Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: TU Braunschweig/DZNE Bonn:
Sepsis kann langfristige Auswirkungen auf das Gehirn von Mäusen haben
-
Infektionen können eine besonders heftige Immunreaktion des Körpers
auslösen.
- Bei einer solchen Sepsis reagiert das Immunsystem so stark,
dass auch Gewebe und Organe geschädigt werden.
Forscherinnen und
Forscher der Technischen Universität Braunschweig konnten in einer
Studie mit Mäusen zeigen, dass eine Sepsis auch nach der Genesung noch
langfristige Auswirkungen auf das Gehirn und das Lernverhalten haben
kann.
- Eine Hemmung des Proteinkomplex NLRP3 könnte diese negativen
Auswirkungen verhindern.
Die Studie wurde jetzt online im Fachmagazin
Journal of Neuroscience veröffentlicht. Beteiligt waren auch das
Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen und die Universität
Bonn.
Die Anzahl der Mikrogliazellen ändert sich bei einer Stimulation des
Immunsystems (Bilder Mitte und rechts): In diesem Fall sind mehr
Gliazellen (grün) vorhanden und aktiviert als bei der Kontrollgruppe
(links). Marianna Beyer/TU Braunschweig
-
Mikrogliazellen sind Immunzellen im Gehirn und gehören zum
angeborenen menschlichen Immunsystem.
- Wenn Krankheitserreger das Gehirn
befallen, aktivieren sie spezielle Proteinkomplexe, so genannte
Inflammasome.
- Diese lösen eine Neuroinflammation aus, eine entzündliche
Reaktion im Gehirn, um die Krankheitserreger unschädlich zu machen. In
der Regel endet diese Reaktion mit dem Gesundwerden.
„Neuroinflammation, also entzündliche Prozesse im Gehirn, spielen auch
bei einer Sepsis eine große Rolle. Das ist der Ausgangspunkt für unsere
Studie gewesen. Wir haben die langfristigen Auswirkungen einer Sepsis
auf das Gehirn von Mäusen untersucht, und welchen Einfluss dabei das
Inflammasom NLRP3 hat. Das wurde bisher so noch nicht erforscht“, sagt
Professor Martin Korte, Neurobiologe am Institut für Zoologie der TU
Braunschweig und Leiter der Arbeitsgruppe „Neuroinflammation und
Neurodegeneration“ am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI).
Längerfristige Folgen bei älteren Mäusen
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten zeigen, dass eine
Sepsis eine chronische Entzündung des Gehirns verursachen und so
langfristige negative Konsequenzen haben kann. Um das zu untersuchen hat
das Team um Professor Korte zusammen mit Professor Heneka aus Bonn eine
Studie mit Mäusen gemacht. Den Tieren wurden Bestandteile der
Zellmembran von Bakterien injiziert, um eine Sepsis auszulösen. Nach
drei Monaten haben sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
dann die Gehirne und das Lernverhalten der Tiere angeschaut:
Dabei
zeigte sich, dass ihre Nervenzellen weniger Synapsen hatten und die
synaptische Plastizität eingeschränkt war, also die Fähigkeit ihrer
Synapsen, sich als Voraussetzung zum Lernen verstärken zu können.
Dadurch lernten die Tiere im Verhaltenstest schlechter als die
Kontrollgruppen.
„Wir konnten zeigen, dass die Folgen einer Sepsis auch drei Monate
später noch im Gehirn zu sehen sind. Das Besondere an unserer Studie
ist, dass wir junge und ältere Mäuse miteinander verglichen haben.
Dadurch haben wir gesehen, dass die Folgen einer Neuroinflammation durch
eine Sepsis bei älteren Mäusen nach drei Monaten noch deutlich stärker
zu sehen sind als bei jüngeren Mäusen“, sagt Niklas Lonnemann, der
zusammen mit Marianna Beyer einer der Erstautoren der Publikation ist.
Wenn das NLRP3 gehemmt wird
Das Forscherteam vermutete, dass die entzündlichen Reaktionen im Gehirn
der Mäuse durch das Inflammasom NLRP3 ausgelöst werden. In einem
nächsten Schritt haben sie deshalb so genannte Knockout-Mäuse verwendet,
die kein NLRP3-Molekül produzierten, und haben bei weiteren Mäusen das
NLRP3 mit Wirkstoffen akut gehemmt. Auch die Gehirne dieser Mäuse
untersuchten sie 3 Monate nach einer überstandenen Sepsis.
Das Ergebnis: Ohne das NLRP3 entstanden keine chronischen Entzündungen
im Gehirn. Dadurch hatte die Sepsis auch keine negativen Auswirkungen
auf das Lernverhalten der Tiere.
„Wenn das Inflammasom NLRP3 inaktiviert
ist, sieht man im Tiermodell deutlich, dass das positive Konsequenzen
für das Gehirn hat. Das Risiko, dass das Gehirn erkrankt, steigt
scheinbar aber nicht. Das Immunsystem hat offensichtlich noch andere
Signalwege, um mit den Erregern fertig zu werden“, sagt Martin Korte.
„Das sind extrem spannende Ergebnisse. Sie eröffnen Möglichkeiten für
eine therapeutische Behandlung mit Wirkstoffen, die gezielt das NLRP3
hemmen und so mögliche negative Konsequenzen für das Gehirn verhindern,
ohne das Immunsystem im Ganzen einzuschränken.“
Stärkere Reaktion bei Mäusen mit Alzheimer-Symptomen
Das Inflammasom NLRP3 spielt bei verschiedenen Entzündungsreaktionen
eine Rolle, vermutlich auch bei der
Alzheimer-Krankheit. Deshalb haben
die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch die langfristigen
Auswirkungen einer Sepsis auf das Gehirn von Mäusen untersucht, die
Symptome ähnlich denen von Alzheimer-Patienten entwickeln.
Medizin am Abend Berlin ZusatzFachThema: Demenz
„Ältere Mäuse mit teilweise vorhandener Alzheimer-Symptomatik waren von
der immunologischen Reaktion durch NLRP3 noch stärker betroffen als die
älteren Mäuse ohne die Alzheimer-Symptome“, sagt Martin Korte.
„Das
Gehirn der Alzheimer-Mäuse scheint aufgrund der Erkrankung schon auf
entzündliche Prozesse geprimt, also voreingestellt zu sein und deshalb
vermutlich schneller und stärker darauf anzuspringen.
- Das könnte auch
eine mögliche Erklärung dafür sein, warum Patientinnen und Patienten in
Altenheimen so stark von Covid-19 betroffen sind, da bei einer solchen
Infektion ähnliche immunologische Reaktionen im Gehirn wie bei einer
Sepsis hervorgerufen werden.“
Weitere Informationen
Von Maus zu Mensch?
Die Ergebnisse aus einem Mausmodell lassen sich nicht eins zu eins auf
den Menschen übertragen. Das Mausmodell der Alzheimer-Krankheit bildet
nur einen Teil der Krankheit ab. Das Immunsystem von Mäusen ist außerdem
nicht identisch mit dem Immunsystem des Menschen.
Die Nervenzellen sind
sich jedoch bei beiden sehr ähnlich und auch das Inflammasom NLRP3 gibt
es sowohl beim Menschen als auch bei Mäusen.
Klinische Studien müssen zeigen, ob die Hemmung von NLRP3 auch beim
Menschen dazu führen kann, dass bei einer Sepsis keine langfristigen
negativen Konsequenzen für das Gehirn entstehen.
Das untersucht die
Arbeitsgruppe von Professor Michael Heneka vom Deutschen Zentrum für
Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE). Die Studie der TU Braunschweig
hat dazu beigetragen.
Angaben zur Studie
Die Studie entstand im Forschungsschwerpunkt Infektionen und Wirkstoffe
der TU Braunschweig. Für die Untersuchungen wurde mit 120 Mäusen
gearbeitet. Die Tierversuche fanden an der TU Braunschweig statt. Die
Studie wurde unter strengen Sicherheits- und Tierschutzauflagen
durchgeführt und durch ein Gemeinschaftsprojekt der
Helmholtz-Gemeinschaft zwischen HZI und DZNE, den
Sonderforschungsbereich 854 in Magdeburg und die Deutsche
Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziell unterstützt.
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idw - Informationsdienst Wissenschaft e. V.
Prof. Dr. Martin Korte
Technische Universität Braunschweig
Zoologisches Institut
Abteilung für Zelluläre Neurobiologie
Spielmannstraße 7
38106 Braunschweig
Tel.: 0531 391-3220
E-Mail: m.korte@tu-braunschweig.de
www.zoologie.tu-bs.de
Dr. Elisabeth Hoffmann
Technische Universität Braunschweig
Pockelsstraße 14
38106 Braunschweig
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Deutschland
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Fax: 0531/391-4120
E-Mail-Adresse:
e.hoffmann@tu-braunschweig.de
Originalpublikation:
Marianna M. S. Beyer, Niklas
Lonnemann, Anita Remus, Eicke Latz, Michael T. Heneka and Martin Korte:
Enduring changes in neuronal function upon systemic inflammation are
NLRP3 inflammasome dependent. Journal of Neuroscience 4 June 2020,
JN-RM-0200-20; DOI:
https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.0200-20.2020