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PD Dr. med. Stephan Scharla: Hyperkalziämie - Chronische Nierenerkerkrankungen - Überfunktion der Nebenschilddrüsen - pHPT- Hyperparathyreoidismus

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Hyperkalziämie - Auch leicht erhöhten Kalziumspiegel immer abklären

  • Der Kalzium-Wert wird heute bei vielen Laboruntersuchungen routinemäßig mitbestimmt. 

Dabei zeigt sich: 

  • Etwa 1 Prozent der Gesamtbevölkerung und 3 Prozent der Frauen nach der Menopause haben leicht erhöhte Werte – oft als Zufallsbefund und ohne Symptome zu verspüren. 
  • Aber auch ein dauerhaft gering erhöhter Kalziumspiegel kann der Gesundheit schaden. 

Außerdem kann er ein Symptom für verschiedene Erkrankungen sein. 

Deshalb sollte eine sogenannte Hyperkalziämie immer abgeklärt werden, raten DDG und DGE.

„Kalzium hat verschiedene Funktionen im Körper“, erläutert Privatdozent Dr. med. Stephan Scharla aus Bad Reichenhall und Sprecher der Sektion Knochen- und Mineralstoffwechsel der DGE: 

„Die größte Menge ist im Knochen eingelagert und sorgt für die Stabilität der Knochen. 

  • Zudem ist das Mineral essenziell für die Signalübertragung in Zellen und die Blutgerinnung. 
  • Außerdem spielt Kalzium eine wichtige Rolle für die Muskelfunktion und die Reizübertragung in den Nervenzellen und beeinflusst so auch Herzmuskulatur und Herzfunktion“.

Zu Beginn einer Hyperkalziämie zeigen sich meist keine charakteristischen Symptome. 

„Trotzdem kann es im Lauf der Zeit zu gravierenden Beeinträchtigungen der Gesundheit kommen“, sagt Scharla.

Ursachen

Die häufigste Ursache für einen erhöhten Kalzium-Blutspiegel ist der primäre Hyperparathyreoidismus (pHPT). 

 „Etwa die Hälfte der Betroffenen leidet daran“, so Scharla. 

Hier liegt eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen vor: 

Eines oder mehrere der vier kleinen, „neben“ den Schilddrüsen angesiedelten Organe schütten unkontrolliert Parathormon aus. 

Normalerweise sorgt dieses Hormon im Zusammenspiel mit Vitamin D und Calcitonin für einen normalen Kalziumspiegel im Blut. 

Ist etwa zu wenig Kalzium im Blut, wird mehr Parathormon freigesetzt und in der Folge normalisiert sich der Kalziumspiegel im Blut.
Beim pHPT ist diese Rückkoppelung ausgesetzt und es wird zu viel Parathormon freigesetzt.

Der Grund ist in den meisten Fällen ein gutartiger Tumor, ein Nebenschilddrüsenadenom. 

„Der pHPT ist neben der Zuckerkrankheit (Diabetes) eine sehr häufige hormonelle Erkrankung“, sagt Professor Dr. med. Baptist Gallwitz, der DDG aus Tübingen. 

„Wir rechnen mit jährlich etwa 200 Neuerkrankungen pro 1 Million Einwohner“, ergänzt Scharla. Nebenschilddrüsenüberfunktionen auf Grund eines bösartigen Nebenschilddrüsentumors treten auch auf, sind aber mit etwa 1 Prozent Vorkommen sehr selten.

Vom sekundären Hyperparathyreoidismus (sHPT) spricht man, wenn der Körper wegen anderer Erkrankungen Kalzium verliert. 

Die Nebenschilddrüsen erhöhen dann die Parathormonausschüttung, um den Verlust auszugleichen, der durch die vermehrte Freisetzung von Kalzium aus dem Knochen entsteht. 

Ursache können etwa chronische Nierenerkrankungen oder entzündliche Darmerkrankungen sein.

Andere Ursachen für eine Hyperkalziämie sind bösartige Erkrankungen, die aus Knochenmetastasen Kalzium freisetzen oder ein Parathormon-ähnliches Hormon bilden. 

Auch entwässernde Medikamente wie Thiazide können den Kalziumspiegel über die Normwerte hinaus erhöhen. 

Zu den selteneren Gründen für Hyperkalziämie zählen Vitamin D-Überdosierung, rheumatische Erkrankungen und genetische Syndrome. 

Oft übersehen:

„Viele Menschen nehmen zusätzlich Kalzium ein. Zuviel davon ist ebenfalls schädlich“, ergänzt der DGE-Experte.

Therapien
Bei der Behandlung des pHPT ist eine kleine und unkomplizierte Operation, bei der die entgleiste Nebenschilddrüse entfernt wird, die Therapie der Wahl. „In jedem Fall und auch, wenn man sich zunächst gegen den operativen Eingriff entscheidet, müssen die Patienten engmaschig weiterbetreut werden“, betont Scharla. Denn etwa 30 Prozent entwickeln im späteren Verlauf doch noch typische Folgekrankheiten. 

„Liegt kein pHPT vor, muss die Ursache des erhöhten Kalziumspiegels abgeklärt werden, um gezielt zu behandeln - also etwa den Tumor zu therapieren oder zu hoch dosierte Kalziumpräparate abzusetzen.“

„Erhöhte Kalziumwerte sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen und deshalb immer abklären lassen“, fasst Professor Dr. med. Stephan Petersenn, der DGE aus Hamburg zusammen. 

„Dies haben wir so auch in unseren Klug entscheiden-Empfehlungen für Ärztinnen und Ärzte, die wir in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) herausgegeben haben, festgehalten (1). Leider haben sie noch nicht Eingang in alle Praxen gefunden.“

Quellen:

(1) Klug entscheiden-Empfehlungen der DGIM/Endokrinologie:

https://www.klug-entscheiden.com/empfehlungen/endokrinologie

Zum Weiterlesen:

Gollisch KS, Siggelkow, H, Primärer Hyperparathyreoidismus; Dtsch Med Wochenschr 2022; 147: 187–199, doi 10.1055/a-1241-6555

Erhöhter Blutzuckerspiegel? Nicht immer steckt Diabetes dahinter. An welche Hormonstörungen man auch denken sollte
Professor Dr. med. Stephan Petersenn
ENDOC Praxis für Endokrinologie und Andrologie in Hamburg

Gestationsdiabetes: Wie sieht die neue leitliniengerechte Versorgung aus - und ändert sich die Empfehlung zum Einsatz von Insulin?
Privatdozentin Dr. med. Katharina Laubner
Abteilung Endokrinologie und Diabetologie, Klinik für Innere Medizin II, Universitätsklinikum Freiburg

Kalziumüberschuss im Blut – warum eine rechtzeitige Diagnose und Therapie der Hyperkalzämie so wichtig sind
Privatdozent Dr. med. Stephan H. Scharla
Internist und Endokrinologe, Bad Reichenhall

Krankenhausreform: Was es braucht, damit Menschen mit Diabetes im Krankenhaus sicher und gut versorgt sind
Professor Dr. med. Baptist Gallwitz
Stellv. Direktor, Department Innere Medizin, Abteilung IV, Universitätsklinikum Tübingen

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Prof. Dr. Julia Weinmann-Menke: Die Immunadsorption gehört zu den Blutreinigungsverfahren

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Keinen Effekt der Immunadsorption bei Long-/Post-COVID

Wenn Long-/Post-COVID, wie u. a. vermutet wird, von einer überschießenden Immunreaktion ausgeht, könnte die Immunadsorption, ein Verfahren, das krankheitsauslösende Antikörper entfernt, eine wirksame Therapie darstellen. 

Eine Fallserie [1] aus Jena zeigte keinen Effekt. 

Allerdings handelte es sich dabei nicht um eine beweisbringende Studie, wie sie derzeit an mehreren Universitätsstandorten durchgeführt werden. 

Solange die Ergebnisse dieser Erhebungen nicht vorliegen, gibt es keinen Wirkungsnachweis für das Verfahren. 

Die DGfN bekräftigt daher ihre Empfehlung aus dem Vorjahr, Immunadsorptionsbehandlungen nicht außerhalb von klinischen Studien durchführen zu lassen.

  • Die Immunadsorption gehört zu den Blutreinigungsverfahren, die in der Regel von Nephrologinnen und Nephrologen durchgeführt werden. 
  • Bei dieser Therapie werden Antikörper bzw. Autoantikörper aus dem Blut entfernt, die in Verdacht stehen, Krankheiten bzw. Krankheitssymptome zu verursachen.

Die Ursache des Long-/Post-COVID-Syndroms, das sich häufig durch eine Erschöpfung (sog. Fatigue) äußert und die Lebensquaität der Betroffenen stark einschränkt, ist nach wie vor nicht bekannt. Vermutet wird neben chronischen Entzündungsgeschehen im Körper auch eine Bildung von Antikörpern gegen G-Protein-gekoppelte Neurotransmitterrezeptoren als Erklärung der rätselhaften Krankheit. Rationale verschiedener Studien ist daher, die Wirksamkeit der Immunadsorption bei Long-/Post-COVID zu testen. Derzeit laufen an verschiedenen Kliniken (z.B. Universitätsmedizin Mainz) randomisierte Studien mit einem Vergleichsarm, bei dem auch ein „Scheinverfahren“ durchgeführt wird.

„Diese sog. verblindeten und randomisierten Studien sind außerordentlich wichtig, da nur sie beweisbringend sind. Denn nur bei diesem Studiendesign kann kein ‚Placeboeffekt‘ zum Tragen kommen, der das Ergebnis verfälscht“, erklärt Prof. Dr. Julia Weinmann-Menke, Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN). 

„Das Problem: Die Durchführung solcher Studien dauert lange, erste Ergebnisse werden wir nicht vor Ende des Jahres haben.“

  • Solange rät die DGfN – wie auch verschiedene andere medizinische Fachgesellschaften – Betroffenen davon ab, außerhalb von klinischen Studien Immunadsorptionsverfahren durchführen zu lassen, die sie dann in der Regel aus eigener Tasche bezahlen müssen. 
  • „Derzeit gibt es keinen Beleg für die Wirksamkeit des Verfahrens“, erklärt Weinmann-Menke.


Eine Immunadorption könnte womöglich auch gar nicht helfen. 

In der aktuellen Printausgabe des Deutschen Ärzteblatts wurde eine Fallserie von Jenaer Nephrologinnen und Nephrologen veröffentlicht, die bereits Ende März online publiziert worden war [1]. 

Die Serie zeigte, dass die Therapie mit fünf Immunadsorptionsbehandlungen zwar die Antikörperspiegel reduzierte, aber nicht lange: nach einem Follow-up von vier Wochen lagen diese erneut über dem Referenzwert. 

Was besonders entmutigte: weder unmittelbar nach den Behandlungen noch vier Wochen später zeigte sich eine eine klinisch relevante Veränderung der physischen und psychischen Gesundheit der Betroffenen.

„Wir dürfen allerdings nicht vergessen, dass es sich dabei nur um eine Fallserie handelt, die per se keine Beweiskraft hat. 

Hinzu kommt, dass die Behandlung in dieser Serie nur bei zehn Patientinnen und Patienten durchgeführt wurde. 

Zudem gibt es auch positive Einzelfallberichte, die Datenlage ist derzet also höchst heterogen. 

Daher möchten und können wir kein abschließendes Urteil über die Wirksamkeit des Verfahrens fällen, sondern müssen die Ergebnisse der großen randomisierten, placebokontrollierten Studien abwarten“, so das Fazit der Mainzer Nephrologin.

[1] Ruhe J, Giszas B, Schlosser M et al. Immunadsorption zur Therapie des Fatigue-dominanten Long-/Post-COVID-Syndroms. Dtsch Arztebl International, DOI 10.3238/arztebl.m2023.0073.
Abrufbar unter: https://www.aerzteblatt.de/int/article.asp?id=230547

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Originalpublikation:

DOI 10.3238/arztebl.m2023.0073


Oliver Dadas: Probanden Einladung zur Teilnahme der Studie: Aufbisschienen - Bruxismus

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Probanden gesucht: Aufbissschiene kann Schäden durch Zähneknirschen verhindern

Viele Menschen knirschen nachts mit ihren Zähnen. 

Dabei wirken große Kräfte, was langfristig zu erheblichen Verlusten von Zahnschmelz und zu Schäden an Füllungen und Kronen führen kann. 

Aufbissschienen sollen diesen Schäden vorbeugen. 

Für eine Materialstudie am Carolinum, dem Zentrum der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (ZZMK) der Goethe-Universität, werden nun Probanden gesucht.

Etwa ein Fünftel der erwachsenen Bevölkerung tut es, und zwar vor allem in der Nacht: 

Medizin am Abend Berlin ZusatzFachThema: Omega 3 Fettsäuren  

Unbewusst knirschen sie mit den Zähnen oder pressen sie aufeinander. 

  • Dieses Phänomen, das in der Medizin als „Bruxismus“ (abgeleitet von altgriechisch βρυγμός brygmos, „das Zähneknirschen“) bezeichnet wird, kann unterschiedliche Ursachen haben, z.B. eine Zahn-/Kieferfehlstellung oder Stress. 
  • Die langfristigen Folgen sind oft unangenehm: 
  • Wegen der andauernden Überlastung verschleißt der Zahnhalteapparat, Zähne, Zahnkronen und Füllungen können Schaden nehmen, außerdem auch das Kiefergelenk, die Kaumuskulatur sowie andere Muskelgruppen, die zur Stabilisierung des Kopfes angespannt werden.


Um solche Schäden zu reduzieren, gibt es so genannte Aufbissschienen, die nachts getragen werden können. 

Die aus Kunststoff bestehende Schiene wird vor dem Schlafengehen auf die Zähne eines Kiefers gesetzt. 

Die Schiene rastet dabei mit einem leichten Klick über den Zähnen ein. 

Da der Kunststoff, aus dem die Schiene besteht, etwas weniger hart ist als die Zähne, wird der Druck auf die Zähne leicht gedämpft und eine weitere Abnutzung der gesunden Zahnhartsubstanz vermieden. 

Für eine Studie über unterschiedliche Kunststoffe sucht das ZZMK Menschen, die mit den Zähnen knirschen.

Die rechte und die linke Seite der Schiene bestehen aus verschiedenen Materialien, die im Rahmen der geplanten Studie getestet werden sollen. 

Beide Materialien sind CE-zertifiziert, die Herstellung ist jedoch unterschiedlich.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie erhalten kostenfrei eine Schiene und tragen diese ein halbes Jahr lang regelmäßig jede Nacht. 

  • Während der Tragephase werden der Tragekomfort mittels Fragebögen sowie die Qualität des Schienenmaterials an mehreren Kontrollterminen dokumentiert. 

Am Ende der Tragephase bleibt die Schiene zur weiteren Auswertung im Carolinum. 

Wie alle medizinischen Studien wurde auch diese Studie von der Ethikkommission des Fachbereichs Medizin, Universitätsklinikum der Goethe-Universität genehmigt.

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Metaboloms: Akute Phase-Proteine: Marker für entzündliche Krankheiten (Genomik, Proteomik, Metabolomik)

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Entzündungswerte aus dem Spektrometer

Quantifizierung von Akute-Phase-Entzündungsproteinen mit NMR

Die Analyse der Gesamtheit aller kleinen Moleküle eines Organismus, des Metaboloms, hat ein großes Potenzial für die medizinische Diagnostik. 

Ein deutsches Forschungsteam nutzt dafür Kernresonanz-Spektroskopie (NMR). 

In ihrer in der Zeitschrift Angewandte Chemie vorgestellten Studie quantifizierten sie Akute-Phase-Proteine aus Serumproben, die als Marker für entzündliche Krankheiten dienen können. 

Mehrere diagnostische Parameter können so aus einer einzigen kurzen NMR-Messung erhalten werden. 

 

Entzündungswerte aus dem Spektrometer

 

 

 

Entzündungswerte aus dem Spektrometer (c) Wiley-VCH

  • Neben Genomik und Proteomik etabliert sich die Metabolomik als weitere Säule für die biomedizinische Forschung und Diagnostik. 

Körperflüssigkeiten, z.B. Blut, sind jedoch sehr komplexe Mischungen nur zum Teil bekannter Verbindungen – entsprechend schwierig und aufwändig ist eine metabolomische Analyse. 

Das Team um Ulrich L. Günther und Alvaro Mallagaray verwendet fortgeschrittene NMR-Techniken, um das Metabolom von Zellen und Organismen mit Krankheiten in Verbindung zu bringen.

Die NMR-Spektroskopie (NMR: nuclear magnetic resonance) basiert auf dem – je nach chemischer Umgebung unterschiedlichen – Verhalten magnetisch aktiver Atomkerne, vor allem Wasserstoff (1H) und Kohlenstoff (13C), unter dem Einfluss eines starken äußeren Magnetfeldes. Darauf basierend lassen sich Messwerte und charakteristische Spektren erhalten. In der Diagnostik wird das Prinzip auch in Form der MRT (Magnet-Resonanz-Tomographie) genutzt, um Gewebestrukturen abzubilden.

  • NMR-Untersuchungen von Blutserum hatten in anderen Studien Signale von speziellen Kohlenhydrat-Bausteinen ergeben (Acetyl-Resonanzen von N-acetylierten Kohlenhydraten), die mit Akute-Phase-Glycoproteinen in Zusammenhang stehen. 
  • Diese kohlenhydrathaltigen Proteine treten im Rahmen starker Immunreaktionen bei akuten Entzündungen auf. 

Neben ihrer Konzentration im Blut ändert sich auch ihr Glycosylierungsmuster, d.h. die Art, Anzahl und Anordnung ihrer Kohlenhydrat-Bausteine kann sich in einer für die vorliegende Krankheit spezifischen Weise ändern.

Das Team setzte eine Reihe von NMR-Verfahren ein, mit denen ihnen eine umfassende Zuordnung der NMR-Signale von menschlichem Serum gelang. Dabei kommen sie u.a. zu der Schlussfolgerung, dass die beiden stärksten Signale, als Glycoprotein A und B bezeichnet, von N-Acetylneuraminsäure- bzw. N-Acetylglucosamin-Bausteinen stammen – und widersprechen damit einer in einer anderen Studie aufgestellten Theorie. 

Mittels sog. diffusionseditierter NMR-Experimente wiesen sie nach, dass die Komponenten dieser Signale mit spezifischen Akute-Phase-Proteinen in Verbindung gebracht werden können.

Die NMR kann simultan mehrere Akute-Phase-Entzündungsproteine in Blutserum quantifizieren,“ so Ulrich L. Günther. 

„In nur 10 bis 20 min wird eine NMR-Signatur der Metabolomik mit signifikantem diagnostischem Potenzial erhalten.“ 

Das Team von den Universitäten Lübeck und Oldenburg, den Universitätskliniken Greifswald und Lübeck, dem Herzzentrum Lübeck sowie dem Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (Greifswald und Lübeck) konnte dies am Beispiel von Serumproben von Patient*innen mit COVID-19 oder mit kardiogenem Schock, einer gefährlichen Begleiterscheinung z.B. von Herzinfarkten, zeigen. 

Im Vergleich zu Gesunden fanden sie signifikante Änderungen bei verschiedenen spezifischen Akute-Phase-Proteinen in den Blutproben. 

„Im Fall der Parkinson'schen Krankheit liefert unsere Methode geradezu eine Ja-Nein-Diagnose, da an Parkinson Erkrankte eine ganz bestimmte Glycosylierung im Blut aufweisen, die bei Gesunden nicht vorkommt,“ ergänzt Günther.

Autor/-in: Ulrich L. Günther, Universität Lübeck (Germany).

Angewandte Chemie, Postfach 101161, 69451 Weinheim, Germany.
Die "Angewandte Chemie" ist eine Publikation der GDCh. 

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Originalpublikation:

https://doi.org/10.1002/ange.202306154

 

Prof. Dr. Dr. Stefan Engelhardt: Herzerkrankungen - Herzschwäche und Produktion des Schlafhormons Melatonin (Zirbeldrüsen-Herzpatienten und Neurologen)

Medizin am Abend Berlin - MaAB - Fazit: Ursache für Schlafstörungen bei Herzschwäche gefunden

  • Rund ein Drittel der Menschen mit Herzschwäche hat Schlafprobleme. 

Im Fachmagazin „Science“ zeigt ein Team der Technischen Universität München (TUM), dass Herzerkrankungen sich auf die Produktion des Schlafhormons Melatonin in der Zirbeldrüse auswirken. 

  • Die Verbindung zwischen beiden Organen bildet ein Nervenknoten (Ganglion) im Hals. 

Die Studie belegt eine bislang unerkannte Rolle der Ganglien und zeigt Therapieansätze auf. 

Das obere Halsganglion einer Maus. Hier liegen Nervenzellennen, die den Herzmuskel steuern (pink) in direkter Nähe zur Nervenzellen, die die Zirbeldrüse steuern (blau).

Das obere Halsganglion einer Maus. Hier liegen Nervenzellennen, die den Herzmuskel steuern (pink) in direkter Nähe zur Nervenzellen, die die Zirbeldrüse steuern (blau). Karin Ziegler / TUM

  • Dass der Melatonin-Spiegel bei Erkrankungen des Herzmuskels, etwa nach einem Herzinfarkt, sinken kann, ist schon länger bekannt. 
  • Bislang wurde dies eher als Beispiel dafür gesehen, wie Herzschwäche sich als Systemerkrankung auf den gesamten Körper auswirkt. 

Ein Team um Stefan Engelhardt, Professor für Pharmakologie und Toxikologie an der TUM und Erstautorin Dr. Karin Ziegler, konnte jedoch nachweisen, dass es eine direkte Ursache für Schlafstörungen von Menschen mit Herzerkrankungen gibt.

Nervenknoten als Schaltkasten


„Wir zeigen in unserer Arbeit, dass sich die Probleme des Herzmuskels auf ein Organ auswirken, zu dem es auf den ersten Blick keine direkte Verbindung gibt“, sagt Stefan Engelhardt. 

Melatonin wird in der Zirbeldrüse produziert, die im Inneren des Gehirns liegt.
Wie das Herz wird diese über das vegetative Nervensystem gesteuert, das automatische Abläufe im Körper regelt.
Die beteiligten Nerven haben ihren Ursprung unter anderem in den Ganglien.
Für Herz und Zirbeldrüse ist besonders das obere Halsganglion wichtig.

„Um sich unsere Ergebnisse zu verdeutlichen, kann man sich das Ganglion als elektrischen Schaltkasten vorstellen. 

Bei einer Herzerkrankung kann es bildlich gesprochen vorkommen, dass ein Problem mit einer Leitung zu einem Feuer im Schaltkasten führt, das schließlich auf eine andere Leitung überspringt“, sagt Stefan Engelhart.

Nervenverbindung zur Zirbeldrüse bei Mäusen und Menschen zerstört

Das Team stellte fest, dass sich im Halsganglion von Mäusen mit Herzschwäche Fresszellen, die Makrophagen, ansammeln. Die genauen Mechanismen dahinter sind noch nicht bekannt.  

  • Die Fresszellen führen dazu, dass sich in dem Ganglion Entzündungen und Vernarbungen bilden und Nervenzellen zerstört werden. 

Lange Ausläufer dieser Nervenzellen, die Axone, führen bei Mäusen wie bei Menschen zur Zirbeldrüse. 

Bei fortgeschrittener Krankheit war die Zirbeldrüse durch deutlich weniger Axone an das Nervensystem angebunden.
Die Menge von Melatonin im Körper der Tiere war verringert, zudem waren ihre Tag-Nacht-Rhythmen gestört.
Vergleichbare organische Auswirkungen zeigten sich bei Menschen. 

Das Team untersuchte Zirbeldrüsen von neun Herzpatient:innen. Im Vergleich zur Kontrollgruppe waren deutlich weniger Axone zu finden. Wie bei den Mäusen war das obere Halsganglion von Menschen mit Herzerkrankungen vernarbt und deutlich vergrößert.

Ansatz für neue Medikamente

Die Forschenden nehmen an, dass die negativen Auswirkungen der abgestorbenen Axone in einem fortgeschrittenen Stadium permanent sind. „In einem frühen Stadium konnten wir bei den Mäusen die Melatoninproduktion wieder auf den ursprünglichen Stand bringen, indem wir die Makrophagen im oberen Halsganglion mit Medikamenten zerstört haben“, sagt Karin Ziegler. „Das belegt einerseits die Rolle des Ganglions für dieses Phänomen. Andererseits weckt es Hoffnungen, dass wir Medikamente entwickeln können, die irreparable Schlafstörungen nach einer Herzerkrankung verhindern.“ Das ist eine der Aufgaben, denen sich das Team in den kommenden Jahren widmen wird.

Ganglien auf andere Verbindungen untersuchen

Neben neuer Hoffnung für eine große Zahl von Herzpatient:innen auf eine Therapie gegen Schlafstörungen sieht Stefan Engelhardt die Studie auch als Grund, die Nervenknoten aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. 

„Neue Methoden wie das Spatial Single Cell Sequencing machen es möglich, Nervenzellen viel genauer zu untersuchen. 

Unsere Studie könnte ein Anlass sein, systematisch nach Verbindungen zwischen anderen Erkrankungen in Organen zu suchen, die durch Ganglien als Schaltstationen verbunden sind, und Ganglien als Ansatzpunkte für neue Wirkstoffe in den Blick zu nehmen.“

Auch in der Diagnose könnten Ganglien aus Engelhardts Sicht wichtig werden. 

Da jedes der untersuchten Halsganglien von Herzpatient:innen deutlich vergrößert war, nehmen die Forschenden an, dass es sich als Indikator für Herzversagen eignen könnte. 

Die Größe des Nervenknotens lässt sich mit einem herkömmlichen Ultraschallgerät leicht überprüfen. 

Falls weitere Studien die Ergebnisse bestätigen, könnten bei einem vergrößerten Halsganglion aufwendigere Untersuchungen des Herzens sinnvoll sein.

Prof. Dr. Dr. Stefan Engelhardt

 Prof. Dr. Dr. Stefan Engelhardt Andreas Heddergott / TUM

Weitere Informationen:

Professorenprofil Stefan Engelhardt: https://www.professoren.tum.de/engelhardt-stefan
Institut für Pharmakologie und Toxikologie: https://ipt.med.tum.de/de
Forschungsgruppe Karin Ziegler: https://ipt.med.tum.de/en/research/group-ziegler

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Paul Hellmich
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Prof. Dr. Dr. Stefan Engelhardt
Institut für Pharmakologie und Toxikologie
Technische Universität München
Tel: +49 89 4140-3260
stefan.engelhardt@tum.de
https://ipt.med.tum.de

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80333 München
Deutschland
Bayern 


Originalpublikation:

K.A. Ziegler, A. Ahles, A. Dueck, D. Esfandyari, P. Pichler, K. Weber, S. Kotschi, A. Bartelt, I. Sinicina, M. Graw, H. Leonhardt, L. Weckbach, S. Massberg, M. Schifferer, M. Simons, L. Hoeher, J. Luo, A. Ertürk, G.G. Schiattarella, Y. Sassi, T. Misgeld, S. Engelhardt. “Immune-mediated denervation of the pineal gland underlies sleep disturbance in cardiac disease”. Science (2023). DOI: https://doi.org/10.1126/science.abn6366


DHZC-OA PD Dr. med. Felix Hohendanner: Catecholaminergen Polymorphen Ventrikuläre Tachykardie (CPVT)“ ist eine Funktionsstörung des Herzmuskels

Medizin am Abend Berlin - MaAB - Fazit: Der Herzmuskel im Reagenzglas: 

Bestmögliche Therapie gegen neue Formen der CPVT

Kardiologe Felix Hohendanner ermittelt mit künstlich erzeugten Zellen die individuell bestmögliche Therapie gegen neue Formen der „CPVT“: ­

einer tückischen Krankheit, die bei jungen Menschen oft für den plötzlichen Herztod verantwortlich ist.

Das Forschungsteam hat es sich zum Ziel gesetzt, Patient:innen mit gefährlichen Mutationen in Herzmuskelzellen die damit verbundenen Belastungen und Risiken künftig ersparen zu können – mit der Möglichkeit zum Test individualisierter Therapien im Reagenzglas. 

Das Projekt basiert auf „induzierten pluripotenten Stammzellen“. 

Dr. Felix Rohendanner und Romy Grundwald.

 

Dr. Felix Rohendanner und Romy Grundwald. DHCZ / Christian Maier

http://www.atelier-bunterkunt.de/node/2

https://www.ikdt.de/de/willkommen/

In drei Stunden und 15 Minuten will Romy Grunwald den Berlin-Marathon im Jahr 2017 laufen – eine nicht unrealistische Zeit. Denn die damals 50-Jährige ist ehemalige Leistungssportlerin, passionierte Langstreckenläuferin ­– und ein Mensch, der sich ambitionierte Ziele im Leben nicht nur setzt, sondern sie dann auch konsequent verfolgt.

Doch Romy Grunwalds Lauf endet an diesem 24. September bei Kilometer 37 – und fast auch ihr Leben. Die Mutter von vier Kindern strauchelt und bricht bewusstlos zusammen. Sie wird sofort ins Krankenhaus gebracht. Ihr Zustand ist kritisch.

Romy Grunwald erfährt schließlich, dass sie an einer speziellen Form einer ebenso seltenen wie tückischen Krankheit leidet: 

  • „Catecholaminergen Polymorphen Ventrikuläre Tachykardie (CPVT)“ ist eine Funktionsstörung des Herzmuskels, die jahrelang symptomlos verlaufen, unbehandelt aber bei körperlicher Anstrengung zu unvermittelten, schwersten Rhythmusstörungen in den Herzkammern führen kann – und damit zum plötzlichen Herztod, meist noch vor dem 30. Lebensjahr.

Patient:innen mit diagnostizierter CPVT muss als Schutz vor erneutem Kammerflimmern ein Defibrillator implantiert werden, außerdem kann die Erkrankung medikamentös behandelt werden.  

Doch trotz ähnlicher Symptome und Auswirkungen können der CPVT unterschiedliche, auch bisher unbekannte genetische Mutationen zugrunde liegen – und damit gleichsam unterschiedliche „Mechanismen“ der Krankheit in den Herzmuskelzellen.

Die Auswahl des besten Wirkstoffs und dessen optimale Dosierung sind für die behandelnden Ärzt:innen insbesondere dann schwierig, wenn noch unbekannte Mutationen im Erbgut der Herzmuskelzellen als Ursache der Krankheit vorliegen, so wie auch bei Romy Grunwald. Die medikamentöse Therapie folgt damit weitgehend dem „Trial and Error Prinzip“: Medikamente und Dosierungen müssen nacheinander ausprobiert werden.

Ein Forschungsteam um den Kardiologen PD Dr. med. Felix Hohendanner des Deutschen Herzzentrums der Charité (DHZC) hat es sich zum Ziel gesetzt, Patient:innen mit gefährlichen Mutationen in Herzmuskelzellen die damit verbundenen Belastungen und Risiken künftig ersparen zu können – mit der Möglichkeit zum Test individualisierter Therapien im Reagenzglas.

Das Projekt – vom Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung e.V. (DZHK) mit 75.000 Euro gefördert – basiert auf „induzierten pluripotenten Stammzellen“: 

„Normale“ Hautzellen, die unkompliziert entnommen und mit Hilfe der Gentechnik in Stammzellen „rückverwandelt“ werden – also in Zellen, die sich zu nahezu jeder Art von Körperzelle entwickeln können.

Aus diesen Stammzellen können die Wissenschaftler:innen dann Herzmuskelzellen mit dem individuellen Gen-Profil der jeweiligen Patientin bzw. dem jeweiligen Patienten entwickeln – und damit auch mit den exakten für die CPVT verantwortlichen Mutationen.

Damit lassen sich unterschiedliche Wirkstoffe, deren Dosierung und Kombination wiederholt und ohne Risiko im Labor testen, auch Medikamente im Erprobungsstadium.

Das Verfahren – insbesondere die Gewinnung der induzierten pluripotenten Stammzellen – ist sehr aufwändig, erläutert Felix Hohendanner, und daher bisher auf wenige Patient:innen mit neuartigen Mutationen beschränkt.

DHZC-Oberarzt Felix Hohendanner sieht aber durchaus breitere Perspektiven für das Verfahren und damit auch die Notwendigkeit weiterer intensiver Forschung: Denn grundsätzlich könne es perspektivisch bei jeder Art von genetisch bedingter Herzmuskelerkrankung angewendet werden.

Für Romy Grunwald konnte das individuell optimale Medikament bestimmt werden – neben klinischen Aspekten spielten die Ergebnisse „aus dem Reagenzglas“ für das Team der Rhythmologie am DHZC hierbei ebenfalls eine Rolle. 

Von lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen blieb sie seitdem verschont.

Die studierte Juristin und frühere Anwältin hat 2005 ihren Lebenstraum wahr gemacht und ein eigenes Atelier mit Kunst-Kursen für alle Altersgruppen eröffnet. 

Trotz aller Hindernisse und entgegen vieler Prognosen hatte und hat sie damit Erfolg.

Auch wenn es mit Marathonläufen für sie seit 2017 vorbei ist: Romy Grunwald hat ihr aktives Leben längst wieder aufgenommen. 

Im klaren Bewusstsein der Diagnose und der damit verbundenen Einschränkungen, aber auch im Vertrauen auf ein gutes Behandlungsteam – und mit jeder Menge Lebensfreude. 

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