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Dr. Sebastian Sattler: Neuro-Enhancern: Hirndopping-Mittel wg. Stress, Termindruck, Drang zur Leistungsteigerung (legal-illegal Substanzen)

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: 70 Prozent nahmen Substanzen zur Erhöhung geistiger Leistung

Größte repräsentative Studie zu Verbreitung von „Neuro-Enhancern“ in Deutschland

Aufgrund von Stress, Termindruck und dem Drang zur Leistungssteigerung greifen viele Menschen zu legalen oder illegalen Substanzen, um ihre geistige Leistungsfähigkeit zu erhöhen – also ihre Konzentration, Wachheit oder ihr Gedächtnis. 

Wie viele Personen solche „Neuro-Enhancer“ (sinngemäß: Hirndoping-Mittel) tatsächlich nutzen und welchen persönlichen Hintergrund sie haben, untersuchten Forschende der Universität Bielefeld, der Universität zu Köln, des Institut de recherches cliniques de Montréal in Kanada, der Universität Erfurt und der Universitätsklinik Köln. 

Dr. Sebastian Sattler von der Universität Bielefeld leitete die größte repräsentative Studie zu Neuro-Enhancement in Deutschland. Dr. Sebastian Sattler von der Universität Bielefeld leitete die größte repräsentative Studie zu Neuro-Enhancement in Deutschland. Foto: Valerie Kloubert

Ausgewertet wurden Daten von mehr als 22.000 Teilnehmenden. 

Es handelt sich damit um die bislang größte repräsentative Studie zur Verbreitung von Neuro-Enhancern in Deutschland.

Die Studie ist im Fachjournal „Deviant Behavior“ erschienen und aus dem Projekt „Enhance“ hervorgegangen, das Dr. Sebastian Sattler von der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld zusammen mit Professor Dr. Guido Mehlkop von der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt leitet. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Frühere Studien beruhten auf deutlich weniger Fällen, verwendeten oft keine repräsentativen Stichproben oder hatten uneindeutige Befunde. Auch sind existierende Studien bereits einige Jahre alt. Die Enhance-Studie liefert nun solide, neue Daten.

Koffeinhaltige Getränke sind weit vorne, gefolgt von Nahrungsergänzungs- und Hausmitteln

Erfasst wurde, ob und wie häufig die Beteiligten in der Vergangenheit legale Mittel wie Koffein und Koffeintabletten, Nahrungsergänzungsmittel und Hausmittel, verschreibungspflichtige Medikamente und illegale Drogen zur Steigerung der geistigen Leistung nutzten, ohne dass es medizinische Gründe dafür gab. 

Gefragt wurde auch nach persönlichen Merkmalen wie Alter, Geschlecht, Bildungshintergrund, Beschäftigungsstatus und Einkommen.

Insgesamt haben laut der Befragung sieben von zehn Befragten (69,9 Prozent) in den vergangenen zwölf Monaten mindestens eines der Mittel zur Leistungssteigerung genommen – viele davon konsumierten auch mehr als eine Substanz.

Am verbreitetsten waren koffeinhaltige Getränke, wozu neben Kaffee beispielsweise Energydrinks gehören: 64,2 Prozent der Befragten gaben an, diese in den vergangenen zwölf Monaten ausdrücklich mit dem Ziel einer Leistungssteigerung konsumiert zu haben. 

Am zweithäufigsten kamen Nahrungsergänzungsmittel und Hausmittel wie Ginkgo biloba zum Einsatz (31,4 Prozent). 3,7 Prozent der Befragten gaben zudem an, aktuell ohne medizinische Notwendigkeit verschreibungspflichtige Medikamente einzunehmen (auf die Lebenszeit bezogen: 5,5 Prozent), was immerhin etwa 2,5 Millionen Nutzenden (Lebenszeit: 3 Millionen) entspricht.

40 Prozent können sich vorstellen, Medikamente zur Leistungssteigerung zu nehmen

„Von diesen Personen gab knapp jede Dritte an, solche Mittel innerhalb eines Jahres sogar 40-mal und häufiger genutzt zu haben“, sagt Sattler, Erstautor der Studie. Etwa 40 Prozent der Befragten lehnen eine zukünftige Nutzung solcher Medikamente zur Leistungssteigerung nicht grundsätzlich ab. „Diese Zahl hat uns überrascht. 

Es scheint eine große Bereitschaft zu geben, Medikamente zur Leistungssteigerung zu nehmen, für die aus medizinischer Sicht kein Bedarf besteht.“

Außerdem gaben 4,1 Prozent der Befragten an, in den vergangenen zwölf Monaten Cannabis eingenommen zu haben, vermutlich um durch Stressabbau wieder leistungsfähig zu werden oder auch um die Kreativität anzuregen.
Die Einnahme weiterer illegaler Substanzen, wie Kokain oder Amphetamin, war im Zwölfmonatszeitraum mit 1,4 Prozent eher selten.
Die Einnahme der verschiedenen Substanzen variiert über die gesellschaftlichen Gruppen. Interessant sei beispielsweise, so Sattler, dass Männer eher zu Koffeintabletten und illegalen Drogen wie Kokain griffen als Frauen, um ihre geistige Leistung zu steigern. Auch in städtischen im Vergleich zu ländlichen Gebieten zeichnete sich eine stärkere Verbreitung illegaler Drogen ab.

Zusammenhang zwischen Alter und Konsumverhalten

Drei altersspezifische Trends der Neuro-Enhancer-Nutzung sind in der Studie erkennbar:

- „Um ihre Leistung zu steigen, konsumieren Menschen im Alter von 35 bis 44 Jahren und jüngere Personen deutlich häufiger koffeinhaltige Getränke und Koffeintabletten als Ältere“, sagt Professor Dr. Guido Mehlkop von der Staatswissenschaftlichen Fakultät und dem Institute for Planetary Health Behaviour der Universität Erfurt.

  • - Verschreibungspflichtige Medikamente ohne medizinische Notwendigkeit zur Leistungssteigerung nimmt diese Altersgruppe am wenigsten ein, dafür greifen Jüngere und Ältere deutlich mehr darauf zurück. 

„Wir fragen uns, woran das liegt“, sagt Mehlkop „Bei älteren Personen ließe sich vermuten, dass die geistige Leistung nachlässt und sie dies kompensieren wollen, um weiter die Anforderungen im Job zu erfüllen.“

- Illegale Substanzen wiederum werden vor allem von jüngeren Personen bis zu einem Alter von 34 Jahren konsumiert. Danach reduziert sich die Wahrscheinlichkeit einer Nutzung stark.

Einnahme basierend auf persönlicher Erwartung trotz teils dünner Evidenz

  • Laut Sattler ist interessant, dass viele Menschen Substanzen einnehmen, obwohl unklar ist, ob diese wirklich die kognitiven Fähigkeiten wie Konzentration und Merkfähigkeit verbessern. 
  • Sie handeln aufgrund subjektiver Erwartung und Hoffnung, etwa weil Bekannte davon berichten oder sie etwas in den sozialen Medien gelesen haben – ähnlich wie bei Homöopathie. 

Dabei riskieren sie Nebenwirkungen wie Übelkeit, Bluthochdruck und Schlafstörungen. 

Teilweise führt die Einnahme zur Selbstüberschätzung.

Zwar gibt es laut Ko-Autor Professor Dr. Uwe Fuhr vom Zentrum für Pharmakologie der Uniklinik Köln durchaus Substanzen, die auch bei Gesunden Wirkungen zeigen: 

„Aber auch Medikamente mit den Wirkstoffen Modafinil oder Methylphenidat, die unter anderem bei Tagesschläfrigkeit und einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) verschrieben werden, können nicht nur bei Personen mit solchen Indikationen einzelne Aspekte der kognitiven Leistung unterstützen, sondern auch bei Gesunden. 

Aber längst nicht alles, was derzeit geschluckt wird, hat die erwünschte Wirkung.“

Ein Verhalten mit vielen Fragezeichen

Mehlkop weist auf die rechtlichen, sozialen und ethischen Implikationen hin, die sich aus den Nebenwirkungen solcher leistungssteigernden Mittel ergeben. „Es besteht die Frage, ob sie einen unfairen Vorteil verschaffen, vergleichbar mit Doping im Sport“, sagt er. Zudem setzen sich Menschen bei der Kombination solcher Substanzen oft unbekannten Gesundheitsrisiken aus.

Sattler zufolge, der auch dem Center for Uncertainty Studies (CeUS) an der Universität Bielefeld angehört, stellt sich daher die Frage nach Vorbeugung: 

„Wie lassen sich das Arbeitsleben und die Gesellschaft gestalten, um die Risiken zu minimieren?“ 

  • Dafür sollten Arbeitgeber bessere Arbeitsbedingungen schaffen, indem beispielsweise Unsicherheiten durch befristete Verträge reduziert werden oder Überstunden eingedämmt werden. 

Guido Mehlkop schlägt vor, in Zusammenarbeit mit Krankenkassen Stress- und Resilienztrainings anzubieten. 

Außerdem sollten gesündere Alternativen wie Sport, Meditation und erholsamer Schlaf besser beworben werden. Eine Forschungsfrage ist, ob solche Strategien den Substanzkonsum reduzieren können. Antworten dazu sind auf der Enhance-Konferenz vom 10. bis 12. Dezember am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld zu erwarten.

„Deviant Behavior“

Das Journal ist die einzige wissenschaftliche Zeitschrift mit Peer-Review, die sich exklusiv mit sozialer Abweichung befasst. Die Zeitschrift besitzt einen Impact-Faktor von 1,6 (2022). 

70 Prozent nahmen Substanzen zur Erhöhung geistiger Leistung

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Dr. Sebastian Sattler, Universität Bielefeld
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Originalpublikation:

Sebastian Sattler, Floris van Veen, Fabian Hasselhorn, Lobna El Tabei, Uwe Fuhr, Guido Mehlkop, Prevalence of Legal, Prescription, and Illegal Drugs Aiming at Cognitive Enhancement across Sociodemographic Groups in Germany. Deviant Behavior,
https://doi.org/10.1080/01639625.2024.2334274, erschienen am 18. April 2024, im Open Access verfügbar seit 15. Mai 2024.


Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte

https://gepris.dfg.de/gepris/projekt/358282780?context=projekt&task=showDeta...

DFG-Projekt „Cognitive Enhancement in Deutschland: Verbreitung, Beschaffungsstrategien, Ursachen und Implikationen“ (Enhance)


https://www.uni-bielefeld.de/einrichtungen/zif/events/#/event/7466 

Website zur Konferenz am Zentrum für interdisziplinäre Forschung

 

Prof. Andreas Greinacher : Die Immunthrombosen -auch bei viralen Infekten: Diagnostik von Thrombosen

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Immunthrombosen wie nach Covid-19-Impfungen treten auch nach Virusinfekten auf

Thrombosen nach Impfungen und Infektionen haben einen gemeinsamen Ursprung

Medizin am Abend Berlin ZusatzLink: Abteilung Kardiologie Zentrum für Innere Medizin

 


 

 

 

Wissenschaftler aus Greifswald, Adelaide (Australien) und Hamilton (Kanada) haben einen gemeinsamen Ursprung für seltene Blutgerinnsel identifiziert, die sowohl nach Covid-19-Impfungen als auch nach Virusinfektionen auftreten können. 

Dazu wurden weltweit Blutproben von Patienten ausgewertet.

Im Jahr 2021 erregten während der Corona-Pandemie seltene Thrombosen größte Aufmerksamkeit. 

Diese traten nach den ersten Adenovirus-basierten Covid-19-Impfungen auf. 

Die Arbeitsgruppe um Prof. Andreas Greinacher aus dem Institut für Transfusionsmedizin der Greifswalder Unimedizin konnte damals wesentlich zur Aufklärung der als „Vakzin-induzierte Immunthrombozytopenie mit Thrombose (VITT)“ bekannt gewordenen Erkrankung beitragen.

Nun haben Wissenschaftler desselben Teams in Kooperation mit australischen und kanadischen Forschern eine weitere wichtige Entdeckung gemacht: 

  1. Die Immunthrombosen, wie sie nach einer Impfung auftraten, kommen auch nach Infektionen mit dem Adenovirus vor. 

Beide Erkrankungen basieren auf der Bildung von Antikörpern gegen das Eiweiß Plättchenfaktor 4. 

Der Aufbau dieser Antikörper gegen Plättchenfaktor 4 nach Impfung und nach Virusinfektion ist nahezu identisch.

„Diese außergewöhnliche Übereinstimmung der Antikörper-Signatur lässt uns vermuten, dass beide Erkrankungen zu einer eigenen Klasse unerwünschter Immunreaktionen gehören“, so Dr. Linda Schönborn von der Unimedizin Greifswald. 

Sie ist eine der beiden Erstautorinnen der Studie. 

Für sie wird klar: 

TOP-MaAB-CAVE: 

Neben Impfungen können auch virale Infekte die gefährlichen Immunthrombosen verursachen. 

Das müsse zukünftig bei der Diagnostik von Thrombosen beachtet werden. 

Schönborn erläutert weiter: 

„Erkenntnisse über diese Immunreaktionen sind wesentlich für die schnelle Diagnostik und Therapie dieser Erkrankungen und Grundlage für die Weiterentwicklung von Impfstoffen.“

„Die Forschungsergebnisse sind für die betroffenen Patientinnen und Patienten von großer Bedeutung“, hebt Prof. Karlhans Endlich hervor: 

„Mögliche Ursachen einer auftretenden Thrombose zu kennen, steigert die Chance natürlich erheblich, den Menschen schnell und erfolgreich helfen zu können.“ 

Er danke den Forschenden für ihre Arbeit, so der Wissenschaftliche Vorstand: 

„Das Team der Transfusionsmedizin arbeitet seit Jahren extrem hart und höchst erfolgreich, was die internationale Sichtbarkeit unserer Universitätsmedizin spürbar weiter steigert.“

Die Forschungsergebnisse wurden jetzt im renommierten „New England Journal of Medicine“

 https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMc2402592)

publiziert. 

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Dr. Linda Schönborn
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Constanze Steinke Universität Greifswald

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Originalpublikation:

Antibody Fingerprints Linking Adenoviral Anti-PF4 Disordershttps://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMc2402592


Prof. Dr. Frank Buttgereit: Dr. Andriko Palmowski: PPI - Protonenpumpenhemmer

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Rheuma: 

 

Einnahme von Kortison plus Magenschutz kann Knochendichte verringern

Protonenpumpenhemmer (PPI) – auch als Magenschutz oder Säureblocker bezeichnet – gehören zu den am häufigsten genutzten Medikamenten überhaupt. 

Auch Rheuma-Patient:innen bekommen sie oft verschrieben. Damit will man Magenproblemen vorbeugen, die durch die Einnahme von bestimmten entzündungshemmenden Arzneimitteln entstehen können. 

 Medizin am Abend Berlin ZusatzLink: Pferde für unsere Kinder - auch in Zukunft

  • Doch diese Praxis könnte negative Folgen für die Knochengesundheit haben: 

Wie eine Studie der Charité – Universitätsmedizin Berlin zeigt, geht die Einnahme von PPI, insbesondere bei gleichzeitiger Einnahme von Kortison, mit einem erhöhten Risiko für Osteoporose einher. 

Die Studie wurde jetzt im Fachmagazin Mayo Clinic Proceedings publiziert. 

Symbolbild: Arzneimittel-Packungen in einer Apotheke © Charité | Janine Oswald

Arzneimittel-Packungen in einer Apotheke © Charité | Janine Oswald Janine Oswald Charité | Janine Oswald;

Rund 3,8 Milliarden Tagesdosen Protonenpumpenhemmer verschrieben Ärzt:innen in Deutschland im Jahr 2022 laut aktuellem Arzneiverordnungs-Report. 

  • PPI wie Pantoprazol oder Omeprazol hemmen die Produktion von Magensäure und sind vor allem für die Therapie von Magengeschwüren oder -blutungen gedacht, werden aber auch vorbeugend eingesetzt. 

Viele Patient:innen mit rheumatoider Arthritis, umgangssprachlich Rheuma genannt, bekommen unter bestimmten Bedingungen PPI bei einer Therapie mit Glukokortikoiden („Kortison“) verschrieben, um zu verhindern, dass die Magenschleimhaut sich entzündet.  

  • Manche nehmen PPI auch ohne ärztliche Rücksprache bei Sodbrennen oder anderen Magenbeschwerden ein. 
  • Man kann sie bis zu einer bestimmten Dosis rezeptfrei in der Apotheke bekommen.
  • Dabei ist aus Studien zu verschiedenen Erkrankungen bekannt, dass die Einnahme von PPI die Entwicklung von Knochenschwund (Osteoporose) begünstigt. 

Zusätzlich kann das in der Rheumatologie oft gleichzeitig genutzte Kortison den Knochen schwächen

„Wir haben uns deshalb gefragt, ob PPI auch bei unseren Rheuma-Patientinnen und -Patienten das Osteoporoserisiko nochmals erhöhen“, erklärt der Erstautor der Studie, Dr. Andriko Palmowski, Arzt an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Charité.

Analyse der Knochenmineraldichte von 1.500 Patient:innen

Um dies herauszufinden untersuchte er zusammen mit Prof. Frank Buttgereit und weiteren Kolleg:innen aus der Charité, aus den USA und aus Dänemark die Knochengesundheit von rund 1.500 Patient:innen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen.  

Etwa die Hälfte nahm täglich Protonenpumpenhemmer ein. 

  • Analysiert wurden die Knochenmineraldichte und die Knochen-Mikroarchitektur. 
  • Ist die Knochendichte erniedrigt oder lassen sich Veränderungen in der Mikroarchitektur finden, weist das auf Osteoporose hin.

Tatsächlich war die Knochendichte bei Patient:innen, die PPI nahmen, signifikant niedriger als bei solchen, die keine PPI nahmen. 

Dieser Zusammenhang blieb auch bestehen, wenn Einflussfaktoren wie Alter oder Nikotinkonsum statistisch berücksichtigt und eliminiert wurden. 

Besonders ausgeprägt war der Effekt, wenn Patient:innen PPI zusammen mit Kortison-Präparaten in einer täglichen Dosis von mindestens 7,5 mg einnahmen. 

Die Knochen-Mikroarchitektur hingegen war nicht relevant beeinträchtigt. 

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass PPI bei Patient:innen mit rheumatoider Arthritis zu einem Verlust an Knochenmineraldichte führen“, sagt Andriko Palmowski. Hieraus kann man grob schätzen, dass das Risiko für einen Wirbelbruch um etwa 25 Prozent steigt.
TOP-CAVE: Gründe für die Verschreibung von Magenschutz genau prüfen
Hinweis: Die Autor:innen der Studie sehen nun ihre ärztlichen Kolleg:innen in der Pflicht: 

„Ärztinnen und Ärzte sollten die Gründe für eine PPI-Verordnung sorgfältig prüfen und Nutzen und mögliche Risiken mit den Patientinnen und Patienten besprechen – insbesondere wenn gleichzeitig Kortison verschrieben wird“, schlussfolgern sie. 

  • Berechtigte Gründe für eine Verordnung von PPI sind beispielsweise Risikofaktoren, die die Entwicklung eines Magengeschwürs begünstigen. 
  • Zu diesen Risikofaktoren gehört zum Beispiel die gleichzeitige Einnahme von Kortison und nichtsteroidalen Rheumamitteln wie Ibuprofen, Diclofenac oder auch Aspirin. 

TOP-MaAB - CAVE: 

Wer hingegen allein Kortison einnimmt und keine weiteren Risikofaktoren aufweist, benötigt eher keinen Magenschutz – so die Maßgabe der ärztlichen Leitlinie „Arzneimitteltherapie bei Multimorbidität“.

„Ist eine gleichzeitige Einnahme unvermeidbar, können Nahrungsergänzungsmittel mit Vitamin D und Kalzium den Knochenerhalt unterstützen“, erklärt Andriko Palmowski. 

Bei geplanter längerfristiger Kortison-Therapie sind möglicherweise regelmäßige Knochendichtemessungen und gegebenenfalls eine gezielte medikamentöse Osteoporosetherapie notwendig. 

Welche Maßnahmen im Einzelfall sinnvoll sind, sollten Patient:innen und Ärzt:innen gemeinsam besprechen.

Über die Studie
Die Studie entstand an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie und Klinische Immunologie der Charité unter Federführung von Dr. Andriko Palmowski (Erstautor), Prof. Frank Buttgereit (Letztautor und Stellvertretender Klinikdirektor) sowie Dr. Edgar Wiebe (Letztautor). Beteiligt waren zudem weitere Kolleg:innen an der Charité, aus den USA (University of California San Francisco) und aus Dänemark (Københavns Universitet, Syddansk Universitet und Odense Universitetshospital). Es wurden Daten von 1.495 Patient:innen ausgewertet. 

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Originalpublikation:

Palmowski A et al. Proton Pump Inhibitor Use and Bone Health in Patients With Rheumatic Diseases: A Cross-Sectional Study. Mayo Clinic Proceedings, May 16 2024. doi:10.1016/j.mayocp.2023.12.008
https://www.mayoclinicproceedings.org/article/S0025-6196(23)00609-2/fulltext

 

Dr. Nicole Müller. Patienten mit Fontan-Kreislauf (Einkammerherzen) - Akute Höhenveränderungen - Einfluss von Hypoxie (Sauerstoffmangel)

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Höhenluft wird auch über einen längeren Zeitraum von Menschen mit Einkammerherz toleriert

Gemeinsame Hypofon-Studie des Universitätsklinikums Bonn, des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin (DLR, Köln) und der Deutschen Sporthochschule Köln zeigt, dass der Kreislauf stabil bleibt

Eine lange Flugreise oder eine Übernachtung in den Bergen: 

Für viele Patientinnen und Patienten mit Fontan-Kreislauf (Einkammerherzen) war das bisher unvorstellbar, da medizinisch nur unzureichend erforscht war, wie sich akute Höhenveränderung auf ihr Herz-Kreislauf-System auswirkt.

Eine Studie, die das Universitätsklinikum Bonn (UKB) gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und weiteren Kooperationspartnern durchgeführt hat, liefert dabei jetzt mehr Gewissheit. 

  • Dank unterschiedlicher Messdaten konnte das Forschungsteam nachweisen, dass ein längerer Höhenaufenthalt von 24 bis 30 Stunden von den Betroffenen toleriert wird. 

Die Ergebnisse sind jetzt in der Fachzeitschrift „Circulation“ erschienen.

Um Fontan-Patientinnen und -Patienten mehr Lebensqualität zu ermöglichen, hat das UKB gemeinsam mit dem DLR und der Deutschen Sporthochschule Köln, gefördert durch die Stiftung KinderHerz, untersucht, wie sich das Herz-Kreislauf-System der Betroffenen während eines längeren Höhenaufenthaltes verhält.

Die Forschenden führten dafür eine Studie durch, die über vier Tage inklusive Übernachtung mit 18 Probandinnen und Probanden im :envihab, dem medizinischen Forschungszentrum des DLR in Köln, lief. Dort wurde eine Höhe von 2.500 m üNN simuliert und der Einfluss von Hypoxie (Sauerstoffmangel) auf verschiedene kardiologische und stoffwechselbedingte Parameter untersucht. 

Die Forschenden werteten sowohl den invasiven Druck durch einen Katheter im Fontan-Tunnel als auch den Blutfluss in der Lunge mithilfe von Echtzeit- Magnetresonanztomographie aus (MRT).  

Die Ergebnisse zeigten, dass sich weder der Blutdruck noch der Blutfluss in der Lunge signifikant verändern und die Probandinnen und Probanden damit einen längeren Höhenaufenthalt von 24 bis 30 Stunden komplikationslos tolerieren können.
Sättigungswerte auch im Schlaf stabil

Insbesondere werteten die Forschenden auch die Sättigungswerte im Schlaf aus. 

„Das Atemmuster beim Schlafen in der Höhe ist grundsätzlich ein anderes“, erklärt Dr. Nicole Müller, Studienleiterin und Oberärztin der Abteilung Kinderkardiologie am UKB. 

„Auch bei gesunden Menschen kommt es dabei zu einer veränderten Atmung mit kurzen Pausen. 

Deshalb war es für uns spannend zu beobachten, wie sich die Höhenluft im Schlaf auf Fontan-Patientinnen und -Patienten auswirkt“. 

Die Auswertungen zeigten erfreulicherweise, dass die Sauerstoffsättigung auch beim Schlafen ausreichend und die Veränderung sogar mit der von gesunden Personen vergleichbar ist.

„Das sind großartige Ergebnisse“, so Dr. Müller. „Ich denke, dass das vielen Fontan-Patientinnen und -Patienten ganz neue Möglichkeiten bietet. Vorher gab es nur Studiendaten darüber, wie sich eine kurzfristige Hypoxie auf ihr Herz-Kreislauf-System auswirkt – Daten über eine längere Hypoxie inklusive Übernachtung haben bisher jedoch gefehlt. Viele Betroffene haben sich deshalb noch nie in ihrem Leben einen längeren Höhenaufenthalt, wie beispielsweise eine Flugreise nach Australien oder eine Übernachtung in den Bergen, zugetraut. Unsere Studie zeigt jetzt, dass dabei unter bestimmten Voraussetzungen keine gesundheitliche Gefahr besteht.“  

Die Ergebnisse können Ärztinnen und Ärzten, die Menschen mit Fontan-Kreislauf betreuen, als Orientierung dienen, wenn diese längere Flugreisen oder kürzere Aufenthalte in großer Höhe unternehmen möchten.

„Das :envihab des DLR am Standort Köln bietet einzigartige Möglichkeiten für die patientenorientierte Forschung“, so Prof. Jens Tank, Leiter der Abteilung Kardiovaskuläre Luft- und Raumfahrtmedizin am DLR. 

„Die invasive Druckmessung im Fontankreislauf und die Untersuchung mit Echtzeit-MRT sind in der Höhe unter realen Bedingungen nicht realisierbar. 

Im :envihab konnten wir die Fontan-Patientinnen und -Patienten über mehrere Tage und Nächte unter sehr komfortablen Bedingungen untersuchen und sie sicher einer sauerstoffreduzierten Atmosphäre aussetzen. 

Wir hoffen sehr, dass wir in Zukunft noch weitere spannende Studien gemeinsam durchführen können.“

„Das ist eine großartige Entwicklung für die Medizin und trägt zu besseren Lebensumständen aller Patientinnen und Patienten mit angeborenem Herzfehler bei“, ergänzt Sylvia Paul, Vorstand der Stiftung KinderHerz. „Wir sind froh, dass wir die gemeinsame Studie des UKB, des DLR und der Deutschen Sporthochschule Köln fördern und damit dazu beitragen konnten, Fontan-Patientinnen und -Patienten ein Stück mehr Lebensqualität zu ermöglichen.“

Finanzierung: Die Studie wird durch die Stiftung KinderHerz unterstützt, die sich über Spenden finanziert. Weitere Informationen gibt es unter www.stiftung-kinderherz.de/was-wir-tun/unsere-foerderprojekte/hoehenanpassung-bei-fontan-patienten-bonn 

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Dr. Nicole Müller
Oberärztin der Abteilung Kinderkardiologie am Universitätsklinikum Bonn (UKB)
E-Mail: Nicole.Mueller@ukbonn.de

Petra Sandow Universitätsklinikum Bonn

Venusberg-Campus 1
53127 Bonn
Deutschland
Nordrhein-Westfalen

Viola Röser
Telefon: +49 228 287-10469
E-Mail-Adresse: viola.roeser@ukbonn.de

E-Mail-Adresse: petra.sandow@ukbonn.de


Originalpublikation:

Publikation: Nicole Müller et. al.; Peripheral Oxygenation and Pulmonary Hemodynamics in Individuals With Fontan Circulation During 24-Hour High-Altitude Exposure Simulation; DOI: https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.123.067601

 

Prof. Dr. Christian Zöllner: CAVE: Aspirationsrisiko während einer Narkose: Präoperativen Umgang mit GLP-1-Agonisten - fehlen der Medikamentenpause

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Operationsrisiken bei GLP-1-Agonisten: DGAI veröffentlicht Empfehlungen zum präoperativen Umgang

Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V. (DGAI) hat in einer aktuellen Stellungnahme Empfehlungen zur Narkose bei Patientinnen und Patienten veröffentlicht, die GLP-1-Agonisten mit den Wirkstoffen Semaglutid oder Tirzepatid einnehmen. 

Die Empfehlungen sind im Rahmen der gemeinsamen Empfehlungen zur „Präoperativen Evaluation erwachsener Patientinnen und Patienten vor elektiven, nicht herz-thoraxchirurgischen Eingriffen“ von DGAI sowie der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) und der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) erarbeitet worden. 

Um das Aspirationsrisiko während einer Narkose bei der Einnahme von GLP-1-Agonisten zu senken, empfiehlt die DGAI eine Unterbrechung der Therapie bei geplanten Eingriffen. Um das Aspirationsrisiko während einer Narkose bei der Einnahme von GLP-1-Agonisten zu senken, empfiehlt die DGAI eine Unterbrechung der Therapie bei geplanten Eingriffen.

  • GLP-1-Agonisten sind synthetisch hergestellte Polypeptide, die die Insulinsekretion steigern und die Freisetzung von Glukagon hemmen. 
  • Diese Medikamente werden zur Behandlung von Typ-2-Diabetes, vermehrt aber auch zur Gewichtsreduktion eingesetzt, da sie die Magenentleerung verzögern.
  • Diese verzögerte Magenentleerung kann jedoch das Risiko einer Aspiration von Mageninhalt während einer Narkose erhöhen, wodurch Speisereste in die Atemwege gelangen und eine schwere Lungenentzündung auslösen können. 

Auf vermehrte Meldungen solcher Aspirationspneumonien hat die American Society of Anesthesiologists im März 2024 reagiert und Empfehlungen zum präoperativen Umgang mit GLP-1-Agonisten veröffentlicht.

Trotz der bisher spärlichen Datenlage schließt sich die DGAI diesen Empfehlungen an. 

  • „Bei elektiven Eingriffen sollte die Therapie mit einem täglich eingenommenen GLP-1-Agonisten am OP-Tag unterbrochen werden. 
  • Bei GLP-1-Agonisten, die nur einmal pro Woche verabreicht werden, sollte der letzte Applikationszeitpunkt des Medikamentes eine Woche vor der geplanten Operation liegen“, schreiben die Autoren der Empfehlung. 
  • Diese Zeiträume seien unabhängig von der Indikation (Diabetes Mellitus Typ 2, Gewichtsreduktion) der Therapie mit einem GLP-1-Agonisten zu beachten. 
  • Nach dem Absetzen des Medikamentes ist eine engmaschige Kontrolle des Blutzuckers erforderlich.


„Bei fehlender Medikamentenpause und gastrointestinalen Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Blähungen oder abdominellen Schmerzen sollte die Patientin oder der Patient bei elektiven Eingriffen als nicht nüchtern betrachtet werden“, erklärt Prof. Dr. Christian Zöllner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und des Zentrums für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, der von Seiten der DGAI an der Publikation federführend mitgearbeitet hat. 

  • „In diesem Fall ist eine individualisierte und interdisziplinäre Risikobewertung für die Durchführung bzw. die Verschiebung des Eingriffs zu empfehlen.“


Prof. Dr. Zöllner betont die Bedeutung einer individualisierten Herangehensweise: 

  • „Um die höchste Patientensicherheit zu gewährleisten, erfordert die zunehmende Verbreitung von GLP-1-Agonisten ein differenziertes Vorgehen bei der präoperativen Risikoevaluation und der Narkosedurchführung.“ 

Dabei stelle für GLP-1-Agonisten, die nur einmal pro Woche appliziert werden, die Absprache mit der Patientin oder dem Patienten sowie der betreuenden Hausärztin bzw. dem Hausarzt in der praktischen Anwendung eine Herausforderung dar. 

„In der Vorbereitung einer Operation wird diese Abstimmung weiter an Bedeutung zunehmen“, erklärt Zöllner.

Erste Projekte zum besseren Austausch sind derzeit an vereinzelten Standorten in Deutschland in Planung. 

Diese beinhalten eine checklisten-gestützte Vorbereitung von Patientinnen und Patienten durch Hausärzte sowie ein Feedback System der behandelnden Kliniken.

„Nicht nur in Anbetracht der aktuellen Diskussion um GLP-1 Agonisten sollten diese Projekte weiter ausgebaut werden“, empfiehlt der DGAI-Experte.

Die komplette Empfehlung zur Präoperativen Evaluation erwachsener Patientinnen und Patienten vor elektiven, nicht herz-thoraxchirurgischen Eingriffen" ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Anästhesiologie & Intensivmedizin“ veröffentlicht und unter folgendem Link abrufbar:

 https://www.ai-online.info/archiv/2024/05-2024/praeoperative-evaluation-erwachse...

Operationsrisiken bei GLP-1-Agonisten: DGAI veröffentlicht Empfehlungen zum präoperativen Umgang

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https://www.ai-online.info/archiv/2024/05-2024/praeoperative-evaluation-erwachse...

 

Prof. Dr. Julia Zwank: Zum Muttertag/Vatertag: Das verändertze Gehirn von Eltern/Elternschaften bzw. kinderlosen Frau

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Deshalb sind Mama und Papa Superheld:innen: 

Wie Elternschaft dem Gehirn Superkräfte verleiht

Seit sie Kinder hat, ist sie einfach nicht mehr die Alte. 

Und seit er Papa geworden ist, kann man mit ihm nichts mehr anfangen. 

Ist an solchen Aussagen wirklich etwas dran? 

Absolut! 

Wie sich die Gehirne von Eltern tatsächlich schon während der Schwangerschaft verändern, wann ein Kind von Papa profitiert und welche Superkräfte Eltern haben, erfahren Sie hier. 

Prof. Dr. Julia Zwank Prof. Dr. Julia Zwank SRH

„Mamaaaaa?? Hast du den Musiktest unterschrieben, die Brotzeit eingepackt, Maria gefragt, ob sie zum Spielen kommen kann und WO ist eigentlich mein Dings???“ Wer zum Henker soll all diese Dinge und noch 20.000 weitere auf dem Schirm haben und dazu solch unspezifische Fragen kompetent beantworten? 

Überraschung:
Mama kann! Weil Mama gefühlt mehrere Personen in einer ist, ein Hirn hat wie ein Elefant und überhaupt die Beste ist. Genau wie Papa. Der ist ja sowieso Superman. Oder?
Pünktlich zum bereits durchlebten Vatertag und dem heutigen  Muttertag gehen wir mit Dr. Julia Zwank, Professorin für Business Psychology und Expertin für Entwicklungspsychologie, spannenden Fragen zur Elternschaft auf den Grund.

Man sagt, Mütter haben einfach alles im Kopf. Ist das ein Vorurteil oder stimmt das?

„Wenn wir das Gehirn einer Mutter und das Gehirn einer kinderlosen Frau im Gehirnscan ansehen, können wir recht gut erkennen, wer von beiden wer ist. 

Ist das nicht faszinierend? 

Die Veränderungen im Gehirn, die mit der Elternschaft einhergehen, sind die bedeutendsten im gesamten Erwachsenenleben und können mit den Veränderungen während der Pubertät verglichen werden.
Die Natur baut unser Gehirn buchstäblich um, um uns auf unsere Rolle als Fürsorgende für ein schutzbedürftiges Wesen vorzubereiten. 

  • Schon in der Schwangerschaft sehen wir zum Beispiel, dass die graue Hirnsubstanz in bestimmten Arealen ab- und in anderen Arealen zunimmt, was sich nach der Geburt weiter fortsetzt. 
  • Eltern haben im Vergleich zu Nicht-Eltern stärkere neuronale Netzwerke, die zum Beispiel mit einer erhöhten Wachsamkeit für Bedrohungen verbunden sind. 

Diese Veränderungen im Gehirn sind so deutlich, dass ein Computeralgorithmus anhand der neuroanatomischen Veränderungen sogar treffsicher voraussagen kann, ob eine Frau Mutter ist oder nicht.

Diese intensiven Veränderungen finden während eines relativ kurzen Zeitraums statt. 

Mit der Geburt eines Kindes wird auch eine Mutter geboren, die danach eine andere Frau ist als zuvor - mit einem neu verdrahteten Gehirn.“
Wann beginnt die Anpassung des Gehirns auf den Elternschafts-Modus?

„Der Prozess beginnt während der Schwangerschaft und setzt sich über die Geburt hinaus fort. 

  • Studien zeigen, dass sich in Momenten der Nähe zwischen Babys und ihren Eltern ihre körperlichen Funktionen synchronisieren. 
  • Dies geschieht immer dann, wenn wir gemeinsam glücklich sind, wenn wir einander in die Augen sehen und gemeinsame Freude empfinden. 
  • Ein Beispiel hierfür ist die Mutter, die liebevoll das Baby auf dem Wickeltisch anlächelt oder der Vater, der mit dem Baby auf dem Arm tanzt oder begeistert „Kuckuck“ spielt - immer und immer wieder.

Diese Synchronisation unterstützt nicht nur die Entwicklung des Gehirns, sondern lässt auch die körperlichen Funktionen reifen. 

Zwischen Eltern und Kind existieren verschiedene Ebenen der Koordination: 

Die Herzrhythmen von Mutter oder Vater und Kind passen sich zum Beispiel in Millisekunden an, was auf eine tiefe körperliche Verbundenheit hinweist und die Entwicklung des Organismus des Kindes sowie seiner körperlichen Funktionen unterstützt. 

In diesen Momenten schlagen die Herzen wahrhaftig "im gleichen Takt". 

Eltern und Babys weisen einen ähnlichen Spiegel von Oxytocin, dem "Liebeshormon", auf, was ihre Bindung weiter stärkt. 

Sogar die Gehirnwellen scheinen sich in diesen Momenten der Nähe anzugleichen.

Diese Synchronität unterstützt dann die kindliche Entwicklung grundlegend und hilft dem Stresssystem, nach und nach zu reifen. 

Wenn wir nun weiterdenken, beeinflusst sie auch die Fähigkeit des Kindes, eines Tages selbst zu liebevollen und einfühlsamen Eltern für die nächste Generation zu werden. Das zeigt, wie wichtig echte Nähe für die Gehirnentwicklung des Kindes ist - und für die der Eltern.“

Haben das alle Mütter? 

Und wie ist es um Väter bestellt? 

Verändern sich auch Männerhirne während Schwangerschaften oder mit der Ankunft des neuen Erdenbürgers?

„Den Anstoß für diesen Umbau des Gehirns gibt die Schwangerschaft mit ihren hormonellen Feuerwerken.  

Doch Gehirnveränderungen treten nicht nur bei Müttern auf. 

Wir sehen sie auch bei Vätern, bei Adoptiveltern und bei engsten Bezugspersonen. 

Hier kommt es auf die Qualität der Interaktion an. 

Denn die Verhaltensweisen, die diese Synchronisierung zwischen Erwachsenem und Kind und damit die Gehirnentwicklung bei Eltern und Kind fördern, haben alle eines gemeinsam: 

Sie treten bei Verbindung und in positiven sozialen Interaktionen auf. 

Nähe, Augenkontakt und sanfte Berührungen. Eltern, die ihre Babys halten, tragen, für sie singen und mit ihnen kuscheln. 

Eltern, die sensibel und aufmerksam auf das Weinen ihrer Babys reagieren. 

Eltern, die die innere Welt ihrer Babys mit Neugier beobachten. 

Es sind diese liebevollen und achtsamen Interaktionen, die nicht nur die Bindung zwischen Eltern und Kind stärken, sondern auch die Grundlage für eine gesunde Entwicklung des kindlichen und elterlichen Gehirns bilden.“

Was können jene Eltern mit neuem Gehirn denn dann besser als andere?

„Es entwickelt sich dadurch eine Art Netzwerk im Gehirn, das manche Forschende sogar als „globales Elternnetzwerk“ bezeichnen. Das sorgt dafür, dass Eltern sich auf ihre Babys einstellen können und ihre Bedürfnisse lesen lernen. Viele Eltern beginnen, plötzlich alle potenziellen Gefahren im Alltag zu sehen – die scharfe Kante, das hohe Gerüst, die zu große Traube, die das Kind verschlucken könnte. Das ist die Wachsamkeit und die Sensibilität, die in einem Elternhirn erhöht ist. Oder denken wir an Mamas und Papas, die die unterschiedlichen Laute ihres Kindes unterscheiden können, wissen, wann es Hunger hat, müde ist oder auf den Arm genommen werden will. Oder Eltern, die nachts um 2 Uhr stundenlang ihr Neugeborenes schaukeln, auch wenn sie selbst völlig übermüdet sind. 

  • Das Elterngehirn ist wie eine Art Superkraft, mit der uns die Natur ausstattet. Mit der wir das Überleben eines kleinen, hilflosen Wesens sichern können.“

Wir sind also eine gewisse Zeit lang aufmerksamer, leistungsfähiger, ausdauernder und kommen zudem mit weniger Schlaf aus. 

Begibt sich das Hirn irgendwann wieder auf Werkseinstellung oder bleibt es ein Leben lang ein Eltern-Hirn?

„Aktuelle Langzeituntersuchungen weisen darauf hin, dass diese strukturellen und funktionalen Veränderungen bestehen bleiben.“

Welche Rolle spielen die Papas?

„Lange wurde geglaubt, ein Kind bräuchte „nur eine liebevolle Mutter“. Doch das ist weit gefehlt.  

Der Einfluss des Vaters ist größer, als viele denken. Kinder, die mit liebevollen Vätern aufwachsen, brechen deutlich seltener die Schule ab oder landen im Gefängnis als Kinder, deren Vater abwesend ist und die kein anderes männliches Vorbild haben. 

Wenn Kinder enge Beziehungen zu Vaterfiguren haben, sind sie seltener in riskante Verhaltensweisen involviert und in der Pubertät deutlich weniger aggressiv oder kriminell. 

Als Erwachsene haben sie deutlich häufiger gut bezahlte Jobs und gesunde, stabile Beziehungen. 

  • Außerdem haben sie schon im Alter von drei Jahren tendenziell höhere IQ-Testergebnisse und leiden im Laufe ihres Lebens weniger an psychischen Problemen.

Nachdenklich macht mich jedoch immer wieder der Einfluss eines Vaters, wenn er zurückweisend ist. 

  • Eine groß angelegte Studie in mehreren Ländern hat gezeigt, dass Kinder, die von ihrem Vater zurückgewiesen werden, signifikant ängstlicher, unsicherer, aggressiver gegenüber anderen und feindseliger sind als Kinder, die einen liebevollen Vater erfahren. 
  • Ganz spannend ist, dass ein zurückweisender Vater einen viel größeren negativen Einfluss hat als eine zurückweisende Mutter.“

Was heißt denn „liebevoll“? Und ab wann ist ein Vater ein aktiver Vater?

Hier geht es vor allem um gemeinsam verbrachte Zeit, wobei die Qualität der Zeit jedoch wichtiger ist als die Quantität. Gemeinsames Fernsehen hilft hier zum Beispiel noch nicht viel. Es zählen gemeinsame Erfahrungen, Erlebnisse, bei denen positive Emotionen entstehen. Studien zeigen, dass Väter, die mit ihren Kindern zusammenleben und an wichtigen Ereignissen teilnehmen, einen weitaus größeren positiven Einfluss als Väter haben, die viel unterwegs sind oder woanders wohnen.

Kann ein Vater auch erst später entscheiden, aktiv am Leben der Kinder teilzunehmen und dann immer noch für den positiven Effekt sorgen oder ist der Zug ab einem bestimmten Kindesalter irgendwann abgefahren?

  • „Die ersten Lebensjahre sind durchaus die prägendsten. Doch selbst, wenn der Zug schon losgefahren ist, können wir immer noch hinterhersprinten und einsteigen. 
  • Zu spät ist es nie. 
  • Unser Gehirn ist plastisch, sprich: 
  • Es verändert sich, je nachdem, welche Erfahrungen wir machen. 
  • In egal welcher Familienkonstellation profitieren die Kinder von zugewandten und engagierten Erwachsenen - und Erwachsene ja auch von ihren Kindern, die ihre Gehirne zu Höchstleistungen antreiben und ihnen ganz erstaunliche Extra-Skills verleihen, von denen diese wiederum ihr ganzes Leben profitieren. 
  • Mit der Geburt wird nicht nur ein Baby geboren, sondern auch zwei Elternteile.“


Wir halten fest: Mama und Papa SIND Superhelden. 

Müssen sie sein, weil sie wissenschaftlich nachweisbare Superkräfte haben. 

Und je engagierter sie in ihrer Rolle sind, desto ausgeprägter die Superkraft. 

In diesem Sinne: Einen schönen bereits hoffentlich erlebten Vater- bzw. Muttertag, den habt ihr euch verdient, ihr Superheld:innen!

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Prof. Dr. Achim Mumme: Phlebologie: Chronische Bauchschmerzen - Krampfadern am Oberschenkel: CAVE: Pelvine Stauungssyndrom

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Wenn das Blut im Becken versackt

Krampfadern am Oberschenkel: 

Im Zusammenhang mit chronischen Bauchschmerzen ein Indikator für das pelvine Stauungssyndrom. 

Diagnose und Therapie können durch einen neuen Algorithmus erleichtert werden.

Auf den ersten Blick haben die Beschwerden nichts miteinander zu tun: 

  • Krampfadern an der Innenseite des Oberschenkels und chronische Schmerzen im linken Unterbauch, die sich im Sitzen und Stehen verstärken und im Liegen bessern. 

Deswegen bleibt das pelvine Stauungssyndrom, bei dem sich Blut im kleinen Becken staut, häufig lange unerkannt. 

Hinweis auf Diagnostik Team:

https://lauflab.de/

Dabei ist es gut behandelbar. Ein Forschungsteam der Ruhr-Universität Bochum hat jetzt den sogenannten Bochumer Algorithmus veröffentlicht: Eine Entscheidungshilfe für Ärtzinnen und Ärzte, die sie auf die Spur der Erkrankungen bringen kann. Der Beitrag ist am 14. Februar 2024 in der Zeitschrift Phlebologie veröffentlicht. 

Der Algorithmus richtet sich nicht nur an Fachleute aus der Phlebologie, sondern auch aus der Gynäkologie und in Hausarztpraxen.

Von Pontius nach Pilatus

Die typische Patientin hat zwei bis drei Kinder und ist im gebärfähigen Alter. 

Krampfadern an der Innenseite der Oberschenkel und an den Schamlippen sind typisch, ebenso wie Stauungsbeschwerden im Becken im Stehen oder Sitzen, die sich im Liegen bessern, und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr.

 „Die Betroffenen laufen häufig von Pontius nach Pilatus“, stellt Prof. Dr. Achim Mumme, Direktor der Klinik für Gefäßchirurgie der Ruhr-Universität Bochum im St. Josef Hospital fest. 

„Drei bis fünf Ärztinnen und Ärzte haben sie fast alle gesehen, bis sie die Diagnose erhalten.“

Die Crux:
 

Viele Patientinnen lassen ihre Bauchbeschwerden bei der Untersuchung der Krampfadern unerwähnt, weil sie vermeintlich nichts damit zu tun haben. 

Ebenso bleiben die Gefäße bei der Suche nach Gründen für die Bauchbeschwerden außen vor. 

Ärztinnen und Ärzte müssten schon gezielt danach fragen, doch ist das Krankheitsbild kaum bekannt. 

„Der Algorithmus hilft ihnen dabei, die Dinge zusammenzubringen und je nach Symptom die nächsten sinnvollen Untersuchungs- und Behandlungsschritte zu planen“, so Mumme.

Ist das pelvine Stauungssyndrom einmal sicher festgestellt, kann man es gut beheben: 

Über einen Katheter verschließen Gefäßspezialisten wie Dr. Georg Papapostolou im Klinikum der Ruhr-Universität Bochum die Gefäße, über die das Blut im kleinen Becken versackt, und nehmen so den Druck heraus. 

„Die Erfolgsquote ist hoch, wenn die Erkrankung richtig diagnostiziert ist. Krampfadern an der Innenseite des Oberschenkels können ein wichtiger Hinweisgeber sein“, berichtet er. 

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Achim Mumme, Markus Stücker, Christoph M. Heyer, Thomas Hummel, Thomas Falkenstein, Georg Papapostolou: Multimodale Therapie bei pudendaler Varikose, in: Phlebologie, 2024, DOI: 10.1055/a-2146-0356, https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/abstract/10.1055/a-2146-0356