Medizin am Abend Berlin Fazit: Regeneration im Verdauungstrakt
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Im menschlichen Darm tummeln sich Milliarden nützlicher Bakterien.
- Eine Therapie mit Antibiotika zerstört oft die meisten von ihnen.
Ob und
wie sich die Darmflora anschließend erholt, hat ein Forschungsteam
unter Beteiligung des MDC untersucht. Die Ergebnisse sind im Fachblatt
„Nature Microbiology“ publiziert.
Elektronenmikroskopische Aufnahme von kultivierten Escherichia coli auf einem Objektträger, nachträglich koloriert Bild: CC-BY-2.0 NIAID, verändert von Sofia Forslund, MDC
Der Verdauungstrakt des Menschen beherbergt ein Universum winzigster
Lebewesen.
Grob geschätzt finden sich im Darm so viele Bakterien, wie
es Menschen auf der Erde gibt.
Fast immer dienen die Keime dem Wohl
ihres Gastgebers.
Sie helfen mit, die Nahrung zu verdauen, produzieren
Vitamine und trainieren das Immunsystem. Zudem schützen sie, allein
durch ihre Anwesenheit, vor krankheitserregenden Artgenossen.
Doch der Mikrokosmos im Darm, das Mikrobiom, ist ein störanfälliges
Gebilde. „
Gerät es aus dem Gleichgewicht, drohen Infektionen,
Übergewicht und Diabetes sowie entzündliche und neurologische
Erkrankungen“, sagt Dr. Sofia Forslund, die im Mai dieses Jahres vom
European Molecular Biology Lab (EMBL) in Heidelberg ans
Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin wechselte
und die komplizierten Wechselwirkungen zwischen Mensch und Mikrobiom
erforscht.
Antibiotika hinterlassen im Darm dauerhafte Spuren
In der jetzt in „Nature Microbiology“ veröffentlichten Studie hat
Forslund gemeinsam mit Kollegen und Kolleginnen aus Dänemark,
Deutschland und China untersucht,
wie sich eine Therapie mit
Breitband-Antibiotika auf das Zusammenspiel der Darmbakterien auswirkt.
- „Wir konnten zeigen, dass sich das Mikrobiom ein halbes Jahr nach der
Medikamentengabe fast vollständig erholt hatte“, berichtet die
schwedische Forscherin.
- Aber eben nur fast: „Einige empfindliche
Bakterienarten blieben dauerhaft verschwunden“, sagt Forslund.
Für die Untersuchung verabreichte das Team um die MDC-Forscherin und
zwei Wissenschaftler der Universität Kopenhagen zwölf gesunden, jungen
Männern, die sich zur Teilnahme an der Studie bereiterklärt hatten, über
vier Tage hinweg einen Cocktail aus drei Antibiotika:
Meropenem,
Gentamicin and Vancomycin. Gewöhnlich kommen diese Wirkstoffe vor allem
dann zum Einsatz, wenn gängigere Antibiotika nicht mehr wirken, weil die
Bakterien gegen sie bereits resistent geworden sind.
Manche Bakterienarten überlebten die Medikamentengabe
Anschließend untersuchten die Forscherinnen und Forscher das Mikrobiom
ihrer Probanden sechs Monate lang. Mittels
DNA-Sequenzierung bestimmten
sie zum einen,
welche Bakterienarten sich im Darm der Männer
aufhielten, und zum anderen,
welche Gene in den Bakterien vorhanden
waren. Besonderes Augenmerk legte das Team dabei auf
die Resistenz-Gene,
mit denen sich die Keime gegen Medikamente zur Wehr setzen. „Unsere
Studie ist vermutlich die erste, die den Einfluss von Antibiotika auf
die Gene von Bakterien untersucht hat“, sagt Forslund.
Zunächst einmal habe sich gezeigt, dass der Darm trotz der Verabreichung
dreier stark wirksamer Antibiotika nicht vollständig steril geworden
sei, berichtet die Forscherin. Unter den verbliebenen Bakterien
entdeckte das Team sogar einige bislang unbekannte und noch nicht näher
charakterisierte Arten.
Andere Keime schrumpften und verwandelten sich
zu Sporen – einer Lebensform, in der Bakterien bei schlechten
Bedingungen viele Jahre verharren können, ohne ihre ursprünglichen
Eigenschaften zu verlieren.
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Zuerst tauchten krankmachende Keime auf
Die anschließende Wiederbesiedelung des Darms erfolgte stufenweise.
„Ganz ähnlich, wie wenn sich ein Wald nach einem Brand langsam wieder
erholt“, sagt Forslund.
Zuerst tauchten allerdings vermehrt Bakterien
auf, die krankmachende Eigenschaften besitzen, Enterococcus faecalis and
Fusobacterium nucleatum beispielsweise.
Gleichzeitig konnte das Team in
den Mikroorganismen besonders
viele Virulenzfaktoren ausmachen – also
Strukturen und Stoffwechselprodukte, die dem Menschen eher schaden.
„Diese Beobachtung erklärt gut, warum die meisten Antibiotika
Magen-Darm-Störungen hervorrufen“, sagt Forslund.
Mit der Zeit normalisierte sich die Darmflora wieder. Die schlechten
Keime wurden mehr und mehr
durch gute Bakterien wie beispielsweise die
Milchsäure produzierenden Bifidobakterien ersetzt, die Krankheitserreger
fernhalten. Nach sechs Monaten war das Mikrobiom der Probanden nahezu
wieder das alte. Es fehlten jedoch nicht nur ein paar der früher
vorhandenen Arten. „Auch die Anzahl der Resistenz-Gene hatte sich in den
Bakterien erwartungsgemäß erhöht“, berichtet Forslund. Bakterienarten,
die nach der Antibiotikagabe am schnellsten wieder auftaucht waren,
wiesen aber erstaunlicherweise nicht die meisten Resistenz-Gene auf.
„Diese Erbanlagen spielen anscheinend eher langfristige eine Rolle
dabei, den Darm wieder zu besiedeln“, sagt die Forscherin.
Auch das
Mikrobiom der Lunge soll weiter erforscht werden
Aufgrund des offenbar dauerhaften Verlusts einzelner Arten und der
erhöhten Zahl der Resistenz-Gene zeige die Studie einmal mehr,
wie
wichtig es sei, Antibiotika mit Bedacht zu verabreichen, betont
Forslund. Zudem müsse man weiter erforschen, wie es künftig besser
gelingen könne, das empfindliche Mikrobiom vor Schäden durch Antibiotika
zu schützen.
Dazu möchte die Wissenschaftlerin beitragen. Am MDC läuft unter ihrer
Leitung derzeit zum Beispiel eine Beobachtungsstudie, mit der Forslund
herausfinden will,
wie sich längerfristige Gaben von Antibiotika auf die
Artenvielfalt im Darm auswirken – und ob ein stärkerer Schwund an
Spezies das Risiko von Übergewicht und Stoffwechselerkrankungen erhöht.
Darüber hinaus will sie erforschen, wie oft Darmbakterien während einer
Antibiotikagabe ihre Resistenz-Gene untereinander austauschen. Auch
eine Studie, die den Einfluss dieser Medikamente auf das Mikrobiom der
Lunge untersucht, ist bereits in Planung.
Über das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC)
Das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der
Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) wurde 1992 in Berlin gegründet. Es ist nach
dem deutsch-amerikanischen Physiker Max Delbrück benannt, dem 1969 der
Nobelpreis für Physiologie und Medizin verliehen wurde. Aufgabe des MDC
ist die Erforschung molekularer Mechanismen, um die Ursachen von
Krankheiten zu verstehen und sie besser zu diagnostizieren, verhüten und
wirksam bekämpfen zu können. Dabei kooperiert das MDC mit der Charité –
Universitätsmedizin Berlin und dem Berlin Institute of Health (BIH)
sowie mit nationalen Partnern, z.B. dem Deutschen Zentrum für
Herz-Kreislauf-Forschung (DHZK), und zahlreichen internationalen
Forschungseinrichtungen. Am MDC arbeiten mehr als 1.600 Beschäftigte und
Gäste aus nahezu 60 Ländern; davon sind fast 1.300 in der Wissenschaft
tätig. Es wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und
Forschung und zu 10 Prozent vom Land Berlin finanziert und ist Mitglied
in der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren.
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Dr. Sofia Forslund
Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft
Gruppenleiterin der AG „Wirt-Mikrobiom Faktoren in Herz-Kreislauferkrankungen“
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Jutta Kramm
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Originalpublikation:
Albert Palleja et al. (2018):
"Recovery of gut microbiota of healthy adults following antibiotic
exposure.“ Nature Microbiology 3. doi: 10.1038/s41564-018-0257-9
http://dx.doi.org/10.1038/s41564-018-0257-9
Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte
https://www.mdc-berlin.de/de/forslund – Webseite des Forslund Labs