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Professorin Dr. Franziska Richter Assencio: Long-Covid-Betroffene - neurodegenerative Erkrankungen

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Long COVID: Veränderungen im Gehirn

TiHo-Forschungsteam weist Proteinansammlungen im Gehirn nach, wie sie für Alzheimer und Parkinson bekannt sind.

Professorin Dr. Franziska Richter Assencio, Leiterin des Instituts für Pharmakologie, Toxikologie und Pharmazie der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo), veröffentlichte im Fachmagazin eBioMedicine - The Lancet eine Studie, in der sie mit ihrem Team zeigen konnte, dass sich nach einer überstandenen SARS-CoV-2-Infektion die Proteinstruktur der Nervenzellen im Gehirn verändert. 

  • Die Forschenden fanden Anhäufungen zur Fehlfaltung neigender und in ihrer Struktur veränderter Proteine, wie sie von Alzheimer- und Parkinson-Patienten bekannt sind. 
  • Diese Ansammlungen könnten zu Störungen des Nervensystems führen und beispielsweise die Konzentrations- und Gedächtnisstörungen erklären, über die viele Long-COVID-Betroffene klagen. 

Außerdem wies das Forschungsteam zu Beginn der Infektion eine Aktivierung von Mikrogliazellen nach, den Immunzellen des Gehirns, die, nachdem die Symptome abgeklungen waren, noch vorhanden war.

Das Forschungsteam untersuchte die Gehirne Syrischer Goldhamster, die mit SARS-CoV-2 infiziert waren, während und nach überstandener Infektion. Die Infektionen hatten sie gemeinsam mit Professorin Dr. Gülşah Gabriel, Virologin am Leibniz-Institut für Virologie und an der TiHo, durchgeführt. Um die Gehirne zu untersuchen, fertigten sie in Kooperation mit dem Institut für Pathologie Schnitte an. Christopher Käufer, PhD, Tierarzt und Forschungsgruppenleiter für In-vivo-Neuroinfektiologie bei Richter Assencio, und Cara Schreiber, Tierärztin und PhD-Kandidatin im Studiengang Systems Neuroscience, führten die aufwendigen Analysen durch. 

„Für die Phase der akuten Infektion konnten wir zeigen, dass durch SARS-CoV-2 im Epithel der Nasenhöhle und im Riechkolben des Gehirns Zellen der Immunabwehr aktiviert werden“, berichtet Richter Assencio. 

  • „Bemerkenswert ist die starke Aktivierung von Mikrogliazellen im Gehirngewebe, also der lokalen Immunabwehr, welche auch 14 Tage nach der Infektion noch vorhanden war.“ 

Als die Infektion bereits abgeklungen war, fanden die Forschenden die zur Fehlfaltung neigenden Alpha-Synuclein-Proteine und in ihrer Struktur veränderte Tau-Proteine in gehäufter Form in den Nervenzellen der Großhirnrinde.  

Diese Proteine spielen bei den neurodegenerativen Erkrankungen Alzheimer und Parkinson eine bedeutende Rolle. 

„Dass nicht alle Hirnregionen betroffen waren, ist eine wichtige Erkenntnis. 

Das deutet auf eine selektive Empfindlichkeit hin wie sie für neurodegenerative Erkrankungen charakteristisch ist“, erklärt Richter Assencio.

  • Bei bis zu 67 Prozent der COVID-19-Patientinnen und -Patienten treten während der akuten Infektion neurologische Symptome auf. 
  • Diese Symptome können nach der Infektion fortbestehen oder erst Wochen später neu auftreten. 
  • Dazu zählen neurologische, neuropsychologische und neuropsychiatrische Symptome wie kognitive Störungen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Schwindel, Depressionen, Angstzustände, Gangstörungen und allgemeine Müdigkeit. 

Die Pathogenese dieser Symptome ist nach wie vor ungeklärt und es gibt, abgesehen von Rehabilitationsmaßnahmen, derzeit keine wirksamen Behandlungen. 

„Studien zu Biomarkern für neurodegenerative Erkrankungen im Plasma und bildgebende Verfahren zur Integrität des Gehirns in Long- bzw. Post-COVID-19 Patienten zeigen Ergebnisse, welche mit unseren Beobachtungen übereinstimmen. 

Die Vielfalt der Symptome weist eindeutig auf eine Beteiligung verschiedener Hirnregionen hin“, erklärt Richter Assencio, „ob und falls ja, wie SARS-CoV-2 in das Gehirn gelangt, ist bisher nicht eindeutig geklärt. 

Wir konnten SARS-CoV-2 bei unseren Untersuchungen zwar zu keinem Zeitpunkt im Gehirn nachweisen, es gibt aber auch Studien, die geringe Mengen des Virus im Gehirn gefunden haben. 

  • Es wäre auch denkbar, dass allein die Reaktion des Immunsystems auf das Virus und die damit einhergehenden Signalmoleküle wie Zytokine die beobachteten Veränderungen hervorrufen.“


Die Forschenden vermuten, dass die Anhäufung von Tau und Alpha-Synuclein eine Ursache für die lang anhaltenden neurologischen Symptome sein können. 

Richter Assencio sagt: „Es besteht noch viel Forschungsbedarf. Ob die Anhäufung der Proteine in den Neuronen wirklich fortschreitende neurodegenerative Prozesse und neurologische Symptome auslösen, müssen weitere Studien klären. 

Eines steht aber fest: 

Wenn wir die Ursachen für die Symptome von Long- und Post-COVID-19 kennen, können darauf aufbauend rationale Therapien für die Betroffenen entwickelt werden. 

Alpha-Synuclein und Tau wären, falls sich unsere Annahmen bestätigen, wichtige Zielmoleküle für solche Therapien.“

Die Originalpublikation
Microgliosis and neuronal proteinopathy in brain persist beyond viral clearance in SARS-CoV-2 hamster model

Christopher Käufer, Cara S. Schreiber, Anna-Sophia Hartke, Ivo Denden, Stephanie Stanelle-Bertram, Sebastian Beck, Nancy Mounogou Kouassi, Georg Beythien, Kathrin Becker, Tom Schreiner, Berfin Schaumburg, Andreas Beineke, Wolfgang Baumgärtner, Gülsah Gabriel, Franziska Richter, DOI: https://doi.org/10.1016/j.ebiom.2022.103999

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Professorin Dr. Franziska Richter Assencio
Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover
Institut für Pharmakologie, Toxikologie und Pharmazie
Tel.: +49 511 953-8720
franziska.richter@tiho-hannover.de

Sonja von Brethorst Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover

Originalpublikation:

https://doi.org/10.1016/j.ebiom.2022.103999

Professor Dr. Michael Heuser: Akute myeloische Leukämie (AML)

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Medikamenten-Kombination verdreifacht Überlebenszeit bei Blutkrebs

MHH an internationaler Studie zur akuten myeloischen Leukämie (AML) beteiligt

Die akute myeloische Leukämie (AML) ist eine bösartige Erkrankung, bei der sich die Vorläuferzellen des blutbildenden Systems unkontrolliert vermehren. 

Ursache dieser Blutkrebs-Form sind genetische Veränderungen im Knochenmark, die sich im Laufe des Lebens einstellen. 

Betroffen sind daher vor allem ältere Menschen. 

Unbehandelt führt AML innerhalb weniger Wochen zum Tod. 

Doch jetzt gibt es Hoffnung.

Die Kombination zweier Medikamente sorgt dafür, dass sich die Überlebenszeit von Patientinnen und Patienten mit neu diagnostizierter AML verdreifacht. 

Das ergab eine internationale klinische Studie unter Beteiligung von Professor Dr. Michael Heuser, Leitender Oberarzt der Klinik für Hämatologie, Hämostaseologie, Onkologie und Stammzelltransplantation der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), an der auch Patientinnen und Patienten der MHH-Klinik teilnahmen. Die Ergebnisse sind im New England Journal of Medicine veröffentlicht worden, einer der weltweit angesehensten medizinischen Fachzeitschriften. 

Freuen sich über die besseren Überlebenschancen von AML-Betroffenen durch die neue Kombi-Therapie: Study Nurse Gabriele Simon und Professor Dr. Michael Heuser.

Freuen sich über die besseren Überlebenschancen von AML-Betroffenen durch die neue Kombi-Therapie: Study Nurse Gabriele Simon und Professor Dr. Michael Heuser. Copyright: Karin Kaiser / MHH


Überraschend starke Wirkung auch beim Menschen

Bei den Medikamenten handelt es sich um die bislang einzeln gegen AML eingesetzten Wirkstoffe Ivosidenib und Azacitidine. Während der erste ein bestimmtes genverändertes Enzym namens IDH1 hemmt, das die Entwicklung von Blutkrebszellen begünstigt, hindert der zweite die Krebszellen daran zu wachsen. „Die Kombination beider Präparate haben wir bereits vor einigen Jahren im Mausmodell untersucht und bedeutende Synergieeffekte beobachtet“, sagt Professor Heuser. In der klinischen Studie konnten die Forschenden diesen Effekt nun auch an Menschen nachweisen, bei denen eine neu diagnostizierte AML mit Genveränderungen im Enzym IDH1 vorlag. „Wir waren überrascht, dass die Wirkung so stark ist“, betont der Mediziner. Das Zusammenspiel beider Wirkstoffe verursache quasi eine Vollbremsung im Teilungszyklus der Krebszellen und führe dazu, dass die Leukämieaktivität stark abnehme. Dadurch überleben die Patienten im Durchschnitt dreimal so lange.

Weniger unerwünschte Nebenwirkungen

„Die Behandlung ist vor allem eine Chance für Patientinnen und Patienten, bei denen eine intensive Chemotherapie zur Tumorbekämpfung nicht in Frage kommt“, sagt Professor Heuser. 

  • Ein weiterer Vorteil: 
  • Unerwünschte Nebenwirkungen wie Infektionen, Lungenentzündung oder Blutvergiftung treten seltener auf als bei anderen Therapien. 

„Durch die Behandlung werden die entarteten Vorläuferzellen des Blutsystems nicht einfach abgetötet, sondern dazu gebracht, ebenso wie bei gesunden Menschen zu weißen Blutkörperchen auszureifen“, erklärt der Hämatologe. 

So können gesunde Blutzellen nachwachsen und ein normal funktionierendes Immunsystem ausbilden. 

Bislang konnten nur die Teilnehmenden der klinischen Studie von dem neuen Behandlungsansatz profitieren.

 Das soll sich jetzt ändern. 

„Eine Zulassung der Kombinationstherapie ist beantragt und wird hoffentlich schon bald den Alltag von AML-Betroffenen verändern und ihre Überlebenschancen deutlich verbessern.“

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Professor Dr. Michael Heuser, heuser.michael@mh-hannover.de, Telefon (0511) 532-3720.

Die Originalarbeit „Ivosidenib and Azacitidine in IDH1-Mutated Acute Myeloid Leukemia” finden Sie hier: https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2117344

Die Publikation zu den Untersuchungen am Mausmodell „Synergistic activity of IDH1 inhibitor BAY1436032 with azacitidine in IDH1 mutant acute myeloid leukemia“ finden Sie hier: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32241846/

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Wirkmechanismus des Antidepressivums Ketamin - Der Kaliumkanal

Medizin am Abend  Berlin - MaAB-Fazit: Neuer antidepressiver Wirkmechanismus von Ketamin entdeckt

Wissenschaftler konnten einen Teil des Wirkmechanismus des Antidepressivums Ketamin entschlüsseln: 

  • Ein Kaliumkanal verändert sich nach Ketamin-Behandlung in einer bestimmten Neuronenart im Hippocampus. 
  • Eine Aktivierung dieses Kaliumkanals verstärkt die antidepressive Wirkung von Ketamin. 

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie (MPIP) in München und des Weizmann Institute of Science in Israel entdeckten dies im Mausmodell in Zusammenarbeit mit Forschern des Helmholtz-Zentrums München. 

Die Ergebnisse liefern neue Ansätze für künftige Antidepressiva. 

Außerdem zeigen sie Anhaltspunkte dafür, bestehende Medikamente in der klinischen Anwendung neu zu kombinieren.

  • Das ursprünglich als Narkotikum eingesetzte Ketamin wurde in den vergangenen Jahren als Antidepressivum bei behandlungsresistenten Patienten genutzt. 

Eine Einzeldosis führt innerhalb weniger Stunden zu einer schnellen antidepressiven Reaktion. 

  • Die Wirkung von Ketamin hält nach dem biochemischen Abbau im Körper mehrere Tage lang an. 
  • Im Gegensatz dazu wirken "herkömmliche" Antidepressiva erst nach Wochen. 
  • Zudem müssen Patienten sie täglich einnehmen, um die positive Wirkung aufrechtzuerhalten. 

"Ich möchte verstehen, welche molekulare Kaskade Ketamin auslöst, die zu der anhaltenden antidepressiven Wirkung führt. 

Wenn man den Mechanismus versteht, kann man bessere Medikamente entwickeln, die das System gezielter beeinflussen können", erklärt Juan Pablo Lopez, Erstautor der Studie.

Die Studie unter der Leitung von Alon Chen, ehemaliger Direktor des MPIP und derzeitiger Präsident des Weizmann Institute of Science, zeigt, dass Ketamin den Kaliumkanal Kcnq2 in einer bestimmten Neuronenart des Hippocampus hochreguliert. 

In dieser Hirnregion wird ein Teil der antidepressiven Reaktionen gesteuert. 

Der Kaliumkanal ist dafür bekannt, dass er die neuronale Stabilität aufrechterhält: 

Er wirkt wie eine Bremse auf Neurone, die aufgrund von Reizen übermäßig stark Impulse abfeuern. 

Die Wissenschaftler identifizierten den Kanal mit Hilfe eines neuen methodischen Ansatzes, der Einzelzell-RNA-Sequenzierung. Diese Methode war entscheidend, da sie es ermöglichte, zelltypspezifische molekulare Veränderungen zu erkennen. "Wir konzentrierten uns auf glutamaterge Neuronen, da diese die größten Veränderungen aufwiesen und bereits früher mit der antidepressiven Wirkung von Ketamin in Verbindung gebracht wurden. Andere Forschungsgruppen haben zuvor Gewebeproben verwendet, die sich aus verschiedenen Zelltypen zusammensetzen. Als Folge konnten zelltypspezifische Effekte nicht erkannt werden, da sich Behandlungseffekte unterschiedlicher Zelltypen gegenseitig aufhoben“, fasst Lopez zusammen.

Das Forscherteam aktivierte zudem den Kaliumkanal mit dem Medikament Retigabin. 

Dieser Wirkstoff wurde zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt. 

Die Aktivierung des Kanals verstärkte die antidepressive Wirkung von Ketamin. 

Außerdem hielt die Wirkung von Ketamin länger an, wenn die Forscher es zusammen mit Retigabin verabreichten. 

Die Wissenschaftler nutzten die Maus als Modellorganismus, sie gehen jedoch davon aus, dass die Ergebnisse auf den Menschen übertragbar sind, da Signalwege zwischen den Spezies konserviert sind. 

"Ein Vorteil unserer Studie ist, dass wir die von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA zugelassenen Medikamente Ketamin und Retigabin verwendet haben. 

Die Kombination dieser beiden Medikamente kann nun am Menschen getestet werden. 

Der zusammenwirkende Effekt bei Mäusen deutet darauf hin, dass die Dosen von Ketamin und Retigabin in der klinischen Anwendung reduziert werden können, was Nebenwirkungen verringern könnte", schlussfolgert Chen. 

Das Verständnis des Wirkmechanismus von Ketamin und der daran beteiligten Signalwege ist entscheidend, um neue Medikamente zur Behandlung von Depressionen zu entwickeln.

Chen und sein Team validierten ihre Ergebnisse durch eine Reihe aufwändiger und zeitintensiver Experimente, darunter molekulare, elektrophysiologische, zelluläre, pharmakologische, Verhaltens- und funktionelle Experimente. 

Die Ergebnisse der Studie wurden kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Neuron veröffentlicht.

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Juan Pablo Lopez: jplopez@psych.mpg.de

Anna Hein Max-Planck-Institut für Psychiatrie

Kraepelinstrasse 2-10
80804 München
Deutschland
Bayern

Telefon: 089 30622 516
E-Mail-Adresse: anna_hein@psych.mpg.de

Anke Schlee

Telefon: 08930622263
E-Mail-Adresse: anke_schlee@psych.mpg.de 

Originalpublikation:

Neuron

DOI: https://doi.org/10.1016/j.neuron.2022.05.001

 


Priv.-Doz. Dr. Regine Klinger: Akute und chronische Schmerzen - Unterschied von Dauer und Funktion

Medizin am Abend  Berlin  - MaAB-Fazit: Schmerzen haben auch eine psychische und soziale Seite

Schmerzen, vor allem chronische Schmerzen, sind für die Betroffenen mit einem großen Leidensdruck verbunden. 

Welche Formen von Schmerz und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt und welche Rolle die Psyche dabei spielt, erklärt Priv.-Doz. Dr. Regine Klinger, psychologische Leiterin des Bereichs Schmerzmedizin und Schmerzpsychologie in der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), anlässlich des bundesweiten Aktionstags gegen den Schmerz vom 7. Juni.

Welche unterschiedlichen Formen von Schmerz existieren?
Priv.-Doz. Dr. Regine Klinger: Es gibt akute und chronische Schmerzen, die sich vor allem in der Dauer und Funktion unterscheiden. 

Akute Schmerzen warnen uns und unseren Körper vor schädlichen Einwirkungen. 

  • Sie sind in der Regel nach kurzer Zeit mit entsprechender Akutschmerzbehandlung zu lindern oder gehen von selbst zurück. 

Chronische Schmerzen hingegen haben sich von der eigentlichen Ursache oft abgelöst und überdauern diese. 

  • Sie haben die lebensnotwendige Warnfunktion verloren. 
  • Zumeist spricht man von chronischen Schmerzen, wenn sie länger als sechs Monate andauern oder wiederkehrend auftreten. 
  • Bei einigen chronischen Schmerzen beispielsweise bei Rückenschmerzen liegt dieses zeitliche Kriterium bei drei Monaten.

Was für Behandlungsmöglichkeiten bei Schmerzen gibt es?
Priv.-Doz. Dr. Klinger: Schmerzen haben neben körperlichen Faktoren immer auch eine psychische und eine soziale Seite.  

Bereits bei akuten Schmerzen kann eine zuwendende, auf die Patient:innen eingehende Kommunikation einen sehr positiven, schmerzlindernden Einfluss haben und sogar die Wirkung von Schmerzmedikamenten deutlich verbessern. 

Je länger der Schmerz anhält oder wiederkehrt, desto größer ist für die Betroffenen die Verunsicherung durch Schmerzen. 

Deswegen ist hier eine interdisziplinäre Schmerzbehandlung gefragt, die sowohl die Schmerzempfindung als auch die mit Schmerzen verbundenen Einschränkungen im Erleben und Verhalten verringert. 

  • Diese umfasst neben medikamentöser Behandlung auch spezielle schmerzpsychologische, physio- und sporttherapeutische Verfahren.


Welche Rolle spielt die Psyche bei der Entstehung von Schmerzen?

Priv.-Doz. Dr. Klinger: Die Psyche spielt eine entscheidende Rolle bei der Schmerzverarbeitung.

Unser Gehirn hat eine zentrale Funktion bei der Schmerzwahrnehmung und bei der Schmerzbeeinflussung. 

Es ist in der Lage, Reize aus der Peripherie des Körpers, beispielsweise nach einem Schnitt in den Finger, zu empfangen, zu entschlüsseln, zu vergleichen mit früheren Reizen, zu bewerten und abzuspeichern.  

Die Folge ist, es kann Schmerzreize unterschiedlich wahrnehmen lassen. 

Ob die Reize stärker oder schwächer wahrgenommen werden, hängt unter anderem von unserer Aufmerksamkeit ab, von unseren Gefühlen, Gedanken, unserem Verhalten im Zusammenhang mit dem Schmerz, sehr stark auch von unseren Erwartungen über den Schmerzverlauf. 

Unsicherheit, beispielsweise ausgedrückt durch den Gedanken „Was kommt da auf mich zu, kann ich den Schmerz beeinflussen?“, erhöht das Schmerzerleben. 

Sicherheit und Kontrolle kann hingegen Schmerzen unterdrücken.
Eine akute Schmerzzunahme kann durch eigene schmerzpsychologische Techniken, die jeder erlernen kann, beeinflusst werden.
Inwiefern kann der Placeboeffekt bei der Schmerzbehandlung unterstützen?
Priv.-Doz. Dr. Klinger: Pharmakologisch betrachtet ist ein Placebo ein wirkstofffreies Medikament. Studien haben jedoch gezeigt, dass ein Placebo unter bestimmten Bedingungen eine ähnliche Wirkung entfalten kann wie die echte Arznei. 

Zum Beispiel verspüren Studienteilnehmende oft auch dann eine Wirkung, wenn sie bei anderen Proband:innen sehen, dass ein Medikament wirkt, sie selbst aber unwissend ein wirkstofffreies Präparat erhalten. Zudem unterstützt der Placeboeffekt teilweise auch die Wirksamkeit eines tatsächlichen Wirkstoffes – allein weil Patient:innen an die Effektivität der Behandlung glauben.
 

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Priv.-Doz. Dr. Regine Klinger
Klinik für Anästhesiologie
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
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20246 Hamburg
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Weiterbildung in der beruflichen Pflege - TOP - Onlinebefragung:

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Wie kann digitale Weiterbildung in der Altenpflege Nutzen stiften?

IAT und PH Freiburg starten Online-Befragung

Weiterbildung in der beruflichen Pflege ist ein wichtiger Ansatz, um dem Fachkräftemangel in der Branche zu begegnen und berufliche Entwicklungsperspektiven zu eröffnen. Betriebliche Weiterbildung in der Altenhilfe erfolgt jedoch nur selten unter Berücksichtigung individueller Kompetenzprofile und -bedarfe. Bedarfsgerechtes Lernen und die Berücksichtigung individueller Lernpräferenzen und Lernerfordernisse kann durch digitale Technologien unterstützt werden. 

Dies ist die Zielsetzung des BMBF-geförderten Projektes ADAPT ( https://www.projekt-adapt.de).

ADAPT entwickelt ein digitales Weiterbildungsunterstützungssystem, um berufliche Weiterbildungsangebote an den Wandel von Versorgungs- und Arbeitsprozessen und individuellen Lernbedarf anzupassen. 

Ziel ist es, individuelle Lernprozesse besser zu unterstützen. 

Im bisherigen Projektverlauf wurde deutlich, dass die Beschäftigten das Gefühl haben, immer weniger Zeit im Lernen und zur Wissenserweiterung zu haben. 

Digitales Lernen und die damit verbundene Flexibilität von Ort und Zeit wird als geeignete Lösung gesehen, für die es aber aktuell noch keine ausreichenden betrieblichen Regelungen und Vereinbarungen gibt.

Mit der Online-Befragung soll identifiziert werden, unter welchen Bedingungen digital gestütztes Lernen in der Weiterbildung der Altenpflege derzeit umgesetzt wird und welche Erwartungen Pflegende an digital unterstützte Lernprozesse haben. 

Die Online-Befragung richtet sich an beruflich Pflegende und Betreuungskräfte (z. B. Pflegefachpersonen, Pflegehilfskräfte, Assistenz- und Betreuungskräfte) in der Altenpflege (stationäre Langzeitpflege, ambulante Dienste, Kurzzeit- und Tagespflege). 

Die Befragung wird vom Institut Arbeit und Technik (IAT), Westfälische Hochschule (Gelsenkirchen) in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Freiburg (PH Freiburg) durchgeführt.

Die aus der Befragung gewonnenen Erkenntnisse liefern wichtige Hinweise, wie digital gestütztes Lernen bedarfs- und nutzer:innengerecht gestaltet und betriebliche Unterstützungsstrukturen aus Sicht beruflich Pflegender organisiert sein sollten. 

Die Befragung ist unter folgendem Link abrufbar:

https://poll.ph-freiburg.de/index.php/138239?lang=de

  • Die Umfrage ist bis zum 26.06.2022 freigeschaltet und erfolgt anonym, persönliche Daten werden nicht erhoben. 
  • Rückschlüsse auf Personen sind daher ausgeschlossen.
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Laura Schröer, E-Mail: schroeer@iat.eu, Telefon: +49 209/1707-17 (Institut Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule, Gelsenkirchen) (Projektleitung)

Munscheidstraße 14
45886 Gelsenkirchen
Deutschland
Nordrhein-Westfalen

Claudia Braczko
Telefon: 0209/1707-176
Fax: 0209/1707-110
E-Mail-Adresse: braczko@iat.eu


www.playchange.de - Die Glückspielsucht - türkischsprachige Online-Beratung www.verspiel-nicht-dein-leben.de

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: LSG startet türkischsprachige Online-Beratung für Menschen mit glücksspielbezogenen Problemen

Ab Juni bietet die Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern (LSG) über die hauseigene Online-Beratungsplattform www.playchange.de eine Mail-, Chat- und Telefonberatung in türkischer Sprache an. 

Die bereits seit 2011 bestehende türkischsprachige Telefon-Hotline bleibt weiterhin aktiv.

Konrad Landgraf, Geschäftsführer der LSG, erklärt die Wichtigkeit des neuen Hilfeangebots: 

„Menschen mit türkischem Migrationshintergrund sind in Deutschland gemessen am Bevölkerungsanteil überproportional häufig von Glücksspielproblemen betroffen. Deshalb war es uns wichtig, unser Beratungsportfolio dahingehend zu erweitern.“ Hilfesuchende sind über die Mail-Beratung nicht an feste Sprechzeiten gebunden. Sie können sich zeitlich völlig unabhängig, also asynchron, an die LSG wenden. So wird der Kontakt zum Berater für türkischsprachige Hilfesuchende wesentlich erleichtert.

Landgraf: „Als Berater konnten wir den Sozialpädagogen Halidun Atlas gewinnen. Er ist türkischer Muttersprachler, bereits seit einigen Jahren Mitarbeiter der bisherigen türkischsprachigen Hotline, und auch er begrüßt unsere neuen Online-Tools. Ich bin sehr froh, dass wir ihn an Bord haben.“ Denn Gespräche oder Chat- und E-Mail-Nachrichten in der Muttersprache können dabei helfen, Vertrauen aufzubauen und Hemmungen abzulegen. Zusätzlich zur E-Mail können Hilfesuchende über die PlayChange-Seite auch Termine für Chat- oder Telefonberatungen mit dem Berater vereinbaren, was eine weitere Zugangserleichterung sein kann. „Selbstverständlich berät unser Experte auch Angehörige. Nicht nur die Spielenden selbst sind von der Problematik betroffen. Auch Angehörige leiden darunter und brauchen mitunter Hilfe, um die Situation zu verbessern“, sagt Landgraf. In den neuen Bereich in türkischer Sprache gelangen Hilfesuchende über die Startseite www.playchange.de und dort über den Button „Türkçe danışma“.

Weiterhin findet man auf der Kampagnen-Website der LSG unter www.verspiel-nicht-dein-leben.de zahlreiche Informationen und FAQs zum Thema in Türkisch und zwölf weitere Sprachen übersetzt. 

Damit bietet die LSG eine gute Orientierung über sämtliche Hilfeangebote und Fragen zu dieser Problematik. Mehrsprachige Informationsflyer können nach wie vor über den Webshop der LSG bestellt oder von dort kostenlos heruntergeladen werden.

Landgraf: „Wir hoffen, dass unsere neuen Online-Angebote in türkischer Sprache gut angenommen werden und entwickeln bereits neue Ideen, um die Beratungssituation in Bayern für alle, die von dieser Problematik betroffen sind, weiter zu verbessern.“

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Thomas Baur Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern

Edelsbergstr. 10
80686 München
Deutschland
Bayern

Telefon: 089 / 552 7359 13
Fax: 089 / 552 7359 22
E-Mail-Adresse: thomas.baur@lsgbayern.de

 

Prof. Dr. Markus Rüegg: Sarkopenie- übermässig starken Muskelabbau - Medikament Rapamycin

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: In Kombination noch besser: Therapien gegen Muskelabbau im Alter

Jeder möchte auch im Alter fit und gesund bleiben. 

Doch mit dem Alter baut unser Körper ab, die Muskeln schwinden und die Kraft lässt nach. 

Einige ältere Menschen leiden an einem übermässig starken Muskelabbau, man spricht dabei von Sarkopenie. 

Eine Kombinationstherapie könnte die Sarkopenie hinauszögern. 

Darüber berichten Forschende der Universität Basel. 

Querschnitt eines Muskels: Eine reduzierte Kalorienzufuhr erhöht den Anteil an altersresistenten Muskelfasern (gelb und blau). Querschnitt eines Muskels: Eine reduzierte Kalorienzufuhr erhöht den Anteil an altersresistenten Muskelfasern (gelb und blau). Universität Basel, Biozentrum 

Wir leben heute länger als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. 

Um diese zusätzlichen Lebensjahre geniessen zu können, müssen wir gesund, mobil und unabhängig bleiben. 

Mit dem Alter jedoch büssen unsere Muskeln unausweichlich an Masse und Kraft ein. 

Dieser altersbedingte Muskelabbau setzt einem selbstbestimmten Leben oftmals ein Ende. 

Viele betagte Menschen sind im Alltag daher auf die Unterstützung ihrer Familien oder des Gesundheitssystems angewiesen.

Muskelabbau im Alter verlangsamen

«Der altersbedingte Muskelabbau beginnt bereits mit etwa 30 Jahren und beschleunigt sich mit etwa 60 Jahren. Im Alter von 80 haben wir etwa ein Drittel unserer Muskelmasse verloren», sagt Dr. Daniel Ham, einer der Hauptautoren der neuen Studie, die im Fachjournal «Nature Communications» erscheint. «Aufhalten lässt sich dieser Alterungsprozess zwar nicht, aber man kann ihn verlangsamen zum Beispiel durch sportliche Betätigung.»

Forschende unter der Leitung von Prof. Dr. Markus Rüegg vom Biozentrum der Universität Basel haben bei Mäusen herausgefunden, dass die Skelettmuskulatur bei einer kalorienreduzierten Diät und dem Medikament Rapamycin weniger schnell altert. «Wenn wir verstehen, was im älter werdenden Muskel passiert, können wir Konzepte entwickeln, die dem Alterungsprozess entgegenwirken und einer Sarkopenie vorbeugen.»

«Sowohl eine verringerte Kalorienaufnahme als auch Rapamycin werden als Anti-Aging-Massnahmen propagiert. Womit wir nicht gerechnet haben ist, dass beide Massnahmen zusammen noch besser wirken», erklärt Dr. Nitish Mittal, ein weiterer Hauptautor. 

  • Bisher vermutete man, dass moderates Fasten und Rapamycin über unterschiedliche Wege dasselbe bewirken: die Hemmung des Proteinkomplexes mTORC1. 
  • Bei einer erhöhten Aktivität beschleunigt mTORC1 Alterungsprozesse im Körper.


Positive Effekte beider Therapien kumulieren sich

«Anders als angenommen laufen die Fäden nicht bei mTORC1 zusammen», betont Ham. «Uns war bewusst, dass eine kalorienarme Diät über die Hemmung von mTORC1 hinaus weitere positive Effekte nach sich ziehen würde. Für uns völlig unerwartet alterten die Muskeln bei fastenden Mäusen, die zusätzlich Rapamycin erhielten, noch langsamer.» Die positiven Effekte addieren sich, wenn die Mäuse auf Diät sind und gleichzeitig Rapamycin bekommen. Ihre Muskelfunktion ist deutlich besser als bei ihren Artgenossen, die nur eine Therapie erhalten haben. «Sie sind aktiver und körperlich leistungsfähiger, weil ihre Muskeln länger gesund bleiben», sagt Ham.

Gesunde Muskeln für ein selbstbestimmtes Leben

«Gesunde Muskeln sind ein wertvolles Gut. Über die Bewegung unseres Körpers hinaus, spielen sie im Stoffwechsel und für die Funktion anderer Organe eine wichtige Rolle», ergänzt Mittal. Die positive Wirkung von Diät und Rapamycin auf die Muskelalterung führt zu der spannenden Frage, ob betagte Menschen, die an Sarkopenie leiden, von einer kombinierten Therapie profitieren würden. Diese bestünde aus einem mTORC1-Inhibitor, einem Wirkstoff, der wie eine Diät wirkt, sowie Sport.

«Von kräftigen und gesunden Muskeln profitieren alte Menschen, eigentlich jeder von uns, auf vielfältige Weise», sagt Ham. «Wir können länger ein aktives und selbstbestimmtes Leben führen, sei es nun Wandern, Reisen oder die Enkel betreuen.» Dies spielt für die Lebensqualität und ‑zufriedenheit im Alter eine grosse Rolle und entlastet zudem das Gesundheitswesen.

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Prof. Dr. Markus Rüegg, Universität Basel, Biozentrum, Tel. +41 61 207 22 23, E-Mail: markus-a.ruegg@unibas.ch

Dr. Angelika Jacobs Universität Basel

Petersgraben 35
Basel
Postfach
4001 Basel
Schweiz
Basel-Stadt

Originalpublikation:

Daniel J. Ham et al.
Distinct and additive effects of calorie restriction and rapamycin in aging skeletal muscle
Nature Communications (2022), doi: 10.1038/s41467-022-29714-6


Prof. Jaroslaw Maciaczyk + PD Dr. Valentin Schäfer: Weisse, kalte Finger - das Raynaud-Phänomen: Einladung zur Studie

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Gefährliche weiße Finger - Neue Therapie beim Raynaud-Phänomen

Die Rheumatologie und die Neurochirurgie des Universitätsklinikums Bonn (UKB) erforschen eine neue, vielversprechende Therapie zur Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Raynaud-Phänomen. 

Die neuromodulative Behandlung erzielt in einer Pilotstudie erste, vielversprechende Ergebnisse bei Schwererkrankten. 

(v. l.) Prof. Jaroslaw Maciaczyk setzt das Implantat zur Neurostimulation eines Patienten mit Raynau ...
J.F. Saba Universitätsklinikum Bonn (UKB) 

Weiße, eiskalte Finger sind das wohl ausgeprägteste Symptom beim Raynaud-Phänomen. 

Auch wenn der Name vielleicht nicht geläufig ist, tritt die Krankheit häufig (bis zu 5 Prozent der Bevölkerung) auf. 

Betroffen sind vor allem jüngere Menschen und Frauen, aber auch Männer leiden darunter. 

Kälte und Stress sind die Auslöser, ebenso wie das Rauchen. 

Beim Raynaud-Phänomen handelt es sich um eine Gefäßerkrankung, bei der die Blutgefäße krampfartig verengt werden und Zehen und Finger dadurch zu wenig durchblutet sind. 

Das kann im Extremfall zur Gefahr werden und zum Absterben und Verlust einzelner Finger oder Zehen führen.

Primäres und sekundäres Raynaud-Phänomen
Während das etwa 80 Prozent aller Fälle ausmachende primäre Raynaud-Phänomen ohne andere Krankheitssymptome auftritt, liegen bei einer sekundären Erkrankung oft andere, vor allem rheumatologische Grunderkrankungen vor. Leichte Fälle von Raynaud können durch Präventionsmaßnahmen wie Schutz vor Kälte (z.B. das Tragen von Baumwollhandschuhen), Entspannungsübungen oder Nikotinentzug therapiert werden. „Der Leidensdruck bei Schwererkrankten ist aber oft extrem groß, da die Anfälle unkontrollierbar und Betroffene mitunter in ihrem Alltag stark eingeschränkt sind. Medikamente helfen meist nicht ausreichend“, so PD Dr. Valentin Schäfer, Leiter der Sektion Rheumatologie und klinische Immunologie am UKB.

Neue Therapie mittels Neurostimulation
Seit kurzem gibt es die Hoffnung, auf eine neue Therapiemöglichkeit. Dafür haben sich PD Dr. Schäfer und Prof. Jaroslaw Maciaczyk, Leiter der Sektion Stereotaktische und Funktionelle Neurochirurgie am UKB, zusammengetan und eine Pilotstudie ins Leben gerufen. Darin werden schwer erkrankte Patientinnen und Patienten mit einem schweren Raynaud- Phänomen eingeschlossen. „Die neue Therapie beinhaltet eine Rückenmarkstimulation. Den Erkrankten wird in einer OP minimalinvasiv ein kleines Implantat in der Nähe des Rückenmarkes eingesetzt, das Stromimpulse abgibt, die dafür sorgen, dass die Gefäße – vor allem in den Fingern und Zehen – weiter werden“, so Prof. Maciaczyk. Die Behandlung ist unschädlich für den Körper und zeigt sich nach den ersten Auswertungen im Falle der vom primären und sekundären Raynaud- Phänomen betroffenen Patienten als sehr wirksam. Wenn die Ergebnisse sich im Laufe der Studie weiter bestätigen, bedeutet das eine große Errungenschaft für die bisher unzureichenden Behandlungsmöglichkeiten beim Raynaud- Phänomen.


(v. l.) Prof. Jaroslaw Maciaczyk und PD Dr. Valentin Schäfer therapieren am UKB Patientinnen und P ...
J.F. Saba Universitätsklinikum Bonn (UKB)


Betroffene können sich zur Diagnostik und bei Interesse an der Studie in der Rheumatologie und klinischen Immunologie, Medizinische Klinik III oder der Sektion stereotaktische und funktionelle Neurochirurgie des UKB melden:

rheumatologie@ukbonn.de
Zentrale: +49 228 287-17000

Sekretariat funktionelle Neurochirurgie:
Karin.Ittner@ukbonn.de
Tel.: +49 228 287-16531


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Zum Universitätsklinikum Bonn: Im UKB werden pro Jahr über 400.000 Patient*innen betreut, es sind 8.300 Mitarbeiter*innen beschäftigt und die Bilanzsumme beträgt 1,3 Mrd. Euro. Neben den über 3.300 Medizin- und Zahnmedizin-Studierenden werden pro Jahr rund 600 junge Menschen in anderen Gesundheitsberufen ausgebildet. Das UKB steht im Wissenschafts-Ranking auf Platz 1 unter den Universitätsklinika (UK) in NRW, weist den vierthöchsten Case Mix Index (Fallschweregrad) in Deutschland auf und hatte 2020 als einziges der 35 deutschen Universitätsklinika einen Leistungszuwachs und die einzige positive Jahresbilanz aller Universitätsklinika in NRW.