wert bei Patientinnen und Patienten nach einer Bypass-OP massiv erhöht sein kann. Eine Troponin abhängige Beurteilung allein unter Verwendung derzeitiger Grenzwerte gibt deshalb nicht mit Sicherheit Aufschluss darüber, ob es sich um einen Herzinfarkt oder um den Zustand nach einer Bypass-OP handelt.  

Die Diagnose eines perioperativen Infarkts bedarf folglich weiterer Parameter, wie etwa die Feststellung von Wandbewegungsstörungen mittels Echokardio-graphie oder EKG-Veränderungen“, betont Gollmann-Tepeköylü, der in dieser Studie vier verschiedene Infarktdefinitionen analysiert und verglichen hat.

Der Bypass-Operation wird in Fachkreisen ein mitunter höheres Infarkt-Risiko attestiert

  • Zahlreiche Studien, in denen das Outcome von Stent-Implantationen und Bypass-OPs verglichen wird, setzen jedoch perioperative Infarkte als Endpunkt ihrer Studie. 

„Die Erkenntnis, dass erhöhtes Troponin allein unter Verwendung derzeit gängiger Grenzwerte noch keinen Einfluss auf die Prognose hat, sondern erst genauere Infarktdefinitionen belastbare Rückschlüsse auf einen perioperativen Myokardinfarkt zulassen, die in der klinischen Praxis zu raschen Maßnahmen führen, wird sich somit auf die Guidelines zur Behandlung verengter Koronararterien auswirken“, erwartet Erstautor Leo Pölzl.

Die Ergebnisse dieser Untersuchung haben somit nicht nur weitreichende Folgen für herzchirurgische und kardiologische Guidelines, sondern auch für zukünftige Studiende-signs zu diesem Thema. „Wir beantworten hiermit eine sehr wichtige Frage in einem wissenschaftlichen Konflikt: 

Welche Definitionen der Endpunkte sind geeignet, um prognose-relevante perioperative Myokardinfarkte nach Revaskularisation (Wiederherstellung der Durchblutung, Anm.) zu erfassen? 

Diese Frage hat die kardiovaskuläre Medizin lange Zeit entzweit und dazu geführt, dass die Europäische Fachgesellschaft ihre Unterstützung für die europäischen Guidelines zurückgezogen hat“, betont Gollmann-Tepeköylü.

Bypass-Operation:
Bei einer koronaren Herzkrankheit kommt es über Jahrzehnte schleichend und unbemerkt zu einer Verengung der Herzkranzgefäße (Stenose), die das Herz mit Blut versorgen. Sind mehrere Gefäße in Mitleidenschaft gezogen oder sind sie diffus und lang-streckig erkrankt, wird zu einer Bypass-Operation (Bypass bedeutet Umgehung) geraten. 

Dabei werden Stenosen mit Arterien oder Venen aus dem Körper überbrückt. 

Gesunde Gefäße werden nach den Engstellen auf die Herzkranzgefäße aufgenäht, so dass das Blut ungehindert zum Herzen fließen kann.

Die Studienautoren Nikolaos Bonaros (2.v.l.) und Can Gollmann-Tepeköylü (2.v.r.)bei der Durchführung einer Bypass-OP Die Studienautoren Nikolaos Bonaros (2.v.l.) und Can Gollmann-Tepeköylü (2.v.r.)bei der Durchführung einer Bypass-OP David Bullock MUI/Bullock

Zur Person:
Der gebürtige Burgenländer Can Gollmann-Tepeköylü absolvierte sein Medizin-Studium in Wien. 

Für sein Doktoratsstudium im Programm „Molecular cell biology” wechselte er an die Medizinische Universität Innsbruck, wo er an der Univ.-Klinik für Herzchirurgie bereits seit mehreren Jahren an der Regeneration des Herzmuskels forscht. Für seine herausragenden, im Rahmen seiner Habilitation zusammengeführten Erkenntnisse auf diesem Gebiet wurde er mit dem Förderungspreis für 2020 des Kardinal-Innitzer-Studienfonds ausgezeichnet. 

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Doris Heidegger Medizinische Universität Innsbruck

Innrain 52
6020 Innsbruck
Österreich
Tirol

E-Mail-Adresse: doris.heidegger@i-med.ac.at
Originalpublikation:

https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehac054


Dr. Martin Väth: Regulielrung von Entzündungsvorgängen - Nahrungsergänzungsmittel Hydroxycitrat (metabolische Umprogramierung)

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Wie Zucker Entzündungen fördert

Ein hoher Zuckerkonsum kann entzündliche Prozesse im Körper begünstigen und dadurch die Entstehung von Autoimmunkrankheiten fördern. 

Ein Forschungsteam der Uni Würzburg hat jetzt neue Details dieser Vorgänge entschlüsselt. 

Expression von GLUT3 auf aktivierten T-Zellen. GLUT3 (grün) ist auf der Zelloberfläche lokalisiert, die Mitochondrien (violett) und der Kern (blau) wurden ebenfalls dargestellt. Expression von GLUT3 auf aktivierten T-Zellen. GLUT3 (grün) ist auf der Zelloberfläche lokalisiert, die Mitochondrien (violett) und der Kern (blau) wurden ebenfalls dargestellt. AG Väth 

  • Wer über einen langen Zeitraum im Übermaß Zucker und andere Kohlenhydrate zu sich nimmt, trägt ein erhöhtes Risiko, eine Autoimmunkrankheit zu entwickeln. 
  • Bei den Betroffenen greift das Immunsystem das körpereigene Gewebe oder ein Organ an; die Folge sind beispielsweise chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, Typ-1-Diabetes sowie die chronische Entzündung der Schilddrüse.


Neue Angriffspunkte für eine Therapie

Die Prozesse, die in diesen Fällen auf molekularer Ebene ablaufen, sind vielschichtig und äußerst komplex. 

Jetzt ist es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) gelungen, neue Details zu entschlüsseln. Ihre Arbeiten weisen darauf hin, dass ein übermäßiger Konsum von Kohlehydraten direkt die krankmachenden Funktionen bestimmter Zellen des Immunsystems begünstigt und dass, im Umkehrschluss, eine kalorienreduzierte Ernährung sich günstig auf die Immunerkrankungen auswirken kann. Gleichzeitig zeigen sie neue Angriffspunkte für eine Therapie an: 

Eine spezifische Blockade bestimmter Stoffwechselprozesse in diesen Immunzellen könnte die überschießende Immunreaktionen unterdrücken.

Verantwortlich für die jetzt in der Fachzeitschrift Cell Metabolism veröffentlichte Studie ist Dr. Martin Väth, Nachwuchsgruppenleiter am Institut für Systemimmunologie – einer Max-Planck-Forschungsgruppe unter dem Dach der JMU, in deren Fokus das Wechselspiel des Immunsystems mit dem Organismus steht. Daran beteiligt waren Teams aus Amsterdam, Berlin, Freiburg und Leuven.

Glukosetransporter mit Nebenjob

  • „Immunzellen benötigen große Mengen an Zucker in Form von Glukose, um ihre Aufgaben erfüllen zu können. 

Mithilfe spezialisierter Transporter in ihrer Zellmembran können sie diese aus der Umgebung aufnehmen“, erklärt Martin Väth. Gemeinsam mit seinem Team konnte Väth jetzt zeigen, dass ein bestimmter Glukosetransporter – mit wissenschaftlichem Namen GLUT3 genannt – in T-Zellen, neben der Energiegewinnung aus Zucker weitere Funktion für den Stoffwechsel erfüllt.

In ihrer Studie haben sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf eine Gruppe von Zellen des Immunsystems konzentriert, die noch nicht allzu lange bekannt ist: 

T-Helferzellen vom Typ 17, auch Th17-Lymphozyten genannt. 

Von ihnen wird vermutet, dass sie eine wichtige Rolle bei der Regulierung von Entzündungsvorgängen spielen. 

„Diese Th17-Zellen tragen jede Menge GLUT3-Proteine auf ihrer Zelloberfläche“, erklärt Väth. 

Aufgenommene Glukose wandeln sie dann in den Mitochondrien zu Zitronensäure um. 

Diese wird anschließend im Zellplasma zu dem Acetyl-Koenzym A umgewandelt, das unter anderem als Ausgangsstoff für die Synthese von Fettstoffen benötigt wird.

Einfluss auf entzündungsfördernde Gene

Azetyl-KoA übernimmt in Th17-Zellen aber noch mehr Aufgaben. 

Väth und sein Team stellten fest, dass dieses Stoffwechselprodukt auch die Aktivität verschiedener Genabschnitte im Zellkern regeln kann. 

Auf diese Weise nimmt es dort direkten Einfluss auf die Aktivität entzündungsfördernder Gene.

Die neuen Erkenntnisse eröffnen nach Ansicht der Forschenden Ansatzpunkte für eine zielgerichtete Therapie bei Autoimmunerkrankungen. 

Beispielsweise könne die Blockade der GLUT3-abhängien Synthese von Acetyl-KoA durch das Nahrungsergänzungsmittel Hydroxycitrat, das zur Behandlung von Übergewicht eingesetzt wird, die krankmachenden Funktionen von Th17-Zellen verhindern und dadurch entzündlich-pathologische Prozesse im Körper reduzieren. 

Diese „metabolische Umprogrammierung“ von T-Zellen sei ein neuer und spezifischer Angriffspunkt für die Therapie von Autoimmunerkrankungen, ohne dabei das Immunsystem komplett „ausschalten“ zu müssen.

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Dr. Martin Väth, Institut für Systemimmunologie, Max Planck Forschungsgruppe,
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Gunnar Bartsch
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Originalpublikation:

The glucose transporter GLUT3 controls T helper 17 cell responses through glycolytic-epigenetic reprogramming. Sophia M. Hochrein, Hao Wu, Miriam Eckstein, Laura Arrigoni, Josip S. Herman, Fabian Schumacher, Christian Gerecke, Mathias Rosenfeldt, Dominic Grün, Burkhard Kleuser, Georg Gasteiger, Wolfgang Kastenmüller, Bart Ghesquière, Jan von den Bossche, E. Dale Abel, and Martin Vaeth. Cell Metabolism, https://doi.org/10.1016/j.cmet.2022.02.015

Prof. Dr. Claudia Christ: Bio-psycho-somatischen-sozialen Anamnese für ein biografisches Verständnis des menschlichen Krankseins

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Psychosomatik oder Somatopsyche: 

Balancemodell ermöglicht biographisches Verständnis von Krankheit

Ärzte sollten ihren Blick auf den gesamten Menschen richten, so das Fazit des Seminars „Psychosomatik oder Somatopsyche“ auf dem Deutschen Schmerz- und Palliativtag 2022. 

  • Referentin Prof. Dr. Claudia Christ empfahl das Balancemodell zur bio-psycho-somatischen-sozialen Anamnese für ein biografisches Verständnis des menschlichen Krankseins. 

Frühkindlicher Stress als Auslöser von psychosomatischen Beschwerden war ebenfalls Thema des Seminars. 

Um wissenschaftliche Erkenntnisse auch anderen Fachrichtungen zugänglich zu machen, kooperiert die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) mit der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie e.V. (DGPM).

  • „Das Balancemodell erfasst die Bereiche Körper und Sinne, Beruf und Finanzen, Kontakte und Familie, Werte und Normen. 
  • So erhalten wir eine gute Sichtweise auf Patienten – ihre Einstellung zu sich selbst, zur Leistung, ihre Beziehung zu Anderen, ihre Fähigkeiten, Grenzen, Ziele und Visionen – ohne den Begriff Psyche mit seinen negativen Assoziationen zu verwenden“, so Christ. 
  • Auch die Analyse des Sinns von Symptomen und die Abfrage von Lebensstufen und Lebensereignissen wie Kindheit, Jugend, eine Trennung oder der Tod des Partners seien wichtig für eine ganzheitliche Betrachtung. 
  • „Wenn wir neugierig werden auf den Patienten und schauen, wer sich dahinter versteckt, dann gelingt eine patientenzentrierte Therapie besser“. 

Die Psychotherapeutin rät Patienten zum Perspektivenwechsel: 

„Wer etwas haben möchte, was er noch nie gehabt hat, muss etwas tun, was er noch nie getan hat.“ 

  • Für Patienten gehe es darum, in kleinen Schritten die Komfortzone zu verlassen, um Veränderungen herbeizuführen.


Krankheit kränkt und Kränkung macht krank

  • Kränkungen wie „Du bist nicht gut genug“ können innerpsychischen Druck erzeugen, Schmerzen verursachen und letztendlich auch physisch krank machen. 
  • Umgekehrt können Krankheiten Kränkungen hervorrufen. 

„Wenn der Körper nicht mehr funktioniert, sei es, weil wir älter werden, weil wir chronische Schmerzen haben oder ein medizinischer Eingriff posttraumatische Folgen hat, macht das Angst und frustriert“, so Christ. 

  • Für ein besseres Verständnis des Patienten sei es wichtig, die bio-emotional-soziale Verfassung abzufragen. 
  • Neben die organmedizinische Diagnose trete die Beziehungsdiagnose und damit die Gesamtsicht auf den Menschen.


Frühkindlicher Stress und seine negativen Folgen

Frühkindliche Erfahrungen wie häusliche Gewalt, Sucht, Vernachlässigung, unsichere Bindung oder sexueller Missbrauch haben Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung und können beispielsweise zu somatoformen Beschwerden wie Schlafstörungen, Schmerzstörungen, autonomen Funktionsstörungen der inneren Organe, Funktionsstörungen des Bewegungsapparates und funktionellen Beschwerden führen. 

Die Betrachtung von frühkindlichem Stress sei deshalb ebenfalls wichtiger Bestandteil der Anamnese, sagte Christ.

Curriculum Psychosoziale Aspekte des Schmerzes

Weiterführende Links:
www.schmerz-und-palliativtag.de
www.dgschmerzmedizin.de

***

Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) ist mit rund 4.000 Mitgliedern und 120 Schmerzzentren die führende Fachgesellschaft zur Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen. In enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Schmerzliga e. V. ist es ihr vorrangiges Ziel, die Lebensqualität dieser Menschen zu verbessern – durch eine bessere Diagnostik und eine am Lebensalltag des Patienten orientierte Therapie. Dafür arbeiten die Mitglieder der DGS tagtäglich in ärztlichen Praxen, Kliniken, Schmerzzentren, Apotheken, physiotherapeutischen und psychotherapeutischen Einrichtungen interdisziplinär zusammen. Der von der DGS gestaltete jährlich stattfindende Deutsche Schmerz- und Palliativtag zählt seit 1989 auch international zu den wichtigen Fachveranstaltungen und Dialogforen. Aktuell versorgen etwa 1.321 ambulant tätige Schmerzmediziner die zunehmende Zahl an Patienten. Für eine flächendeckende Versorgung der rund 3,9 Millionen schwerstgradig Schmerzkranken wären mindestens 10.000 ausgebildete Schmerzmediziner nötig. Um eine bessere Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen zu erreichen, fordert die DGS ganzheitliche und bedürfnisorientierte Strukturen – ambulant wie stationär – sowie eine grundlegende Neuorientierung der Bedarfsplanung.

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Prof. Dr. Jan Tuckermann: Onkogen- Krebs-Gen - Tumorwachstum - Onkogen RAS

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Tumorhemmende Wechselwirkung an der Zellmembran: Glucocorticoid-Rezeptor und RAS-Onkogen bremsen Krebsentstehung aus

In nicht-kleinzelligen Lungentumoren oder anderen Krebsarten findet sich oftmals das Onkogen RAS. 

Dieses „Krebs-Gen“ befeuert das Tumorwachstum und lässt sich bislang nicht gezielt ausschalten. 

Doch nun haben Forschende der Universität Ulm eine neue Funktion des so genannten Glucocorticoid-Rezeptors entdeckt: 

Im Zusammenspiel mit RAS-Proteinen auf der zytoplasmatischen Seite der Zellmembran kann der Rezeptor das Tumorwachstum ausbremsen. 

Der Weg zu konkreten therapeutischen Ansätzen ist noch weit, doch schon jetzt hat es die Studie auf den Titel des Fachjournals „Science Signaling“ geschafft. 

Die Ulmer Seniorautoren (v.l.): Dr. Ion Cirstea und Prof. Jan Tuckermann Die Ulmer Seniorautoren (v.l.): Dr. Ion Cirstea und Prof. Jan Tuckermann, Elvira Eberhardt Universität Ulm 

  • So genannte Onkogene („Krebs-Gene“) können zu unkontrollierter Zellteilung und Tumorwachstum führen. 
  • Bei rund einem Drittel der menschlichen Krebserkrankungen spielt das Onkogen RAS (rat sarcoma) eine Rolle – insbesondere bei Lungen-, Pankreas- und Darmtumoren. 

Obwohl RAS bereits Anfang der 1980-er Jahre entdeckt wurde, gibt es bislang keine zielgerichteten Therapien. 

  • Unabhängig vom beteiligten Onkogen werden oftmals Glucocorticoide, also Cortisol-Analoge, in der Krebs-Behandlung eingesetzt. 

Diese wirken über den Glucocorticoid-Rezeptor (GR) der Zelle. 

Nach der Bindung des Wirkstoffs wandert der Rezeptor in den Zellkern und reguliert dort die Genexpression. Was der Glucocorticoid-Rezeptor jedoch außerhalb des Zellkerns bewirkt, ist weitgehend unbekannt. „Auf der zytoplasmatischen Seite der Zellmembran befinden sich RAS-Proteine. Daher haben wir die Hypothese aufgestellt, dass der Glucocorticoid-Rezeptor außerhalb des Zellkernes mit diesen Proteinen wechselwirkt und ihre Aktivität hemmt“, erklärt Dr. Ion Cirstea, Wissenschaftler an der Universität Ulm und einer der Seniorautoren der nun erschienenen Studie.

Um ihre Annahme zu überprüfen, haben die Forschenden aus Ulm, Düsseldorf und Wien ein zweistufiges Studiendesign gewählt. Bei Zellen aus dem Mausmodell entfernten sie zunächst den Glucocorticoid-Rezeptor mithilfe der Genschere CRISPR-Cas9 oder durch Gen-Knockout. Somit konnten die Aktivitäten des Onkogens RAS unbeeinflusst vom Rezeptor untersucht werden. Inwiefern steuert RAS das Zellteilungsverhalten und somit das Tumorwachstum? Solchen Fragen sind die Forschenden unter anderem mithilfe von Durchflusszytometrie und Phosphorylierungsnachweis von Signalmolekülen, Genexpressionsanalyen und Immunofluoreszenz-Mikroskopie nachgegangen. In der zweiten Stufe untersuchten sie anhand von Lungenkarzinom-Zellen mit RAS-Mutation, ob diese noch Tumore im Modell bilden können, wenn der Glucocorticoid-Rezeptor fehlt.

In ihrer aktuellen Publikation beschreiben die Autorinnen und Autoren gleich mehrere interessante Entdeckungen: 

Außerhalb des Zellkerns, im Zytoplasma, befinden sich sowohl der Glucocorticoid-Rezeptor als auch das Onkogen RAS und weitere Moleküle in größeren Proteinkomplexen. 

Ist der Rezeptor bereits in den Zellkern gewandert oder wurde er mit molekularbiologischen Methoden entfernt, waren das „Krebs-Gen“ und seine Signalwege deutlich aktiver. Im Umkehrschluss scheint der Glucocorticoid-Rezeptor RAS ausbremsen zu können. „Mit unseren Untersuchungen konnten wir die Hypothese vorerst bestätigen: RAS-Proteine stehen tatsächlich in Wechselwirkung mit dem Glucocorticoid-Rezeptor, und dieses Zusammenspiel kann offenbar die Aktivität von RAS als Tumortreiber verringern“, resümiert die Erstautorin, Dr. Bozhena Caratti, die an der Universität Ulm promoviert hat.

Soweit die Forschenden wissen, handelt es sich um die weltweit erste Studie zur tumorhemmenden Wechselwirkung des RAS-Onkogens mit einem Rezeptor in einem Proteinkomplex. 

„Gelingt es, das Zusammenspiel zwischen RAS und Glucocorticoid-Rezeptor zu verstärken, könnte dies der Entstehung von Lungenkrebs vorbeugen“, erklärt Professor Jan Tuckermann, Leiter des Ulmer Instituts für Molekulare Endokrinologie der Tiere. 

Allerdings müssten zunächst die Wechselwirkungen des Glucocorticoid-Rezeptors mit RAS und der Proteinkomplex weiter charakterisiert werden. Erst dann kann über konkretere therapeutische Ansätze oder präklinische Studien nachgedacht werden.

Ansonsten könnten sich die Forschungsergebnisse durchaus auf den Menschen übertragen lassen: „Datenbank-Analysen zu Patientinnen und Patienten mit Lungenkarzinomen zeigen, dass ein herunterregulierter Glucocorticoid-Rezeptor mit einer schlechteren Prognose verbunden ist“, ergänzt Dr. Herwig Moll von der Medizinischen Universität Wien.

Die Forschenden von der Universität Ulm und vom Institut für Lasertechnologien in der Medizin und Messtechnik an der Universität Ulm (ILM) haben mit Kolleginnen und Kollegen der Medizinischen Universität Wien und von der Universität Düsseldorf zusammengearbeitet. Unterstützt wurden sie vor allem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Deutschen Krebshilfe. Darüber hinaus ist Dr. Ion Cirstea Gründungsmitglied des „German Network for RASopathy Research“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird.

Die Publikation ist Titelthema der aktuellen Ausgabe des Fachjournals "Science Signaling". 

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Originalpublikation:

Bozhena Caratti, Miray Fidan, Giorgio Caratti, Kristina Breitenecker, Melanie Engler, Naser Kazemitash, Rebecca Traut, Rainer Wittig, Emilio Casanova, Mohammad Reza Ahmadian, Jan P. Tuckermann, Herwig P. Moll, Ion Cristian Cirstea: The glucocorticoid receptor associates with RAS complexes to inhibit cell proliferation and tumor growth. Science Signaling, 22 March 2022, Vol. 15, Issue 726, DOI: 10.1126/scisignal.abm4452


Dr. Angela Riedel: Der Stoffwechsel des Tumors: Glukose und Glutamin - metastatisches Gewebe - Laktatkonzentration

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Dem Tumor das Futter wegnehmen

Milchsäure, die Tumore bei der Glykolyse ausschütten, reprogrammiert Lymphknoten, blockiert die Immunabwehr und schafft optimale Bedingungen für die Metastasierung – eine Arbeit von Angela Riedel, Juniorgruppenleiterin am Mildred-Scheel-Nachwuchszentrum Würzburg.

Die Einladung der US-amerikanischen Society for Immunotherapy of Cancer (SITC) Ende April beim Workshop Tumor Immune Microenvironment in San Diego einen Vortrag zu halten, hielt Dr. Angela Riedel zunächst für einen Scherz. „Dort sprechen nur hochetablierte Wissenschaftler“, meint die 38-jährige Biomedizinerin und Juniorgruppenleiterin am Mildred-Scheel-Nachwuchszentrum am Uniklinikum Würzburg. Doch es war weder ein Scherz noch sollte Angela Riedel als Lückenfüller herhalten. Ihre Arbeit mit dem Titel „Tumor-Derived Lactic Acid Modulates Activation and Metabolic Status of Draining Lymph Node Stroma“ hatte noch vor der Publikation im Journal Cancer Immunology Research international Aufsehen erregt.

Immunfluoreszenz-Bild von einem Lymphknoten.

Immunfluoreszenz-Bild von einem Lymphknoten. Angela Riedel © Angela Riedel


Spezialgebiet tumor-drainierender Lymphknoten

Tumor-Metabolismus und die Verfügbarkeit von Nährstoffen, also die Nahrung, die für den Tumor zur Verfügung steht, sind Angela Riedel zufolge gerade ein großes Thema.  

Dabei geht es um den Stoffwechsel des Tumors. 

  • Krebszellen sind hungrig und benötigen vor allem Glukose und Glutamin, um sich zu teilen und zu wachsen. 
  • Bei der Verstoffwechselung des Zuckers, der Glykolyse, fällt Laktat an, auch als Milchsäure bekannt. 

Der Biochemiker Otto Warburg hatte schon vor hundert Jahren festgestellt, dass Tumore eine hohe Laktatkonzentration aufweisen. 

Die Milchsäure ist seither Gegenstand zahlreicher Forschungsprojekte. „Es gibt hier viele Studien zum Primärtumor, ich habe hingegen ein metastatisches Gewebe untersucht. Mein Interessensgebiet ist der tumor-drainierende Lymphknoten, welcher sehr dicht am Tumor liegt und daher stark beeinflusst wird“, erläutert Angela Riedel und zeichnet zur Veranschaulichung eine weibliche Brust an die Tafel, mit einem Tumor, von dem Flüssigkeit zum tumordrainierenden Lymphknoten fließt. 

  • Als Wächterlymphknoten (Sentinel Lymph Node, SLN) filtert er als erster die vom Tumor ausgeschüttete Flüssigkeit.


Eigentlich sollte der Lymphknoten seiner immunologischen Funktion nachkommen und sogenannte T-Zellen aktivieren die den Tumor bekämpfen? Dass die T-Zellen im Lymphknoten gehemmt sind oder die Interaktion von T-Zellen und antigenpräsentierenden Zellen nicht in dem Ausmaß stattfindet, wie es sein sollte, das hat Angela Riedel bereits 2016 in Cambridge herausgefunden, wo sie als PostDoc gearbeitet hatte. Ihren Doktor in molekularer Onkologie hatte die gebürtige Westfälin zuvor an der University of Southern Denmark in Odense gemacht.

Reprogrammierung des Lymphknotens

Warum ist das Filtersystem der Lymphknoten gehemmt? 

Was hat den Lymphknoten derart reprogrammiert, dass er sogar eine ideale Umgebung für Metastasen bildet? 

Wenn eine Patientin mit Brustkrebs Metastasen an den Lymphknoten unter den Achseln hat, dann ist die Prognose schlecht, denn dann hat sich der Tumor ausgeweitet. Angela Riedel wollte herauszufinden, wie der Tumor, bevor er den Lymphknoten befällt, diesen beeinflussen kann, zunächst am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, dann am Uniklinikum Würzburg. 

„Dabei habe ich mein Augenmerk auf die Fibroblasten gelegt. 

  • Das sind wichtige stromale Zellen, die dem Lymphknoten die Struktur geben, den Lymphknoten koordinieren und den Kontakt zwischen den dendritischen Zellen und T-Zellen herstellen. 

Wir haben schließlich gesehen, dass die Milchsäure das Stroma verändert. 

Die Untersuchungen in vitro konnten wir jetzt in vivo, an Mäusen, bestätigen.“

Die Milchsäure, die der Tumor bei der Glykolyse ausschüttet, blockiert die Immunabwehr. 

Der Tumor kann also die nachgeschalteten Lymphknoten reprogrammieren. 

Angela Riedel möchte aber nicht nur schauen, was verschiedene Tumorarten mit dem Lymphknoten prämetastatisch machen, sondern auch, was passiert, wenn die Metastase da ist, wie verhält es sich dann mit der Reprogrammierung? Lässt sich die Milchsäure zum Beispiel mit der Gabe von Natriumbicarbonat neutralisieren? 

  • In ihren Versuchen waren die negativen Effektive der Milchsäure zumindest nicht mehr zu sehen, sobald der ph-Wert angehoben wurde. 

Nun gilt es breitere Analysen zu machen, vor allem mit humanen Proben, die sie von der benachbarten Frauenklinik erhält.

Zucker und Fett fördern Brustkrebs und Metastasierung

Mit ihren Untersuchungen unterstreicht Angela Riedel einmal mehr die Bedeutung von Ernährung auf unsere Gesundheit. 

Ein Übermaß an Zucker und Fett fördert Brustkrebs und die Metastasierung. 

„Grundsätzlich geht es darum, dem Tumor das Futter wegzunehmen“, bringt es Angela Riedel auf den Punkt.

Die Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter ist mit Leib und Seele Forscherin. Der tumor-drainierende Lymphknoten hat es ihr besonders angetan, da er sowohl in der Immunantwort als auch im metastatischen Prozess involviert ist. 

„Er sollte die Balance halten, tut es aber nicht“, sagt sie. 

Schon in der Schule war sie fasziniert von der Genetik. 

Und gerade bei Krebs spielen Mutationen und chromosomale Änderungen eine große Rolle. 

Also war schnell klar, dass sie in der Biomedizin tätig sein möchte. 

Angela Riedel fand mit ihrem Team am Mildred-Scheel-Nachwuchszentrum Würzburg heraus, dass die Milchsäure, die ein Tumor bei der Glykolyse ausschüttet, die nachgeschalteten Lymphknoten reprogrammiert und die Immunabwehr blockiert.

Traumjob

Am Mildred-Scheel-Nachwuchszentrum für Krebsforschung, gefördert durch die Deutsche Krebshilfe, habe sie vor zwei Jahren ihren Traumjob gefunden. Sie ist eine von insgesamt vier Juniorgruppenleitern. Statt im Labor zu experimentieren sitzt sie nun zunehmend am Schreibtisch, verteilt Aufgaben, koordiniert und publiziert. „Ich dachte, der Abschied vom Labor tut weh. Aber da unsere Doktoranten so gute Arbeit leisten, wir die Ergebnisse gemeinsam auswerten und diskutieren, vermisse ich das überhaupt nicht mehr.“ Da sie habilitieren möchte, ist sie auch in die Lehre eingebunden und unterrichtet im Fach Biochemie als Dozentin innerhalb des Schwerpunkts molekulare Onkologie. Am 21. April in San Diego werden nun statt Studierende hochkarätige Wissenschaftler vor ihr sitzen. Klar sei sie nervös, aber auch das schafft sie.

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Originalpublikation:

Angela Riedel, Moutaz Helal, Luisa Pedro, Jonathan J. Swietlik, David Shorthouse, Werner Schmitz, Lisa Haas, Timothy Young, Ana S.H. da Costa, Sarah Davidson, Pranjali Bhandare, Elmar Wolf, Benjamin A. Hall, Christian Frezza, Thordur Oskarsson, Jacqueline D. Shields; Tumor-Derived Lactic Acid Modulates Activation and Metabolic Status of Draining Lymph Node Stroma. Cancer Immunol Res 2022; https://doi.org/10.1158/2326-6066.CIR-21-0778