Medizin am Abend Berlin Fazit: Social Media: Eine Gefahr für unsere Gesundheit?
Auf Social Media-Plattformen wie Facebook findet sich eine große
Fülle an gesundheitlichen Fehlinformationen.
- Dies lässt sich etwa am
Beispiel von Neuigkeiten zum Thema „Impfen“ beobachten.
Gleichzeitig
verringert sich die Zahl von Spezialisten im Gesundheitsjournalismus.
Eine solche Entwicklung kann ernsthafte schädliche Auswirkungen haben.
Menschen wenden sich an soziale Netzwerke, um sich über
Gesundheitsthemen zu informieren. Doch diese Netzwerke sind übersät von
Falschmeldungen und Ungenauigkeiten, wie Forscher in Sydney
herausgefunden haben.
„Eine Untersuchung legt nahe, dass bis zu einem Drittel der Videos bei
Youtube über bestimmte Gesundheitsthemen ungenaue oder verzerrte
Informationen wiedergeben.“, erläutert die Expertin Maryke Steffens, die
zur Zeit im Rahmen einer großen Studie am Australian Institute of
Health Innovation‘s Centre for Health Informatics der Macquarie
University über die Verbreitung von klinischen Nachweisen und
Fehlinformationen forscht.
-
„Eine andere Studie, welche sich mit Impf-Seiten bei Facebook
beschäftigt, hat herausgefunden, dass über die Hälfte der Posts nicht
mit den offiziellen Richtlinien für die Immunisierung übereinstimmen und
damit falsche Informationen wiedergeben.“
Medizinische Nachweise von fundierter klinischer Forschung sollten die
Grundlage für unsere Entscheidungen in gesundheitlichen Fragen sein.
Doch wenn diese Nachweise außerhalb der Forschung in Umlauf geraten und
sich im öffentlichen Raum mit anderen Glaubenseinstellungen oder
Meinungen vermischen, was sehr oft bei sozialen Netzwerken der Fall ist,
sind Mythen und Fehlinformationen das Resultat.
Wenn es unsere Gesundheit betrifft, kann dies alarmierende Folgen haben. In manchen Fällen sind die Auswirkungen sogar fatal.
Soziale Netzwerke bieten eine nützliche Quelle an aktuellen
Informationen und sie versorgen uns mit einer ausgezeichneten Plattform,
um Fragen loszuwerden und über Crowdsourcing nützliche Antworten zu
allen möglichen Themengebieten zu erhalten. Gleichzeitig sind sie jedoch
auch eine Brutstätte von versponnenen Theorien, fehlerhaften Angaben
und fragwürdigen Agenden.
Die Forschung von Maryke Steffens widmet sich den Methoden, welche
Gesundheitsorganisationen verwenden, um das Minenfeld der sozialen
Netzwerke nutzbar zu machen mit dem Ziel, das Vertrauen der
Öffentlichkeit in Impfungen zu erhöhen.
Laut Steffens kann die öffentliche Präsenz von Gesundheitsorganisationen
bei Themen rund um die Immunisierung auf sozialen Netzwerken dazu
beitragen, dass sie durch das Vertreten einer wissenschaftlich
begründeten Meinung – besonders auch für alle stillen Mitleser – eine
wichtige Funktion erfüllen.
Sie sagt ferner, dass Gesundheitsorganisationen soziale Netzwerke
verwenden, um Menschen mit Informationen zu versorgen und als
verlässliche Quelle aufzutreten, um Fragen über die Sicherheit bei
Impfungen und deren Inhaltsstoffe zu beantworten.
Laut ihr ist die Zielgebung, auf Fehlinformationen basierende
Kontroversen zu verhindern. Dies geschieht durch das Ermutigen von
Kommunikation, wobei jedoch jegliche Debatte über die Fakten oder den
Mehrwert von Impfungen vermieden wird.
Bedauerlicherweise, so führt Steffens aus, führt die schiere Menge an
Fehlinformationen auf Social Media ingesamt zu einer Minderung des
Vertrauens in Impfstoffe. Solche Informationen von geringer Qualität
hätten verheerende Auswirkungen.
Mittlerweile sind 20 Jahre vergangen, seit eine prestigeträchtige
medizinische Zeitschrift, The Lancet, einen Artikel des ehemaligen
britischen Doktors Andrew Wakefield veröffentlichte. In diesem stellte
er fälschlicherweise einen Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung (Mumps,
Masern und Röteln) und Autismus her.
Der Aufsatz wurde von der Zeitschrift und von Wakefields Mitautoren
wieder zurückgezogen. Zusätzlich wurde Wakefield wegen Täuschung und
„kaltherziger Gleichgültigkeit“ gegenüber Kindern unter seiner Obhut von
den zuständigen medizinischen Behörden die Lizenz entzogen.
Dennoch hat es fast zwei Dekaden gebraucht, bevor sich die Impfraten im
Vereinigten Königreich wieder erholt haben. Während dieser Zeit erlebten
englische Familien mehr als 12000 Fälle von Masern, Hunderte von
Krankenhauseinweisungen – viele davon mit ernsten Komplikationen – und
mindestens drei Todesfälle.
Ein weiteres großes Problem ist, dass sich die Zahl der spezialisierten
Journalisten sich beständig verringert: Die Anzahl der Neuigkeiten in
Medizin und Forschung, welche von der allgemeinen Presse abgedeckt
werden, nahm über einen Verlauf von zehn Jahren seit 2014 fast ein
Drittel ab, so Steffens.
-
„Journalisten, die keine Spezialisten in diesem Bereich sind, berichten
neuerdings viel häufiger über Neuigkeiten zur Gesundheit, aber ihnen
fehlen die Fähigkeiten, das Wissen und die Zeit, um die qualitativen
Standards im Gesundheitsjournalismus aufrecht zu erhalten“, berichtet
Steffens.
Gleichzeitig, so sagt sie, werden die sozialen Netzwerke viel mehr als
Mittel zur Informationsbeschaffung zu Gesundheitsthemen genutzt.
Statistiken von 2016 zeigen, dass fast die Hälfte aller Australier
Social Media sofort nutzen, wenn sie aufwachen, und dass 35 % Social
Media verwenden, um sich über Neuigkeiten und aktuelle Ereignisse zu
informieren.
Das bedeutet, dass Menschen Zugang zu einer weit gefächerten und
vielfältigen Bandbreite an Quellen haben. Gleichzeitig bedeutet es aber
auch, dass die Nutzer die Qualität und Glaubwürdigkeit dieser
Informationen selbst abschätzen müssen.
Studien in den USA haben gezeigt, dass 80 % der Internet-Nutzer online
nach Informationen zur Gesundheit gesucht haben und dass 42 % der
amerikanischen Erwachsenen angeben, dass Informationen auf Social Media
ihre Entscheidungen bei gesundheitlichen Angelegenheiten, wie etwa Sport
oder Ernährung, beeinflussen würden.
Steffens erläutert, dass die zahlenmäßige Abnahme von Spezialisten im
Gesundheitsjournalismus damit einhergeht, dass ihre breiter
aufgestellten Kollegen dazu tendieren, neue und interessante Funde
abzudecken. Dies kommt viel eher vor, als dass sie nachfolgende Studien
präsentieren, die eine Annahme widerlegen oder mit zusätzlichen
Nachweisen versehen.
Eine Studie von 2017 über Veröffentlichungen zur Krebs-Forschung hat
entdeckt, dass der Grad der Aufmerksamkeit in den Medien zu den
jeweiligen Aufsätzen in keinerlei Verhältnis zu deren Qualität steht,
sondern sich viel eher an weniger relevanten Faktoren, wie etwa der
Verfügbarkeit des Aufsatzes durch Open Access oder der Unterstützung
durch eine Medienmitteilung, orientiert.
Steffens führt aus, dass aufgrund von niedrigeren Standards im
Gesundheitsjournalismus die Gefahr besteht, dass sich im öffentlichen
Raum Fehlinformationen verbreiten. Gerade für Journalisten, die nicht
auf diesen Bereich spezialisiert sind, sei es schwierig, eine
übertrieben dargestellte und emotionale Sichtweise zu erkennen, die
Forschungsergebnisse möglicherweise verfälscht oder verzerrt darüber
Bericht erstattet.
Eine Möglichkeit, dies zu verhindern, wären Schulungen von nicht auf
diesen Bereich spezialisierten Journalisten. Eine andere Möglichkeit
findet sich in der Technologie, mit deren Hilfe Tools entwickelt wurden,
die automatisch die Fakten überprüfen: Diese können den Wahrheitsgehalt
von Aussagen zur Gesundheit auf sozialen Netzwerken, in Interviews und
in Reden abwägen, indem sie auf Datenbanken oder zuvor bereits in der
Forschung nachgewiesene Annahmen zurückgreifen.
Ein Beispiel hierfür wäre etwa die Seite „
Full Fact“ in dem Vereinigten
Königreich, das Tool
„ClaimBuster“ der University of Texas at Arlington,
oder die Seite
„Share the Facts“ der Duke University.
Obwohl es verlockend scheint, stellt das Vermeiden von Social Media
keine Lösung dar, so Steffens. Soziale Netzwerke seien für viele
Menschen eine wichtige Quelle, um an Informationen zu gelangen. Dennoch:
„Fehlinformationen haben sehr reale Auswirkungen auf die Gesundheit“,
sagt sie.
Fehlinformationen haben etwa in Japan die öffentliche Angst vor der
HPV-Impfung (gegen Gebärmutterhalskrebs) geschürt und in der Folge hat
die Regierung ihre Empfehlung für diese Impfung 2013 zurückgezogen.
Diese Angst hat sich laut Steffens leider weltweit verbreitet und sei
teilweise auf die Reichweite in den sozialen Netzwerken zurückzuführen.
„Um gegen Fehlinformationen und öffentliche Angst vorzugehen, müssen
diejenigen, welche sich für die Notwendigkeit von Impfungen aussprechen,
dort befinden, wo Menschen darüber reden und ihre Fragen über Impfungen
loswerden.“
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Maryke Steffens
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