Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Haaranalysen zeigen: Meditationstraining verringert Langzeitstress
-
Mentales Training verringert die Konzentration des Stresshormons
Cortisol im Haar.
Das haben WissenschaftlerInnen des
Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig
herausgefunden.
- Die Cortisolmenge im Haar gibt Auskunft darüber, wie
stark eine Person durch anhaltenden Stress belastet ist.
Frühere
positive Trainingseffekte hatten sich in akuten Stresssituationen oder
an einzelnen Tagen gezeigt –oder basierten auf Selbstauskünften der
StudienteilnehmerInnen.
Die aktuelle Studie erbringt damit erstmals
einen objektiven Beleg dafür, dass mentales Training körperliche
Anzeichen von langen Stressphasen verringert, auch bei gesunden
Menschen.
Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse leiden 23 Prozent der
Menschen in Deutschland häufig unter Stress.
Dieser Zustand belastet
nicht nur das Wohlbefinden der Betroffenen.
Er hängt auch mit einer
Reihe von physiologischen Erkrankungen zusammen, darunter Diabetes,
Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychologische Störungen wie Depression,
einer der weltweit führenden Ursachen von Krankheitslast (Global Burden
of Disease Study, 2017).
Daher sucht man nach wirksamen Methoden, die den Alltagsstress auf Dauer
reduzieren.
- Als vielversprechende Option gelten dabei
Achtsamkeitstrainings, in denen die TeilnehmerInnen durch verschiedene
Meditations- und Verhaltensübungen ihre kognitiven und sozialen
Fähigkeiten schulen, darunter Aufmerksamkeit, Dankbarkeit und Mitgefühl.
Verschiedene Studien haben bereits gezeigt, dass auch gesunde Menschen
sich bereits nach einem typischen achtwöchigen Trainingsprogramm weniger
gestresst fühlen.
Bislang war jedoch unklar, wieviel die Trainings
tatsächlich dazu beitragen, die stetige Belastung durch alltäglichen
Stress zu verringern.
Das Problem vieler bisheriger Untersuchungen zu
chronischem Stress:
Die StudienteilnehmerInnen sollten meist im
Anschluss an das Training ihr Stresslevel selbst bewerten. Diese
Selbstauskunft mithilfe von Fragebögen könnte jedoch die Effekte
verzerrt haben und Ergebnisse positiver erscheinen lassen als sie es
tatsächlich waren.
Der Grund für eine derartige Verzerrung: Die TeilnehmerInnen wussten,
sie trainierten ihre Achtsamkeit, und eine Reduktion der Stressspiegel
war ein gewünschter Effekt dieses Trainings. Allein dieses Bewusstsein
hat einen Einfluss auf die anschließenden Auskünfte. „Wird man nach
einem als stressreduzierend deklarierten Training gefragt, ob man
gestresst ist, kann bereits die Auseinandersetzung mit dieser Frage die
Aussagen verzerren“, erklärt Lara Puhlmann, Doktorandin am MPI CBS und
Erstautorin der zugrundeliegenden Publikation, die jetzt im Fachmagazin
Psychosomatic Medicine erschienen ist. Faktoren wie soziale
Erwünschtheit und Placebo-Effekte spielten hier eine Rolle. Anders als
etwa bei pharmakologischen Studien, in denen die StudienteilnehmerInnen
nicht wissen, ob sie tatsächlich den Wirkstoff erhalten haben oder
nicht, sind sogenannte geblindeten Untersuchungen bei mentalen Trainings
nicht möglich. „Die TeilnehmerInnen wissen, dass sie das ‚Gegenmittel‘
zu sich nehmen“, sagt Puhlmann. „In der Achtsamkeitsforschung nutzen wir
daher zunehmend objektivere, also physiologische Methoden, um die
stressreduzierende Wirkung präziser messen zu können.“
Als geeignete Messgröße für die Belastung durch anhaltenden Stress gilt
die Konzentration von Cortisol im Haar.
- Cortisol ist ein Hormon, das
ausgeschüttet wird, wenn man sich zum Beispiel mit einer überwältigenden
Herausforderung konfrontiert sieht.
In der jeweiligen Situation hilft
es, den Körper in Alarmbereitschaft zu versetzen und Energie zu
mobilisieren, um die Herausforderung zu bewältigen.
Je länger der Stress
anhält, umso länger zirkuliert eine erhöhte Konzentration von Cortisol
im Körper – und desto mehr sammelt sich davon im Haar an.
Das wächst im
Schnitt einen Zentimeter im Monat. Um das Stresslevel der
StudienteilnehmerInnen während des neunmonatigen Trainings zu messen,
analysierten die ForscherInnen in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe
von Clemens Kirschbaum der Universität Dresden also die Cortisol-Menge
alle drei Monate jeweils in deren ersten drei Haar-Zentimetern,
beginnend an der Kopfhaut.
Das mentale Training selbst war im Rahmen einer groß angelegten
Längsschnittstudie zu den Effekten mentalen Trainings, dem ReSource
Projekt, geleitet von Prof. Dr. Tania Singer, wissenschaftliche Leiterin
der Forschungsgruppe Soziale Neurowissenschaften, entwickelt worden.
Dieses 9-monatige mentale Trainingsprogramm bestand aus drei
dreimonatigen Einheiten, die jeweils mithilfe westlicher und
fernöstlicher mentaler Übungen einen bestimmten Fähigkeitsbereich
schulen sollten. Dabei lag der Fokus entweder auf den Faktoren
Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, auf sozio-affektiven Fähigkeiten wie
Mitgefühl und Dankbarkeit, oder auf so genannten sozio-kognitiven
Fertigkeiten, insbesondere der Fähigkeit zur Perspektivübernahme
gegenüber eigenen und fremden Gedanken.
Drei Gruppen von jeweils rund 80
Teilnehmenden absolvierten die Trainingsmodule in unterschiedlicher
Reihenfolge. Trainiert wurde für bis zu neun Monate, 30 Minuten täglich,
sechs Tage die Woche.
Und tatsächlich zeigte sich:
Nach sechs Monaten Training war die
Cortisol-Menge in den Haaren der ProbandInnen deutlich gesunken, im
Schnitt um 25 Prozent.
In den ersten drei Monaten waren zunächst leichte
Effekte zu sehen, die sich in den darauffolgenden drei Monaten
verstärkten.
Im letzten Drittel blieb die Konzentration dann auf
niedrigem Niveau.
Die ForscherInnen gehen daher davon aus, dass erst ein
ausreichend langes Training zu den gewünschten Stress-reduzierenden
Wirkungen führt.
Dabei schien der Effekt nicht von den Inhalten des
Trainings abzuhängen.
Möglicherweise sind also mehrere der untersuchten
mentalen Ansätze ähnlich effektiv, um den Umgang mit chronischem
Alltagsstress zu verbessern.
In einer früheren Studie aus dem ReSource Projekt mit der gleichen
Stichprobe hatten die ForscherInnen die Auswirkungen des Trainings auf
den Umgang mit akuten Stresssituationen untersucht.
Darin wurden die
Teilnehmenden in ein stressiges Bewerbungsgespräch versetzt und sollten
schwierige Matheaufgeben unter Beobachtung lösen.
Hier zeigte sich:
Personen, die ein sozio-kognitives oder -affektives Training absolviert
haben, stoßen bis zu 51 Prozent weniger Cortisol unter Stress aus als
die untrainierten.
In dem Fall hatte man nicht die Cortisol-Menge im
Haar, sondern akute Cortisol-Schübe im Speichel gemessen.
Insgesamt
schließen die Forschenden, dass das Training sowohl den Umgang mit
akuten besonders stressigen sozialen Situationen, als auch mit
chronischem Alltagsstress verbessern kann.
“Wir gehen davon aus, dass
für diese verschiedenen Formen von Stress unterschiedliche
Trainingsaspekte besonders hilfreich sind“, so Veronika Engert, Leiterin
der Forschungsgruppe „Sozialer Stress und Familiengesundheit“ am MPI
CBS.
„Weltweit gibt es viele Erkrankungen, darunter Depressionen, die direkt
oder indirekt mit Langzeitstress zusammenhängen“, erklärt Puhlmann.
„Wir
müssen daran arbeiten, den Auswirkungen von chronischem Stress schon
präventiv entgegenzuwirken.
Unsere Studie belegt dabei anhand
physiologischer Messwerte, dass Meditations-basierte
Trainingsinterventionen auch bei gesunden Personen die allgemeine
Stressbelastung mildern können.“
Medizin am Abend Berlin DirektKontakt
Über Google: Medizin am Abend Berlin
idw - Informationsdienst Wissenschaft e. V.
Lara Puhlmann
Postdoc
+49 341 9940-2301
puhlmann@cbs.mpg.de
Prof. Dr. Veronika Engert
Forschungsgruppenleiterin
+49 341 9940-2684
engert@cbs.mpg.de
Verena Müller Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften
Stephanstraße 1a
04103 Leipzig
Postfach 500355
04303 Leipzig
Deutschland
Sachsen
Telefon: +49 341 9940-148
E-Mail-Adresse:
verenamueller@cbs.mpg.deOriginalpublikation:
Puhlmann, L; Vrtička, P; Linz, R; Stalder, T; Kirschbaum, C; Engert, V; Singer, T (2021)
Contemplative Mental Training Reduces Hair Glucocorticoid Levels in a
Randomized Clinical Trial. Psychosomatic Medicine, doi:
10.1097/PSY.0000000000000970