Medizin am Abend Berlin Fazit: Fachübergreifende Initiative des Dresdner Uniklinikums gibt abhängigen Müttern eine Chance
Dank einer fachübergreifenden Zusammenarbeit von drei Kliniken des
Universitätsklinikums Carl Gustav Dresden steigen die Chancen
drogenabhängiger Mütter – im Mittelpunkt steht der Konsum von Crystal –,
um während beziehungsweise nach der Schwangerschaft aus der Sucht
aussteigen zu können.
Die innovative Initiative „Mama denk´ an mich“
verbessert auf diese Weise die Aussichten, dass die Neugeborenen weiter
von ihren Müttern betreut werden können. In den ersten zehn Monaten des
neuen Angebots ließ sich die Rate der ins ursprüngliche Zuhause
entlassenen Babys von einem Drittel auf zwei Drittel erhöhen.
"Mama, denk' an mich" Uniklinikum Dresden
Die innovative Initiative „Mama denk´ an mich“ verbessert auf diese
Weise die Aussichten,
dass die Neugeborenen weiter von ihren Müttern
betreut werden können. Seit Januar 2016 gibt es im Rahmen der Initiative
eine Koordinatorin zur Betreuung der Abhängigen und ihrer Neugeborenen.
Initiatoren und Ansprechpartner sind Mitarbeiter der Kliniken für
Frauenheilkunde und Geburtshilfe, für Kinder und Jugendmedizin sowie für
Psychiatrie und Psychotherapie. Um mehr Betroffene, deren Angehörige,
aber auch Institutionen auf das Angebot aufmerksam zu machen, hat das
Klinikum nun einen Flyer herausgegeben.
„Unser Ziel ist es, mehr von Sucht betroffenen Familien die Chance zu
geben, komplett zu bleiben“, sagt Prof. Reinhardt Berner. Der Direktor
der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin spricht auch im Namen von zwei
weiteren Direktoren, deren Kliniken Kontakt zu drogenanhängigen Müttern
haben.
Das Klinikteam von Prof. Berner ist immer dann gefragt, wenn ein
Neugeborenes aufgrund der Sucht der Mutter behandelt werden muss – das
ist der späteste Moment, an dem sich eine Abhängigkeit offenbart. Oft
aber zeigt sich das Problem bereits den Frauenärzten, die die
Schwangeren betreuen.
,
Doch es gibt eine Dunkelziffer, denn die
betroffenen Frauen scheuen sich, ihr Suchtproblem zu offenbaren. Neben
dem Nichteingestehen-Wollen und dem Schamgefühl ist es die Angst der
werdenden Mütter, ihr Kind nicht behalten zu dürfen. Deshalb setzt die
fachübergreifende Initiative „Mama denk´ an mich“ darauf, Vertrauen zu
schaffen und den Abhängigen eine konkrete Perspektive zu bieten.
Erster Anlaufpunkt dieser Mütter sind häufig niedergelassene
Gynäkologen. Um diese Fachärzte zu entlasten und den Patientinnen sowie
den ungeborenen Kindern eine möglichst umfassende ärztliche Betreuung in
der Schwangerschaft anzubieten, hat die Klinik für Frauenheilkunde und
Geburtshilfe am Dresdner Uniklinikum eine
Spezialsprechstunde
eingerichtet. In diesem Rahmen wird den abhängigen Müttern die Zeit
eingeräumt, die notwendig ist, um alle Fragen in dieser schwierigen
Situation zu klären und die auch aus medizinischer Sicht bestmöglichen
Lösungen zu finden. „Mit unserem Angebot, über das wir unsere
niedergelassenen Fachkollegen informiert haben, wollen wir den Frauen
ohne jede Vorverurteilung helfen, dass sie und ihre Babys gesund durch
die Schwangerschaft kommen“, sagt Dr. Katharina Nitzsche. Die Oberärztin
der Geburtshilfe an der Uni-Frauenklinik ist für diese
Spezialsprechstunde verantwortlich. „Wir verstehen uns dabei auch als
Tor zu weiteren Betreuungsangeboten, die den Frauen im Rahmen unserer
Initiative ‚Mama denk´ an mich‘ am Uniklinikum offenstehen“, so die
Oberärztin weiter.
„Ein Kind zu erwarten und Mutter zu werden, ist ein guter Anlass, sein
Leben zu ändern“, sagt Privatdozent (PD) Dr. Jörg Reichert. Der
Psychologe leitet den im Fachbereich Neonatologie der Klinik für Kinder-
und Jugendmedizin angesiedelten psychologisch-sozialmedizinischen
Versorgungsbereich – kurz „FamilieNetz“, der seit mittlerweile acht
Jahren vor allem Eltern zu früh oder krank geborener Kinder betreut. In
diesen Fällen geht es vor allem darum, die elterlichen Bindungen zu den
lange im Krankenhaus behandelten Kindern zu fördern und die Eltern darin
zu begleiten, mit der daraus resultierenden schwierigen Situation
umzugehen. Angesichts der Zunahme von Kindern, die infolge des
Crystal-Konsums ihrer Mütter am Klinikum behandelt werden müssen, sah
das Team um PD Dr. Reichert Handlungsbedarf und aufgrund der eigenen
Erfahrungen auch Ansatzpunkte, den Süchtigen neue, innovative Angebote
einer fachübergreifenden Betreuung zu unterbreiten.
Die Initiative nutzt die Tatsache, dass die Schwangere beziehungsweise
frisch entbundene Mutter mit ihrem Neugeborenen regelmäßig im
Universitäts Kinder-Frauenzentrum ambulant oder stationär behandelt
werden. Damit befinden sich die Betroffenen in unmittelbarer
Nachbarschaft zur Ambulanz für Suchterkrankungen der Klinik für
Psychiatrie und Psychotherapie. Diese Klinik bietet den Müttern im
Rahmen des Klinikaufenthalts ihrer Kinder erste Therapiesitzungen an, um
den Weg aus der Abhängigkeit zu finden. „Das ist unsere beste Chance,
wenn wir junge Frauen und deren Familien weg von der Sucht führen
wollen“ sagt Prof. Ulrich Zimmermann, Arzt und Suchtforscher am Dresdner
Uniklinikum. Vor allem die Geburtsmediziner des Uniklinikums, die sich
ebenfalls in der Initiative „Mama denk´ an mich“ engagieren, werben
bereits vor der Geburt für diese Option. Die Zahlen der ersten zehn
Projektmonate zeigen, dass diese besondere Form der Betreuung
erfolgversprechend ist: Erfahrungsgemäß entscheiden die zuständigen
Jugendämter in zwei Dritteln der Fälle, dass das Kind nach der
Krankenhausbehandlung nicht in den Haushalt der Eltern entlassen werden
kann, sondern in eine Pflegefamilie kommt. Bei den insgesamt 20 Müttern,
die bisher das Angebot der fachübergreifenden Betreuung am Dresdner
Uniklinikum wahrgenommen haben, drehte sich das Verhältnis um: Hier
konnte in zwei Dritteln der Fälle das Kind in der eigenen Familie
bleiben. „Wir nehmen die Frauen als Mütter und nicht als Süchtige an“,
betont PD Dr. Reichert und hofft so, dass es durch diese Haltung und den
bisherigen Erfolg des Projekts für die Frauen attraktiv wird, sich der
Sucht zu stellen.
-
Der Wille, sich nach der Geburt neu zu orientieren und einen Weg aus der
Abhängigkeit zu finden, reicht allein für den Ausstieg aus der
Abhängigkeit nicht aus. Erst wenn Betroffene Hilfe annehmen und an einer
Therapie teilnehmen, können sich Ärzte, Therapeuten, Sozialarbeiter und
Jugendamt ein verlässlicheres Bild davon machen, ob das Kind in der
eigenen Familie gut aufgehoben sein könnte. Deshalb werden die an der
Betreuung beteiligen Klinikumsmitarbeiter angehört, bevor das Jugendamt
entscheidet, wie es mit den Kindern weitergeht. „Der Umstand, dass diese
vom Jugendamt anberaumten Fallkonferenzen im Universitätsklinikum
stattfinden, ist ein großer Vertrauensbeweis für unsere Arbeit“, sagt
Prof. Berner.
Wie erfolgreich das Projekt „Mama denk´ an mich“ langfristig ist, soll
in einer Studie untersucht werden, die alle betreuten Familien
einschließt und deren weiteren Lebenswege untersucht. „Der finanzielle
Aufwand für die Koordinatorin des Projekts und seine wissenschaftliche
Begleitung wird derzeit noch aus Drittmitteln bestritten,“ so Professor
Dr. Mario Rüdiger, Leiter des Fachbereichs Neonatologie der Klinik für
Kinder- und Jugendmedizin, „Um diesen besonderen Betreuungspfad über die
Grenzen des Großraums Dresden ausrollen zu können, bedarf es neben dem
Beweis für die Wirksamkeit weiterer Projektpartner und Unterstützer.
Unter den Müttern, die es nicht geschafft haben, gibt es einige, die an
ihren weit von Dresden entfernten Heimatorten keine adäquaten
Hilfsangebote finden konnten. Wenn deshalb ihre Kinder in eine
Pflegefamilie müssen, tut es uns sehr leid, dass wir nicht helfen
konnten“, sagt PD Dr. Reichert.
Medizin am Abend Berlin DirektKontakt
www.medizin-am-abend.blogspot.com
Über Google: Medizin am Abend Berlin
idw - Informationsdienst Wissenschaft e. V.
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
FamilieNetz – Initiative „Mama, denk‘ an mich“
Heike Menz
Tel.: 0351 458 66 33
E-Mail: mama.dam@ukdd.de
Universitätsklinikum Carl Gustav
Holger Ostermeyer
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
FamilieNetz – Initiative „Mama, denk‘ an mich“
Leiter: PD Dr. Jörg Reichert
Tel.: 0351 458
E-Mail: joerg.reichert@uniklinikum-dresden.de
www.uniklinikum-dresden.de/kik
Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Spezialambulanz für Crystal-abhängige Schwangere
Oberärztin Dr. Katharina Nitzsche
Tel.: 0351 458 56 74
E-Mail: katharina.nitzsche@uniklinikum-dresden.de
www.uniklinikum-dresden.de/gyn
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Suchtambulanz
Leiter und stellvertretender Klinikdirektor: Prof. Dr. med. Ulrich Zimmermann
Tel.: 0351 458 54 22
E-Mail: UlrichS.Zimmermann@uniklinikum-dresden.de
www.uniklinikum-dresden.de/psy