Medizin am Abend Berlin Fazit: Meilenstein: Hauttest erlaubt frühe Parkinsondiagnose
Einer Gruppe deutscher Neurologen ist es erstmals gelungen, die
Parkinson-Erkrankung über eine kleine Hautprobe festzustellen – und zwar
noch Jahre vor Ausbruch der typischen Bewegungsstörungen.
- Die Diagnose
gelingt durch den Nachweis von pathologischen Eiweißablagerungen in den
feinen Nervenenden der Haut, teilen die Deutsche Gesellschaft für
Neurologie (DGN) und die Deutsche Parkinson Gesellschaft (DPG) mit.
Die
Arbeit, die jetzt in der renommierten Fachzeitschrift „Acta
Neuropathologica“ erschienen ist, gilt als Meilenstein in der
Parkinson-Diagnostik und wird zur Entwicklung von neuen Therapien gegen
die schwer behandelbare neurodegenerative Erkrankung führen.
-
Die Parkinson-Krankheit gehört zu den häufigsten Erkrankungen des
zentralen Nervensystems.
In Deutschland leben schätzungsweise 220.000
Betroffene. Die Parkinson-Erkrankung ist damit die zweithäufigste
neurodegenerative Erkrankung nach der Alzheimer-Demenz.
- Die Diagnose ist
vor allem im Frühstadium (Prodromalphase) schwer, denn Parkinson
beginnt mit unspezifischen Beschwerden, zum Beispiel Verschlechterung
des Geruchssinns, Depressionen oder Verdauungsstörungen.
- Erst wenn die
typischen Bewegungsstörungen einsetzen – das Zittern beginnt, die
Bewegungen steif und langsam werden –, kann der Arzt darauf schließen,
dass sein Patient an Parkinson erkrankt ist.
Bis zu diesem Zeitpunkt hat
aber schon ein jahrelanges Nervenzellsterben stattgefunden, etwa 80
Prozent der dopaminergen Nervenendigungen und bis zu 50 Prozent der
Nervenzellen in der Substantia nigra im Gehirn sind dann bereits
unwiederbringlich untergegangen.
Die Entwicklung wirkungsvoller
Therapien krankt daran, dass Parkinson-Patienten erst in dieser späten
Krankheitsphase erkannt werden. Könnten Mediziner früher eingreifen,
wären die Chancen auf die Entwicklung von Therapien sowie auf
Behandlungserfolge deutlich höher.
Bekannter Biomarker, neuer Fundort
Weltweit arbeiten zahlreiche Forschungsgruppen an Wegen, die
Parkinson-Krankheit früher zu erkennen. Neurowissenschaftlern um Dr.
Kathrin Doppler und Prof. Dr. Claudia Sommer aus Würzburg sowie Prof.
Dr. Wolfgang Oertel aus Marburg haben nun eine wegweisende Arbeit
publiziert.
Sie konnten bei Risikopatienten mit der sogenannten
REM-Schlafverhaltensstörung den Biomarker Alpha-Synuclein in der Haut
identifizieren, der Parkinson nachweist, Jahre bevor der Patient
sichtbar erkrankt.
„Damit sind wir dem großen Ziel, Parkinson in einem frühen Stadium zu
erkennen und zu stoppen, einen wichtigen Schritt näher gekommen“,
kommentiert Prof. Dr. Günther Deuschl, Parkinson-Experte vom
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel und Präsident der
European Academy of Neurology. „Der Weg ist nun offen, auch bei nicht
von der REM-Schlafverhaltensstörung Betroffenen einen diagnostischen
Marker der Frühphase der Erkrankung zu identifizieren. Damit kommt der
Einstieg in die lange erhoffte präsymptomatische Parkinson-Therapie nun
in unser Blickfeld.“
„Doppler und Kollegen ist ein sehr bedeutsamer Beitrag zum Stand der
internationalen Parkinson-Forschung gelungen“, urteilt Prof. Dr. Werner
Poewe, Direktor der Universitätsklinik für Neurologie an der
Medizinischen Universitätsklinik in Innsbruck.
„Wichtig ist das
Potenzial einer leicht anwendbaren Methode der minimalinvasiven
Hautbiopsie, bei der lediglich eine 5 Millimeter große Probe entnommen
werden muss.
Dies ist von unmittelbarer praktischer Bedeutung, um
Patienten für Studien zur Parkinson-Krankheitsprävention identifizieren
zu können.“
Nachweis bisher nur im Gehirn möglich
-
„Wir kennen Alpha-Synuclein zwar als neuropathologisches Kennzeichen von
Morbus Parkinson, und der Nachweis dieser Proteinablagerungen war
bereits der Goldstandard der Diagnose“, erklärt Prof. Dr. Jens Volkmann,
Direktor der Neurologischen Klinik und Poliklinik am
Universitätsklinikum Würzburg und Koautor der Studie.
„Allerdings haben
wir im Gehirn gesucht, und das war erst nach dem Tod möglich“, so der
Präsident der Deutschen Parkinson Gesellschaft.
Dass sich
Alpha-Synuclein nicht nur im Gehirn ablagert, sondern auch in der Haut,
konnten die Würzburger Forscher schon 2014 zeigen. Sie fanden bei rund
der Hälfte der untersuchten Parkinson-Patienten pathologische
Proteinaggregate in den kleinen Nervenfasern der Haut.
In ihrer jetzigen Studie ging die Arbeitsgruppe einen Schritt weiter: Um
herauszufinden, ob Alpha-Synuclein auch
in der Prodromalphase als
Biomarker herangezogen werden kann, untersuchten sie Patienten mit
REM‐Schlafverhaltensstörung (REM sleep behavior disorder, RBD).
Die
Schlafstörung gilt als charakteristisches Frühsymptom der
Parkinson-Krankheit.
- Sie äußert sich in aggressiven Träumen und
auffälligen Bewegungen im Traumschlaf, etwa 85 Prozent der Betroffenen
entwickeln innerhalb von 15 bis 20 Jahren eine Parkinson‐Erkrankung.
- Auch bei REM‐Schlafverhaltensstörung finden sich im Gehirn Ablagerungen von Alpha‐Synuclein.
Hoffnungsvoller Weg zu Medikamenten gegen die Parkinson-Krankheit
„Unsere Studie liefert Evidenz dafür, dass phosphoryliertes
Alpha-Synuclein schon in dermalen Nervenfasern von Patienten vorhanden
ist, die an REM-Schlafstörung leiden. Die Ablagerungen können bei diesen
Patienten als periphere histopathologische Marker für eine
Alpha-Synculeinopathie genutzt werden, die vor dem Einsetzen von
motorischen Symptomen bei Morbus Parkinson auftritt“, schreibt
Erstautorin Doppler.
In Anbetracht des einfachen Zugangs zu Hautbiopsien
und der hohen Spezifität der Untersuchung sehen die Autoren in der
Methode einiges Potenzial, um Parkinson-Patienten im prodromalen Stadium
der Erkrankung zu identifizieren und für klinische Studien zum Test von
krankheitsmodifizierenden Medikamenten zu gewinnen.
Studiendesign
Für die vom ParkinsonFonds Deutschland geförderte Studie rekrutierten
die Forscher zwischen Dezember 2014 und Juli 2016 an den neurologischen
Universitätskliniken in Würzburg und Marburg 18 Patienten mit
REM-Schlafstörungen, 25 Patienten mit frühem Morbus Parkinson und 20
gesunde Kontrollprobanden. Sie entnahmen den Probanden Hautbiopsien (5
mm) am Rücken an den Bereichen C7 und Th 10 sowie am Ober- und
Unterschenkel und suchten mittels Doppel-Immunfluoreszenzfärbung in den
dermalen Nervenfasern nach Ablagerungen von phosphoryliertem
Alpha-Synuclein. Sie bestimmten außerdem mit einer nuklearmedizinischen
Untersuchung (FP-CIT-SPECT) die Dichte der präsynaptischen
Dopamintransporter, führten olfaktorische Funktionstests durch und
kalkulierten den Wahrscheinlichkeitsquotienten für prodromale
Parkinson-Symptome.
Ergebnisse
Phosphoryliertes Alpha-Synuclein konnte mit einer Sensitivität von 55,6
Prozent bei 10 von 18 RBD-Patienten nachgewiesen werden. Mit einer
Sensitivität von 80 Prozent wurde bei 20 von 25 Patienten mit frühem
Morbus Parkinson ein Nachweis für die Alpha-Synuclein-Ablagerungen
erbracht. Keine Ablagerungen hingegen fanden sich bei den gesunden
Kontrollprobanden.
Quellen
Doppler K et al. Dermal phospho-alpha-synuclein deposits confirm REM
sleep behaviour disorder as prodromal Parkinson’s disease. Acta
Neuropathologica 2017; DOI: 10.1007/s00401-017-1684-z
Doppler K et al.: Cutaneous neuropathy in Parkinson’s disease: a window
into brain pathology. Acta Neuropathologica; 2014; 128(1): 99–109, DOI:
10.1007/s00401-014-1284-0
Pressemeldung der DGN vom 21. September 2016: Guter Schlaf schützt das
Gehirn – schlechter Schlaf fördert Alzheimer und Parkinson (mit Video)
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Prof. Dr. med. Dr. h.c. Wolfgang H. Oertel
Hertie Senior Forschungsprofessor und Professor für Neurologie
Philipps-Universität Marburg, Klinik für Neurologie
Tel.: +49 (0) 6421 5863731, Fax: +49 (0) 6421 5868955, E-Mail: oertelw@med.uni-marburg.de
Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V., Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen
Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen
Verantwortung, mit ihren mehr als 8000 Mitgliedern die neurologische
Krankenversorgung in Deutschland zu sichern. Dafür fördert die DGN
Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der
Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion.
Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der
Geschäftsstelle ist Berlin.
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Die Deutsche Parkinson Gesellschaft (DPG)
fördert die Erforschung der Parkinson-Krankheit und verbessert die
Versorgung der Patienten. Organisiert sind in dieser
wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaft erfahrene
Parkinson-Ärzte sowie Grundlagenforscher. Die Zusammenarbeit dieser
beiden Zweige ist entscheidend für die Fortschritte in Diagnostik und
Therapie. Die Parkinson-Medizin sowie die Parkinson-Forschung in
Deutschland genießen international einen exzellenten Ruf.
www.parkinson-gesellschaft.de
1. Vorsitzender: Prof. Dr. Jens Volkmann
2. Vorsitzende: Prof. Dr. Daniela Berg
3. Vorsitzende: PD Dr. Karla Eggert