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Tiefen Hirnstimulation bei Parkinson und die Schwimmfähigkeit

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Das Zittern gestoppt, aber vergessen, wie man schwimmt

Tiefe Hirnstimulation bringt vielen Patienten mit Parkinson verlorene Bewegungskontrolle und damit Lebensqualität zurück. 

Bei wenigen Patientinnen und Patienten löscht sie aber die Fähigkeit zu schwimmen aus dem Bewegungsgedächtnis, wie Neurologen am Universitätsspital Zürich jetzt herausfanden. 
 
Zitternde Hände und ein unsicherer Gang sind typische Begleiterscheinungen der Parkinson-Krankheit – und beeinträchtigen die Lebensqualität der Betroffenen stark.

Tiefe Hirnstimulation kann das Zittern stoppen.

Dafür werden in einem bestimmten Hirnareal Elektroden platziert; ein ebenfalls implantierter Neurostimulator gibt über die Elektroden dann Impulse in das Hirnareal ab, wo das Zittern ausgelöst wird – und bringt es zum Stillstand.

Neurologen am Universitätsspital Zürich haben nun herausgefunden, dass die Tiefe Hirnstimulation bei einzelnen Patienten dazu führt, dass sich ihre Motorik insgesamt zwar verbessert, sie aber die Fähigkeit zu Schwimmen geradezu vergessen.

Die Ursache für diesen Effekt ist noch nicht abschliessend geklärt.

«Wir vermuten, dass die Synchronisierung der Nerven, die das Zittern stoppt, auch komplexe Bewegungsabläufe beeinflusst», fasst Christian Baumann, Neurologe und Parkinson-Spezialist den gegenwärtigen Stand des Wissens zusammen. «Zu diesen meist vor langer Zeit erlernten Bewegungsabläufen gehört Schwimmen, aber auch Skifahren.»

Stoppt die Stimulation, ist das Schwimmen wieder da

Einige Patienten – leidenschaftliche Schwimmerinnen und Schwimmer – die nicht mehr oder viel schlechter schwimmen konnten, schalteten den Neurostimulator aus. «Ihre Schwimmfähigkeit war fast sofort wiederhergestellt, als die Stimulation gestoppt wurde. Sie entschlossen sich aber, sie wieder zu aktivieren und auf das Schwimmern zu verzichten, weil die Vorteile für sie letztlich überwiegen.» Dank dieser Patienten ist den Forschern nun bekannt, dass der Ausfall rückgängig gemacht werden kann. Ob dies bei allen Patienten so wäre, ist aber noch nicht erwiesen.

Die Vorteile überwiegen

Christian Baumann rät nicht von der Tiefen Hirnstimulation bei Parkinson ab: «Wichtig ist, dass die Patientinnen und Patienten Bescheid wissen, bevor sie sich zu diesem Eingriff entscheiden. Und Parkinsonpatientinnen und -patienten mit einem Neurostimulator sollten nicht unbegleitet ins Wasser gehen, bis feststeht, dass ihre Schwimmfähigkeit nicht gelitten hat.» Sobald der Verdacht aufkam, dass die Tiefe Hirnstimulation die Schwimmfähigkeit einschränken kann oder gar zum Verschwinden bringt, wurden deshalb auch alle Patientinnen und Patienten mit bestehenden Neurostimulatoren informiert.
Originalpublikation:
Daniel Waldvogel et al., Beware of deep water after subthalamic deep brain stimulation. Neurology. 2020;94:1-3. doi:10.1212/WNL.0000000000008664

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Der Nikolaus 2019 kommt zu den Handy-Eltern....Mom- oder Dad-Shaming

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Wenn Eltern zu lange am Handy sind - Studie zeigt: Dauer der Smartphone-Nutzung beeinträchtigt Feinfühligkeit

Tobende Kinder auf der einen Seite, Erwachsene im Bann ihres Smartphones auf der anderen: 

ein mittlerweile alltägliches Bild auf deutschen Spielplätzen. 

Der Griff zum Handy kann jedoch negative Folgen für die Eltern-Kind-Interaktion haben. 

Wie eine jetzt veröffentlichte Studie des Leibniz-Instituts für Wissensmedien (IWM) zeigt, kommt es dabei auf die Dauer der Nutzung an: Wenn Eltern zu lange am Handy sind, leidet ihre Feinfühligkeit. 

  • Doch wer das Smartphone ganz weglegt, verliert möglicherweise einen wichtigen Anti-Stressfaktor. 
 Was passiert, wenn Mütter daddeln?
Was passiert, wenn Mütter daddeln?
 
Eltern gehören zu den intensivsten Smartphone-Nutzenden, behaupten Marktforschungsunter-nehmen.

Ob im Supermarkt, in der Bahn oder zu Hause – viele nehmen das Handy auch in Gegenwart ihrer Kinder zur Hand.

Als ganz unproblematisch gilt der Konsum nicht. 
  • Seit langem warnen Expertinnen und Experten vor den Auswirkungen der eingeschränkten Aufmerksamkeit. 
  • „Heute schon mit ihrem Kind gesprochen?“ fragten etwa im Jahr 2017 bundesweit Plakate provokativ und sollten damit Eltern zur Reflektion des eigenen Medienverhaltens animieren. 
  • Ob die Smartphone-Nutzung von Eltern allerdings tatsächlich mit reduzierter Aufmerksamkeit und Vernachlässigung einhergeht, war wissenschaftlich bisher kaum belegt. 
  • Die Ergebnisse einer Studie von Forscherinnen des Leibniz-Instituts für Wissensmedien (IWM) in Tübingen und der Universität Hohenheim sprechen nun für diesen Zusammenhang.

Wer länger am Handy ist, reagiert weniger sensibel

Für die Studie beobachtete das Forscherteam 89 Mütter mit ihren Kindern auf verschiedenen Spielplätzen. Dabei untersuchten die Wissenschaftlerinnen, wie oft und wie lange Mütter das Smartphone zur Hand nahmen und wie sie in dieser Zeit mit dem Kind interagierten. Hatte die Mutter ihre Tochter oder ihren Sohn im Blick oder bemerkte sie erst nach dem fünften Rufen, dass das Kind auf der Schaukel angestoßen werden möchte?


Das Ergebnis: Mütter, die ihr Smartphone für eine längere Zeit nutzten, verhielten sich weniger einfühlsam gegenüber ihrem Kind. Sie waren also weniger empfänglich für dessen Signale und reagierten auf Anfragen weniger angemessen. 

Während einer Beobachtungszeit von zehn Minuten griff fast die Hälfte der Mütter im Durchschnitt 80 Sekunden lang zum Handy. Werden Eltern also unsensibel, je mehr sie am Handy sind? Möglich. Eine Aussage über die langfristigen Auswirkungen der Nutzung trifft die Studie nicht. Studienleiterin und Kommunikationswissenschaftlerin Lara Wolfers erklärt: „Nach unseren Daten verschlechtert eine längere Nutzung die Interaktionen zwischen Mutter und Kind direkt in der Situation. Wie die Nutzung aber über die Situation hinaus wirkt, können wir mit dieser Studie nicht aussagen.“ Die Anzahl der Nutzungsepisoden, also wie oft die Mutter zum Handy griff, hatte keinen Einfluss auf die Feinfühligkeit. Ein schneller Blick auf das Handy scheint demnach unproblematisch.

Weniger Eltern-Bashing, mehr Reflektion

Kurz mal auf das Display geschaut und man gilt gleich als Monster, so etwa empfinden viele Eltern eine vermehrte Kritik an ihrer Nutzung des mobilen Begleiters. Mittlerweile wird sogar von Mom- oder Dad-Shaming gesprochen, dem öffentlichen Anprangern von elterlichem Verhalten. Zu Unrecht, wie Wolfers betont: „Die meisten Eltern benutzen das Smartphone in Gegenwart ihrer Kinder sehr reflektiert und konsumieren Inhalte, die wenig Konzentration benötigen.“ Kaum eine der beobachteten Mütter etwa spielte oder arbeitete, wie Befragungen zum Nutzerverhalten im Anschluss der Beobachtung zeigten. Wenn Mütter ihr Handy nutzten, dann um den Alltag zu organisieren, Fotos zu machen oder mit Freunden und Familie zu schreiben. Durch den Kontakt zu den Bekannten zeigten sich die Mütter der Studie sogar feinfühliger, als wenn das Smartphone für andere Tätigkeiten zur Hand genommen wurde. Das Smartphone bietet hier mitunter einen Zugang zu Unterstützung oder auch ein offenes Ohr.

Das Smartphone: Elterlicher Anti-Stressfaktor


„Die öffentliche Diskussion zu Eltern und ihrer Handynutzung ist oft sehr negativ und einseitig“, meint Wolfers. Im Rahmen ihrer Dissertation erforscht die Doktorandin derzeit am IWM, wie Eltern digitale Medien einsetzen – nämlich vor allem zum Stressmanagement: „Das Smartphone gibt Eltern Flexibilität und Autonomie zurück und bietet Kontakt zu Gleichaltrigen in einem sonst sehr isolierten Alltag.“ Das Elterndasein ist schön, kann aber auch stressig, langweilig und sehr einsam sein. Das Handy zu nutzen bedeutet, die Einkaufsliste auch unterwegs schreiben zu können, etwas von der Außenwelt mitzubekommen oder Ratschläge von anderen Müttern und Vätern zu erhalten. „Das lässt Eltern möglicherweise entspannen, was sich wiederum positiv auf den Umgang mit dem Kind und die Feinfühligkeit auswirken kann“, so die Wissenschaftlerin.  

„Eltern sollten daher lernen ihr Handy so einzusetzen, dass es den größtmöglichen Nutzen bringt aber die Interaktionen mit den Kindern möglichst wenig stört.“


Das Leibniz-Institut für Wissensmedien
Das Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen erforscht, wie digitale Technologien eingesetzt werden können, um Wissensprozesse zu verbessern. Die psychologische Grundlagen-forschung der rund 90 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist auf Praxisfelder wie Schule und Hochschule, auf Wissensarbeit mit digitalen Medien, wissensbezogene Internetnutzung und Wissensvermittlung in Museen ausgerichtet. Seit 2009 unterhält das IWM gemeinsam mit der Universität Tübingen Deutschlands ersten Leibniz-WissenschaftsCampus (WCT), zunächst zum Thema „Bildung in Informationsumwelten“, seit 2017 unter dem Titel „Kognitive Schnittstellen“.

Originalpublikation:
Wolfers, L., Kitzmann, S., Sauer, S. & Sommer, N. (2019). Phone use while parenting: An observational study to assess the association of maternal sensitivity and smartphone use in a playground setting. Computers in Human Behavior. Online verfügbar unter https://doi.org/10.1016/j.chb.2019.08.013

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Chronische Nierenkrankheit - durch den Hausarzt oder Allgemeinmedizinier....?

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Neue DEGAM-Leitlinie zur Versorgung von Patienten mit nicht-dialysepflichtiger Nierenerkrankung

Schätzungen zufolge sind 10% der Bevölkerung von einer chronischen Nierenkrankheit betroffen, aber bei vielen Menschen liegt nur eine leichtgradige, oft altersbedingte Nierenschwäche vor. 

Diese Menschen werden hausärztlich optimal versorgt, aber einige von ihnen müssen nephrologisch mitbetreut werden. 

Welche das sind, definiert die neue S3-Leitlinie, die die DEGAM zusammen mit der DGfN erarbeitet hat. Sie könne langfristig dazu beitragen kann, dass weniger Nierenkranke eine Nierenersatztherapie (Dialyse oder Transplantation) benötigen. 
 
Die Zahl der Patienten mit chronischer Nierenkrankheit wird auf 10% der Bevölkerung geschätzt.

Das wären in Deutschland 8 Mio. Nierenkranke. In dieser Zahl sind aber auch die Menschen enthalten, die eine leichtgradige, oft nur altersbedingte Reduktion der Nierenfunktion aufweisen, die in der Regel nicht schnell voranschreitet und daher auch keiner intensiven Therapie und fachärztlichen Versorgung bedarf. „Auf eine Nierenersatztherapie sind letztlich nur gut 1% der Betroffenen angewiesen. Derzeit werden ca. 80.000 Nierenkranke dialysiert, etwa 20.000 befinden sich in der Transplantationsnachsorge.

Ziel der Prävention muss also sein, die Patienten, bei denen die Erkrankung progredient verläuft, frühzeitig und effektiv zu behandeln und bei ihnen die Dialysepflichtigkeit zu verhindern oder möglichst lange hinauszuschieben.

Das bedarf einer klugen Patientenstratifizierung“, erklärt Professor Jan C. Galle, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN). „Hierfür sind die Haus- und Allgemeinmediziner die wichtigsten Weichensteller.“

Die meisten Patienten mit Nierenfunktionseinschränkung können vom Hausarzt optimal versorgt werden, das betonen auch die Nierenfachärzte (Nephrologen). Die neue S3-Leitlinie der DEGAM (Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin) mit dem Titel „Versorgung von Patienten mit nicht-dialysepflichtiger Nierenerkrankung in der Hausarztpraxis“ gibt dafür klare Handlungsempfehlungen. Im Fokus steht die Blutdruckeinstellung und evtl. Blutzuckereinstellung sowie eine Überprüfung und Anpassung der Medikamente und die regelmäßige Überwachung der Nierenfunktion, insbesondere bei Risikopatienten wie Patienten mit Diabetes mellitus oder Bluthochdruck. „Wichtig ist, dass potenziell nierenschädigende Medikamente bei diesen Patienten abgesetzt und die Patienten auch vom Arzt über nephrotoxische Nebenwirkungen von freiverkäuflichen Medikamenten aufgeklärt werden“, erklärt Prof. Dr. med. Jean-François Chenot, Sprecher der Sektion Qualitätsförderung der DEGAM. „Schmerzmittel wie NSAR werden im Fernsehen beworben, werden daher als ungefährlich wahrgenommen, und kaum ein Mensch weiß,
dass sie die Nieren schädigen können. Doch bei Patienten mit chronischer Nierenerkrankung kann eine längerfristige Einnahme dieser Medikamente sogar bis zur Dialysepflichtigkeit führen.“

Die neue DEGAM-Leitlinie empfiehlt jedoch die Überweisung zum Nephrologen, wenn
- Blut im Urin ist, das nicht durch eine urologische Erkrankung erklärbar ist,
- nennenswerte Mengen Eiweiß im Urin sind,
- der Blutdruck auch mit drei Medikamenten nicht zu kontrollieren ist,
- die Nierenfunktion rasch abnimmt,
- ein begründeter Verdacht auf eine spezifische Nierenerkrankung vorliegt (z.B. eine polyzystische Nierenerkrankung).

Wie Prof. Chenot weiter ausführt, sollte die Überweisung zum Nephrologen bei Vorliegen eines dieser Kriterien gerade bei jüngeren Menschen großzügig und schnell erfolgen.

Die Nephrologen begrüßen die Leitlinie, bei deren Erarbeitung sie eng eingebunden waren.

 „Wir glauben, es ist eine vernünftige Leitlinie mit Augenmaß. Risikopatienten werden frühzeitig als solche erkannt und der fachärztlichen Therapie zugeführt. Alle anderen erhalten eine optimale Versorgung bei ihrer Hausärztin oder ihrem Hausarzt“, so Prof. Dr. Sylvia Stracke, Nephrologin und eine der Autorinnen der Leitlinie. Die Idee zur Leitlinie entstand aus einer Kooperation der Allgemeinmedizin (Prof. Jean-Francois Chenot) und der Nephrologie (Prof. Dr. Sylvia Stracke) der Universitätsmedizin Greifswald. Ermöglicht wurde die Leitlinienerstellung durch Förderung der KfH-Stiftung Präventivmedizin und der Damp-Stiftung.

Besonders wichtig sei den Nephrologen die Kreatininbestimmung bei Risikopatienten gewesen, die die Leitlinie in regelmäßigen Abständen entsprechend individuell vereinbarter Monitoringintervalle empfiehlt.

„Sie machen das Netz engmaschig genug, um zu garantieren, dass kein Patient unerkannt und unbehandelt ein fortgeschrittenes Stadium der Nierenkrankheit erreicht. Wir glauben, dass die neue S3-Leitlinie so langfristig dazu beitragen kann, dass weniger Nierenpatienten eine Nierenersatztherapie (Dialyse oder Transplantation) benötigen“, so Prof. Stracke.

[1] S3-Leitlinie „Versorgung von Patienten mit nicht-dialysepflichtiger Niereninsuffizienz in der Hausarztpraxis“, abrufbar unter https://www.degam.de/degam-leitlinien-379.html

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Die Schmerzmittel: Lebensbedrohliche Nebenwirkungen - Atemstillstand

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Aktivierung von Opioid-Rezeptor aufgeklärt

Forscher der Universität Bonn haben zusammen mit Kollegen aus Shanghai, Brüssel, Kanada und den USA den Bindemechanismus eines wichtigen Schmerzrezeptors aufgeklärt. Die Ergebnisse erleichtern die Entwicklung neuer Wirkstoffe. 

Die heute gegen starke Schmerzen eingesetzten Opioide können abhängig machen und haben zum Teil lebensbedrohliche Nebenwirkungen. Die Ergebnisse erscheinen im renommierten Fachjournal „Science Advances“. 

Tobias Claff und Prof. Dr. Christa Müller von der Universität Bonn betrachten einen Glasträger, auf dem sich die Opioid-Rezeptor-Kristalle bilden.
 Tobias Claff und Prof. Dr. Christa Müller von der Universität Bonn betrachten einen Glasträger, auf dem sich die Opioid-Rezeptor-Kristalle bilden.
© Foto: Volker Lannert/Uni Bonn
 
Opioide zählen zu den wirksamsten heute verfügbaren Schmerzmitteln. Dazu gehören beispielsweise Morphium oder auch Oxycodon, das früher in den USA oft sehr leichtfertig verschrieben wurde. Mit gravierenden Konsequenzen: Hunderttausende von Patienten wurden abhängig; viele von ihnen landeten später bei Drogen wie Heroin oder Fentanyl.

Oxycodon bindet im Körper an so genannte Opioid-Rezeptoren. Davon gibt es drei verschiedene Typen – MOP, DOP und KOP. Die bislang verfügbaren Schmerzmittel aktivieren vor allem die M-Form (auch µ-Rezeptor genannt). Die Stimulierung von MOP kann aber nicht nur süchtig machen, sondern zusätzlich lebensgefährliche Nebenwirkungen haben.

  • Die wohl schwerwiegendste ist die Lähmung des Atemzentrums. Die häufigste Todesursache nach Heroin-Konsum ist denn auch Atemstillstand.

„Arzneistoffe, die selektiv an den DOP-Rezeptor binden, haben diese drastischen Nebenwirkungen vermutlich nicht“, hofft Prof. Dr. Christa Müller vom Pharmazeutischen Institut der Universität Bonn. Die Betonung liegt auf „selektiv“: Die Opioid-Rezeptoren sind einander so ähnlich, dass viele Wirkstoffe alle drei Formen aktivieren. Um Substanzen zu finden, die ganz spezifisch nur an den DOP-Rezeptor andocken, muss man daher exakt wissen, was bei der Bindung genau passiert.

Räumliche Struktur bis auf Atomebene sichtbar gemacht

Diese Frage kann die aktuelle Studie nun beantworten. „Wir haben den DOP-Rezeptor mit zwei verschiedenen Molekülen aktiviert, den Komplex aufgereinigt und dann seine Struktur mit Röntgenstrahlung aufgeklärt“, erklärt Tobias Claff, der den Hauptteil der Experimente durchgeführt hat. Dazu wird der Komplex aus Rezeptor und Wirkstoff in einen kristallinen Zustand überführt. Das Kristallgitter lenkt das Röntgenlicht auf charakteristische Weise ab. Aus der Intensitäts-Verteilung der gebeugten Strahlung lässt sich daher auf die räumliche Struktur des Komplexes schließen – und zwar bis hin zur Anordnung jeden einzelnen Atoms.

„Wir konnten so zeigen, welche Teile des Rezeptors für die Bindung der Wirkstoffe verantwortlich sind“, sagt Claff. „Mit diesem Wissen sollte es nun möglich sein, ganz gezielt neue Substanzen herzustellen, die ausschließlich DOP aktivieren.“ Das Interesse an solchen Pharmaka ist groß – auch deshalb, weil der DOP-Rezeptor anders als sein MOP-Pendant nicht vor allem gegen akute, sondern gegen chronische Schmerzen wirkt. Diese sind bislang nur sehr schwer zu therapieren.

Die Grafik zeigt die zwei beschriebenen Kristallstrukturen des Delta-Opioid-(DOP)-Rezeptors mit aktivierenden Molekülen (blau und orange). Morphin, ein starkes Schmerzmittel, ist in Gelb dargestellt.

Die Grafik zeigt die zwei beschriebenen Kristallstrukturen des Delta-Opioid-(DOP)-Rezeptors mit aktivierenden Molekülen (blau und orange). Morphin, ein starkes Schmerzmittel, ist in Gelb dargestellt.© Grafik: Katya Kadyshevskaya/University of Southern California

Die Röntgenkristallografie ist kein neues Verfahren. Die Struktur so genannter G-Protein-gekoppelter Rezeptoren (dazu gehören auch die Opioid-Rezeptoren) ließ sich so aber bis vor kurzem nicht aufklären. Diese Membranproteine sitzen in dem dünnen fettähnlichen Häutchen, das den Zellinhalt wie eine Art Beutel umschließt. Aufgrund ihrer Fettlöslichkeit müssen sie während der Kristallisation aufwändig stabilisiert werden. Ansonsten denaturieren sie und ändern dadurch ihre räumliche Struktur. „Es gibt weltweit nur wenige Laboratorien, die diese Probleme beherrschen“, betont Christa Müller.

An der Universität Bonn können angehende Pharmazeuten während ihres Masters oder Staatsexamens ins Ausland gehen. Das Institut verfügt dazu über ein breites Netz von Kooperationspartnern – eine Tatsache, die etwa auch im Studien-Ranking des CHE regelmäßig sehr positiv bewertet wird. Tobias Claff nutzte diese Möglichkeit: „Ich habe ein Jahr meines Masters an einem Institut der ShanghaiTech University verbracht“, erklärt er. „Dort hat man in den letzten Jahren die Kristallografie von Membranproteinen entscheidend vorangetrieben.“ In Shanghai erlernte Claff die aufwändige Methode – ein Know-how, von dem nun auch seine Heimatuni profitiert, an die er inzwischen zurückgekehrt ist.

Dass sich ein Master-Student ein solch schwieriges Problem vorknöpfe, komme nicht häufig vor, betont Prof. Müller. „Dieser Erfolg ist eine ganz außergewöhnliche Leistung“, sagt sie. „Er zeigt zudem auch, wie gut die Fachgruppe Pharmazie mit ihrem internationalen Austauschprogramm aufgestellt ist.“
Originalpublikation:
Tobias Claff, Jing Yu, Véronique Blais, Nilkanth Patel, Charlotte Martin, Lijie Wu, Gye Won Han, Brian J. Holleran, Olivier Van der Poorten, Michael A. Hanson, Philippe Sarret, Louis Gendron, Vadim Cherezov, Vsevolod Katritch, Steven Ballet, Zhi-Jie Liu, Christa E. Müller, Raymond C. Stevens: Elucidating the active delta-opioid receptor crystal structure with peptide and small molecule agonists. Science Advances, DOI: 10.1126/sciadv.aax9115

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Prof. Dr. Christa E. Müller
Pharmazeutisches Institut der Universität Bonn
Abteilung für Pharmazeutische und Medizinische Chemie
Tel. 0228/732301
E-Mail: christa.mueller@uni-bonn.de

Poppelsdorfer Allee 49
53115 Bonn
Deutschland
Nordrhein-Westfalen

Johannes Seiler
Telefon: 0228 / 73-4728
Fax: 0228 / 73-7451
E-Mail-Adresse: j.seiler@uni-bonn.de

 

CAVE-Untersucher: Zeig mir Deine zwei vorderen Schienbeine

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Pilzinfektionen, Juckreiz, Schienbein-Flecken – Hautprobleme können ein Diabetes-Warnzeichen sein

Bei mindestens jedem zweiten Diabetespatienten tritt eine Hauterkrankung auf. 

  • Hautprobleme können auf eine mangelhafte Therapie hinweisen, einen lebensbedrohlichen Notfall signalisieren oder auch vor einem unentdeckten Diabetes Typ 2 warnen. 

Auf welche Beschwerden besonders zu achten und was dann zu tun ist, erklären Experten der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). Bei anhaltendem Juckreiz und chronischen Pilzinfektionen sollte in jedem Fall ein Dermatologe aufgesucht werden. 
 
„Diabetes und Haut stehen in enger Wechselbeziehung“, sagt Professor Dr. med. Monika Kellerer, Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG).

  • „Zwischen 30 und 70 Prozent aller Diabetespatientinnen und -patienten weisen dermatologische Symptome und Erkrankungen auf.“ 
  • Experten gehen davon aus, dass mehr als 50 Hautkrankheiten in Verbindung mit der Stoffwechselerkrankung auftreten.

Warum sich die Erkrankungen gegenseitig beeinflussen, ist nicht restlos geklärt.

„Vermutlich begünstigen Entzündungsprozesse, Ablagerungen von zuckerhaltigen Substanzen in der Haut und die geschwächte Immunabwehr Pilz- und bakterielle Infektionen“, erläutert Professor Dr. med. Claudia Pföhler von der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie am Universitätsklinikum des Saarlandes.
  • Häufiges Warnzeichen: bräunliche Flecken am Schienbein
  • Zu den häufigsten Hauterscheinungen bei Menschen mit Diabetes gehören bräunliche, narbenähnliche, rundliche Flecken, die sich meist über dem vorderen Schienbein zeigen. 
Die diabetische Dermopathie, wie die Pigmentveränderungen in der Fachsprache heißen, findet sich bei bis zu 70 Prozent aller Diabetespatienten.

„Sie ist sehr oft das erste Anzeichen eines nicht erkannten Diabetes“, berichtet Pföhler. 

Wer solche Flecken an Schienbeinen, Unterarmen oder Füßen bemerkt, sollte beim Hausarzt oder Diabetologen seinen Nüchtern-Blutzucker überprüfen lassen. Die gute Nachricht: „Die Flecken verschwinden, sobald der Diabetes eingestellt ist“, versichert die Dermatologin.

Hartnäckige Pilzinfektionen als Hinweis auf Diabetes

  • Ein weiteres Warnzeichen für Diabetes sind stark ausgeprägte, hartnäckige Pilzinfektionen an Füßen, in den Leisten oder der Achselhöhle, unter der Brust, in der Scheide oder im Analbereich. 
  • „Chronische Pilzinfektionen mit ihrem quälenden Juckreiz gelten als Marker-Erkrankung für Diabetes mellitus“, sagt Pföhler. 

Candida albicans ist der häufigste Erreger. Auch hier gilt:

Unbedingt nüchtern den Blutzucker-Wert messen lassen. 

„Sobald der Blutzuckerwert normalisiert ist, können die Pilzinfektionen oft mit örtlichen Cremes und Zäpfchen erfolgreich behandelt werden“, berichtet die Hautexpertin.

Der Fuß als Eintrittspforte für gefährliche Erkrankungen

  • Beim Nagelpilz steht nicht der Juckreiz im Vordergrund, sondern verdickte Nagelplatten, Flecken, Brüchigkeit und Risse. 
Er ist für Diabetespatienten besonders gefährlich, weil die Nagelschäden als Eintrittspforte für Bakterien dienen, die beispielsweise ein diabetisches Fußsyndrom befördern können.

„Die Sanierung von Nagelpilz bei Diabetespatienten ist deshalb keine kosmetische Frage, sondern eine medizinische Notwendigkeit und gehört in die Hände von Fachkräften“, betont DDG-Expertin Dr. med. Cornelia Woitek, die eine diabetologische Schwerpunktpraxis in Wurzen bei Leipzig leitet. Ärzte können die professionelle Fußpflege beim Podologen auf Rezept verordnen.*

Bakterien, die über kleine Fußwunden in den Körper eintreten, können sogar eine schwerwiegende Wundinfektion auslösen – ein sogenanntes Erysipel, ebenfalls bekannt unter dem Namen Wundrose. „ 

Ein Erysipel macht sich an der Haut als flammende Rötung bemerkbar, die sich rasch ausbreitet, bevorzugt an den Unterschenkeln oder im Gesicht“, erklärt Professor Dr. med. Baptist Gallwitz, Mediensprecher der DDG.

  • Die Betroffenen entwickeln meist gleichzeitig hohes Fieber und Schüttelfrost; hier liegt ein Notfall vor. 

„Es droht die Gefahr einer Blutvergiftung, weshalb man sich sofort ins Krankenhaus begeben sollte“, betont der Diabetologe vom Universitätsklinikum Tübingen. Denn mitunter handelt es sich bei den Erregern nicht nur um Streptokokken, sondern auch um Staphylokokken, die gegen verschiedene Antibiotika resistent sein können.

„Ob Blasen, Druckstellen oder Hühneraugen – Diabetespatienten müssen auf jede Hautveränderung am Fuß achten“, resümiert Gallwitz.

Unstillbarer Juckreiz – ein Alarmzeichen für Nierenschäden

Im Laufe ihrer Erkrankung leiden viele Diabetespatienten unter Hauttrockenheit. Sie löst vermutlich Pruritus aus, einen starken Juckreiz. 

„Die Patienten kratzen sich an Körperstellen, die sie gut erreichen – an oberen Schultern, Armen, Unterschenkeln“, berichtet Woitek. Die Haut weist zudem feine Einrisse, eine leichte Schuppung und Rötung auf.

Lässt das Jucken durch klassische Therapien wie Kortisonsalbe oder Antihistaminika nicht nach, sollte der Arzt hellhörig werden.

CAVE-Untersucher: „Unstillbarer Juckreiz, der auf keine Therapie anspricht, ist bei Diabetespatienten ein Hinweis auf eine Nierenfunktionsstörung“, betont Woitek.

CAVE-Untersucher: „Manchmal hilft eine Lichttherapie gegen die Hautprobleme“, ergänzt Pföhler. In jedem Fall sollte ein Dermatologe hinzugezogen werden. Für die Nierenschädigung ist der Nephrologe zuständig.

Richtige Hautpflege beugt vor

Diabetespatienten können selbst etwas für ihre Hautgesundheit tun.

„Die tägliche Hautpflege ist essentiell“, so Woitek. Besonders eignen sich hierfür feuchtigkeitsspendende Pflegeprodukte mit den Inhaltsstoffen Glyzerin, Panthenol, Hamamelis, Aloe Vera, Vitamin E und Harnstoff.

„In der kalten Jahreszeit sollten Menschen mit Diabetes außerdem nicht zu heiß und zu lange baden und sich gut abzutrocknen, um nasse Hautstellen zu vermeiden“, rät die Diabetologin.
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*Die DDG bietet für staatlich geprüfte medizinische Fußpflegerinnen und -pfleger eine entsprechende Weiterbildung mit dem Zertifikat „Podolog/in DDG“ an:

https://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/weiterbildung/podologin-ddg.html

Literatur:

Konstantinow, A. Verkannte Dermatosen. Perspektiven der Diabetologie 2/2016, Deutsches Ärzteblatt. https://cdn.aerzteblatt.de/pdf/113/43/p16.pdf?ts=24%2E10%2E2016+13%3A54%3A02

Jecht, M. Hautveränderungen bei Diabetes mellitus. Diabetologe 2009 · 5:43–56
DOI 10.1007/s11428-008-0351-3. Online publiziert: 16. Januar 2009

Vorträge auf der DDG Herbsttagung:
- Blickdiagnostik in der Praxis (Cornelia Woitek)
- Dermatosen bei Diabetes mellitus aus klinischer Sicht (Uwe Wollina)
https://www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/mediathek.html
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Über die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG):
Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) ist mit mehr als 9.000 Mitgliedern eine der großen medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland. Sie unterstützt Wissenschaft und Forschung, engagiert sich in Fort- und Weiterbildung, zertifiziert Behandlungseinrichtungen und entwickelt Leitlinien. Ziel ist eine wirksamere Prävention und Behandlung der Volkskrankheit Diabetes, von der fast sieben Millionen Menschen in Deutschland betroffen sind. Zu diesem Zweck unternimmt sie auch umfangreiche gesundheitspolitische Aktivitäten.


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DDG
Christina Seddig/Kerstin Ullrich
Postfach 30 11 20, 70451 Stuttgart
Tel.: 0711 8931-652, Fax: 0711 8931-167
seddig@medizinkommunikation.org

Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG)
Geschäftsstelle
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Albrechtstraße 9, 10117 Berlin
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