Medizin am Abend Fazit: Krebstherapien nach Maß verlängern Leben
Marburger Krebsforscherinnen und -forscher haben aufgeklärt, welche
molekularen Ursachen für Resistenzen gegen verschiedene
Leukämie-medikamente verantwortlich sind. Die Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler des „Marburger Carreras Leukämie-Centrum“ belegen in
mehreren Veröffentlichungen, wie sich die Prognosen für Krebspatienten
verbessern lassen, wenn Molekularmedizin und Krankenversorgung eng
ineinandergreifen.
Patientenversorgung und molekulargenetische Grundlagenforschung gehen am „Marburger Carreras Leukämie-Centrum“ Hand in Hand.
(Foto: Anna Schroll für „Hessen schafft Wissen“)
In naher Zukunft könnte Krebs die Herz-Kreislauf-Erkrankungen als
Todesursache Nummer eins ablösen, wie es sich bereits in den Vereinigten
Staaten und in China abzeichnet.
„Akute Leukämien gehören zu den
aggressivsten Tumorerkrankungen, die man beim Menschen kennt“, erklärt
Professor Dr. Andreas Neubauer, Leiter des Schwerpunkts Hämatologie,
Onkologie und Immunologie an der Philipps-Universität Marburg.
Ohne
Therapie verlaufen diese Erkrankungen häufig innerhalb von zwei bis vier
Wochen tödlich.
„Eines der größten Probleme bei Krebs sind Resistenzen gegenüber
Chemotherapeutika“, führt der Onkologe aus.
Der Behandlungserfolg bei
Leukämie steigt, wenn der genetische Hintergrund der einzelnen Patienten
berücksichtigt wird. „Wir träumen davon, dass jeder Patient seine
individuell zugeschnittene Therapie bekommt.“
Wie Neubauer hervorhebt, gehen Patientenversorgung und
molekulargenetische Grundlagenforschung am „Marburger Carreras
Leukämie-Centrum“ Hand in Hand:
So fließen die klinischen Befunde direkt
in die Laborarbeit ein, deren Ergebnisse umgekehrt unmittelbar den
Kranken zugute kommen können.
In den jüngsten Publikationen klärt Neubauers Team auf, welche Gene an
verschiedenen Medikamentenresistenzen beteiligt sind und wie sie wirken.
Die Erkenntnisse eröffnen neue Therapieoptionen.
Die aktuellen Veröffentlichungen gehen aus einer Klinischen
Forschergruppe der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der
Philipps-Universität hervor, die sich mit Resistenzen gegenüber
Krebsmedikamenten befasst (KFO 210). Die zugrundeliegende
wissenschaftliche Arbeit wurde außerdem durch die „Von
Behring-Röntgen-Stiftung“, die „Deutsche José-Carreras
Leukämiestiftung“, das Bundesforschungsministerium und die „Deutsche
Krebshilfe“ finanziell gefördert.
Die aktuellen Veröffentlichungen im Einzelnen:
Neues Therapieziel bei Leukämie
•Stephan Metzelder, Christian Michel & al.: NFATc1 as a therapeutic
target in FLT3-ITD-positive AML, Leukemia 2015, doi: 10.1038/leu.2015.95
Das Gen NFATc1 ist verantwortlich für Resistenzen gegen das
Krebsmedikament Sorafenib; eine Behandlung mit Cyclosporin A erhöht die
Überlebenschancen für betroffene Leukämiepatienten.
Eine Mutation (ITD) im Gen FLT3 verschlechtert die Überlebensaussichten
bei akuter myeloischer Leukämie. Das Medikament Sorafenib hemmt FLT3,
doch kommt es auf längere Sicht häufig zu Rückfällen. Woran liegt das?
Die beiden Erstautoren Dr. Stephan Metzelder und Christian Michel aus
der Arbeitsgruppe von Professor Dr. Andreas Burchert identifizierten das
Genprodukt NFATc1, das in betroffenen Zellen im Übermaß vorkommt.
Inaktiviert man NFATc1, so durchlaufen die Zellen ein Programm, das zum
Zelltod führt – die Krebszellen werden somit unschädlich. Schaltet man
NFATc1 hingegen ununterbrochen an, so bleibt Sorafenib ohne Wirkung.
Patienten, die ein Mittel gegen NFATc1 erhalten, zum Beispiel
Cyclosporin A, haben verbesserte Überlebenschancen.
Neben dem Marburger Team sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
aus Dresden, Gießen und Göttingen an der Publikation beteiligt.
Gen mit paradoxer Wirkung
•Fariba Fouladi & al.: Sorafenib induces paradoxical phosphorylation
of the extracellular signal-regulated kinase pathway in acute myeloid
leukemia cells lacking FLT3-ITD mutation, LEUKEMIA & LYMPHOMA 2015,
DOI: 10.3109/10428194.2014.1003055
Leukämiezellen mit und ohne eine Mutation (ITD) im Gen FLT3 reagieren
gegensätzlich auf das Medikament Sorafenib. Dies muss bei der Auswahl
von Patienten für künftige klinischen Studien berücksichtigt werden,
schreiben die Autorinnen und Autoren im Fachblatt „Leukemia &
Lymphoma“.
Seitdem Marburger Krebsforscher um Professor Dr. Andreas Neubauer und
Professor Dr. Andreas Burchert
die außerordentliche Wirksamkeit des
Medikaments Sorafenib entdeckten, wird es erfolgreich bei
Leukämiepatienten eingesetzt, die eine Mutation (ITD) im Gen FLT3
tragen; dabei kommt es jedoch immer wieder zu Resistenzen gegen den
Wirkstoff.
Ob das Präparat auch bei Patienten ohne die Genmutation
anschlägt, ist bislang ungeklärt.
Das Team um Institutsleiter Neubauer
und Dr. Fariba Fouladi fand heraus, dass Sorafenib die Zellteilung von
Krebszellen sowohl hemmen als auch fördern kann, je nachdem, welchen
genetischen Hintergrund die betroffenen Patienten aufweisen:
In Zellen
mit der Genmutation verhindert Sorafenib die Zellteilung und führt
stattdessen zu programmiertem Zelltod, verhindert also eine Vermehrung
der Krebszellen.
Bei Zellen ohne Genmutation hingegen regt das
Medikament die Leukämiezellen zur Vermehrung an und stimuliert den
zellulären Stoffwechsel.
Krebsgen bereitet Zellreifung vor
•Cornelia Brendel, Sabine Teichler & al.: Oncogenic NRAS Primes
Primary Acute Myeloid Leukemia Cells for Differentiation, Plos One 2015,
doi: 10.1371/journal.pone.0123181
Eine Mutation im Krebsgen RAS hindert Leukämiezellen daran, sich zu
vermehren, wenn sie durch das Medikament Cyarabin zur Reifung angeregt
werden. Ein zelleigenes Differenzierungsprogramm einzuleiten, kann daher
eine Erfolg versprechende Strategie für die Behandlung von Leukämie
sein, vermuten die Autorinnen und Autoren aus Marburg und Dresden.
Wie Neubauer und sein Team schon vor Jahren zeigten,
sprechen
Leukämie-Patienten besser auf eine Chemotherapie mit hochdosiertem
Cytarabin an, wenn sie eine aktivierte Form des krebserregenden Gens RAS
tragen. In ihrer aktuellen Veröffentlichung weisen Neubauer, Dr.
Cornela Brendel und Dr. Sabine Teichler sowie ihre Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter nach, dass Krebszellen mit einer Mutation im RAS-Gen reifen
(oder differenzieren), statt sich weiter zu teilen. Das Muster der
angeschalteten Gene in solchen Zellen ähnelt eher dem einer reifen als
einer teilungsfähigen Zelle. Das mutierte RAS-Gen bereitet die Zelle für
einen Reifungsprozess vor, der durch Cytarabin ausgelöst werden kann.
Medizin am Abend DirektKontakt
Ansprechpartner: Professor Dr. Andreas Neubauer,
Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Immunologie
Tel.: 06421 58-66272
E-Mail:
neubauer@staff.uni-marburg.de
Johannes Scholten Philipps-Universität Marburg
Klinische Forschergruppe „Genetics of drug resistance in cancer“:
http://www.imt.uni-marburg.de/kfo210/