Medizin am Abend Berlin Fazit: Neuer ALS-Bluttest: Hilfe bei der Differenzialdiagnose und Hinweise auf Krankheitsverlauf
Forschende der Universitäten Ulm und Mailand haben einen Bluttest
entwickelt, der die Diagnose der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS)
erleichtert.
- Der neue Test hilft dabei, die ALS von anderen
neurodegenerativen Erkrankungen zu unterscheiden.
- Weiterhin erlaubt er
eine Prognose des Krankheitsverlaufs.
Die Blutuntersuchung eignet sich
besonders für größere Kohorten, beispielsweise im Zuge von klinischen
Studien, sowie für Patienten, bei denen aus medizinischen Gründen keine
Liquorpunktion möglich ist.
Bei der ALS sterben Nervenzellen ab, die für die Muskelsteuerung verantwortlich sind (Motoneurone) Abbildung: Universitätsklinik Ulm für Neurologie Ulm/RKU
Bis zur Diagnose der Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose
(ALS) können mehrere Monate vergehen:
Selbst erfahrenen Medizinern fällt
es teilweise schwer, die vielfältigen Symptome von anderen
neurodegenerativen Erkrankungen zu unterscheiden.
Jetzt stellen
Forschende der Ulmer Universitätsmedizin und der Universität Mailand
einen Bluttest vor, der die Differenzialdiagnose erleichtern soll. Zudem
erlaubt der Test eine Prognose des Krankheitsverlaufs. Der Fachbeitrag
der Gruppe um Professor Markus Otto und Dr. Federico Verde ist in der
Fachzeitschrift „Journal of Neurology, Neurosurgery, and Psychiatry“
erschienen.
Mit bundesweit etwa 8000 Betroffenen zählt ALS zu den selteneren
neurodegenerativen Erkrankungen. Doch durch prominente Patienten wie den
Maler Jörg Immendorff oder den kürzlich verstorbenen Physiker und
„Langzeitüberlebenden“ Stephen Hawking ist die tödliche Nervenkrankheit
einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.
Im Krankheitsverlauf sterben
Nervenzellen ab, die für die Muskelsteuerung verantwortlich sind
(Motoneurone).
Eine Lähmung der Gliedmaße sowie der Atemmuskulatur sind
die Folge, und meistens versterben die Patienten ein bis zehn Jahre nach
Krankheitsbeginn.
Inzwischen gibt es jedoch vielversprechende
therapeutische Ansätze, die eine frühe Diagnose immer wichtiger machen.
Ergänzend zur klinischen, neurophysiologischen und bildgebenden
Diagnostik hat die deutsch-italienische Forschergruppe um Professor
Markus Otto und Dr. Federico Verde nun einen Test entwickelt, der eine
Unterscheidung der ALS von weiteren Nervenkrankheiten erleichtert.
Dafür
ist keine Entnahme der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor) nötig,
sondern lediglich eine Blutprobe.
-
Der Bluttest misst die Konzentration von Neurofilamenten (Neurofilament
light chain/NFL) im Serum der Patienten.
Dabei handelt es sich um
Proteine, die das „Gerüst“ von Nervenzellen wie Motoneuronen bilden.
- Sterben diese Nervenzellen wie im Verlauf der Amyotrophen
Lateralsklerose ab, werden Fragmente des Proteingerüsts freigesetzt.
Infolgedessen ist die Konzentration des Biomarkers NFL bei den Patienten
erhöht – frühere Studien der Ulmer Gruppe, die ebenfalls in angesehenen
Fachzeitschriften wie Annals of Neurology oder Neurology publiziert
wurden,
hatten diesen Effekt bereits im Liquor und auch im Serum
nachgewiesen.
„In den vergangenen Jahren haben sich Messverfahren im
Bereich Proteomik stark weiterentwickelt.
Dadurch wird der Nachweis von
Biomarkern wie NFL in sehr geringen Konzentrationen und sogar im Serum
nunmehr fast routinemäßig möglich“, erklärt Erstautor Dr. Federico
Verde, Wissenschaftler in der Abteilung Neurologie am IRCCS Istituto
Auxologico Italiano der Universität Mailand, der zuvor an der
Universität Ulm geforscht hat. Dabei beruhe der neue Bluttest auf der so
genannten Single Molecule Array Technologie (Simoa).
Die Zuverlässigkeit der neuen diagnostischen Methode wurde nun an 124
ALS-Patientinnen und Patienten der Ulmer Universitätsklinik für
Neurologie (RKU, Ärztlicher Direktor Professor Albert Ludolph) überprüft
sowie an 159 Kontrollen.
Darunter waren Probanden mit anderen
neurodegenerativen Erkrankungen wie
Alzheimer und
Parkinson sowie
Studienteilnehmer ohne
degenerative oder entzündliche
Nervenerkrankungen.
Tatsächlich erwies sich die NFL-Konzentration im
Blut von ALS-Patienten am höchsten (Ausnahme:
Creutzfeldt-Jakob-Krankheit) und ermöglichte eine Differenzialdiagnose.
Die vergleichenden Messungen erlaubten es den Wissenschaftlern nun
erstmals, eine diagnostische Schwelle für die Amyotrophe Lateralsklerose
festzulegen:
Ist die zuvor definierte NFL-Konzentration im Blut
überschritten, gilt die ALS als wahrscheinlich.
Zudem konnten die
Autoren zeigen, dass die gemessenen Werte der Biomarker mit der
Aggressivität des Krankheitsverlaufs korrelieren.
„ALS-Patienten mit
einer höheren NFL-Konzentration im Blut erleben eine schnellere
klinische Verschlechterung und haben im Mittel eine kürzere
Überlebensdauer“, erklärt Professor Otto.
Der Biomarker NFL sei bereits
kurz nach Auftreten der ersten Symptome messbar, und womöglich lasse
sich auch das Therapieansprechen mithilfe des Tests nachvollziehen.
Prof. Markus Otto forscht an der Ulmer Universitätsklinik für Neurologie (RKU)
Foto: Universitätsklinik Ulm
In Zukunft soll die Zuverlässigkeit des neuen Bluttests weiterhin in
größeren, multizentrischen Kohorten überprüft werden. Außerdem plant die
Forschergruppe, weitere Marker in die Diagnostik einzuführen, die die
Labordiagnose noch spezifischer machen.
Die Ulmer Gruppe konnte bereits
zeigen, dass sich die Neurofilamente zur Frühdiagnostik in Familien mit
der vererbten ALS-Variante eignen.
Mit dem neuen Verfahren lassen sich
nunmehr größere Kohorten untersuchen und ebenso Patienten, bei denen aus
medizinischen Gründen keine Liquorpunktion durchgeführt werden kann.
Auch im Zuge von klinischen Studien könnte diese zusätzliche Methode
eingesetzt werden.
In der ALS-Forschung hat die Ulmer Universitätsmedizin eine lange
Tradition.
Anfang 2018 wurde in Ulm ein Standort des Deutschen Zentrums
für neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) unter Leitung von Professor
Albert Ludolph eröffnet, in dessen Fokus auch die Amyotrophe
Lateralsklerose steht.
Keimzelle waren das ALS-Forschungszentrum sowie
das virtuelle Helmholtz-Institut Ulm.
Eine wichtige Grundlage der
wissenschaftlichen Arbeit ist das ALS-Register Schwaben, das eine Region
mit rund 8,4 Millionen Menschen abdeckt.
Bei der aktuellen Studie wurde die Forschergruppe vom Bundesministerium
für Bildung und Forschung (BMBF), mit EU-Mitteln sowie von der
Baden-Württemberg- und der Thierry Latran-Stiftung unterstützt. Weitere
Förderer sind die ALS Association, das BIU BioCenter Ulm sowie das
virtuelle Helmholtz-Institut in Ulm.
Neuer ALS-Bluttest: Hilfe bei der Differenzialdiagnose und Hinweise auf Krankheitsverlauf
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Prof. Dr. Markus Otto
markus.otto@uni-ulm.de
Annika Bingmann
Universität Ulm
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89081 Ulm
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Baden-Württemberg
Telefon: 0731-50 22121
E-Mail-Adresse:
annika.bingmann@uni-ulm.de
Originalpublikation:
Verde F, Steinacker P, Weishaupt
J, Kassubek J, Oeckl P, Halbgebauer S, Tumani H, von Arnim C, Dorst J,
Feneberg E, Mayer B, Müller H, Gorges M, Rosenbohm A, Volk A, Silani V,
Ludolph A, Otto M: Neurofilament light chain in serum for the diagnosis
of amyotrophic lateral sclerosis. J Neurol Neurosurg Psychiatry
Published Online First: 11 October 2018. doi: 10.1136/jnnp-
2018-318704