Medizin am Abend Berlin Fazit: Die strukturierte Betreuung von Schmerzpatienten ist
keine unbezahlbare Utopie naiver Idealisten.
Innovative Ansätze der
Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) und des Berufsverbands
der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und
Palliativmedizin (BVSD) in Kooperation mit Krankenkassen zeigen seit
Jahren, dass eine bessere schmerzmedizinische Versorgung mit selektiven
Versorgungsverträgen funktionieren kann.

Foto (vlnr): Ingo Kailuweit, Vorstandsvorsitzender der Kaufmännischen
Krankenkasse, Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen
Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) (Georg J. Lopata / DGS)
In Deutschland leben über
20 Millionen Menschen mit chronischen
Schmerzen.
- Rund 2,8 Millionen leiden an einer schweren, chronischen
Schmerzerkrankung.
Flächendeckend gute Versorgung ist für diese
Patienten nur durch ein
abgestuftes Versorgungmodell möglich, bei dem
Hausärzte mit Basiskenntnissen im Schmerzmanagement von
schmerzmedizinisch weitergebildeten Spezialisten unterstützt werden, bis
hin zu einem (derzeit noch nicht existierenden) Facharzt für
Schmerzmedizin.
Integrierte Schmerzversorgung – ein medizinisches und wirtschaftliches Erfolgsrezept
2005 hat die DGS in Kooperation mit der IMC (Integrative Managed Care)
erstmals mit der Techniker Krankenkasse (TK) und weiteren Kassen einen
Integrierten Versorgungsvertrag für Rückenschmerzpatienten konzipiert,
um Patienten mit chronischen Rückenschmerzen
im Sinne einer
Frühintervention besser zu versorgen.
Die Auswertung von mittlerweile
über 10.000 Patienten in diesem Programm bestätigt
die medizinische und
wirtschaftliche Überlegenheit der integrierten Versorgung gegenüber der
Regelversorgung eindeutig.
- Ein weiterer innovativer Ansatz besteht in
der interdisziplinären Überprüfung der Notwendigkeit operativer
Eingriffe an der Wirbelsäule im Sinne einer Zweitmeinung.
„Dabei haben
wir ganz bewusst schmerzmedizinische Kompetenz einbezogen, um vor
operativen Eingriffen fundierte Zweitmeinungen zu bekommen“, betont
Klaus Rupp, Fachbereichsleiter Versorgungsmanagement bei der TK.
Mittlerweile gibt es erste Ergebnisse aus der begleitenden
Versorgungsstudie. Viele Patienten, denen primär zu einer Operation
geraten worden war, wurden als Folge der integrierten Versorgung mit
einem multimodalen Konzept unter Einbeziehung von
Verhaltenstraining,
Physiotherapie, Psychotherapie und pharmakologischer Schmerztherapie
behandelt. „Ökonomisch rechnet sich das für eine Krankenkasse eindeutig,
und anders als mit Operationen kommen wir so zu langfristigen Lösungen
für die Patienten“, so Rupp.
Ingo Kailuweit, Vorstandsvorsitzender der Kaufmännischen Krankenkasse
(KKH), sieht das genauso: „Wir haben Rückenschmerz-Projekte, bei denen
90 Prozent der Operations-empfehlungen nicht bestätigt werden und 70
Prozent der Patienten letztlich
die konservative Schmerztherapie wählen.
Auch bei der
chronischen Migräne bringen wir im Rahmen von
integrierten
Versorgungsverträgen an mehreren Orten in Deutschland Kapazitäten und
unterschiedliche Professionen zusammen, mit ebenfalls sehr guten
Ergebnissen.“
Der in Kooperation mit dem BVSD seit 2011 bestehende RückenPlus
IV-Vertrag der KKH zeige, dass eine
multimodale und multiprofessionelle
schmerzmedizinische Versorgung auch auf ambulanter Ebene möglich ist und
erfolgreich umgesetzt werden kann, sagte der BVSD-Vorsitzende Prof. Dr.
Dr. Joachim Nadstawek.
„Unser multimodales ambulantes
Behandlungskonzept hat das Ziel, durch präventive Maßnahmen eine
Schmerz-chronifizierung zu vermeiden und bereits erkrankte
Schmerzpatienten besser zu versorgen. Die direkten Effekte für die
Krankenkasse:
Reduktion der Krankengeld-Tage sowie der stationären
Einweisungen, Vermeidung von Doppeluntersuchungen und unnötiger
Operationen und der Rückgang der Arzneimittel-, Heil- und
Hilfsmittelverordnungen außerhalb der Nationalen Versorgungsleitlinie
Kreuzschmerz“, so Nadstawek.
Blaupause für die Regelversorgung?
Ingo Kailuweit und Klaus Rupp betonen, dass sich das Engagement
medizinisch und finanziell lohne, weil unnötige Therapien und
Mehrfachdiagnostik durch gezielte Frühinterventionen vermieden werden.
Das Problem: Selektivverträge kommen derzeit nur einem kleinen Teil der
Patienten zugute. Nur etwa ein Prozent des Budgets der Gesetzlichen
Krankenversicherung fließt in diese Versorgungsform. Das muss aber nicht
so bleiben. Rupp betrachtet Selektivverträge als ein Vehikel,
erfolgversprechende Konzepte in die Regelversorgung zu bringen.
Gerade
in der Schmerzmedizin gebe es bereits mehrere Verträge, in denen
unterschiedliche, auch große Krankenkassen kooperierten. Der im
Versorgungsstärkungsgesetz angelegte Innovationsfonds könne diesen
Prozess noch voranbringen: „Der Innovationsfonds ist für
sektorübergreifende Versorgungsthemen gedacht. Schmerzmedizinische
Anträge sollten da auch Gegenstand sein“, so Rupp. Vor allem Szenarien,
die eine Zweitmeinung mit einer strukturierten Versorgung kombinieren,
sind aus seiner Sicht für eine Förderung prädestiniert.
-
Früh intervenieren statt zu spät therapieren
Bisher weitgehend ungenutzte wirtschaftliche Potenziale sehen
Schmerzexperten auch im Bereich der Frühinterventionen. „
Chronische
Schmerzsyndrome entstehen nicht von selbst. Sie sind auch ein Ergebnis
falscher Therapieentscheidungen zu Beginn der Patientenkarriere“, betont
der Präsident der DGS, Dr. Gerhard Müller-Schwefe.
Die Folge sind nicht
nur teure medizinische Maßnahmen, sondern auch erhebliche indirekte
Kosten durch Arbeits- und Berufsunfähigkeit, wie Nadstawek (BVSD)
ausführte: „Wir geben lächelnd 50 Milliarden Euro pro Jahr für den
Rückenschmerz aus und ändern nichts daran. Ziel muss es sein, Prävention
zu betreiben und die Chronifizierung zu verhindern.“
-
Der demographische Wandel mit zunehmender Alterung unserer Gesellschaft,
Bewegungsmangel in unserer modernen Arbeitswelt und ungesunde Ernährung
sind Faktoren, die die Prävalenz muskuloskelettaler Erkrankungen
erhöhen.
Die Entstehung myofaszialer Schmerzzustände ist komplex.
Komplexe Störungen erfordern komplexe Lösungen. Dazu zählt das
konzeptionelle Vorgehen mit integrativen, aufeinander abgestimmten
Therapiemaßnahmen in Form eines multimodalen Therapiekonzepts. In der
Schmerzmedizin nimmt die Bewegungstherapie eine zentrale Rolle ein.
Sie
ist ein Faktor im multimodalen Behandlungskonzept, welches dem Patienten
den Zugang zur
Aktivierung der körpereigenen Ressourcen zur Überwindung
seiner Schmerzzustände ermöglicht, erklärt Andrea Rädlein, Vorstand
beim Deutschen Verband für Physiotherapie (ZVK). Die Aufgabe der
Physiotherapie besteht darin, eine
Verbesserung der Bewegungs- und
körperlichen Leistungsfähigkeit zu erzielen, die es dem Patienten
weitestgehend ermöglicht, an den Aktivitäten des täglichen Lebens
teilzunehmen.
Gelingen wird das nur, wenn schmerzmedizinische Expertise flächendeckend
zur Verfügung steht, um jene Patienten zu identifizieren, bei denen
schmerzmedizinische Frühinterventionen eine Chronifizierung verhindern
können:
„Wir brauchen eine abgestufte Versorgung mit Hausärzten als
Primärversorger, aber wir brauchen auch klare Richtlinien für die
Weiterüberweisung der Patienten. Es muss klar sein, wer wen versorgt und
wo für die unteren Versorgungsebenen die ‚red flags‘ sind“, so
Müller-Schwefe. Solange dergleichen in Deutschland nicht existiere,
werde die Zahl der Patienten mit chronischem Schmerzsyndrom weiter
zunehmen.
Quelle:
Nationales Versorgungsforum Schmerz der Deutschen Gesellschaft für
Schmerzmedizin e.V. (DGS), des Berufsverbands der Ärzte und
Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin
in Deutschland e.V. (BVSD) und der Deutschen Schmerzliga e.V. (DSL)
„Schmerzmedizinische Versorgung ambulant und wohnortnah“, 12. November
2015, Berlin
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Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS)
Dr. Heinz Beitinger, Tel.: 06171 - 2860 81
Berufsverband der Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Schmerz- und Palliativmedizin in Deutschland e.V. (BVSD)
Wolfgang Straßmeir, Tel.: 030 - 288 672 60
Deutsche Schmerzliga e.V. (DSL)
PD Dr. Michael Überall, Tel.: 06171 - 28 60-53
DGS / DSL
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