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Behandlung von Multiple Sklerose: Isolierende Ummantelung von Nervenzellen

Medizin am Abend Berlin Fazit: Multiple Sklerose: Hilfe zur zellulären Selbsthilfe

Körpereigener Mechanismus der Hirnregeneration entschlüsselt

  • Bei Krankheiten wie der Multiplen Sklerose ist die isolierende Ummantelung von Nervenzellen geschädigt. 

Forschende der Charité – Universitätsmedizin Berlin haben jetzt herausgefunden, wie der Körper seinen eigenen Reparaturmechanismus in Gang setzt, um diese Schäden zu begrenzen. 

Die Ergebnisse bilden die Basis für die Entwicklung neuer Wirkstoffe zur Behandlung der Multiplen Sklerose. 

 Sie wurden in der renommierten Fachzeitschrift Nature Communications* veröffentlicht.


Myelin-Reparaturzellen (Oligodendrozyten) einer Maus in der Kulturschale. Sie stellen Myelin her (grün), das sie für die Reparatur der Nervenzell-Ummantelung verwenden. Zellkerne sind blau angefärbt.
 Myelin-Reparaturzellen (Oligodendrozyten) einer Maus in der Kulturschale. Sie stellen Myelin her (grün), das sie für die Reparatur der Nervenzell-Ummantelung verwenden. Zellkerne sind blau angefärbt. Staroßom/Charité


Es ist die häufigste Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems: Geschätzt mehr als 200.000 Menschen sind in Deutschland von Multipler Sklerose betroffen.

  • Sie leiden an Seh- und Empfindungsstörungen sowie Einschränkungen der Koordinationsfähigkeit bis hin zu Lähmungen. 

Grund für diese Symptome ist eine gestörte Weiterleitung von Signalen im Gehirn oder Rückenmark:

  • Bei Multipler Sklerose greift das körpereigene Immunsystem die sogenannten Myelinscheiden an, die die Nervenzellen ummanteln und elektrisch isolieren. 

Ohne intakte Myelinscheiden ist die Kommunikation zwischen Nervenzellen beeinträchtigt.

Weltweit suchen Wissenschaftler nach Möglichkeiten, die Myelinscheiden bei Menschen mit Multipler Sklerose wieder zu reparieren, um deren neurologische Symptome zu lindern. 

Diesem Ziel sind Forschende der Charité nun einen entscheidenden Schritt nähergekommen.

Dazu haben sie die Selbstheilungskräfte des Körpers genauer untersucht. 

Denn: Das zentrale Nervensystem ist unter bestimmten Bedingungen durchaus in der Lage, geschädigte Myelinscheiden auszubessern. Auf spezifische molekulare Signale hin können sich Stammzellen zu Myelin-Reparaturzellen, den sogenannten Oligodendrozyten, umwandeln.

Sie wandern dann aus einer kleinen Nische im Gehirn an den Ort der Schädigung, wo sie die elektrische Isolierung der Nervenzellen wiederherstellen.

Die molekularen Signale, die diesen körpereigenen Regenerationsmechanismus in Gang setzen, waren bisher kaum bekannt.

„Wir haben jetzt herausgefunden, dass der Eiweißstoff Chi3l3 eine zentrale Rolle für die Myelin-Reparatur spielt“, sagt Dr. Sarah-Christin Staroßom vom Institut für Medizinische Immunologie der Charité. Die Erstautorin der Studie forscht im Exzellenzcluster NeuroCure und am Experimental and Clinical Research Center (ECRC). Dr. Staroßom erklärt:

„Das Protein Chi3l3 bewirkt, dass sich neuronale Stammzellen zu Myelin-Reparaturzellen entwickeln, die die elektrische Isolierung der geschädigten Nervenzellen wiederherstellen.“

  • Das Forscherteam konnte im Mausmodell zeigen, dass eine Verringerung der Chi3l3-Menge im Gehirn die körpereigene Regeneration von Myelinscheiden erheblich beeinträchtigt. 
Umgekehrt führte eine Infusion des Proteins zu einer vermehrten Bildung von Myelin-Reparaturzellen. 

In der Petrischale konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diese Reaktion auch bei menschlichen Zellen beobachten.

„Dieses Wissen wollen wir nun nutzen, um eine neue Generation von Medikamenten für die Behandlung der Multiplen Sklerose zu entwickeln“, erklärt Dr. Staroßom.

„Im nächsten Schritt werden wir deshalb weiter erforschen, ob sich die neurologischen Symptome bei Multipler Sklerose mithilfe von Chi3l3 oder verwandten Proteinen lindern lassen.“

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Dr. Sarah-Christin Staroßom
Institut für Medizinische Immunologie
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Originalpublikation:
*Starossom SC et al., Chi3l3 induces oligodendrogenesis and reduces disease severity in an experimental model of autoimmune neuroinflammation. Nat Comm 2019 Jan 15. doi: 10.1038/s41467-018-08140-7
https://www.nature.com/articles/s41467-018-08140-7

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Untersucher-CAVE: Die Gewichtszunahme während der Schwangerschaft

Medizin am Abend Berlin Fazit: Schwangerschaft: Gewichtszunahme durch Beratung schwer zu beeinflussen

Nehmen Schwangere übermäßig zu, kann das für Mutter und Kind Probleme mit sich bringen. 

Als Lösungsansatz werden regelmäßige Beratungstermine vorgeschlagen. 

Anhand von Ergebnissen mit 2286 Frauen hat ein Team an der Technischen Universität München (TUM) und dem Kompetenzzentrum für Ernährung (KErn) nun aber gezeigt, dass Beratungen im Rahmen der Routinevorsorge Schwangere zwar zu einem gesünderen Lebensstil anregen, die Gewichtszunahme aber nicht verringern. 


  • Steigt das Gewicht von Frauen während der Schwangerschaft zu stark an, kann das ein Grund für Schwangerschaftsdiabetes, ein erhöhtes Kaiserschnittrisiko oder ein zu hohes Geburtsgewicht des Kindes sein. 

Ziel der bayernweiten Studie „Gesund leben in der Schwangerschaft“ (GeliS) war es, Schwangere für die Problematik zu sensibilisieren und ihr Ernährungs- und Bewegungsverhalten zu verbessern.

An der Studie waren über 70 Arzt- und Hebammenpraxen in Bayern beteiligt.

Frauen in der Studiengruppe erhielten während der Schwangerschaft ab der 12. Woche drei Beratungsgespräche (30-45 min) und ein weiteres Gespräch einige Wochen nach Entbindung im Rahmen ihrer Vorsorgeuntersuchungen sowie zusätzlich Informationsmaterial. Zudem bekamen die Schwangeren Formulare, mit denen sie die Gewichtszunahme und ihr Bewegungsverhalten selbstständig dokumentieren und überwachen konnten. Die Kontrollgruppe erhielt nur das Informationsmaterial.

Kindliches Gewicht leicht verringert

Studienleiter Professor Hans Hauner, Ordinarius für Ernährungsmedizin an der TUM, erläutert erste Ergebnisse: „Leider zeigte das Beratungskonzept nicht den gewünschten Erfolg – es hatte keine messbare Auswirkung auf die Gewichtszunahme der Mütter.“ Trotz der Beratung nahmen über 45 Prozent der Teilnehmerinnen mehr zu als der internationale Standard des Institute of Medicine (IOM) empfiehlt.  

Im Durchschnitt waren das über 14 kg. Auch Komplikationen wie Schwangerschaftsdiabetes, Bluthochdruck oder vorzeitige Wehen verringerten die Beratungen nicht.

Aber die Forscherinnen und Forscher stellten dennoch positive Effekte fest:

  • Ein erster Blick auf die weiteren Daten zeigte, dass viele Schwangere durchaus auf ihre Ernährung geachtet und sich regelmäßig bewegt hatten. 

Zudem machten über 85 Prozent der Frauen das Programm bis zum Schluss mit und waren bereit, Ratschläge anzunehmen und umzusetzen.

 „Offensichtlich reichte das aber nicht aus, um ihr Gewicht zu reduzieren. 

Was wir aber sahen ist, dass Größe und Gewicht der Kinder der Frauen, die am Programm teilgenommen hatten, geringer waren.

Und auch das ist ein kleiner, wichtiger Erfolg.“, so Hauner.

Das Studienteam empfiehlt auch, die Beratung schon vor der 12. Woche zu beginnen.

Alltagstauglichkeit als Hauptkriterium

Zudem war das Besondere an der Studie, dass die Termine in die normalen Vorsorgeuntersuchungen integriert wurden. 

Es ist weltweit die größte Studie mit diesem Ansatz.

„Uns war wichtig, dass das Konzept alltagstauglich ist.

Die Schwangeren mussten keine neuen Termine wahrnehmen und die Ärztinnen, Ärzte und Hebammen hatten einen überschaubaren Aufwand.

Nur solche Lösungsansätze sind praxistauglich.“

Viele andere Studien hätten die Schwangeren im Rahmen eigener Termine regelmäßig betreut und überwacht, so Hauner.

„Selbst wenn das einen positiven Effekt hat, lässt sich das so nicht für alle Schwangeren umsetzen – und das sollte Ziel sein.“, so Hauner.

Weitere Informationen

An der Studie waren folgende Partner beteiligt: Kompetenzzentrum für Ernährung (KErn), Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Fachzentren Ernährung/Gemeinschaftsverpflegung an den Ämtern für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Fürstenfeldbruck, Regensburg, Bayreuth, Fürth und Würzburg, Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege, AOK Bayern, Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie

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Prof. Hans Hauner
Lehrstuhl für Ernährungsmedizin
Technische Universität München
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Dr. Ulrich Marsch
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E-Mail-Adresse: presse@tum.de


Originalpublikation:
J. Kunath and J. Günther et al. : Effects of a lifestyle intervention during pregnancy to prevent excessive gestational weight gain in routine care – the cluster-randomised GeliS trial, BMC Medicine, January 14, 2019, DOI: 10.1186/s12916-018-1235-z, https://bmcmedicine.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12916-018-1235-z

Rauh K. & Kunath J et al.: Healthy living in pregnancy: A cluster-randomized controlled trial to prevent excessive gestational weight gain - rationale and design of the GeliS study, BMC Pregnancy Childbirth 2014; DOI: 10.1186/1471-2393-14-119, https://bmcpregnancychildbirth.biomedcentral.com/articles/10.1186/1471-2393-14-1...

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http://www.kem.wzw.tum.de/ - Institut für Ernährungsmedizin der TUM


Chronische Schlafprobleme: Sensibilisierung des Hausarztes

Medizin am Abend Berlin Fazit: Millionenprojekt soll Menschen mit Schlafstörungen helfen

Sechs Millionen Euro Förderung für Projekt zur flächendeckenden Behandlung von Schlafstörungen

Stufenmodell aus hausärztlicher und Online-Behandlung soll lange Wartezeiten für Psychotherapie vermeiden

Koordination am Universitätsklinikum Freiburg 


Menschen, die unter chronischen Schlafproblemen leiden, soll künftig direkter geholfen werden. 

Dafür wird jetzt unter Leitung des Universitätsklinikums Freiburg das Projekt „GET SLEEP – Stepped Care Modell für die Behandlung von Schlafstörungen“ mit mehr als sechs Millionen Euro durch den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) gefördert.

Das geplante Versorgungsmodell basiert vor allem auf der fundierten Beratung durch den jeweiligen Hausarzt und einer speziellen Online-Behandlung der Betroffenen. 

Rund 500 Hausärzte in Baden-Württemberg und Bayern sollen an dem vier Jahre laufenden Projekt teilnehmen sowie mehrere tausend Betroffene behandelt werden.

„Der flächendeckende Umgang mit Schlafstörungen widerspricht schon seit Jahren den medizinischen Leitlinien.

Statt wie empfohlen Psychotherapie zu machen, nehmen die meisten Betroffenen Medikamente ein; Nicht zuletzt, weil Plätze bei Therapeuten rar sind“, sagt Prof. Dr. Dr. Kai Spiegelhalder, Stellvertretender Abteilungsleiter Psychophysiologie und Schlafmedizin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg.

„Mit unserem Ansatz erhalten die Betroffenen direkt die Hilfe, die sie dringend brauchen“, so Prof. Spiegelhalder weiter, der das Projekt gemeinsam mit Abteilungsleiter Prof. Dr. Dieter Riemann leitet.

Hilfsangebote sollen leichter zugänglich sein

Das Programm sieht eine mehrstufige Behandlung vor:

Zunächst klärt ein entsprechend geschulter Hausarzt mögliche Ursachen für die Schlafstörungen. 

 „Der Hausarzt kennt die gesundheitliche Situation seines Patienten meist sehr gut und sollte deshalb der erste Ansprechpartner bei Schlafstörungen sein“, sagt Prof. Spiegelhalder.

„Ein wesentlicher Teil des Projekts ist darum die Weiterbildung und Sensibilisierung von Hausärzten für neue Therapieansätze von Schlafstörungen.“ 


In vielen Fällen empfiehlt der Hausarzt eine psychotherapeutische Behandlung.

„Das von uns entwickelte Online-Behandlungsprogramm ist speziell auf Schlafstörungen zugeschnitten und basiert auf der kognitiven Verhaltenstherapie von Insomnien“, erklärt Prof. Riemann.

In vier bis acht Sitzungen von je 25 Minuten erhalten die Betroffenen Informationen zu Schlafstörungen und deren Bewältigung.

Im Anschluss bespricht der Patient die Ergebnisse mit seinem Hausarzt.

Sollte keine Besserung eingetreten sein, kann der Patient an ein schlafmedizinisches Zentrum überwiesen werden.

Was wirkt besser: Live-Chat oder vorgefertigte Inhalte?

Im Rahmen des Projekts werden die Wissenschaftler mehrere Abläufe der Online-Behandlung vergleichen:

Ein Teil der Patienten wird die Schulung anhand von Videos und Texten erhalten.

Ein weiterer Teil wird per Live-Chat mit einem Therapeuten verbunden, der die Schulung durchführt.

In einer dritten Gruppe erhalten die Teilnehmer eine Kombination aus Live-Chat und vorgefertigter Schulung.


Unter der Leitung des Universitätsklinikums Freiburg sind folgende Konsortialpartner am Projekt beteiligt: der Lehrbereich Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Freiburg, das GET.ON Institut aus Hamburg, die Universität Ulm, das Institut für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Würzburg, das Zentrum für Schlafmedizin Nürnberg, die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin sowie die Barmer Krankenkasse.

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Prof. Dr. Dr. Kai Spiegelhalder
Stellvertretender Leiter
Abteilung Psychophysiologie und Schlafmedizin
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
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Deutschland
Baden-Württemberg 

Benjamin Schoch-Waschow
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Richtige Schlafdauer? Zu wenig Schlaf bei Kindern und Jugendlichen

Medizin am Abend Berlin Fazit: Schlafen unsere Kinder zu wenig für die Anforderungen des Schulalltags?

Forschungszentrum Demografischer Wandel der Frankfurt UAS untersucht Einfluss von zu wenig Schlaf bei Kindern und Jugendlichen auf die Gefahr von Verletzungen und auf die Konzentration 

Prof. Dr. Andreas Klocke und Dr. Sven Stadtmüller vom FZDW der Frankfurt UAS.
Prof. Dr. Andreas Klocke und Dr. Sven Stadtmüller vom FZDW der Frankfurt UAS.
Kevin Rupp/Frankfurt UAS
 
  • Kinder, die an Schultagen weniger als acht Stunden schlafen, leiden häufiger unter Konzentrationsproblemen. 
  • Auch weisen sie ein erhöhtes Risiko auf, sich im Schulkontext zu verletzen. 

Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse des Forschungszentrums Demografischer Wandel (FZDW) der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS). Die Wissenschaftler/-innen werteten hierfür Daten aus, die sie im Rahmen ihrer Längsschnittstudie „Gesundheitsverhalten und Unfallgeschehen im Schulalter“ (GUS) erhoben haben. In der GUS-Studie, die von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) gefördert wird, werden rund 10.000 Schüler/-innen an zirka 150 weiterführenden Regelschulen seit der 5. Schulklasse jährlich nach erlittenen Verletzungen im schulischen Umfeld, nach ihrem Gesundheitszustand und -verhalten, aber auch nach mentalen Gesundheitsproblemen und ihrem Schlafverhalten befragt. Dabei wird in der Studie die wiederholte Teilnahme derselben Schüler-/innen angestrebt, um die individuelle Entwicklung verfolgen zu können. Mittlerweile liegen die Ergebnisse der ersten vier Erhebungen vor.

Zu allen vier Befragungszeitpunkten wurden die Schüler/-innen gebeten anzugeben, wann sie an Schultagen für gewöhnlich ins Bett gehen und am Morgen wieder aufstehen. Auf diese Weise können die Forscher/-innen für jedes Schulkind die individuelle Schlafdauer an Schultagen berechnen. Dabei wird ersichtlich, dass sich die mittlere Schlafdauer der Heranwachsenden innerhalb eines Zeitraums von drei Jahren um eineinhalb Stunden verringert hat: Schliefen die Kinder im Alter von etwa 11 Jahren (5. Jahrgangsstufe) im Mittel noch rund 9 Stunden und 45 Minuten, so waren es in der 8. Jahrgangsstufe lediglich noch 8 Stunden und 15 Minuten. Das liegt im Wesentlichen daran, dass in der 5. Jahrgangsstufe noch weit mehr als die Hälfte der befragten Schüler/-innen (57 Prozent) angab, vor 21 Uhr ins Bett zu gehen. Drei Jahre später waren es nur noch etwas mehr als sechs Prozent.

Auch wenn die „richtige“ Schlafdauer von Kind zu Kind verschieden ist, so sieht eine Empfehlung der National Sleep Foundation für den Großteil der Heranwachsenden in der Altersgruppe der 11- bis 14-Jährigen, die die GUS-Studie betrachtet, eine optimale Schlafdauer von mindestens acht Stunden vor. Während in der 5. Jahrgangsstufe noch 98,5 Prozent der befragten Schüler-/innen eine solche Schlafdauer aufweisen, waren es drei Jahre später nur noch rund 70 Prozent.

Die GUS-Daten zeigen zugleich, wie sich zu wenig Schlaf auf die Heranwachsenden auswirkt.

So gab in der 8. Jahrgangsstufe von jenen befragten Schülerinnen und Schülern, die an Schultagen weniger als acht Stunden schlafen, mehr als jedes dritte Schulkind (37,8 Prozent) an, in der vorangegangenen Woche an mehr als zwei Tagen Konzentrationsprobleme gehabt zu haben. Bei jenen Schülerinnen und Schülern, die acht Stunden oder mehr schlafen, beträgt der entsprechende Wert dagegen lediglich 24,0 Prozent. Zu wenig Schlaf geht auch mit einem erhöhten Risiko einher, sich im schulischen Umfeld zu verletzen: Schüler-/innen, die an Schultagen mindestens acht Stunden schlafen, berichteten zu 19,2 Prozent, sich innerhalb der letzten 12 Monate im Schulkontext verletzt zu haben – also z.B. im Schulsport, auf dem Schulhof oder auf dem Schulweg. Heranwachsende, die weniger als acht Stunden schlafen, weisen hingegen mit 24,6 Prozent einen signifikant höheren Wert auf.

„Unsere Daten zeigen ein sehr klares Bild:

  • Zu wenig Schlaf wirkt sich negativ auf die Schulkinder aus“, bilanziert der Direktor des FZDW und Studienleiter Prof. Dr. Andreas Klocke. 

Die Forscher/-innen bringen mit einem späteren Schulbeginn eine Möglichkeit ins Spiel, die Schlafzeit der Schüler/-innen zu erhöhen.

  • Eine Studie in den USA habe jüngst gezeigt, dass Jugendliche tatsächlich länger schlafen (und nicht später ins Bett gehen), wenn die Schule später startet. 

In den verbleibenden beiden Erhebungen möchte das Team herausfinden, ob ein späterer Schulbeginn auch im Sinne der Schulkinder ist.

Hierfür werden sie mit zwei Fragen konfrontiert, die erfassen sollen, welche Unterrichtszeit die Jugendlichen bei sechs bzw. acht Stunden Unterricht bevorzugen würden.

„Wahrscheinlich möchten die meisten Jugendlichen am frühen Schulbeginn festhalten, um am Nachmittag mehr Freizeit zu haben“, vermutet Dr. Sven Stadtmüller, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am FZDW. „Gleichzeitig ist es aber auch denkbar, dass es sich gerade bei Jugendlichen, die eher zu den Spätaufstehern zählen oder die einen weiten Schulweg zurücklegen müssen, anders verhält.“ Mit den Ergebnissen wird im Juni 2019 gerechnet.


Mehr zur Längsschnittstudie Gesundheitsverhalten und Unfallgeschehen im Schulalter (GUS) unter: https://fzdw.de/projekte/gus/. 

Die ausführliche Analyse findet sich im aktuellen Newsletter Nr. 8 zum GUS-Projekt unter https://fzdw.de/projekte/gus/newsletter.

Das Forschungszentrum Demografischer Wandel (FZDW):

Das Forschungszentrum Demografischer Wandel (FZDW) an der Frankfurt University of Applied Sciences untersucht mit einem interdisziplinären Zugang die Folgen und Herausforderungen des demografischen Wandels. Hintergrund ist die niedrige Geburtenrate und die gleichzeitige Steigerung der Lebenserwartung in Deutschland. Dies hat schon in naher Zukunft eine deutliche Alterung und später auch eine Schrumpfung der Bevölkerung zur Folge. Die Konsequenzen dieser Entwicklung sind vielfältig und zeigen sich zuvorderst auf der kommunalen Ebene. Das FZDW möchte anwendungsbezogen wissenschaftliche Beiträge zur Gestaltung und Bewältigung der Herausforderungen des demografischen Wandels in Hessen und in Deutschland aufzeigen.
Weitere Informationen zum FZDW unter: http://www.fzdw.de.

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Frankfurt University of Applied Sciences
Forschungszentrum Demografischer Wandel (FZDW)
Dr. Sven Stadtmüller
Telefon: +49 69 1533-3187
E-Mail: sven.stadtmueller@fzdw.de

Prof. Dr. Andreas Klocke
Telefon: +49 69 1533-2187
E-Mail: andreas.klocke@fzdw.de

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Deutschland
Hessen 

Sarah Blaß
Telefon: 069/1533 3041
Fax: 069/1533 2403
E-Mail-Adresse: blass@kom.fra-uas.de

Zielgerichtete Tumortherapie:

Medizin am Abend Berlin Fazit: Protein UBQLN4 beeinflusst DNA-Reparatur

Die Arbeitsgruppe um Univ.-Prof. Dr. Christian Reinhardt, Klinik I für Innere Medizin, hat ein Protein identifiziert, das den Reparaturweg von DNA-Schäden maßgeblich beeinflusst und einen neuen Ansatzpunkt für eine zielgerichtete Tumortherapie ermöglicht. 

Die Ergebnisse wurden am 03.01.2019 in der renommierten Fachzeitschrift Cell veröffentlicht. 
 (v.l.) Dr. Ron Jachimowicz und Univ.-Prof. Dr. Christian Reinhardt
 (v.l.) Dr. Ron Jachimowicz und Univ.-Prof. Dr. Christian Reinhardt  Uniklinik Köln
 
Tagtäglich wird unsere DNA sowohl durch äußere als auch innere Faktoren beschädigt. 

  • Bei der Entscheidung, wie Brüche in der DNA behoben werden sollen, müssen Zellen zwischen zwei unterschiedlichen Reparaturwegen wählen.
  • Der eine Reparaturweg ist für die Zelle zwar mühelos aber störanfällig, der andere aufwändig und nicht immer möglich. 
  • Das Urteil ist wichtig, denn eine falsche Entscheidung könnte weitere DNA-Schäden verursachen und zur Entstehung von Krebs führen.

Wissenschaftler der Uniklinik Köln fanden nun heraus, dass das Protein UBQLN4 die Entscheidung über das Einschlagen beider Reparaturwege maßgeblich steuert.

Der Verlust dieses Proteins begünstigt die fehlerfreie Reparatur, das übermäßige Vorhandensein unterdrückt diese. 

Die Abhängigkeit einer intakten, fehlerfreien Reparatur wird bereits heute in der Behandlung von Tumoren klinisch eingesetzt.

Mutationen in Genen der fehlerfreien Reparatur (z.B. BRCA1 oder BRCA2), die häufig in Ovar- und Mamma-Karzinomen auftreten, führen zu einem sehr guten Ansprechen auf PARP1-Inhibitoren.

„In zahlreichen aggressiven Tumoren der Lunge, der Haut, aber auch bei bösartigen Tumoren des Nervengewebes von Kindern haben wir eine erhöhte Menge von UBQLN4 in den Krebszellen gefunden“, sagt Dr. Ron Jachimowicz, Erstautor dieser Studie, die nun im renommierten Fachjournal Cell erschienen ist.

„Die daraus resultierende Hemmung der fehlerfreien Reparatur bietet uns möglicherweise einen molekularen Ansatzpunkt, um diese aggressiven Tumore in Zukunft mit PARP1-Inhibitoren effektiver zu behandeln.“

Das internationale Forscherteam bestehend aus Wissenschaftlern der Länder Spanien, Israel, USA und Deutschland wurde durch die Identifikation mehrerer, von Geburt an erkrankter Kinder auf das Protein UBQLN4 aufmerksam.

„Die Genanalyse ergab, dass bei diesen Kindern eine einzelne Mutation für das Vorliegen ihrer Erkrankung verantwortlich ist.

Diese Mutation im UBQLN4-Gen führte zum kompletten Verlust des Proteins“, sagt Prof. Reinhardt, Leiter dieser Studie. „UBQLN4 ist ein kleines Protein welches dabei hilft, andere Proteine zum Proteasom, der Abbaufabrik der Zelle, zu bringen“, so Prof. Reinhardt weiter. Um den genauen Mechanismus von UBQLN4 in der Reparatur von DNA-Schäden zu verstehen, verursachte sein Team absichtlich DNA-Schäden in isolierten Zellen der Patienten, als auch in genetisch veränderten Zellen und verfolgte die Reparatur der DNA-Schäden im Detail.

  • „Wir konnten beobachten, wie der Verlust von UBQLN4 in der Zelle zu einer massiven Anreicherung von Proteinen führte, die an der fehlerfreien Reparatur beteiligt sind“, sagt Dr. Jachimowicz. 
Als direkte Ursache identifizierten die Wissenschaftler eine Interaktion von UBQLN4 mit dem Schlüsselprotein MRE11, das sobald es aktiviert wurde, den Startschuss für die fehlerfreie Reparatur gibt. 

„Ab dem Punkt ist der Prozess unumkehrbar. Wird dieser Reparaturweg gestartet, kann der fehleranfällige Weg nicht mehr ausgeführt werden“, so der Wissenschaftler.

Das Forscherteam konnte zeigen, dass UBQLN4 an MRE11 bindet und zu seinem Abbau führt.

Fehlt UBQLN4 jedoch in der Zelle, kommt es zu einer übermäßigen MRE11 Aktivierung und zu einer übermäßigen Auslösung der fehlerfreien Reparatur. 

Die fehlerfreie Reparatur kann allerdings nicht in diesem Ausmaß in jeder Zelle korrekt ausgeführt werden.

Die DNA-Schäden bleiben unrepariert und die Zelle geht schließlich in den Zelltod über.


„Wir waren nicht besonders überrascht als wir feststellten, dass aggressive Tumore vermehrt UBQLN4 produzieren und so möglicherweise durch die Hemmung der fehlerfreien Reparatur weitere Mutationen ansammeln“, sagt Prof. Reinhardt.

„Unsere Studie zeigt, dass UBQLN4 ein entscheidender Faktor in der Regulation der DNA-Schadensantwort ist. 

Die Arbeit weist auch auf die aufregende Möglichkeit hin, den vermeintlichen Überlebensvorteil von aggressiven Tumorzellen durch die erhöhte Menge an UBQLN4 als Achillesferse für die gezielte Therapie mit den bereits klinisch zugelassenen PARP1-Inhibitoren zu nutzen.“

Die Arbeiten an diesem Projekt wurden durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und das Else-Kröner Forschungskolleg maßgeblich gefördert.

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Univ.-Prof. Dr. Christian Reinhardt
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Originalpublikation:
Zitation: Jachimowicz et al., UBQLN4 Represses Homologous Recombination and Is Overexpressed in Aggressive Tumors, Cell (2019),
DOI: https://doi.org/10.1016/j.cell.2018.11.024

Beeinträchtigung der Gedächtnisfunktion: Schlaganfall wg. Durchblutungsstörung

Medizin am Abend Berlin Fazit: Nach Schlaganfall: Mehr neue Nervenzellen, aber gestörte Funktion im Hippocampus

  • Die Reifung von Nervenzellen im Hippocampus, die sich nach einem Schlaganfall verstärkt aus Vorläuferzellen bilden, läuft beschleunigt ab und ihre Verknüpfung ist fehlerhaft. 
Das ist das Ergebnis einer jetzt im Journal of Neuroscience veröffentlichten Studie von Neurologen des Universitätsklinikums Jena. 

  • Das könnte eine Erklärung für eine beeinträchtigte Gedächtnisfunktion und die Neigung von epileptischen Anfällen bei Schlaganfallpatienten sein, auch wenn diese Gehirnregion nicht unmittelbar von der Durchblutungsstörung betroffen ist. 

Nach einem Schlaganfall vermehrt gebildete Nervenzellen sind nicht ausgereift und fehlerhaft vernetzt, so Dr. Albrecht Kunze (l.) und Mihai Ceanga vom Uniklinikum Jena.
Nach einem Schlaganfall vermehrt gebildete Nervenzellen sind nicht ausgereift und fehlerhaft vernetzt, so Dr. Albrecht Kunze (l.) und Mihai Ceanga vom Uniklinikum Jena.
Michael Szabó/UKJ
 
Die Entdeckung versprach völlig neue Möglichkeiten für die Behandlung von Schlaganfallpatienten:

Auch im erwachsenen Gehirn werden aus Vorläuferzellen kontinuierlich neue Nervenzellen gebildet, und in experimentellen Studien konnte nach einem Schlaganfall sogar eine Verstärkung dieser Zellreifung nachgewiesen werden.

Die neuen Nervenzellen, so die Hoffnung, könnten bei der Regeneration der vom Sauerstoffmangel geschädigten Region und deren Funktion eine wesentliche Rolle spielen. 

  • Diese Hoffnung wurde jedoch durch die Erkenntnis getrübt, dass die Neuronenbildung nur im Hippocampus stattfindet, einer tief sitzenden und evolutionär sehr alten Hirnregion mit zentralen Funktionen für Gedächtnis und Emotion. 
  • In der Großhirnrinde jedoch, die zumeist von Schlaganfällen betroffen ist und in der alle höheren Funktionen des Gehirns wie Sprechen oder Verstehen angelegt sind, sind keine neuen Nervenzellen nachweisbar, auch nicht nach einer Schädigung.
Neue Neuronen eher störend als hilfreich

Neurologen des Universitätsklinikums Jena müssen das Reparaturpotential der neuen Neuronen nach einem Schlaganfall weiter relativieren.

In einer aufwändigen tierexperimentellen Studie untersuchten sie, wie die Neuronen nach einem induzierten Schlaganfall im Hippocampus heranreifen. 

„Mithilfe elektrophysiologischer Messungen konnten wir zeigen, dass Entwicklung und Funktion der neuen Nervenzellen gestört ist, wohingegen ihre Zellgestalt unbeeinträchtigt bleibt.

Sie werden beschleunigt in das neuronale Netzwerk eingebaut, während sie noch ‚unerfahren und übererregbar‘ sind“, so Mihai Ceanga, Assistenzarzt an der Klinik für Neurologie und Erstautor der Studie.

  • In der Folge gibt es nach einem Schlaganfall vermehrt übererregbare unreife Neuronen im Hippocampus, die dessen Funktion stören können.

„Dieser Befund könnte erklären, warum wir in Verhaltensstudien nach einem Schlaganfall eine Beeinträchtigung des Hippocampusabhängigen Gedächtnisses beobachten, auch wenn die Schädigung in der Hirnrinde lokalisiert ist und der Hippocampus vom Sauerstoffmangel gar nicht unmittelbar betroffen.

Die bei Schlaganfallpatienten erhöhte Anfälligkeit für epileptische Anfälle passt ebenfalls zu dem Ergebnis“, wertet der Neurologe Dr. Albrecht Kunze die von ihm geleitete Studie und ergänzt: 

„Für Schlaganfallpatienten in der Rehabilitation könnte demzufolge ein gezieltes Training hilfreich sein, das die Vernetzung im Hippocampus unterstützt.

Hier besteht jedoch noch weiterer Forschungsbedarf.“

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Dr. Albrecht Kunze
Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Jena
Tel.: 03641 9323496
E-Mail: Albrecht.Kunze@med.uni-jena.de

Dr. Uta von der Gönna Universitätsklinikum Jena
Bachstraße 18
07743 Jena
Deutschland
Thüringen


Telefon: 03641/ 93 42 93
Fax: 03641/ 93 30 13
E-Mail-Adresse: pr-dekanat@med.uni-jena.de

Originalpublikation:
Mihai Ceanga, et al. Stroke accelerates and uncouples intrinsic and synaptic excitability maturation of mouse hippocampal DCX+ adult-born granule cells, Journal of Neuroscience, 2018, DOI: http://www.jneurosci.org/lookup/doi/10.1523/JNEUROSCI.3303-17.2018

 

Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS): Therapie mit Computerspiel Tetris

Medizin am Abend Berlin Fazit: Posttraumatische Belastungsstörung: Flashbacks durch das Spielen von Tetris abschwächen

Eine Intervention, die das Spielen des Computerspiels Tetris beinhaltet, könnte Menschen mit Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) helfen, unwillkürlich wiederkehrende bildliche Erinnerungen an die traumatischen Erlebnisse abzuschwächen. 

Zu diesem Schluss kommt ein Team der Ruhr-Universität Bochum zusammen mit einer Forscherin des Karolinska Institutet in Schweden nach einer Studie mit 20 Patientinnen und Patienten mit PTBS. 

Nach der Intervention ging die Anzahl an sogenannten Flashbacks für die belastenden Ereignisse zurück. 

Bochumer Forscherteam: Aram Kehyayan (links) und Henrik Kessler
Bochumer Forscherteam: Aram Kehyayan (links) und Henrik Kessler
© RUB, Marquard 
Das Team um Prof. Dr. Henrik Kessler und Dr. Aram Kehyayan von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im LWL-Universitätsklinikum Bochum berichtet über die Ergebnisse gemeinsam mit Prof. Dr. Emily Holmes vom Karolinska Institutet im Journal of Consulting and Clinical Psychology, online veröffentlicht Ende Dezember 2018.

Zu wenig Therapieplätze

  • Eines der gravierendsten Symptome der PTBS sind unwillkürlich wiederkehrende bildliche Erinnerungen an die traumatischen Erlebnisse. 

„Die PTBS lässt sich mit den verfügbaren Therapien gut behandeln“, sagt Henrik Kessler, Oberarzt und Traumatherapeut. „Allerdings gibt es viel mehr Patientinnen und Patienten als Therapieplätze.“ Deswegen suchen die Forscher nach Methoden außerhalb der konventionellen Behandlungen, die die Symptome lindern können.

Vor rund zehn Jahren fand Emily Holmes mit ihrem Team heraus, dass das Computerspiel Tetris durch Horrorfilme ausgelöste Flashbacks bei gesunden Personen unterdrücken kann, wenn es kurz nach dem Betrachten des Filmes gespielt wird. 

In der aktuellen Studie testeten die Wissenschaftler, ob dieser Effekt auch Patienten mit PTBS helfen kann, bei denen die Ursache der belastenden Erinnerungen oft Jahre zurückliegt.

Spezielle Intervention

An der Studie nahmen 20 Patientinnen und Patienten mit komplexer PTBS teil, die zu einer regulären Therapie für sechs bis acht Wochen stationär in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie waren. Neben den üblichen Einzel- und Gruppentherapien absolvierten sie eine spezielle Intervention.  

Sie schrieben eine ihrer belastenden Erinnerungen auf ein Blatt. Dann zerrissen sie den Zettel – ohne über den Inhalt zu sprechen – und spielten anschließend für 25 Minuten Tetris auf einem Tablet.

Die Patienten gaben stets mehrere verschiedene Flashbacks an, zum Beispiel Gewalterfahrungen in unterschiedlichen Situationen, deren Auftreten sie über die Wochen in ein Tagebuch notierten. Pro Intervention, die von Woche zu Woche stattfand, fokussierten sie immer nur den Inhalt eines spezifischen Flashbacks.

Weniger Flashbacks

Nur die Häufigkeit des Flashbacks, dessen Inhalt in der Woche fokussiert wurde, ging spezifisch in den Tagen und Wochen nach der Intervention zurück. Für die noch nicht fokussierten Flashbackinhalte blieb die Anzahl der Flashbacks relativ konstant. Über die Wochen wurden so nacheinander verschiedene Flashbackinhalte fokussiert, deren Häufigkeit zeitgenau jeweils in der Folge sank. Insgesamt ging die Anzahl der Flashbacks für die jeweils fokussierte Situation um durchschnittlich 64 Prozent zurück. Flashbacks, deren Inhalt nie fokussiert wurde, gingen nur um elf Prozent zurück. Die Intervention wirkte insgesamt bei 16 der 20 getesteten Patienten.

Vermutete zugrunde liegende Mechanismen der neuen Intervention

Die Forscher nehmen an, dass der Erfolg der Methode auf folgendem Mechanismus beruht:

Wenn Patienten sich detailliert ein Bild der belastenden Erinnerung machen, aktiviert das vermutlich Gebiete für räumlich-bildliche Verarbeitung im Gehirn; vergleichbare Areale könnten auch für das Spielen von Tetris bedeutsam sein. Beide Aufgaben benötigen also vergleichbare und begrenzte Ressourcen, es kommt zur Interferenz.

Immer wenn ein Patient den Inhalt eines Flashbacks bewusst wiedererinnert, wird die damit verbundene Gedächtnisspur kurzzeitig labil.

  • Wenn in dieser Zeit eine Interferenz stattfindet, könnte die Gedächtnisspur abgeschwächt wieder eingespeichert werden, vermuten die Wissenschaftler.

Weitere Studien in Arbeit

„In unserer Studie wurde die Intervention zwar von einem Teammitglied begleitet, aber dieses hat keine aktive Rolle eingenommen und die verschriftlichten traumatischen Erinnerungen nicht gelesen“, erklärt Kessler.

„Unsere Hoffnung ist, dass wir eine Behandlung ableiten können, die Menschen auch allein durchführen könnten, wenn kein Therapieplatz verfügbar ist. 

Die Intervention kann jedoch eine komplexe Traumatherapie nicht ersetzen, sondern lediglich ein zentrales Symptom, die Flashbacks, lindern.“

Die Forscher weisen außerdem darauf hin, dass weitere Untersuchungen mit Kontrollbedingungen und an einer deutlich größeren Anzahl Patienten notwendig sind, um die Wirksamkeit der Methode zu bestätigen. Diese Studien führt das Team um Kessler und Kehyayan aktuell durch. Außerdem gehen sie in Grundlagenstudien den genauen Mechanismen des Effekts bei gesunden Menschen weiter auf den Grund.

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Prof. Dr. Henrik Kessler
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
LWL-Universitätsklinikum
Ruhr-Universität Bochum
Tel.: 0234 50773176
E-Mail: henrik.kessler@rub.de

Dr. Julia Weiler Ruhr-Universität Bochum


Originalpublikation:
Henrik Kessler, Emily A. Holmes, Simon E. Blackwell, Anna-Christine Schmidt, Johanna M. Schweer, Anna Bücker, Stephan Herpertz, Nikolai Axmacher, Aram Kehyayan: Reducing intrusive memories of trauma using a visuospatial interference intervention with inpatients with Posttraumatic Stress Disorder (PTSD), in: Journal of Consulting and Clinical Psychology, 2018, DOI: 10.1037/ccp0000340

PTBS Ereignisse + Schlafstörungen + Erinnerungslücken: Besser Schlaf-Therapie

Medizin am Abend Berlin Fazit: Trauma, schlechter Schlaf und Belastungssymptome hängen eng zusammen

Schlafprobleme könnten entscheidenden Einfluss darauf haben, dass Menschen nach schwer belastenden Erlebnissen eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. 

Hierfür haben Trauma-Forscherinnen der Universität des Saarlandes in einer Schlafstudie Hinweise gefunden. 

  • Die Ergebnisse der Forschergruppe von Psychologie-Professorin Tanja Michael sprechen dafür, dass traumatische Ereignisse Schlafstörungen auslösen, die ihrerseits gedächtnisbezogene Symptome wie Flashbacks – also das ständige Wiedererleben des Traumas – oder Erinnerungslücken verursachen. 

Mit ihren Ergebnissen wollen die Forscherinnen gezielt Trauma-Therapien verbessern und diese um eine Schlaf-Therapie ergänzen. 

 Die Arbeitsgruppe der Trauma-Expertin und Psychotherapeutin Prof. Tanja Michael forscht, um Trauma-Therapien wirksamer zu machen.
Die Arbeitsgruppe der Trauma-Expertin und Psychotherapeutin Prof. Tanja Michael forscht, um Trauma-Therapien wirksamer zu machen. Foto: privat

 
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert ab Januar 2019 mit rund 215.000 Euro ein entsprechendes Projekt, in dem die Arbeitsgruppe erforscht, ob der Schlaf Gedächtnisprozesse während erfolgreicher Trauma-Therapien verstärkt.

Menschen, die extreme körperliche Gewalt, einen Terroranschlag, Unfall, Krieg oder sonst Erschütterndes erlebt haben, schaffen es mitunter nicht, das Erlebte zu verarbeiten. 

Bei der posttraumatischen Belastungsstörung wird für die Betroffenen die Erinnerung zum Problem. 

Belanglose Kleinigkeiten – ein Geruch, ein T-Shirt in bestimmter Farbe – lösen ohne Vorwarnung Flashbacks aus:

Plötzlich und mit Wucht erleben sie das Schreckliche wieder und wieder – mehrmals am Tag. „Typisch ist auch, neben Symptomen wie zwanghaftes Grübeln oder Reizbarkeit, dass Betroffene sich an wesentliche Teile des Geschehens nicht vollständig erinnern können“, erklärt Psychologie-Professorin und Trauma-Therapeutin Tanja Michael, die an der Universität des Saarlandes die Lehr- und Forschungsambulanz für Psychologische Psychotherapie leitet. Offenbar ist bei Trauma-Folgestörungen also das Gedächtnis beeinträchtigt.

Dem wollten die Saarbrücker Trauma-Forscherinnen näher auf den Grund gehen.

Die Ergebnisse ihrer Schlafstudie sprechen dafür, dass Trauma, schlechter Schlaf und die Entstehung der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) eng zusammenhängen:

Sie fanden Hinweise, dass ein traumatisches Ereignis Schlafstörungen hervorrufen kann und dass die Schlafqualität wiederum Auswirkungen darauf hat, dass sich PTBS-Symptome entwickeln. 

„Siebzig bis über neunzig Prozent der Patienten mit posttraumatischen Belastungsstörungen leiden an Ein- und Durchschlafstörungen, das ist aus früheren Studien bekannt“, erklärt Roxanne Sopp. Die promovierte Psychologin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team von Tanja Michael. Der Schlaf spielt generell eine entscheidende Rolle bei der Gedächtnisbildung.

„Insbesondere beim Abspeichern ins Langzeitgedächtnis und für das Konsolidieren des Gedächtnisses hat der Schlaf ausschlaggebende Funktion“, erläutert Roxanne Sopp.

Um das Zusammenspiel von Trauma, Schlafstörungen und gedächtnisbezogenen Symptomen der posttraumatischen Belastungsstörung näher zu beleuchten, konfrontierten die Forscherinnen Probanden mit „traumatischen“ Filminhalten. In ihrer experimentellen Studie untersuchten sie, wie sich diese Filminhalte, die eine Art „kleines“, zeitlich begrenztes Trauma auslösen, bei den Testpersonen auf die Schlafqualität und auf spontane, belastende Erinnerungen auswirken. 32 Probanden, allesamt robuste Schläferinnen und Schläfer ohne Schlafschwierigkeiten, verbrachten eine Nacht im Schlaflabor der Saar-Uni – beobachtet von den Forscherinnen, die mit Gehirnstrom-Messungen (EEG) über ihren Schlaf wachten. Eine Gruppe sah vor dem Zubettgehen den Trauma-Film, die Kontrollgruppe einen neutralen, nicht belastenden Film.

„Die Schlafdauer war in der Trauma-Gruppe reduziert, der Non-Rem-Schlaf signifikant reduziert und die Wachphasen in der Nacht waren länger“, fasst Roxanne Sopp zusammen. Die Probanden der Trauma-Gruppe führten im Anschluss mehrere Tage ein Tagebuch und dokumentierten, wie oft sie an Szenen des Films dachten und wie belastend sie dies empfanden. Außerdem beantworteten sie Fragebögen, in denen typische Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung wie Flashbacks abgefragt wurden. Die Ergebnisse werteten die Forscherinnen zusammen mit den Gehirnstrom-Messungen aus.



Dr. Roxanne Sopp
 Dr. Roxanne Sopp Foto: privat

Sie fanden deutliche Hinweise auf einen Zusammenhang:

„Mehr Schlaf, weniger Symptome“, bringt es Roxanne Sopp auf den Punkt.

  • „Je mehr REM-Schlafphasen die Probanden hatten, desto weniger Flashbacks hatten sie nach Schlüsselreizen und sie empfanden diese auch als weniger belastend. Das spricht für einen Zusammenhang von Schlaf und PTBS-Symptomen.“

Diese Erkenntnisse wollen die Forscherinnen jetzt in die psychotherapeutische Behandlung von Patienten mit posttraumatischen Belastungsstörungen einfließen lassen.

Ziel ist es insbesondere, die Konfrontationstherapie, eine der erfolgreichsten Trauma-Behandlungsmethoden, weiter zu verbessern.

  • Im Rahmen solcher Therapien wollen sie gezielt Schlaftherapien einsetzen, um die Gedächtnisbildung zu unterstützen. 

„Die Störung der Gedächtnisprozesse, die dafür verantwortlich ist, dass das traumatische Ereignis für die Betroffenen ständig wieder zur Gegenwart wird, ist zentraler Ansatzpunkt der Konfrontationstherapie.

Zugleich erschwert diese Störung aber auch den Therapieprozess und damit die Wirksamkeit der Therapie.

Hier setzen wir mit unserer Forschung an“, erklärt Roxanne Sopp.

„Um perspektivisch die Wirksamkeit der Konfrontationstherapie zu verbessern, untersuchen wir, ob der Schlaf Gedächtnisprozesse verstärkt, die während erfolgreicher Trauma-Therapien stattfinden.“ 

Diese Forschung wird die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördern.

Die Ergebnisse ihrer Schlafstudie veröffentlichen die Wissenschaftlerinnen im Fachblatt „Sleep Medicine“. https://doi.org/10.1016/j.sleep.2018.10.030
Originalpublikation: „REM theta activity predicts re-experiencing symptoms after exposure to a traumatic film“, M. Roxanne Sopp, Alexandra H. Brueckner, Sarah K. Schäfer, Johanna Lass-Hennemann & Tanja Michael.

Hintergrund
Die Arbeitsgruppe der Trauma-Expertin und Psychotherapeutin Tanja Michael forscht, um Trauma-Therapien wirksamer zu machen. Die Psychologie-Professorin leitet an der Saar-Uni die Lehr- und Forschungsambulanz für Psychologische Psychotherapie und hat für ihre Forschung bereits mehrere internationale Preise erhalten.

https://www.uni-saarland.de/lehrstuhl/michael/team/tanja-michael.html


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Originalpublikation:
Die Ergebnisse ihrer Schlafstudie veröffentlichen die Wissenschaftlerinnen im Fachblatt „Sleep Medicine“. https://doi.org/10.1016/j.sleep.2018.10.030

Originalpublikation: „REM theta activity predicts re-experiencing symptoms after exposure to a traumatic film“, M. Roxanne Sopp, Alexandra H. Brueckner, Sarah K. Schäfer, Johanna Lass-Hennemann & Tanja Michael.

Osteoporose-assoziierte Knochenbrüche

Medizin am Abend Berlin Fazit: Versorgung von Osteoporose-Patienten verbessern

Mediziner am LMU-Klinikum München werden vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses mit 3,2 Millionen Euro gefördert. 
 
Jährlich gibt es in Deutschland mehr als 700.000 Osteoporose-assoziierte Knochenbrüche.

Die Behandlungs- und Folgekosten belaufen sich auf über neun Milliarden Euro.

  • Ein hoher Prozentsatz der Patienten mit osteoporotischen Frakturen erleidet in den Folgemonaten und -jahren weitere Brüche – zumeist in Folge banaler Stürze. 

Die Teilnahme an einer Osteoporose-Therapie kann 30 bis 80 Prozent dieser sogenannten Folgefrakturen verhindern. 

Leider ist die standardisierte Abklärung und Therapie der Grunderkrankung Osteoporose bei Patienten in Deutschland derzeit noch sehr wenig verbreitet. 

Weniger als 10 Prozent der betroffenen Patienten erhalten eine derartige Therapie.

Die Gründe dafür sind vielfältig.

Ein häufiges Problem ist die Überleitung des Patienten vom stationären in den ambulanten Sektor.  

Aber auch fehlendes Wissen über die Grunderkrankung sowie mangelnde Krankheitseinsicht der Patienten sind nicht selten Gründe für die ausbleibende Therapie.

Medizin am Abend Berlin ZusatzFachHinweis: Laborwerte Osteoporose  


Um diese Versorgungslücke zu schließen hat ein Konsortium unter der Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Böcker und PD Dr. Christian Kammerlander von der Klinik für Allgemeine, Unfall- und Wiederherstellungschirurgie des Klinikums der Universität München einen Antrag zum Aufbau eines Sektor übergreifenden Versorgungssystems beim Innovationsfonds des Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) gestellt.

Das Konsortium setzt sich zusammen aus Vertretern der gesetzlichen Krankassen (TK, DAK-Gesundheit, IKK Classic, AOK Bayern), der Akademie der Unfallchirurgie der deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (AUC; Prof. Dr. J. Sturm), der Managementfirma PVM (Hr. Trinemeier) und dem Health Services Management der LMU München (Prof. Dr. L. Sundmacher). Im November hat das Konsortium die Nachricht erhalten, dass das System mit knapp 3,2 Millionen Euro in den nächsten vier Jahren gefördert wird.


In dem Projekt ‚FLS-CARE‘ (Fracture Liaison Services) stellt ein Netzwerk aus Ärzten, Pflegekräften und Physiotherapeuten sicher, dass die im Krankenhaus begonnene Abklärung und Therapie der Osteoporose in der ambulanten Struktur weiter durchgeführt wird. 

Die Koordination der Überleitung der Patienten übernimmt dabei eine Pflegekraft. 
Zur Osteoporosetherapie wird auch ein Sturzpräventionsprogramm inklusive Hausbesuch durchgeführt. 
Eine Sektor übergreifende IT-Plattform unterstützt das Projekt.

Insgesamt sollen 1.200 Patienten nach Hüftfraktur an 18 Zentren in Bayern eingeschlossen werden. 

Im Erfolgsfall kann ‚FLS-CARE‘ die Häufigkeit von Folgebrüchen und Stürzen verringern und somit sowohl zu einer geringeren Sterblichkeit und höheren Lebensqualität der Patienten führen als auch die Behandlungskosten senken.

Der Innovationsfonds des G-BA
Der G-BA hat den Auftrag, neue Versorgungsformen, die über die bisherige Regelversorgung hinausgehen, zu fördern. Zu diesem Zweck wurde der Innovationsfonds gegründet. Übergeordnetes Ziel des Innovationsfonds ist eine qualitative Weiter-entwicklung der Versorgung im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland. Erfolgreich getestete, neue Versorgungsformen sollen nach Abschluss der Förderphase in die Regelversorgung überführt werden.

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Prof. Dr. Wolfgang Böcker
PD. Dr. Christian Kammerlander
Klinik für Allgemeine, Unfall- und Wiederherstellungschirurgie
Klinikum der Universität München (LMU)
Tel: +49 (0)89 4400 - 52511 und +49 (0)89 4400 - 735 00
E-Mail: FLS@med.LMU.de

Philipp Kressirer Klinikum der Universität München
Pettenkoferstraße 8a
80336 München
Deutschland
Bayern
Telefon: 089 / 4400 - 58070
Fax: 089 / 4400 - 58072
E-Mail-Adresse: philipp.kressirer@med.uni-muenchen.de

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Ihr Belohnungsanreiz 2019? Essen im Mund und Magen-Darm-Trakt...

Medizin am Abend Berlin Fazit: Gedopt durch Nahrung

Die Ausschüttung von Dopamin reguliert unser Essverhalten

Wenn es um die Nahrungsaufnahme geht, dann sind wir nur noch bedingt Herr unserer selbst. 

  • Am Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung in Köln konnten Wissenschaftler zeigen, dass unser Magen-Darm-Trakt im ständigen Austausch mit dem Gehirn steht und mit Belohnungsreizen unser Verlangen nach Essen kontrolliert. 

Der Botenstoff Dopamin wirkt im Gehirn als Belohnungssignal bei der Nahrungaufnahme.
Der Botenstoff Dopamin wirkt im Gehirn als Belohnungssignal bei der Nahrungaufnahme.
GettyImages
 
  • Als wichtigster Botenstoff des Belohnungssystems im Gehirn wird Dopamin ausgeschüttet, wenn zum Beispiel lang angestrebte Ziele erreicht werden und ein Verlangen oder die unmittelbare Aussicht auf Belohnung uns zu einer Handlung motivieren. 

In aufwendigen Studien sind Forschungsgruppenleiter Marc Tittgemeyer und Heiko Backes der Frage nachgegangen, wie die Nahrungsaufnahme im Körper eigentlich kontrolliert wird. 

Die Wissenschaftler haben freiwilligen Studienteilnehmern Milchshakes angeboten und parallel dazu mit einer neuartigen Methode die Ausschüttung von Dopamin im Gehirn gemessen.

Die Messergebnisse zeigen, dass das Gehirn bereits die ersten Dopamin-Moleküle ausschüttet, wenn die Teilnehmer den Shake im Mund schmecken. 

Sobald das Getränk den Magen erreicht, wird erneut Dopamin freigesetzt. 

„Frühere Experimente mit Mäusen haben ergeben, dass es dem Gehirn gemeldet wird, wenn Nahrung den Magen erreicht. 

Unsere Ergebnisse zeigen, dass dies auch beim Menschen geschieht und, darüberhinaus, welche Hirnareale dabei beteiligt sind“, erklärt Tittgemeyer.

Die Forscher haben zudem einen Zusammenhang zwischen dem subjektiven Verlangen und der Dopamin-Ausschüttung festgestellt:

Die Gehirne von Teilnehmern, die ein besonderes Verlangen nach einem Milchshake hatten, setzten mehr Dopamin frei, wenn das Getränk im Mund war.

Sobald es aber den Magen erreichte, wurde weniger Dopamin ausgeschüttet.

„Unsere Daten zeigen, dass unser Verlangen eng mit Dopamin verbunden ist. 
  • Bleibt die zweite, durch den Magen vermittelte Dopamin-Freisetzung aus, essen wir möglicherweise weiter, bis diese erfolgt“, erläutert Backes.

Die Nahrungsaufnahme dient in erster Linie der Versorgung des Körpers mit Energie und Nährstoffen.

Idealerweise stehen Energieverbrauch und Nahrungsaufnahme im Gleichgewicht.

Nahrung besitzt allerdings auch einen Belohnungswert:

„Wenn die Belohnungssignale stärker als das Gleichgewichtssignal sind essen wir mehr als notwendig. 
  • Dies kann dann zu Übergewicht und Fettleibigkeit führen“, sagt Backes.

Lässt sich Fettleibigkeit also durch die Kontrolle der Dopamin-Freisetzung verhindern?

„So leicht ist das leider nicht“ antwortet Tittgemeyer.

„Wie unsere Körpersignale unsere Handlungen beeinflussen, und wie man z.B. durch kognitive Kontrolle darauf Einfluss nehmen kann, das ist noch nicht wirklich verstanden.

Da ist noch einiges an Forschung nötig.“

Die Forschungsarbeit wurde in Kooperation dem CECAD durchgeführt.

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Heiko Backes
Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung
Tel: +49(0)221 4726 440
E-Mail: backes@sf.mpg.de

Marc Tittgemeyer
Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung
Tel: +49(0)221 4726 215
E-Mail: tittgemeyer@sf.mpg.de

Dr. Annegret Burkert Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung



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Dr. Maren Berghoff
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Originalpublikation:
Sharmili Edwin Thanarajah, Heiko Backes, Alexandra G. DiFeliceantonio, Kerstin Albus, Anna Lena Cremer, Ruth Hanssen, Rachel N. Lippert, Oliver A. Cornely, Dana M. Small, Jens C. Brüning, Marc Tittgemeyer: Food intake recruits orosensory and post-ingestive dopaminergic circuits to affect eating desire in humans. Cell Metabolism, 2019.