Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit:
Preis: Wie psychiatrisches Personal unbewusst Zwang ausübt
Manche Zwangsmaßnamen wie eine Unterbringung oder Zwangsmedikation
sind in der Psychiatrie gesetzlich geregelt.
Im Alltag wird jedoch
häufig auch über kommunikative Mittel Druck auf Patient*innen ausgeübt,
um sie zu einer Behandlung oder Medikamenteneinnahme zu bewegen – etwa
wenn eine Psychiaterin einem Patienten droht, dass die Familie nicht
kommen darf, wenn er seine Medikamente nicht nimmt.
Wann solche
kommunikativen Mittel die Grenze zum informellen Zwang überschreiten,
hat ein Team um Christin Hempeler von der Ruhr-Universität Bochum
untersucht und dafür den Preis der Deutschen Gesellschaft für
Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde
(DGPPN) erhalten.
Die Forschung fand im Rahmen der von Dr. Jakov Gather geleiteten
Forschungsgruppe „SALUS“ statt.
Der DGPPN-Preis für Philosophie und
Ethik in Psychiatrie und Psychotherapie wurde am 1. Dezember 2023
verliehen. Die mit 6.000 Euro dotierte Auszeichnung wurde in diesem Jahr
geteilt. Beide prämierten Projekte wurden an der Ruhr-Universität
Bochum durchgeführt (siehe unten).
Interviews mit Betroffenen und neues Konzept
Während rechtlich geregelter, formeller Zwang in der Psychiatrie bereits
viel erforscht wurde, gibt es vergleichsweise wenige Arbeiten zu
informellem Zwang. Das Bochumer Team nahm sich dieses Themas an, weil es
in der klinischen Praxis eine große Rolle spielt.
Auch wenn
psychiatrische Fachkräfte im vermeintlichen Interesse der Patient*innen
handeln möchten, kann es passieren, dass sie in der Kommunikation
bewusst oder unbewusst Druck erzeugen, der einem Zwang gleichkommt.
Für eine Studie, die bei BMC Psychiatry erschienen ist (https://bmcpsychiatry.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12888-022-03810-9),
interviewte das Forschungsteam 14 Patientinnen und Patienten mit
psychischer Erkrankung, um zu erfahren, wie diese verbal ausgeübten
Druck erleben.
In der nun von der DGPPN ausgezeichneten Arbeit, die in
“The American Journal of Bioethics“ erschienen ist (https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/15265161.2023.2232754),
entwickelte das Team basierend auf empirischen Erkenntnissen ein
philosophisches Konzept, mit dem sich informeller Zwang beschreiben
lässt.
Denn sowohl in der eigenen als auch in weiteren empirischen
Arbeiten zeigte sich:
Der Kontext kommunikativer Interaktionen
beeinflusst, ob Zwang stattfindet. Das konnte in der bisherigen
Konzeption informellen Zwangs nicht abgebildet werden. Bislang wurden
nur Drohungen als Zwang erachtet, nicht jedoch andere kommunikative
Mittel.
Auf den Kontext kommt es an
„Wenn ich einem Patienten sage, dass er seine Familie nicht sehen darf,
wenn er seine Medikamente nicht nimmt, ist das eine Drohung“, sagt
Christin Hempeler vom Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der
Medizin.
Als Bewertung legt sie dabei zugrunde, dass der Patient durch
die Verweigerung der Medikamente schlechter gestellt wird, als es ihm
zusteht – denn er hat ein Recht darauf, seine Angehörigen zu treffen.
Schwieriger wird es, wenn augenscheinlich ein Angebot vorliegt, etwa
wenn die Fachkraft dem Patienten ein Päckchen Zigaretten anbietet, wenn
er die Medikamente nimmt.
„Wenn der Patient darauf verzichtet und nur
der Bonus entfällt, dann ist es ein Angebot. Aber um zu beurteilen, ob
es sich um Zwang handelt, reicht es nicht, nur das Gesagte zu
betrachten“, erklärt Christin Hempeler.
„Man muss auch beachten, was die
Patient*innen glauben, was mit ihnen passieren wird, wenn Sie das
Angebot ablehnen, und in welchem Kontext die Interaktion stattfindet.“
Beispielsweise spielt die Umgebung eine Rolle:
Wenn ein Fixierbett im
Raum steht, könnte der Patient berechtigterweise vermuten, dass er
fixiert und zwangsmediziert wird, wenn er die Medikamente im Rahmen
eines solchen Angebots verweigert, weil er dieses Vorgehen zuvor bei
anderen Patient*innen beobachtet hat. Unter bestimmten Umständen können
so auch Angebote Zwang ausüben.
„Uns ist bewusst, dass es ein schmaler Grat ist zu entscheiden, ob ein
Patient berechtigterweise glauben könnte, dass ihm negative Konsequenzen
drohen, wenn er eine Behandlung nicht möchte“, sagt Christin Hempeler.
„Wir wollen unsere Arbeit nicht als Generalvorwurf gegen psychiatrische
Fachkräfte verstanden wissen. Uns geht es darum, Verbesserungspotenziale
aufzuzeigen und für das Thema zu sensibilisieren.“
Handlungsempfehlungen
Eine Lösung wäre laut den Forschenden beispielsweise, im Gespräch
aufzuzeigen, dass es keine negativen Konsequenzen gibt, wenn ein Patient
eine Maßnahme verweigert. „Man kann zum Beispiel eine Belohnung für die
Medikamenteneinnahme anbieten und zugleich klarmachen, dass nichts
passieren wird, wenn das Angebot nicht angenommen wird“, so Hempeler.
Die Arbeiten waren eingebettet in das Forschungsprojekt „SALUS“, welches
das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert.
Es untersucht
das Spannungsfeld zwischen Selbstbestimmung, gesundheitlichem Wohl und
Sicherheit, das in der Psychiatrie häufig besteht.
In einem nächsten
Schritt möchte das Team Handlungsempfehlungen für psychiatrische
Fachkräfte entwickeln, die informellen Zwang reduzieren sollen.
Die Bochumer Preisträgerinnen und Preisträger
Die ausgezeichnete Arbeit zu informellem Zwang haben Christin Hempeler,
Dr. Esther Braun, Dr. Sarah Potthoff, Dr. Jakov Gather und Dr. Matthé
Scholten vom Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin
sowie der LWL-Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und
Präventivmedizin der Ruhr-Universität im Juli 2023 im American Journal
of Bioethics veröffentlicht (https://jme.bmj.com/content/early/2023/10/16/jme-2023-108984).
Die zweite Hälfte des Preises ging an Dr. Mirjam Faissner und Dr.
Esther Braun für eine Arbeit, die im Oktober 2023 im Journal of Medical
Ethics erschienen ist. Sie ist ebenfalls aus einer Kooperation der
LWL-Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin und dem
Bochumer Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin
entstanden.
Der Leiter des Instituts, Prof. Dr. Jochen Vollmann, hat
dort den Schwerpunkt Ethik in der Psychiatrie etabliert.
Christin Hempeler vom Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin RUB, Kramer
Medizin am Abend Berlin DirektKontakt
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idw - Informationsdienst Wissenschaft e. V.
Christin Hempeler
Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin
Ruhr Universität Bochum
Tel.: +49 234 32 28582
E-Mail: christin.hempeler@ruhr-uni-bochum.de
Dr. Julia Weiler Ruhr-Universität Bochum
Universitätsstr. 150
44780 Bochum
Postfach 10 21 48
44780 Bochum
Deutschland
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E-Mail-Adresse:
jens.wylkop@uv.ruhr-uni-bochum.de
Originalpublikation:
Christin Hempeler, Esther Braun,
Sarah Potthoff, Jakov Gather, Matthé Scholten: When Treatment Pressures
Become Coercive: A Context-Sensitive Model of Informal Coercion in
Mental Healthcare, in: The Americal Journal of Bioethics, 2023, DOI:
10.1080/15265161.2023.2232754
Sarah Potthoff et al.: “Voluntary in Quotation Marks”: A Conceptual
Model of Psychological Pressure in Mental Healthcare Based on a Grounded
Theory Analysis of Interviews With Service Users, in: BMC Psychiatry,
2022, DOI: 10.1186/s12888-022-03810-9
Mirjam Faissner, Esther Braun: The Ethics of Coercion in Mental
Healthcare: The Role of Structural Racism, in: Journal of Medical
Ethics, 2023, DOI: 10.1136/jme-2023-108984
Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte und Interessierte
https://bochum-salus-project.com/language/de/ SALUS-Projekt