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Prof. Dr. med. Armin Welz: Melatoninspiegel (Schlafhormon) prüfen und Ultraschall der Nervenknoten bei den oberen Halsganglions
Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Forscherin entdeckt Auslöser für Schlafstörungen bei Herzkranken
Rund ein Drittel aller Menschen mit einer Herzerkrankung schlafen schlecht.
Warum das so ist, wusste man bislang jedoch nicht.
- Länger bekannt ist, dass etliche am Herzen Erkrankte einen niedrigen Melatoninspiegel haben.
- Melatonin ist ein Hormon, das in der Zirbeldrüse (Epiphyse), einem Teil des Zwischenhirns, produziert wird.
- Melatonin steuert den Schlaf-Wach-Rhythmus.
- Sobald es dunkel wird, bildet die Epiphyse mehr von dem Schlafhormon und sorgt dafür, dass wir abends müde werden.
Erstmals hat Dr. Karin Ziegler vom Institut für Pharmakologie und Toxikologie (IPT) an der Technischen Universität München (TUM) mit ihrem Team den Auslöser dafür entdeckt, warum Betroffene mit einer Herzerkrankung zu wenig Melatonin bilden.
Die Medizinerin und angehende Fachärztin für Pharmakologie hat mit ihrer Forschungsarbeit mögliche neue Ansätze zur Behandlung von Schlafstörungen geschaffen. Für ihre Ergebnisse ist sie mit dem renommierten August Wilhelm und Lieselotte Becht-Forschungspreis der Deutschen Stiftung für Herzforschung (DSHF) in Höhe von insgesamt 15.000 Euro ausgezeichnet worden. „Das sind vielversprechende Erkenntnisse, die neue Ausgangspunkte für die Entwicklung von Behandlungsoptionen für Betroffene mit Herzerkrankungen und Schlafstörungen eröffnen“, betont Prof. Dr. med. Armin Welz, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der DSHF, die 1988 von der Deutschen Herzstiftung gegründet wurde. Die Arbeit wurde jüngst im Fachmagazin „Science“ publiziert (1).
Medizin am Abend Berlin Zusatzlink: Laboranforderung
Entzündungsprozess zerstört Nervenzellen
- Wie hängt die Epiphyse – diese winzig kleine Zirbeldrüse, die in ihrer Gestalt einem Pinienzapfen ähnelt – mit dem Herzen zusammen?
Die Verbindung liegt in einem sogenannten Nervenknoten (Ganglion), und zwar im oberen Halsganglion.
- Dort befinden sich gebündelt Nervenzellen des vegetativen Nervensystems, das automatische Abläufe im Körper regelt – unter anderem reguliert es die Epiphyse und den Herz-Kreislauf.
„Um herauszufinden, was genau in dem Nervenknoten passiert, haben wir das Feingewebe der Nervenknoten von verstorbenen herzgesunden und herzkranken Menschen untersucht“, erklärt Dr. Karin Ziegler.
- Das überraschende Ergebnis: Im Vergleich fanden sich in den Nervenknoten der herzkranken Menschen vermehrt bindegewebige Vernarbungen, stattdessen aber kaum noch Nervenzellen, die die Zirbeldrüse stimulieren können.
- Die Ursache für den Untergang der Nervenzellen liegt vermutlich in Fresszellen, sogenannten Makrophagen, die die Wissenschaftler gehäuft in den oberen Halsganglien der herzkranken Personen fanden.
- Diese rufen im Gewebe Entzündungen und Vernarbungen hervor.
- „Wahrscheinlich findet im oberen Halsganglion von Herzerkrankten ein Entzündungsprozess statt, der die Nervenzellen zerstört“, folgert die Forscherin.
Wirkstoff stoppt Fresszellen
Parallele Versuche im Tiermodell zeigten die gleichen Resultate. So
sammelten sich im Halsganglion von Mäusen mit Herzschwäche
(Herzinsuffizienz) ebenfalls Fresszellen, die zum Untergang von
Nervenzellen führten. Infolgedessen wurde die Zirbeldrüse nur noch
schwach angeregt, bildete wenig Melatonin, was zu einem gestörten
Tag-Nacht-Rhythmus der Tiere führte.
„Aber wir haben im Tiermodell
herausgefunden, wie man die Nervenzellen schützen kann“, erklärt Dr.
Ziegler. „Wenn man im frühen Krankheitsstadium einen
Makrophagen-Hemmstoff gezielt in das Halsganglion injiziert, gehen die
Fresszellen zurück und die Melatoninproduktion normalisiert sich
wieder.“ Die Hoffnung ist, basierend auf diesen Ergebnissen Medikamente
zu entwickeln, um die Schlafstörungen, die mit einer Herzerkrankung
einhergehen, dauerhaft zu kurieren.
Biomarker für Herzerkrankung?
Doch das ist noch nicht alles. Die insgesamt über rund fünf Jahre
laufenden Untersuchungen hielten eine weitere Verblüffung für die
Wissenschaftler bereit. „Wir konnten schon mit bloßem Auge sehen, dass
die oberen Halsganglien bei den Herzkranken stark angeschwollen waren“,
sagt Dr. Ziegler. Kann somit die Größe des oberen Halsganglions ein
erster Hinweis auf eine Herzerkrankung sein?
- Mit einem ganz normalen Ultraschall untersuchte das Team die Nervenknoten von Studienteilnehmern, die sie in ihrem Umfeld rekrutierten.
- „Das Ergebnis war eindeutig“, betont die Münchener Preisträgerin. „Bei den herzkranken Personen waren die Ganglien deutlich vergrößert.“
Umfassende klinische Studie geplant
Das heißt, Dr. Ziegler und ihre Kollegen haben erstens einen möglichen Biomarker gefunden, der ein Indiz für eine Herzerkrankung und einer damit einhergehenden Schlafstörung sein kann.
Zweitens haben sie eine Option entdeckt, die Melatoninproduktion bei Herzkranken anzukurbeln, indem frühzeitig und gezielt ein Wirkstoff in das Halsganglion von Betroffenen gespritzt wird, der die zerstörerischen Fresszellen ausschaltet.
Die Nerven erholen sich, die Zirbeldrüse produziert wieder ausreichend Melatonin und der Schlaf normalisiert sich.
Ist die Herzerkrankung fortgeschritten, lässt sich die Schlafstörung möglicherweise mit einem Melatonin-Medikament in bestimmter Dosierung beheben.
Spannende Ansatzpunkte, die Dr. Ziegler und ihre Forschergruppe
in einer umfassenden klinischen Studie eingehend untersuchen wollen.
„Doch bis betroffene Patienten von unseren Ergebnissen profitieren
können, dauert es noch viele Jahre.“
Literatur
(1) Ziegler et al., Immune-mediated denervation of the pineal gland
underlies sleep disturbance in cardiac disease, Science 381, 285–290
(2023)
Deutsche Herzstiftung e.V.
Michael Wichert (Ltg:) / Pierre König
Tel. 069 955128-114/-140
www.herzstiftung.de
Originalpublikation:
Ziegler KA, Ahles A, Dueck A, Esfandyari D, Pichler P, Weber K, Kotschi S, Bartelt A, Sinicina I, Graw M, Leonhardt H, Weckbach LT, Massberg S, Schifferer M, Simons M, Hoeher L, Luo J, Ertürk A, Schiattarella GG, Sassi Y, Misgeld T, Engelhardt S. Immune-mediated denervation of the pineal gland underlies sleep disturbance in cardiac disease. Science. 2023 Jul 21;381(6655):285-290. doi: 10.1126/science.abn6366. Epub 2023 Jul 20. PMID: 37471539.
Akute Herzinsuffizienz und Multimorbidität
Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Multimorbidität bei Herzinsuffizienz
Zusammenhang mit Weltregionen und Einkommensniveaus in der globalen REPORT-HF Kohortenstudie
Umfassende globale Informationen über Prävalenz und klinische Folgen von
Multimorbidität bei akuter Herzinsuffizienz nach Weltregionen und
Einkommen gab es bisher nicht.
Eine neue Analyse aus der globalen REPORT-HF Studie demonstriert erstmals Zusammenhänge von Multimorbidität mit regionalen und länderspezifischen Unterschieden.
- In Ländern mit hohem Einkommen wie Deutschland oder USA ist Multimorbidität besonders weit verbreitet und geht mit höherer Sterblichkeit, weniger Verschreibung von Medikamenten gegen Herzinsuffizienz und häufigerer Verwendung potenziell schädlicher Therapien einher.
Prävalenz von Multimorbidität nach Weltregion und Einkommensniveau
beteiligter Länder in der REPORT-HF Kohortenstudie. (A) Weltkarte mit
der mittleren Anzahl Komorbiditäten pro Land. Weiß kennzeichnet sind
nicht an der Kohortenstudie beteiligte Länder. Elsevier © UKW published in The Lancet Global Health
Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz haben oft mehrere Begleiterkrankungen.
- Treten mehr als zwei Erkrankungen gleichzeitig auf spricht man von Multimorbidität.
Die Häufigkeit von
Multimorbidität bei akuter Herzinsuffizienz liegt zwischen 43 % und 98
%, variiert aber je nach geografischer Region. Frühere Berichte über die
Auswirkungen von Multimorbidität bei Herzinsuffizienz bezogen sich auf
eine begrenzte Anzahl von Ländern, vorwiegend aus Westeuropa, Asien und
Nordamerika oder basierten auf Populationen, die an klinischen Studien
teilnahmen, bei denen Patientinnen und Patienten mit Komorbiditäten wie
schwerer Niereninsuffizienz oder Krebs in der Regel ausgeschlossen
waren. In einer im November 2023 im Journal The Lancet Global Health
veröffentlichten Analyse unter der Leitung von Prof. Dr. Christiane
Angermann vom Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg (DZHI) am
Uniklinikum Würzburg wurden erstmals weltweit die Häufigkeit von
Multimorbidität und ihre Auswirkungen auf die Arzneimitteltherapie und
die Prognose untersucht.
82 Prozent der Studienteilnehmenden waren multimorbide
Als Basis für die Analyse diente die Datenbank der prospektiven,
multizentrischen Kohortenstudie REPORT-HF (Registry to Assess Medical
Practice and Longitudinal Observation for Treatment of Heart Failure).
Im Rahmen von REPORT-HF wurden zwischen Juli 2014 und März 2017 in 358
Krankenhäusern aus 44 Ländern auf sechs Kontinenten 18 553 Patienten
rekrutiert. Die Dauer der Nachbeobachtung betrug ein Jahr. Dabei
benutzen Forschende aus Ägypten, Argentinien, Griechenland,
Großbritannien, den Niederlanden, Schweden, Singapur, Norwegen, den USA
und Zypern einen einheitlichen Erhebungsbogen. „Fast alle
Studienteilnehmende, nämlich 18 528 Patientinnen und Patienten, hatten
vollständige Daten zu ihren Komorbiditäten und wurden daher in die
Untersuchung einbezogen,“ berichtet Christiane Angermann. „Dabei waren
82 Prozent multimorbide, und wir haben die Länder nach Weltregionen und
Einkommensniveaus stratifiziert.“
Mehr Komorbiditäten erschweren die leitliniengerechte Pharmakotherapie
Die Prävalenzraten von Komorbidität waren mit 72 Prozent am niedrigsten
in Südostasien und mit 92 Prozent am höchsten in Nordamerika.
Patientinnen und Patienten aus Ländern mit niedrigem und mittlerem
Einkommen waren seltener multimorbide als Herzinsuffiziente aus Ländern
mit hohem Einkommen (73% gegenüber 85%, p<0,0001). Mit zunehmender
Multimorbidität erhielten die Betroffenen weniger leitliniengerechte
Herzinsuffizienz-Medikamente, dafür aber mehr Medikamente, die eine
Herzinsuffizienz verursachen oder verschlechtern können.
Multimorbidität verschlechtert die Prognose
In dieser Studie erwiesen sich Komorbiditäten bei Patientinnen und
Patienten, die wegen akuter Herzinsuffizienz in ein Krankenhaus
aufgenommen worden waren, als wichtige Prädiktoren, also
Vorhersagevariablen, für eine verminderte Lebensqualität, mehr
Krankenhausaufenthalte und eine schlechtere Prognose:
- Die Ein-Jahres-Mortalität stieg von 13 Prozent bei Herzinsuffizienten ohne Komorbiditäten bis auf 26 Prozent, wenn fünf oder mehr Komorbiditäten vorlagen.
Der populationsbezogene Anteil der Multimorbidität an der Sterblichkeit, die so genannte ‚population attributable fraction‘, war in Ländern mit hohem Einkommen höher als in Ländern mit mittlerem oder niedrigem Einkommen.
Mit 61 Prozent gegenüber 27 Prozent und 31 Prozent
hatten hier über die Hälfte aller Todesfälle mit Multimorbidität zu tun.
Ergebnisse unterstreichen systemischen Charakter der Herzinsuffizienz
und fordern einen multidisziplinären diagnostischen und therapeutischen
Ansatz
Die hohe Prävalenz und enorme prognostische Relevanz der Multimorbidität
bei herzinsuffizienten Patientinnen und Patienten aller Weltregionen
unterstreichen den systemischen Charakter dieses Syndroms und machen
deutlich, dass Komorbiditäten bei der Behandlung der Herzinsuffizienz
besondere Aufmerksamkeit verdienen.
„Multimorbide Patientinnen und Patienten, die eine Hospitalisierung wegen Herzinsuffizienz überlebt haben, sind nach dieser Analyse weltweit unterversorgt mit den lebensverlängernden Medikamenten, die von den internationalen Leitlinien zur Behandlung der Herzinsuffizienz empfohlen werden.
Einerseits wird die Therapie oft unterdosiert, besonders in einkommensschwachen Regionen.
- Andererseits werden- vor allem in Ländern mit hohem pro-Kopf-Einkommen mit zunehmender Multimorbidität Medikamente gegen diese Krankheiten verschrieben, die ihrerseits Herzinsuffizienz verursachen oder verschlimmern können,“ fasst Christiane Angermann zusammen.
„Unsere Ergebnisse machen deutlich, dass Herzinsuffizienz eine lebensgefährliche und komplexe Systemerkrankung ist, deren Behandlung Spezialwissen und einen fachübergreifenden Ansatz erfordert.
Multidisziplinäre Betreuungsteams könnten helfen, die medikamentöse Unter- und Fehlversorgung zu vermeiden und die miserable Prognose von Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz zu verbessern.“
Christiane Angermann, angermann_c(at)ukw.de
Kirstin Linkamp Universitätsklinikum Würzburg
Josef-Schneider-Str. 2
Haus D3
97080 Würzburg
Deutschland
Bayern
Susanne Just
Telefon: 0931/201-59447
Fax: 0931/201-60 59447
E-Mail-Adresse: just_s@ukw.de
Originalpublikation:
Teresa Gerhardt, Louisa M S
Gerhardt, Wouter Ouwerkerk, Gregory A Roth, Kenneth Dickstein, Sean P
Collins, John G F Cleland, Ulf Dahlstrom, Wan Ting Tay, Georg Ertl,
Mahmoud Hassanein, Sergio V Perrone, Mathieu Ghadanfar, Anja Schweizer,
Achim Obergfell, Gerasimos Filippatos, Carolyn S P Lam, Jasper Tromp,
Christiane E Angermann, Multimorbidity in patients with acute heart
failure across world regions and country income levels (REPORT-HF): a
prospective, multicentre, global cohort study,
The Lancet Global Health, Volume 11, Issue 12, 2023, Pages e1874-e1884, ISSN 2214-109X, https://doi.org/10.1016/S2214-109X(23)00408-4
Prof. Dr. Mirjam Christ-Crain: Literweises Trinken, auch «Polydipsie-Polyurie-Syndrom» genannt: Salzinfusions-Test für Polydipsie und Vasopressin-Defizit
Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Übermässiges Trinken: Gewohnheit oder Hormonstörung?
Wer mehr als drei Liter Flüssigkeit am Tag trinkt, könnte an einem seltenen Mangel eines Hormons leiden.
Bei vielen ist es aber auch harmlose Gewohnheit.
Eine Verwechslung ist allerdings fatal, weshalb Forschende untersucht haben, welcher Test eine zuverlässige Diagnose liefert.
Literweises Trinken, auch «Polydipsie-Polyurie-Syndrom» genannt, ist meistens mit der Zeit durch Gewohnheit entstanden oder eine Begleiterscheinung einer psychischen Krankhei.
- In seltenen Fällen steckt aber ein Defizit an Vasopressin dahinter.
- Dieses Hormon der Hirnanhangdrüse steuert den Wasser- und Salzgehalt im Körper.
- Personen mit Vasopressin-Defizit können den Urin nicht konzentrieren, verlieren deshalb grosse Mengen an Flüssigkeit und verspüren ein starkes Durstgefühl.
Die Unterscheidung zwischen einer «harmlosen» Form des Vieltrinkens und
einem Vasopressin-Defizit ist äusserst wichtig:
In ersterem Fall werden Betroffene verhaltenstherapeutisch begleitet, um die Trinkmenge langsam zu reduzieren.
- Personen mit einem Vasopressin-Defizit erhalten hingegen das Hormon Vasopressin.
- Eine falsche Behandlung mit Vasopressin kann zu einer Wasservergiftung führen und daher lebensbedrohlich sein.
Test mit Salz oder Arginin?
In den letzten Jahren haben sich die beiden Forschungsgruppenleiterinnen
Prof. Dr. Mirjam Christ-Crain und PD Dr. Julie Refardt zusammen mit
mehreren nationalen und internationalen Zentren intensiv mit
Testmethoden zur Unterscheidung dieser beiden Krankheitsbilder
beschäftigt.
So gilt etwa ein Test, bei dem die Vasopressin-Ausschüttung mittels einer Salzinfusion stimuliert wird, als sehr zuverlässig.
- «Allerdings sind wegen des starken Salzanstiegs eine ständige Überwachung und halbstündliche Salzmessungen im Blut der Patientinnen und Patienten notwendig», erklärt Prof. Christ-Crain.
- Ein stark vereinfachter und verträglicherer Test mittels Arginin-Infusion liefert ebenfalls sehr zuverlässig eine Diagnose. Auch Arginin, eine bedingt essentielle Aminosäure, stimuliert die Ausschüttung von Vasopressin.
Klarheit in der Diagnosestellung
Mit einem internationalen Team haben Christ-Crain und Refardt die beiden
Tests nun direkt miteinander verglichen und die Ergebnisse im «New
England Journal of Medicine» veröffentlicht.
Die Studie mit 158 Teilnehmenden zeigt, dass mittels Salzinfusion über 95 Prozent der Patientinnen und Patienten richtig diagnostiziert werden konnten.
Der Test mittels Arginin-Infusion führte hingegen nur in knapp 75 Prozent der Fälle zur richtigen Diagnose.
PD Dr. Refardt ordnet ein: «Angesichts dieser Ergebnisse empfehlen wir den Salzinfusions-Test als Goldstandard für eine zuverlässige Unterscheidung zwischen Polydipsie und Vasopressin-Defizit.»
Prof. Dr. med.
Mirjam Christ-Crain, Departement Klinische Forschung, Universität Basel,
Universitätsspital Basel, E-Mail: Mirjam.Christ-Crain@usb.ch
PD Dr. Julie Refardt, Departement Klinische Forschung, Universität Basel, Universitätsspital Basel, E-Mail: julie.refardt@usb.ch
Dr. Angelika Jacobs Universität Basel
Petersgraben 35
Basel
Postfach
4001 Basel
Schweiz
Basel-Stadt
Originalpublikation:
Julie Refardt et al.
Arginine or Hypertonic Saline–Stimulated Copeptin to Diagnose AVP Deficiency
New England Journal of Medicine (2023), doi: 10.1056/NEJMoa2306263
Prof. Dr. Ulf Kahlert: Früherkennung von Bauchspeicheldrüsenkrebs - OP und Chemotherpie- Biomarker
Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Weltpankreaskrebstag: Forschung zu Früherkennung per Bluttest
Ein interdisziplinäres Forschungsteam der Universitätsmedizin Magdeburg identifiziert Biomarker zur möglichen Früherkennung von Bauchspeicheldrüsenkrebs.
Prof. Dr. rer. nat. Ulf Kahlert, Professor für Molekulare und
Experimentelle Chirurgie der Universitätsklinik für Allgemein-,
Viszeral-, Gefäß- und Transplantationschirurgie Magdeburg Sarah Kossmann Universitätsmedizin Magdeburg
Bauchspeicheldrüsenkrebs ist eine der bösartigsten Krebsarten weltweit, die trotz operativer Therapie in den meisten Fällen nach kurzer Zeit nach wie vor zum Tode führt.
Grund dafür ist die späte Diagnosestellung und ein besonders aggressiver Verlauf, der eine rechtzeitige Therapie fast unmöglich macht.
Spezifische Biomarker, die auf Bauchspeicheldrüsenkrebs hinweisen, lassen sich im Blut messen und könnten mit Hilfe Künstlicher Intelligenz frühzeitig erkannt werden. Zu diesem Ergebnis kommt jetzt eine Forschungsgruppe unter der Leitung von Dr. Ulf Kahlert, Professor für Molekulare und Experimentelle Chirurgie an der Klink für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß-, und Transplantationschirurgie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg (Direktor Prof. Dr. Roland Croner), aus den Bereichen der Chirurgie, Gastroenterologie und Molekularbiologie der Unikliniken Magdeburg, Köln und Heidelberg.
Die Ergebnisse der Pilotstudie wurden in dem British
Journal of Cancer veröffentlicht und könnten in Zukunft dazu beitragen,
neue Instrumente zur Früherkennung per Blutprobe zu entwickeln und
Therapiestrategien zu verbessern. Im nächsten Schritt sollen die
Ergebnisse in einer groß angelegten Studie mit weiteren
molekularbiologischen Tests wissenschaftlich überprüft werden.
Obwohl Bauchspeicheldrüsenkrebs mit 19.000 Neuerkrankungen im Jahr in
Deutschland im Vergleich zu anderen Krebsarten wie beispielsweise
Brustkrebs relativ selten auftritt, ist die Erkrankung die
vierthäufigste Krebstodesursache in Deutschland.
Denn erste Symptome zeigen sich oftmals erst, wenn die Krankheit bereits weit fortgeschritten ist.
Die Therapieoptionen sind mit OP und Chemotherapie limitiert.
Und nur durch eine vollständige operative Entfernung des Tumorgewebes möglichst in einem Frühstadium besteht überhaupt eine Chance auf längerfristigen Therapieerfolg. Kahlert erklärt:
„Um die Überlebenschance oder die Überlebensdauer mit verbesserter Lebensqualität zu erhöhen, wird eine selektivere und spezifischere Methode zur Früherkennung des Tumors bzw. des Therapieversagens dringend benötigt.“Das Team von Prof. Kahlert sieht in der Etablierung von microRNA-Signaturen als Biomarker einen möglichen Ansatz.
MicroRNAs sind
kleinste Moleküle, die in Zellen- und in Körperflüssigkeiten wie Blut
und Urin zu finden sind und als epigenetische Regulatoren eine wichtige
Rolle bei der Tumorentstehung, Metastasierung und Therapieresistenz
spielen. Bestimmte miRNA-Signaturen lassen sich mit bestimmten
Zellaktivitäten in Verbindung bringen und das lange bevor sich erste
Symptome einer Erkrankung zeigen. Kahlert erklärt: „In unserer
Untersuchung haben wir mit Hilfe von Algorithmen des maschinellen
Lernens Gewebeproben und Blutproben von 26 Patientinnen und Patienten
mit Pankreaskrebs analysiert und dabei vielversprechende
Merkmalsvariablen für Serum-Biomarker zur Identifizierung von
Bauchspeicheldrüsenkrebs gefunden.“ Die beschriebenen RNA-Sequenzen
bieten laut Kahlert Hoffnung für die Entwicklung von verbesserten,
minimal-invasiven Differentialdiagnostika (Tumor vs. Entzündung), zur
schnellen Qualitätskontrolle der Vollständigkeit bei einer
Tumorentfernung. Die Daten könnten auch einen Weg für die Entwicklung
einer neuen Therapieoption für Patient:innen mit Pankreastumoren
eröffnen.
Ob sich die Wirksamkeit dieser Bluttestung bestätigen lässt, soll in
einer größeren Studie mit einer zielgerichteten Quantifizierungsmethode
weiter untersucht werden. In diesem Zusammenhang entwickelt die
Forschungsgruppe derzeit in Kooperation mit dem Institut für
Mikrosystemtechnik der Universität Freiburg (Dr.-Ing. Can Dincer) einen
Chip zur Detektion von RNA-Sequenzen mit Hilfe der
CRISPR/Cas13-Technologie. Ziel ist es, ein smartes Diagnoseinstrument
für einen Schnellnachweis zu entwickeln und in Form eines
Kartenlesegeräts auch für nicht spezialisierten Zentren und der
ländlichen Versorgung bereitzustellen. Dieses Vorhaben wird durch das
Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert.
- Interessierte Krebspatient:innen – auch solche die an anderen Tumoren des viszeralen- und hepatobiliären Trakts erkrankt sind, u.a. an Lebertumoren, Darmtumoren, Magentumoren, Speiseröhrentumore – sowie gesunde Interessierte können sich unter ulf.kahlert@med.ovgu.de
- für weiterführende Informationen und einen möglichen Einschluss in diese oder ähnlich gelagerte Studien zur Entwicklung verbesserter Versorgung durch personalisierte Ansätze melden.
Prof. Dr. rer. nat. Ulf Kahlert, Molekulare und Experimentelle Chirurgie der Universitätsklinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und Transplantationschirurgie Magdeburg, Tel.: +49-391-67-15528, ulf.kahlert@med.ovgu.de
Friederike Süssig-Jeschor Universitätsmedizin Magdeburg
Leipziger Straße 44
39120 Magdeburg
Deutschland
Sachsen-Anhalt
Ögelin Düzel
Telefon: 0391/6728200
E-Mail-Adresse: oegelin.duezel@med.ovgu.de
Telefon: +49-391-67-27123
E-Mail-Adresse: friederike.suessig-jeschor@med.ovgu.de
Originalpublikation:
Integrating a microRNA signature as a liquid biopsy-based tool for the early diagnosis and prediction of potential therapeutic targets in pancreatic cancer. British Journal of Cancer (2023). https://doi.org/10.1038/s41416-023-02488-4
Prof. Dr. Marion Haubitz: Glomerulonephritis (GN): Entzündliche Erkrankungen der Nieren
Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Neue zielgerichtete Therapieansätze für Glomerulonephritiden und Systemerkrankungen mit Nierenbeteiligung
- Glomerulonephritiden sind schwere Nierenerkrankungen.
- Sie stellen eine relativ häufige Ursache für eine chronische Dialysetherapie dar.
Eine Behandlung kann oft das endgültige Nierenversagen verhindern oder hinauszögern, wenn sie rechtzeitig beginnt und alle verfügbaren Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft werden.
Die Erforschung der molekularen und meist immunologischen Pathomechanismen hat in letzter Zeit zur Identifizierung neuer spezifischer Therapieangriffspunkte (wie B-Zelle, T- Zelle, Zyokine, Komplement) und Entwicklung verschiedenster zielgerichteter Immuntherapien geführt, von denen die ersten bereits zugelassen sind oder in klinischen Phase-2- oder -3-Studien untersucht werden.
- Eine Glomerulonephritis (GN) ist eine entzündliche Erkrankung der kleinsten Filtereinheiten der Nieren (Nierenkörperchen, Glomeruli), die typischerweise nicht infektiös, sondern immunvermittelt (z. B. autoimmun) bedingt ist.
Ca. 1% der Menschen leidet an einer GN [1], in Deutschland ist die GN in 18,7% Ursache von chronischen Nierenkrankheiten [2]. Die GN gehört auch zu den häufigsten Grunderkrankungen, die zur chronischen Nierenersatztherapie (Dialyse oder Transplantation) führen – bei der Diagnoseverteilung der Dialysepatienten entfallen auf die GN ca. 20% [3, 4].
Bei der primären
GN sind nur die Glomeruli betroffen (z.B. IgA-Nephropathie), bei einer
sekundären GN liegt eine Grunderkrankung vor, die außer den Nieren noch
andere Organe betrifft (z.B. Systemerkrankungen wie der systemische
Lupus erythematodes (SLE) oder die Vaskulitiden).
Die IgA-Nephropathie (IgAN) ist die weltweit häufigste Form der primären
glomerulären Erkrankungen.
- Bei der IgAN besteht ein relativ hohes Risiko, dass irgendwann eine chronische Dialysebehandlung notwendig wird, besonders, wenn eine Proteinurie von > 0,5 - 1g/Tag besteht, die nicht adäquat behandelt wird.
- Histologisch findet man in den Glomeruli Ablagerungen von Immunkomplexen mit Immunglobulin A (IgA), die auch Autoantikörper enthalten.
Die Lupusnephritis (LN) stellt eine sekundäre Nierenbeteiligung bei 40-60% der SLE-Betroffenen dar.
Nicht selten ist sie überhaupt die erste Organmanifestation des SLE; häufig tritt sie in den ersten 5-10 Jahren nach der SLE-Diagnose auf.
- Wie bei allen Systemerkrankungen sind verschiedene Organe/Gewebe von autoimmunen Entzündungsprozessen betroffen (z.B. Bindegewebe/Gelenke, Haut), es kommt ebenfalls zur Ablagerung von Immunkomplexen.
Wenn eine akute GN nicht adäquat behandelt wird, steigt das Risiko für ein Nierenversagen an.
Essenziell ist daher eine konsequente Supportivtherapie. Dazu gehören eine Lebensstilanpassung mit gesunder Ernährung, Bewegung, Behandlung von Übergewicht, Nikotinverzicht, Kochsalzreduktion, Therapie eines erhöhten Blutdrucks sowie einer Proteinurie.
- Um Blutdruck und Proteinurie zu verbessern, sind Inhibitoren des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RAASi, v. a. ACE-Hemmer oder Angiotensin-Rezeptor-Blocker) der Goldstandard.
- Diese Medikamente sind entscheidende Säulen zur Verlangsamung eines chronischen Nierenfunktionsverlustes.
Auch die zusätzliche Gabe eines SGLT-2-Hemmers („Sodium-glucose linked transporter 2-Inhibitoren“, SGLT2i; v. a. Dapagliflozin oder Empagliflozin) wirkt bei chronischen Nierenerkrankungen (CKD) nephroprotektiv, was mit großer Evidenz belegt ist [5, 6, 7, 8] und inzwischen in den aktuellen Leitlinien zur Standardbehandlung vor allem bei diabetischer und proteinurischer CKD gehört.
Bei Nierenbeteiligung
aufgrund einer Systemerkrankung muss der Stellenwert des zusätzlichen
Nutzens noch weiter quantifiziert werden [9].
Zur Unterdrückung der immunologischen Prozesse sind beim SLE und den
Vaskulitiden fast immer und oft auch bei primärer GN zusätzlich
Immunsuppressiva oder Glukokortikosteroide notwendig. Wenn sich eine
Proteinurie (≥ 0,75-1,0 g/Tag) trotz dreimonatiger Supportivtherapie
incl. RAASi und SGLT2i (sowie ggf. künftig einer Therapie mit dualer
Endothelin-Rezeptor- und Angiotensin-Rezeptor-Blockade) nicht bessert
oder wenn ein hohes Risiko für ein Fortschreiten der Erkrankung bzw.
Nierenversagen besteht und es keine immunsuppressive Standardtherapie
gibt bzw. diese versagt, sollte versucht werden, die Betroffenen in
einer passenden Studie zu behandeln, um den drohenden
Nierenfunktionsverlust aufzuhalten. Die Zahl möglicher Studien ist hier
sehr groß – in den letzten 15 Jahren hat das Wissen zur Immunpathogenese
schwerwiegender glomerulärer Nierenerkrankungen deutlich zugenommen.
Daraus haben sich für fast jede GN neue, molekulare Therapieansätze
ergeben, die mit der zunehmenden Zahl verfügbarer immunmodulatorischer
Substanzen sowie mit gezielt entwickelten Immuntherapien nun erprobt
werden – mit bereits sichtbaren Erfolgen.
Neue IgAN-Therapien
In den letzten Jahren wurden für die IgAN-Therapie Budesonid und
Sparsentan (in den USA) zugelassen. Sparsentan, ein dualer
Endothelin-Rezeptor- und Angiotensin-Rezeptor-Antagonist senkte in der
PROTECT-Studie die Proteinurie (unter maximaler RAASi) signifikant [10],
sodass er im beschleunigten Verfahren von der US-amerikanischen FDA
eine Zulassung erhielt und sich nun in weiteren Studien bewähren muss.
Eine starke Kortikosteroidtherapie ist bei IgAN mit einem oft inakzeptabel hohen Infektionsrisiko verbunden.
Die TESTING-Studie
(„Therapeutic Effects of Steroids in IgA Nephropathy Global“) zeigte,
dass Methylprednisolon die progrediente Abnahme der Nierenfunktion
deutlich verlangsamt, allerdings bei signifikant erhöhtem
Infektionsrisiko [1]. Hier könnten die Ergebnisse der NefIgArd-Studie
einen Wendepunkt bedeuten: NefIgArd untersuchte Budesonid, ein bei
anderen Immunerkrankungen bewährtes Kortikosteroid, das gezielt in der
Magen-Darm-Schleimhaut freigesetzt wird und somit direkt auf das
darmassoziierte lymphatische Gewebe wirkt, aber dabei kaum systemische
Nebenwirkungen aufweist. In NefIgArd kam es zu einer im Vergleich zu
Placebo signifikanten Besserung der Proteinurie um 48% [11]. Das
magensaftresistente Budesonid wurde daraufhin als erstes Medikament
sowohl von der FDA als auch von der EMA für die Behandlung der IgAN
zugelassen, wenn ein hohes Risiko für eine progressive Verschlechterung
der Nierenfunktion besteht. Der Budesonid-Effekt mit Stabilisierung der
Nierenfunktion und Proteinurieverbesserung scheint auch nach der
Behandlung anzuhalten (Monat 3 bzw. 15 nach Therapieende), allerdings
kann über den Langzeiteffekt noch keine Aussage getroffen werden.
Ein weiterer neuer Therapieansatz bei IgAN ist die Beeinflussung des
Zytokins BAFF („B cell activating factor“) und/oder des APRIL-Signalwegs
„(A Proliferation-Inducing Ligand)“. Untersucht werden hier monoklonale
Antikörper, die APRIL-spezifisch (Bion-1301, Sibeprenlimab) gegen BAFF
(Belimumab) oder über die Koppelung an einen Teil des TACI-Rezeptors
(„transmembrane Activator and CAML-Interactor“) wirken (Atacicept,
Telitacicept). Erste Phase-2-Studien zeigten, dass zirkulierenden
Gd-IgA1-Spiegel und auch die Proteinurie abnehmen. Derzeit läuft eine
Phase-3-Studie mit Sibeprenlimab; der Beginn von Phase-3-Studien mit
anderen Substanzen zur Hemmung dieses Signalwegs ist geplant.
Darüber hinaus wird ein Angriff an verschiedene Stufen der
Komplementkaskade (an Proteine des Komplementwegs) erforscht, darunter
C3 ( mit Pegcetacoplan), C5 (mit Cemdisiran, Ravulizumab) und der
C5a-Rezeptor (mit Avacopan). Erste Daten sind vielversprechend,
bezüglich der Reduktion der Proteinurie bei IgAN. Auch wurden Phase-2-
und Phase-3-Studien begonnen, die Medikamente mit Angriff am Faktor B
(Iptacopan, IONIS-FB-LRx) und Faktor D (ALXN2050) des alternativen
Signalwegs sowie an MASP-2 des Lektinwegs (Narsoplimab) testen.
Neue zielgerichtete Therapien bei Lupusnephritis
Bei der Behandlung der aktiven LN ergänzt Belimumab (Wirkung auf
B-Zellen) die Therapieoptionen der Leitlinien. Belimumab wurde 2021 auch
für die LN zugelassen, es ist ein monoklonaler IgG-1λ-Antikörper gegen
BAFF („B-cell activating factor“). Er verhindert die Bindung des
B-Lymphozytenstimulators BAFF und somit das Ausreifen und Überleben
autoreaktiver B-Zellen mit der Folge der Reduktion der
Antikörperproduktion. Die randomisiert kontrollierte Phase-3-Studie
BLISS–LN zeigte die Wirksamkeit von Belimumab als „add on“ zur
Standardtherapie (CYC oder MMF) bei LN im Sinne einer
„Multi-Target“-Therapie [12], wobei es zum verbesserten Ansprechen der
LN innerhalb von zwei Jahren kam (additives Belimumab vs.
Standardtherapie nach 104 Wochen 43% vs. 32% renales Ansprechen). Das
Risiko für unerwünschte renale Ereignisse war bei Belimumab ebenfalls
reduziert – ohne vermehrte Nebenwirkungen [13]. Außerdem steht seit 2021
zur Behandlung der aktiven LN in Kombination mit Immunsuppressiva
Voclosporin (Wirkung auf T-Zellen) zur Verfügung, ein
Calcineurininhibitor (CNI) mit gegenüber bisherigen CNI günstigerem
Nebenwirkungsprofil und fehlender Notwendigkeit von Spiegelkontrollen.
Voclosporin wurde in der AURA-LV-Phase-2- und AURORA-Phase-3-Studie
untersucht [14].
Es laufen derzeit auch randomisierte Studien mit beispielsweise weiteren
Substanzen, die B-Zellen als Therapieziel angreifen, z.B. mit
Ianalumab, einem BAFF-Rezeptor-Antikörper, der als „add on“ zur
Standardtherapie gegeben wird. Auch der humanisierte monoklonale
Anti-CD20-Antikörper Obinutuzumab ist im Bereich der B-Zell Depletion
vielversprechend. In der randomisierten, doppelblinden,
placebo-kontrollierten Phase-2-Studie NOBILITY wurde Obinutuzumab in
Kombination mit der Standardtherapie gegeben, war gut verträglich und
verbesserte das Ansprechen [15]. Aktuell läuft die Phase-3-Studie. Als
neue Strategie zur B-Zell-Reduktion wird die
Anti-CD19-CAR-T-Zelltherapie untersucht. Die innovative
CAR-T-Zell-Therapie wurde bislang fast ausschließlich bei Tumoren
angewandt.
Verschiedene T-Zellpopulationen haben Bedeutung bei der Pathogenese der
LN. Dabei spielt IL17 eine wichtige Rolle als proinflammatorisches
Zytokin, welches u. a. T-Zell-Infiltration fördert. Hier greift der
Anti-IL17-Antikörper Secukinumab an, der in einer Phase-3-Studie als
zusätzliche Behandlung in Kombination mit der Standardtherapie erprobt
wird. Auch der T-Zell-Zytokin-spezifische IL-23-Antikörper Guselkumab,
der über die Hemmung von IL-23 die Produktion von IL17 inhibiert,
befindet sich in einer Phase-2-Studie. Mittlerweile ist auch die
Interaktion zwischen CD40 (B-Zellen) und CD40-Ligand (aktivierte
T-Zellen) wieder ein Therapie-Target, um am Ende des entsprechenden
Signalwegs die Aktivierung von B-Zellen zu stoppen. Hier wird
Dazodalibep, ein neu entwickeltes Fusionsprotein, getestet. Auch die
Ergebnisse einer Phase-2-Studie mit dem monoklonalen
Anti-CD40-Antikörper Iscalimab werden bald erwartet.
„Es ist sehr erfreulich, dass wir bald so viele neue therapeutischen
Optionen bei den Glomerulonephritiden bzw. auch bei der Lupusnephritis
haben werden und auch bei den Vaskulitiden (autoimmune Gefäßentzündungen
häufig mit Nierenbeteiligung) sind neue Therapiemöglichkeiten
„unterwegs“ und zum Teil schon verfügbar wie Avacopan
(C5a-Rezeptor-Antagonist).
Gerade bei Nierenerkrankungen mit schlechtem
Therapieansprechen liegt die Zukunft vermutlich bei Kombinations- bzw.
Multi-Target-Therapien, um durch Mehrfachangriffe an den
Pathomechanismen die Betroffenen effektiver und nebenwirkungsärmer zu
behandeln“, so Prof. Dr. Marion Haubitz, Fulda, Tagungspräsidium der 15.
Jahrestagung der DGfN. „Genauso wichtig wie beispielsweise auch die
Reduktion der eingesetzten Steroiddosen ist es, rechtzeitig alle
nephroprotektiven Behandlungsoptionen zu nutzen.“
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lupus nephritis: a randomised, double-blind, placebo-controlled trial.
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Dr. Katja Langer: Kortisol und die Stressregulierung
Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Wie sich Stress auf unsere Emotionsregulation auswirkt
Menschen reagieren unterschiedlich auf Stress.
„Wir wollen herausfinden, welche Faktoren diese unterschiedlichen Anfälligkeiten erklären“, so Dr. Katja Langer, Postdoktorandin am Lehrstuhl für Kognitionspsychologie.
Die Bochumer Forscherin untersucht, wie sich Stress kurzfristig auf unsere kognitive Emotionsregulierung auswirkt, also die Fähigkeit, unsere Empfindungen durch eigene Gedanken zu steuern.
„Wir interessieren uns für zwei kognitive Strategien, nämlich das Umbewerten und das Ablenken“, erklärt Langer. Wie schwer fällt uns das, wenn wir gestresst sind?
In ihrer neusten Studie, veröffentlicht in „Psychoneuroendocrinology“, zeigt sie, dass sich der Einfluss von Stress auf die kognitive Emotionsregulation bei Männern und Frauen unterschiedlich stark auswirkt.
Das Forschungsmagazin Rubin berichtet
darüber.
Verbesserte Emotionsregulierung bei Männern
Insgesamt 80 Versuchspersonen, 40 Männer und 40 Frauen, haben an der
Studie teilgenommen.
In ihrer Studie verwendet Katja Langer den sogenannten sozial evaluierten Kaltwassertest zur Stressinduktion.
Dabei halten Versuchspersonen ihre Hand für bis zu drei Minuten in zirkulierendes Wasser, das eine Temperatur von null bis zwei Grad misst.
Die Hypothese, dass allen, Männern und Frauen, die Emotionsregulierung im Stresszustand schwerer fällt, konnte nicht bestätigt werden.
Stattdessen deuten die Ergebnisse auf deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern hin.
Danach können sich Männer unter Stress deutlich besser ablenken.
„Bei Männern scheint der Stress zu einer verbesserten Emotionsregulierung geführt zu haben.
Das hat uns total sprachlos gemacht“, resümiert Langer.
Bei Frauen hingegen deuteten die Ergebnisse eher in die andere Richtung:
Die Stressreaktion stand hier mit einer
schlechteren Emotionsregulierung in Zusammenhang.
Geschlechtshormone und Stress
Die Forscherin führt die Unterschiede zum Einen auf den zeitlichen
Ablauf der Studie und zum Anderen auf hormonelle Unterschiede zurück.
„Vorgängerstudien konnten bereits zeigen, dass Kortisol erst nach etwa 20 Minuten vermehrt ausgeschüttet wird.
Die Aktivierung des
sympathischen Nervensystems hingegen passiert innerhalb von Sekunden
nach der Stressinduktion“, erläutert Langer.
Die Bochumer Forscherin konnte in einer Nachfolgestudie bereits zeigen,
dass in der Tat die Effekte von Kortisol auf die Emotionsregulierung, je
nach Geschlecht, unterschiedlich sind.
Bei Männern führt Kortisol zu einer verbesserten Emotionsregulierung.
Kortisol scheint bei Frauen keine oder zumindest geringere förderliche Effekte auf ihre Regulationsfähigkeit zu haben.
Das Ergebnis könnte damit erklärt werden, dass Frauen vermindert Kortisol ausschütten und die sympathische Aktivierung von Adrenalin und Noradrenalin im Gehirn stärker ist.
In weiteren Studien möchte Langer diese Vermutungen bestätigen.
Dr. Katja Langer
Lehrstuhl für Kognitionspsychologie
Fakultät für Psychologie
Ruhr-Universität Bochum
Tel.: +49 234 32 24632
E-Mail: katja.langer@rub.de
Universitätsstr. 150
44780 Bochum
Postfach 10 21 48
44780 Bochum
Deutschland
Nordrhein-Westfalen
E-Mail-Adresse: info@ruhr-uni-bochum.de
Meike DrießenTelefon: +49 234 32 26952
E-Mail-Adresse: meike.driessen@rub.de
Originalpublikation:
Katja Langer, Valerie L. Jentsch, Oliver T. Wolf: Rapid effects of acute stress on cognitive emotion regulation, in: Psychoneuroendocrinology, 151, 2023, DOI: 10.1016/j.psyneuen.2023.106054

































