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Binokulare Fusion: Schlaganfall und Sehstörungen

Medizin am Abend Fazit: Schlaganfall-Patient kann dank neuartiger Therapie wieder räumlich sehen

Sehstörungen zählen mit zu den häufigsten Folgen eines Schlaganfalls. In
seltenen Fällen tritt dabei der Verlust des räumlichen Sehens ein. Die
Patienten nehmen die Welt um sich herum nur noch flach wie ein Bild wahr.
Sie können keine Entfernungen mehr abschätzen, etwa wenn sie nach einer
Tasse greifen oder sich ihnen auf der Straße ein Auto nähert. Diese
Störung haben Forscher aus Saarbrücken um Professor Georg Kerkhoff und
Anna-Katharina Schaadt mit Kollegen der Charité – Universitätsmedizin
Berlin bei einem Patienten genauer untersucht. Sie haben nun erstmals ein
wirksames Behandlungskonzept entwickelt und nachgewiesen, welches
Hirnareal für diese Sehstörung verantwortlich ist.

Nach einem Schlaganfall kann es zu unterschiedlichen Formen von
Sehstörungen kommen. „Diese äußern sich etwa darin, dass die Patienten auf
einer Seite blind sind, sodass sie Hindernisse oder Personen auf der Seite
übersehen oder Probleme beim Lesen haben“, erklärt Georg Kerkhoff,
Professor für Klinische Neuropsychologie der Saar-Uni und Leiter der
Neuropsychologischen Universitätsambulanz. Manchmal sind die Folgen aber
weitaus gravierender: So hat das Team um Kerkhoff und Schaadt zusammen mit
Forscherkollegen um Neurologie-Professor Dr. Stephan Brandt und Dr. Antje
Kraft von der Charité in Berlin einen Patienten betreut, bei dem es in
Folge eines Schlaganfalls zum Verlust des räumlichen Sehens gekommen war.
Zwar konnte er alle Details in seiner Umgebung wahrnehmen, er war
allerdings nicht mehr in der Lage, Entfernungen richtig einzuschätzen.
„Für ihn war alles flach wie auf einem Gemälde“, erklärt Anna-Katharina
Schaadt, Doktorandin bei Kerkhoff und Erstautorin der Studie. „Er bewegte
sich daher wie in Zeitlupe und war stets unsicher, wie weit zum Beispiel
eine Kaffeetasse auf dem Tisch entfernt ist oder wie schnell sich ein
heranfahrendes Auto nähert.“ Wie ein Blinder habe er daher einen langen
Stock genutzt, um sich in seiner Umgebung zu orientieren.

In der Neuropsychologischen Hochschulambulanz auf dem Saarbrücker Campus
haben die Wissenschaftler um Kerkhoff und Schaadt zunächst die Ursache für
diese Störung gesucht. „Wir haben herausgefunden, dass der Patient die
Seheindrücke seiner beiden Augen nicht mehr zu einem Gesamtbild
verschmelzen konnte“, sagt Schaadt. Fachleute bezeichnen diesen Prozess
bei gesunden Menschen als binokulare Fusion. Sie ist wichtig für das
dreidimensionale Sehen.

Nach der Diagnose haben die Psychologen im Rahmen einer Therapie über drei
Wochen hinweg täglich das räumliche Sehen des Patienten geschult. Dabei
kamen drei verschiedene Verfahren zum Einsatz: Mit speziellen optischen
Trainingsgeräten (Prismen, Vergenztrainer und Cheiroskop) wurden dem
Patienten zwei seitlich leicht versetzte Bilder präsentiert. Diese sollten
mit Hilfe sogenannter konvergenter Augenbewegungen zu einem einzigen Bild
zusammengesetzt werden. Bei diesem Prozess bewegen sich die Augen
gegensinnig zur Nase hin, während die Bilder aber im Blickfeld bleiben.
Mit der Zeit „verschmelzen“ die beiden zu einem Bild, das auch räumliche
(stereoskopische) Tiefe enthält. „Für den Betroffenen war es so, als ob
jemand einen Schalter umgelegt hat. Plötzlich konnte er wieder räumlich
sehen, Entfernungen richtig einschätzen und Gegenstände zielsicher
greifen“, schildert Schaadt die Eindrücke des Patienten, der mittlerweile
wieder seinem Beruf als Jurist nachgehen kann. Auch ein Jahr später in
einer Nachuntersuchung konnte der Patient weiterhin räumlich sehen, sodass
er laut Kerkhoff als dauerhaft geheilt gilt.

Mit dem Verfahren könnten Therapeuten künftig auch anderen Schlaganfall-
Patienten helfen, diese extreme Form der Sehstörung zu behandeln. Zudem
sind die Ergebnisse für die Forschung interessant, wie Professor Brandt
erläutert: „Sie zeigen, wie spezifisch unser Gehirn organisiert ist. Das
geschädigte Areal im sogenannten Parietallappen V6/V6A ist auf 3D-Sehen
spezialisiert. Aus Studien an Primaten ist die Hirnregion bereits bekannt.
Ihre Funktion beim Menschen ist aber noch nicht hinreichend erforscht.“

Die Studie ist in der renommierten Fachzeitschrift „Neuropsychologia“
erschienen unter:

Schaadt, A.K., Brandt, S.A., Kraft, A., Kerkhoff, G. Holmes and Horrax
(1919) revisited: Impaired binocular fusion as a cause of “flat vision”
after right parietal brain damage – A case study. Neuropsychologia (2015),
DOI:10.1016/j.neuropsychologia.2015.01.029

Medizin am Abend DirektKontakt: 

Dipl. Psych. Anna-Katharina Schaadt
Lehrstuhl Klinische Neuropsychologie, Neuropsychologische
Hochschulambulanz
Universität des Saarlandes / International Research and Training Group
„Adaptive Minds” (IRTG 1457)
E-Mail: annakatharina.schaadt(at)uni-saarland.de, Tel.: +49 681 302-57385

Univ.-Prof. Dr. Georg Kerkhoff
Lehrstuhl Klinische Neuropsychologie, Neuropsychologische
Hochschulambulanz
Universität des Saarlandes
E-Mail: kerkhoff(at)mx.uni-saarland.de, Tel.: +49 681 302-57380
Universität des Saarlandes, Melanie Löw

Falsche Handhabung von Medikamenten / Nachtschwestern für Demenzkranke

Medizin am Abend Fazit: Besser mal nachfragen / Falsche Handhabung von Medikamenten gefährdet den Therapieerfolg

Knapp 40 Prozent der Senioren öffnen die Folienverpackung eines Wirkstoffpflasters nicht vorschriftsmäßig, mehr als 60 Prozent der Patienten verunreinigen Tropfen beim Einträufeln ins Auge, und fast jeder zweite Befragte wendet Nasentropfen fehlerhaft an. Das weiß Dr. Wolfgang Kircher von der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker aus etlichen Studien. "Gerade ältere Menschen sind mit der Handhabung vieler Medikamente überfordert", sagt er im Apothekenmagazin "Senioren-Ratgeber". Für manche Darreichungsformen gebe es auch schon bessere Lösungen, die den Herstellern aber zu teuer seien. Am Ende muss der Patient das Sagen haben, findet der Apotheker. "Sie sollten nicht so duldsam sein, sondern sich viel mehr beschweren." Denn falsche Handhabung gefährdet den Therapieerfolg.


Das Apothekenmagazin "Senioren Ratgeber" 2/2015 liegt in den meisten Apotheken aus und wird ohne Zuzahlung zur Gesundheitsberatung an Kunden abgegeben.

Nachtschwestern unter Stress / Immer mehr Demenzkranke auf Station verlangen dem Pflegepersonal viel ab

Das Pflegepersonal muss heute nachts im Krankenhaus mehr anspruchsvolle Aufgaben bewältigen als vor zwei Jahrzehnten. Das berichtet die "Apotheken Umschau" unter Berufung auf einen Vergleich der Nachtdiensteinsätze in den Jahren 2010 bis 2013 und einer Untersuchung von 1986 bis 1989 von Forschern der Universität Witten/Herdecke. Eine Pflegekraft muss sich heute zwar um weniger Patienten kümmern. Da aber immer mehr Demenzpatienten darunter sind, sei die Versorgung deutlich aufwändiger. 72 Prozent der Pflegekräfte seien nachts allein für die Station zuständig.

Das Gesundheitsmagazin "Apotheken Umschau" 2/2015 A liegt in den meisten Apotheken aus und wird ohne Zuzahlung zur Gesundheitsberatung an Kunden abgegeben.

Diagnostik bei invasiven Pilzinfektionen - Diabetes - Leukämie

Medizin am Abend Fazit: Vielversprechende neue Diagnostik bei invasiven Pilzinfektionen

Wissenschaftlern der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der
Uniklinik Köln ist jetzt ein Durchbruch mit der Entwicklung eines
neuartigen Testverfahrens zum Nachweis von invasiven Pilzinfektionen
gelungen. Die Methode nutzt die Analyse körpereigener pilzreaktiver
T-Zellen. Die Ergebnisse der Studie sind in der aktuellen Ausgabe der
Fachzeitschrift American Journal of Respiratory and Critical Care
Medicine* veröffentlicht.

Patienten mit einem erheblich geschwächten Immunsystem, beispielsweise
durch eine Leukämietherapie oder eine schwer verlaufende Diabetes, sind
häufig von einer innerlichen Infektion durch Schimmelpilze betroffen, die
Bestandteil unserer täglichen Umgebung sind. Schimmelpilze, wie Mucor oder
Aspergillus können Lungenentzündungen, Infektionen der Nasennebenhöhlen
und sogar des Gehirns hervorrufen. Besonders problematisch ist, dass diese
Pilze sehr schnell durch die Organe hindurch wachsen, mitunter einige
Zentimeter pro Tag. Die Sterblichkeit liegt im fortgeschrittenen Stadium
bei bis zu 100 Prozent. Die frühzeitige Diagnose und Behandlung einer
Pilzinfektion ist bislang jedoch nicht ohne weiteres möglich, weil derzeit
keine verlässlichen, schnellen und risikoarmen Testverfahren zur Verfügung
stehen.

Den Wissenschaftlern um Prof. Dr. Alexander Scheffold, Leiter der
Arbeitsgruppe Zelluläre Immunologie an der Medizinischen Klinik mit
Schwerpunkt Rheumatologie und klinische Immunologie, gelang es nun, in
einem interdisziplinären und translationalen Forschungsprojekt einen
solchen Test zu entwickeln. Die Forscher nutzen dafür ein Verfahren, mit
dessen Hilfe körpereigene Immunzellen, die auf eine Pilzinfektion
reagieren, im Blut von Patienten nachweisbar sind. Das Verfahren wurde von
Dr. Petra Bacher und Prof. Dr. Alexander Scheffold von der Charité und dem
Deutschen Rheumaforschungszentrum (DRFZ) Berlin, gemeinsam mit dem
Biotechnologieunternehmen Miltenyi Biotec GmbH und der Arbeitsgruppe um
Prof. Axel Brakhage vom Hans-Knoell Institut in Jena entwickelt. Somit
werden die Immunzellen sozusagen als hochsensitive und spezifische
Sensoren für Krankheitserreger genutzt.

Dieser Ansatz ist neu, denn herkömmliche Diagnostikverfahren beruhen in
der Regel auf dem Nachweis des Erregers und nicht auf dem Nachweis
spezifischer Immunreaktionen. „Unser Immunsystem ist darauf spezialisiert,
Pathogene schnell und spezifisch zu erkennen und unser Verfahren macht
diese Zellen im Blut sichtbar“, sagt Alexander Scheffold. „Die hohe
Spezifität der Immunzellen erlaubt eine klare Unterscheidung, von welchem
Pilz eine Infektion hervorgerufen wird.“ An einer Vorstudie, die unter der
Leitung von Prof. Dr. Oliver Cornely an der Universität zu Köln stattfand,
nahmen 69 Patienten teil, in deren Blut die Zahl der Abwehrzellen gegen
Schimmelpilze gemessen wurde. „Wir konnten zeigen, welche Pilzart die
Patienten infiziert hatte. Wenn ein Infektionsherd chirurgisch entfernt
wurde, dann sank die Zahl der Abwehrzellen“, erläutert Oliver Cornely.

Die Forscher hoffen nun, die Ergebnisse in einer größeren Vergleichsstudie
bestätigen zu können. Die Analyse der antigenspezifischen T-Zellen könnte
ein neues Standard-Diagnostikverfahren sein, das die Überlebenschancen von
betroffenen Patienten erheblich steigern kann. Das Testsystem ist dabei
nicht auf Pilze beschränkt sondern für nahezu jedes Pathogen einsetzbar,
daher arbeiten die Forscher intensiv daran, auch die Diagnostik von
Autoimmunkrankheiten, Allergien sowie chronischen Darm- oder
Lungenentzündungen zu verbessern.

*Petra Bacher, Angela Steinbach, Olaf Kniemeyer, Axel Hamprecht, Mario
Assenmacher, Maria J. G. T. Vehreschild, Jörg J. Vehreschild, Axel A.
Brakhage, Oliver A. Cornely, Alexander Scheffold: Fungus-Specific CD4+ T
Cells for Rapid Identification of Invasive Pulmonary Mold Infection.
American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine. Vol. 191, No.
3 (2015), pp. 348-352. doi: 10.1164/rccm.201407-1235LE

Medizin am Abend DirektKontakt:

Prof. Dr. Alexander Scheffold
Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und klinische
Immunologie
Charité – Universitätsmedizin Berlin
t: +49 30 450 513 450
alexander.scheffold@charite.de
Charité – Universitätsmedizin Berlin, Dr. Julia Biederlack

Weitere Informationen finden Sie unter
http://rheumatologie.charite.de/
http://www.drfz.de/zellulaere-immunologie/

Leberversagen

Medizi am Abend Fazit: Überlebenschancen bei Leberversagen verbessern

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert eine klinische Studie an der
Leipziger Universitätsmedizin mit 1,125 Millionen Euro. Darin wird
untersucht, ob bei Leberversagen ein bestimmtes Medikament, das Immun- und
Stammzellen aus dem eigenen Knochenmark mobilisiert, die Heilungschancen
erhöht. Wenn die Studien positiv ausfallen, steigen die Überlebenschancen
für Patienten erheblich.

Patienten mit Leberzirrhose sterben häufig an den Folgen einer akuten
Verschlechterung der Leberfunktion. Neben der Lebertransplantation gibt es
bisher keine anderen Therapieoptionen. Nicht selten liegen die
Überlebenschancen nach 3 Monaten unter 30 Prozent. Eine wesentliche
Ursache für die ungünstige Prognose ist die durch das Leberversagen
ausgelöste Immunschwäche, so dass Patienten häufig durch Infektionen
versterben. Ein Forscherteam in der Sektion Hepatologie um Leiter Prof.
Dr. Thomas Berg und Dr. Cornelius Engelmann prüft, ob durch Medikamente,
die das eigene Knochenmark zur Zellbildung stimulieren, der schwere
Krankheitsverlauf positiv beeinflusst und somit die Überlebenschancen
gesteigert werden können. „Wir untersuchen, ob es möglich ist, betroffenen
Patienten einen Wachstumsstimulator zu verabreichen. Mit seiner Hilfe soll
der Anteil von Immun- und auch Stammzellen im Blut steigen und somit das
Immunsystem einerseits und die Funktion der Leber andererseits
stabilisiert werden“, erläutert Engelmann. Den Patienten wird dabei ein
körpereigenes Hormon, der sogenannte Granulozyten-Kolonie-stimulierende
Faktor (G-CSF), per Spritze unter die Haut gegeben. Das Medikament wird
bereits seit Jahren zur Vorbereitung bei gesunden Knochenmarksspendern
verabreicht.

Indische Wissenschaftler haben diese Therapie im Rahmen einer Studie mit
knapp 50 Teilnehmern bereits erfolgreich angewandt. „Wir untersuchen nun
in der größer angelegten GRAFT-Studie deutschlandweit, ob wir die
Ergebnisse bestätigen können“, so Studienleiter Engelmann. Dabei wird die
Hälfte der rund 260 Teilnehmer auf herkömmliche Weise therapiert, die
andere Hälfte wird zusätzlich mit G-CSF behandelt. Anschließend werden die
Patienten über einen Zeitraum von einem Jahr beobachtet. Sollte die
indische Studie in Leipzig bestätigt werden, stünde eine neue, einfach zu
verabreichende und doch sehr effektive Behandlungstherapie zur Verfügung,
hebt Engelmann hervor: „Die Überlebenschancen der Patienten könnten von 30
auf 60 Prozent steigen. Außerdem stellt sich dann die Frage, welche Rolle
sowohl Immun- als auch Stammzellen bei der Behandlung überhaupt spielen.“
Auch dem wollen die Leipziger Forscher in Zusatzprojekten im Rahmen der
vorerst auf drei Jahre angelegten DFG-Förderung nachgehen.
Medizin am Abend DirektKontakt:

Prof. Dr. Thomas Berg
Sektion Hepatologie
Uniklinik für Gastroenterologie und Rheumatologie
Telefon: +49 341 97-12330
Mail: thomas.berg@medizin.uni-leipzig.de
cornelius.engelmann@medizin.uni-leipzig.de
Universität Leipzig, Diana Smikalla, Ulf Walther

Rechtsherzunterstützungspumpe

Medizin am Abend Fazit:   Miniatur-Pumpe unterstützt die Herzfunktion

Erstmalig in Süddeutschland wurde am Universitätsklinikum Würzburg einem
Patienten die kleinste Rechtsherzunterstützungspumpe der Welt erfolgreich
implantiert.

Experten der von Prof. Rainer Leyh geleiteten Klinik für Thorax-, Herz-
und Thorakale Gefäßchirurgie des Universitätsklinikums Würzburg
implantierten kürzlich die weltweit kleinste Rechtsherzunterstützungspumpe. Es war der erste Einsatz des neuen Systems in Süddeutschland. Der Anlass des Eingriffs: Ein Patient erlitt Monate nach einer erfolgreichen Herztransplantation eine extrem schwere Abstoßungsreaktion des Spenderorgans. „Die im Vergleich zur linken Herzkammer muskelschwächere rechte Hauptkammer ist durch Infarkte, Lungenhochdruck oder eben eine sehr schwere Abstoßung nach Transplantation in ihrer Leistungsfähigkeit stark bedroht“, berichtet Prof. Ivan Aleksic, der die Unterstützungspumpe im Januar dieses Jahres implantierte. Der
Geschäftsführende Oberarzt der Klinik für Thorax-, Herz- und Thorakale
Gefäßchirurgie fährt fort: „Die kleine Maschine entlastet das Organ
immens. Dies führte bei unserem Patienten zu einer schnellen Erholung der
rechte Hauptkammer des Herzens, so dass wir das Hilfssystem schon nach
wenigen Tagen wieder entfernen konnten.“

Pumpleistung vier Liter Blut pro Minute

Die von der Firma Abiomed hergestellte Pumpe ist kaum größer als eine
Mignon-Batterie (AA), kann aber bis zu vier Liter Blut in der Minute
fördern – das sind 80 Prozent der Pumpleistung eines gesunden rechten
Herzens. Wegen seiner geringen Größe kann das Gerät über einen Katheter in
der Leistenvene bis zum Herzen vorgeschoben und dort in der rechten
Hauptkammer verankert werden. „Das System kann durch Herzchirurgen oder
interventionelle Kardiologen implantiert werden, da die Leistenvene hierzu
nicht in jedem Fall freigelegt werden muss“, schildert Prof. Aleksic. Für
die Patienten ein großer Vorteil, denn bisher war für das Einsetzen eines
vergleichbaren Herzunterstützungssystem ein sehr viel größerer operativer
Aufwand erforderlich, was die Schwerkranken entsprechend höher belastete.

Die schlauchförmige Mini-Pumpe wird über die Leistenvene bis zum Herzen vorgeschoben und dort in der rechten Hauptkammer verankert.
Die schlauchförmige Mini-Pumpe wird über die Leistenvene bis zum Herzen vorgeschoben und dort in der rechten Hauptkammer verankert.Bild: Abiomed

Prof. Ivan Aleksic mit einem Anschauungsexemplar der Rechtsherzunterstützungspumpe Impella RP.
Bild: Uniklinikum Würzburg
Prof. Ivan Aleksic mit einem Anschauungsexemplar der Rechtsherzunterstützungspumpe Impella RP.
Prof. Ivan Aleksic mit einem Anschauungsexemplar der Rechtsherzunterstützungspumpe Impella RP.
Bild: Uniklinikum Würzburg

Medizin am Abend DirektKontakt:


Universitätsklinikum Würzburg, Susanne Just
Telefon: + 49 (0)931/201 - 59447
Fax: + 49 (0)931/201 - 61788

Typ-2-Diabetikern: Essigsäure hemmt Ausschüttung von Insulin

Medizin am Abend Fazit: Hemmstoffe gegen die Rezeptoren der Essigsäure könnten die Behandlung von Diabetes-Patienten verbessern

Bei Typ-2-Diabetes steigt der Blutzuckerspiegel, weil die Zellen des
Körpers nicht mehr empfindlich genug für Insulin sind oder die
Bauchspeicheldrüse nicht ausreichend Insulin freisetzt. Wissenschaftler
des Max-Planck-Institutes für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim
haben nun entdeckt, dass die sogenannten FFA2- und FFA3-Rezeptoren die
Insulinfreisetzung hemmen. Diese Rezeptoren werden durch Essigsäure
aktiviert, die unter anderem von den Insulin-produzierenden Zellen der
Bauchspeicheldrüse gebildet wird. Die Bauchspeicheldrüse verhindert so,
dass zu viel Insulin ausgeschüttet wird und der Blutzuckerspiegel zu stark
absinkt.

Da Essigsäure vor allem bei normalen oder erhöhten Zuckerwerten
gebildet wird, kurbeln Hemmstoffe gegen die Essigsäurerezeptoren die
Produktion von Insulin nicht bei niedrigen Zuckerspiegeln an. Eine
gefährliche Unterzuckerung ließe sich so bei der Diabetestherapie
vermeiden.

Als primäre Ursache des Typ-2-Diabetes galt lange eine verminderte
Empfindlichkeit von Körperzellen auf Insulin. In den letzten Jahren zeigte
sich jedoch, dass zudem bereits in der Frühphase der
Typ-2-Diabeteserkrankung auch die Insulinfreisetzung gestört ist. Insulin
wird in Zellen der Bauchspeicheldrüse produziert und sorgt dafür, dass
Körperzellen Glukose aus dem Blut aufnehmen können. Dadurch sinkt der
Blutzuckerspiegel. Ein Auslöser für die Insulinfreisetzung ist ein Anstieg
der Glukosewerte im Blut nach einer Mahlzeit. Neben Glukose haben auch
andere Substanzen hemmende oder verstärkende Funktion. Sie wirken auf
Rezeptoren ein, welche für die Regulation der Insulinfreisetzung
verantwortlich sind.

Die Wissenschaftler haben nun in den Insulin-produzierenden Zellen von
Mäusen und Menschen Rezeptoren identifiziert, die die Insulinfreisetzung
hemmen können. „Nimmt eine Zelle Glukose auf, bildet sie Essigsäure. Diese
aktiviert die FFA2- und FFA3-Rezeptoren und hemmt so die Freisetzung von
Insulin“, sagt Cong Tang vom Max-Planck-Institut für Herz- und
Lungenforschung. Mäusezellen ohne FFA2- und FFA3-Rezeptoren setzen dagegen mehr Insulin frei. Die Rezeptoren sollen offenbar verhindern, dass nach
dem Anstieg der Glukosekonzentration zu viel Insulin ausgeschüttet wird.

Die Wissenschaftler erhoffen sich von diesen Befunden neue
Therapiemöglichkeiten für Diabetiker. Sie wollen als Nächstes an der
Entwicklung von Substanzen forschen, die die Essigsäurerezeptoren
blockieren. „Die Tatsache, dass Essigsäure vor allem bei hohen
Blutzuckerwerten entsteht, macht Hemmstoffe gegen die Essigsäurerezeptoren
besonders attraktiv. Denn dadurch würden diese Substanzen nur bei
Patienten mit erhöhtem Blutzuckerspiegel wirken, nicht aber bei Gesunden
oder gut eingestellten Typ-2-Diabetikern“, sagt Stefan Offermanns,
Direktor der Abteilung Pharmakologie am Max-Planck-Institut.

Originalveröffentlichung:
Cong Tang, Kashan Ahmed, Andreas Gille, Shun Lu, Hermann-Josef Gröne,
Sorin Tunaru & Stefan Offermanns
Loss of FFA2 and FFA3 increases insulin secretion and improves glucose
tolerance in type 2 diabetes
Nature Medicine, 2015

Medizin am Abend DirektKontakt 

Dr. Matthias Heil
Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung, Bad Nauheim
Telefon:+49 6032 705-1705Fax:+49 6032 705-1704
E-Mail:matthias.heil@mpi-bn.mpg.de

Prof. Dr. Steffan Offermann
Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung, Bad Nauheim
Telefon:+49 6032 705-1202
E-Mail:stefan.offermanns@mpi-bn.mpg.de

Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V., Dr Harald
Rösch

Außenseitertherapie „IRE“ bei Prostatakrebs

Medizin am Abend DirektKontakt: Urologen warnen: Ungerechtfertigte Werbung für Außenseitertherapie „IRE“ bei Prostatakrebs

Unter dem Titel „Die neue Waffe gegen Prostatakrebs“ berichtet das
Wochenmagazin „Focus“ in der Print-Ausgabe 5/2015 über eine neue Methode
zur Behandlung des Prostatakrebses, bei der angeblich „mit ultrakurzen
Stromstößen Tumorzellen zerstört werden können“. Die sogenannte
„Irreversible Elektroporation“ (IRE) sei eine „schonende“ Methode, die
beim Prostatakrebs Potenz und Schließmuskelfunktion nicht beeinträchtige
und bei der „die Harnröhre ebenso erhalten bleibt wie die
Erektionsfähigkeit“, heißt es weiter in dem Artikel.

Die Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) stellt klar, dass diese
Hoffnung machende Werbung für eine „neue Technik im Kampf gegen
Prostatakrebs“ ungerechtfertigt und gefährlich ist, da der Wert dieser
Behandlung noch völlig ungesichert ist.

„Zur Therapie von Prostatakrebs mittels dieser Methode finden sich in
wissenschaftlichen Literaturdatenbanken lediglich 18 Publikationen. Diese
beschreiben die technischen Grundlagen der Methodik oder Protokolle neuer
Studien, die sich noch in Planung befinden“, sagt Prof. Dr. med. Oliver
Hakenberg, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Urologie und
Direktor der Klinik für Urologie der Universität Rostock. „Lediglich zwei
Arbeitsgruppen beschreiben kurzfristige Behandlungsergebnisse, aber auch
nur bezüglich der Durchführbarkeit und der Häufigkeit kurzfristiger
Behandlungsnebenwirkungen“, so der Generalsekretär. Mittel- oder
langfristige Ergebnisse zur Wirksamkeit und zu Nebenwirkungen liegen nicht
vor.

„Niemand kann daher zum gegenwärtigen Zeitpunkt irgendeine Aussage dazu
machen, ob diese Methode überhaupt in der Lage ist, einen Prostatakrebs
therapeutisch zu beeinflussen, noch viel weniger ist klar, ob sie anderen
Behandlungsmethoden überlegen ist. Lediglich die denkbare, aber
unbewiesene Vorstellung, dass diese alternative Therapie
Prostatakrebszellen zerstören könne, darf keinesfalls Grundlage dafür
sein, Patienten Hoffnungen zu machen“, ergänzt Prof. Dr. med. Kurt Miller,
1. DGU-Vize-Präsident und Direktor der Urologischen Klinik der Charité,
Berlin. Zudem ist diese alternative Behandlungsmaßnahme mit hohen Kosten
verbunden, die aufgrund des gänzlich fehlenden Nutzennachweises nicht von
den Krankenkassen getragen werden.

„Bei Neuzulassung eines Medikamentes gelten heute strengste Anforderungen
an den Nachweis eines Nutzens durch Studien. Es muss sogar der
´Zusatznutzen` im Vergleich zu bestehenden Therapien belegt werden. Bei
medizinisch-technischen Behandlungsverfahren ist das anders. Hier werden
solche Ansprüche nicht eingefordert. Allein die technische
Durchführbarkeit wird als ausreichend angesehen, um die Anwendung am
Menschen zu erlauben“, sagt Prof. Dr. med. Jürgen Gschwend vom DGU-Ressort
Leitlinien und Qualitätssicherung und Direktor der Klinik für Urologie der
Technischen Universität München.

Für die Experten der DGU steht fest: Die Problematik des Prostatakarzinoms
mit möglichen Auswirkungen mancher Behandlungen auf die individuelle
Lebensqualität darf nicht dazu Anlass geben, Hoffnungen zu wecken, die
durch keinerlei Daten und Fakten gestützt werden. Eine seriöse
Berichterstattung in den Medien sollte sich immer über ihre Wirkung im
Klaren sein: Wie im hier kritisierten Fall könnten Patienten
möglicherweise zu Therapien verleitet werden, die ihnen nichts nützen und
bei denen ernsthafte Nebenwirkungen auftreten können. Noch fataler aber,
wenn durch die mit falschen Hoffnungen verknüpfte Anwendung der Methode
tatsächlich wirksame Behandlungen hinausgezögert werden und dann für
manchen Patienten zu spät kommen.

Medizin am Abend DirektKontakt:

Prof. Dr. med. Oliver Hakenberg
Universitätsklinik Rostock, Med. Fakultät
Direktor der Urologischen Klinik und Poliklinik
Ernst-Heydemann-Straße 6

18055 Rostock

E-Mail: oliver.hakenberg@med.uni-rostock.de

Prof. Dr. med. Kurt Miller
Direktor der Urologischen Klinik u. Poliklinik
Charité, Universitätsmedizin Berlin, Campus Benjamin Franklin
Hindenburgdamm 30
12203 Berlin
E-Mail: kurt.miller@charite.de

Prof. Dr. med. Jürgen Gschwend
Direktor der Urologischen Klinik und Poliklinik
Klinikum Rechts der Isar
Ismaningerstraße 22
81675 München
E-Mail: juergen.gschwend@lrz.tum.de

Weitere Informationen:

Bettina-C. Wahlers
Sabine M. Glimm
Stremelkamp 17
21149 Hamburg
Tel.: 040 - 79 14 05 60
Mobil: 0170 - 48 27 28 7
Internet: www.urologenportal.de

Smartphones verändern den Jugendlichen

Medizin am Abend Fazit: Smartphones verändern den digitalen Medienkonsum von Jugendlichen

Jugendliche mit Smartphones verbringen deutlich mehr Zeit online – und das
auch nachts, was den Schlaf beeinträchtigen kann. Digitaler Medienkonsum
in der Nacht hängt bei Jugendlichen mit einem höheren Risiko für
Schlafprobleme und depressive Symptome zusammen. Dies berichtet ein
Psychologenteam der Universität Basel nach einer Befragung von über 360
Schülerinnen und Schülern. Die Forschungsergebnisse sind in der
Fachzeitschrift «Journal of Youth and Adolescence» publiziert.

Während Smartphones erst etwa ab 2007 den Markt zu erobern begannen, sind
sie heute bei Jugendlichen allgegenwärtig. Dank WLAN-Internet und
günstigen Flatrates verbringen Jugendliche mit Smartphones mehr Zeit
online und können günstiger mit ihren Freunden kommunizieren –
beispielsweise via WhatsApp –, was ihren digitalen Medienkonsum deutlich
verändert hat.

In einer Studie haben Forschende um Prof. Sakari Lemola von der Fakultät
für Psychologie der Universität Basel untersucht, wie sich der digitale
Medienkonsum bei Teenagern mit Smartphones von ihren Alterskollegen mit
konventionellen Handys unterscheidet. Dafür befragten sie insgesamt 162
Schülerinnen und 200 Schüler aus der Nordwestschweiz im Alter von 12 bis
17 Jahren. Resultat: Jugendliche mit Smartphones verbrachten an
Wochentagen deutlich mehr Zeit im Internet, nämlich durchschnittlich zwei
Stunden gegenüber einer Stunde. Zudem schrieben sie täglich deutlich mehr
Textnachrichten – durchschnittlich 85 gegenüber sieben – als Gleichaltrige
mit konventionellen Handys.

Schlafprobleme und depressive Symptome

Auffällig war der Unterschied auch, wenn die Jugendlichen abends im Bett
lagen: Nur 17% schalteten ihre Smartphones über Nacht aus oder auf Lautlos
im Vergleich zu 47% der Jugendlichen mit konventionellen Handys. Zudem
berichteten Jugendliche mit Smartphones deutlich häufiger, im Bett vor dem
Einschlafen noch Videos anzusehen, online zu sein oder Nachrichten an
Freunde zu senden. Insgesamt hatten Jugendliche, die nachts im Bett
digitale Medien nutzten, ein höheres Risiko, unter Schlafproblemen und
depressiven Symptomen zu leiden. Die Fachleute raten daher Jugendlichen
bei Schlafproblemen oder ausgeprägter Tagesmüdigkeit, in der Stunde vor
dem Zu-Bett-Gehen auf digitale Medien ganz zu verzichten.

Originalbeitrag
Lemola, S., Perkinson-Gloor, N., Brand, S., Dewald-Kaufmann, J., & Grob,
A. (2015). Adolescents' electronic media use at night, sleep disturbance,
and depressive symptoms in the smartphone age. Journal of Youth and
Adolescence, 44, 405–418. DOI: 10.1007/s10964-014-0176-x
http://link.springer.com/article/10.1007%2Fs10964-014-0176-x#page-1

Medizin am Abend DirektKontakt

Prof. Dr. Sakari Lemola, Universität Basel, Fakultät für Psychologie,
Missionsstrasse 62, 4055 Basel, Tel. +41/61 267 06 38, E-Mail:
sakari.lemola@unibas.ch
Universität Basel, Olivia Poisson

Teilnehmer für Online-Befragung zu sexueller Gewalt gesucht www.opferbefragung.de

Für eine Studie zum Thema sexuelle Übergriffe sucht das Institut für
Kriminologie der Universität Heidelberg Teilnehmerinnen und Teilnehmer für
eine Online-Befragung. Die anonyme Erhebung richtet sich an Frauen und
Männer ab 18 Jahren, die irgendwann in ihrem Leben Opfer einer sexuellen
Grenzverletzung wurden und bei denen die Tat angezeigt wurde. Mit der
Untersuchung wollen die Heidelberger Wissenschaftler eine Forschungslücke
schließen. Denn auch wenn die Themen sexueller Missbrauch und sexuelle
Gewalt in den vergangenen Jahren große mediale Aufmerksamkeit erlangt
haben, wird nur ein geringer Teil der Straftaten angezeigt und den
Strafverfolgungsbehörden bekannt. Es gibt bisher aber nur wenige
systematische Studien über den Weg, der zur Anzeige solcher Taten führt,
sowie zu den Erfahrungen der Betroffenen im Strafverfahren.

Die Erhebung ergänzt eine Befragung aus dem Jahr 2014, die sich an alle
Betroffenen sexueller Übergriffe richtete, unabhängig davon, ob die Tat
angezeigt wurde oder nicht. Bei der aktuellen Online-Befragung geht es
dagegen nur um Fälle, bei denen es zu einer Anzeige kam – es spielt aber
keine Rolle, ob die Betroffenen selbst Anzeige erstatteten oder ob dies
durch eine andere Person geschah. „So lassen sich Erkenntnisse darüber
erlangen, aus welchen Gründen und auf welchen Wegen sexuelle
Grenzverletzungen und sexuelle Gewalt den Strafverfolgungsbehörden bekannt
werden und welche Erfahrungen Betroffene hierbei machen“, erklärt Dr.
Angelika Treibel vom Institut für Kriminologie. Aus den Ergebnissen wollen
die Wissenschaftler Vorschläge für eine Verbesserung von Opferschutz und
Prävention ableiten. Die Befragung ist Teil einer Studie, die vom
Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird.

Der Online-Fragebogen ist über die Adresse www.opferbefragung.de oder
über die Homepage des Instituts für Kriminologie aufrufbar. Der Fragebogen
wurde auf der Grundlage von Gesprächen mit Betroffenen entwickelt.
Rückfragen von potenziellen Teilnehmern sind per E-Mail oder Telefon
möglich.



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Institut für Kriminologie: www.uni-heidelberg.de/institute/fak2/krimi
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Marietta Fuhrmann-Koch

Masern - aufsuchende Impfangebote

Ausbrüche von Masern in Berlin und Sachsen-Anhalt - Ziel der Ausrottung wurde verfehlt / Aufsuchendes Impfangebot wie in Österreich und Impfpflicht in der Diskussion

 

Nicht nur in den USA ist nach dem Ausbruch von Masern in Disneyland in Kalifornien eine Debatte über unzureichenden Impfschutz entbrannt. Nachdem in Berlin und Sachsen-Anhalt sich zahlreiche Menschen mit Masern angesteckt haben, sind verpflichtende Impfungen und niederschwellige Impfangebote wie in Österreich in der Diskussion. Gesundheitspolitiker Erwin Rüddel (CDU), Kinderarzt Dr. Ulrich Fegeler (BVKJ) und Dr. Klaus Schlüter von Sanofi Pasteur MSD haben gegenüber Pharma Fakten dazu Stellung genommen.

- Impfpflicht als mögliche Konsequenz niedriger Impfquoten 

Erwin Rüddel (CDU), Mitglied des Bundesgesundheitsausschusses, hält an der Zielsetzung, Masern auszurotten fest: "Sie können und müssen, wie einst die Pocken, ausgerottet werden." Das Ziel sei jedoch verfehlt worden und fordere jetzt die Politik heraus. Als hilfreiche Maßnahme gegen künftige Ausbrüche sieht der Bundespolitiker eine verpflichtende Impfberatung an, die im Entwurf des Präventionsgesetzes enthalten ist. "Die Politik ist sensibilisiert", erklärte Rüddel und ergänzte: "Deshalb kommt Impfen jetzt auch ins Präventionsgesetz." Weitere Konsequenzen schließt der Gesundheitspolitiker allerdings nicht aus. "Sollte das die Impfquote nicht über 95 Prozent heben, kann man über eine Verschärfung, bis hin zu einer Impfplicht für Masern, nachdenken", erklärte er. 

- Aufsuchende Impfangebote wie in Österreich 

Dr. Klaus Schlüter, Geschäftsführer des Pharmaunternehmens Sanofi Pasteur MSD, forderte, dass dringend an mehreren Stellschrauben gedreht werden müsste: "Einmal fehlen in Deutschland verbindliche Impfziele. Über generelle Aussagen wie: 'Wir müssen die Impfquoten erhöhen', kommen wir bisher nicht hinaus. Das ist der erste Fehler. Der zweite ist, dass es bei uns keine Impfprogramme gibt. Schauen wir über die Grenze nach Österreich: Dort gibt es so genannte 'aufsuchende' Impfangebote. Das heißt, die Ärzte kommen aktiv in die Schule und impfen. Der Vorteil daran: Sie senken die Schwelle, der Zugang zur Impfung wird erleichtert. Die Eltern werden vorher befragt, so dass niemand Angst haben muss, sein Kind werde zwangsgeimpft." 

 - Impfungen für alle Kinder in Gemeinschaftseinrichtungen 

Dr. Ulrich Fegeler, Pressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), sagte, dass durch konsequentes Impfen Ausbrüche wie aktuell in Berlin und Sachsen-Anhalt sich verhindern ließen. Die im Präventionsgesetz vorgesehene verpflichtende Impfberatung geht dem Mediziner jedoch nicht weit genug. "Es ist zu wenig, eine verpflichtende Impfberatung nur für Kinder vor dem Eintritt in den Kindergarten einzuführen. Wir als Berufsverband fänden es sinnvoll, eine Impfpflicht für alle Kinder einzuführen, die öffentliche Gemeinschaftseinrichtungen besuchen." In den USA gebe es bereits die Forderung "no vaccination, no school". "Das wäre auch in Deutschland sinnvoll", erklärte Fegeler.  

Dies durchzusetzen, hält Fegeler jedoch für schwierig. Daher müssten solche kleine Epidemien wie in Berlin hingenommen werden. "Weil viele Erwachsene in Deutschland nicht beziehungsweise nicht ausreichend gegen Masern geimpft sind, kann die Krankheit auf die entsprechenden Menschen übergreifen", warnte der Mediziner. Vor allem Schwangere sollten geimpft sein, um den Neststutz für die neugeborenen Kinder garantieren zu können. Denn: "Eine Masernerkrankung im ersten Lebensjahr hat möglicherweise stärkere Auswirkungen als gedacht. Diese sind nicht heilbar und führen zum Tod des Kindes", betonte Fegeler.

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