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Prof. Dr. Susanne Herold: Viralen Lungenentzündung bis hin zum Lungenversagen: Alveolarmakrophagen

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Wie der Körper das Lungengewebe nach einer viralen Lungenentzündung repariert

Internationales Forschungsteam unter Federführung der Gießener Lungenforschung entdeckt neuen Reparaturmechanismus mit therapeutischem Potenzial – Veröffentlichung in „Nature Communications“

Wie repariert der Körper Schäden des Lungengewebes nach einer viralen Lungenentzündung und wie lassen sich diese Prozesse therapeutisch beeinflussen? 

Mit diesen Fragen beschäftigt sich ein internationales Forschungsteam unter Federführung der Gießener Lungen- und Infektionsforscherin Prof. Dr. Susanne Herold, Professur für Innere Medizin, Infektiologie und experimentelle Pneumologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU). 

Infektionen mit Atemwegsviren wie Influenza-Viren, den Auslösern der Virusgrippe, RS-Viren oder Coronaviren können eine virale Lungenentzündung auslösen, die im schlimmsten Fall zum Lungenversagen führt. 

  • Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten nun ein Protein identifizieren, das die Lungenschädigung durch Influenza-Viren mildert und therapeutisches Potenzial besitzen könnte. 

Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „Nature Communications“ veröffentlicht worden.

  • Mit einer schweren Lungenentzündung ist ein rascher Rückgang des Gasaustauschs in der Lunge verbunden, so dass eine schnelle Regeneration des geschädigten Lungengewebes vonnöten ist. 
  • Eine wichtige Rolle bei der Reparatur von entzündungsbedingten Lungenschäden spielen Makrophagen, auch Fresszellen genannt. 
  • Sie sind ein wesentlicher Bestandteil in den Prozessen der Immunabwehr und sorgen unter anderem dafür, dass Erreger im Körper abgebaut werden. 
  • Dabei unterscheidet man zwischen ortsunabhängigen Makrophagen, die bei Bedarf über das Blut zum Einsatzort gelangen, und „sesshaften“ Gewebsmakrophagen, die an ein spezifisches Gewebe gebunden sind, wie die Alveolarmakrophagen in der Lunge. 
  • Gewebeansässige Alveolarmakrophagen sind langlebige Zellen in den Lungenbläschen (Alveolen), wo der Gasaustausch zwischen Blut und Atemluft stattfindet. 

Hier sorgen sie für stabile Verhältnisse im Lungengewebe (Gewebehomöostase) und sind an der unmittelbaren Abwehr von Erregern beteiligt. 

Mehrere Studien haben gezeigt, dass Alveolarmakrophagen bei einer viralen Lungenentzündung dezimiert und im Verlauf der Infektion allmählich durch aus dem Knochenmark stammende, mobile Makrophagen ersetzt werden.
Diese verwandeln sich in der entzündeten Lunge zu Alveolarmakrophagen.
Das Forschungsteam hat herausgefunden, dass während des Transformationsprozesses der mobilen Makrophagen zu Alveolarmakrophagen in hohem Maße das Protein Plet1 produziert wird. 

Plet1 erfüllt eine wichtige Funktion für die Lungenreparatur, indem es die Vermehrung von Alveolarepithelzellen – spezialisierte Zellen, die die Lungenbläschen auskleiden – und die Wiederversiegelung dieser Zellschichtbarriere induziert. 

Diese positiven Auswirkungen ließen sich auch von außen herbeiführen: 

Die Verabreichung von Plet1 milderte im präklinischen Modell die virale Lungenschädigung und führte zu einer deutlich schnelleren Erholung nach einer schweren Infektion, die ansonsten tödlich verläuft. 

„Wir haben erstmals einen Faktor identifiziert, der die Reparatur der geschädigten Lunge direkt vermittelt. 

Dieser Befund unterstreicht das therapeutische Potenzial von Plet1 zur Bekämpfung schwerer Lungenschäden bei einer viralen Lungenentzündung, und möglicherweise auch bei anderen Formen des akuten oder chronischen Lungenversagens“, so Prof. Herold.

An der Studie beteiligt waren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Einrichtungen der Gießener Infektions- und Lungenforschung – Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) am Standort Gießen, Universities of Giessen and Marburg Lung Center (UGMLC), Deutsches Zentrum für Lungenforschung (DZL), Deutsches Zentrum für Infektionsforschung (DZIF), Institut für Lungengesundheit (ILH), Herz-Lunge-Exzellenzcluster Cardiopulmonary Institute (CPI), der Universitäten Heidelberg und Bonn, des Max-Planck-Instituts für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim sowie des Instituto de Investigación en Biomedicina de Buenos Aires (IBioBA) in Buenos Aires (Argentinien). 

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Prof. Dr. Susanne Herold, Ph.D.
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Originalpublikation:

Pervizaj-Oruqaj, L., Selvakumar, B., Ferrero, M.R. et al. Alveolar macrophage-expressed Plet1 is a driver of lung epithelial repair after viral pneumonia. Nat Commun 15, 87 (2024). https://doi.org/10.1038/s41467-023-44421-6

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Daten im medizinischen Bereich..

Der Bericht über das Interoperabilitätsverzeichnis „vesta“ liegt jetzt als Unterrichtung (20/10004) der Bundesregierung vor. 

Der Kurzname „vesta“ steht für die Bezeichnung: Verzeichnis für Standards und Anwendungen. Das Verzeichnis steht seit dem 30. Juni 2017 zur Verfügung. Der vorliegende dritte Bericht bezieht sich auf den Zeitraum zwischen Dezember 2019 und November 2021.

Bedingt durch die heterogenen und teilweise sektoralen Insellösungen sei die Schaffung von Interoperabilität der Systeme im Gesundheitswesen eine kommunikationsintensive Aufgabe, um die verschiedenen Systeme, Schnittstellen und Lösungen schrittweise durch die Nutzung von neuen oder angepassten Standards interoperabel zu machen, heißt es in dem Bericht.

Das Bewusstsein, dass die Entwicklung zu einer interoperablen Übertragung in einer durch Abstimmung auf zu verwendende Spezifikationen und IT-Standards sinnvoll sei, wachse in Deutschland, gerade vor dem Hintergrund des großen Abstands in der Digitalisierung zu fast allen anderen europäischen Ländern.

Im Unterschied zu Deutschland seien Länder, die seit mehreren Jahren auf Standardisierung der Datenstrukturen und Inhalte im medizinischen Bereich setzen und dafür abgestimmte Normen und Standards nutzen, in der Digitalisierung im Gesundheitswesen erfolgreich. 

Viele dieser Länder nutzten teilweise seit mehreren Jahren digital vernetzte Gesundheitsanwendungen, inzwischen sogar

DiGAs

Ein Bericht des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) über die Versorgung mit Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGAs) liegt als Unterrichtung (20/10007) der Bundesregierung vor.

 Seit knapp zwei Jahren könnten die „Apps auf Rezept“ von Ärzten verordnet oder von Krankenkassen genehmigt werden, um die Versicherten bei der Erkennung, Überwachung oder Behandlung von Krankheiten zu unterstützen, heißt es in dem Bericht, der einen Überblick gibt zur Entwicklung bis Herbst 2022.

Seit Aufnahme der ersten DiGAs im September 2020 ist der Katalog erstattungsfähiger Anwendungen im Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bis Oktober 2022 den Angaben zufolge stetig auf 33 DiGAs angewachsen. 

Bis zum 30. September 2022 wurden DiGAs 164.000 Mal in Anspruch genommen. Dies entspricht im Berichtszeitraum Leistungsausgaben in Höhe von 55,5 Millionen Euro.

Es habe sich auch im zweiten Berichtszeitraum gezeigt, dass für die Mehrheit der Anwendungen bei Aufnahme in das DiGA-Verzeichnis keine positiven Versorgungseffekte nachgewiesen werden könnten. So seien zwei Drittel der DiGAs nur vorläufig in das Verzeichnis aufgenommen worden. Von den im Laufe ihres zweiten Erprobungsjahres dauerhaft für die Regelversorgung zugelassenen DiGAs seien drei Anwendungen nicht im vollen Indikationsumfang übernommen worden. Drei weitere Erprobungs-DiGAs seien aus dem Verzeichnis ganz gestrichen worden. Auch die in Teilen und ganz gestrichenen DiGAs mussten von der GKV finanziert werden.

Unabhängig vom Nutzenbeleg bestehe innerhalb des ersten Jahres nach Aufnahme in das Verzeichnis für Hersteller die Möglichkeit, den Preis für ihre DiGAs beliebig festzulegen, heißt es in dem Bericht weiter. Im Durchschnitt lägen die Herstellerpreise für eine DiGA bei 500 Euro (in der Regel für ein Quartal). Die Herstellerpreise seien weiter gestiegen und lägen weit über den Preisen für vergleichbare digitale Anwendungen außerhalb des Verzeichnisses. Sie überstiegen auch deutlich das Vergütungsniveau einer konventionellen Versorgung, etwa einer ambulanten ärztlichen Behandlung.

Auch die zum 1. Oktober 2022 in Kraft getretenen Höchstbeträge begrenzten das sehr hohe Preisniveau nicht nennenswert, heißt es in dem Bericht der GKV. Bei der initialen Preisbildung seien bislang nicht nur exorbitant hohe, sondern auch weiter steigende Preise zu beobachten. Die höchsten Herstellerpreise seien bei Erprobungs-DiGAs zu verzeichnen, also Anwendungen, für die kein Nachweis eines positiven Effektes auf die Versorgung vorliege, und lägen zwischen 600 und 952 Euro für ein Quartal.

Die anfänglich beliebige Preisbildung durch die Hersteller und die zusätzliche Möglichkeit der Preiserhöhung im Erprobungszeitraum führe zu großen Verwerfungen bei der Vergütung von GKV-Leistungen mit nachgewiesenem Nutzen und konterkarierten den Maßstab der Wirtschaftlichkeit in der GKV.

Der GKV-Spitzenverband fordert, die Rahmenbedingungen für DiGAs an die der digitalen Pflegeanwendungen (DiPAs) anzupassen. Dort würden die durch die Pflegekassen zu vergütenden Erstattungsbeträge für DiPAs zum ersten Tag der Aufnahme in das DiPA-Verzeichnis verhandelt, wobei eine Erstattungsobergrenze von 150 Euro pro Quartal gelte und der Nutzen nachgewiesen sein müsse. Eine Aufnahme zur Erprobung sei nicht möglich.

Prof. Dr. Jochen Vollmann: Die Zwangsmedikation/Medikamenteneinnahme.....? Spannungsfeld, Selbstbestimmung, gesundheitliche Wohl und Sicherheit in der Psychiatrie

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: 

Preis: Wie psychiatrisches Personal unbewusst Zwang ausübt

Manche Zwangsmaßnamen wie eine Unterbringung oder Zwangsmedikation sind in der Psychiatrie gesetzlich geregelt. 

Im Alltag wird jedoch häufig auch über kommunikative Mittel Druck auf Patient*innen ausgeübt, um sie zu einer Behandlung oder Medikamenteneinnahme zu bewegen – etwa wenn eine Psychiaterin einem Patienten droht, dass die Familie nicht kommen darf, wenn er seine Medikamente nicht nimmt. 

Wann solche kommunikativen Mittel die Grenze zum informellen Zwang überschreiten, hat ein Team um Christin Hempeler von der Ruhr-Universität Bochum untersucht und dafür den Preis der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) erhalten.

Die Forschung fand im Rahmen der von Dr. Jakov Gather geleiteten Forschungsgruppe „SALUS“ statt. 

Der DGPPN-Preis für Philosophie und Ethik in Psychiatrie und Psychotherapie wurde am 1. Dezember 2023 verliehen. Die mit 6.000 Euro dotierte Auszeichnung wurde in diesem Jahr geteilt. Beide prämierten Projekte wurden an der Ruhr-Universität Bochum durchgeführt (siehe unten).

Interviews mit Betroffenen und neues Konzept

Während rechtlich geregelter, formeller Zwang in der Psychiatrie bereits viel erforscht wurde, gibt es vergleichsweise wenige Arbeiten zu informellem Zwang. Das Bochumer Team nahm sich dieses Themas an, weil es in der klinischen Praxis eine große Rolle spielt.  

Auch wenn psychiatrische Fachkräfte im vermeintlichen Interesse der Patient*innen handeln möchten, kann es passieren, dass sie in der Kommunikation bewusst oder unbewusst Druck erzeugen, der einem Zwang gleichkommt.

Für eine Studie, die bei BMC Psychiatry erschienen ist (https://bmcpsychiatry.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12888-022-03810-9), interviewte das Forschungsteam 14 Patientinnen und Patienten mit psychischer Erkrankung, um zu erfahren, wie diese verbal ausgeübten Druck erleben. 

In der nun von der DGPPN ausgezeichneten Arbeit, die in “The American Journal of Bioethics“ erschienen ist (https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/15265161.2023.2232754), entwickelte das Team basierend auf empirischen Erkenntnissen ein philosophisches Konzept, mit dem sich informeller Zwang beschreiben lässt. 

Denn sowohl in der eigenen als auch in weiteren empirischen Arbeiten zeigte sich: 

Der Kontext kommunikativer Interaktionen beeinflusst, ob Zwang stattfindet. Das konnte in der bisherigen Konzeption informellen Zwangs nicht abgebildet werden. Bislang wurden nur Drohungen als Zwang erachtet, nicht jedoch andere kommunikative Mittel.

Auf den Kontext kommt es an

„Wenn ich einem Patienten sage, dass er seine Familie nicht sehen darf, wenn er seine Medikamente nicht nimmt, ist das eine Drohung“, sagt Christin Hempeler vom Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin.  

Als Bewertung legt sie dabei zugrunde, dass der Patient durch die Verweigerung der Medikamente schlechter gestellt wird, als es ihm zusteht – denn er hat ein Recht darauf, seine Angehörigen zu treffen.

Schwieriger wird es, wenn augenscheinlich ein Angebot vorliegt, etwa wenn die Fachkraft dem Patienten ein Päckchen Zigaretten anbietet, wenn er die Medikamente nimmt. 

„Wenn der Patient darauf verzichtet und nur der Bonus entfällt, dann ist es ein Angebot. Aber um zu beurteilen, ob es sich um Zwang handelt, reicht es nicht, nur das Gesagte zu betrachten“, erklärt Christin Hempeler. 

„Man muss auch beachten, was die Patient*innen glauben, was mit ihnen passieren wird, wenn Sie das Angebot ablehnen, und in welchem Kontext die Interaktion stattfindet.“ Beispielsweise spielt die Umgebung eine Rolle: 

Wenn ein Fixierbett im Raum steht, könnte der Patient berechtigterweise vermuten, dass er fixiert und zwangsmediziert wird, wenn er die Medikamente im Rahmen eines solchen Angebots verweigert, weil er dieses Vorgehen zuvor bei anderen Patient*innen beobachtet hat. Unter bestimmten Umständen können so auch Angebote Zwang ausüben.
„Uns ist bewusst, dass es ein schmaler Grat ist zu entscheiden, ob ein Patient berechtigterweise glauben könnte, dass ihm negative Konsequenzen drohen, wenn er eine Behandlung nicht möchte“, sagt Christin Hempeler. „Wir wollen unsere Arbeit nicht als Generalvorwurf gegen psychiatrische Fachkräfte verstanden wissen. Uns geht es darum, Verbesserungspotenziale aufzuzeigen und für das Thema zu sensibilisieren.“

Handlungsempfehlungen

Eine Lösung wäre laut den Forschenden beispielsweise, im Gespräch aufzuzeigen, dass es keine negativen Konsequenzen gibt, wenn ein Patient eine Maßnahme verweigert. 

„Man kann zum Beispiel eine Belohnung für die Medikamenteneinnahme anbieten und zugleich klarmachen, dass nichts passieren wird, wenn das Angebot nicht angenommen wird“, so Hempeler.

Die Arbeiten waren eingebettet in das Forschungsprojekt „SALUS“, welches das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert. 

Es untersucht das Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung, gesundheitlichem Wohl und Sicherheit, das in der Psychiatrie häufig besteht. 

In einem nächsten Schritt möchte das Team Handlungsempfehlungen für psychiatrische Fachkräfte entwickeln, die informellen Zwang reduzieren sollen.

Die Bochumer Preisträgerinnen und Preisträger

Die ausgezeichnete Arbeit zu informellem Zwang haben Christin Hempeler, Dr. Esther Braun, Dr. Sarah Potthoff, Dr. Jakov Gather und Dr. Matthé Scholten vom Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin sowie der LWL-Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin der Ruhr-Universität im Juli 2023 im American Journal of Bioethics veröffentlicht (https://jme.bmj.com/content/early/2023/10/16/jme-2023-108984). 

Die zweite Hälfte des Preises ging an Dr. Mirjam Faissner und Dr. Esther Braun für eine Arbeit, die im Oktober 2023 im Journal of Medical Ethics erschienen ist. Sie ist ebenfalls aus einer Kooperation der LWL-Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin und dem Bochumer Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin entstanden. 

Der Leiter des Instituts, Prof. Dr. Jochen Vollmann, hat dort den Schwerpunkt Ethik in der Psychiatrie etabliert. 

Christin Hempeler vom Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin

 Christin Hempeler vom Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin RUB, Kramer

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Originalpublikation:

Christin Hempeler, Esther Braun, Sarah Potthoff, Jakov Gather, Matthé Scholten: When Treatment Pressures Become Coercive: A Context-Sensitive Model of Informal Coercion in Mental Healthcare, in: The Americal Journal of Bioethics, 2023, DOI: 10.1080/15265161.2023.2232754

Sarah Potthoff et al.: “Voluntary in Quotation Marks”: A Conceptual Model of Psychological Pressure in Mental Healthcare Based on a Grounded Theory Analysis of Interviews With Service Users, in: BMC Psychiatry, 2022, DOI: 10.1186/s12888-022-03810-9

Mirjam Faissner, Esther Braun: The Ethics of Coercion in Mental Healthcare: The Role of Structural Racism, in: Journal of Medical Ethics, 2023, DOI: 10.1136/jme-2023-108984


Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte und Interessierte

https://bochum-salus-project.com/language/de/ SALUS-Projekt


Hinweis auf Fortbildung

 


 


 

Prof. Dr. Ulf Kallweit: Wacherkrankungen: Narkolepsie- und Hapersomnolenz - Keinen normalen Schlaf-Wach-Rhythmus und übermäßige Schläfrigkeit (Neurologie)

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Was tun bei ständiger Schläfrigkeit? Universität Witten/Herdecke verstärkt Forschung zu Schlaf- und Wacherkrankungen

Prof. Dr. Ulf Kallweit wurde auf die Stiftungsprofessur für Narkolepsie- und Hypersomnolenzforschung an der UW/H berufen – die einzige Professur in Deutschland, die sich mit diesen Themen beschäftigt.

Warum schlafen wir? 

Dieses Rätsel ist trotz intensiver wissenschaftlicher Forschung noch immer nicht abschließend geklärt und ein faszinierender Teil der Schlafforschung. Daran schließt sich die Frage an, warum manche Menschen keinen normalen Schlaf-Wach-Rhythmus entwickeln können oder unter übermäßiger Schläfrigkeit am Tag leiden. Mit diesen Themen beschäftigt sich der Neurologe und Schlafmediziner Prof. Dr. Ulf Kallweit. Um die Lehre und Forschung zu Schlaf- und Wacherkrankungen an der Universität Witten/Herdecke (UW/H) auszubauen, wurde er auf die Stiftungsprofessur für Narkolepsie- und Hypersomnolenzforschung berufen – die einzige Professur in Deutschland, die sich mit diesem Themenkomplex beschäftigt.

Hypersomnolenzen und – als besondere Erkrankung – Narkolepsie sind neurologische Erkrankungen, die sich durch extreme Schläfrigkeit äußern. 

  • Im Unterschied zu einer „normalen“ Müdigkeit können Betroffene sich nicht dagegen wehren, einzuschlafen, selbst wenn sie wollten. 
  • Sie brauchen nachts mehr Schlaf und/oder haben auch tagsüber ein ständiges Schlafbedürfnis. 

Sowohl Narkolepsie als auch andere Hypersomnolenz-Erkrankungen gehören zu den Wacherkrankungen, mit denen Prof. Kallweit sich auseinandersetzt: 

Es geht darum, die Krankheiten selbst, die Regulation von Schlaf und Wachsein und die Mechanismen, die dahinterstecken, besser zu verstehen. 

Zudem betrachtet Prof. Kallweit Schläfrigkeit im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen wie Parkinson oder einem Schlaganfall.

Wacherkrankungen – ein kaum beachtetest Thema in der Neurologie

„In der Neurologie findet die Schlafforschung bislang wenig statt, wenngleich der Bedarf bei den Patienten da ist“, erklärt der Neurologe. 

So gehörten Narkolepsie und Idiopathische Hypersomnie zwar zu den seltenen Erkrankungen – das Thema Tagesschläfrigkeit/erhöhtes Schlafbedürfnis betreffe jedoch rund 5 bis 10 Prozent der Allgemeinbevölkerung. „Neben der Grundlagenforschung beschäftigen wir uns daher auch mit der klinischen Forschung, die in der Therapie angewendet werden kann“, so Prof. Kallweit. Aktuell läuft zum Beispiel eine Studie, die den Einfluss einer Ernährungsumstellung auf Narkolepsie untersucht: 

Die Forscher:innen konnten zeigen, dass eine Keto-Diät mit wenig Kohlenhydraten, viel Fett und etwas mehr Eiweiß als gewöhnlich die Symptome der Narkolepsie lindert. 

Nun gehe es darum, die genauen Stoffwechsel-Mechanismen dahinter zu verstehen und daraus konkrete Empfehlungen für Patient:innen abzuleiten.
In internationalen Studienkonsortien, zum Beispiel mit der Stanford Universität oder der Universität Bern, wird zudem untersucht, welche familiären bzw. genetischen Einflüsse es auf die Erkrankung gibt. Auch geht es darum, neue Biomarker für die einzelnen Erkrankungen zu identifizieren.

Studierende für die Schlafforschung sensibilisieren

Nach Stationen in Bern und Zürich und dem Aufbau verschiedener Schlaflabore wird Prof. Kallweit seine Forschung nun an der Universität Witten/Herdecke weiter verfolgen und die Studierenden der Humanmedizin und der Psychologie für das Thema sensibilisieren. 

„Ich habe in bisherigen Kursen immer erlebt, dass Schlaf- und Wachthemen sehr interessant sind für die Studierenden und sie diese total gerne annehmen“, sagt er. 

„Dann kommen sie in den Beruf und das Thema ist nicht mehr präsent, weil es in unserer Struktur des Gesundheitssystems nur ein Teil einzelner Fachdisziplinen ist und dort dann keine bedeutende oder akute Rolle spielt. 

Daher ist es mein Ziel, gute Grundlagen für den Berufseinstieg zu schaffen und den einen oder anderen vielleicht auch dafür zu begeistern, in diesem Bereich zu bleiben und das Thema weiter zu verfolgen.“

Gefördert wird die Professur durch die Marga und Walter Boll-Stiftung, die Imhoff Stiftung und die European Sleep Foundation. 

Prof. Dr. Ulf Kallweit wurde auf die Stiftungsprofessur für Narkolepsie- und Hypersomnolenzforschung berufen.

 Prof. Dr. Ulf Kallweit wurde auf die Stiftungsprofessur für Narkolepsie- und Hypersomnolenzforschung berufen. (Foto: privat)


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Svenja Kloos Universität Witten/Herdecke

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Prof. Dr. Nils Kroemer: Der Vagusnerv - Kopplung von Signalen des Magens mit dem Gehirn - und körperlichen Symptomen bei Depressionenen

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Neue Studie über nicht-invasive Vagusnervstimulation zur Behandlung von körperlichen Symptomen in Bonn bei Depression

Der Vagusnerv spielt eine zentrale Rolle bei der Kommunikation zwischen den Organsystemen des Körpers und dem Gehirn zur Steuerung des Verhaltens. 

In einer gemeinsamen Studie des Universitätsklinikums Bonn (UKB) und des Universitätsklinikums Tübingen soll nun die Anwendung einer nicht-invasiven transkutanen Stimulation des Vagusnervs (tVNS) zur Behandlung von körperlichen Symptomen bei Depressionen untersucht werden. 

In einer früheren Studie der Universitätsklinika Bonn und Tübingen zeigte sich die tVNS bereits wirksam, um die Kopplung von Signalen des Magens mit dem Gehirn zu verstärken. 

Dieser Mechanismus könnte auch in der Behandlung von Betroffenen mit Depression hilfreich sein. 

 In einer Studie wird am UKB die Anwendung einer nicht-invasiven transkutanen Stimulation des Vagusnervs (tVNS) mittels eines Stimulationsgeräts zur Behandlung von körperlichen Symptomen bei Depressionen untersucht.

In einer Studie wird am UKB die Anwendung einer nicht-invasiven transkutanen Stimulation des Vagusnervs (tVNS) mittels eines Stimulationsgeräts zur Behandlung von körperlichen Symptomen bei Depressionen untersucht. Sven Wasserthal Universitätsklinikum Bonn (UKB)

Auch eine im Fachmagazin „Trends in Cognitive Sciences“ veröffentlichte Übersichtsarbeit zur Forschung vagaler Regulierung von Verhalten und Motivation legt die Wirksamkeit der Methode bei psychischen Krankheitsbildern nahe. 

  • Der Nervus vagus ist der größte Hirnnerv des autonomen Nervensystems (Parasympathikus) und reguliert unterbewusste Prozesse des menschlichen Organismus wie:
  •  Atmung, 
  • Verdauung 
  • oder Herzfrequenz und verbindet durch die Weiterleitung von körpereigenen Signalen fast alle wichtigen inneren Organe mit dem Gehirn.

Vagusnerv-Stimulation in Forschung und Praxis

Bis vor Kurzem war die Forschung zum Vagus-Input und deren klinische Wirkung bei verschiedenen Krankheitsbildern auf die Anwendung invasiv implementierter VNS-Geräte begrenzt, die bei Erkrankungen wie therapieresistenten Epilepsien oder Depressionen bereits seit Jahren eine anerkannte Therapiemethode sind. 

„Die Anwendung einer invasiven Vagusnervstimulation, die meist einer kleinen Operation zur Implantierung eines Stimulationsgerätes bedarf, kann jedoch mit teils schwerwiegenden Nebenwirkungen wie beispielsweise Heiserkeit, Dyspnoe, oder Schluckstörungen einhergehen,“ so Prof. Nils Kroemer, Professor für Medizinische Psychologie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn (UKB), der auch an der Universität Bonn forscht. „Deshalb ist die nicht-invasive Stimulation des Vagusnervs als mögliche neue Therapieoptionen bei Erkrankungen wie Adipositas, Essstörungen oder eben Depressionen immer mehr in das Interesse der Forschung gerückt,“ führt Prof. Kroemer weiter aus, der sich im Rahmen seiner Forschungen bereits mehrfach mit der Vagusnervstimulation beschäftigt hat.

So veröffentlichte Prof. Kroemer kürzlich auch eine Übersichtsarbeit im Fachmagazin „Trends in Cognitive Sciences“, die anhand des aktuellen Forschungsstandes auch untermauern konnte, dass die tVNS bei psychischen Erkrankungen wirksam sein könnte. Besonders innovativ ist hierbei sein Ansatz, dass man Störungen der Motivation, wie Antriebslosigkeit bei der Depression, durch tVNS verstärkte Signale des Körpers schneller behandeln könnte.  

  • „Denn normalerweise sorgt die Aktivierung des Gehirns über den Vagusnerv dafür, dass wir uns ausreichend mit Energie versorgen und uns einprägen, wo welche Lebensmittel besonders viel Energie liefern“, sagt Prof. Kroemer.

Die Erkenntnisse der Übersichtarbeit decken sich auch mit den Ergebnissen einer früheren Studie, die Prof. Kroemer gemeinsam mit einem Team an den Universitätskliniken in Bonn und Tübingen zur Beeinflussung menschlichen Verhaltens und körperlicher Wahrnehmung durch nicht-invasive Stimulation des Vagusnervs durchgeführt hat. 

In der vorangegangenen Studie über die Anwendung einer tVNS zur Modulation der Magen-Hirn-Kopplung zeigte sich, dass sich durch die Methode die Kopplung von Signalen des Magens im Hirnstamm und im Mittelhirn erhöht und zugleich die Kopplung des Magens im gesamten Gehirn durch die Stimulation unmittelbar und schnell zugenommen hatte.

Neue Studie über tVNS zur Behandlung von körperlichen Symptomen bei Depression

Nun soll eine Studie zur Anwendung einer tVNS in der Behandlung von körperlichen Symptomen bei Depressionen untersuchen, ob eben dieser Mechanismus helfen kann, bestimmte Symptome einer Depression, wie beispielsweise Veränderungen im Appetit oder Verdauungsbeschwerden, schneller zu behandeln. Aus Basis der Studienerkenntnisse soll eine zusätzliche Therapieoption zur Anwendung bei Depressionen entwickelt und deren klinische Wirksamkeit untersucht werden. Die Veränderung in der Kommunikation zwischen dem Körper und dem Gehirn gilt als wesentlicher Faktor zur Ausbildung einer Depression. Die tVNS könnte den betroffenen Personen dabei helfen, die Wahrnehmung der Körpersignale wiederherzustellen oder zu verbessern.

Das wichtigste zur Studie auf einen Blick

Für die Studie werden 40 Personen mit Depressionen und 40 physisch und psychisch gesunde Kontrollpersonen aus Bonn und Umgebung gesucht. 

Während der Untersuchung wird der Nervus vagus der Teilnehmenden durch ein spezielles Stimulationsgerät aktiviert. 

Insgesamt beinhaltet die Studie sechs Termine im Labor. 

Eine vollständige Teilnahme umfasst die Messung der Wirkung der Vagusnervstimulation auf das Gehirn und den Magen im Vergleich zu einer Kontrollbedingung sowie eine längere Anwendungsphase der Vagusnervstimulation in zwei Intensitäten. 

Als Aufwandsentschädigung für die Teilnahme erhalten die Teilnehmenden €200 (+Gewinne für Aufgaben zur Motivation, ca. €20).

Weitere Informationen und ein Kontaktformular finden Sie unter:  

https://neuromadlab.org/de/forschung/forschungsprojekte/tvns-zur-behandlung-von-...

Bei Interesse und Fragen senden Sie eine E-Mail an: MedPsyStudien@ukbonn.de 

Neue Studie über nicht-invasive Vagusnervstimulation zur Behandlung von körperlichen Symptomen in Bonn bei Depression

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Prof. Dr. Nils Kroemer
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Bonn
Zentrum für Psychische Gesundheit, Uniklinikum Tübingen
Tel. 0228/287-11151
E-Mail: nkroemer@uni-bonn.de
nils.kroemer@uni-tuebingen.de 

Petra Sandow Universitätsklinikum Bonn

Venusberg-Campus 1
53127 Bonn
Deutschland
Nordrhein-Westfalen

Viola Röser
Telefon: +49 228 287-10469
E-Mail-Adresse: viola.roeser@ukbonn.de

Felix Heyder
Herzzentrum
Telefon: 0228 / 287-11904
E-Mail-Adresse: felix.heyder@ukbonn.de

Petra Sandow
E-Mail-Adresse: petra.sandow@ukbonn.de 
Originalpublikation:

Vanessa Teckentrup, Nils B. Kroemer; Mechanisms for survival: vagal control of goal-directed behavior, Trends in Cognitive Sciences; DOI: https://doi.org/10.1016/j.tics.2023.11.001


Prof. Dr. Franz Rinninger: Hinweis von Vorhofflimmern, Amiodaron (hohes Jodgehalt) bei funktionellen Störungen der Schildrüse beachten...

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Kranke Schilddrüse schädigt auch unser Herz

Die Schilddrüse beeinflusst mit ihren Botenstoffen nahezu jede Zelle unseres Körpers. 

Eine Fehlfunktion wirkt sich daher auch auf Herz und Kreislauf aus. 

Doch auch Herzmedikamente können ungünstige Wirkung auf die Schilddrüse haben

Die Schilddrüse ist ein kleines, aber äußerst wirkmächtiges Organ: 

Sie produziert Substanzen, die den kompletten Organismus beeinflussen – die Schilddrüsenhormone. Praktisch alle Zellen des Körpers stehen unter der Regie dieser chemischen Botenstoffe. 

Besonders ausgeprägt sind die Effekte der Schilddrüsenhormone T3 (Trijodthyronin) und T4 (Thyroxin) auf Herz und Kreislauf, deren zentrale Steuerung durch das Gehirn erfolgt. 

Medizin am Abend Berlin ZusatzfachLink: Labor Schildrüse - Diagnostische Pfade 

Beide Hormone sind unerlässlich für den Stoffwechsel des Körpers und wahre Multiplayer. 

Schilddrüsenhormone
- regulieren den Energieverbrauch,
- sind wichtig für das Aufrechterhalten der Körpertemperatur,
- regulieren Blutdruck und Cholesterinspiegel,
- bestimmen die Funktionen des Gehirns und der Muskeln,
- spielen entscheidend mit bei Wachstum und Entwicklung und noch vieles mehr.

„Das Herz ist ein wesentliches Zielorgan der Schilddrüsenhormone“, betont der Hamburger Kardiologe Prof. Dr. Thomas Meinertz, 

 „Die Botenstoffe der Schilddrüse regulieren die Kraft des Herzens, die Herzschlagfolge, also die Herzfrequenz, und das zirkulierende Blutvolumen. 

Eine Funktionsstörung der Schilddrüse wirkt sich deshalb immer auch auf Herz und Kreislauf aus.

“ Bei einer Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems müsse daher stets an die Schilddrüse gedacht werden, betont Meinertz.

 „Trotzdem wird die Diagnose oft erst mit Verspätung und als Zufallsbefund gestellt.“

Klein, aber wirkmächtig

Kaum daumengroß und nur 20 bis 30 Gramm schwer liegt die Schilddrüse wie ein Schild unterhalb des Kehlkopfs. Ihre beiden mit einer Gewebebrücke verbundenen Seitenlappen umspannen die Luftröhre in der Form eines Schmetterlings. 

Daher spricht man häufig auch von der „Schmetterlingsdrüse“. 

  • In unserem Gehirn sitzt die kirschkerngroße Hirnanhangdrüse (Hypophyse), die wiederum eng mit dem Hypothalamus verbunden ist, einem Areal im Zwischenhirn. 
  • Beide zusammen regeln über Steuerhormone die Funktion aller Hormondrüsen. 
  • Für die Schilddrüse zuständig ist das vom Hypothalamus gebildete Steuerhormon TRH (Thyreotropin Releasing Hormone). 

Es gelangt in die Hypophyse und veranlasst sie dazu, ein weiteres Hormon zu produzieren: 

Das schilddrüsenstimulierende Hormon TSH. 

Mit dem Blut gelangt TSH in die Schilddrüse und beauftragt deren Zellen, die Schilddrüsenhormone T3 (Trijodthyronin) und T4 (Thyroxin) zu bilden. 

Herzmuskelzellen sind hauptsächlich auf T3 angewiesen.

Schilddrüsenüberfunktion macht sich mit Herz-Kreislauf-Beschwerden bemerkbar
„Dass eine überaktive Schilddrüse mit Herz-Kreislauf-Beschwerden einhergehen kann, sollten sowohl Patienten als auch ihr behandelnder Arzt mitbedenken, wenn entsprechende Symptome auftreten“, betont der Internist Prof. Dr. Franz Rinninger, Facharzt für Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Hamburg- Eppendorf (UKE). 

Eine solche Überfunktion der Schilddrüse, in der Medizin Hyperthyreose genannt, kommt bei einer unter 100 Personen vor. Die Schilddrüse schüttet dabei zu viele Hormone aus und kurbelt Herz und Kreislauf an, beide arbeiten unnötigerweise auf Hochtouren. 

  • „Die Folge sind dann Herzrasen oder Herzstolpern, Zittern, Nervosität und Unruhe sowie ein erhöhter Blutdruck“, berichtet Rinninger.

Nicht oder nur unzureichend behandelt, könne eine Schilddrüsenüberfunktion zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, beispielsweise zu Vorhofflimmern, führen oder gar lebensbedrohlich verlaufen, so der Internist. 

Bei der Hyperthyreose unterscheidet man zwei Verlaufsformen: 

Die latente Form, die keine Beschwerden verursacht, und die manifeste mit deutlichen Beschwerden.  

  • Die latente Form wird häufig übersehen, nicht selten ist Vorhofflimmern das einzige darauf hindeutende Zeichen. 

Eine manifeste Überfunktion zeigt in der Blutanalyse erhöhte T3- und T4-Werte. 

„Die manifeste Überfunktion ist behandlungsbedürftig und es werden Thyreostatika gegeben, die die Bildung der Schilddrüsenhormone hemmen“, erklärt Rinninger

Funktionsstörung der Schilddrüse durch Herzmedikamente

  • Bei Patienten mit Herzerkrankungen ist wiederum das Medikament Amiodaron nicht selten der Grund für eine Funktionsstörung der Schilddrüse. 
  • Amiodaron ist der am häufigsten eingesetzte und effektivste Arzneistoff, um Herzrhythmusstörungen zu behandeln, die mit einer schnellen Herzschlagfolge einhergehen (tachykarde Herzrhythmusstörung). 
  • Bei 20 bis 25 Prozent der länger mit Amiodaron behandelten Patienten kann das Medikament jedoch aufgrund seines hohen Jodgehalts funktionelle Störungen der Schilddrüse auslösen. 

Medizin am Abend Berlin ZusatzfachLink: Medikamentenspiegel Amiodaron Erhebung 

Es kann, abhängig von der geografischen Lage (Jodversorgung), zu einer Unterfunktion (Hypothyreose) oder einer Überfunktion (Hyperthyreose) kommen. 

Allerdings sind bei einer von Amiodaron ausgelösten Hyperthyreose die typischen Zeichen einer Überfunktion oft abgeschwächt oder gar nicht vorhanden. 

Blutuntersuchungen zeigen dann allerdings einen erniedrigten Wert des Steuerhormons TSH und deutlich erhöhte Werte des Schilddrüsenhormons T3, oft fünffach über den oberen Grenzwert hinaus. 

  •  „Schilddrüsennebenwirkungen sind unter einer Therapie mit dem Herzrhythmusmedikament Amiodaron so häufig, dass eine regelmäßige Kontrolle der Schilddrüsenfunktion vor und während der Amiodaron-Therapie zwingend erforderlich ist“, mahnt Prof. Rinninger.

Am meisten gefürchtete Nebenwirkung: Stoffwechsel-Entgleisung

  • Die gefürchtetste Nebenwirkung ist, wenn sie unentdeckt und unbehandelt bleibt, die „Amiodaron-induzierte Thyreotoxikose“ (AIT), ein durch die Funktionsstörung der Schilddrüse verursachtes Entgleisen des Stoffwechsels. 
  • Sie beruht auf zwei unterschiedlichen Mechanismen; hinsichtlich der Behandlung muss deshalb zwischen einer AIT vom Typ 1 und einer AIT vom Typ 2 unterschieden werden. 
  • Die AIT Typ 1 geht einher mit einer vermehrten Bildung von Schilddrüsenhormonen, die Beschwerden treten meist früh auf. 

Die Betroffenen leiden zudem meist bereits vor Beginn der Amiodaron-Einnahme an einer Schilddrüsenerkrankung, etwa an einem Morbus Basedow oder an einer Schilddrüsenautonomie

„Bei derart vorbelasteten Patienten kann der hohe Jodgehalt des Medikaments die Überfunktion der Schilddrüse provozieren. 

Bei Personen hingegen, bei denen keine Vorerkrankung der Schilddrüse besteht, verändern sich die Schilddrüsenwerte unter einer Behandlung mit Amiodaron in der Regel nur geringgradig; die Funktion der Schilddrüse bleibt letztlich normal“, erklärt Herzspezialist Prof. Meinertz. 

Bei einer AIT Typ 1 sei es erforderlich, Amiodaron abzusetzen. 

Zusätzlich erfolge eine medikamentöse Therapie mit Thyreostatika.

  • Die AIT vom Typ 2 tritt spät, meist Monate nach Beginn der Amiodaron-Therapie auf. 
  • Das Medikament schädigt die Zellen der Schilddrüse unmittelbar, es kommt zu einer zerstörerischen Entzündungsreaktion (destruktive Thyreoiditis). 

Infolgedessen werden Schilddrüsenhormone unkontrolliert freigesetzt. 

Eine AIT vom Typ 2 wird mit Glukokortikoiden, entzündungshemmenden Medikamenten, behandelt. 

Nicht selten muss bei unzureichendem Therapierfolg dann die Schilddrüse operativ entfernt werden (Thyreoidektomie). 

Danach kann jedoch die Behandlung mit dem Rhythmusmedikament Amiodaron fortgeführt werden.

Service
Mehr Informationen zu diesem Thema bietet der Experten-Beitrag „Das getriebene Herz“ von Prof. Thomas Meinertz und Prof. Franz Rinninger in der aktuellen Ausgabe der Herzstiftungs-Zeitschrift HERZ heute 4/2023 mit dem Titel „Das mitleidende Herz“. Ein Exemplar dieser Ausgabe kann kostenfrei unter Tel. 069 955128-400 oder unter bestellung@herzstiftung.de angefordert werden. 

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Prof. Dr. Timo Strünker: Funtionsverlust von CatSper - Änderung der Schlagmuster des Spermienschwanzes des Mannes (die Insemination)

Medizin am Abend Berlin  - MaAB-Fazit: Defekter Kalziumkanal im Spermienschwanz macht Männer unfruchtbar und lässt Kinderwunschbehandlungen scheitern

  • Bei der Hälfte der Paare, die auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen können, liegt die Ursache beim Mann. 

Eine neue Studie identifiziert den Ionenkanal „CatSper“, der den Kalziumhaushalt von Spermien steuert, als häufige Ursache von bislang unerklärlicher männlicher Unfruchtbarkeit: 

Funktioniert CatSper nicht, bleiben die Spermien in der Hülle der Eizelle stecken und können diese nicht befruchten. 

  • Ein Forschungsteam der Universität Münster konnte CatSper jetzt mithilfe eines neuen Labortests auf die Schliche kommen, der betroffene Männer identifiziert. 

Die Studienergebnisse sind nun in der Fachzeitschrift „The Journal of Clinical Investigation“ erschienen. 

Schlagmusters eines Spermiums vor (l.) und nach (r.) CatSper-Aktivierung. Der kräftigere Schlag ist für die Befruchtung entscheidend Schlagmusters eines Spermiums vor (l.) und nach (r.) CatSper-Aktivierung. Der kräftigere Schlag ist für die Befruchtung entscheidend Uni MS/AG Strünker

Bei der Hälfte der Paare, die auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen können, liegt die Ursache beim Mann. Eine neue Studie identifiziert den Ionenkanal „CatSper“, der den Kalziumhaushalt von Spermien steuert, als häufige Ursache von bislang unerklärlicher männlicher Unfruchtbarkeit: Funktioniert CatSper nicht, bleiben die Spermien in der Hülle der Eizelle stecken und können diese nicht befruchten. 

Um eine derart bedingte Unfruchtbarkeit zu entdecken, fehlten der Medizin bislang die Mittel. 

Ein Forschungsteam der Universität Münster konnte CatSper jetzt mithilfe eines neuen Labortests auf die Schliche kommen, der betroffene Männer identifiziert. Die Studienergebnisse, die es ermöglichen, die Diagnostik und Behandlung ungewollt kinderloser Paare zu verbessern, erschienen jetzt in der Fachzeitschrift „The Journal of Clinical Investigation“.

Jedes sechste Paar kann auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen.  

Häufig bleibt die Ursache rätselhaft. 

So liefert bei vielen unfruchtbaren Paaren die Samenanalyse beim Mann unauffällige Werte: 

Anzahl, Aussehen und Beweglichkeit der Spermien sind normal. 

Das Problem: 

ohne spezifische Diagnose keine evidenzbasierte Kinderwunschbehandlung – betroffene Paare berichten daher oft von gescheiterten Behandlungsversuchen.

Warum können Männer trotz normaler Ergebnisse bei der Samenprobe keine Kinder zeugen? 

Dieser Frage ist ein interdisziplinäres Forschungsteam der Universität Münster nachgegangen. „Wir haben schon lange vermutet, dass CatSper eine Rolle dabei spielt“, sagt Prof. Dr. Timo Strünker vom Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie (CeRA). Mit seinen Kolleginnen und Kollegen konnte er bereits vor einigen Jahren zeigen, dass Spermien mithilfe von CatSper Botenstoffe wahrnehmen, die von der Eizelle ausgeschüttet werden. 

Diese aktivieren CatSper, woraufhin Kalzium in den Spermienschwanz einströmt, was wiederum dessen Schlagmuster verändert. 

Das ist für die Befruchtung entscheidend, so die Vermutung. Deshalb haben die Forscher einen Test entwickelt, mit dem sie die Aktivität von CatSper in Spermien von fast 2.300 Männern bestimmt haben.

Es stellte sich heraus, dass etwa jeder hundertste unfruchtbare Mann mit unauffälliger Samenprobe einen Funktionsverlust von CatSper aufweist.  

„Die häufigste Ursache sind genetische Veränderungen, die eine der Komponenten des Ionenkanals betreffen“ ergänzt der Reproduktionsgenetiker Prof. Dr. Frank Tüttelmann. 

  • Die Änderungen am Schlagmuster, die CatSper vermittelt, sind erforderlich, damit sich die Spermien durch die feste Eihülle bohren können. 

Deshalb scheitern bei CatSper-bedingter Unfruchtbarkeit die Insemination – das heißt, das Einbringen der Spermien direkt in die Gebärmutter unmittelbar vor dem Eisprung – und die klassische In-vitro-Fertilisation (Befruchtung im Reagenzglas) als Kinderwunschbehandlungen, so eine wichtige Erkenntnis des Teams: 

Bei beiden Methoden müssen die Spermien die Eizelle nämlich selbstständig befruchten. 

Betroffenen Männern oder Paaren konnte, wie die Studie zeigt, der Kinderwunsch nur mit der sogenannten ICSI-Methode erfüllt werden, bei der ein Spermium direkt in die Eizelle injiziert wird.
„Unsere Studie ermöglicht, künftig eine CatSper-bedingte Unfruchtbarkeit frühzeitig zu erkennen und eine evidenzbasierte Auswahl der notwendigen Kinderwunschbehandlung zu treffen“, resümiert Prof. Dr. Sabine Kliesch, Chefärztin der Abteilung für Klinische und Operative Andrologie des CeRA.

„Damit können wir für die Paare das medizinische Risiko minimieren und gleichzeitig die Erfolgsaussichten maximieren.“

Neben CatSper gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Proteine, die das Schlagmuster des Spermienschwanzes beeinflussen. 

Diese hat die DFG-Forschungsgruppe „Male Germ Cells“ (KFO326), unter deren Dach die neuen Erkenntnisse gewonnen wurden, bereits im Visier. 

Das Ziel ist, in den nächsten Jahren systematisch die Rolle dieser Proteine bei ungewollter Kinderlosigkeit aufzuklären und so die Diagnostik und Behandlung stetig zu verbessern. 

Defekter Kalziumkanal im Spermienschwanz macht Männer unfruchtbar und lässt Kinderwunschbehandlungen scheitern

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Prof. Dr. Timo Strünker
Molecular Reproductive Physiology
Center of Reproductive Medicine and Andrology
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E-Mail: timo.struenker@ukmuenster.de 

Dr. Kathrin Kottke Universität Münster

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Originalpublikation:

https://doi.org/10.1172/JCI173564


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https://www.medizin.uni-muenster.de/male-germ-cells/home/ DFG-Forschungsgruppe „Male Germ Cells“ (KFO326)

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