Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit. Neu entdeckter Mechanismus reguliert Herz-Dehnbarkeit
Ein Forscherteam um den Physiologen Prof. Dr. Wolfgang Linke von der
Westfälischen Wilhelms-Universität Münster hat gezeigt:

Prof. Dr. Wolfgang Linke, Laura Schenk
- Oxidativer
Stress zusammen mit der Dehnung der Herzwände löst eine Veränderung der
Herzmuskelsteifigkeit aus.
- Eine Schlüsselrolle dabei spielt das Protein
Titin. Dieser neu entdeckte Mechanismus ist beispielsweise bei
chronischen Herzerkrankungen von Bedeutung.
Die Ergebnisse sind im
Fachmagazin "PNAS" veröffentlicht.
Ein gesundes Herz schlägt im Durchschnitt 50 bis 100 Mal pro Minute
und pumpt rund 8.000 Liter Blut pro Tag durch den menschlichen Körper.
- Voraussetzung ist die Elastizität der Herzwände, die sich beim Einstrom
von Blut ausdehnen (Diastole) und beim anschließenden Ausfließen des
Bluts wieder zusammenziehen (Systole).
- Für diese Bewegung sind Millionen
kleiner Hohlräume in den Herzmuskelfasern verantwortlich – die
Sarkomere.
In ihnen befindet sich das größte Protein des menschlichen
Körpers, das Titin.
Es hat hier die Funktion einer mechanischen Feder,
die bei der Dehnung der Muskelfächer eine Rückstellkraft entwickelt –
ähnlich einem Gummiband.
Ein Forscherteam um Prof. Dr. Wolfgang Linke, Direktor des Instituts für
Physiologie ll der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU),
fand nun gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der
Universitäten Bochum, Würzburg, Köln, Regensburg, Göttingen und
Düsseldorf heraus:
- Oxidativer Stress löst zusammen mit der Dehnung der
Herzwände eine Veränderung der Herzmuskelsteifigkeit aus;
- das elastische
Titin der Herzmuskelzellen wird verstärkt oxidiert und dadurch in
seiner Dehnbarkeit moduliert.
- Diesen neu entdeckten Mechanismus
bezeichnen die Forscher als UnDOx („Unfolded Domain Oxidation“). Die
Studienergebnisse sind in dem Fachmagazin „PNAS“ veröffentlicht.
Hintergrund und Methode
Im menschlichen Organismus stellt Titin das Rückgrat des Sarkomers dar,
der kleinsten funktionellen Einheit des Muskels.
Dort sorgt es aufgrund
seiner besonderen Struktur sowohl für Stabilität als auch für
Elastizität.
- Viele Herzerkrankungen, unter anderem die sogenannte
diastolische Herzinsuffizienz und die dilatative Kardiomyopathie, gehen
auf Defekte im Titin zurück.
Das Forscherteam zeigte nun zum ersten Mal
im Herzgewebe, das aus Mäusen entnommen wurde, dass oxidativer Stress
und die Herzdehnung die Titin-Federfunktion verändern.
Von oxidativem
Stress spricht man, wenn zu viele reaktive Sauerstoffverbindungen in den
Zellen eines Organismus vorhanden sind.
- Diese Sauerstoffverbindungen,
zu denen sogenannte freie Radikale zählen, können Zellschäden
verursachen.
- In geringerer Menge regulieren die Sauerstoffverbindungen
jedoch wichtige physiologische Funktionen.
Den Oxidierungsstatus der Herzproteine ermittelten die Wissenschaftler
mit Hilfe eines Massenspektrometers.
Zusätzlich isolierten sie
Herzmuskelzellen vom tiefgefrorenen Gewebe eines menschlichen Herzens,
befestigten an den Zellen einen Kraftsensor und einen Mikromotor, um die
Präparate anschließend schrittweise zu dehnen. Dadurch konnten sie die
entstehenden Kräfte messen und deren Absinken oder Ansteigen bei
unterschiedlichen Formen von oxidativem Stress beobachteten. Darüber
hinaus stellte das Team rekombinante Titinmoleküle her und ließ sie im
Reagenzglas mutieren – dadurch konnte die Oxidierung nicht mehr
stattfinden.
„Die Auswirkungen von Dehnung und Oxidierung auf die
Titinfeder haben wir dann mit einem sogenannten Rasterkraftmikroskop
gemessen. Mit diesem Gerät konnten wir einzelne Titinmoleküle wie ein
Gummiband aufspannen und die dabei entstehende Kraft, beziehungsweise
deren Veränderung bei Oxidierung aufnehmen“, erklärt Wolfgang Linke.
Die Wissenschaftler zeigten in ihren Versuchen, dass der
UnDOx-Mechanismus bei Herzen unter oxidativem Stress auftritt.
Das ist
zum Beispiel der Fall nach einem akuten Herzinfarkt oder bei chronischen
Herzerkrankungen, die mit veränderter Dehnbarkeit der Herzwände
einhergehen.
„Der Mechanismus reguliert also die Herz-Dehnbarkeit.
- Eine
Versteifung ist für das Herz ungünstig, weil dann weniger Blut
einströmt.
- Bei der diastolischen Herzinsuffizienz, einer häufigen
Erkrankung bei älteren Menschen, ist die Herzversteifung ein
Kardinalproblem.
Wir hoffen, diese Herzen durch pharmakologische
Regulation der Titinoxidation – also durch Medikamente – wieder
dehnbarer zu machen“, fasst Wolfgang Linke zusammen.

Immunfluoreszenzfärbung des Muskelgewebes eines chronisch erkrankten menschlichen Herzens im konfokalen Mikroskop. Linke Lab
Die Arbeit wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Medizin am Abend Berlin DirektKontakt
Über Google: Medizin am Abend Berlin
idw - Informationsdienst Wissenschaft e. V.
Prof. Dr. Wolfgang A. Linke
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Institut für Physiologie II
AG Linke: Kardiovaskuläre Physiologie
Tel: +49 251 83-55328
wlinke@uni-muenster.de
Schlossplatz 2
48149 Münster
Deutschland
Nordrhein-Westfalen
Dr. Kathrin Kottke
Telefon: 0251832199
E-Mail-Adresse: kathrin.kottke@uni-muenster.de
Originalpublikation:
Christine M. Loescher, Martin
Breitkreuz, Yong Li, Alexander Nickel, Andreas Unger, Alexander Dietl,
Andreas Schmidt, Belal A. Mohamed, Sebastian Kötter, Joachim P. Schmitt,
Marcus Krüger, Martina Krüger, Karl Toischer, Christoph Maack, Lars I.
Leichert, Nazha Hamdani, Wolfgang A. Linke (2020): "Regulation of
titin-based cardiac stiffness by unfolded domain oxidation (UnDOx)”.
Proc Natl Acad Sci USA. Doi: 10.1073/pnas.2004900117
Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte
https://www.medizin.uni-muenster.de/physiologieii/das-institut.html Institut für Physiologie II an der WWU Münster