Medizin am Abend Berlin Fazit: Eine Revolution in der Schlaganfalltherapie
Gleich fünf positive Studien innerhalb eines
Jahres brachten bei schweren Schlaganfällen so eindeutige Vorteile der
mechanischen Thrombektomie, dass vier von ihnen aus ethischen Gründen
vorzeitig abgebrochen werden mussten. „Die Ergebnisse sind so klar, dass
derzeit von einer Revolution in der Schlaganfalltherapie gesprochen
wird“, sagte Professor Hans-Christoph Diener von der Deutschen
Gesellschaft für Neurologie auf dem 88. Kongress der Deutschen
Gesellschaft für Neurologie in Düsseldorf. Er erklärt die Entwicklung,
wie es dazu kam und worin die Herausforderung für die
Patientenversorgung besteht.
Die mechanische Thrombektomie (c) Covidien
Als ich 1975 meine Facharztausbildung zum Neurologen begann, war
der
Schlaganfall das ungeliebte Kind in der Neurologie. Da es keine
Bildgebung gab, war es nicht möglich, zwischen
cerebralen Ischämien und
Blutungen zu unterscheiden. Die meisten Patienten mit Schlaganfall
wurden in einer Klinik für Innere Medizin abgelegt. Dann wurde
abgewartet, ob der Patient das Ereignis überlebt oder nicht.
Erfolgsgeschichte Stroke Unit
In den Folgejahren realisierten die Neurologen, dass es sich
beim
Schlaganfall um eine Erkrankung des Gehirns handelt, und begannen damit,
sich aktiv um das Krankheitsbild zu kümmern. 1994 wurde die erste
Stroke Unit (SU) in Deutschland in Essen eröffnet, und es stellte sich
rasch heraus, dass durch eine Behandlung auf der Stroke Unit sowohl bei
cerebralen Ischämien wie auch bei cerebralen Blutungen die Mortalität
und die permanente Morbidität signifikant reduziert werden können. Heute
existieren in Deutschland 256 zertifizierte Stroke Units. 107 von ihnen
sind überregionale SU, die technisch und personell besser ausgestattet
sind und die weiteren 159 regionalen SU bei der Behandlung unterstützen.
Das System der Stroke Units in Kombination mit den neuen
Behandlungsoptionen rettet heute jedes Jahr Zehntausenden Menschen das
Leben und bewahrt unzählige Patienten vor schwersten Behinderungen.
Denn im Jahr 2002 wurde die
systemische Thrombolyse mit rt-PA in einem
Zeitfenster von drei Stunden innerhalb der europäischen Union
zugelassen. Damit gab es zwei wissenschaftlich belegte Therapien für den
akuten Schlaganfall.
- Ein Nachteil der systemischen Thrombolyse war,
dass es bei Verschlüssen der großen proximalen Hirnarterien wie der
distalen Arteria carotis interna und der proximalen Arteria cerebri
media nur bei der Hälfte der Patienten zu einer Rekanalisierung mit
entsprechender klinischer Verbesserung kommt.
Großer Erfolg nach ersten Enttäuschungen
Ein wesentlicher technischer Fortschritt war die
Entwicklung von
Katheter-Systemen, mit denen es gelang, ähnlich wie in der Kardiologie,
eine Thrombektomie durchzuführen. Die ersten drei randomisierten
Studien, die diese Therapie untersuchten, verliefen allerdings negativ,
was auf einer Vielzahl von methodischen Mängeln dieser Studien beruhte.
In der Folgezeit wurden dann fünf große randomisierte Studien begonnen
bei Patienten mit
distalen Verschlüssen der Arteria carotis interna und
der proximalen Arteria cerebri media, in denen eine systemische
Thrombolyse im
Zeitfenster von 4,5 Stunden mit einer systemischen
Thrombolyse und zusätzlicher
Thrombektomie mit einem sogenannten
Stent-Retriever untersucht wurde.
Alle fünf Studien brachten innerhalb eines knappen Jahres positive
Ergebnisse, und vier der Studien mussten wegen eindeutiger Überlegenheit
der Thrombektomie vorzeitig abgebrochen werden. Nimmt man die fünf
Studien mit ihren 633 Patienten mit Thrombektomie zusammen und
vergleicht die Ergebnisse mit den 650 Patienten mit systemischer
Thrombolyse,
führte die Thrombektomie zu einer 2,42-fachen
Wahrscheinlichkeit, den Schlaganfall nur mit minimalen neurologischen
Ausfällen zu überleben. Bezüglich der Sterblichkeit ergab sich ein
positiver Trend, und es bestanden keine erhöhten Raten an
intrakraniellen Blutungen. Mit den Ergebnissen dieser fünf positiven
Studien ist ein wichtiger Meilenstein in der Schlaganfalltherapie
erreicht worden.
- Im Gegensatz zur systemischen Thrombolyse, bei der die
Rekanalisationsraten zwischen 40 und 50 % liegen, wurden hier
Rekanalisationsraten von 70 bis 90 % erreicht.
Die flächendeckende Versorgung
Die gesundheitspolitische Herausforderung wird sein, die Versorgung von
Schlaganfallpatienten in Stroke Units und Schlaganfallzentren so zu
organisieren, dass möglichst viele Patienten von dieser neuen Therapie
profitieren.
Vor allem gilt es sicherzustellen, dass die rund 10.000
zusätzlichen radiologisch-interventionellen Eingriffe pro Jahr auch
wirklich mit der notwendigen hohen Qualität durchgeführt werden können.
Referenzen
• Saver JL, Goyal M, Bonafe A, Diener HC, Levy EI, Pereira VM et al.
Stent-Retriever Thrombectomy after Intravenous t-PA vs. t-PA Alone in
Stroke. N Engl J Med. 2015
• Jovin TG, Chamorro A, Cobo E, de Miquel MA, Molina CA, Rovira A et al.
Thrombectomy within 8 Hours after Symptom Onset in Ischemic Stroke. N
Engl J Med. 2015
• Campbell BC, Mitchell PJ, Kleinig TJ, Dewey HM, Churilov L, Yassi N et
al. Endovascular Therapy for Ischemic Stroke with Perfusion-Imaging
Selection. N Engl J Med. 2015
• Goyal M, Demchuk AM, Menon BK, Eesa M, Rempel JL, Thornton J et al.
Randomized Assessment of Rapid Endovascular Treatment of Ischemic
Stroke. N Engl J Med. 2015
• Berkhemer OA, Fransen PS, Beumer D, van den Berg LA, Lingsma HF, Yoo
AJ et al. A randomized trial of intraarterial treatment for acute
ischemic stroke. N Engl J Med. 2015; 372(1): 11–20
Medizin am Abend Berlin DirektKontakt
Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener
Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Essen
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E-Mail: h.diener@uni-essen.de
Deutschen Gesellschaft für Neurologie
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Pressesprecher: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen
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