Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: COVID-19: Kontakt mit Erkältungsviren bietet offenbar keinen Schutz
Das Immungedächtnis könnte hingegen eher zu schweren
Krankheitsverläufen beitragen, wie ein Kieler Forschungsteam zeigt.
Publikation in Immunity.
COVID-19 kann sehr unterschiedlich verlaufen, von symptomfrei bis
lebensbedrohlich, vor allem bei älteren Erkrankten kommt es häufiger zu
schweren Verläufen.

Bei COVID-19-Erkrankte mit einem milden Verlauf fand das
Forschungsteam vor allem T-Zellen, die das Virus sehr gut erkennen,
während die T-Zellen bei Erkrankten mit schweren Verläufen SARS-CoV-2
nur schlecht erkennen. Immunity Cell Press
Die Gründe dafür sind unklar.
- Viele Menschen hatten
bereits vor dem Auftreten des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 Kontakt
zu anderen Coronaviren, etwa als Auslöser von Erkältungskrankheiten.
Eine Hypothese war daher, dass diese früheren Kontakte zu einem besseren
Immunschutz auch vor einer SARS-CoV-2-Infektion beitragen könnten.
Dem
sind Mitglieder des Exzellenzclusters „Precision Medicine in Chronic
Inflammation“ (PMI) aus Kiel nachgegangen.
- Sie konnten zeigen, dass
Menschen, die noch keine Infektion mit SARS-CoV-2 durchgemacht haben,
tatsächlich bestimmte Immunzellen, sogenannte T-Gedächtniszellen
aufweisen, die auch SARS-CoV-2 als Fremdkörper erkennen können.
- Allerdings sind diese „prä-existierenden“ T-Gedächtniszellen offenbar
nicht besonders gut in der Lage, eine SARS-CoV-2-Infektion zu erkennen
und für deren Bekämpfung zu sorgen, da sie das Virus nur schwach binden.
Stattdessen könnten diese Gedächtniszellen sogar eher zu einem schweren
Krankheitsverlauf beitragen.
Diese Ergebnisse hat das Forschungsteam um
Professorin Petra Bacher und Professor Alexander Scheffold vom Institut
für Immunologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und
dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Kiel, mit
Kolleginnen und Kollegen der Universitätskliniken Köln und Frankfurt vor
kurzem im renommierten Fachjournal Immunity veröffentlicht.
Im Laufe des Lebens kommt das Immunsystem eines Menschen mit zahlreichen
Fremdstoffen, wie etwa Krankheitserregern in Kontakt. Wenn es auf einen
bisher unbekannten Erreger trifft, werden sogenannten naive T-Zellen
aktiviert, die nach einer mehrtägigen Lernphase die Immunreaktion gegen
den neuen Erreger vorantreiben. Dieses „Wissen“ des Immunsystems über
den konkreten Krankheitserreger wird nach der akuten Immunreaktion in
Form von T-Gedächtniszellen im Körper gespeichert. Kommt das Immunsystem
dann wieder mit dem gleichen Erreger in Kontakt, werden diese
Gedächtniszellen aktiviert und können schneller und wirkungsvoller den
Erreger bekämpfen, als naive Zellen. Auch auf ähnliche Erreger, zum
Beispiel verschiedene Stämme von Coronaviren, können diese
Gedächtniszellen in einer sogenannten Kreuzreaktion reagieren und auch
diese schneller bekämpfen.
„Vorangegangene Arbeiten hatten bereits gezeigt, dass Menschen, die
bisher keinen Kontakt zum neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 hatten,
trotzdem T-Gedächtniszellen haben, die SARS-CoV-2 als Erreger erkennen
können. Aber es war nicht klar, woher diese kommen und vor allem welchen
Einfluss sie auf die SARS-CoV-2-Abwehr haben. Eine Hypothese war, dass
sie aus Kontakten zu gewöhnlichen Erkältungs-Coronaviren stammen, und
gegen Sars-CoV-2 kreuzreagieren. Unser Fokus lag daher auf diesen
bereits vorhandenen Gedächtniszellen. Wir wollten untersuchen, ob diese
wirklich zu einem besseren Schutz vor einer SARS-CoV-2-Infektion
führen“, erklärt Professor Alexander Scheffold, Direktor des Instituts
für Immunologie der CAU und des UKSH, Campus Kiel, und Mitglied im
Exzellenzcluster PMI.
SARS-CoV-2-Gedächtniszellen entstehen nicht nur durch Erkältungen
Dazu haben sie aus dem Blut von Spenderinnen und Spendern, die bisher
keinen Kontakt zu SARS-CoV-2 hatten, die Immunzellen untersucht. Sie
konnten zeigen, dass Menschen ohne bisherigen Kontakt zu dem Virus,
tatsächlich diese Gedächtniszellen besitzen, die auch SARS-CoV-2 als
einen Fremdkörper erkennen. „Allerdings haben jüngere Menschen, die
häufiger an gewöhnlichen Erkältungen erkranken, entgegen der Erwartung
keine größere Anzahl dieser Zellen. Außerdem reagiert nur ein kleiner
Teil dieser Zellen auch mit den Corona-Erkältungsviren.
- Die
Gedächtniszellen haben also offenbar wenig mit früheren Kontakten zu
Corona-Erkältungsviren zu tun“, sagt Scheffold.
„Es scheint eher so zu
sein, dass im Laufe des Lebens das Repertoire an Gedächtniszellen gegen
viele verschiedene Krankheitserreger wächst und dadurch auch die
Wahrscheinlichkeit, dass darunter auch welche sind, die SARS-CoV-2
zufällig erkennen.
Dieses Gedächtniszell-Repertoire, das sich mit jeder
Infektion vergrößert, kann man daher auch als „immunologisches Alter“
bezeichnen, das auch tatsächlich mit dem biologischen Alter zunimmt“, so
Scheffold weiter.
Doch obwohl diese Gedächtniszellen in jedem vorhanden sind, sind sie
offensichtlich nicht an der Abwehr einer SARS-CoV-2-Infektion beteiligt.
Das liegt vermutlich an ihrer Qualität:
„Diese T-Gedächtniszellen
erkennen zwar SARS-CoV-2-Viren, allerdings machen sie das nicht
besonders gut. Dadurch sind sie wahrscheinlich nicht in der Lage, dafür
zu sorgen, dass das Virus erfolgreich bekämpft wird“, erklärt die
Erstautorin Professorin Petra Bacher, Schleswig-Holstein
Excellence-Chair Nachwuchsgruppenleiterin „Intestinale Immunregulation“
vom Institut für Immunologie an der CAU. Denn tatsächlich fand das
Forschungsteam in COVID-19-Erkrankten mit mildem Verlauf vor allem
T-Zellen, die das Virus sehr gut erkennen.
„Hier könnte eine
Immunreaktion ausgehend von naiven T-Zellen zugrunde liegen, das heißt,
die T-Zellen, die hier die Immunreaktion gegen das Virus unterstützen,
könnten aus naiven T-Zellen und nicht aus Gedächtniszellen entstanden
sein“, erklärt Bacher.
Immunologisches Alter möglicherweise ein Risikofaktor für schweren Verlauf
Besonders interessant für die Forschenden war, dass bei Patientinnen und
Patienten mit einem schweren Krankheitsverlauf die T-Zellen SARS-CoV-2
ähnlich schlecht erkennen, wie die „prä-existierenden“
T-Gedächtniszellen.
„Das könnte darauf hindeuten, dass diese Immunzellen
bei den schweren COVID-Fällen von den schlecht bindenden
prä-existierenden T-Gedächtniszellen abstammen“, sagt Bacher.
„Dies
könnte eine einfache Erklärung dafür liefern, warum ältere Menschen ein
höheres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben.
ie haben
vielfach auch ein höheres immunologisches Alter und damit auch eine
höhere Wahrscheinlichkeit, dass das Immunsystem auf diese
„inkompetenten“ prä-existierenden Gedächtniszellen zurückgreift“, so
Bacher weiter.
-
„Unsere Arbeit zeigt, dass zurückliegende Erkältungen mit Coronaviren
keinen effizienten Immunschutz vor SARS-CoV-2 bieten.
- Darüber hinaus
liefert sie wichtige Hinweise darauf, dass das immunologische Alter
möglicherweise einen schweren COVID-19-Krankheitsverlauf begünstigen
könnte.
Weitere Untersuchungen sind nun nötig, um einen direkten
Zusammenhang von immunologischem Alter und schwerem COVID-19 zu
überprüfen, und den Einfluss von prä-existierenden Gedächtniszellen auf
die Immunreaktion gegen SARS-CoV-2 genauer zu analysieren“, sagt
Scheffold.
CAVE-Untersucher-Fazit:
Bei COVID-19-Erkrankte mit einem milden Verlauf fand das Forschungsteam
vor allem T-Zellen, die das Virus sehr gut erkennen, während die
T-Zellen bei Erkrankten mit schweren Verläufen SARS-CoV-2 nur schlecht
erkennen, genau wie die prä-existenten Gedächtniszellen der Individuen,
die bisher keinen Kontakt zum neuartigen Coronavirus hatten.
Erstautorin der Studie: Prof. Petra Bacher, Schleswig-Holstein
Excellence-Chair Nachwuchsgruppenleiterin am Institut für Immunologie
und Institut für klinische Molekularbiologie, CAU und UKSH, und Mitglied
im Exzellenzcluster „Precision Medicine in Chronic Inflammation“(PMI).
Seniorautor der Studie: Prof. Alexander Scheffold, Direktor des
Instituts für Immunologie, CAU und UKSH, und Vorstandsmitglied im
Exzellenzcluster „Precision Medicine in Chronic Inflammation“(PMI).
Der Exzellenzcluster „Präzisionsmedizin für chronische
Entzündungserkrankungen/Precision Medicine in Chronic Inflammation“
(PMI) wird von 2019 bis 2025 durch die Exzellenzstrategie des Bundes und
der Länder gefördert (ExStra). Er folgt auf den Cluster
Entzündungsforschung „Inflammation at Interfaces“, der bereits in zwei
Förderperioden der Exzellenzinitiative (2007-2018) erfolgreich war. An
dem neuen Verbund sind rund 300 Mitglieder in acht Trägereinrichtungen
an vier Standorten beteiligt: Kiel (Christian-Albrechts-Universität zu
Kiel, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Muthesius
Kunsthochschule, Institut für Weltwirtschaft und Leibniz-Institut für
die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik), Lübeck
(Universität zu Lübeck, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein), Plön
(Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie) und Borstel
(Forschungszentrum Borstel - Leibniz Lungenzentrum).
Ziel ist es, die vielfältigen Forschungsansätze zu chronisch
entzündlichen Erkrankungen von Barriereorganen in ihrer
Interdisziplinarität verstärkt in die Krankenversorgung zu übertragen
und die Erfüllung bisher unbefriedigter Bedürfnisse von Erkrankten
voranzutreiben. Drei Punkte sind im Zusammenhang mit einer erfolgreichen
Behandlung wichtig und stehen daher im Zentrum der Forschung von PMI:
die Früherkennung von chronisch entzündlichen Krankheiten, die
Vorhersage von Krankheitsverlauf und Komplikationen und die Vorhersage
des individuellen Therapieansprechens.
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Frederike Buhse
Telefon: (0431) 880 4682
E-Mail: fbuhse@uv.uni-kiel.de
https://precisionmedicine.de
Prof. Petra Bacher
Institut für Immunologie, CAU und UKSH
Tel.: 0431 500-31005
Mail: Petra.Bacher@uksh.de
Frederike Buhse
Exzellenzcluster Präzisionsmedizin für chronische Entzündungserkrankungen
c/o Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Christian-Albrechts-Platz 4
24118 Kiel
Deutschland
Schleswig-Holstein
E-Mail-Adresse: info@inflammation-at-interfaces.de
Telefon: 0431-8804682
E-Mail-Adresse:
fbuhse@uv.uni-kiel.de
Originalpublikation:
Bacher et al.: Low avidity CD4+ T
cell responses to SARS-CoV-2 in unexposed individuals and humans with
severe COVID-19. Immunity (2020). DOI: https://doi.org/10.1016/j.immuni.2020.11.016
