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Prof. Claudius Gros: Der Schmeterlingseffekt - soziales Gehirn im Neuen (Er-) Lebnisjahr

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Warum hat uns die Evolution mit Gefühlen ausgestattet?

Gefühle spielen in unserem Leben eine große Rolle. 

Doch warum gibt es sie?

Sind Emotionen eine Laune der Natur, oder war ihre Entstehung aus evolutionärer Sicht unausweichlich? 

Prof. Claudius Gros vom Institut für Theoretische Physik der Goethe-Universität gibt in einer neuen Studie eine eindeutige Antwort.

Von ihrer Funktion her sind Emotionen abstrakte Kriterien, mit deren Hilfe selbst unterschiedliche Tätigkeiten vergleichend bewertet, und damit Ziele und Aufgaben effizient ausgewählt werden können – so das Ergebnis der Studie von Prof. Claudius Gros, die seit heute online zu lesen ist.

  • Evolutionär ist alles vorteilhaft, was die Anzahl an Nachkommen erhöht. 
  • Wenn Verhaltensweisen nicht direkt genetisch gesteuert werden, also nicht durch Instinkte, muss ein Lebewesen in der Lage sein, die Folgen seines Handelns zu berechnen, bzw. zu prognostizieren. 

Die Realität ist jedoch komplex und damit chaotisch („Schmetterlingseffekt“). 

  • Daher können Auswirkungen prinzipiell nur begrenzt berechnet werden, was im Fall sozial organisierter Lebewesen nochmals schwieriger ist: 
  • In einer Gemeinschaft muss das Individuum zusätzlich die Absichten der Anderen ausfindig machen. 

In diesem Zusammenhang wurde die „Theorie des sozialen Gehirns“ formuliert, der zufolge sich das das menschliche Gehirn vor allem deshalb so rasch entwickelt hat, weil es vor der Aufgabe stand, die Komplexität des sozialen Kontexts zu bewältigen.

Kognitive Fähigkeiten, also Intelligenz, erweitern die Palette der Handlungsoptionen. 

Vom maschinellen Lernen wissen wir, dass die rechnerischen Anforderungen mit der Komplexität der Problemstellung überaus schnell ansteigen.  

Um Entscheidungen zu treffen, benötigen Lebewesen mit komplexen Handlungsoptionen daher einen Mechanismus, der die rechnerischen, d.h. die kognitiven Anforderungen deutlich reduziert. 

Das ist es, was Emotionen ermöglichen.

Sehr unterschiedliche Tätigkeiten können ein und dasselbe Gefühl auslösen – zum Beispiel Langeweile, Aufregung, Befriedigung. 

So kann es genauso befriedigend sein, mit Freunden zu Essen, wie Geige zu spielen oder durch den Ärmelkanal zu schwimmen. Nach materiellen Kriterien ließen sich diese Tätigkeiten kaum auf einen Nenner bringen, etwa danach, wie viel Geld dabei herauskommt. Funktional entsprechen Emotionen folglich abstrakten Bewertungskriterien, auch wenn sie als Empfindungen höchst real sein können. 

Individuen, die über emotionale Entscheidungsmechanismen verfügen, versuchen ihre Tätigkeiten so auszuwählen, dass diese im Mittel mit ihrem „Charakter“ im Einklang sind.  

Dabei ist der Charakter mathematisch als eine Menge von Präferenzen definiert: 

Wie häufig strebt jemand – relativ gesehen – eher bequeme, spannende oder produktive Tätigkeiten an?

Uns ist in der Regel nicht bewusst, wie viele biochemische Prozesse beständig in unserem Gehirn ablaufen. 

Die biologischen Grundlagen von Emotionen (die ‚neuronalen Korrelate‘) können wir dagegen in der Form von Gefühlen wahrnehmen. 

Interessanterweise sind die dafür notwendigen neurobiologischen Strukturen phylogenetisch jung, d.h. erst bei höheren Affen voll ausgebildet. 

  • Diese Strukturen erlauben es, Emotionen ihrerseits kognitiv zu regulieren, und somit den kognitiv-emotionalen Regelkreis zu schließen. 
  • Im umgekehrten Fall, also wenn uns die Evolution keine Gefühle mitgegeben hätte, könnten wir unsere Emotionen, also die entsprechenden Gehirnprozesse, nicht regulieren. 

Das würde der wissenschaftlichen Definition von „Zombies“ durch die beiden Neurowissenschaftler Christof Koch and Francis Crick entsprechen. 

Diese kann man als denkfähigen Wesen ansehen, die Triebe haben, diese aber nicht kontrollieren können, da sie sich ihrer nicht bewusst sind.

Ein emotionales Kontrollsystem ist nicht nur für Menschen und hochentwickelte nicht-menschliche Tiere von essentieller Bedeutung, sondern auch für potentielle künstliche Intelligenzen. 

Synthetische und biologische Emotionen müssen funktional äquivalente Rollen erfüllen, wogegen sie sich hinsichtlich der spezifischen Ausprägungen unterscheiden können. 

Roboter-Emotionen werden sich nicht – wie in vielen Filmen dargestellt – sekundär entwickeln. 

Synthetische Emotionen sind vielmehr eine unabdingbare Voraussetzung für eigenständig agierende universelle Intelligenzen, sofern es diese jemals geben sollte.

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Prof. Dr. Claudius Gros

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Warum körperliche Nähe, also Knuddeln und Umarmen, ein wichtiger Baustein für das heutige Geburtstagskind ist....

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Körperliche Nähe als wichtiger Grundbaustein zwischenmenschlicher Beziehungen

Am 21. Januar 2022 wurde bereits zum 36. mal der Weltknuddeltag begangen. 

Ursprünglich wurde er von zwei Amerikanern ausgerufen und beginnt nun – neben einer Vielzahl weiterer Länder – seine Tradition in Deutschland zu entwickeln. 

Dabei wurde das Datum für den Weltknuddeltag nicht zufällig ausgewählt: 

Denn dieses Datum liegt zwischen dem Weihnachtsfest sowie dem Valentinstag. 

Beides Tage, die mit Liebe verbunden werden. 

Warum körperliche Nähe, also Knuddeln und Umarmen, ein wichtiger Baustein für unsere Gesellschaft ist, erklärt die Soziologin Dr. Romy Simon, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Mikrosoziologie (Institut für Soziologie).

Mit dem Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 hat sich das gesamtgesellschaftliche Leben grundlegend verändert. 

Zwei wichtige Verhaltensregeln sind dabei die Einhaltung der Abstandsregeln untereinander sowie die Beschränkung der Kontakte geworden. 

  • Zwischenmenschliche Berührungen gelten plötzlich als Gefährdung für die eigene Gesundheit und die Gesundheit der anderen. 

Damit haben sich auch die bis dato ganz selbstverständlich ausgeübten vertraulichen Begrüßungsroutinen, wie die Begrüßung per Handschlag, das Küsschen auf die Wange oder das Umarmen verändert. 

  • Die Begrüßungsrituale dienen als wichtiger Bestandteil der sozialen Beziehungen, mit denen das Gegenüber durch die unmittelbaren Sinne greifbarer gemacht werden kann. 

In kreativer Weise haben die Menschen durch die Verwendung des bis vor zwei Jahren noch unbekannten Ellenbogen- oder Fußgrußes einen Weg gefunden, sich dennoch durch spürbare Berührungen zu begrüßen bzw. verabschieden zu können. 

Wie lange sich dieses entworfene Notkonstrukt halten wird, wird die Zukunft zeigen.

Dabei sind jedoch Berührungen für das körperliche und seelische Gleichgewicht von hoher Bedeutung.  

  • Durch diese kommt es zur Ausschüttung des Hormons Oxytocin, dem sogenannten Bindungshormon, welches für das körperliche Wohlbefinden sorgt und Vertrauen sowie Empathie zwischen den Menschen fördert. 
  • Aus soziologischer Perspektive liegt die Bedeutung der zwischenmenschlichen Berührungen darin, dass diese zwischen den Individuen Beziehungen stiften, festigen, aufrechterhalten, schwächen oder gar beenden können. 
  • So können Zuneigung, Freundschaft, Freude, Anerkennung, aber auch Angst und Trost signalisiert werden. 

Unterschieden werden kann zwischen dem Berühren, d.h. der haptischen Wahrnehmung, sowie dem Berührtwerden, also dem passiven Tasten. 

  • Zwischen den Individuen entsteht hierbei eine nonverbale Interaktion, in welcher sie wechselseitig aufeinander wirken. 

Unsere Gesellschaft entsteht somit auch durch den unmittelbaren Körperkontakt ihrer Mitglieder. 

Fehlen diese konkreten Berührungen, so kann sich dies auf die empfundene Lebenszufriedenheit auswirken. 

Dies zeigt sich insbesondere bei alleinlebenden Personen.

Je nach Kultur und Sozialisierung gibt es unterschiedliche Grenzen und Toleranzen für Berührungen. 

So gibt es Kulturbereiche, in denen auf Berührungen weitestgehend verzichtet wird, aber auch Kulturen, in denen diese wichtige Bestandteile des alltäglichen Lebens sind. 

Zudem lassen sich Variationen zwischen Alter, Geschlecht, Lebensstil und anderen sozial wichtigen Merkmalen festhalten.

Weiterhin ist unsere Gesellschaft durch die zunehmende Digitalisierung der verschiedenen Lebensbereiche geprägt – sei es im familiären, freundschaftlichen oder beruflichen Umfeld. 

Insbesondere die Messenger-Dienste sowie sozialen Kommunikationsplattformen erfreuen sich großer Beliebtheit. 

Interessanterweise lassen sich bei diesen Emoticons wiederfinden, die körperliche Nähe ausdrücken, wie der Handschlag, die Darstellung zwei sich küssender bzw. an den Händen haltender Personen. 

  • Dennoch sind die in persönlichen Interaktionen vorhandenen Körperlich- und auch Sinnlichkeiten nicht ersetzbar und bedingen der Notwendigkeit physischer Präsenz, mit welcher körperliche Berührungen erst ermöglicht werden. 

Und so bleibt zu hoffen, dass vielleicht der oder die Eine am Weltknuddeltag oder an dem heutigen Geburtstag eine zusätzliche Möglichkeit fand, Nähe durch Umarmungen herzustellen.

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Claudia Kallmeier 

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PD Dr. Dhayana Dallmeier: Behandlung der arteriellen Hypertonie im Alter

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Blutdruck im Alter: Je höher – desto besser? 

Höhere Zielwerte bei gebrechlichen Personen können vorteilhaft sein

Forschende der Universität Ulm und der Agaplesion Bethesda Klinik Ulm kommen in einer neuen Studie zu dem Schluss, dass das Sterberisiko von älteren Personen mit Bluthochdruck stark von dem Faktor „Gebrechlichkeit“ abhängt. 

Bei stark gebrechlichen Personen könnte ein höherer Blutdruck sogar von Vorteil sein.

In einer neuen Studienarbeit haben Forschende der Universität Ulm und der Agaplesion Bethesda Klinik Ulm die Sterblichkeit von älteren Personen im Zusammenhang mit dem systolischen Blutdruck und dem Faktor „Gebrechlichkeit“ untersucht. 

Das Ergebnis: 

Das durch einen höheren systolischen Blutdruck bedingte Sterberisiko im Alter unterscheidet sich stark je nach der individuellen Fitness der Personen. 

Erschienen ist die Untersuchung in „Hypertension“, einem kardiovaskulären Fachjournal, das von der American Heart Association herausgegeben wird.

  • Mit zunehmendem Lebensalter nimmt das Risiko für Bluthochdruck (Hypertonie) zu, da unter anderem die Gefäße an Elastizität verlieren. 

Mit dem Blutdruck steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Schlaganfall oder Herzinfarkt. 

Deshalb zählt Hypertonie zu den großen vier Risikofaktoren. 

Rund dreiviertel aller 75-Jährigen leiden an Bluthochdruck. 

Deshalb gilt die Empfehlung, den systolischen Blutdruck meist medikamentös auf unter 140 mmHg zu senken. 

  • Jedoch kann eine starke Absenkung des Blutdrucks im Alter mit negativen Ereignissen wie Stürzen zusammenhängen. 

Dies ist auf die zunehmende autonome Dysregulation zurückzuführen. 

Das heißt, dass das körpereigene Kontrollsystem aus dem Gleichgewicht geraten ist. 

  • Dies kann im Zusammenspiel mit Störungen der venösen Durchblutung zu einem langanhaltenden Blutdruckabfall nach dem Aufstehen führen. 
  • Gleichzeitig gibt es Hinweise auf eine Verschlechterung der kognitiven Fähigkeiten, wenn der systolische Blutdruck bei Älteren deutlich unter 130 mmHg gesenkt wird. 
  • Auch andere Nebenwirkungen von blutdrucksenkenden Medikamenten wie Reizhusten, Allergien und Verdauungsprobleme sind bekannt.


„Heutzutage wird der Nutzen der intensiven Behandlung der arteriellen Hypertonie, also des Bluthochdrucks im höheren Alter, kontrovers diskutiert. 

Noch existieren keine einheitlichen Empfehlungen in den vorhandenen Leitlinien. Mit unserer Untersuchung wollen wir einen Beitrag leisten und die Datenlage verbessern“, erklärt PD Dr. Dhayana Dallmeier, Leiterin der Forschungsabteilung an der Agaplesion Bethesda Klinik Ulm. Aus diesem Grund haben Dallmeier und das Team rund um Erstautor Kaj-Marko Kremer die Sterblichkeit von Älteren in Bezug mit dem Blutdruck und der Gebrechlichkeit gesetzt. In der Untersuchung griffen die Forschenden auf die Daten von über 1100 Teilnehmenden (mittleres Alter 73,9 Jahre, 41,6 Prozent Frauen) der ActiFE-Studie Ulm zurück, die vor allem die körperliche Aktivität bei Personen über 65 Jahren erfasst. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten feststellen, dass die Gebrechlichkeit das Sterberisiko stark beeinflusst. So lag bei „fitteren“ Personen das geringste Sterberisiko bei einem systolischen Blutdruck von 130 mmHg, wie auch in den aktuellen Leitlinien angegeben. Weiterhin zeigte die Untersuchung, dass bei stark gebrechlichen Älteren das Sterberisiko mit einem höheren Blutdruck tendenziell sogar sank. Das geringste Risiko verzeichneten gebrechlichen Personen mit einem Blutdruck von 160 mmHg oder höher. 

„Wie wir beobachten können, verläuft das Altern von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. 

Neben den fitten und sportlich aktiven Über-80-Jährigen gibt es gebrechliche und wenig belastbare 70-Jährige. 

Unsere Untersuchung bestätigt, wie wichtig dieser Umstand im Alter, beispielsweise in Bezug auf die Anwendung differenzierter Behandlungsansätzen, sein kann“, so Erstautor Kaj-Marko Kremer. 

Die Autorinnen und Autoren der Studienarbeit raten dazu, die körperliche und kognitive Fitness im Alter bei der patientenspezifischen Behandlung der arteriellen Hypertonie zu beachten und bei der Erarbeitung von neuen Richtlinien einfließen zu lassen.

Für ihre Untersuchung griffen die Forschenden auf Daten der ActiFE-Studie (Activity and Function in the Elderly in Ulm) zurück, die an der Agaplesion Bethesda Klinik Ulm in Zusammenarbeit mit dem Institut für Epidemiologie und Medizinische Biometrie an der Universität Ulm seit 2009 durchgeführt wird. Diese Studie wurde teilweise mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert.

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PD Dr. Dhayana Dallmeier Ph.D., Leiterin der Forschungsabteilung, Agaplesion Bethesda Klinik Ulm, Tel.: 0731/1897190, dhayana.dallmeier@agaplesion.de

Daniela Stang Universität Ulm

Helmholtzstraße 16
89081 Ulm
Deutschland
Baden-Württemberg

Telefon: 0731-50-22024
E-Mail-Adresse: daniela.stang@uni-ulm.de
Originalpublikation:

Systolic Blood Pressure and Mortality in Community-Dwelling Older Adults: Frailty as an Effect Modifier; Kaj-Marko Kremer, Ulrike Braisch, Dietrich Rothenbacher, Michael Denkinger, Dhayana Dallmeier and for the ActiFE Study Group; Hypertension. 2022;79:24–32
https://doi.org/10.1161/HYPERTENSIONAHA.121.17530


Dr. Mercedes Alfonso-Prieto: Oxytocin ist als „Kuschel- und Bindungshormon https://kinderarztpraxis-st-hedwig.de/

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: Oxytocin und Autismus: 

Studie zu Rezeptorvariante liefert neue Einblicke in zelluläre Prozesse

Oxytocin ist als „Kuschel- und Bindungshormon“ bekannt. 

Die Reaktionen werden durch die Bindung des Hormons an den Oxytocin-Rezeptor im Gehirn hervorgerufen. 

Forschende der Universität Regensburg und des Forschungszentrums Jülich haben nun mithilfe von Experimenten mit Zellkulturen und Computersimulationen gezeigt, wie sich genetische Varianten des Rezeptors auf die durch das Hormon ausgelöste Signalkaskade auswirken. 

  • Die Erkenntnisse helfen zu verstehen, warum Nasensprays mit Oxytocin nicht in allen Fällen in der Behandlung von Menschen mit Autismus hilfreich sind. 

Und sie zeigen alternative Strategien auf, die langfristig zu neuen Therapien führen können. 

Struktur des Oxytocinrezeptors (links) und der mutierten Rezeptorvariante A218T (rechts) im Vergleich Struktur des Oxytocinrezeptors (links) und der mutierten Rezeptorvariante A218T (rechts) im Vergleich Mercedes Alfonso-Prieto Forschungszentrum Jülich / Mercedes Alfonso-Prieto 

  • Veränderungen im fein abgestimmten Zusammenspiel von Oxytocin und seinem Rezeptor können psychosoziale Störungen auslösen. 

Davon geht die Forschung schon lange aus. 

Tatsächlich wurden bereits genetische Varianten des Oxytocin-Rezeptors mit Autismus-Spektrum-Störungen in Verbindung gebracht. 

Die zugrundeliegenden kausalen Mechanismen sind bislang noch ungeklärt. Vieles deutet darauf hin, dass es nicht nur einen einzigen Auslöser gibt.

Entsprechend wurde beobachtet, dass die simple Gabe von Nasenspray mit Oxytocin nicht in allen, sondern nur in bestimmten Fällen dazu beiträgt, die soziale Interaktion bei Kindern und Jugendlichen mit einer Autismus-Spektrum-Störung zu verbessern. 

Studien zur therapeutischen Wirkung kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen und legen nahe, dass die Wirksamkeit bei den Patienten stark variiert. 

Exemplarisch sind hier eine Arbeit von Forschenden des Forschungszentrums Jülich (DOI: 10.1038/s41386-018-0258-7) sowie eine weitere Studie, die bislang größte zu diesem Thema, die vor einigen Monaten im renommierten New England Journal of Medicine erschienen ist (DOI: 10.1056/NEJMoa2103583).

In einer aktuellen Forschungsarbeit beschreiben Forschende der Universität Regensburg und des Forschungszentrums Jülich in allen Einzelheiten, wie sich eine kleine Änderung in der DNA-Sequenz des Oxytocinrezeptors auf die durch das Hormon ausgelöste Reaktion in den Nervenzellen auswirkt.

„Der Teufel steckt hier wirklich im Detail“, erklärt Dr. Mercedes Alfonso-Prieto vom Forschungszentrum Jülich. 

„Der Oxytocinrezeptor besteht aus 389 Aminosäuren. 

Die von uns untersuchte Variante, weicht nur bei einer einzigen von dem normalen Typ ab – eine eher subtile Veränderung, die sich aber im Innern der Zelle wie durch eine Art Dominoeffekt verstärkt.“

Gemeinsam mit ihren Kollegen am Institut unter der Leitung von Prof. Paolo Carloni hat sie die Auswirkungen dieser Mutation am Computer modelliert und simuliert. „Unser Ziel war es, einen Eindruck von dem Mechanismus in der Zelle zu gewinnen. Wir wollten verstehen, wie sich die ganze Struktur des Oxytocinrezeptors verändert und wie sich diese Veränderung auf die damit zusammenhängende zelluläre Reaktion auswirkt“, erklärt Mercedes Alfonso-Prieto.
Das überraschende Ergebnis: Die mutierte Variante ist keineswegs passiver oder instabiler, sondern aktiver und stabiler als der normale Rezeptortyp – ganz im Gegensatz zu dem, was intuitiv zu erwarten wäre.

„Obwohl diese Rezeptorvariante mit Autismus in Verbindung steht, wurde sie früher als nicht-pathogen eingestuft. 

Das hat uns verwundert“, berichten Dr. Magdalena Meyer und Dr. Benjamin Jurek von der Universität Regensburg, die die Zellreaktion experimentell im Labor untersucht haben. 

Die Regensburger Arbeitsgruppe unter der Leitung von Prof. Inga Neumann forscht schon seit vielen Jahren zur neurobiologischen Wirkung von Oxytocin. 

Die aktuelle Arbeit, die in der angesehenen Fachzeitschrift Molecular Psychiatry erschienen ist, liefert nun neue Ansatzpunkte, um langfristig neue Therapien zu entwickeln.

„Da die mutierte Rezeptorvariante übermäßig auf Oxytocin reagiert, liegt es auf der Hand, dass die Erhöhung des Oxytocinspiegels durch ein Nasenspray wahrscheinlich nicht die beste therapeutische Strategie ist, um autistische Patienten mit dieser Mutation zu behandeln“, erklärt Magdalena Meyer. 

Mehr Erfolg versprechen dagegen Ansätze zur Entwicklung von Medikamenten, die darauf abzielen, Moleküle zu finden, die die normale Funktion des Rezeptors wiederherstellen.

Dr. Mercedes Alfonso-Prieto vom Institute for Computational Biomedicine des Forschungszentrums Jülich

 Dr. Mercedes Alfonso-Prieto vom Institute for Computational Biomedicine des Forschungszentrums Jülich Ralf-Uwe Limbach Forschungszentrum Jülich / Ralf-Uwe Limbach

 

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Jun.-Prof. Dr. Mercedes Alfonso Prieto
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Originalpublikation:

Magdalena Meyer, Benjamin Jurek, Mercedes Alfonso-Prieto, Rui Ribeiro, Vladimir M. Milenkovic, Julia Winter, Petra Hoffmann, Christian H. Wetzel, Alejandro Giorgetti, Paolo Carloni & Inga D. Neumann
Structure-function relationships of the disease-linked A218T oxytocin receptor variant
Molecular Psychiatry (published online 04 January 2022), DOI: 10.1038/s41380-021-01241-8

 

BundestagsDebatte HEUTE: Prof. Dr. med. Burkhart Schraven: Die Stärke der Immunantwort nach verschiedenen COVID-19-Impfstoff-Kombinationen

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: COVID-19-Impfstoffe triggern keine Autoantikörper

Wissenschaftler:innen der Universitätsmedizin Magdeburg haben in den letzten Monaten zwei Studien zu COVID-19-Impfstoffen durchgeführt. 

Ziel war es, herausfinden, ob sich die Stärke der Immunantwort nach verschiedenen COVID-19-Impfstoff-Kombinationen unterscheidet und ob diese Impfungen das Immunsystem so umprogrammieren, dass es zu einer Reaktion gegen körpereigene Strukturen durch so genannte Autoantikörper kommt. 

Diese könnten im schlimmsten Fall zu einer Zerstörung körpereigener Zellen und Organe führen, was langwierige medizinische Behandlungen erfordern würde. 

Dr. rer. nat. Christoph Thurm und Institutsdirektor Prof. Dr. med. Burkhart Schraven aus dem Institut für Molekulare und Klinische Immunologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.Dr. rer. nat. Christoph Thurm und Institutsdirektor Prof. Dr. med. Burkhart Schraven aus dem Institut für Molekulare und Klinische Immunologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Sarah Kossmann Universitätsmedizin Magdeburg 

Die Studien wurden durch das Institut für Molekulare und Klinische Immunologie der Universitätsmedizin Magdeburg koordiniert. Weitere Partner waren das Institut für Klinische Chemie und Pathobiochemie der Universitätsmedizin Magdeburg sowie das Institut für Immunologie der Medizinischen Hochschule Hannover.

In den Studien wurden folgende Wirkstoffkombinationen analysiert: 

  • Zwei Impfungen mit einem mRNA- 
  • oder Vektor-Impfstoff 
  • bzw. die Kombination eines Vektor-Impfstoffs, gefolgt von einem mRNA-Impfstoff. 

An den Studien haben insgesamt 120 freiwillige Proband:innen aus der Mitarbeiterschaft der Medizinischen Fakultät und des Universitätsklinikums Magdeburg teilgenommen. 

Gemäß der individuellen Impfstoffkombination wurden diese in drei Gruppen aufgeteilt. 

Bei allen Studienteilnehmenden erfolgten vier Blutentnahmen, vor der Zweitimpfung sowie zwei bzw. vier Wochen und vier Monate nach der Zweitimpfung. 

Damit konnten die Konzentrationen der Impfantikörper und Autoantikörper bestimmt und anschließend statistisch ausgewertet werden.

Der Magdeburger Immunologe und Leiter des Institutes für Molekulare und Klinische Immunologie der Universitätsmedizin Magdeburg, Prof. Dr. med. Burkhart Schraven, erläutert die Ergebnisse:

  •  „In unseren Studien konnten wir zeigen, dass die Induktion von Antikörpern gegen SARS-CoV-2 nach einer zweimaligen Impfung mit dem Vektor-Impfstoff von AstraZeneca im Vergleich zu den anderen beiden Gruppen um zirka 90 Prozent reduziert war. 
  • Hiermit ist vermutlich auch ein deutlich verringerter Schutz gegen eine Ansteckung mit der Delta-Variante von SARS-CoV-2 verbunden.“ 

Diese Informationen seien wichtig, um die Prozesse, die durch die neuen Impfstoffe angestoßen wurden, besser zu verstehen und einige offene Fragen zu beantworten.

„Wir konnten zeigen, dass keine der drei Impfstrategien eine Produktion von Autoantikörpern in gesunden Probandinnen oder Probanden induziert und dementsprechend auch keine ungewollte Immunreaktion gegen den eigenen Körper stattfindet. 

Dies ist ein sehr wichtiger Befund, da solche Autoimmun-Reaktionen im Zusammenhang mit symptomatischen COVID-19-Infektionen beobachtet wurden und daher die Möglichkeit bestand, dass auch die Impfung ähnliche Veränderungen anstößt“, erklärt der Erstautor der Studie, Dr. rer. nat. Christoph Thurm.

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Prof. Dr. med. Burkhart Schraven und Dr. rer. nat. Christoph Thurm, Institut für Molekulare und Klinische Immunologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Tel.: 0391/67-24397, christoph.thurm@med.ovgu.de

Friederike Süssig-Jeschor Universitätsmedizin Magdeburg

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Sachsen-Anhalt

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Originalpublikation:

Robust induction of neutralizing antibodies against the SARS-CoV-2 Delta variant after homologous Spikevax or heterologous Vaxzevria-Spikevax vaccination
First published: 06 December 2021 https://doi.org/10.1002/eji.202149645

Anti-SARS-CoV-2 vaccination does not induce the formation of autoantibodies but provides humoral immunity following heterologous and homologous vaccination regimens: Results from a clinical and prospective study within professionals of a German University Hospital, https://doi.org/10.1101/2021.11.01.21265737


PD Dr. Katharina Bühren: Unruhig, unaufmerksam, unbeherrscht und unverstanden – hyperaktive Kinder - „Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätsstörung“ (ADHS) https://kinderarztpraxis-st-hedwig.de/

Medizin am Abend Berlin - MaAB-Fazit: ADHS: Medikamentöse Therapie nicht verteufeln!

Die Stiftung Kindergesundheit räumt mit Irrtümern und Vorurteilen über die Behandlung unruhiger und unaufmerksamer Kinder auf

  • Unruhig, unaufmerksam, unbeherrscht und unverstanden – hyperaktive Kinder haben es nicht leicht und werden schnell zu Außenseitern im Kindergarten oder in der Schule. 

Das Problem mit dem sperrigen Terminus „Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätsstörung“ (ADHS) tritt bei Jungen häufiger auf als bei Mädchen. 

Die Kinder kaspern und zappeln, sind laut und ungeduldig und flippen schon bei Kleinigkeiten aus. 

Die Hoffnung der genervten Eltern und Lehrkräfte, das Problem werde sich mit der Zeit schon geben, geht leider nicht immer in Erfüllung, berichtet die Stiftung Kindergesundheit in einer aktuellen Stellungnahme:  

  • Einige Symptome können bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben.  
  • Viele der früheren „Zappelphilippe“ entwickeln sich zu zerstreuten und vergesslichen, sprunghaften und launischen Erwachsenen.


ADHS ist keine neue Störung, stellt die Stiftung Kindergesundheit klar: 

Die erste lehrbuchmäßige Beschreibung einer Verhaltensstörung mit den Merkmalen von ADHS stammt vom deutschen Arzt Melchior Adam Weikard bereits aus dem Jahr 1775. Die charakteristischen Symptome des „Zappelphilipp“ sind seit 1845 im beliebten Kinderbuch „Struwwelpeter“ des Frankfurter Mediziners Heinrich Hoffmann dokumentiert. „ADHS gilt heute als die häufigste Verhaltensstörung bei Kindern“, sagt Priv.-Doz. Dr. Katharina Bühren, Oberärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie am kbo-Heckscher-Klinikum München.

Verträumt, abgelenkt und vergesslich
Die typischen Verhaltensweisen der Störung treten in den verschiedenen Altersstufen in unterschiedlicher Ausprägung auf:

• Bei den meisten betroffenen Vorschulkindern mit ADHS steht ein ausgeprägter Bewegungsdrang im Vordergrund. Viele von ihnen haben schon im Kindergarten häufiger Streit mit anderen und handeln plötzlich und unüberlegt.
• Im Schulalter fallen die Kinder vor allem in Situationen auf, wenn von ihnen erwartet wird, lange und ruhig sitzen zu bleiben oder leise zu sein.
• Vielen Kindern fällt es schwer, sich zu konzentrieren. Sie übersehen Details, machen Flüchtigkeitsfehler, haben Probleme beim Organisieren und Planen von Aufgaben, verlieren Sachen, sind verträumt, ablenkbar und vergesslich. Diese Symptome bleiben auch im Erwachsenenalter oft noch bestehen.
• Einige leiden unter einer erhöhten Impulsivität: Sie reagieren spontan und riskant, ohne über die Folgen nachzudenken, fallen anderen ins Wort oder haben heftige und mitunter verletzende Wutausbrüche, die im sozialen Miteinander zu schweren Konflikten führen können.

ADHS wurde noch bis in die 90-er Jahre oft als eine Störung angesehen, die ausschließlich das Kindes- und Jugendalter betrifft und mit dem Erwachsenwerden ausheilt. 

Mittlerweile gibt es an mehreren Universitäten Spezialambulanzen, in denen die besondere Situation der von ADHS betroffenen Erwachsenen untersucht und behandelt wird.

Nach einer druckfrischen Studie internationaler Experten tritt ADHS weltweit bei 5,9 Prozent der Kinder und 2,8 Prozent der Erwachsenen auf. Für die Studie haben 79 Wissenschaftler aus 27 Ländern und sechs Kontinenten die Fachliteratur der letzten zwanzig Jahre durchforstet, um die heutigen Möglichkeiten der Behandlung zu beurteilen und Vorurteilen und Stigmatisierungen entgegenzutreten. Die Ergebnisse wurden in einer internationalen Konsensuserklärung veröffentlicht (Faraone S. et al. 2021).

Ist das Kind nur schlecht erzogen?
Zu den wiederkehrenden Vorurteilen, Mythen und „Fakenews“ gehört die Behauptung, dass es sich bei ADHS um eine Modediagnose handelt, um eine erfundene Störung, die es gar nicht wirklich gibt, und deren medikamentöse Behandlung lediglich dazu dient, die nervigen und störenden Kinder ruhigzustellen.

Viele Eltern eines ADHS-betroffenen Kindes werden außerdem mit einem weiteren, weit verbreiteten Vorurteil konfrontiert: Man wirft ihnen vor, erzieherisch nachlässig und nicht streng genug zu sein, ihr umtriebiges Kind sei deshalb einfach schlecht erzogen, böse oder dumm.

„Die von ADHS betroffenen Kinder sind aber weder böse oder dumm noch schlecht erzogen“, unterstreicht PD Dr. Katharina Bühren mit großem Nachdruck. 

„Viele von ihnen entwickeln einen kaum zu bändigenden Bewegungsdrang, sind aufbrausend, können leicht ausrasten und mit ihren unvermittelten Wutausbrüchen Eltern, Spielkameraden und Lehrkräfte zur Weißglut bringen.
Sie wirken deshalb als ungehorsam, unwillig oder dumm, obwohl sie meist normal begabt und nicht selten sogar überdurchschnittlich intelligent sind“.

Die Schule ist oft überfordert

Zwar sitzen laut Statistik heute in jeder Schulklasse ein bis zwei von ADHS betroffene Kinder. Doch viele Lehrkräfte sind mit dem Krankheitsbild ADHS so wenig vertraut, dass sie das Kind lieber auf eine Förderschule mit Förderschwerpunkt Lernen (früher „Sonderschule“) schicken möchten, anstatt den Eltern die Untersuchung ihres Kindes bei einer Fachärztin oder einem Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie zu empfehlen.

Die medikamentöse Behandlung der Störung wird in diesem Jahr 85 Jahre alt: Es war 1937, als der US-amerikanische Psychiater Charles Bradley die Symptomatik des hyperaktiven Kindes genauer beschrieb und mit einem amphetamin-haltigen Medikament die ersten therapeutischen Erfolge hatte. Seither ist die Wirksamkeit der Behandlung mit Stimulanzien in weit über 6.000 Publikationen bestätigt worden.

Dennoch wird die medikamentöse Behandlung von Kindern mit ADHS seit langen Jahren kontrovers diskutiert. Manche Medien schüren immer wieder Zweifel an der Existenz des Leidens und vermuten hinter seiner Behandlung mit Stimulanzien wie „Ritalin“ eine Verschwörung zur Ruhigstellung des umtriebigen Kindes.

Das Kind braucht eine Chance
Die in den Medien oft einseitig und unsachlich geführte Debatte darf jedoch nicht dazu führen, dass den betroffenen Kindern und ihren oft verzweifelten Eltern eine nachweislich wirksame und sichere Therapie vorenthalten wird, betont die Stiftung Kindergesundheit in ihrer Stellungnahme. Bei der Therapie geht es nicht darum, die Kinder brav zu machen: Sie sollen vielmehr eine Chance erhalten auf eine Behandlung, die ihnen eine ungestörte Entfaltung ihrer Fähigkeiten ermöglicht. 

Sonst drohen das Scheitern in der Schule, Defizite in der Bildung, Arbeitslosigkeit sowie weitere psychiatrische Erkrankungen wie Depressionen, ein erhöhtes Risiko für Drogenmissbrauch oder eine Delinquenzentwicklung.

Es ist nicht leicht, für das einzelne Kind mit einer ADHS die optimale Behandlung zu finden. 

Als wünschenswert gilt eine „multimodale“ Therapie, d.h. eine individuelle Kombination aus verschiedenen Therapieformen. Mögliche Elemente der Behandlung sind die Aufklärung und Beratung sowie Schulung der Eltern, eine Verhaltenstherapie, Konzentrationstrainings und die Verordnung von Medikamenten.

„Hat ein Facharzt oder eine Fachärztin bei einem Kind die Erkrankung nach einer sorgfältigen und umfassenden Untersuchung klar diagnostiziert, ist der Nutzen einer medikamentösen Behandlung eindeutig nachgewiesen“, betont PD Dr. Katharina Bühren.

Für die medikamentöse Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit ADHS sind in Deutschland verschiedene Wirkstoffe in einer Vielzahl von Arzneimitteln zur Einnahme zugelassen. 

Bei diesen Wirkstoffen können zwei Gruppen unterschieden werden: 

  • Einerseits die sogenannten Stimulanzien (Methylphenidat, Dexamfetamin, Lisdexamfetamin), andererseits die sogenannten Nicht-Stimulanzien (Atomoxetin und Guanfacin). 

Die Stimulanzien sind den Betäubungsmitteln zugeordnet, ihre Verordnung unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz.

  • Die Medikamente regen die Tätigkeit bestimmter Gehirnregionen an und beeinflussen das Dopamin-System, das für die Kontrolle von Aktivität und Aufmerksamkeit eine Rolle spielt. 

PD Dr. Katharina Bühren: „In vielen Fällen ermöglicht erst die Einnahme des Medikaments, dass die elterlichen Erziehungsmaßnahmen oder eine Verhaltenstherapie ihre Wirkung entfalten können“.

Medikamente beugen späteren Risiken vor
Auch die internationalen Autoren der anfangs erwähnten Studie kamen nach der Analyse der bisher vorliegenden Forschungsergebnisse zu einer eindeutig positiven Beurteilung der medikamentösen Behandlung von ADHS. Sie stellten fest:

  1. • Die medikamentöse Behandlung reduziert das Risiko von späteren Unfallverletzungen, Schädel-Hirn-Traumata, Drogenmissbrauch, Tabakkonsum, Bildungsschwäche, Knochenbrüchen, sexuell übertragbaren Infektionen, Depressionen, Suizid, kriminellen Aktivitäten und Schwangerschaften im Teenageralter. 
  2. • Die Nebenwirkungen von ADHS-Medikamenten sind in der Regel mild und können durch eine Änderung der Dosis oder des Medikaments verringert werden.
  3. • Nicht-medikamentöse Behandlungen von ADHS-Symptomen sind weniger wirksam als medikamentöse Behandlungen, sie sind jedoch häufig nützlich bei Problemen, die auch nach der Verordnung des Medikaments bestehen bleiben.


Das Kind wird nicht süchti
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Hartnäckig hält sich die Behauptung, die Medikamente zur Behandlung des ADHS-Syndroms würden das Kind süchtig machen. Diese Befürchtung sei jedoch nach dem gegenwärtigen Wissenstand unbegründet, betont die Stiftung Kindergesundheit.

Zwar unterliegen einige der zur ADHS-Behandlung eingesetzten Medikamente dem Betäubungsmittelgesetz. 

Der Grund hat aber mit den Kindern nichts zu tun: 

Der Inhaltsstoff Methylphenidat wird wegen seiner aufputschenden Wirkung häufig missbräuchlich verwendet – von Erwachsenen. 

Bei den von ADHS betroffenen Kindern wirkt es allerdings nicht aufputschend: 

Es gleicht aus, beruhigt und hilft dem Gehirn des Kindes, Umweltimpulse besser zu verarbeiten.

Zerstreut, aber höchst kreativ

Erwachsene Zappelphilippe haben oft eine gemeinsame Eigenschaft, berichtet die Stiftung Kindergesundheit: 

Wenn etwas sie besonders interessiert, können sie sich regelrecht „zusammenreißen“ und sich diesem Problem äußerst intensiv und anhaltend widmen. 

Ihre oft hohe Kreativität befähigt die zerstreuten Chaoten in manchen Berufen zu großen Leistungen.

Viele Erwachsene mit ADHS arbeiten als Manager, Vertreter, Verkäufer, Politiker, Moderatoren, Entertainer, Künstler, Wissenschaftler und Erfinder. 

Wolfgang Amadeus Mozart soll ebenso ein hyperaktives Kind gewesen sein, wie Albert Einstein, Salvador Dali oder Thomas Alva Edison

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