Medizin am Abend Berlin Fazit: Pflege: Angehörige wenden im Schnitt rund 50 Stunden pro Woche auf, Pflegezeit noch wenig genutzt
Staatliche Arrangements wie die Pflegeversicherung entlasten
betroffene Familien.
Doch den Hauptteil der Arbeit machen bislang
Angehörige selbst – mit enormem zeitlichen und teilweise auch
finanziellem Aufwand.
Das zeigt eine neue, von der Hans-Böckler-Stiftung
geförderte Studie.* Trotz einiger politischer Initiativen funktioniert
die Verzahnung von Pflege und Arbeitsmarkt noch nicht gut.
Und ob
Pflegende die nötige Unterstützung erhalten, hängt stark vom sozialen
und finanziellen Hintergrund ab.
Die Pflege eines Verwandten ist oft mehr als ein Vollzeitjob:
63
Stunden in der Woche fallen in einem Haushalt mit pflegebedürftiger
Person im Schnitt an – Waschen, Hilfe beim Essen und im Haushalt oder
einfach da sein, um Orientierung zu geben und bei diesem oder jenem
helfen zu können.
Nur zehn Prozent der Arbeiten übernehmen
professionelle Dienste, alles Übrige leisten Angehörige, meist Ehefrauen
oder Töchter, und in kleinerem Umfang auch informelle Helfer wie
Freunde, Bekannte oder Nachbarn.
Allein die „Hauptpflegeperson“ ist im
Durchschnitt knapp 50 Stunden pro Woche eingespannt. Dies geht aus der
aktuellen Studie von Dr. Volker Hielscher, Dr. Sabine Kirchen-Peters und
Dr. Lukas Nock hervor. Die Wissenschaftler haben am Iso-Institut für
Sozialforschung und Sozialwirtschaft in Saarbrücken im Auftrag der
Hans-Böckler-Stiftung bundesweit mehr als 1.000 Haushalte befragt, in
denen Pflegebedürftige ab 65 Jahren leben – mit und ohne Einstufung in
der Pflegversicherung. Ihre Untersuchung zeigt nicht nur, wieviel Zeit
die Pflege in Anspruch nimmt. Deutlich werden auch Widersprüche in der
Sozialpolitik, etwa wie sich soziale Ungleichheit bei der Betreuung
hilfebedürftiger Menschen niederschlägt oder dass es bei der Verzahnung
von Pflege und Arbeitsmarkt in mehrerer Hinsicht knirscht: Das gilt für
die Arbeitsbedingungen osteuropäischer Pflegekräfte ebenso wie für die
Vereinbarkeit von Job und Familie oder für knappe Einkommen und
Rentenansprüche von Beschäftigten, die ihre Arbeitszeit aus
Pflegegründen reduziert haben.
– Mehr als die Hälfte verzichtet auf professionelle Unterstützung –
Gut 70 Prozent der Pflegebedürftigen werden zuhause versorgt. Meist gibt
es eine Hauptpflegeperson, die den Löwenanteil der Betreuung und
Versorgung sowie die Organisation schultert.
Am häufigsten handelt es
sich dabei um Ehefrauen, Töchter oder Schwiegertöchter. Nur ein Drittel
der Hauptpflegepersonen ist männlich – jedoch zeigt der Vergleich zu
früheren Studien, dass der Anteil pflegender Männer steigt.
Mehr als die
Hälfte der befragten Haushalte verzichtet vollkommen auf Unterstützung
durch Pflegedienste oder andere professionelle Hilfe. In jedem fünften
Pflegehaushalt macht die Hauptpflegeperson alles allein. Wie viel das
oft ist, unterstreicht eine weitere Zahl:
Selbst wenn die Krankenkassen
den hilfebedürftigen Älteren keine Pflegestufe zuerkannt haben, fallen
im Schnitt vier Stunden Arbeit am Tag für die betreuenden Angehörigen
an.
– Drei Viertel der Pflegenden gar nicht oder in Teilzeit erwerbstätig –
Schwierig gestaltet sich die Vereinbarkeit von Pflegeaufgaben und Beruf:
Rund ein Drittel der Hauptpflegepersonen im erwerbsfähigen Alter hat
die Arbeitszeit im Job reduziert; 44 Prozent dieser Gruppe sind gar
nicht erwerbstätig – das ist ein deutlich überdurchschnittlicher Wert.
Die Pflegenden riskieren damit, im Alter selber mit wenig Geld
dazustehen. Die gesetzliche Pflegezeit nutzten lediglich sechs Prozent
der berufstätigen Hauptpflegepersonen.
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Neben die zeitlichen Belastungen treten erhebliche finanzielle
Aufwendungen, etwa für Aufwandsentschädigungen und Fahrtkosten von
Helfern, Zuzahlungen für Pflegedienste, Tagespflege, Hilfsmittel und
Medikamente, oder den Menüdienst.
Im Durchschnitt aller Pflegehaushalte
ermitteln die Forscher rund 360 Euro an monatlichen Ausgaben, die nicht
durch so genannte Sachleistungen der Pflegeversicherung ersetzt werden.
Auch das Pflegegeld, das ein Teil der Pflegebedürftigen erhält, kann
diese Kosten nur bedingt kompensieren.
Darüber hinaus verzichten die
Pflegegeldbezieher auf die –höher finanzierten – Sachleistungen der
Pflegeversicherung, etwa für den Einsatz eines Pflegedienstes.
– Die Pflegerin im Haushalt – ein Modell für Besserverdiener –
Angesichts des hohen Zeitaufwands liegt es bei steigendem Pflege- und
Betreuungsbedarf für viele Haushalte nahe, eigens eine im Haushalt
lebende Hilfskraft zu engagieren.
Das betrifft aktuell knapp jeden
zehnten Pflegehaushalt, Tendenz steigend. Diese Jobs übernehmen in aller
Regel osteuropäische Arbeitsmigrantinnen. Für Pflegebedürftige, deren
Angehörige nicht genug Zeit für eine umfassende
rund-um-die-Uhr-Betreuung haben, ist dies oft die einzige praktikable
Lösung, um den Umzug in ein Heim zu vermeiden. Allerdings „scheint in
der Praxis eine den arbeitsrechtlichen Mindeststandards entsprechende
Beschäftigung dieser Kräfte kaum realisierbar“, konstatieren Hielscher,
Kirchen-Peters und Nock. Zudem sei die private Anstellung einer solchen
Kraft „nur für Haushalte aus stärkeren sozioökonomischen Milieus
finanzierbar“. Ein Dilemma: Würde die Politik zu stärkeren Kontrollen
greifen, um die Einhaltung von Mindestlohn und Arbeitszeitbestimmungen
sicherzustellen, würde sich die häusliche Rundumpflege weiter verteuern
und die soziale Spaltung noch verstärken.
– Unterstützungsangebote erreichen Bildungsferne seltener –
Dass Pflege sozial selektiv ist, hat aber nicht nur direkt mit den
Einkommen zu tun.
Die Angebote zur Pflegeberatung erreichen
Hauptpflegepersonen aus bildungsfernen Schichten oft nicht, haben die
Forscher festgestellt. Offenbar sind sie häufig auch mit den
bürokratischen Anforderungen der Pflegeorganisation überfordert.
Auffällig sei, so die Wissenschaftler, dass Pflegebedürftige in
einkommensstarken Haushalten oft in höhere Pflegestufen eingruppiert
sind als solche aus sozial schwächeren Kreisen. Da nicht ersichtlich
ist, warum Wohlhabende pflegebedürftiger sein sollten als Arme, liegt
die Vermutung nahe: Es gelingt den Angehörigen höherer Schichten besser,
gegenüber der Pflegeversicherung einen größeren Bedarf geltend zu
machen.
– Die Politik muss entscheiden: Gesellschaftspolitische oder private Aufgabe? –
Grundsätzlich bestünden in der Pflegepolitik eine Reihe von
Zielkonflikten, schreiben die Wissenschaftler. Einerseits sei die
Vorstellung leitend, dass Pflege, wenn möglich, zuhause stattfinden soll
und primär eine Aufgabe der Angehörigen darstellt. Anderseits werden
eine hohe Erwerbsbeteiligung und professionelle Pflegestandards,
Chancengleichheit und gute Arbeitsbedingungen für alle angestrebt. All
dies gleichzeitig zu verwirklichen, ist schwierig, wie die Untersuchung
zeigt. Letztlich müsse die Politik entscheiden, „ob die Bewältigung von
Pflegebedürftigkeit als gesellschaftliche Aufgabe definiert und gelöst
oder weiterhin ein primär privates, von den Familien zu tragendes Risiko
bleiben“ soll. Wird Pflege als gesellschaftliche Aufgabe verstanden,
muss die Frage beantwortet werden, ob entweder das Leben im Heim zu
einer attraktiven Alternative ausgebaut wird oder „häusliche Settings“
soweit entwickelt und finanziert werden, dass sie auch bei schwerster
Pflegebedürftigkeit eine umfassende Versorgung garantieren.
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Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte
https://www.boeckler.de/pdf/p_study_hbs_363.pdf
- *Volker Hielscher, Sabine Kirchen-Peters und Lukas Nock: Pflege in
den eigenen vier Wänden: Zeitaufwand und Kosten. Pflegebedürftige und
ihre Angehörigen geben Auskunft. Study der Hans-Böckler-Stiftung Nr.
363, Juni 2017.