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Prof. Volker Haucke und Dr. Wonyul Jang: Hungerstoffwechsel in Gang kommt oder gehemmt wird

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit:  Bei Hunger baut die Zelle um

Körperzellen verbrennen Fettreserven, wenn die Versorgung mit Nährstoffen aus der Nahrung unterbleibt. 

Ein Team um Prof. Volker Haucke und Dr. Wonyul Jang vom Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP) hat nun einen bislang unbekannten Mechanismus entdeckt, wie dieser „Hungerstoffwechsel“ in Gang kommt – und was ihn hemmen kann. 

Die Ergebnisse wurden im angesehenen internationalen Fachblatt Science veröffentlicht.

Damit unser Körper funktioniert, brauchen Zellen Energie – und zwar zu jeder Zeit.

  • In Hunger-Phasen, während derer keine Nährstoffe aufgenommen werden, muss sich der zelluläre Stoffwechsel also umstellen, damit die Versorgung mit Energie sichergestellt bleibt.

Neue Erkenntnisse über diesen grundlegenden Mechanismus in der menschlichen Zelle gewannen Forschende des FMP, als sie eine seltene, erblich erworbene Muskelstörung untersuchten, die X-chromosomale Myotubuläre Myopathie (XLCNM). Bei dieser Erkrankung, die meist Jungen betrifft, ist ein Gen auf dem X-Chromosom defekt, was zu einer Entwicklungsstörung der Skelettmuskulatur führt. Diese Muskelschwäche ist so stark ausgeprägt, dass betroffene Kinder oft beatmet werden und im Rollstuhl sitzen müssen. Sie erreichen ein maximales Alter von etwa 10 bis 12 Jahren, in schweren Fällen sterben sie bereits nach der Geburt.

Der bei dieser Erkrankung vorliegende Gendefekt betrifft die Lipidphosphatase MTM1. Dieses Enzym steuert den Umsatz eines Signallipids des Endosoms, eine bläschenartige Struktur in der Zelle, die an der Sortierung von Nährstoffrezeptoren beteiligt ist. Als die Forschenden die Struktur mutierter humaner Muskelzellen aus Patienten studierten, entdeckten sie Veränderungen am Endoplasmatischen Retikulum (ER), einem Membrannetzwerk, das sich über die ganze Zelle erstreckt. In gesunden Zellen stellt das ER eine Mischung miteinander verbundener ausgedehnter, „plattgewalzter“ Membransäcke in der Nähe des Zellkerns und dünner Schläuche in der Zellperipherie dar. In den kranken Zellen ist dieses Gleichgewicht in Richtung der dünnen Schläuche verschoben und die Membransäcke sind zudem durchlöchert. Eine ganz ähnliche Anreicherung dünner ER-Schläuche und durchlöcherter Membransäcke fanden die Forscher in Zellen im Hungerzustand, in denen MTM1 genetisch inaktiviert wurde.
„Muskeln sind sehr hungersensibel, ihre Energiereserven halten nicht lange. Deswegen begannen wir zu vermuten, dass der Defekt in Zellen von XLCNM-Patienten mit einer inkorrekten Antwort auf Hunger zu tun haben könnte“, berichtet Volker Haucke. Bei Hunger entsteht in Zellen ein Mangel an Aminosäuren. Daraufhin, so fanden die Forschenden heraus, verändert das ER in gesunden Zellen seine Form, die äußeren dünnen Schläuche bilden sich zurück und werden zu flachen Membransäcken umgebaut. Diese veränderte Struktur des ER ermöglicht es den Mitochondrien – rundliche Organellen, die die Zelle mit Energie (Adenosintriphosphat, ATP) versorgen und mit dem ER in ständigem Kontakt stehen –, miteinander zu verschmelzen. „Solche etwa zehnfach vergrößerten ‚Riesen-Mitochondrien‘ sind viel besser in der Lage, Fette zu verstoffwechseln“, erläutert Dr. Wonyul Jang, Erstautor der Studie.
Sowohl der Transport als auch die Verbrennung der Fette funktioniert allerdings nicht in Zellen, in denen MTM1 defekt ist. Die Schlüsselrolle spielt dabei das von MTM1 gesteuerte Endosom. Bei Hunger lösen sich in der gesunden Zelle die Kontaktstellen zwischen Endosom und ER auf, das sich in der Folge verformen kann. In Zellen von XLCNM-Patienten bleibt die Kontaktablösung jedoch aus: Das Endosom „zieht“ am ER, so dass periphere Schläuche gebildet werden und die Membransäcke fenestrieren. Da periphere ER-Schläuche für die Teilung der Mitochondrien verantwortlich sind, bleiben diese in Abwesenheit von MTM1 klein. In dieser Form sind sie viel schlechter in der Lage, Speicherfette zu verbrennen, was zu einem massiven Energiemangel in der Zelle führt (1).
„Wir haben einen komplett neuen Mechanismus gefunden, wie verschiedene Kompartimente in der Zelle so miteinander kommunizieren, dass der Zellstoffwechsel je nach Nahrungsangebot umgebaut wird“, fasst Volker Haucke zusammen. Dabei zeigt die aktuelle Arbeit, dass Hungern für die Muskelzellen von XLCNM-Patienten absolut schädlich ist. Sie brauchen stetige Nahrungszufuhr, um einen Abbau der Muskelproteine zu Aminosäuren zu verhindern. In einer zweiten Arbeit (2) konnten Forschende des FMP zeigen, dass sich Defekte infolge des Verlustes der Lipidphosphatase MTM1 durch Inaktivierung des „entgegengesetzten“ Enzyms, der Lipidkinase PI3KC2B, grundsätzlich wieder reparieren lassen. Ob das bei XLCNM-Patienten funktionieren könnte, wird die Zukunft erweisen. Aktuell arbeitet ein Team um Volker Haucke daran, einen passenden Hemmstoff zu finden, der PI3KC2B ausschalten kann. Dass das grundsätzlich möglich ist, konnten sie bereits in Zellkultur nachweisen.

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Professor Dr. Volker Haucke
Direktor am Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP)
Professor für Molekulare Pharmakologie an der Freien Universität Berlin
Mitglied des Exzellenzclusters NeuroCure
Robert-Rössle-Str.10
13125 Berlin, Campus Berlin-Buch
E-Mail: haucke@fmp-berlin.de
www.leibniz-fmp.de/haucke

Silke Oßwald Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP)

Telefon: 030 / 94793 - 104
Fax: 030 / 94793 - 109
E-Mail-Adresse: osswald@fmp-berlin.de
Originalpublikation:

(1) Jang, W., Puchkov, D., Samso, P., Liang, Y.T., Nadler-Holly, M., Sigrist, S.J., Kintscher, U., Liu, F., Mamchaoui, K., Mouly, V., Haucke, V. (2022) Endosomal lipid signalling reshapes the endoplasmic reticulum to control mitochondrial function. Science, 10.1126/science.abq5209
(2) Samso, P.*, Koch, P.A.*, Posor, Y., Lo, W.T., Belabed, H., Nazare, M., Laporte, J., Haucke, V. (2022) Antagonistic control of active surface integrins by myotubularin and phosphatidylinositol 3-kinase C2b in a myotubular myopathy model. Proc Natl Acad Sci USA 119, e2202236119


Diabetes Typ 3: Hyperinsulinämie ist ein Zustand mit abnorm hoher Insulinkonzentration im Blut

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Auslösung von MODY3-Diabetes: Insulinhypersekretion geht dem Versagen der Pankreas-β-Zellen voraus

Um Patienten mit Diabetes bestmöglich behandeln zu können, ist es notwendig, den Krankheitsmechanismus zu verstehen. 

  • MODY Typ 3 ist eine monogen vererbte Form von Diabetes, die durch einen Gendefekt im HNF1A-Gen verursacht wird. 
  • Die Folge ist ein fortschreitendes Versagen der Beta-Zellen, das zum Ausbruch der Krankheit mit Hyperglykämie führt. 

Warum führen Mutationen in HNF1A zu MODY3-Diabetes? 

Ein Forscherteam unter der Leitung von Henrik Semb, Direktor des Instituts für Translationale Stammzellforschung (IST) am Helmholtz Diabetes Zentrum von Helmholtz Munich, ist dieser Frage nachgegangen und konnte einen neuen Krankheitsmechanismus für den Diabetesausbruch bei MODY3 identifizieren. 

Aus Stammzellen gewonnener Betazellen-Cluster.

 Aus Stammzellen gewonnener Betazellen-Cluster. Chenglei Tian & Henrik Semb

Aus medizinischer Sicht gibt es verschiedene Arten von Diabetes. 

„Maturity Onset Diabetes of the Young“ (MODY) ist eine seltene monogenetische (durch die Vererbung einer einzigen Genmutation verursachte) Form von Diabetes, die 1-2% der Diabetesfälle ausmacht. 

MODY3 ist die häufigste Form des monogenen Diabetes in der kaukasischen Bevölkerung und wird durch Mutationen im Transkriptionsfaktor HNF1A verursacht.  

Die Patient:innen entwickeln eine fortschreitende Hyperglykämie, die durch einen hohen Blutzuckerspiegel gekennzeichnet ist und auf eine gestörte Insulinsekretion aus den Beta-Zellen (β-Zellen) zurückzuführen ist. 

Die Pathogenese, also die Entstehung der Erkrankung, ist jedoch noch unbekannt.
Der Forscher Henrik Semb und sein Team untersuchten anhand von Stammzellen, die aus von Patienten gewonnenen Zellen hergestellt wurden, warum Mutationen in HNF1A bei MODY3 progressiv zu Diabetes führen. Die Wissenschaftler:innen identifizierten einen neuen pathogenen Mechanismus für das Auftreten von Diabetes bei MODY3. Die untersuchte MODY3-Mutation verursacht eine Hypersekretion von Insulin aus β-Zellen. Eine wichtige Erkenntnis, die dazu beitragen kann, den Diabetes bei Träger:innen der Mutation zu verhindern.

Effizientere Depolarisierung der Membranen in MODY3-β-Zellen

Der Phänotyp von MODY3-Patient:innen ist sehr heterogen, was sich unter anderem in einem sehr unterschiedlichen Alter beim Ausbruch der Krankheit zeigt. Trotz zahlreicher Bemühungen, den zugrundeliegenden Krankheitsmechanismus von MODY3 zu verstehen, sind die Faktoren die Krankheitsausbruchs auslösen nur unzureichend bekannt. Ein besseres Verständnis dessen, was Diabetes bei MODY3-Patient:innen auslöst, eröffnet die Möglichkeit gezielter Behandlungen, die die Krankheit verzögern oder sogar verhindern.

Unter Verwendung von patientenspezifischen induzierten pluripotenten Stammzellen (iPSCs) rekapitulierten die Erstautoren Florian Hermann und Maya Kjærgaard sowie ihre Kolleg:innen die Empfindlichkeit der Insulinsekretion gegenüber dem Membrandepolarisator Sulfonylharnstoff, ein Phänomen, das häufig bei MODY3-Patient:innen beobachtet wird. Unerwarteterweise zeigten MODY3-Patienten-spezifische HNF1A+/R272C β-Zellen eine übermäßige Insulinsekretion sowohl in vitro als auch in vivo nach Transplantation in Mäuse.  

Übereinstimmend wurde ein Trend zu einem erhöhten Geburtsgewicht bei menschlichen HNF1A-Mutationsträgern im Vergleich zu gesunden Geschwistern festgestellt. 

  • Eine verringerte Expression von Kaliumkanälen, insbesondere des KATP-Kanals, in MODY3-β-Zellen führte zu einer erhöhten Kalzium-Signalisierung. 
  • Die Rettung des Phänotyps der Insulinhypersekretion durch pharmakologische Maßnahmen an ATP-sensitiven Kaliumkanälen oder an Kalziumkanälen, die durch niedrige Spannungen aktiviert werden, legt nahe, dass der Hypersekretion von Insulin in MODY3 β-Zellen eine effizientere Membrandepolarisation zugrunde liegt.


Erkenntnisse zur Verhinderung oder Verzögerung des Diabetes-Ausbruchs

Die Studie unterstreicht die Bedeutung von patientenspezifischen iPSCs als Plattform für die Untersuchung früher Krankheitsmechanismen, die den Weg für eine personalisierte Medizin ebnen.

Die Ergebnisse unterstreichen ebenfalls die Notwendigkeit einer frühzeitigen Erkennung von Hyperinsulinämie bei HNF1A-Mutationsträger:innen. 

  • Hyperinsulinämie ist ein Zustand mit abnorm hoher Insulinkonzentration im Blut. 
  • Diese führt zu einer Senkung des Blutzuckerspiegels, der, wenn er zu niedrig ist, lebensbedrohlich sein kann.

Mit diesem Wissen ebneten die Forscher:innen um Henrik Semb den Weg für weitere Untersuchungen, um zu testen, ob Behandlungen zur Verhinderung von Hyperinsulinämie – wie Diäten oder Medikamente – bei Neugeborenen, die Träger:innen von HNF1A-Mutationen sind, das Auftreten von MODY3-Diabetes im späteren Leben verzögern oder sogar verhindern können.

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Prof. Dr. Tor Henrik Semb, Direktor des Instituts für Translationale Stammzellforschung (ITS) am Helmholtz Diabetes Center von Helmholtz Munich
Kontakt: henrik.semb@helmholtz-muenchen.de

Céline Gravot-Schüppel   

Helmholtz Zentrum München Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt (GmbH)

Ingolstädter Landstr.1
85764 Neuherberg
Deutschland
Bayern

E-Mail-Adresse: c.gravot-schueppel@helmholtz-muenchen.de 
Originalpublikation:

Hermann et al. (2022): An insulin hypersecretion phenotype precedes pancreatic β cell failure in MODY3 patient-specific cells. Cell Stem Cell. DOI: 10.1016/j.stem.2022.12.001


Prof. Dr. Florian Seyfried: OA Dr. Ulrich Dischinger: Der Hypothalamus und die Adipositas-Bariatrische Chirurgie sowie sattmachende Hormone: Hypothalamischer Adipositas

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Erfolg von Adipositas-OP hängt wesentlich vom Gehirn ab

  • Ein interdisziplinäres Team der Universitätsmedizin Würzburg veröffentlicht eine Studie, die zeigt, dass der Effekt einer bariatrischen Operation nicht auf einer simplen Magenverkleinerung basiert, sondern sehr wesentlich auf einer intakten Informationsverarbeitung in bestimmten Gehirnarealen.
  • Für viele Personen mit ausgeprägter Adipositas ist eine bariatrische Operation wie zum Beispiel ein Magenbypass oder ein Schlauchmagen der letzte Ausweg, um ihr Gewicht dauerhaft zu reduzieren.
  • Der Erfolg der Operation hängt dabei aber nicht allein vom chirurgischen Eingriff im Magen-Darm-Trakt ab, sehr wesentlich wird die Wirkung über Strukturen im Gehirn vermittelt.

Das fand jetzt ein interdisziplinäres Team am Uniklinikum Würzburg heraus.


Die Ergebnisse der Studie wurden im Journal Metabolism: Clinical and Experimental veröffentlicht (Hypothalamic integrity is necessary for sustained weight loss after bariatric surgery: A prospective, cross-sectional study, https://doi.org/10.1016/j.metabol.2022.155341).

Hormone können bei geschädigtem Hypothalamus Wirkung nicht entfalten

Gewichtsverlauf der Patienten mit hypothalamischem Schaden und klassischer Adipositas nach bariatrischer Chirurgie: Der Gewichtsverlauf unterscheidet sich sehr deutlich. In ersterer Gruppe ist kein dauerhafter gewichtsreduzierender Effekt zu sehen.

Gewichtsverlauf der Patienten mit hypothalamischem Schaden und klassischer Adipositas nach bariatrischer Chirurgie: Der Gewichtsverlauf unterscheidet sich sehr deutlich. In ersterer Gruppe ist kein dauerhafter gewichtsreduzierender Effekt zu sehen.

Quelle: https://doi.org/10.1016/j.metabol.2022.155341 // Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/


„Die Adipositas-Chirurgie ist aktuell sicherlich die effektivste Therapie für eine ausgeprägte Adipositas. 

Die Wirkweise dieser Operation ist allerdings nicht vollständig verstanden“, berichtet Dr. Ulrich Dischinger, Oberarzt und Leiter der experimentellen Adipositasforschung am Lehrstuhl für Endokrinologie und Diabetologie. 

Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der Chirurgischen Klinik 1, der Psychiatrie und der Molekularen Infektionsbiologie fand er heraus, dass die Effektivität der Adipositas-Chirurgie von einem intakten Hypothalamus abhängt. 

  • Der Hypothalamus ist ein zentraler Teil des Gehirns, der als wichtige Schaltzentrale unseres Körpers vegetative und endokrine Vorgänge reguliert und unter anderem die Nahrungsaufnahme steuert.
  • Ist diese Gehirnregion jedoch krankheitsbedingt zerstört, zum Beispiel durch einen gutartigen Tumor wie etwa ein Kraniopharyngeom, ist der Effekt der Adipositas-Operation deutlich abgeschwächt. 
  • Das heißt, sattmachende Hormone wie GLP-1 oder PYY, die nach dem chirurgischen Eingriff verstärkt aus dem Magen-Darm-Trakt ausgeschüttet werden, können ihre nahrungsregulierende Wirkung über den geschädigten Hypothalamus nicht entfalten. 


Obwohl die in dieser Studie untersuchten Patientinnen und Patienten mit Adipositas und geschädigtem Hypothalamus nach der bariatrischen Operation höhere Hormonspiegel als diejenigen mit Adipositas und intaktem Hypothalamus aufwiesen, war der Effekt der OP bei ihnen deutlich abgeschwächt. 

  • Dies zeigt, dass die Wirkweise der Adipositas-Chirurgie im Wesentlichen auf veränderten neuroendokrinen Signalen aus dem Magendarmtrakt basiert und von einem intakten Hypothalamus abhängt.


Adipositas-OP vom Stigma einer simplen Magenverkleinerung befreien

Ulrich Dischinger ist sich sicher, dass die Erkenntnisse wesentlich zu einer weiteren Aufklärung der Wirkweise der Adipositas-Chirurgie beitragen: „Die überragende Bedeutung einer intakten Hypothalamusfunktion für die Effektivität der bariatrischen Chirurgie war am Menschen bislang nicht gut untersucht. 

Mit unseren Resultaten können wir helfen, die Adipositas-Chirurgie vom Stigma einer simplen Magenverkleinerung zu befreien. Tatsächlich ist die bariatrische Operation eine Art neuroendokrine Intervention.“ 

Auch Prof. Dr. Florian Seyfried, Oberarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie und Leiter des Würzburger Referenzzentrums für metabolische und bariatrische Chirurgie, hofft, dass die Ergebnisse zu einer größeren Akzeptanz der Adipositas-Chirurgie beitragen. 

„Bislang sind nicht nur die Adipositas, sondern auch die bariatrische Chirurgie stigmatisiert. 

So hält sich die historische Annahme, dass die Wirkungsweise bariatrischer Operationen darauf beruht, dass der Patient weniger Nahrung aufnehmen kann und diese vom Körper teilweise nicht mehr verstoffwechseln kann. 

Die nun publizierte Arbeit widerspricht nun ganz klar diesem vermuteten Wirkprinzip.“

TOP - CAVE: Menschen mit hypothalamischer Adipositas besser beraten - TOP-MaAB


 

Ulrich Dischinger führt weiter aus: 

„Unsere Forschung wird auch dabei helfen, Menschen mit Schädigung des Hypothalamus und dadurch verursachter hypothalamischer Adipositas‘ vor einer geplanten Adipositas-Operation besser beraten zu können. 

Gerade dieses sensible Patientengut sollte keiner Intervention zugeführt werden, deren üblicher günstiger Effekt nicht zu 100 Prozent übertragbar sein dürfte.“

Aktuell wird das Spektrum der Adipositasforschung mit einer Kooperation mit dem Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz erweitert. 

  • Wesentliche Untersuchungsgegenstand wird hier die Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion sein, einer häufigen und bislang nicht gut behandelbaren Begleiterkrankung der Adipositas. 
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Prof. Dr. Sabine Steffens: Atherosklerose - chronisch-entzündliche Vorgänge - B-Zell-GPR55-Signalwegs bei Atherosklerose

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Atherosklerose: Wie der Körper die Aktivität von B-Zellen steuert

LMU-Forschende haben ein Protein identifiziert, das an der Regulation von Immunzellen beteiligt ist und die Entstehung von Atherosklerose bremsen kann.

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch Atherosklerose sind weltweit die häufigsten Todesursachen. 
  • Bei der Krankheit lagert der Körper Cholesterinester und andere Fette in die innere Wandschicht arterieller Blutgefäße ein. 

Dadurch bilden sich Plaques, die den Blutfluss so stark verringern können, dass die Sauerstoffversorgung mancher Organe beeinträchtigt wird. 

Mittlerweile wissen Forschende, dass bei Atherosklerose chronisch-entzündliche Vorgänge ablaufen.

  • B-Zellen als Teil der erworbenen (adaptiven) Immunantwort scheinen dabei eine wichtige Rolle zu spielen. 
  • Sie gehören zu den weißen Blutkörperchen und vermitteln über Antikörper sowohl schützende als auch schädigende Wirkungen. 

Sprich: Sie können die Atherosklerose fördern oder hemmen. 

Doch wie genau reguliert der Körper, welcher Prozess zum Tragen kommt? Forschende um Prof. Dr. Sabine Steffens vom Institut für Prophylaxe und Epidemiologie der Kreislaufkrankheiten (IPEK) haben nun ein Protein identifiziert, das an der Steuerung der adaptiven Immunantwort bei Atherosklerose entscheidend beteiligt ist. Dieses Protein könnte sich nach Ansicht der Wissenschaftler als Zielstruktur für innovative Therapien eignen. Wichtige Teile der Studie wurden vom DFG Sonderforschungsbereich 1123 (Sprecher: Prof. Christian Weber) gefördert, der erst im Mai dieses Jahres für weitere vier Jahre verlängert wurde.

Welche Rolle B-Zellen bei Atherosklerose spielen
„Wir wollten besser verstehen, wie B-Zellen atherosklerotische Erkrankungen beeinflussen, um perspektivisch neuartige, auf B-Zellen ausgerichtete Therapien für diese lebensbedrohliche Erkrankung zu entwickeln“, sagt Steffens zu den Zielen ihres Forschungsprojekts. Im Mittelpunkt ihres Interesses stand der Rezeptor GPR55, das chemische Signale von außerhalb in das Innere von Zellen weiterleitet.

B-Zellen der Milz von Mäusen produzieren das Molekül in großem Umfang. 

Für ihre Studie untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Mausmodelle für Atherosklerose. Erhielten die Mäuse ein spezielles Futter, um Atherosklerose auszulösen, wurde bereits nach einem Monat der Rezeptor hochreguliert, also in einem recht frühen Krankheitsstadium. Mäuse, die kein GPR55 herstellen können, entwickelten im Vergleich zum Wildtyp größere atherosklerotische Plaques. In diesen Mäusen wurden ohne GPR55 demnach die B-Zellen übermäßig aktiviert und die entzündlichen Vorgänge gefördert. 

  • Bei der Untersuchung menschlicher atherosklerotischer Plaques zeigte sich, dass in unstabilen Plaques mit hohem Risiko einen Schlaganfall auszulösen, weniger Rezeptor vorhanden war als bei stabilen Plaques. 

„Dieser Befund deutet darauf hin, dass sich die Expression des Proteins im Verlauf der Krankheit verändert“, berichtet Steffens.

„Unsere Ergebnisse deuten auf eine protektive Rolle des B-Zell-GPR55-Signalwegs bei Atherosklerose hin, was potenziell auch auf Relevanz für die menschliche Pathophysiologie schließen lässt“, sagt Steffens. 

Sie hofft: „GPR55 könne der Ansatzpunkt neuartiger Therapien sein.“ 

Ob es gelingt, mit kleinen Molekülen als Arzneistoffen die Bildung von GPR55 anzuregen, müssen weitere Studien zeigen.

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Prof. Dr. Sabine Steffens
Institut für Prophylaxe und Epidemiologie der Kreislaufkrankheiten
Poliklinik, Klinikum der Universität München, Ludwig-Maximilians-Universität München
Pettenkoferstr. 9
80336 München
Tel. 089/4400-54674
E-Mail Sabine.Steffens@med.uni-muenchen.de
http://www.klinikum.uni-muenchen.de/Institut-fuer-Prophylaxe-und-Epidemiologie-d...


Originalpublikation:

Raquel Guillamat-Prats, Daniel Hering, Abhishek Derle, Martina Rami, Carmen Härdtner, Donato Santovito, Petteri Rinne, Laura Bindila, Michael Hristov, Sabrina Pagano, Nicolas Vuilleumier, Sofie Schmid, Aleksandar Janjic, Wolfgang Enard, Christian Weber, Lars Maegdefessel, Alexander Faussner, Ingo Hilgendorf & Sabine Steffens: GPR55 in B cells limits atherosclerosis development and regulates plasma cell maturation. Nature Cardiovascular Research, DOI 10.1038/s44161-022-00155-0, https://www.nature.com/articles/s44161-022-00155-0

Prof. Dr. Brian Luke: Replikative Seneszenz mit Telomerase bei Krebs - ALT Krebszellen

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Einige Krebszellen sind vielleicht weniger unsterblich als ursprünglich gedacht

Untersuchungen bei Bäckerhefe liefern Hinweise auf mögliche Angriffspunkte für die Bekämpfung von Krebszellen

Forschende der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und des Instituts für Molekularbiologie (IMB) in Mainz haben möglicherweise neue Erkenntnisse darüber gewonnen, wie Krebszellen die Enden ihrer Chromosomen, die sogenannten Telomere, regulieren. 

Bestimmte Krebsarten nutzen eine spezifische Art der Telomerregulierung, genannt ALT. 

Bisher wurde angenommen, dass ALT den Krebszellen ermöglicht, unsterblich zu werden. 

Prof. Dr. Brian Luke und seine Gruppe fanden jedoch heraus, dass diese Zellen eine Seneszenz durchlaufen können. 

Das würde bedeuten, dass sie für Medikamente anfällig sind, die seneszente Zellen abtöten. 

Diese Erkenntnis könnte den Weg für neue Therapien ebnen, die das Wachstum von ALT-Krebszellen verlangsamen oder stoppen.

https://download.uni-mainz.de/presse/10_idn_imb_telomere.jpg

Die Bäume stellen die Telomere dar, die sanften Hügel die Seneszenzkurven: Am unteren Ende der ersten Kurve erreichen die Zellen einen Tiefpunkt ihrer Vermehrung, erholen sich jedoch und bilden Überlebenskünstler (ALT). Abb./©: AG Brian Luke


Krebs ist nach wie vor eine der häufigsten Todesursachen und gehört zu den am schwersten zu behandelnden Krankheiten.  

Die Hauptursache aller Krebsarten ist das unkontrollierte Wachstum von Krebszellen, die sich schnell vermehren, bis sie große Tumoren bilden, die sich im ganzen Körper ausbreiten und Krankheit oder sogar Tod verursachen.  

  • Der Grund, warum Krebszellen so schnell wachsen, liegt zum Teil in ihrer Fähigkeit, die Enden ihrer DNA, die Telomere, zu verlängern.
  • Wenn sich normale, gesunde Zellen teilen, werden die Enden ihrer Chromosomen bei jeder Teilung kürzer. 
  • Schließlich werden sie so kurz, dass die Zelle merkt, dass es ein Problem gibt, und ihre Teilung einstellt. 
  • Diese Unterbrechung der Zellteilung wird als replikative Seneszenz bezeichnet und ist ein wichtiger Sicherheitsmechanismus, der verhindert, dass Zellen bösartig werden.


Krebszellen umgehen Sicherheitsmechanismus

  • Krebszellen finden jedoch Wege, diesen Mechanismus zu umgehen, indem sie ihre Telomere verlängern und so verhindern, dass sie kurz werden. 
  • Dadurch können sie sich weiter teilen und vermehren – und werden praktisch unsterblich. 

Die meisten Krebsarten aktivieren dazu einen Faktor namens Telomerase, der mehr telomerische DNA an die Enden der Chromosomen anhängt. 

Etwa 15 Prozent der Krebsarten aktivieren einen alternativen Mechanismus – abgekürzt ALT für Alternative Lengthening of Telomeres. 

Hierbei verwendet die Zelle ihre eigenen Telomere als Vorlage, um mehr Kopien der telomerischen DNA herzustellen.

Bisher ging die Wissenschaft davon aus, dass ALT Krebszellen unsterblich macht – dass sie ewig wachsen und sich teilen können. Das Labor von Brian Luke hat nun in seiner jüngsten Studie herausgefunden, dass dies nicht der Fall ist. Um zu untersuchen, wie ALT funktioniert, verwendet die Arbeitsgruppe Bäckerhefe. „Unter bestimmten Bedingungen können Hefezellen ihre Telomere auf fast identische Weise wie ALT-Krebszellen verlängern. Wir nennen sie ALT-Hefe", erklärt der Biochemiker Brian Luke. Stefano Misino, ein ehemaliger Doktorand in Lukes Labor, sagt: „Wir entdeckten, dass ALT-Hefen nur dann unsterblich erscheinen, wenn wir sie als gemischte Population von Zellen mit unterschiedlichen Telomerlängen züchten. Als wir jedoch ALT-Hefezellen isolierten und einzeln züchteten, konnten wir deutlich sehen, dass sie nach mehreren Zellteilungen immer langsamer wuchsen.“ Es zeigte sich, dass die Telomere in diesen einzelnen ALT-Hefezellen mit der Zeit ebenfalls kürzer wurden.

Dies deutet darauf hin, dass Zellen, die ihre Telomere mit ALT erhalten, immer noch eine replikative Seneszenz durchlaufen und möglicherweise nicht unsterblich sind. Dies ist ein spannendes Ergebnis, denn wenn ALT-Krebszellen tatsächlich einer Seneszenz unterliegen, könnten sie mit neuen Medikamenten behandelt werden, die gezielt seneszente Zellen abtöten.

Darüber hinaus fanden Luke und sein Team heraus, dass ein RNA-Molekül namens TERRA, das an den Telomeren gebildet wird, die Geschwindigkeit der Seneszenz in ALT-Hefezellen steuern kann und offenbar beeinflusst, wie schnell sich die Telomere verkürzen. Der Wissenschaftler ist zuversichtlich, dass diese neuen Erkenntnisse den Weg für neue Strategien zur Behandlung von Krebserkrankungen ebnen werden. „Wenn wir einen Weg finden, die RNA zu manipulieren, könnten wir die Rate der Seneszenz in diesen ALT-Zellen erhöhen, um ihr Wachstum zu verlangsamen oder sogar zu stoppen.“

Brian Luke ist Professor an der Universität Mainz und stellvertretender wissenschaftlicher Direktor am Institut für Molekulare Biologie. Die neue Arbeit wurde in der Fachzeitschrift Nucleic Acids Research veröffentlicht.

Über das Institut für Molekulare Biologie gGmbH

Das Institut für Molekulare Biologie gGmbH (IMB) ist ein Exzellenzzentrum der Lebenswissenschaften, das 2011 auf dem Campus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) eröffnet wurde. Die Forschung am IMB konzentriert sich auf drei aktuelle Gebiete: Epigenetik, Entwicklungsbiologie und Genomstabilität. Das Institut ist ein Paradebeispiel für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen einer privaten Stiftung und öffentlichen Einrichtungen: Die Boehringer Ingelheim Stiftung (BIS) hat sich verpflichtet, die Grundfinanzierung des IMB von 2009 bis 2027 mit insgesamt 154 Millionen Euro zu fördern. Das moderne Forschungsgebäude wurde mit 50 Millionen Euro durch das Land Rheinland-Pfalz finanziert. Von Herbst 2020 bis Mitte 2027 stellt das Land 52 Millionen Euro zur Grundfinanzierung des IMB bereit. Weitere Informationen zum IMB finden Sie unter https://www.imb.de/.


Weiterführende Links:

https://www.imb.de/ - Institut für Molekulare Biologie (IMB) 


https://idn.biologie.uni-mainz.de/ - Institut für Entwicklungsbiologie und Neurobiologie (IDN)

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Prof. Dr. Brian Luke
Chromosomenbiologie
Institut für Entwicklungsbiologie und Neurobiologie (IDN)
Johannes Gutenberg-Universität Mainz und
Institut für Molekulare Biologie (IMB)
55099 Mainz
Tel. +49 6131 39-21465
E-Mail: b.luke@imb-mainz.de
https://www.imb.de/research/luke/research 

Petra Giegerich Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Forum universitatis 3
55128 Mainz
Deutschland

Telefon: 06131 39-22369
Fax: 06131 39-24139
E-Mail-Adresse: idw@uni-mainz.de
Originalpublikation:

Stefano Misino et al.
TERRA increases at short telomeres in yeast survivors and regulates survivor associated senescence (SAS)
Nucleic Acids Research, 14. Dezember 2022
DOI: 10.1093/nar/gkac1125
https://academic.oup.com/nar/advance-article/doi/10.1093/nar/gkac1125/6885047?se...


Prof. Dr. Petra Bauer: Eisenaufnahme - Zink - Vitamin E - Lipidtransferprotein

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Wie Pflanzen sich bei Eisenaufnahme vor oxidativem Stress schützen – und warum dies auch für den Menschen wichtig ist

Eisen ist ein für das Überleben von Pflanzen wie Menschen entscheidender Mikronährstoff, doch zu viel Eisen kann auch toxisch sein. 

Ein interdisziplinäres Forschungsteam der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU) hat festgestellt, dass das Protein PATELLIN2 nicht nur den Eisenhaushalt in Pflanzen mitreguliert. 

  • PATELLIN2 gehört zu einer Gruppe von Proteinen, die auch am Vitamin-E-Transport im Menschen beteiligt sind. 

Die Ergebnisse, die ebenfalls für die Eisenversorgung des Menschen über pflanzliche Nahrung wichtig sind, stellen die Forschenden in der Fachzeitschrift Plant Physiology vor. 

Vorgeschlagenes Arbeitsmodell: Durch die Verbindung von PATELLIN2 und IRT1 trägt Vitamin E (Tocopherol) während der Eisenaufnahme in der Wurzel von Arabidopsis thaliana zu verringertem oxidativem Membranstress bei.

Vorgeschlagenes Arbeitsmodell: Durch die Verbindung von PATELLIN2 und IRT1 trägt Vitamin E (Tocopherol) während der Eisenaufnahme in der Wurzel von Arabidopsis thaliana zu verringertem oxidativem Membranstress bei. HHU / Jannik Hornbergs 

  • Eisen ist ein unverzichtbarer Mikronährstoff für den Menschen. 
  • Eisen- und auch Zinkmangel in der menschlichen Ernährung verursachen schwerste gesundheitliche Schäden, vor allem bei Ungeborenen und Kleinkindern. 

Zur Sicherung der Welternährung und Bekämpfung der Mangelernährung gerade in den ärmsten Ländern ist es deshalb notwendig, die Eisenversorgung vordringlich aus pflanzlichen Quellen zu gewährleisten und durch gezielte Züchtung zu verbessern.

Pflanzen benötigen Eisen, um grundlegende Stoffwechselreaktionen wie ihre Photosynthese und Atmung zu ermöglichen. 

Für sie ist Eisen aber ein zweischneidiges Schwert: Ungünstige Umweltbedingungen wie Trockenheit können Pflanzen in Stress versetzen, der durch die Anwesenheit reaktiver Metallionen – dazu gehört auch Eisen – verschärft wird. Solchen Stressbedingungen können sich die ortsfesten Pflanzen nicht entziehen: Sie mussten deshalb im Verlauf ihrer Entwicklung andere Möglichkeiten entwickeln, um mit den Stressfaktoren umzugehen.

Hierzu gehört die Eisenregulation. Für die Forschung und Anwendung ist es wichtig zu verstehen, wie Pflanzen den Erwerb und einen Gleichgewichtszustand (Homöostase) von Mikronährstoffen während ihres Wachstums mit den potenziell gefährlichen Folgen von oxidativem Stress in Einklang bringen. Sind diese Prozesse bekannt, können sie gezielt beeinflusst werden, um Pflanzenproduktivität und Lebensmittelqualität insbesondere auch angesichts des Klimawandels – der zu mehr Trockenheitsphasen führen kann – zu verbessern.

Ein Team aus der Biologie, Chemie und Medizin der HHU unter der Leitung von Prof. Dr. Petra Bauer und Dr. Rumen Ivanov vom Institut für Botanik der HHU hat die Mechanismen des Eisenerwerbs in Pflanzen – stellvertretend anhand der Modellpflanze Arabidopsis thaliana (Ackerschmalwand) – untersucht. Dabei spielt das Eisentransportprotein IRT1 eine wichtige Rolle bei der Eisenaufnahme in Pflanzenwurzeln.

Die Aktivität von IRT1 wird von Wurzelzellen kontrolliert, wodurch Pflanzen die durch Metallionen hervorgerufene Toxizität und oxidativen Stress begrenzen können. 

Die HHU-Forschenden konnten zeigen, dass IRT1 ein bestimmtes Transportmolekül bindet, das sogenannte SEC14-Domänen-Lipidtransferprotein PATELLIN2. Dieses verändert wiederum seine Proteinumgebung in Abhängigkeit von der Eisenversorgung.

  • Ein Lipidtransferprotein, das eine SEC14-Domäne enthält, spielt beim Menschen eine entscheidende Rolle für die Vitamin-E-Homöostase und den Transport von Vitamin E vom Darm über die Leber zu den verschiedenen Organen des Körpers. 
  • Vitamin E selbst gewinnt der Körper aus pflanzlichen Lebensmitteln, vor allem aus Blättern und Samen.


PATELLIN2 kann das Molekül Alpha-Tocopherol binden, eine der wichtigsten Vitamin-E-Verbindungen in Blättern und Wurzeln. Jannik Hornbergs, der die Studien während seiner Promotion an der HHU zusammen mit Dr. Karolin Montag durchführte: „Wir haben festgestellt, dass das SEC14-Lipid-Transferprotein PATELLIN2 und Tocopherole für die Eisenmobilisierung in der Wurzel und die antioxidativen Aktivitäten als Reaktion auf Eisen entscheidend sind.“

Die Verbindung zwischen der Regulierung von Eisentransportern und einem SEC14-Lipid-Transferprotein liefert neue Arbeitsmodelle dafür, wie Zellen Vitamin E nutzen können, um das Ausmaß des durch Eisen ausgelösten oxidativen Stresses zu kontrollieren. 

Dr. Rumen Ivanov und Prof. Bauer zur Bedeutung der Ergebnisse: „Letztlich können diese nun bekannten Zusammenhänge genutzt werden, um neue Zuchtziele für Nutzpflanzen zu identifizieren, mit denen eine Stressresistenz und ein möglichst hoher Eisengehalt in den Pflanzen erreicht werden kann.“

Das Forschungsprogramm wurde im Rahmen des an der HHU angesiedelten Sonderforschungsbereichs 1208 „Identity and dynamics of membrane systems – from molecules to cellular functions“ durchgeführt. Neben dem Team von Prof. Bauer waren die Arbeitsgruppen von Prof. Dr. Kai Stühler (Molecular Proteomics Laboratory), Prof. Dr. Birgit Strodel (Computational Biochemistry Group), Prof. Dr. Laura Hartmann (Institut für Makromolekulare Chemie) und Prof. Dr. Jürgen Zeier (Molekulare Ökophysiologie der Pflanzen) beteiligt.


Originalpublikation:

Jannik Hornbergs, Karolin Montag, Jennifer Loschwitz, Inga Mohr, Gereon Poschmann, Anika Schnake, Regina Gratz, Tzvetina Brumbarova, Monique Eutebach, Kalina Angrand, Claudia Fink-Straube, Kai Stühler, Jürgen Zeier, Laura Hartmann, Birgit Strodel, Rumen Ivanov, Petra Bauer: SEC14-GOLD protein PATELLIN2 binds IRON-REGULATED TRANSPORTER1 linking root iron uptake to vitamin E, Plant Physiology, kiac563 (2022).

DOI: 10.1093/plphys/kiac563

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Dr. Lisa Strobelt: PD Dr. Fabian Volk: Fazialisparese und Mundgesundheit bei halbseitiger Gesichtslähmung

Medizin am Abend Berlin DirektKontakt:  MaAB-Fazit: Fazialisparese: Auch Mundgesundheit betroffen

Halbseitige Gesichtslähmungen wirken sich auch auf den Gesundheitszustand von Zähnen und Zahnfleisch aus. 

Eine Fallkontrollstudie des Universitätsklinikum Jena zeigte, dass die Mundgesundheit von Patientinnen und Patienten im Vergleich zu Gesunden vermindert ist. 

Auch im Seitenvergleich schnitt die gelähmte Gesichtshälfte schlechter ab als die nicht betroffene Seite. 

Das Autorenteam der in PLOS ONE veröffentlichten Studie empfiehlt deshalb die Ergänzung der Behandlung um zahnmedizinische Kontrollen. 

Eine Fallkontrollstudie des Universitätsklinikum Jena zeigte, dass die Mundgesundheit von Patientinnen und Patienten mit Fazialisparese im Vergleich zu Gesunden vermindert ist.

Eine Fallkontrollstudie des Universitätsklinikum Jena zeigte, dass die Mundgesundheit von Patientinnen und Patienten mit Fazialisparese im Vergleich zu Gesunden vermindert ist. Astrid Wetzel/UKJ Universitätsklinikum Jena

  • Die meisten Betroffenen fühlen sich schwer beeinträchtigt, wenn durch eine Erkrankung des Gesichtsnervs die Muskulatur im Gesicht unbeweglich wird. 
  • Das Sprechen fällt schwer, die Mimik ist eingeschränkt, Essen und Trinken bereiten Probleme. 

Das führt dazu, dass die oft auf eine Gesichtshälfte beschränkte Lähmung, die als Fazialisparese bezeichnet wird, auch als psychisch sehr belastend empfunden wird und sich Patientinnen und Patienten sozial zurückziehen.  

  • Wegen der Komplexität der Erkrankung, die zum Beispiel nach Operationen oder Infektionen auftreten kann und in einem Drittel der Fälle nicht vollständig abklingt, kümmert sich im Fazialis-Nerv-Zentrum am Universitätsklinikum Jena ein interdisziplinäres Team um die Betroffenen.

Ein wichtiger Aspekt dieser Behandlung ist die Vermeidung von Folgeschäden. 

  • Dazu zählt zum Beispiel eine regelmäßige augenärztliche Kontrolle, weil auf der gelähmten Seite Lidschluss und Tränenproduktion beeinträchtigt sein können.

 „Es wird auch beobachtet, dass die Patienten Probleme mit der Mundhygiene und daraus resultierend mit der Zahn-und Mundgesundheit haben“, so Lisa Strobelt, „dazu gab es aber unseres Wissens noch keine systematischen Analysen.“ Die inzwischen approbierte Zahnärztin machte deshalb eine Untersuchung der Mundgesundheit von Patientinnen und Patienten mit Fazialisparese zum Thema ihrer Doktorarbeit.

Insgesamt 86 Personen nahmen an der Studie teil, die Hälfte mit einer Fazialisparese, die andere mit gesunder Gesichtsmuskulatur. Lisa Strobelt bestimmte bei allen mehrere zahnmedizinische Indizes, um die Mundgesundheit einschätzen und vergleichen zu können. 

  • Sie untersuchte, wie fest die Zähne sitzen, wieviel Zahnbelag und Zahnstein vorhanden ist, ob Zähne kariös sind und wie viele Füllungen sie aufweisen, wie tief die Zahnfleischtaschen sind und ob das Zahnfleisch zu Blutungen neigt. 

In der Paresegruppe erhob sie diese Werte sowohl für die gelähmte als auch für die andere Gesichtshälfte. Außerdem beantworteten die Studienteilnehmer Fragen zu ihrer Zahnhygiene und der Einschätzung der eigenen Mundgesundheit.

Das Ergebnis: 

  • In der Studiengruppe mit Fazialisparese traten deutlich häufiger Zahnbelag, Zahnfleischbluten und unbehandelte Karies auf als in der Kontrollgruppe. 
  • Zahnstein und Zahnlockerungen waren jeweils etwa gleich häufig. 
  • Der Vergleich der Gesichtsseiten in der Paresegruppe zeigte, dass die gelähmte Seite weitaus mehr von Zahnbelag, Zahnfleischbluten und -taschen, von Parodontitis und daraus folgend von einem Abbau des Zahnhalteapparates betroffen war als die gesunde Seite. 

Dieser Seitenunterschied war bei Männern deutlicher als bei Frauen. 

Es spielte auch eine Rolle, welche Seite gelähmt ist und mit welcher Hand die Zahnbürste geführt wird: Bei Rechtshändern mit einer linksseitigen Parese fiel der Seitenunterschied geringer aus. Dieser Effekt war jedoch nicht signifikant.

Die Einschätzungen der Studiengruppen zu ihrer Mundhygiene ergänzen diese Befunde. Über die Hälfte der Paresegruppe behielt mit Einsetzen der Lähmung die Zahnputzgewohnheiten bei, ein Teil wechselte wegen der veränderten Empfindlichkeit von der elektrischen auf eine Handzahnbürste. 

  • Die mangelnde Beweglichkeit und Lippenschluss führten dazu, dass manche Patienten Zahnseide und Mundspülung seltener einsetzten. 
  • Die Mehrzahl der Paresebetroffenen berichtete von häufigen Bissen in die Wange, Speiseresten in der Wangentasche und Speichelfluss im Mundwinkel auf der gelähmten Seite. Zahnarztbesuche waren seltener als in der Kontrollgruppe.

„Mit unserer systematischen Untersuchung konnten wir detailliert belegen, dass eine Fazialisparese durch die veränderte Motorik und Speichelproduktion die Mundgesundheit deutlich beeinträchtigt“, fasst Lisa Strobelt, zusammen, „deshalb ist es wichtig, dass die Betroffenen ihre Mundhygiene nicht vernachlässigen.“ 

„Das ist eine wichtige Ergänzung für unser Behandlungskonzept. 

Wir weisen unsere Patientinnen und Patienten jetzt auf dieses vorher kaum bekannte erhöhte Risiko für ihre Zähne hin und raten, zahnärztliche Kontrollen, aber auch das vor der Fazialisparese gewohnte Zähneputzen nicht aufgrund der Lähmung zu vernachlässigen“, ergänzt PD Dr. Fabian Volk, der Leiter des Jenaer Fazialis-Nerv-Zentrums.

Der HNO-Arzt betreute das Projekt gemeinsam mit der Zahnärztin PD Dr. Ina Schüler, die die Sektion Präventive Zahnheilkunde am Uniklinikum Jena leitet. 

Sie betont die Interdisziplinarität der Studie: 

„Sie zeigt, wie wichtig es ist, dass sowohl die Zahnmediziner den gesamten Menschen als auch die Humanmediziner die Mundhöhle im Blick haben und die möglichen Auswirkungen von Erkrankungen auf die Mundgesundheit berücksichtigen können.“ 

Dieser Aspekt gewinnt auch im Zahnmedizinstudium an Bedeutung.

Lisa Strobelt, die inzwischen ihr Studium abgeschlossen hat und als Zahnärztin arbeitet, hat in einem Flyer für Patientinnen und Patienten mit Gesichtslähmung hilfreiche Tipps für tägliche Mundpflege zusammengestellt. 

Sie schreibt an ihrer Doktorarbeit, die sie 2023 einreichen möchte.

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Lisa Strobelt
Fazialis-Nerv-Zentrum, Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde; Universitätsklinikum Jena
lisa.strobelt@gmx.de

Kastanienstraße 1
07747 Jena
Deutschland
Thüringen

Dr. Uta von der Gönna
Telefon: 03641/ 9391108
Fax: 03641/ 9391102
E-Mail-Adresse: pr-dekanat@med.uni-jena.de
Originalpublikation:

Strobelt L, Kuttenreich AM, Volk GF, Beurskens C, Lehmann T, Schüler IM. Oral health and oral health-related quality of life in patients with chronic peripheral facial nerve palsy with synkineses-A case-control-study. PLoS One. 2022 Nov 17;17(11):e0276152. doi: 10.1371/journal.pone. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36395343/


Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte

https://www.uniklinikum-jena.de/fazialis/ Homepage des Fazialis-Nerv-Zentrums am Uniklinikum Jena