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Reimplantation der Inselzellen - Bauchspeicheldrüse

Medizin am Abend Berlin Fazit:  220.000 Zellen und eine OP geben Leonie Lebensfreude zurück

Ein interdisziplinäres Expertenteam des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus übertrug im August 2014 einem damals 10-jährigen Mädchen rund 220.000 körpereigene Inselzellen. Nun haben umfangreiche Tests bestätigt, dass das in Deutschland nur in Dresden etablierte Verfahren auch bei einem Kind erfolgreich angewandt werden kann. Die im Rahmen des zweiphasigen Eingriffs in die Leber implantierten Zellen helfen der Schülerin dabei, einen ausgeglichenen Zuckerstoffwechsel aufrecht zu erhalten. 

 Prof. Grützmann beendet die Operation von Leonie am OP-Tisch (rechts im Bild), während PD Dr. Barbara Ludwig sich mit ihrem Team um die frisch entnommene Bauchspeicheldrüse kümmert.
 Prof. Grützmann beendet die Operation von Leonie am OP-Tisch (rechts im Bild), während PD Dr. Barbara Ludwig sich mit ihrem Team um die frisch entnommene Bauchspeicheldrüse kümmert. Uniklinikum Dresden / Thomas Albrecht
 
Aber nicht nur Laborwerte belegen den erfolgreichen Einsatz der Inselzell- und Diabetes-Spezialistin Privatdozentin (PD) Dr. Barbara Ludwig aus der Medizinischen Klinik III und des Pankreas-Experten Professor Robert Grützmann aus der Klinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie. Nach Ende des 2006 begonnenen Leidenswegs mit insgesamt 28 Operationen und unzähligen äußerst schmerzhaften Entzündungen der Bauchspeicheldrüse – Pankreas – blüht das Mädchen merklich auf. Innerhalb eines Jahres wuchs sie zehn Zentimeter und nahm dabei über zehn Kilo zu.

„Die kindliche Lebensfreude war einfach weg“, beschreibt Leonies Mutter die Gefühlslage ihrer Tochter als Zehnjährige. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits 26 Operationen über sich ergehen lassen. Seit das Mädchen zwei Jahre alt war, litt es unter immer wieder auftretenden Entzündungen der Bauchspeicheldrüse. Um dem Geschehen Herr zu werden, operierten erst Chirurgen eines Dresdner Krankenhauses und dann Spezialisten eines norddeutschen Uniklinikums das Kind. Doch die operativen Behandlungen der Entzündungsherde hielten nie lange an. Einmal kam die nächste Entzündung bereits am Tag der Entlassung. Die dabei auftretenden Schmerzen waren sehr quälend und ließen sich nur mit starken Schmerzmitteln lindern. „Ich lag dann oft in meinem Bett und dachte ich sitze neben mir“, erinnert sich Leonie. Und auch in der Zeit ohne Entzündung drückte sie der so oft operierte Bauch.

Es waren die Berichte der Medien über die deutschlandweit erste Transplantation körpereigener Inselzellen bei einem Unfallopfer, die Leonies Mutter auf die besondere Expertise des Dresdner Uniklinikums aufmerksam machte. Prof. Grützmann hatte 2013 einem Gabelstaplerfahrer nach einem Arbeitsunfall die durchtrennte Bauchspeicheldrüse entfernt. Die darin befindlichen Inselzellen bereitete PD Dr. Ludwig dann so auf, dass diese nach der Transplantation in der Leber dort das lebenswichtige Insulin weiter produzieren. Während es bei Erwachsenen durchaus üblich ist, nach einer schweren Pankreatitis – die Entzündung der Bauchspeicheldrüse – das Organ zu entfernen und den Patienten damit zum Diabetiker zu machen, kam diese Option für Leonies Ärzte zunächst nicht in Frage. Als sich aber zeigte, dass alle anderen Möglichkeiten der Behandlung ausgeschöpft waren und eine Entfernung der Bauchspeicheldrüse wahrscheinlich nicht zu umgehen sei, haben sich die Dresdner Experten zusammengetan und überlegt, ob nach Entfernung der Bauchspeicheldrüse die Möglichkeit der Inselzell-Transplantation bei diesem Mädchen in Frage kommen könnte. Bestärkt sahen sie sich durch us-amerikanische Kollegen, die in wissenschaftlichen Aufsätzen über erfolgreiche Transplantationen dieser Art bei Kindern berichteten. „Ich hatte nie den Eindruck, dass sich die Dresdner Ärzte mit der Operation profilieren wollten“, sagt Leonies Mutter. Auch der Umstand, dass Prof. Grützmann eine Tochter im selben Alter hat und deshalb noch stärker mit dem Kind und seinen Eltern mitfühlen konnte, erleichterte die Entscheidung für die Transplantation.

Prof. Grützmann hatte im Vorfeld selbst noch einen letzten Versuch unternommen und einen Teil von Leonies Pankreas entfernt. Bei erwachsenen Patienten lassen sich so oft die Entzündungen eindämmen – bei der damals Neunjährigen leider nicht. Trotz der möglichen Konsequenzen war Leonie froh, dass die Bauchspeicheldrüse in der dann 27. OP entfernt wurde. Der daran anschließende 28. Eingriff war dann weniger gravierend, da ihr nur noch ihre aufbereiteten Inselzellen in die Leber injiziert wurden. Mit 27 Kilogramm Körpergewicht und einer Größe von 134 Zentimetern wurde Leonie Ende September 2014 aus dem Klinikum entlassen. Heute ist sie auf 144 Zentimeter gewachsen und wiegt 36 Kilogramm. Wichtiger ist für die heute Elfjährige aber etwas ganz anderes: „Ich habe keine Schmerzen mehr“, sagt sie. Und statt der 70 Fehltage im Schuljahr 2012/2013 waren es nach der Entlassung aus dem Uniklinikum nur noch drei – bei allen ging es dabei nur um wichtige Nachuntersuchungen. Die letzte fand Ende August statt. Leonie bekam eine Zuckerlösung gespritzt und musste sich danach im Minutentakt Blut abnehmen lassen. Dadurch konnten die Diabetologen feststellen, wie die transplantierten Inselzellen auf die Zuckergabe reagieren – wie erwartet bildeten sie vermehrt Insulin, um den Nährstoff für den Körper verwertbar zu machen. Zusätzlich zu diesem körpereigenen Insulin trägt Leonie eine Insulinpumpe, über die sie kontinuierlich eine sehr kleine Menge an Insulin bekommt, um die transplantierten Zellen zu unterstützen. Momentan benötigt sie glücklicherweise kein zusätzliches Insulin zum Essen, und sie kann ein Leben ohne größere Beschränkungen führen. „Es ist sehr erfreulich“, betont PD Dr. Ludwig, „dass die transplantierten Inseln gut funktionieren und einen Großteil der Blutzuckerregulation übernehmen. Dennoch ist es wichtig, dass Leonie wie Patienten mit Diabetes mellitus Typ 1 weiß, was ihren Blutzucker beeinflusst und die Therapie mit Insulin von außen über die Insulinpumpe beherrscht.“ Da die transplantierten Inselzellen aus ihrem eigenen Körper stammen, werden sie vom Körper auch nicht abgestoßen. Deshalb braucht sie die nach anderen Transplantationen so wichtigen Medikamente nicht, die das Immunsystem unterdrücken und dabei den Organismus stark belasten.

Mit dem Ausbleiben der Entzündungen gewann Leonie wieder Lebensfreude und Zuversicht. Auch dank der Unterstützung des jetzigen Gymnasiums und ihrer damaligen Grundschule gelang es ihr trotz der unzähligen Fehlstunden der Vorjahre so gute Leistungen zu bringen, dass sie die Bildungsempfehlung für das Gymnasium bekam. „Ich hoffe, dass es mir weiter so gut geht und ich das Gymnasium schaffe“, sagt Leonie, wenn sie nach ihren größten Wünschen gefragt wird. Neben der Schule nimmt sie nun Reitunterricht – aber nicht wie in den vergangenen Jahren als Therapie für ihre arg belastete Seele, sondern als ein Freizeitvergnügen, das so viele Mädchen in den Bann zieht. Bevor Leonie jedoch die Allgegenwärtigkeit der Krankenhausärzte endgültig hinter sich lässt, möchte sie ebenso wie ihre Mutter die Gelegenheit nutzen und sich in aller Öffentlichkeit bei Barbara Ludwig und Robert Grützmann bedanken. „Sie gaben uns das Vertrauen, die Unterstützung und den Mut diesen Schritt zu wagen, sie haben Leonie damit die Hoffnung aufs Leben zurückgegeben und ihr ein Lachen ins Gesicht gezaubert“, sagt Leonies Mutter.

Diabetes und die Operationen der Bauchspeicheldrüse gehören zu den Leuchttürmen bei Krankenversorgung und Forschung

„Die erfolgreiche Reimplantation der Inselzellen auch bei einem Kind belegt einmal mehr den Erfolg der intensiven Arbeit, die Klinikum und Fakultät in den vergangenen Jahren auch im Bereich der Diabetologie geleistet haben“, sagt Prof. Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums. So kamen international renommierte Wissenschaftler nach Dresden, um Grundlagenforschung wie auch Krankenversorgung auf diesem Gebiet voranzutreiben. Den Anfang machte der von der us-amerikanischen Elite-Universität Yale nach Dresden gekommene Prof. Michele Solimena, der hier den Forschungsbereich „Experimentelle Diabetologie“ etablierte und darauf aufbauend das Paul-Langerhans-Institut-Dresden des Helmholtz-Zentrums München gründete, das er heute leitet. In diesem Institut arbeitet auch PD Dr. Barbara Ludwig mit. Das Know-how für das Herauslösen der Inselzellen aus der Pankreas und deren Aufbereitung für eine Transplantation hatte sie sich in einem mehrjährigen USA-Aufenthalt angeeignet bevor sie in die von Prof. Stefan Bornstein geleitete Medizinische Klinik III nach Dresden wechselte und das hiesige Inseltransplantationszentrum etablierte. Unter anderem mussten die technischen Vorrausetzungen für die Aufbereitung der Spenderzellen geschaffen und ein kompletter Zertifizierungsprozess erfolgreich absolviert werden. Die dabei geschaffene Technologie und das erarbeitete Wissen um die Inselzellen kommen gleichermaßen der Krankenversorgung wie der Forschung zugute.







Leonie überreichte Prof. Grützmann und PD Dr. Ludwig ein selbstgebasteltes Dankeschön.
Leonie überreichte Prof. Grützmann und PD Dr. Ludwig ein selbstgebasteltes Dankeschön. Uniklinikum Dresden

Auf langjährige Erfahrungen in der operativen Therapie von Bauchspeicheldrüsen und damit verknüpfte Forschungsaktivitäten kann auch die Klinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie verweisen. Allein 2014 wurden weit über 120 Patienten an der Bauchspeicheldrüse operiert. Neben der vollständigen Entfernung des Organs ist es dank moderner OP-Methoden auch möglich, erkrankte Abschnitte der Drüse zu entfernen, um deren Gesamtfunktion als Lieferant von Verdauungssekreten und Insulin aufrecht zu erhalten. Damit gehört die Klinik bundesweit zu den größten Pankreaszentren. Die damit verbundene Erfahrung nutzen die Ärzte und Wissenschaftler, um in zahlreichen Forschungsprojekten die Diagnostik und Therapie von Erkrankungen der Bauchspeicheldrüse weiter zu verbessern. „Dass Prof. Grützmann ab 1. Oktober auf den Lehrstuhl der Chirurgie am Universitätsklinikum Erlangen berufen wurde, ist für uns Ehre und Verlust zugleich“, sagt Prof. Albrecht. Der erfahrene Viszeralchirurg ist auf allgemeinchirurgischen Gebiet der erste Ordinarius für Allgemeinchirurgie in Deutschland, der von einer Universität der neuen Bundesländer kommt.

Weitere Informationen

Zum Ablauf der Aufbereitung von Inselzellen:

Inseltransplantation Inselzelltransplantation


Zur Operation und Transplantation von Leonie: 

https://www.youtube.com/watch?v=LrTaUUr9rYY&feature=youtu.be



Für diesen Film erhielt Prof. Robert Grützmann auf dem diesjährigen Deutschen Chirurgenkongress den Video-Filmpreis der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Aufnahmen und Schnitt des Films führte Thomas Albrecht vom Zentrum für Medientechnologie in der Medizin des Dresdner Uniklinikums aus.

Medizin am Abend Berlin DirektKontakt

Universitätsklinikum Carl Gustav Carus
Medizinische Klinik III Klinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie
PD Dr. med. Barbara Ludwig Prof. Dr. med. Robert Grützmann
Tel.: 0351 458 63 98 Tel.: 0351 458 69 96
E-Mail:
inseltransplantation@uniklinikum-dresden.de
robert.gruetzmann@uniklinkum-dresden.de
Holger Ostermeyer Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden

Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte:
http://www.uniklinikum-dresden.de/vtg

http://www.uniklinikum-dresden.de/mk3


https://www.youtube.com/watch?v=LrTaUUr9rYY&feature=youtu.be


http://www.uniklinikum-dresden.de/de/das-klinikum/kliniken-polikliniken-institut...

Koronare Herzerkrankung (KHK) und deren Folgen wie Herzinfarkt und Herzinsuffizienz

Medizin am Abend Berlin Fazit:   Forscher identifizieren Gene für Herzerkrankungen

Die koronare Herzerkrankung (KHK) und deren Folgen wie Herzinfarkt und Herzinsuffizienz ist eine der häufigsten lebensbedrohlichen Erkrankungen. Trotz zunehmend verbesserter Therapien ist die KHK unverändert eine der führenden Diagnosen der Todesursachenstatistik. Deshalb untersuchen viele internationale Studien, welchen Einfluss unsere Erbanlagen haben, an einer KHK zu erkranken. Forscher des LIFE-Forschungszentrums der Universität Leipzig haben in Zusammenarbeit mit dem internationalen Konsortium CARDIoGRAM Gene identifiziert, die das Risiko, an einer KHK zu erkranken, erhöhen. 
 
LIFE beteiligte sich an diesem Konsortium mit den in der Leipziger Herzstudie gewonnen Daten (LIFE-Heart). Das Projekt wurde vom LIFE Forschungszentrum von Prof. Dr. Joachim Thiery (Institut für Laboratoriumsmedizin) und von Prof. Dr. Gerhard Schuler und Dr. Frank Beutner vom Herzzentrum Leipzig durchgeführt. Insgesamt wurden mehr als 7.000 Blutproben für das Projekt gesammelt.

Die genomweiten Analysen hat Prof. Dr. Markus Scholz vorgenommen.

  • Das Konsortium hat zehn Gene identifiziert, die in Zusammenhang mit den Ursachen für koronare Herzerkrankungen stehen. 
  • Für einige dieser Gene ist bereits eine Wirkung auf den Fettstoffwechsel und Übergewicht bekannt. 

Diese Ergebnisse könnten zur Erklärung der Entstehung der koronaren Herzerkrankung beitragen sowie perspektivisch zur Entwicklung von präventiven und therapeutischen Maßnahmen und Medikamentenentwicklungen führen. "Mit dieser Studie wurde der Katalog genetischer Varianten, die mit der Entstehung koronarer Atherosklerose in Zusammenhang stehen beträchtlich erweitert. Wir können diese Varianten nun in den Leipziger Kohortenstudien wie zum Beispiel LIFE-Adult und LIFE-Heart weiter untersuchen, etwa hinsichtlich der Zusammenhänge mit frühen subklinischen Veränderungen oder Veränderungen des Fettstoffwechsels", sagt Scholz.

  • Die Studie konnte weiterhin zeigen, dass die für koronare Herzerkrankung verantwortlichen genetischen Varianten häufig sind, aber mit jeweils geringem Einfluss. 

Vermutete seltene Varianten mit starkem Einfluss wurden in der Studie dagegen nicht gefunden.

Das internationale Konsortium CARDIoGRAM ist ein gemeinsames Projekt, das Daten aus mehreren genetischen Studien in großem Maßstab kombiniert. Ziel ist es, die Risikofaktoren für koronare Herzkrankheit und Herzinfarkt zu identifizieren. An den Forschungen sind Wissenschaftler aus aller Welt beteiligt. Das Konsortium wird durch das Wellcome Trust Sanger Institut, ein Forschungsinstitut mit Wohltätigkeitsorganisation, gefördert.

Originaltitel der Fachveröffentlichung in "Nature Genetics": "A Comprehensive 1000 Genomes-based GWAS meta-analysis of Coronary Artery Disease", doi:10.1038/ng.3396


Medizin am Abend Berlin DirektKontakt

Prof. Dr. Markus Scholz
Telefon: +49 341 97 16190
E-Mail: markus.scholz@imise.uni-leipzig.de
Andrea Wittrodt
Susann Huster Universität Leipzig

Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte:
http://www.nature.com/ng/journal/vaop/ncurrent/full/ng.3396.html

Alzheimererkrankung: Demenzforscher entdecken giftiges Peptid - Aeta-Amyloid

Medizin am Abend Berlin Fazit:  Alzheimererkrankung - Demenzforscher entdecken giftiges Peptid

Forscher um Christian Haass machen eine fundamentale Entdeckung: Das von ihnen erstmals erforschte Peptid Aeta-Amyloid spielt bei Alzheimer eine Rolle. Seine Wechselwirkung mit Beta-Amyloid ist hoch relevant für aktuelle therapeutische Studien. 
 
  • Bei Alzheimer-Kranken sammeln sich giftige Eiweißklumpen im Gehirn an, die die Nervenzellen schädigen.  

Als Auslöser für diesen verhängnisvollen Prozess gelten kleine Eiweißfragmente, die sogenannten Beta-Amyloid-Peptide, die von scherenartigen Enzymen aus einem Vorläufer-Protein herausgeschnitten werden.

Nun gelang einem internationalen Forscherteam um Christian Haass, Inhaber des Lehrstuhls für Stoffwechselbiochemie der LMU und Sprecher des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen in München, und Dr. Michael Willem von der LMU eine fundamentale Entdeckung: „Es gibt einen zweiten Weg, bei dem die scherenartigen Enzyme ein alternatives Eiweiß aus dem Vorläuferprotein herausschneiden“, sagt Christian Haass.

Die Forscher gaben dem neu entdeckten Peptid den Namen Amyloid-η (gesprochen: A(myloid)-Aeta). „Dieser Weg wurde 30 Jahre lang übersehen, weil sich Wissenschaftler weltweit mit den Entstehungsmechanismen des Beta-Amyloids auseinandergesetzt haben mit dem Ziel, dessen Produktion zu verhindern und so Alzheimer zu heilen“, sagt Christian Haass. Über ihre Ergebnisse berichten sie aktuell in der Fachzeitschrift Nature.

Bislang nicht bekannte Wechselwirkung festgestellt

In Zusammenarbeit mit der Neurobiologin Dr. Hélène Marie am IPMC-CNRS in Valbonne, Frankreich, sowie der Technischen Universität München (Professor Arthur Konnerth und Dr. Marc Aurel Busche) im Rahmen des Exzellenzclusters Synergy gelang es den Wissenschaftlern, die Funktion des Aeta-Amyloids im Gehirn zu bestimmen:

  • Während verklumptes Beta-Amyloid für Chaos sorgt, weil es Nervenzellen überaktiviert, bremst das Aeta-Amyloid die neuronale Stimulation. 

„Offenbar haben die zwei kleinen Eiweiße, die aus ein- und demselben Vorläuferprotein herausgeschnitten werden, gegensätzliche Wirkungen, die normalerweise genau austariert sind“, sagt Haass.

Diese Entdeckung hat einen direkten Einfluss auf derzeitige therapeutische Studien am Menschen, die sich bislang auf das Beta-Amyloid konzentrieren. So wird aktuell untersucht, ob die medikamentöse Unterdrückung der beta-Sekretase, der kleinen molekularen Scheren, die die Bildung von Beta-Amyloid initiieren, dazu führt, dass sich der Gedächtnisverlust bei Alzheimerpatienten verlangsamt.

  • Die Forscher um Haass und Willem haben nun festgestellt, dass die Blockade der beta-Sekretase zwar zu einer Reduktion von Beta-Amyloid führt, aber auch gleichzeitig eine massive Überproduktion von Aeta-Amyloid zur Folge hat. 

„Damit könnte es zu einer Störung der neuronalen Aktivität und damit der Gehirnfunktion kommen“, sagt Haass.

Die Münchner Alzheimerforscher raten daher, solche bisher nicht erwarteten Nebenwirkungen in den klinischen Studien genau zu verfolgen.

Medizin am Abend Berlin DirektKontakt:

Prof. Dr. Christian Haass
Lehrstuhl für Stoffwechselbiochemie der LMU
Sprecher des DZNE in München
Tel: (0)89 / 4400 - 46549
E-Mail: christian.haass@mail03.med.uni-muenchen.de

Dr. Michael Willem
Haass Lab
Tel: (0)89 / 4400 - 46533
E-Mail: michael.willem@mail03.med.uni-muenchen.de

Luise Dirscherl Ludwig-Maximilians-Universität München


Publikation
Michael Willem, Sabina Tahirovic, Marc Aurel Busche, Saak V. Ovsepian, Magda Chafai, Scherazad Kootar, Daniel Hornburg, Lewis D.B. Evans, Steven Moore, Anna Daria, Heike Hampel, Veronika Müller, Camilla Giudici, Brigitte Nuscher, Andrea Wenninger-Weinzierl, Elisabeth Kremmer, Michael T. Heneka, Dietmar R. Thal, Vilmantas Giedraitis, Lars Lannfelt, Ulrike Müller, Frederick J. Livesey, Felix Meissner, Jochen Herms, Arthur Konnerth, Hélène Marie & Christian Haass
η-Secretase processing of APP inhibits neuronal activity in the hippocampus
In: Nature 2015, doi: 10.1038/nature14864

Behandlung der Arteriosklerose - Therapie von Gefäßverengungen

Medizin am Abend Berlin Fazit:    Neuen molekularen Angriffspunkt für die Behandlung der Arteriosklerose entdeckt

Mannheimer Wissenschaftler identifizieren im Rahmen einer internationalen Kooperation das Enzym NDPKB als spezifischen Angriffspunkt für eine mögliche Therapie von Gefäßverengungen 
 
  • Gefäßverengungen, wie sie beispielsweise beim Krankheitsbild der Arteriosklerose entstehen, sind gekennzeichnet von Zellwucherungen der glatten Gefäßmuskulatur. 
  • Auch nach einer Angioplastie, bei der ein verengtes Gefäß (Stenose) mechanisch geweitet wird, führt die Bildung einer so genannten Neointima aus proliferierenden glatten Muskelzellen häufig zu einer erneuten Gefäßverengung (Restenose).

Wissenschaftler der Universitätsmedizin Mannheim erforschen die Prozesse, die diese Wucherungen auslösen. Ziel ist es, solche Prozesse verhindern bzw. gezielter behandeln zu können. Bei ihren Untersuchungen an verletzten Halsschlagadern von Mäusen haben die Forscher das Enzym Nukleosid-Diphosphat-Kinase B (NDPKB) als mögliches molekulares Target für eine entsprechende Therapie identifiziert.

  • Sie konnten zeigen, dass das Enzym NDPKB in glatten Muskelzellen verletzter Gefäße den Calzium-abhängigen Kaliumkanal SK4 aktiviert, der nur bei pathologischer, also krankhafter Vermehrung in den glatten Gefäßmuskelzellen vorkommt. 

  • Die Aktivierung erfolgt durch Phosphorylierung einer spezifischen Aminosäure, des Histidin 358. Die Aktivierung des Kanals kann deshalb durch das Protein Histidin-Phosphatase 1 (PHPT-1) aufgehoben werden.

Diese Beobachtungen sind von klinischer Bedeutung. Bei Gefäßerkrankungen, die mit der Vermehrung von glatten Muskelzellen einhergehen, wie Arteriosklerose und Restenosen, sollte die Hemmung der NDPKB bzw. Aktivierung der Phosphatase PHPT-1 Wirkung zeigen.

Es zeichnet sich deshalb hier ein Ansatz für eine gezielte Therapie der Arteriosklerose ab, indem gewebespezifisch auf die Interaktion von NDPKB und SK4-Kanal eingewirkt wird. Dessen tatsächliches Potenzial im Hinblick auf die Arteriosklerose zu ermitteln, erfordert jedoch weitere ausgiebige Untersuchungen in nachfolgenden Studien.

Publikation
Nucleoside Diphosphate Kinase B–Activated Intermediate Conductance Potassium Channels Are Critical for Neointima Formation in Mouse Carotid Arteries
Xiao-Bo Zhou, Yu-Xi Feng, Qiang Sun, Robert Lukowski, Yi Qiu, Katharina Spiger, Zhai Li, Peter Ruth, Michael Korth, Edward Y. Skolnik, Martin Borggrefe, Dobromir Dobrev, Thomas Wieland
Arterioscler Thromb Vasc Biol. 2015; 35: 1852-1861
DOI: 10.1161/ATVBAHA.115.305881

Medizin am Abend Berlin DirektKontakt

Theodor-Kutzer-Ufer 1-3
68167 Mannheim
Deutschland
Baden-Württemberg
E-Mail-Adresse: eva.wellnitz@medma.uni-heidelberg.de

Dr. Eva Maria Wellnitz

Telefon: 0621 / 383-1159
Fax: 0621 / 3832195


Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte
http://atvb.ahajournals.org/content/35/8/1852

Cholesterinsenkende Therapie neu gedacht - der PCSK9-Hemmer


Medizin am Abend Berlin Fazit:  

Cholesterinsenkende Therapie neu gedacht - der PCSK9-Hemmer



Jährlich sterben etwa 353.000 Menschen in Deutschland an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Damit sind diese hierzulande die Todesursache Nummer eins.1

Schuld daran ist oft das "schlechte" Cholesterin.2

Sogenannte Lipoproteine transportieren das Cholesterin im Blut. Für den Transport des Cholesterins in und aus der Leber heraus sind LDL (Low-Density Lipoprotein) und HDL (High-Density Lipoprotein) zuständig. Wird das LDL-Cholesterin während dieses Prozesses jedoch nicht ausreichend abgebaut, lagert es sich an den Gefäßinnenwänden an, was zu einer Verengung der Arterie führt. Diese Verengung kann eine Atherosklerose (Verhärtung der Arterie) verursachen, die Herz-Kreislauf-Erkrankungen bedingen3 und zum Tod führen kann.1

Besonders gefährdet sind hierbei sogenannte Hochrisiko-Patienten. Das sind z.B. Patienten, die aufgrund einer vorliegenden erblichen Erkrankung - der familiären Hypercholesterinämie (FH) - besonders hohe LDL-Cholesterin-Werte haben und bei denen eine herkömmliche cholesterinsenkende Therapie mit Statinen häufig nicht ausreicht.4

In diesem Geschehen spielt das geheimnisvoll klingende Akronym PCSK9 (Proprotein-konvertase Subtilisin/Kexin Typ 9) eine entscheidende Rolle. Dahinter verbirgt sich nämlich ein Protein, das die Leber daran hindert, das "schlechte" LDL-Cholesterin aus dem Blut zu entfernen, was unweigerlich zu erhöhten Cholesterinwerten führt. Normalerweise helfen sogenannte LDL-Rezeptoren (Bindungsstellen für das LDL-Cholesterin an der Leber-zelloberfläche) dem Organ, das LDL-Cholesterin aus dem Blut herauszufiltern.5

Das PCSK9-Protein aber stört diesen Prozess, da es die LDL-Rezeptoren bindet, zu deren Ab-bau in der Leberzelle führt und sie somit für die Aufnahme von LDL-Cholesterin nicht mehr zur Verfügung stehen. Es gilt also, diese "Blockade" zu unterbinden und der Leber ihre natürliche LDL-Cholesterin-Reinigungsfunktion zurückzugeben.

Gute Mutation gegen schlechtes Cholesterin - die Entdeckung von PCSK9
Bei der familiären Hypercholesterinämie können Betroffene schon in jungen Jahren an zu hohen LDL-Cholesterin-Werten leiden.6 Es gilt jedoch: Je niedriger das LDL-Cholesterin, desto geringer ist das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.7 Die Folgen für FH-Patienten sind dementsprechend fatal: Für über 50 % der Männer mit FH besteht bereits mit 50 Jahren das Risiko an koronaren Herzkrankheiten zu erkranken. Bei Frauen um das 60. Lebensjahr betrifft dies mindestens 30 %.8

Durch Studien an Familien mit FH entdeckten Wissenschaftler im Jahr 2003 das Protein PCSK9 und dessen Bedeutung für den LDL-Cholesterin-Spiegel.9 Es zeigte sich, dass Mutationen, d. h. genetische Veränderungen, die Aktivität von PCSK9 verstärken können und dadurch die LDL-Cholesterin-Werte ansteigen.10 Ein Zusammenhang zwischen dem Pro-tein PCSK9 und hohen Cholesterinwerten war hergestellt.

Daraus ergab sich natürlich eine entscheidende Frage: Führt im Umkehrschluss eine verminderte Aktivität von PCSK9 zu niedrigeren LDL-Cholesterin-Werten? Schon 2 Jahre später, im Jahr 2005, folgte die Antwort: Studienergebnisse stützten die Hypothese, dass die Hemmung von PCSK9 zu einer Senkung von LDL-Cholesterin-Werten führen kann.11

In nur 10 Jahren zu einem neuen Medikament 
Mit der Entdeckung der Mutation war der Grundstein für den Weg zu einer innovativen Therapieoption gelegt. Für Amgen - das weltweit größte Biotechnologie-Unternehmen - begann damit ein bedeutendes Kapitel in der Kardiologie: Die Suche nach einem Antikörper, der verhindert, dass das Protein PCSK9 die LDL-Rezeptoren der Leber bindet, deren Abbau und somit auch die Reduktion von LDL-Cholesterin fördert.

Die Entwicklung neuer Medikamente ist ein langwieriger und kostenintensiver Prozess. Um Hochrisiko-Patienten jedoch die dringend benötigte Therapieoption bieten zu können, arbeitete Amgen mit Hochdruck an der Entwicklung des neuen Wirkstoffs.

In mehreren Schritten identifizierte Amgen einen geeigneten Antikörper gegen das Protein PCSK9. Dieser durch biotechnologische Verfahren synthetisch reproduzierte, vollhumane monoklonale Antikörper fördert den Abbau von LDL-Cholesterin und ist seit Juli 2015 weltweit als erster PCSK9-Hemmer zur Behandlung hoher Cholesterinwerte in Europa zugelassen.

Amgen - Pionier in der Biotechnologie 

Seit seiner Gründung leistet Amgen Pionierarbeit in der biotechnologischen Produktion von Medikamenten - zunächst in der Nephrologie, dann in der Onkologie und in der Osteoporose: Bereiche, in denen das Unternehmen damit neue Maßstäbe setzte. Mit dem neuen vollhumanen monoklonalen Antikörper steht nun erstmals auch eine sehr wertvolle biotechnologische Therapieoption für Herz-Kreislauf-Patienten mit hohen Cholesterinwerten zur Verfügung, die das Leben vieler Menschen verändern wird.

"Der Schlüssel zur Heilung liegt in uns selbst!" Das Credo des 1980 gegründeten Unternehmens drückt aus, dass sich in der menschlichen Biologie Potenziale entdecken lassen, um schwerwiegende Erkrankungen erfolgreich behandeln zu können. Dabei fokussiert sich Amgen vor allem auf Therapiegebiete, in denen ein bislang ungedeckter bzw. nicht ausreichend gedeckter Behandlungsbedarf besteht. Die PCSK9-Entdeckungsgeschichte belegt das eindrucksvoll.

Referenzen 

1   Nichols M, Townsend N, Scarborough P, Rayner M. European 
Cardiovascular Disease Statis-tics 2012 
2   Akram ON, Bernier A, Petrides F, et al. Beyond LDL Cholesterol, a
New Role for PCSK9. Arte-rioscler Thromb Vasc Biol. 2010;30:1279-1281
3   National Human Genome Research Institute. Learning About Familial
Hypercholesterolemia. http://www.genome.gov/25520184. Letzter Aufruf:
August 2015 
4   Nordestgaard BG, Chapman MJ, Humphries SE, et al. Familial 
hypercholesterolaemia is un-derdiagnosed and undertreated in the 
general population: guidance for clinicians to prevent coronary heart
disease. Eur Heart J. 2013;34:3478-3490 
5   Qian YW, Schmidt RJ, Zhang Y, et al. Secreted PCSK9 downregulates
low density lipoprotein receptor through receptor-mediated 
endocytosis. J Lipid Res. 2007;48:1488-1498 
6   Klose G, Laufs U, März W, Windler E. Familial 
Hypercholesterolemia: Developments in Diag-nosis and Treatment. Dtsch
Arztebl Int. 2014;111:523-529 
7   Cholesterol Treatment Trialists' (CTT) Collaborators. Efficacy 
and safety of cholesterol-lowering treatment: prospective 
meta-analysis of data from 90,056 participants in 14 randomised 
trials of statins. Lancet. 2005;366:1267-1278 
8   Marks D, Thorogood M, Neil HA, Humphries SE. A review on the 
diagnosis, natural history, and treatment of familial 
hypercholesterolaemia. Atherosclerosis. 2003;168:1-14 
9   Abifadel M, Varret M, Rabes JP, et al. Mutations in PCSK9 cause 
autosomal dominant hyper-cholesterolemia. Nat Genet. 2003;34:154-156
10   Park SW, Moon Y, Horton JA. Post-transcriptional regulation of 
low density lipoprotein receptor protein by proprotein convertase 
subtilisin/kexin type 9a in mouse liver. J Biol Chem. 
2004;279:50630-50638 
11   Cohen J, Pertsemlidis A, Kotowski IK, et al. Low LDL cholesterol
in individuals of African de-scent resulting from frequent nonsense 
mutations in PCSK9. Nature Genetics. 2005;37:161-165 

Medizin am Abend Berlin DirektKontakt 

Dr. Corinna Jacob, eMail: corinna.jacob@amgen.com
Telefon:  089-149096-1604

Konditionierungstherapie: Blutstammzelltransplantation - Leukämie (Blutkrebs)

Medizin am Abend Berlin Fazit:     Nur 160 Plätze für T-Vorläuferzellen im Thymus frei

MHH-Forscher untersuchen die T-Zellentwicklung im Thymus /Veröffentlichung in „Journal of Experimental Medicine“  Eine Lichtscheiben-Mikroskopie, die die dreidimensionale Darstellung und Messung von anatomischen Strukturen in vollständigen Organen wie dem Thymus erlaubt.
 Eine Lichtscheiben-Mikroskopie, die die dreidimensionale Darstellung und Messung von anatomischen Strukturen in vollständigen Organen wie dem Thymus erlaubt. "Foto: MHH/Krueger"
 
Patienten – insbesondere ältere Patienten – sind nach einer Blutstammzelltransplantation zum Beispiel zur Behandlung einer Leukämie (Blutkrebs) besonders anfällig für Infektionen.

Ein Grund für die erhöhte Anfälligkeit ist die verzögerte Neubildung von T-Lymphozyten (T-Zellen), die eine Schlüsselposition im Kampf gegen Infektionen einnehmen. Im ungünstigsten Fall kann die Regeneration von T-Zellen Monate bis Jahre in Anspruch nehmen. 
Im Gegensatz zu anderen Immunzellen machen Vorläuferzellen im Rahmen ihrer Reifung zu T-Zellen einen Umweg vom Knochenmark über den Thymus. Dort lernen die T-Vorläuferzellen, nur körperfremde Erreger wie Viren oder Bakterien zu bekämpfen und nicht das körpereigene Gewebe als fremd zu erkennen.

Die Besiedlung des Thymus durch Vorläuferzellen aus dem Knochenmark stellt einen möglichen Flaschenhals des Regenerationsprozesses dar. Das Team um Professor Dr. Andreas Krueger, REBIRTH-Arbeitsgruppe „Regenerative Immunologie“, Institut für Immunologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), hat nun aufgeklärt, wie viele T-Vorläuferzellen täglich in den Thymus wandern und für wie viele Zellen dort Platz ist.

 „Im Thymus der Maus gibt es ungefähr 160 Plätze für frische Vorläuferzellen aus dem Knochenmark; davon sind im Durchschnitt 150 Plätze tatsächlich immer besetzt. Das heißt, dass nur etwa zehn Zellen auf einmal in den Thymus aufgenommen werden. Wir konnten zeigen, dass jeder einzelne Platz für zehn bis zwölf Tage besetzt bleibt, bevor er für einen neuen Vorläufer zur Verfügung steht“, sagt Professor Krueger.

Eine Maus produziert täglich zehn Millionen frische T-Zellen im Thymus, der aus etwa 200 Millionen Zellen besteht. Da in diesem Zellgewirr die wenigen T-Vorläuferzellen nicht direkt gezählt werden können, entwickelten die Forscher eine Methode aus der Infektionsbiologie weiter, bei der mit fluoreszierenden Zellen nachgewiesen werden kann, wie viele Mikroorganismen einen Organismus befallen haben. „Wir injizierten einen Mix aus unterschiedlich markierten T-Vorläuferzellen und bestimmten mit einem speziell entwickelten mathematischen Modell, wie viele dieser Zellen den Prozess der T-Zell-Reifung durchlaufen haben. Dabei stellten wir fest, dass nur etwa zehn T-Vorläuferzellen auf einmal in den Thymus gelangen“, erklärt Professor Krueger.

  • Ein wichtiger Aspekt der Stammzelltransplantation ist das Schaffen von Platz für Spenderzellen durch eine sogenannte Konditionierungstherapie, zum Beispiel durch Bestrahlung. 

Eine solche Therapie könnte aber auch zu Gewebeschädigungen führen, die eine Besiedlung des Thymus erschwert. „Unsere Experimente deuten tatsächlich daraufhin, dass eine entsprechende Bestrahlung alle verfügbaren Plätze im Thymus für Spenderzellen zugänglich macht“, sagt Professor Krueger. „Als Nächstes wollen wir nun untersuchen, ob und wie sich der Flaschenhals Thymusbesiedlung im Alter verändert.“


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Professor Andreas Krüger, Telefon (0511) 532-9788
Krueger.Andreas@mh-hannover.de
Stefan Zorn Medizinische Hochschule Hannover

Die Originalarbeit finden Sie unter http://jem.rupress.org/content/early/2015/09/02/jem.20142143.full.

Flüchtlings-Erstaufnahme: Wachleute sollen medizinische Verantwortung tragen

Medizin am Abend Berlin Fazit:  Panorama 3

Mitarbeiter von Wachdiensten wehren sich nach Informationen des Fernseh-Magazins "Panorama 3" vom NDR dagegen, die medizinische Verantwortung in Flüchtlingsunterkünften übernehmen zu müssen. In den schleswig-holsteinischen Erstaufnahmeeinrichtungen Neumünster und Boostedt sind von abends bis morgens sowie am Wochenende die Mitarbeiter der Sicherheitsdienste alleinige Ansprechpartner bei allen gesundheitlichen Fragen und Problemen der Bewohner. Medizinisches Fachpersonal ist in der Regel nur werktags zwischen 8.00 Uhr und 16.00 Uhr vor Ort. Außerhalb dieser Zeiten müssen die Wachleute eigenverantwortlich entscheiden, ob ein Notarzt gerufen wird oder ob Hilfesuchende per Bus, Taxi oder mit dem Rettungswagen ins nächstgelegene Krankenhaus geschickt werden.

Übereinstimmend berichten Sicherheitsmitarbeiter in "Panorama 3" (Sendung: Dienstag, 8. September, 21.15 Uhr im NDR Fernsehen) außerdem, dass ihnen auch die Ausgabe von Medikamenten an die Bewohner übertragen wurde. Darunter seien in Einzelfällen auch verschreibungspflichtige Präparate wie Herzmedikamente oder Psychopharmaka gewesen.

Mehrere Mitarbeiter des Wachdienstes fühlen sich mit dieser Verantwortung überfordert. "Man ist unsicher und man hat natürlich Angst, was verkehrt zu machen, wenn man eben falsch reagiert", berichtet ein Wachmann gegenüber "Panorama 3". Nach eigenen Angaben verfügen die meisten nur über rudimentäre Kenntnisse in Erster Hilfe und sehen sich nicht in der Lage, die Schwere einer Erkrankung verantwortungsvoll abzuschätzen. Aus Kostengründen seien sie jedoch angehalten, nicht zu häufig Rettungswagen anzufordern.
Erschwerend kämen Verständigungsprobleme hinzu: "In einer Nachtschicht habe ich einem Bewohner, der an Darmparasiten erkrankt war, sein Medikament gebracht. Ich musste ihm den Beipackzettel übersetzen", berichtet ein Mitarbeiter. "Er sprach nicht gut englisch, das heißt, ich musste ihm quasi vorführen, wie das anzuwenden ist. Das ist ein Zustand, der ist einfach nicht tragbar."

Andrea Dallek vom Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein fordert, die medizinische Versorgung in den Flüchtlings-Erstaufnahmen rund um die Uhr sicherzustellen. "Dafür sind Wachmänner nicht zuständig, und die meisten haben es nicht gelernt", so Dallek zu "Panorama 3". "Da haben wir eine klare Überforderung der Wachleute."
Verantwortlich für die Organisation der medizinischen Betreuung ist das Landesamt für Ausländerangelegenheiten, das dem schleswig-holsteinischen Innenministerium unterstellt ist. Dessen Staatssekretärin Manuela Söller-Winkler weist den Vorwurf der Überforderung zurück. "Die Mitarbeiter des Sicherheitspersonals können natürlich keine Diagnose stellen, das erwartet auch niemand. Die Ansage ist, sich zu kümmern und das Notwendige zu veranlassen." In den Erstaufnahmestellen rund um die Uhr ärztliches Personal vorzuhalten, sei schlicht und einfach nicht möglich. Dass Sicherheitsmitarbeiter Medikamente ausgeben, sei allerdings nicht in Ordnung, so Söller-Winkler zu "Panorama 3": "Sie sind nicht qualifiziert, verschreibungspflichtige und nicht verschreibungspflichtige Medikamente zu unterscheiden und solche ärztlich verschriebenen Medikamente auszuteilen. Das kann nicht das normale Verfahren sein."

Aus Sicht des verantwortlichen Sicherheitsunternehmens Secura Protect werde die "medizinische Betreuung sowie Medikamentenausgabe einzig und allein vom DRK und dem medizinischen Dienst sichergestellt. Unsere Mitarbeiter sind medizinisch nicht geschult und leisten nur Hilfe in Form von 'Erster Hilfe' wie jeder Bürger." Allerdings räume man "Schwierigkeiten in der Anfangsphase" ein und könne "nicht ausschließen, dass Mitarbeiter ihre Kompetenzen überschritten haben".

Nach Informationen von "Panorama 3" wird den Sicherheitsmitarbeitern von ihrem Arbeitgeber, der Secura Protect, nur der gesetzliche Mindestlohn in Höhe von brutto 8,50 Euro pro Stunde gezahlt. Das geht aus Arbeitsverträgen hervor, die dem NDR vorliegen. Vorgeschrieben ist jedoch der schleswig-holsteinische Landesmindestlohn in Höhe von 9,18 Euro pro Stunde. Secura Protect teilte auf Nachfrage mit, die Firma zahle nach dem Vergabegesetz. Staatssekretärin Söller-Winkler bestätigte, dass der Landesmindestlohn verbindlich für öffentliche Auftragnehmer in Schleswig-Holstein ist und bei 9,18 Euro liegt: "Das kläre ich gerne auf, und dann ist das abzustellen."

Informationen zur Sendung auch unter www.NDR.de/panorama3

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Norddeutscher Rundfunk

Iris Bents

Tel: 040-4156-2304


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360° TOP-Thema: Austausch der Hauptschlagader - ECMO

Medizin am Abend Berlin Fazit:   Neue OP-Methode in Dresden: ECMO-Einsatz unterstützt Austausch der Hauptschlagader

Mit einer neuen Operationsmethode hat ein Ärzteteam um den Gefäßchirurgen Prof. Dr. Christian Reeps am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden ersten Patienten ein entzündetes Teilstück der Hauptschlagader, das zu platzen drohte, entfernt und gegen biologisches Ersatzmaterial ausgetauscht. Die Experten der Klinik für Viszeral , Thorax- und Gefäßchirurgie griffen während der knapp sechsstündigen Operation auf das Verfahren der extrakorporalen Membranoxygenierung (ECMO) zurück, dessen Anwendung am Uniklinikum die Spezialisten der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie ermöglichen. 

 Gefäßspezialist Prof. Dr. Christian Reeps regte die Etablierung des neuen Verfahrens am Dresdner Uniklinikum an.
Gefäßspezialist Prof. Dr. Christian Reeps regte die Etablierung des neuen Verfahrens am Dresdner Uniklinikum an.
Uniklinikum Dresden / Holger Ostermeyer
 
  • Dank des ECMO-Einsatzes, bei dem das Blut des Patienten außerhalb des Körpers mit Sauerstoff angereichert wird, gelang es den Ärzten Herz, Kreislauf und Lunge zu entlasten. 
  • Dadurch eignet sich die Behandlung insbesondere auch für ältere oder sehr kranke Patienten. 

Den Anstoß zur Etablierung der neuen OP-Methode gab der vor kurzem zum Professor berufene und erst im Mai aus München ans Dresdner Uniklinikum gewechselte Gefäßspezialist Prof. Christian Reeps.

  • Bei akuten Veränderungen der Hautschlagadern ist rasches Handeln gefragt, da eine plötzliche Blutung in vielen Fällen tödlich endet.

 „Diese Veränderungen entstehen etwa durch die Entzündung einer Gefäßstütze oder Stentprothese in der Hauptschlagader. Durch die Sepsis weicht die Blutbahn auf und droht zu platzen. Patienten in diesem Stadium kann dann oftmals nur noch ein Ersatz der Aorta helfen“, erklärt Gefäßchirurg Prof. Christian Reeps.

Während vor wenigen Jahren eine solche Erkrankung nur mit extremem Risiko behandelt werden konnten, haben sich die Chancen durch den Einsatz der maschinellen Kreislauf und Lungenunterstützung, der so genannten extrakorporalen Membranoxygenierung (ECMO), erheblich verbessert. Dieses Verfahren, das bisher schon in der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie bei Patienten mit akutem Lungenversagen eingesetzt wird, entlastet das Herz und unterstützt die Atmung sowie den Kreislauf des Patienten deutlich.

 „Das Blut des Patienten wird dazu vor dem Herzen entnommen, über eine Anlage außerhalb des Körpers mit Sauerstoff angereichert und zur Durchblutung der unteren Körperhälfte und Eingeweidearterien genutzt.

Nach dem Abschluss der Operation wird der Patient zunächst noch so lange künstlich beatmet, bis sich die Lungen- und Kreislauffunktion nach ein bis zwei Tagen wieder normalisiert hat“, erklärt Prof. Reeps weiter. Diese neue Methode schont durch Zuhilfenahme maschineller Herz-Lungen-Unterstützung insbesondere jene Patienten, die schon vor dem Eingriff gesundheitlich geschwächt waren.

  • Aber auch ältere Patienten vertragen dieses neue Verfahren sehr gut. 
So konnte beispielsweise der erste Dresdner Patient von Prof. Reeps, dem ein Hauptschlagaderersatz eingesetzt wurde, trotz seines hohen Alters von 80 Jahren bereits nach 14 Tagen die Klinik wieder verlassen.

Prof. Christian Reeps wechselte erst im Mai 2015 ans Dresdner Uniklinikum, nachdem er zuvor am Lehrstuhl und der Klinik für vaskuläre und endovaskuläre Chirurgie am Klinikum rechts der Isar an der TU München einen breiten Erfahrungsschatz in diesem Fachbereich erworben hatte. Diesen würdigte zuletzt die Medizinische Fakultät der TU München, als sie den Gefäßspezialisten zum außerplanmäßigen Professor ernannte.

 „Mit dem Know-How von Prof. Reeps erweitert sich das Portfolio des Bereichs für Gefäß- und Endovaskuläre Chirurgie am Uniklinikum erheblich“, stellt Prof. Dr. Jürgen Weitz, Direktor der Klinik und Poliklinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie am Uniklinikum fest. „Die neuen Operationsmöglichkeiten helfen dabei, die medizinische Maximalversorgung in Dresden und Ostsachsen weiter auszubauen und geben uns weitere Möglichkeiten an die Hand unsere Patienten optimal zu behandeln.“

Medizin am Abend Berlin DirektzKontakt

Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Klinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie
Direktor: Prof. Dr. med. Jürgen Weitz
Tel.: 0351 458 27 42
E-Mail: juergen.weitz@uniklinikum-dresden.de
Holger Ostermeyer Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden


Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte:
http://www.uniklinikum-dresden.de/vtg

360° TOP-Thema: Hohes Influenza-Risiko für Flüchtlinge in Notunterkünften Saison 2015/2016

Medizin am Abend Berlin Fazit:   GfV: Ende Oktober gegen Grippe impfen –




Die diesjährige saisonale Influenza steht in den Startlöchern. Die Zahl der Todesopfer infolge von Grippe wird in Deutschland auf jährlich 5000 bis 20.000 geschätzt. Besonders gefährdet, sich mit dem Influenza-Virus zu infizieren, sind Menschen in Notunterkünften, die auf engem Raum zusammen leben, warnt die Gesellschaft für Virologie (GfV). Möglichst viele Flüchtlinge sollten daher Ende Oktober eine Influenza-Impfung erhalten. 

Gleichzeitig ruft die GfV medizinisches Personal dazu auf, konsequenter auf den eigenen Impfschutz zu achten. Denn damit schützen sie nicht nur sich selbst, sondern auch ungeimpfte und immungeschwächte Patienten. 
 
Etwa 800.000 Menschen werden in diesem Jahr nach Schätzungen des Bundesinnenministeriums in Deutschland Schutz suchen. Viele Flüchtlinge leben zunächst auf engstem Raum in Erstaufnahmeeinrichtungen. Zudem sind sie meist nach langer Flucht schwach und krank. „Das sind optimale Voraussetzungen für das Influenza-Virus, sich schnell auszubreiten“, warnt Professor Dr. med. Hans-Dieter Klenk, Experte der wissenschaftlichen Fachgesellschaft für Virologie (GfV) von der Universität Marburg.

Zu den Risikogruppen zählen auch Menschen in Alters- und Pflegeheimen. Zudem sollten sich ganz allgemein Menschen ab 60 Jahren impfen lassen, sowie chronisch Kranke, wie etwa Menschen mit Diabetes oder Herzleiden, und Schwangere.

„Ärzte und Pfleger, die in Pflegeheimen, Kliniken oder Flüchtlingsunterkünften arbeiten, sollten ebenfalls unbedingt eine Schutzimpfung erhalten“, betont der GfV-Experte.

So könnten sie das Risiko für von ihnen betreute ungeimpfte und immungeschwächte Menschen reduzieren.

In 20 Prozent der Fälle nimmt die Influenza-Grippe einen schweren Verlauf mit hohem Fieber, Gliederschmerzen manchmal bis hin zu einem akuten Atemnotsyndrom.

Entscheidend für einen guten Schutz ist auch der Zeitpunkt der Impfung, sagt Professor Dr. med. Thomas Mertens, Präsident der GfV. Denn nach einer Influenza-Immunisierung bilden sich zwar Antikörper, ihre Zahl nimmt aber relativ rasch ab.

Deshalb sollte die Grippeimpfung nicht zu früh erfolgen. 

„Sinnvoll ist die Zeit zwischen Ende Oktober und Anfang November“, so Professor Mertens, Virologe am Universitätsklinikum Ulm und Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO).

Eine Impfung kann auch später gegebenfalls nachgeholt werden.

„Der Impfstoff steht seit Anfang September in ausreichender Menge zur Verfügung“, so die Experten der GfV. Jetzt müsse zeitnah geklärt werden, wie die logistische Herausforderung gemeistert werden kann, auch möglichst viele Menschen in Notunterkünften zu impfen.

Weitere Informationen für Medizin am Abend Berlin Beteiligte:

Impfstoffe mit Stammanpassung für die Saison 2015/2016

http://www.pei.de/DE/arzneimittel/impfstoff-impfstoffe-fuer-den-menschen/influen... 

(Stand: 2.9.2015)


Medizin am Abend Berlin DirektKontakt 

GfV
Kathrin Gießelmann
Postfach 30 11 20
70451 Stuttgart
Tel.: 0711 8931-981
Fax: 0711 8931-984
E-Mail: giesselmann@medizinkommunikation.org
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte:
http://www.g-f-v.org

360° TOP-Thema: Auszubildende zeigen riskantes Gesundheitsverhalten

Medizin am Abend Berlin Fazit:   Fehlzeiten-Report 2015: Mehr als jeder fünfte Auszubildende zeigt riskantes Gesundheitsverhalten

Auszubildende weisen zum Teil erhebliche Defizite bei Gesundheitszustand und Gesundheitsverhalten auf. Dies zeigt die erste repräsentative Befragung zur Gesundheit von Auszubildenden im Fehlzeiten-Report 2015 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).

Ein Drittel der Auszubildenden berichtet über häufig auftretende körperliche und psychische Beschwerden. 

Gesundheitsgefährdendes Verhalten wie wenig Bewegung, schlechte Ernährung, wenig Schlaf, Suchtmittelkonsum oder übermäßige Nutzung der digitalen Medien ist bei jedem fünften Auszubildenden zu beobachten.

Bei beinahe jedem zehnten Befragten treten gesundheitliche Beschwerden und gesundheitsgefährdendes Verhalten gleichzeitig auf. "Es braucht gesundheitsförderliche Maßnahmen, die auf die speziellen Bedürfnisse der Auszubildenden abgestimmt sind", sagt Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des WIdO und Mitherausgeber. "Betriebliche Gesundheitsförderung für diese Zielgruppe stellt auch einen Wettbewerbsfaktor für die Unternehmen dar. Mittelfristig werden in vielen Branchen und Regionen gesunde Auszubildende händeringend gebraucht." Der Fehlzeiten-Report macht deutlich, wie wichtig zielgruppenspezifische Präventionsangebote sind, die auf die jeweiligen Bedürfnisse eingehen.

Ende 2014 gab es knapp 1,4 Millionen Auszubildende in Deutschland, ca. 37.000 Ausbildungsstellen blieben unbesetzt. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung haben Unternehmen zunehmend Schwierigkeiten, die vorhandenen Ausbildungsstellen zu besetzen. Junge und gut ausgebildete Fachkräfte nützen dem Unternehmen nur, wenn sie gesund und leistungsfähig sind und auch bleiben. Die erste repräsentative Studie zum Gesundheitszustand der Auszubildenden in Deutschland, für die rund 1.300 Auszubildende Anfang des Jahres 2015 befragt wurden, zeigt jedoch, dass dies nicht überall gegeben ist.

Zahlreiche körperliche und psychische Gesundheitsbeschwerden 

Wie bei jüngeren Beschäftigten zu erwarten ist, schätzen vier von fünf Auszubildenden (83,6 Prozent) ihren allgemeinen Gesundheitszustand selbst als gut oder sehr gut ein. Zugleich berichten mehr als die Hälfte der Auszubildenden (56,5 Prozent) über häufige körperliche Beschwerden und 46,1 Prozent auch über psychische Beschwerden. So klagt jeder vierte Auszubildende über häufige Kopfschmerzen (25,7 Prozent), mehr als jeder fünfte leidet häufig an Rückenschmerzen (21,1 Prozent) und Verspannungen (22,1 Prozent).

Bei häufig auftretenden psychischen Beschwerden wurden vor allem Müdigkeit/Mattigkeit/Erschöpfung (36,0 Prozent), Lustlosigkeit/Ausgebranntsein (15,1 Prozent), Reizbarkeit (10,7 Prozent) und Schlafstörungen (10,0 Prozent) genannt. 

Problematisches Gesundheitsverhalten 

Da das Gesundheitsverhalten einen maßgeblichen Einfluss auf den aktuellen und auch zukünftigen Gesundheitszustand hat, ist es wichtig zu wissen, ob sich Auszubildende ausreichend bewegen, gesund ernähren oder ausreichend schlafen.

Wie bei jüngeren Menschen zu erwarten, zeigen sich hier teilweise Defizite in den Bereichen Bewegung, Ernährung und Schlaf sowie im Umgang mit Suchtmitteln und digitalen Medien. Ein Viertel der Auszubildenden ist kaum sportlich aktiv (26,1 Prozent). 27 Prozent der Befragten nehmen kein regelmäßiges Frühstück zu sich, und 15,8 Prozent verzichten auf ein tägliches Mittagessen. Zu den gesundheitsproblematischen Essgewohnheiten zählt darüber hinaus ein hoher Konsum an Fast-Food und zuckerhaltigen Lebensmitteln: Mehrfach pro Woche konsumieren 17,0 Prozent Fast-Food und 57,4 Prozent Süßigkeiten. Weibliche Auszubildende essen häufiger Süßigkeiten, während Männer zu einem höheren Anteil Fast-Food-Produkte zu sich nehmen.

Problematisch erscheint, dass mehr als ein Drittel der männlichen Auszubildenden und jede vierte weibliche Auszubildende werktags mit weniger als sieben Stunden Schlaf pro Nacht die Arbeit antreten - obwohl sie in ihrer Lebensphase eigentlich mehr Schlaf benötigen.

Dies empfindet ein Teil der Auszubildenden selbst als zu wenig: Mehr als 12 Prozent fühlen sich wochentags in Arbeit und Schule "fast nie" oder "niemals" ausgeruht und leistungsfähig. Darüber hinaus raucht mehr als jeder dritte Auszubildende und fast jeder Fünfte zeigt einen riskanten Alkoholkonsum.

Nahezu jeder zehnte Auszubildende pflegt einen risikobehafteten Gesundheitsstil 

Werden Auszubildende hinsichtlich ihrer gesundheitsbezogenen Lebensweise und ihrer individuellen Gesundheitsbeschwerden in entsprechenden Gesundheitsstilgruppen kategorisiert, zeigt sich:

Mehr als die Hälfte der Auszubildenden (54,3 Prozent) lebt gesundheitsbewusst und hat kaum körperliche und psychische Gesundheitsbeschwerden. Sie bilden die größte Gruppe der Auszubildenden. 

Dagegen erreicht das Gesundheitsverhalten bei mehr als jedem fünften Auszubildenden (21,9 Prozent) einen überdurchschnittlichen Gefährdungswert. Kriterien für diesen Typ sind beispielsweise, weniger als einmal im Monat einer sportlichen Betätigung nachzugehen oder mindestens einmal die Woche übermäßigen Alkohol zu trinken. Mehr als die Hälfte dieser Auszubildenden hat trotz dieser hohen gesundheitlichen Gefährdung nur wenige Gesundheitsbeschwerden (12,6 Prozent aller Auszubildenden). Bei den Auszubildenden mit "risikobehafteten" Gesundheitsstil (9,3 Prozent) trifft ein ungesunder Lebensstil bereits mit körperlichen und psychischen Beschwerden zusammen.

Deutliche Auswirkungen auf Ausbildung und Schule 

Es zeigt sich erwartungsgemäß, dass Auszubildende mit einem gesundheitsbewussten Stil die Arbeitsbedingungen wie auch die der Belastungssituation im Betrieb insgesamt positiver wahrnehmen. So schätzen diese definierten gesunden Auszubildenden ihre Arbeitsbedingungen in nahezu allen Aspekten am positivsten ein. Die Gruppe der risikobehafteten Auszubildenden nimmt eine deutlich kritischere Bewertung vor. Von ihnen fühlen sich 14,2 Prozent nicht angemessen im Betrieb gefordert, von den gesunden Auszubildenden sagen dies nur 5,7 Prozent. Jeder Vierte (28,5 Prozent) der risikobehafteten Befragten sieht die beruflichen Entwicklungschancen pessimistisch, die gesunden Auszubildenden sind mit 12,5 Prozent optimistischer. Auch das Verhalten des Vorgesetzten bewerten sie unterschiedlich: Während ein Fünftel der risikobehafteten Auszubildenden (20,6 Prozent) bemängelt, dass sich ihr Vorgesetzter nicht ausreichend Zeit für sie nimmt, liegt der Vergleichswert bei gesunden Auszubildenden deutlich niedriger (8,6 Prozent).

Hohe Zufriedenheit mit den Ausbildungsbetrieben 

Alles in Allem stellen die Auszubildenden der Gesamtsituation in ihren Betrieben ein positives Zeugnis aus: Drei Viertel der Auszubildenden (73,7 Prozent) sind zufrieden bzw. sehr zufrieden, lediglich 6,1 Prozent sind nicht zufrieden. Aber auch hier macht sich der Einfluss der Gesundheitsstile bemerkbar: Während mehr als jeder zehnte der risikobehafteten Auszubildenden (10,9 Prozent) mit der Arbeit im Betrieb nicht zufrieden ist, sind dies bei den gesunden Auszubildenden nur 3,3 Prozent. Es ist zu vermuten, dass eine hohe Zufriedenheit mit einem erfolgreichen Ausbildungsabschluss sowie einer Weiterbeschäftigung im Ausbildungsbetrieb einhergeht.

Großes Interesse an betrieblichen Gesundheitsangeboten 

Die Befragung zeigt, dass die Auszubildenden gegenüber betrieblichen Gesundheitsangeboten sehr aufgeschlossen sind. Fast drei Viertel der Auszubildenden halten Gesundheitsförderangebote des Betriebs für gut. Fast zwei Drittel von ihnen würden speziell auf Auszubildende zugeschnittene betriebliche Angebote bevorzugen. "Die Studienergebnisse zeigen auch, dass von Seiten der Auszubildenden ein hoher Bedarf an Maßnahmen zur Betrieblichen Gesundheitsförderung besteht. Für Unternehmen, die dies erkennen, bietet sich die Chance, Fehlzeiten bei Auszubildenden frühzeitig zu begegnen. Dafür sollten sie von Beginn an zielgruppengerechte gesundheitsförderliche Angebote entwickeln", so Schröder.

Krankenstand: Psychische Erkrankungen nehmen wieder zu 

Insgesamt ist der Krankenstand bei den elf Millionen AOK-versicherten Arbeitnehmern im Jahr 2014 im Vergleich zum Vorjahr mit einem Anstieg von 0,1 Prozentpunkt fast gleich geblieben und liegt nunmehr bei 5,2 Prozent.  

Damit hat jeder Beschäftigte im Durchschnitt 18,9 Tage aufgrund einer ärztlichen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung im Betrieb gefehlt. 

Bei Betrachtung der Fehlzeiten nach ursächlichen Krankheitsarten fällt auf: 

  • Psychische Erkrankungen sind im Durchschnitt wieder deutlich angestiegen. Nach einer Stagnation im Jahr 2013 legten sie entsprechend dem langjährigen Trend vor 2013 mit 9,7 Prozent wieder deutlich zu. Sie führen außerdem zu langen Ausfallzeiten. Mit 25,2 Tagen je Fall dauerten sie mehr als doppelt so lange wie der Durchschnitt mit 11,9 Tagen je Fall im Jahr 2014. 

Der Fehlzeiten-Report, der vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO), der Universität Bielefeld und der Beuth Hochschule für Technik Berlin herausgegeben wird, informiert jährlich umfassend über die Krankenstandsentwicklung in der deutschen Wirtschaft und beleuchtet dabei detailliert einzelne Branchen.

Schwerpunkt in diesem Jahr sind Beschäftigtengruppen, die bisher weniger im Fokus gestanden haben.


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AOK-Bundesverband:
Kai Behrens

030 / 346 46 2309

presse@bv.aok.de