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Hohe psychische Belastung Geflüchteter: Bitte Gesundheitsplanung und Versorgung starten

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Leipziger Uni-Studie: Die Hälfte aller Geflüchteten ist psychisch belastet

Rund 68,5 Millionen Menschen waren 2017 weltweit auf der Flucht vor Gefahren, Armut und Krieg in ihren Herkunftsregionen, 970.400 kamen nach Deutschland. 

Unmittelbar nach ihrer Ankunft befragten Wissenschaftler der Universität Leipzig einen Teil der Geflüchteten in einer Erstaufnahmeeinrichtung. 

Die Studienergebnisse unterstreichen die hohe psychische Belastung Geflüchteter und liefern wichtige Informationen für die weitere Versorgung. 

Flüchtlinge vor der Leipziger Ernst-Grube-Halle 2016

Die Hälfte aller Geflüchteten ist psychisch belastet Flüchtlinge vor der Leipziger Ernst-Grube-Halle 2016 Universität Leipzig, Swen Reichhold 

Die Studie wurde in einer Leipziger Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende von Mai 2017 bis Juni 2018 durchgeführt. Insgesamt nahmen 569 erwachsene Geflüchtete aus über dreißig verschiedenen Ländern teil. Etwa die Hälfte wurde innerhalb der ersten Woche nach der Ankunft befragt. Die Studie von Wissenschaftlern um Prof. Dr. Heide Glaesmer und Dr. Yuriy Nesterko von der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie ergab, dass um die 50 Prozent der befragten Geflüchteten deutliche Zeichen einer psychischen Störung zeigen. Ein Drittel der Befragten hat eine posttraumatische Belastungsstörung, ein Drittel berichtet von psychosomatischen Symptomen wie Herzrasen und Angstzuständen. Viele Betroffene wiesen außerdem Symptome einer Depression auf und leiden unter mehr als einer psychischen Störung.

„Die Ergebnisse sind für uns grundsätzlich nicht überraschend. Die Geflüchteten hatten zum Zeitpunkt der Befragung fast immer eine lange Flucht hinter sich, viele hatten Krieg und Gewalt erfahren und waren von ihren Familien und Angehörigen getrennt“, fasst Prof. Glaesmer die Studienergebnisse zusammen.

Durch die traumatischen Erfahrungen und die psychischen Störungen ist die Leistungsfähigkeit der Betroffenen oft in wichtigen Lebensbereichen eingeschränkt und das Risiko für die Entwicklung weiterer psychischer Erkrankungen beziehungsweise deren Chronifizierung steigt stark an.

  • „Die Studienergebnisse weisen zum einen auf die Dringlichkeit einer professionellen Behandlung der Betroffenen hin. 
  • Zum anderen sind psychosoziale Entlastungs- und Beratungsangebote vor Ort von Nöten, insbesondere für kürzlich angekommene Geflüchtete, um Symptomverschlechterungen und der Entwicklung von psychischen Störungen vorzubeugen“, resümiert Co-Autor Dr. Yuriy Nesterko. 

Die Studie ist eine Momentaufnahme kurz nach der Ankunft in der Erstaufnahmeeinrichtung.

Es ist zu erwarten, dass bei einigen Personen psychische Belastungen erst noch zum Tragen kommen, während andere möglicherweise in einer sicheren und ruhigen Umgebung diese überwinden können.

Entscheidend ist, dass ohne eine zeitnahe und bedarfsorientierte Versorgung die Gefahr einer stetigen Verschlechterung der psychischen Gesundheit als sehr hoch einzustufen ist.

Die Studie liefert wichtige Informationen für die Gesundheitsplanung und weitere Versorgung. Sie macht deutlich, wie wichtig es ist, eine frühzeitige psychosoziale Unterstützung für Geflüchtete bereitzustellen. Die Roland Ernst Stiftung für Gesundheitswesen förderte die Studie mit 61.800 Euro.

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Originalpublikation:
https://doi.org/10.1017/S2045796019000325

 

Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS): Therapie mit Computerspiel Tetris

Medizin am Abend Berlin Fazit: Posttraumatische Belastungsstörung: Flashbacks durch das Spielen von Tetris abschwächen

Eine Intervention, die das Spielen des Computerspiels Tetris beinhaltet, könnte Menschen mit Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) helfen, unwillkürlich wiederkehrende bildliche Erinnerungen an die traumatischen Erlebnisse abzuschwächen. 

Zu diesem Schluss kommt ein Team der Ruhr-Universität Bochum zusammen mit einer Forscherin des Karolinska Institutet in Schweden nach einer Studie mit 20 Patientinnen und Patienten mit PTBS. 

Nach der Intervention ging die Anzahl an sogenannten Flashbacks für die belastenden Ereignisse zurück. 

Bochumer Forscherteam: Aram Kehyayan (links) und Henrik Kessler
Bochumer Forscherteam: Aram Kehyayan (links) und Henrik Kessler
© RUB, Marquard 
Das Team um Prof. Dr. Henrik Kessler und Dr. Aram Kehyayan von der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im LWL-Universitätsklinikum Bochum berichtet über die Ergebnisse gemeinsam mit Prof. Dr. Emily Holmes vom Karolinska Institutet im Journal of Consulting and Clinical Psychology, online veröffentlicht Ende Dezember 2018.

Zu wenig Therapieplätze

  • Eines der gravierendsten Symptome der PTBS sind unwillkürlich wiederkehrende bildliche Erinnerungen an die traumatischen Erlebnisse. 

„Die PTBS lässt sich mit den verfügbaren Therapien gut behandeln“, sagt Henrik Kessler, Oberarzt und Traumatherapeut. „Allerdings gibt es viel mehr Patientinnen und Patienten als Therapieplätze.“ Deswegen suchen die Forscher nach Methoden außerhalb der konventionellen Behandlungen, die die Symptome lindern können.

Vor rund zehn Jahren fand Emily Holmes mit ihrem Team heraus, dass das Computerspiel Tetris durch Horrorfilme ausgelöste Flashbacks bei gesunden Personen unterdrücken kann, wenn es kurz nach dem Betrachten des Filmes gespielt wird. 

In der aktuellen Studie testeten die Wissenschaftler, ob dieser Effekt auch Patienten mit PTBS helfen kann, bei denen die Ursache der belastenden Erinnerungen oft Jahre zurückliegt.

Spezielle Intervention

An der Studie nahmen 20 Patientinnen und Patienten mit komplexer PTBS teil, die zu einer regulären Therapie für sechs bis acht Wochen stationär in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie waren. Neben den üblichen Einzel- und Gruppentherapien absolvierten sie eine spezielle Intervention.  

Sie schrieben eine ihrer belastenden Erinnerungen auf ein Blatt. Dann zerrissen sie den Zettel – ohne über den Inhalt zu sprechen – und spielten anschließend für 25 Minuten Tetris auf einem Tablet.

Die Patienten gaben stets mehrere verschiedene Flashbacks an, zum Beispiel Gewalterfahrungen in unterschiedlichen Situationen, deren Auftreten sie über die Wochen in ein Tagebuch notierten. Pro Intervention, die von Woche zu Woche stattfand, fokussierten sie immer nur den Inhalt eines spezifischen Flashbacks.

Weniger Flashbacks

Nur die Häufigkeit des Flashbacks, dessen Inhalt in der Woche fokussiert wurde, ging spezifisch in den Tagen und Wochen nach der Intervention zurück. Für die noch nicht fokussierten Flashbackinhalte blieb die Anzahl der Flashbacks relativ konstant. Über die Wochen wurden so nacheinander verschiedene Flashbackinhalte fokussiert, deren Häufigkeit zeitgenau jeweils in der Folge sank. Insgesamt ging die Anzahl der Flashbacks für die jeweils fokussierte Situation um durchschnittlich 64 Prozent zurück. Flashbacks, deren Inhalt nie fokussiert wurde, gingen nur um elf Prozent zurück. Die Intervention wirkte insgesamt bei 16 der 20 getesteten Patienten.

Vermutete zugrunde liegende Mechanismen der neuen Intervention

Die Forscher nehmen an, dass der Erfolg der Methode auf folgendem Mechanismus beruht:

Wenn Patienten sich detailliert ein Bild der belastenden Erinnerung machen, aktiviert das vermutlich Gebiete für räumlich-bildliche Verarbeitung im Gehirn; vergleichbare Areale könnten auch für das Spielen von Tetris bedeutsam sein. Beide Aufgaben benötigen also vergleichbare und begrenzte Ressourcen, es kommt zur Interferenz.

Immer wenn ein Patient den Inhalt eines Flashbacks bewusst wiedererinnert, wird die damit verbundene Gedächtnisspur kurzzeitig labil.

  • Wenn in dieser Zeit eine Interferenz stattfindet, könnte die Gedächtnisspur abgeschwächt wieder eingespeichert werden, vermuten die Wissenschaftler.

Weitere Studien in Arbeit

„In unserer Studie wurde die Intervention zwar von einem Teammitglied begleitet, aber dieses hat keine aktive Rolle eingenommen und die verschriftlichten traumatischen Erinnerungen nicht gelesen“, erklärt Kessler.

„Unsere Hoffnung ist, dass wir eine Behandlung ableiten können, die Menschen auch allein durchführen könnten, wenn kein Therapieplatz verfügbar ist. 

Die Intervention kann jedoch eine komplexe Traumatherapie nicht ersetzen, sondern lediglich ein zentrales Symptom, die Flashbacks, lindern.“

Die Forscher weisen außerdem darauf hin, dass weitere Untersuchungen mit Kontrollbedingungen und an einer deutlich größeren Anzahl Patienten notwendig sind, um die Wirksamkeit der Methode zu bestätigen. Diese Studien führt das Team um Kessler und Kehyayan aktuell durch. Außerdem gehen sie in Grundlagenstudien den genauen Mechanismen des Effekts bei gesunden Menschen weiter auf den Grund.

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Prof. Dr. Henrik Kessler
Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
LWL-Universitätsklinikum
Ruhr-Universität Bochum
Tel.: 0234 50773176
E-Mail: henrik.kessler@rub.de

Dr. Julia Weiler Ruhr-Universität Bochum


Originalpublikation:
Henrik Kessler, Emily A. Holmes, Simon E. Blackwell, Anna-Christine Schmidt, Johanna M. Schweer, Anna Bücker, Stephan Herpertz, Nikolai Axmacher, Aram Kehyayan: Reducing intrusive memories of trauma using a visuospatial interference intervention with inpatients with Posttraumatic Stress Disorder (PTSD), in: Journal of Consulting and Clinical Psychology, 2018, DOI: 10.1037/ccp0000340

Furchtextinktion: Angsttherapie: Traumatisierung / Dauerhafte Belastungsstörung

Medizin am Abend Berlin Fazit: Neuer Ansatz zur Verbesserung der Angsttherapie entdeckt

Mainzer Wissenschaftler veröffentlichen neue Erkenntnisse in der Resilienzforschung in Nature Communications

Die Forscher haben neue Hinweise darauf gefunden, wie sich nach einer Traumatisierung eine dauerhafte Belastungsstörung vermeiden lässt: 


durch eine feste Gedächtnisverankerung neuer, positiver Lernerfahrungen, dass die angstauslösenden Reize harmlos sind. 

  • Dafür ist es allerdings erforderlich, dass sich Betroffene ihren Angstauslösereizen immer wieder aussetzen. 

Die Mainzer Erkenntnisse über die Hirnprozesse, die solchen positiven Lernerfahrungen zugrunde liegen, könnten helfen, entsprechende Therapien zu verbessern und präventive Maßnahmen zu entwickeln. 
 
Traumatische Erfahrungen können sich tief in das Gedächtnis eingraben.

Wie sich eine daraus entstandene Furcht langfristig reduzieren lässt und wie es nach einer Traumatisierung gar nicht erst zu einer dauerhaften Belastungsstörung kommt, darauf haben Wissenschaftler der Universitätsmedizin Mainz neue Hinweise gefunden:

Der Schlüssel liegt in entsprechenden neuen, positiven und fest im Gedächtnis verankerten Erfahrungen.

Durch diese lernen die Traumatisierten, dass die angstauslösenden Reize oft harmlos sind. Dafür ist es allerdings erforderlich, dass sich Betroffene ihren Angstauslösereizen immer wieder aussetzen.

Die Forscher haben die Hirnprozesse, die solchen positiven Lernerfahrungen zugrunde liegen, genauer untersucht.

  • Die Erkenntnisse könnten helfen, die Therapie von Angsterkrankungen und Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) zu verbessern sowie entsprechende präventive Maßnahmen zu entwickeln. Sie sind nachzulesen in der renommierten Fachzeitschrift „Nature Communications“.

Das menschliche Gehirn ist veränderbar. Es lässt sich durch Erfahrungen – gute wie schlechte – (um)formen. 

Dies ist die Ausgangsprämisse der Resilienzforschung und der Therapien zur Behandlung von Angststörungen.

Doch wieso gelingt es bei manchen Menschen, deren Angst zu mindern oder ihnen diese sogar zu nehmen, wenn sie mit einer ursprünglich angstauslösenden Situation wiederholt konfrontiert werden und dabei neue, positive Erfahrungen machen? 

Und warum hat diese sogenannte ‚Furchtextinktion‘ bei anderen langfristig keinen Erfolg?

Wie bildet und stabilisiert das Gehirn eines Menschen dessen Langzeitgedächtnis?

Welche Rolle spielen dabei spontane, neuronale Konsolidierungsprozesse, die nach dem Lernen einer neuen, überraschend positiven Erfahrung ablaufen? 

Diesen Fragen widmeten sich Univ.-Prof. Dr. Raffael Kalisch und Dr. Anna M.V. Gerlicher zusammen mit anderen Wissenschaftlern des Deutschen Resilienz Zentrums (DRZ) Mainz und des Sonderforschungsbereichs 1193 „Neurobiologie der Resilienz gegenüber stressinduzierter psychischer Dysfunktion: Mechanismen verstehen und Prävention fördern“ an der Universitätsmedizin Mainz in der hier vorgestellten Studie.

„Wir wissen schon ganz gut, welche neuralen Prozesse wichtig sind, um zu lernen, dass von einem gefürchteten Reiz gar keine Gefahr mehr ausgeht. Neuere Forschungen haben jedoch gezeigt, dass es sehr wichtig ist, sich auch später noch gut an solche Lernerfahrungen erinnern zu können. Denn nur so gelingt es, nicht immer und immer wieder in unnötige Angstreaktionen zu verfallen und somit resilient gegenüber einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu sein”, erläutert Dr. Anna Gerlicher, Erstautorin der Studie. „Wir haben uns in unserer neuesten Studie daher ganz auf die Frage fokussiert, wie es nach einem solchen ‘Extinktionslernen’ zur Verfestigung des Erlernten in unserem Gedächtnis kommt.”

Das Team um DRZ-AG-Leiter Univ.-Prof. Dr. Raffael Kalisch fand heraus, dass die Gehirne ihrer Versuchspersonen während einer Extinktionslernerfahrung bestimmte Aktivierungsmuster aufwiesen, die nach dem Lernen in einer Ruhephase spontan wieder auftraten. Je häufiger diese Spontanreaktivierungen erfolgten, desto besser konnten sich die Probanden an einem anderen Versuchstag an ihre positive Erfahrung erinnern und desto geringer waren ihre Angstreaktionen auf Auslösereize.

Dass die gedächtnisrelevanten Aktivitätsmuster durch den auch als „Belohnungshormon“ bekannten Neurotransmitter Dopamin unterstützt werden, war eine weitere neue Erkenntnis
  • „Besonders faszinierend war für uns, dass wir durch Gabe eines handelsüblichen Medikaments, das in den Hirnstoffwechsel eingreift und zu einer Erhöhung des Dopaminspiegels im Gehirn führt, die Anzahl der Reaktivierungen erhöhen und somit im selben Maße spätere Angstreaktionen verringern konnten. 
Dies brachte folgende neue Erkenntnis: 

Das Gedächtnis für Extinktionslernen lässt sich, zumindest im Labor, relativ einfach verstärken – und zwar ganz ohne Übung oder Gedächtnistraining”, so Professor Kalisch.

Die Wissenschaftler sehen in ihren Befunden Potential für neue Einsichten in grundlegende Mechanismen der Gedächtnisbildung sowie für mögliche neue Ansätze zur Verbesserung der Traumatherapie.

Weitere Informationen zur Originalpublikation:
A.M.V. Gerlicher, O. Tüscher, R. Kalisch: Dopamine-dependent prefrontal reactivations explain long-term benefit of fear extinction; Nature Communications volume 9, Article number: 4294 (2018) | DOI: 10.1038/s41467-018-06785-y
www.nature.com/naturecommunications

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Die Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ist die einzige medizinische Einrichtung der Supramaximalversorgung in Rheinland-Pfalz und ein international anerkannter Wissenschaftsstandort. Sie umfasst mehr als 60 Kliniken, Institute und Abteilungen, die fächerübergreifend zusammenarbeiten. Hochspezialisierte Patientenversorgung, Forschung und Lehre bilden in der Universitätsmedizin Mainz eine untrennbare Einheit. Rund 3.400 Studierende der Medizin und Zahnmedizin werden in Mainz ausgebildet. Mit rund 7.800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist die Universitätsmedizin zudem einer der größten Arbeitgeber der Region und ein wichtiger Wachstums- und Innovationsmotor. Weitere Informationen im Internet unter www.unimedizin-mainz.de


Originalpublikation:
A.M.V. Gerlicher, O. Tüscher, R. Kalisch: Dopamine-dependent prefrontal reactivations explain long-term benefit of fear extinction; Nature Communications volume 9, Article number: 4294 (2018) | DOI: 10.1038/s41467-018-06785-y
www.nature.com/naturecommunications

Psychiatrische Institutsambulanz (PIA): CAVE: PTBS - Posttraumatischer Belastungsstörung

Medizin am Abend Berlin Fazit: Unterdrückte Erinnerungen bei traumatisierten Geflüchteten

Was im Gehirn passiert, wenn Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) versuchen, Erinnerungen willentlich zu unterdrücken, hat ein internationales Forscherteam analysiert. 

Bei einem Gedächtnistest zeichneten sie mittels Magnetenzephalografie die Hirnaktivität von schwer traumatisierten Geflüchteten auf und verglichen die Ergebnisse bei Teilnehmern mit und ohne PTBS. 

Die Daten geben Hinweise auf die neuronalen Grundlagen von wiederkehrenden traumatischen Erinnerungen und für die Therapie. 
 
Die Studie beschreibt das Team um Dr. Gerd Waldhauser von der Ruhr-Universität Bochum, Dr. Simon Hanslmayr von der University of Birmingham und Prof. Dr. Thomas Elbert von der Universität Konstanz gemeinsam mit Kollegen des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in der Fachzeitschrift Scientific Reports vom 3. September 2018.

Assoziationen im Versuch willentlich vergessen

An dem Versuch nahmen 24 geflüchtete Männer und Frauen teil. Elf von ihnen hatten infolge ihrer traumatischen Erlebnisse eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt, das heißt, sie erleben die auslösende emotionale Situation gedanklich immer wieder. Die übrigen Probanden hatten zwar vergleichbar viele schwerwiegende traumatische Ereignisse erlebt, aber keine PTBS entwickelt.

Während ihre Hirnaktivität aufgezeichnet wurde, absolvierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen Gedächtnistest, bei dem sie Assoziationen zwischen Bildern von emotional neutralen Alltagsgegenständen lernten. Aufgabe war es anschließend, einige der Assoziationen aktiv zu vergessen, andere zu behalten. Mit der Magnetenzephalografie, kurz MEG, erfassten die Forscher die sensorischen Gedächtnisspuren, die dabei entweder unterdrückt oder verstärkt wurden.

„Die Signalstärke von sehr hohen sogenannten Gammafrequenzen in Hirnregionen, die mit dem Gedächtnisabruf und der sensorischen Verarbeitung zusammenhängen, deutet darauf hin, wie stark eine bestimmte Gedächtnisrepräsentation ist“, erklärt Simon Hanslmayr.

Gedächtnisspuren blieben erhalten


Probanden ohne PTBS konnten Assoziationen erfolgreich unterdrücken. Bei ihnen waren die sensorischen Gedächtnisspuren für die willentlich vergessenen Assoziationen geringer ausgeprägt als für erinnerte Assoziationen. Anders sah es bei Probanden mit PTBS aus. Je ausgeprägter die Krankheitssymptome waren, desto schwieriger war es für die Teilnehmer, Assoziationen zu unterdrücken.

„Die MEG-Daten zeigen, dass das willentliche Unterdrücken von Erinnerungen bei Probanden mit posttraumatischer Belastungsstörung eher einen gegenteiligen Effekt hat“, sagt Hanslmayr. Die sensorischen Gedächtnisspuren von unterdrückten Erinnerungen blieben erhalten und wurden tendenziell sogar verstärkt.Diese Ergebnisse liefern einen Hinweis auf die neuronalen Grundlagen von wiederkehrenden traumatischen Erinnerungen und auf die fehlende Gedächtniskontrolle bei PTBS-Patienten“, so Gerd Waldhauser aus der Bochumer Abteilung für Neuropsychologie.

Hinweise für die Therapie

Die Forscher weisen jedoch darauf hin, dass sie nur eine kleine Stichprobe für ihre Studie untersuchen konnten. „Diese experimentell und diagnostisch aufwendige Studie ließ sich nur mit wenigen so stark belasteten Probanden durchführen. Wir konnten allerdings dafür sorgen, dass andere Faktoren, die das Ergebnis hätten beeinflussen können – wie die Stärke von depressiven Symptomen oder die Anzahl an schweren traumatischen Erlebnissen – in den beiden Gruppen vergleichbar waren“, ergänzt Gerd Waldhauser.

Von den Ergebnissen erhoffen sich die Forscher Hinweise auf neue Strategien zur Therapie der posttraumatischen Belastungsstörung sowie auf Faktoren, die Menschen vor der Krankheit schützen können.

  • „Unsere Daten deuten daraufhin, dass die Fähigkeit zum willentlichen Unterdrücken von Erinnerungen möglicherweise vor einer PTBS schützt – oder aber dass eine PTBS zu einer schlechteren Gedächtniskontrolle führt“, sagt Waldhauser. 

„Gleichzeitig sollte das Unterdrücken von unerwünschten Erinnerungen nicht leichtfertig als therapeutische Strategie empfohlen werden, da es offenbar genau den gegenteiligen Effekt haben kann: 

Die Erinnerung verstärkt sich oder bleibt zumindest erhalten.“ 

Diese Phänomene müssten weiter erforscht werden, um in präventiven oder therapeutischen Strategien münden zu können.

Förderung

Die Arbeiten wurden gefördert von dem Swedish Research Council (VR 435-2011-7163), dem Young Scholar Fund der Universität Konstanz (83946931), dem Europäischen Forschungsrat (ERC-2012 AdG 323977 und Grant-Agreement-Nummer 647954), der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 874 sowie der Projekte DFG HA 5622/1-1 und AX82/2-1 und von der Wolfson Society und Royal Society.

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Dr. Gerd Waldhauser
Abteilung Neuropsychologie
Institut für Kognitive Neurowissenschaft
Fakultät für Psychologie
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Ruhr-Universität Bochum, Dr. Julia Weiler 

Originalpublikation:
Gerd T. Waldhauser, Martin J. Dahl, Martina Ruf-Leuschner, Veronika Müller-Bamouh, Maggie Schauer, Nikolai Axmacher, Thomas Elbert, Simon Hanslmayr: The neural dynamics of deficient memory control in heavily traumatized refugees, in: Scientific Reports, 2018, DOI: 10.1038/s41598-018-31400-x

Glückshormon Neurotransmitter Dopamin: Das Furchtgedächtnis - Das Angstgedächtnis

Medizin am Abend Berlin Fazit: "Glückshormon" kontrolliert das Furchtgedächtnis

Wissenschaftler entdecken einen Dopamin-Schaltkreis für das Erlernen von Furcht 
 
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg haben gemeinsam mit Neurobiologen des Forschungsinstituts für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien herausgefunden, dass das Glückshormon Dopamin das Furchtgedächtnis kontrolliert und dafür sorgt, dass sich bedrohliche Ereignisse im Gehirn einprägen. 

Die Forscher fanden heraus: 
  • Der Neurotransmitter Dopamin, der bisher vornehmlich als Vermittler von Belohnung und Motivation im Gehirn angesehen wurde, spielt auch eine wesentliche Rolle beim Abspeichern bedrohlicher Ereignisse. 
Die Studie wurde soeben vom Wissenschaftsjournal Nature Neuroscience veröffentlicht.

Eine spezielle Gruppe von dopaminergen Neuronen im Mittelhirn reagiert auf negative Ereignisse und signalisiert der Amygdala, diese Erfahrungen im Angstgedächtnis abzuspeichern.

"Glückshormon" kontrolliert das Furchtgedächtnis Eine spezielle Gruppe von dopaminergen Neuronen im Mittelhirn reagiert auf negative Ereignisse und signalisiert der Amygdala, diese Erfahrungen im Angstgedächtnis abzuspeichern. 

Quelle: http://connectivity.brain-map.org/projection/experiment/272699357 © 2011, 

Allen Institute for Brain Science. Allen Mouse Brain Connectivity Atlas. Available from: connectivity.brain-map.org 

Eine wichtige Überlebensstrategie für Mensch und Tier besteht darin, sich bedrohliche Ereignisse einzuprägen, um ihre Wiederholung zu vermeiden. 


Zuständig dafür ist das Furchtgedächtnis. Es lässt uns Anzeichen wie Gerüche oder Geräusche erkennen, die für das Wiederauftreten gefährlicher Situationen stehen, etwa einen Kampf oder eine Vergiftung. So können wir rechtzeitig reagieren, um Angriffen aus dem Weg zu gehen oder Verteidigungsreaktionen zu planen. 
  • Eine ungenaue Unterscheidung zwischen bedrohlichen und harmlosen Umgebungsreizen ist eine wesentliche Ursache für posttraumatische Belastungsstörungen (PTSD).
Es ist daher wichtig, gefährliche von ungefährlichen Umgebungssignalen eindeutig unterscheiden zu können. Die Wissenschaftler um den Neurobiologen Dr. Wulf Haubensak vom IMP gingen der Frage nach, ob Dopamin eine Rolle in diesem Prozess spielen könnte. 
  • Der Wirkstoff, bekannt als Glückshormon und Motivationssignal, erschien zunächst als abwegiger Kandidat. 
  • Andererseits wird Dopamin immer dann an Synapsen unseres Gehirns freigesetzt, wenn wir für etwas belohnt werden. 
  • Warum sollte es nicht auch beim Erlernen lebensbedrohlicher Signale eine Rolle spielen?
Mit dem Physiologen Prof. Dr. Volkmar Leßmann und seinen Kollegen Dr. Susanne Meis und Dr. Thomas Munsch an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg sind sie dieser Frage im Tiermodell nachgegangen. Dazu brachten sie Mäusen bei, einen bestimmten Ton – als Umgebungsreiz – mit dem Auftreten eines milden Fußschocks zu assoziieren. Mithilfe verschiedener High-Tech-Methoden wie Kalzium-Bildgebung und optogenetischer Stimulation in vivo gelang es ihnen, eine neue Klasse von Dopamin-Neuronen in der Mittelhirn-Region zu lokalisieren, die während des Lernvorgangs aktiv war.

Diese Neuronen wurden immer genau dann aktiv, wenn die Mäuse lernten, den Zusammenhang zwischen Ton und Fußschock im Furchtgedächtnis abzuspeichern. 
  • Die Aktivität der Neuronen führte zur Ausschüttung von Dopamin in der Amygdala, einer Zentrale für emotionales Lernen im Säugetiergehirn. 
Dort ermöglichte Dopamin die besonders effektive Abspeicherung des nun als bedrohlich empfundenen Tons im Langzeitgedächtnis. 

Folgerichtig konnte eine vorübergehende Inaktivierung der Dopamin-Neuronen während des Lernvorgangs eine Abspeicherung des Tons im Langzeitgedächtnis verhindern, während alleine die Stimulation dieser Neuronen die Erinnerung an den Ton auslöste.

Die Entdeckung der Verbindung dieser bisher nahezu unbekannten Dopamin-freisetzenden Neuronen und dem Furchtgedächtnis der Amygdala war der Schlüssel zu den bahnbrechenden Ergebnissen der Studie: „Diese Ergebnisse werfen ein ganz neues Licht auf Dopamin-Neuronen, die bisher nur als Signalgeber für Belohnung und Motivation angesehen wurden“, sagt Dr. Florian Grössl, der Erstautor der Publikation und Postdoktorand im Haubensak-Labor. „Unsere Studie identifiziert ein bislang unbekanntes neuronales Netzwerk, bestehend aus Dopamin-Neuronen und Nervenzellen der Amygdala, das für die Auswertung von Emotionen essenziell ist: Es filtert aus der Vielzahl der Umgebungsreize diejenigen heraus, die lebenswichtig sind, und speichert sie im Langzeitgedächtnis ab.“

Beim Menschen sind die Dopamin-Neuronen in gleicher Weise mit der Amygdala verbunden wie bei Mäusen. 
  • Sie sind an der Schmerzwahrnehmung und, wie man seit kurzem weiß, auch an Lernvorgängen beteiligt. 
Ausgehend von den nun im Mausmodell erhaltenen Ergebnissen kann vermutet werden, dass beim Menschen eine fehlerhafte Funktion der Dopamin-Neuronen an psychischen Störungen wie z. B. der posttraumatischen Belastungsstörung beteiligt ist. 

Zukünftige Untersuchungen könnten in dieser Hinsicht zeigen, ob eine Behandlung mit Dopamin-ähnlichen Medikamenten hier Linderung verschaffen kann.

Originalpublikation https://www.nature.com/articles/s41593-018-0174-5
Grössl et al.: Dorsal tegmental dopamine neurons gate associative learning of fear. Nature Neuroscience, 27. Juni 2018. DOI: 10.1038/s41593-018-0174-5 

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Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte
http://www.imp.ac.at/supplements 

Eine Illustration steht zum Download auf der IMP-Website zur Verfügung

Online-Therapie pschische Folgen einer Sepsis http://www.zweileben.net/

Medizin am Abend Berlin Fazit: Durch Online-Therapie psychische Folgen einer Sepsis überwinden

Studie untersucht internetbasierte Schreibtherapie zur Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) bei Sepsis-Überlebenden und deren Partnern  
  • Sie haben nach tage- oder gar wochenlangem Aufenthalt die Intensivstation hinter sich gelassen, oft auch längere Krankenhaus- und Rehabilitationsbehandlungen erlebt und versuchen, in einen normalen Alltag zurückzufinden. 
Patienten, die eine so schwerwiegende Erkrankung wie eine Sepsis überlebt haben, kämpfen häufig nicht nur mit körperlichen Langzeitfolgen – die Erfahrung, völlig machtlos einer so akuten Lebensbedrohung ausgesetzt zu sein, kann auch psychische Spuren hinterlassen.

„Wir wissen, dass mehr als ein Fünftel der Überlebenden einer Sepsis eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt und auch die Lebenspartner der Patienten sehr oft betroffen sind.

Zutage tritt diese Störung meist einige Monate, nachdem das Schlimmste überwunden ist“, beschreibt PD Dr. Jenny Rosendahl das Ergebnis einer Untersuchung des Zentrums für Sepsis und Sepsisfolgen CSCC am Uniklinikum Jena.

Die Psychologin leitet gemeinsam mit ihrer Kollegin Prof. Dr. Christine Knaevelsrud von der Freien Universität Berlin eine jetzt startende Studie, die diesen Patienten und ihren Partnern in Form der internetbasierten Schreibtherapie „zwei leben“ Hilfe anbietet. 

Christine Knaevelsrud ist von der Wirksamkeit der internetbasierten Schreibtherapie überzeugt: 
  • „Aktuelle Studien belegen, dass internetbasierte Behandlungen genauso wirksam sein können wie Sprechzimmertherapien.“ 
  • Bei der Kommunikation per Internet falle es den Patienten mitunter sogar leichter, angst- und schambesetzte Erfahrungen sowie Gedanken und Gefühle anzusprechen und sich dem Therapeuten gegenüber zu öffnen.

Bislang wurde die Wirksamkeit der internetbasierten Schreibtherapie in verschiedenen Patientengruppen traumatisierter Menschen überprüft und bestätigt.

In der aktuellen Studie wollen die Wissenschaftlerinnen testen, wie wirksam die internetbasierte Schreibtherapie für Sepsis-Überlebende und deren Partner mit einer PTBS sein kann.

Entsprechend wurde das Behandlungsangebot erstmals speziell für die traumatischen Erfahrungen aus der intensivmedizinischen Behandlung angepasst. Neu ist zudem, dass auch die Lebenspartner der Patienten aktiv in die Behandlung einbezogen werden und ebenso eine Therapie in Anspruch nehmen können, wenn eine PTBS vorliegt. Etwa 100 betroffene Paare suchen die Forscher dafür.

Projektmitarbeiterin Romina Gawlytta zum Ablauf der Studie: „Bevor die Behandlung beginnen kann, untersuchen wir zunächst, ob eine PTBS vorliegt.“

Charakteristisch dafür sind u.a. das ungewollte Wiedererleben sowie Alpträume von den traumatischen Erlebnissen auf der Intensivstation, Vermeidungsverhalten in Bezug auf Orte und Personen, die mit dem Trauma verbunden sind, sowie Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen oder Schreckhaftigkeit. 

„Liegen bei mindestens einem der Partner entsprechende Symptome vor, kann eine Behandlung erfolgen“, so die Psychologin weiter. In der Therapie bekommen die Studienteilnehmer wöchentlich zwei Schreibaufträge, insgesamt sind es zehn. Wann sie diese bearbeiten, können sie flexibel gestalten. „Sie erhalten innerhalb eines Werktages die individuelle Rückmeldung ihrer persönlichen Therapeutin und eine Anleitung für das weitere Vorgehen“, betont Romina Gawlytta. Durch die Behandlung sollen so schließlich die traumatischen Erlebnisse verarbeitet und die Symptome gelindert werden. Der Erfolg der Behandlung wird nach deren Abschluss überprüft.

Jenny Rosendahl: „Wenn wir die Wirksamkeit der internetbasierten Schreibtherapie für traumatisierte Patienten und deren Partner nach intensivmedizinischer Behandlung bestätigen können, kann dieser belasteten Patientengruppe relativ unkompliziert und ohne lange Wartezeit die benötigte psychologische Unterstützung angeboten werden.“


Patienten und deren Partner, die sich für die Studie interessieren, können sich unter http://www.zweileben.net informieren.

Das Studienteam ist darüber hinaus unter zweileben@med.uni-jena.de für Fragen erreichbar. 

Die Teilnahme an der Studie, die als Kooperation vom Universitätsklinikum Jena und der Freien Universität Berlin als Projekt des CSCC vom Bundesforschungsministerium gefördert wird, ist kostenlos.

CSCC: Das Integrierte Forschungs- und Behandlungszentrum Sepsis und Sepsisfolgen (Center for Sepsis Control & Care, CSCC) ist eines von acht integrierten Forschungs- und Behandlungszentren, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert werden. Das 2010 eingerichtete CSCC ist am Universitätsklinikum Jena angesiedelt und widmet sich der Erforschung von Sepsis und deren Folgeerkrankungen.

Die über 100 Forscherinnen und Forscher des CSCC betrachten dabei alle Aspekte der Erkrankung, von der Risikobewertung und Prävention über die Akutbehandlung bis hin zur Nachsorge.

http://www.cscc.uniklinikum-jena.de

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Romina Gawlytta, M.Sc.
Institut für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie und CSCC, Universitätsklinikum Jena
Tel: 03641/935482
E-Mail: zweileben@med.uni-jena.de

Bachstraße 18
07743 Jena
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Thüringen

360° TOP-Thema: Rettungsstelle-KANZEL: Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter mit Posttraumatischen Belastungsstörungen

Medizin am Abend Berlin Fazit: Posttraumatische Belastungsstörung: Psychologen identifizieren Risikofaktoren

Die Konfrontation mit Extremsituationen im Berufsalltag kann Posttraumatische Belastungsstörungen oder Depressionen auslösen. 

Eine aktuelle Studie zeigt, dass bestimmte Denkmuster das Risiko für solche Reaktionen erhöhen und damit mögliche Ansatzpunkte für gezielte Trainingsprogramme liefern. 

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um die renommierte Psychologin Anke Ehlers begleiteten 386 Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter während ihrer Ausbildung und untersuchten, wie diese mit belastenden Ereignissen umgingen. 

Die Ergebnisse sind jetzt in der Fachzeitschrift „Psychological Medicine“ erschienen. 
 
  • Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter sind häufig mit belastenden Situationen konfrontiert. 

Schwere Unfälle, Suizidversuche oder lebensbedrohliche Krankheiten gehören zu ihrem Berufsalltag.

Diese Erfahrungen steigern das Risiko, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln. Aber nicht jeder Betroffene erkrankt in der Folge schwerer traumatischer Erlebnisse. „Wir wollten herausfinden, ob es bestimmte Risikofaktoren gibt, die vorhersagen, ob Notfallsanitäter im Berufsalltag beeinträchtigende psychische Reaktionen wie Depressionen oder eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickeln“, sagt Anke Ehlers, Professorin für experimentelle Psychopathologie an der University of Oxford.

Die Studie

Das Forscherteam untersuchte 386 Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter während ihrer Ausbildung.

Zu Beginn der Ausbildung beantworteten sie ausgewählte Fragebögen zu möglichen Risikofaktoren (darunter Fragen zu früheren psychischen Störungen, traumatischen Situationen und zum Umgang mit belastenden Erfahrungen). In den folgenden zwei Jahren wurde mit Fragebögen und Interviews alle vier Monate erfasst, welche belastenden Ereignisse die Befragten erlebt hatten und wie sie darauf reagierten. So konnte festgestellt werden, wer im Laufe der zwei Jahre Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung oder Depression entwickelte. Am Ende der Studie machten die Befragten Angaben zu verschiedenen Aspekten ihres Wohlbefindens. Dazu zählten Anzeichen für Burnout, Anzahl der Arbeitsfehltage, Angaben zu Schlaflosigkeit und Lebensqualität.

Umgang mit belastenden Erfahrungen ausschlaggebend

  • Fast alle Personen erlebten während ihrer Ausbildung mindestens eine sehr stark belastende Situation. 
  • Im Laufe der zwei Jahre entwickelten 32 Befragte (8.6%) eine posttraumatische Belastungsstörung und 41 Befragte (10.6%) eine Depression. 

Das Forscherteam identifizierte eine Reihe von Faktoren, die es wahrscheinlicher machten, dass jemand in der Folge eine posttraumatische Belastungsstörung oder depressive Episode entwickelte.


Personen, die häufig über belastende Situationen grübelten, waren besonders anfällig dafür, eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln. 

  • Dabei kam es nicht auf die Anzahl der traumatischen Ereignisse vor und während der Ausbildung an. 
  • Für die Vorhersage von Depressionen war der Grad an Selbstvertrauen in die eigene Fähigkeit, mit Belastungen fertig zu werden - die Resilienz einer Person - besonders bedeutsam. 

„Es sind also weniger die belastenden Ereignisse an sich, die eine psychische Störung vorhersagen, sondern mehr die eigenen Denkmuster und der individuelle Umgang mit diesen Erfahrungen“, erläutert Anke Ehlers. 


  • Die Erhebung am Ende der Studie zeigt: 
  • Obwohl sich die betroffenen Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter fast alle innerhalb von 4 Monaten von ihren Problemen erholten, blieben sie stärker als ihre Kolleginnen und Kollegen in ihrer Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit beeinträchtigt. 
  • Auch schliefen sie schlechter und berichteten einen stärkeren Gewichtszuwachs.

Ansatzpunkte für Begleitung in der Ausbildung: Widerstandskraft erhöhen

Im nächsten Schritt will das Forscherteam untersuchen, ob gefährdete Personen während ihrer Ausbildung besonders unterstützt werden können, um dadurch das Risiko von Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen zu senken. „Es lässt sich nicht vermeiden, dass Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter schlimme Situationen erleben“, sagt Anke Ehlers, „aber es gilt zu prüfen, ob gezielte Trainingsprogramme zur Veränderung von Denkmustern dazu beitragen können, die psychische Widerstandskraft gegen Extrembelastung zu erhöhen.“

Die Originalstudie finden Sie hier: 

Wild, J., Smith, K., Thompson, E., Bear, F., Lommen, M. & Ehlers, A. (2016). A prospective study of pre-trauma risk factors for posttraumatic stress disorder and depression. Psychological Medicine
http://journals.cambridge.org/action/displayIssue?jid=PSM&tab=firstview

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Prof. Dr Anke Ehlers
Department of Experimental Psychology
University of Oxford
South Parks Road
Oxford, OX1 3UD
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Tel. 0044 1865 618600
email: anke.ehlers@psy.ox.ac.uk

DGPs:
Dr. Anne Klostermann
E-Mail: pressestelle@dgps.de


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