Medizin am Abend Berlin Fazit: Bild statt Biopsie bei Brustkrebsverdacht?
Jedes Jahr nehmen in Deutschland rund 2,8 Millionen Frauen am
Mammografie-Screening teil. Bei etwa 35 000 von ihnen zeigt das
Röntgenbild eine auffällige Veränderung, die Ärzte mit einer
Gewebeentnahme abklären. Doch nur etwa die Hälfte dieser Frauen ist
tatsächlich an Brustkrebs erkrankt. Wissenschaftler des Deutschen
Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg haben nun in Zusammenarbeit
mit den Mammographie-Einheiten in Heidelberg und Mannheim erste Daten
veröffentlicht, die darauf hindeuten, dass eine moderne
diffusionsgewichtete Magnetresonanz-Tomographie den Betroffenen
eventuell viele Kontrollbiopsien ersparen könnte. Die Dietmar
Hopp-Stiftung fördert die Studie mit 300 000 Euro.
Der auffällige Befund der Röntgen-Mammographie (links) bestätigt sich bei der kombinierten diffusionsgewichteten Brust-MRT (rechts): Das orangefarbene Signal lässt auf einen bösartigen Tumor schließen. Eine anschließende Gewebeuntersuchung bestätigte das MRT-Ergebnis. Quelle: DKFZ
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Etwa jede zwanzigste Frau, die am Mammographie-Screening teilnimmt,
muss damit rechnen, einen auffälligen Befund zu erhalten. Falls sich der
Krebsverdacht bei weiteren Untersuchungen erhärtet, schlagen die
Screeningärzte vor, eine Gewebeprobe (Biopsie) zu entnehmen. Das
betrifft jährlich knapp 35 000 Frauen.
„Doch nur bei rund 17 000 von
ihnen findet sich dann auch tatsächlich ein bösartiger Tumor“, sagt Dr.
Sebastian Bickelhaupt. Der Radiologe erforscht am Deutschen
Krebsforschungszentrum die Möglichkeiten der modernen MRT-Bildgebung bei
Brustkrebs.
„Wir haben überlegt, ob wir mit neuesten
Bildgebungsverfahren den Anteil an invasiven Gewebeuntersuchungen nicht
reduzieren könnten.“
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In der Mammographie, der Röntgenaufnahme der Brust, sieht man den
Unterschied zwischen bösartig und gutartig verändertem Gewebe häufig
nicht deutlich genug, um einen bösartigen Tumor mit ausreichender
Sicherheit auszuschließen. Wenn auch weitere Untersuchungen wie etwa
Ultraschall keine Klarheit bringen, muss eine invasive Biopsie erfolgen.
Speziell für diese Fragestellung optimierten die DKFZ-Radiologen
die
diffusionsgewichtete Magnetresonanz-Tomographie.
„Das besondere an einer
diffusionsgewichteten MRT ist, dass man die Bewegung der Wassermoleküle
im Gewebe sieht“, erklärt Professor Heinz-Peter Schlemmer, Leiter der
Radiologie im DKFZ. „Da Tumoren die Bewegung der Moleküle stark
einschränken, wollten wir nun prüfen, ob unsere optimierte Brust-MRT das
Potential hat, verdächtige Befunde ohne Biopsie abzuklären.“
In enger Kooperation mit den niedergelassenen Kollegen der
radiologischen Gemeinschaftspraxis der Heidelberger ATOS-Klinik um Dr.
Wolfgang Lederer sowie dem Radiologiezentrum Mannheim um Dr. Heidi
Daniel, in deren Praxen das Mammographie-Screening stattfindet, planten
die DKFZ-Forscher daher eine Studie.
Bei auffälligen Screening-Befunden
werden die Frauen für die weiteren Untersuchungen und im Regelfall auch
die Gewebeentnahmen ins Radiologiezentrum Mannheim geladen.
„Wir haben die Frauen gefragt, ob sie bereit wären, für unsere Studie
vor der Gewebeentnahme eine optimierte Brust-MRT machen zu lassen“,
erklärt Heidi Daniel. „Von der hohen Teilnahmebereitschaft waren wir
überrascht, ohne sie wäre die Studie zu diesem Zeitpunkt noch nicht so
fortgeschritten. Daher gilt unser Dank auch den vielen Teilnehmerinnen“,
schließt sich Wolfgang Lederer an.
Anschließend verglichen die DKFZ-Radiologen die MRT-Bilder mit den
Biopsie-Ergebnissen. „Wir waren bereits nach den ersten 50 untersuchten
Frauen begeistert:
Durch die zusätzliche optimierte Brust-MRT konnten
wir über 90 Prozent der auffälligen Befunde richtig klassifizieren. Das
ist gegenüber der Rate von 50 Prozent, wie sie mit der Mammografie und
anschließendem Ultraschall erreicht wird, eine enorme Steigerung“, sagt
Sebastian Bickelhaupt.
Das Mammografie-Screening nun durch eine
Brust-MRT-Screening zu
ersetzen, hält Schlemmer nicht für den richtigen Weg: „Die Stärke der
Studie liegt in der Nutzung
der MRT als zusätzliche Abklärungsmaßnahme.“
- Die Röntgen-Mammografie entdeckt im Gegensatz zur MRT auch feinste
Mikroverkalkungen, die auf nicht-invasiven Brustkrebs (DCIS) hinweisen.
Um verdächtige Befunde abzuklären, ist die
optimierte Brust-MRT nach
Schlemmers Meinung gut geeignet. Eine Biopsie wäre nur noch dann
erforderlich, wenn die MRT einen positiven Befund sehr wahrscheinlich
macht.
Die Wissenschaftler hatten für ihre Studie die
diffusionsgewichtete
MR-Mammographie weiterentwickelt und speziell für die Fragestellung
optimiert. Dazu haben sie in Kooperation mit Kollegen aus dem DKFZ ein
Qualitätsmanagement-System zur Standardisierung und Qualitätssicherung
der Brust-MRT etabliert, das mit allen gängigen MR-Geräten funktioniert.
„Wir danken sehr der Dietmar Hopp-Stiftung, die unsere Studie durch ihre
großzügige Unterstützung erst ermöglicht hat“, ergänzt Heinz-Peter
Schlemmer. „Wenn sich die Ergebnisse im weiteren Verlauf bestätigen,
sind wir auf einem guten Weg,
die enorme emotionale Belastung der Frauen
mit unklaren Befunden im Mammographie-Screening zu reduzieren.“
Die Wissenschaftler veröffentlichten ihr vielversprechendes
Zwischenergebnis jetzt in der amerikanischen Zeitschrift Radiology. „Wir
gehen davon aus, dass wir bis Oktober die vorgesehenen 250 Frauen
untersuchen können und hoffen natürlich, dass sich unsere bisherigen
Ergebnisse bestätigen“, sagt Sebastian Bickelhaupt.
Bis es soweit ist,
dass allein auf Grundlage der MRT auf Biopsien verzichtet werden kann,
und die Kosten der diffusionsgewichteten Brust-MRT von den Kassen
übernommen werden, sind anschließend noch deutlich größere Studien
erforderlich.
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Die DKFZ-Radiologen wollen nun auch bei anderen Tumorarten untersuchen,
wie sich die diffusionsgewichtete Magnetresonanz-Tomographie zur
Abklärung verdächtiger Befunde und zur Verlaufskontrolle eignet.
Bickelhaupt, S; Laun, F; Tessdorf, J; Lederer, M; Daniel, H; Stieber, A;
Delorme, S; Schlemmer, HP: Fast and Noninvasive Characterization of
Suspicious Lesions Detected at Breast Cancer X-Ray Screening: Capability
of Diffusion-weighted MR Imaging with MIPs1.
Radiology 2015, DOI: 10.1148/radiol.2015150425
Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) ist mit mehr als 3.000
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die größte biomedizinische
Forschungseinrichtung in Deutschland. Über 1000 Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler erforschen im DKFZ, wie Krebs entsteht, erfassen
Krebsrisikofaktoren und suchen nach neuen Strategien, die verhindern,
dass Menschen an Krebs erkranken. Sie entwickeln neue Methoden, mit
denen Tumoren präziser diagnostiziert und Krebspatienten erfolgreicher
behandelt werden können. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des
Krebsinformationsdienstes (KID) klären Betroffene, Angehörige und
interessierte Bürger über die Volkskrankheit Krebs auf. Gemeinsam mit
dem Universitätsklinikum Heidelberg hat das DKFZ das Nationale Centrum
für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg eingerichtet, in dem
vielversprechende Ansätze aus der Krebsforschung in die Klinik
übertragen werden. Im Deutschen Konsortium für Translationale
Krebsforschung (DKTK), einem der sechs Deutschen Zentren für
Gesundheitsforschung, unterhält das DKFZ Translationszentren an sieben
universitären Partnerstandorten. Die Verbindung von exzellenter
Hochschulmedizin mit der hochkarätigen Forschung eines
Helmholtz-Zentrums ist ein wichtiger Beitrag, um die Chancen von
Krebspatienten zu verbessern. Das DKFZ wird zu 90 Prozent vom
Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land
Baden-Württemberg finanziert und ist Mitglied in der
Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren.
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