Medizin am Abend Berlin Fazit: Wer als Kind viel Zucker und Fett konsumiert, trinkt als Jugendlicher häufiger Alkohol
Kinder, die viel zucker- und fettreiche Nahrungsmittel zu sich
nehmen, haben im Vergleich zu Kindern, die sich fett- und zuckerarm
ernähren, ein deutlich erhöhtes Risiko, als Jugendliche regelmäßig
Alkohol zu konsumieren.
Das ist das Ergebnis einer im Fachmagazin Public
Health Nutrition veröffentlichten Studie, an der zehn europäische
Institutionen unter Federführung des Leibniz-Instituts für
Präventionsforschung und Epidemiologie - BIPS beteiligt waren.
Die
Studie wurde im Oktober 2018 in Lissabon von der European Society for
Prevention Research (EUSPR) als herausragende Forschungsleistung mit dem
EUSPR Presidents‘ Award ausgezeichnet.
Ob
Burger, Pizza, Bratwurst oder Softdrinks – was Kindern (und auch
vielen Erwachsenen) besonders schmeckt, ist häufig ungesund, weil es
hohe Mengen Fett und Zucker enthält.
Für Süßes haben gerade Kinder ein
angeborenes Verlangen, das seine Wurzeln in der menschlichen Evolution
hat und in einer urzeitlichen Welt des Mangels die für das Wachstum
nötige Energiezufuhr sicherstellen soll.
Beim Fett spielen ähnliche
Mechanismen eine Rolle.
Zudem sind Fette gute Geschmacksträger, von
denen sich auch viele Erwachsene gern verführen lassen.
-
Aus zahlreichen Studien ist bekannt, dass der Konsum von Zucker und Fett
zu Sucht- oder suchtähnlichem Verhalten führen kann.
Anders als bei
vielen Drogen ist es bei fett- und zuckerhaltigen Nahrungsmitteln keine
einzelne suchtfördernde Substanz, die Suchtverhalten auslöst.
- Jedoch
kann offenbar schon die bloße Präferenz dafür zu Suchtverhalten – also
zu Überkonsum, Kontrollverlust und gierigem Verlangen, sogenanntem
„Craving“, führen.
Ein europäisches Studienteam, zu dem Leonie-Helen Bogl, Hannah Jilani
und Professor Wolfgang Ahrens vom BIPS zählen, wollte nun wissen, ob es
einen direkten Zusammenhang zwischen der
Nahrungsmittelpräferenz in der
Kindheit und dem späteren Konsum der am meisten verbreiteten Droge
Alkohol gibt.
Sprich: Greifen Kinder, die viel Zucker und Fett zu sich
nehmen, als Heranwachsende auch häufiger zur Flasche?
Die Antwort auf diese Frage lieferten Daten, die im Rahmen der
europäischen IDEFICS/I.Family Kohortenstudie erhoben wurden. Bei der
vom BIPS geleiteten IDEFICS-Studie wurden mehr als 16.000 Kinder im
Alter von 2 bis 9 Jahren in acht europäischen Ländern (Belgien,
Deutschland, Estland, Italien, Spanien, Schweden, Ungarn und Zypern)
untersucht, um den Einfluss von Ernährung und Lebensstil auf ihre
Gesundheit zu erforschen. Im Rahmen der ebenfalls BIPS-geführten
Folgestudie I.Family wurde ein großer Teil der Kinder – nun zwischen 7
und 17 Jahre alt – zu einem späteren Zeitpunkt erneut untersucht.
Darüber hinaus wurden auch Familienmitglieder befragt.
Das Team um Studienerstautorin Kirsten Mehlig von der Universität
Göteborg in Schweden wertete diese Daten nun aus.
Das Ergebnis:
Wer als
Kind viel zucker- und fettreiche Nahrungsmittel konsumiert hat, trinkt
später als Jugendlicher deutlich häufiger regelmäßig Alkohol als die
Vergleichsgruppe.
Dieses Muster fand sich bei beiden Geschlechtern und
in allen untersuchten Ländern. Zwar haben die familiären Lebensumstände
der Kinder – also etwa Einkommen und Bildungsstand der Eltern – Einfluss
auf die Qualität der Ernährung, den positiven Zusammenhang zwischen
ungesunder Ernährung und späterem Alkoholkonsum konnten sie allerdings
nicht erklären. Die Gründe dafür müssen daher andere sein.
Bei Versuchstieren konnte in der Vergangenheit nachgewiesen werden,
dass
sich zum Beispiel das Verlangen nach Fett und Alkohol gegenseitig
verstärkt.
Möglicherweise wird also durch eine fett- und zuckerreiche
Ernährung im Kindesalter ein grundsätzliches Verlangen nach Sucht
erzeugenden Stoffen „erlernt“, das sich in späteren Jahren etwa in
erhöhtem Alkoholkonsum manifestiert. Ein dem zugrundeliegender
neurologischer Mechanismus konnte mit den verfügbaren Daten jedoch nicht
identifiziert werden.
Die Studienergebnisse machen allerdings deutlich, wie stark ungesunde
Ernährungsgewohnheiten im Kindesalter das Leben und dabei vor allem die
Gesundheit im Erwachsenalter negativ beeinflussen können.
Es ist daher
aus Sicht der Studienautorinnen und –Autoren enorm wichtig, mithilfe von
politischen Maßnahmen das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die
Auswirkungen ungesunder Ernährung zu schärfen und Produktion und
Vertrieb ungesunder Nahrungsmittel stärker zu regulieren – etwa mit
einer Zuckersteuer. Die Erkenntnisse der Studie zeigen zudem, wie
wichtig es ist, die Probandinnen und Probanden über längere Zeiträume
wissenschaftliche zu begleiten. Nur so lassen sich die langfristigen
Folgen verschiedener Lebensstile identifizieren. Deshalb plant das
Forschungsteam für das Jahr 2019 eine erneute Befragung der dann 12 bis
22 Jahre alten Studienteilnehmenden.
Originalveröffentlichung: Mehlig K, Bogl LH, Hunsberger M, Ahrens W, De
Henauw S, Iguacel I, et al. Children’s propensity to consume sugar and
fat predicts regular alcohol consumption in adolescence. Public Health
Nutr. 2018 Aug 24:1-8. doi:10.1017/S1368980018001829.
Das BIPS – Gesundheitsforschung im Dienste des Menschen
Die Bevölkerung steht im Zentrum unserer Forschung. Als
epidemiologisches Forschungsinstitut sehen wir unsere Aufgabe darin,
Ursachen für Gesundheitsstörungen zu erkennen und neue Konzepte zur
Vorbeugung von Krankheiten zu entwickeln. Unsere Forschung liefert
Grundlagen für gesellschaftliche Entscheidungen. Sie klärt die
Bevölkerung über Gesundheitsrisiken auf und trägt zu einer gesunden
Lebensumwelt bei.
Das BIPS ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft, zu der 93 selbstständige
Forschungseinrichtungen gehören. Die Ausrichtung der Leibniz-Institute
reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die
Wirtschafts-, Raum- und Sozialwissenschaften bis zu den
Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute widmen sich gesellschaftlich,
ökonomisch und ökologisch relevanten Fragen. Aufgrund ihrer
gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der
Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund
19.100 Personen, darunter 9.900 Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler. Der Gesamtetat der Institute liegt bei mehr als 1,9
Milliarden Euro.
Originalpublikation:
Mehlig K, Bogl LH, Hunsberger M,
Ahrens W, De Henauw S, Iguacel I, et al. Children’s propensity to
consume sugar and fat predicts regular alcohol consumption in
adolescence. Public Health Nutr. 2018 Aug 24:1-8.
doi:10.1017/S1368980018001829.
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