Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Narben im Körper: Wie ein körpereigener Rezeptor die Zell-zu-Zell-Kommunikation entscheidend beeinflusst
Eine Studie von Wissenschaftler*innen der Universitätsmedizin
Magdeburg deckt neue Mechanismen bei der Entstehung von Nierenfibrosen
auf und bringt damit ein weit verbreitetes Dogma ins Wanken.
Eine
wichtige Rolle spielt dabei der Notch-3-Rezeptor.
Diabetes, Bluthochdruck oder chronische Entzündungen können mit der
Zeit zu Vernarbungen von Organen führen.
Diesen unerwünschten
Bindegewebszuwachs nennt man Fibrose.
Im schlimmsten Fall werden Organe
so verändert, dass sie nicht mehr richtig arbeiten können und am Ende
nur noch eine Organtransplantation hilft.

Dr. Sabine Brandt, Universitätsklinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten, Diabetologie und Endokrinologie Magdeburg Christian Morawe Universitätsmedizin Magdeburg (UMMD)
Das Team um Wissenschaftlerin Dr. Sabine Brandt von der
Universitätsklinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten, Diabetologie
und Endokrinologie Magdeburg hat die Prozesse zur Entstehung einer
Organfibrose am Beispiel der Niere genauer untersucht und dabei eine
bedeutende Entdeckung gemacht.
„Wir haben herausgefunden, dass die
Einwanderung der Immunzellen in entzündetes Gewebe und die Vernarbung
des Organs zwei getrennte Ereignisse sind.
Beide hängen aber von dem
gleichen Rezeptor Notch3 ab“, erläutert Dr. Brandt das Ergebnis ihrer
Studie und stellt damit gleichzeitig den bisherigen Stand der
Wissenschaft in Frage.
Fibrosen sind Reparaturprozesse im Körper, die
immer dem gleichen zentralen Mechanismus unterliegen:
Kommt es zu einer
Nierenverletzung, werden unzählige Immunzellen aktiviert, die in das
entzündete Gewebe „einwandern“.
Man spricht von der sogenannten
Immunzellinfiltration.
Bei einer unkontrollierten Immunzelleinwanderung
kommt es zu einer Überaktivierung von Bindegewebszellen und der
Entwicklung von Narben innerhalb des betroffenen Organs.
Ihre Ergebnisse, die in dem renommierten Wissenschaftsjournal „Journal
of the American Society of Nephrology“ veröffentlicht wurden, konnten
die Forscher in Versuchen mit Mäusen stützen.
Wurde der Rezeptor in
einer Immunzelle induziert, sorgte er dafür, dass die Immunzellen in das
entzündete Gewebe einwanderten.
Im umgekehrten Fall löste der Rezeptor
in der Bindegewebszelle die Vernarbung aus.
Laut Erstautorin Dr. Brandt
ist das ein klarer Beleg:
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass dieser Prozess
keine Einbahnstraße ist und die Funktionen des Rezeptors zellabhängig
reguliert werden. Der Notch3-Rezeptor arbeitet dabei als eine Art
Vermittler in beiden Prozessen.“ Rezeptoren sind kleine, sehr bedeutsame
Protein-Bausteine im menschlichen Körper. Sie fungieren als Antennen,
um Signale von Zelle zu Zelle zu übertragen.
Von den Erkenntnissen erhoffen sich die Wissenschaftler*innen, nun
gezielte Behandlungsstrategien zu entwickeln, die zum einem der
Entzündung der Niere und zum anderen deren Narbenbildung entgegenwirken.
Ob sich die Ergebnisse auch auf andere Fibrosearten übertragen lassen,
ist noch unklar.
Dennoch ist Dr. Brandt überzeugt:
„Organfibrose ist ein
häufiges Problem in allen Bereichen der Inneren Medizin und man geht
davon aus, dass Fibrosen für jeden zweiten Todesfall mitursächlich sind.
Deshalb glaube ich, dass diese Forschungsarbeit auch für diese Bereiche
von enormer Bedeutung sein kann.“
Das Forschungsprojekt wurde unter der Leitung von Klinikdirektor Prof.
Dr. Peter R. Mertens innerhalb des Sonderforschungsbereiches 854
„Molekulare Organisation der zellulären Kommunikation im Immunsystem“
durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und in
Kooperation mit hiesigen Arbeitsgruppen (Institut für Molekulare und
Klinische Immunologie, Institut für Klinische Chemie und Pathobiochemie,
Klinik für Hämatologie und Onkologie) sowie der Uniklinik RWTH Aachen,
dem Leibniz-Institut für Alternsforschung Jena und dem Helmholtz Zentrum
für Infektionsforschung Braunschweig umgesetzt. Das Thema wird im
Rahmen des Magdeburger Gesundheitscampus Immunologie, Infektiologie,
Inflammation (GC-I3) bearbeitet.
Medizin am Abend Berlin DirektKontakt www.medizin-am-abend.blogspot.com
Über Google: Medizin am Abend Berlin - idw - Informationsdienst Wissenschaft e. V.
Dr. rer. nat
Sabine Brandt
Universitätsklinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten,
Diabetologie und Endokrinologie Magdeburg, Tel.: 0391/67-13236,
sabine.brandt@med.ovgu.de
Friederike Süssig-Jeschor Universitätsmedizin Magdeburg
Leipziger Straße 44
39120 Magdeburg
Deutschland
Sachsen-Anhalt
Telefon: +49-391-67-27123
E-Mail-Adresse:
friederike.suessig-jeschor@med.ovgu.de
Originalpublikation:
https://jasn.asnjournals.org/content/early/2020/08/27/ASN.2019121289
Originalarbeit: Brandt, Sabine; Ballhause, Tobias; Bernhardt, Anja;
Becker, Annika; Salaru, Delia; Le-Deffge, Hien; Fehr, Alexander; Fu,
Yan; Philipsen, Lars; Djudjaj, Sonja; Müller, Andreas; Kramann, Rafael;
Ibrahim, Mahmoud; Geffers, Robert; Siebel, Chris; Isermann, Berend;
Heidel, Florian; Lindquist, Jonathan; Mertens, Peter
Fibrosis and immune cell infiltration are separate events regulated by cell-specific receptor Notch3 expression