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CAVE: Patient Blood Management: Blutarmut (Anämie), Eisenmangel: Hämoglobin- und Reticulozytenwerte

Medizin am Abend Berlin Fazit: Auch ultrakurze Therapie vor Operationen hilft Bluttransfusionen zu vermeiden

Bluttransfusionen sind belastend und ein zusätzliches Risiko für Patienten. 

Eine gross angelegte Studie unter der Leitung von Prof. Donat R. Spahn, Direktor des Instituts für Anästhesiologie am Universitätsspital Zürich, zeigt nun, dass Patienten auch noch von kurz vor einer Operation angewandten Massnahmen profitieren, die Bluttransfusionen reduzieren. 
 
Bluttransfusionen können lebensrettend sein.

  • Fremdes Blut bedeutet für die Patienten jedoch auch bei optimierter Verträglichkeit eine Belastung und birgt deshalb immer die Gefahr von Komplikationen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Organversagen oder Infektionen. 
  • Mit gezieltem «Patient Blood Management» reduzieren Ärztinnen und Ärzte deshalb seit einigen Jahren die Gabe von Fremdblut. 

Schonende Operationstechniken und die Aufbereitung und Rücktransfusion von während der Operation verlorenen Blutes sind dabei wichtige Massnahmen.

Zudem wird bereits einige Wochen vor einer geplanten Operation die Blutsituation des Patienten analysiert und eine oft unerkannte Blutarmut mit Medikamenten behandelt, welche die Blutbildung stimulieren.

Blutarmut ist einer der grössten Risikofaktoren für Bluttransfusionen während oder nach Operationen.

Dieses Massnahmenpaket führte dazu, dass in Kliniken, die mit dem «Patient Blood Management» arbeiten, in den letzten Jahren massiv weniger Bluttransfusionen und Blutprodukte nötig waren, und in der Folge die Komplikations- und Sterblichkeitsrate der Patienten deutlich sank.

Kurzfristige Therapie zeigt vergleichbar positive Effekte

In einer gross angelegten, randomisierten Doppelblindstudie zeigten Forscherinnen und Forscher nun, dass Patienten auch noch von einer kurzfristigen Therapie zur Verbesserung ihrer Blutwerte profitieren. 

In der Studie wurden 1006 Patientinnen und Patienten vor einer geplanten Herzoperation erfasst.

Bei 505 von ihnen war vorab eine Blutarmut (Anämie) und/oder ein Eisenmangel festgestellt worden.

  • Die Hälfte der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer wurde mit einer Kombinationstherapie aus intravenöser Eisengabe, subkutan verabreichtem Vitamin B12 und Erythropoietin alpha sowie oral eingenommener Folsäure behandelt. 
  • Dies in der Regel nur einen Tag vor der Operation oder am Freitag der Vorwoche, wenn der Eingriff für Montag geplant war.

Sämtliche Patientinnen und Patienten, die diese Therapie erhalten haben, zeigten deutlich bessere Hämoglobin- und Reticulozytenwerte als die Kontrollgruppe.

Die Zahl der bei der Operation und in den sieben Folgetagen nötigen Bluttransfusionen sank in der behandelten Gruppe nahezu auf null.

Weniger Transfusionen bedeuten weniger Risiko

Prof. Donat R. Spahn, Direktor des Instituts für Anästhesiologie am Universitätsspital Zürich und Leiter der Studie, sieht in den Ergebnissen der Studie einen grossen Fortschritt für eine gefährdete Patientengruppe:

«Jede Bluttransfusion weniger bedeutet ein Sinken der Belastung und des Risikos für die Patientinnen und Patienten.

Unsere Studie bestätigt, dass wir auch mit einer kurzfristigen präoperativen Behandlung die Blutwerte der Patienten noch massiv verbessern können. 

Damit vergrössert sich die Zahl der Patientinnen und Patienten, die von Patient Blood Management profitieren.»

Der Spezialist für Patient Blood Management weist aber auch auf weitere positive Effekte hin:

«Weniger Blutprodukte bedeuten auch weniger Kosten. 

Den sparsamen und sorgfältigen Umgang mit Blutprodukten schulden wir zudem auch den Spenderinnen und Spendern.

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Prof. Dr. med. Donat R. Spahn
Institutsdirektor, Institut für Anästhesiologie, Universitätsspital Zürich
Tel.: 044 255 26 95, donat.spahn@usz.ch

lic. phil. Martina Pletscher UniversitätsSpital Zürich
Rämistrasse 100
8091 Zürich
Schweiz
Zürich

Telefon: +41 44 255 86 20
E-Mail-Adresse: martina.pletscher@usz.ch

Originalpublikation:
Donat R. Spahn, Felix Schoenrath, Gabriela H Spahn, Burkhardt Seifert, Philipp Stein, Oliver M Theusinger, Alexander Kaserer, Inga Hegemann, Axel Hofmann, Francesco Maisano, Volkmar Falk. Effect of ultra-short-term treatment of patients with iron deficiency or anaemia undergoing cardiac surgery: a prospective randomized trial. The Lancet.
DOI: 10.1016/S0140-6736(18)32555-8

Verminderung von neuropsychiatrischen Symptomen: Aggressionen, Unruhezuständen, Schlafstörungen.

Medizin am Abend Berlin Fazit: Verbesserung der Versorgung von Menschen mit Demenz in Wohngemeinschaften

Eine umfassende Versorgung von Menschen mit Demenz und kognitiven Beeinträchtigungen in alternativen Wohnmodellen fördert das Forschungsprojekt DemWG, das ambulant betreute Wohngemeinschaften in Bayern, Berlin, Bremen und Hamburg einbezieht. 

Am Universitätsklinikum Erlangen leiten das neue Projekt Prof. Dr. Elmar Gräßel und PD Dr. Carolin Donath vom Zentrum für Medizinische Versorgungsforschung in der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik (Direktor: Prof. Dr. Johannes Kornhuber). 

DemWG startete im April 2019. 

Bewohnerinnen und Bewohner einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft beim Training zur Verbesserung ihrer motorischen und kognitiven Fähigkeiten.
Bewohnerinnen und Bewohner einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft beim Training zur Verbesserung ihrer motorischen und kognitiven Fähigkeiten.
Foto: Psychiatrie/Uni-Klinikum Erlangen
 
  • Ziel des bundesweiten Projekts ist es neben dem Vorbeugen von Stürzen und Krankenhauseinweisungen auch, die Lebensqualität von Menschen mit Demenz und kognitiven Beeinträchtigungen zu verbessern. 

Wenn diese in ihrer vertrauten häuslichen Umgebung nicht mehr angemessen versorgt werden können, sind ambulant betreute Wohngemeinschaften eine gute Alternative zum Pflegeheim.

Das familiär ausgerichtete Wohnkonzept solcher speziellen WGs schafft für sie das Gefühl eines Zuhauses, während gleichzeitig eine Betreuung durch professionelles Pflegepersonal gewährleistet ist.

Das innovative Forschungsprojekt DemWG untersucht die Frage, ob sich das Risiko für Krankenhauseinweisungen in diesem alternativen Wohnmodell durch ein mehrgliedriges Förderprogramm nachweisbar minimieren lässt.

Das Konzept umfasst neben der gezielten Schulung der aktiv mitarbeitenden Personen in den Wohngemeinschaften auch das stärkere Einbeziehen der zuständigen Haus- und Fachärztinnen und -ärzte. 
  • Ergänzend enthält es ein spezielles Training zur Verbesserung der motorischen und kognitiven Fähigkeiten der WG-Bewohnerinnen und -Bewohner. 
Das gemeinsame Projekt DemWG der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und der Universität Bremen wird über den Innovationsfonds für Versorgungsforschung des Gemeinsamen Bundesausschusses mit rund 1,4 Millionen Euro gefördert.

Das Team von Prof. Dr. Gräßel erforscht seit Jahren erfolgreich die Wirksamkeit der psychosozialen MAKS®-Intervention bei Menschen mit Demenz und kognitiven Beeinträchtigungen in Pflegeheimen und in der Tagespflege. 

Die Ergebnisse zu den Aktivierungstherapien belegen bei den Betroffenen eine Stabilisierung ihrer kognitiven und alltagspraktischen Fähigkeiten, die Verbesserung sozialer Verhaltensweisen sowie eine Verminderung von neuropsychiatrischen Symptomen wie Aggressionen, Unruhezuständen und Schlafstörungen. 

Dank des neuen Projekts DemWG können auch die Bewohnerinnen und Bewohner von ambulant betreuten Wohngemeinschaften an den Vorteilen des Förderkonzepts teilhaben.

Dazu wird das Programm für die spezielle Anwendung in den WGs modifiziert und in Kleingruppen umgesetzt.

Die motorischen und kognitiven Übungen sind so angelegt, dass sie die Menschen mit Demenz und kognitiven Beeinträchtigungen positiv anregen und sie weder unter- noch überfordern.

Bereits erprobte Übungen zur Sturzprophylaxe ergänzen das Konzept. 


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Prof. Dr. Elmar Gräßel
Tel.: 09131/85-34810
elmar.graessel@uk-erlangen.de

Dr. Susanne Langer
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Schlossplatz 4
91054 Erlangen
Deutschland
Bayern
E-Mail-Adresse: susanne.langer@fau.de



Anti-Stress-System: Frisch gekochte Spaghetti - Spiegelei braten

Medizin am Abend Berlin Fazit: Stau in der Zelle – Kaiserslauterer Forscher entdecken Anti-Stress-System

Warum wir altern, versteht die Forschung noch nicht genau.

Eine Rolle spielen Proteinablagerungen, die sich in Zellen ansammeln und zu Stress führen.

Für die Bildung der Ablagerungen spielen Proteine eine entscheidende Rolle, die für die Kraftwerke der Zellen, die Mitochondrien, bestimmt sind.

Kaiserslauterer Forscher haben ein Anti-Stress-System entdeckt, das der Bildung der Ablagerungen entgegenwirkt.

Funktioniert es nicht richtig, kann es zum vorzeitigen Altern der Zellen kommen, vermuten die Forscher. 

Die Erkenntnisse könnten helfen, zu verstehen, warum manche Menschen schneller altern als andere. 

Die Studie wurde in der renommierten Fachzeitschrift „Nature Cell Biology“ veröffentlicht.

Das Team um Felix Boos (li.) und Prof. Dr. Johannes Herrmann hat das Anti-Stress-System entdeckt. Das Team um Felix Boos (li.) und Prof. Dr. Johannes Herrmann hat das Anti-Stress-System entdeckt. Foto: Koziel/TUK
 
Unsere Zellen sind aus rund 10.000 bis 20.000 verschiedenen Proteinen aufgebaut – jeweils bestehend aus langen Ketten von Aminosäuren. „Um ihre Funktionen auszuüben, müssen Proteine komplizierte dreidimensionale Strukturen annehmen“, sagt Professor Dr. Johannes Herrmann, der das Lehrgebiet Zellbiologie an der Technischen Universität Kaiserslautern (TUK) leitet. „Fehler bei dieser Faltung führen dazu, dass sie sich als Aggregate ansammeln.“

  • Im Laufe des Lebens reichern sich immer mehr dieser Ablagerungen an. Dies führt zum „Altern“ von Zellen.

Warum es für Zellen so schwierig ist, Proteinaggregate zu verhindern, ist in der Wissenschaft noch unklar. Licht ins Dunkle hat nun das Forscherteam um Professor Herrmann und seinen Doktoranden Felix Boos gebracht. Im Fokus ihrer aktuellen Studie standen Proteine der Mitochondrien. Diese Zellorganellen sind für die Energieproduktion verantwortlich sind. Sie bestehen aus Hunderten von verschiedenen Eiweißen, die außerhalb der Mitochondrien gebildet werden.

„Bevor die Mitochondrien diese Proteine aufnehmen, sind diese ungefaltet und ähnlich klebrig wie frisch gekochte Spaghetti“, erläutert Erstautor Felix Boos. „Sie neigen dazu, mit anderen Komponenten der Zelle zu verklumpen. Das ist eine große Gefahr und ein entscheidender Stress-Faktor für unsere Zellen. Es ist wahrscheinlich, dass dieser Stress ganz entscheidend zum Altern der Zellen beiträgt.“

Mitochondrien kommen in allen unseren Zellen vor. Vor allem Zellen mit hohem Energiebedarf, wie Muskel- und Nervenzellen, hängen von der ständigen Bildung und dem korrekten Transport mitochondrialer Proteine ab. „Störungen in der Bildung der Mitochondrien und die damit einhergehende abnehmende Energieproduktion von Muskel- und Nervenzellen tragen dazu bei, dass man in zunehmendem Alter nicht mehr so leistungsfähig ist und es schwerer fällt, Neues zu lernen“, sagt Doktorand Boos, der Biologie und Mathematik studiert hat und sich mit „quantitativer Biologie“ befasst, die diese beiden Disziplinen zusammenbringt.

Das Forscherteam hat die Reaktion von Zellen auf den Stress genau beobachtet, den diese Mitochondrien-Proteine auslösen. Dafür haben sie ein Testsystem entwickelt, in dem sie Zellen der Bäckerhefe mit Mitochondrien-Proteinen quasi auf Knopfdruck überfluten haben. „Wir haben die Transportporen gezielt verstopft, durch die Proteine in das Zellorganell wandern“, erklärt Boos den Versuchsaufbau.

Im Anschluss haben sie alle Prozesse in den Zellen analysiert, die auf Gen-Ebene stattfinden und die die Herstellung der Proteine verantworten. Die Wissenschaftler haben die Produkte jedes einzelnen der 6.000 Hefe-Gene im Schnitt fast 4.000-mal sequenziert; und das in vielen verschiedenen Zelltypen und Zeitpunkten der Stressantwort. Mithilfe hochmoderner Massenspektrometrie haben sie zusätzlich zu den genetischen Untersuchungen auch das Proteininventar der Zelle während des Stresses bestimmt. Bei dieser Technik werden die Protein-Moleküle anhand ihrer Masse identifiziert und quantifiziert. Im Prinzip werden sie gewogen. Ähnlich wie bei einem Fingerabdruck besitzt jedes Molekül einen charakteristischen Wert. „So haben wir die Reaktionen der Zelle auf die Anhäufung der Proteine sehr genau gemessen“, sagt Boos.

Die aufwendigen Arbeiten hat Boos mit Forscherkollegen um Dr. Vladimir Benes und Dr. Mikhail Savitski am European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Heidelberg durchgeführt, einer europäischen Großforschungseinrichtung für Molekularbiologie. Danach haben die Kaiserslauterer Forscher mehrere Terabyte an Daten mit bioinformatischen Verfahren ausgewertet, teilweise von Felix Boos neu entwickelt.

„Wir haben ein Anti-Stress-System in Zellen entdeckt, das sofort hochgefahren wurde, als sich die Mitochondrien-Proteine angehäuft haben“, sagt Boos zu den Ergebnissen ihrer Analyse. Dieses System verfolgt zwei Ziele: Zum einen drosselt es schnell die Produktion dieser gefährlichen Eiweiße. Zum anderen sorgt es dafür, dass die Menge an Proteasomen in der Zelle stark erhöht wird. „Dies ist eine Art molekularer Schredder, der entfaltete Proteine schnell abbauen kann“, so Herrmann weiter.

In einer Reihe von Folgeversuchen konnten die Forscher sogar entschlüsseln, wie die Zelle die Stressantwort auslöst und steuert. Zellen nutzen dafür unter anderem dasselbe System, das auch bei Überhitzung zum Einsatz kommt.  

„Auch hohe Temperaturen können zum Verklumpen von Proteinen führen. 

Im Grunde ist das genauso, wie wenn man ein Spiegelei brät“, schmunzelt Herrmann.

Die Erkenntnisse der aktuellen Studie helfen, Alterungsprozesse auf molekularer Ebene besser zu verstehen.

  • Im Laufe des Lebens ist dieses Anti-Stress-System vermutlich immer weniger in der Lage, mitochondriale Proteine effizient abzubauen, so dass sich Ablagerungen im Zellinneren anhäufen

In Folgestudien möchten die Forscher herausfinden, in wie weit sich dieses Anti-Stress-System bei einzelnen Menschen unterscheidet.

Dies könnte helfen zu verstehen, warum manche Menschen schneller altern als andere und welche Rolle welche Gene dabei spielen.

Die Studie ist in der renommierten Fachzeitschrift „Natur Cell Biology“ erschienen: „Mitochondrial protein-induced stress triggers a global adaptive transcriptional programme.“ Nature Cell Biology, 2019. Felix Boos et al.
DOI: 10.1038/s41556-019-0294-5

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Felix Boos
Lehrgebiet Zellbiologie
E-Mail: fboos[at]rhrk.uni-kl.de
Tel.: 0631 205-2409

Prof. Dr. Johannes Herrmann
Lehrgebiet Zellbiologie
E-Mail: hannes.herrmann[at]biologie.uni-kl.de
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Melanie Löw Technische Universität Kaiserslautern
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67663 Kaiserslautern
Deutschland
Rheinland-Pfalz 
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E-Mail-Adresse: melanie.loew@verw.uni-kl.de

Originalpublikation:
„Mitochondrial protein-induced stress triggers a global adaptive transcriptional programme.“ Nature Cell Biology, 2019. Felix Boos et al.
DOI: 10.1038/s41556-019-0294-5

LRS - Lese-Rechtschreibschwäche

Medizin am Abend Berlin Fazit: Neurowissenschaftler der TUD entschlüsseln neuronale Mechanismen bei Lese-Rechtschreibschwäche

Neurowissenschaftlerin Prof. Katharina von Kriegstein von der TU Dresden und ein internationales Expertenteam konnten in einer aktuell veröffentlichten Studie zeigen, dass bei LRS schon eine Station vor der Großhirnrinde weniger stark entwickelt ist. 

Personen mit einer Lese-Rechtschreibschwäche wiesen demnach weniger Verbindungen zwischen dem auditorischen Thalamus und dem Planum Temporale auf, einem Areal in der Gehirnrinde, das für das Hören von Sprachlauten zuständig ist. 
 
Rund drei bis acht Prozent der deutschen Bevölkerung leiden an einer Lese-Rechtschreibschwäche (LRS).

Therapeutische Maßnahmen und Lernstrategien sind mittlerweile weit verbreitet, aber Experten sind sich über deren Wirksamkeit noch uneinig.

Außerdem ist der Weg bis zur Diagnose meist lang. Betroffene Kinder weisen von Anfang an erhebliche Probleme im Schulunterricht auf, die emotionale, schulische und familiäre Stresssituationen zur Folge haben. 

  • Erwachsene mit LRS schämen sich häufig für ihre Defizite im beruflichen und sozialen Umfeld. 

Wie kommt es dazu, dass manche ansonsten vollkommen normal entwickelten Kinder und Erwachsene nur sehr schwer lesen oder/und schreiben können?


  • Viele Wissenschaftler vermuten, dass die Ursache der LRS in einer gestörten Verarbeitung von gesprochener Sprache liegt. 

Bis heute weiß man aber nicht, was zu dieser gestörten Verarbeitung führt.

Lange hat man angenommen, dass die Ursache nicht richtig funktionierende Strukturen in der Großhirnrinde sind. Neurowissenschaftlerin Prof. Katharina von Kriegstein von der TU Dresden und ein internationales Expertenteam konnten in einer aktuell veröffentlichten Studie zeigen, dass bei LRS schon eine Station vor der Großhirnrinde weniger stark entwickelt ist. 

  • Personen mit einer Lese-Rechtschreibschwäche wiesen demnach weniger Verbindungen zwischen dem auditorischen Thalamus und dem Planum Temporale auf, einem Areal in der Gehirnrinde, das für das Hören von Sprachlauten zuständig ist.

Für die Studie wurden Personen mit LRS und Personen ohne LRS (Kontrollprobanden) untersucht.

In der Untersuchung wurden Verhaltenstests durchgeführt und kernspintomographische Aufnahmen des Gehirns der Probanden gemacht.

Mit speziellen Analyseverfahren wurden aus den kernspintomografischen Aufnahmen die Faserverbindungen zwischen dem auditorischen Thalamus und dem Planum Temporale rekonstruiert.

Bei den Personen mit LRS waren weniger Faserverbindungen zwischen auditorischem Thalamus und Planum temporale in der linken Gehirnhälfte vorhanden als bei den Kontrollprobanden. 

Im Vergleich dazu, war die Verbindung zwischen auditorischem Thalamus und Planum Temporale besonders stark bei Kontrollprobanden, die sehr schnell und gut im Lesetest waren.


„Ein Verständnis über die neuronalen Grundlagen der LRS wird entscheidend dafür sein, frühe Diagnostik und auch gezielte Therapien zu entwickeln.

Wir gehen davon aus, dass unsere Ergebnisse eine Neuausrichtung des Forschungsfeldes zur Folge haben werden, weil sie zeigen, dass bisher wenig untersuchte Gehirnstrukturen für die LRS relevant sein könnten“, resümiert Prof. Katharina von Kriegstein über den Erfolg der Studie.

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Katharina von Kriegstein
Professur Kognitive und Klinische Neurowissenschaft
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01062 Dresden
Deutschland
Sachsen


Dipl.-Psych. Kim-Astrid Magister
Telefon: 0351 / 463-32398
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Katrin Presberger
E-Mail-Adresse: pressestelle@tu-dresden.de

Originalpublikation:
“Reduced structural connectivity between left auditory thalamus and the motion-sensitive planum temporale in developmental dyslexia” Nadja Tschentscher, Anja Ruisinger, Helen Blank, Begoña Díaz and Katharina von Kriegstein: Journal of Neuroscience 14 January 2019, 1435-18; DOI: https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.1435-18.2018


Polyneuropathien (PNP) - signifikante Schmerzlinderung - Hautbiopsie wegweisend

Medizin am Abend Berlin Fazit: Neues Medikament zur Behandlung der Small-Fiber-Neuropathie

Polyneuropathien (PNP) sind generalisierte Erkrankungen des peripheren Nervensystems. 

Bei einer Unterform, der sogenannten Small-Fiber-Neuropathie (SFN), stehen brennende Schmerzen der Extremitäten und Sensibilitätsstörungen im Vordergrund. 

  • Es gibt verschiedene Ursachen der Erkrankung, am häufigsten liegt ein Diabetes mellitus zugrunde. 

Die symptomatische Behandlung mit Schmerzmitteln schlägt oftmals nicht ausreichend an, was den Alltag der Betroffenen stark beeinträchtigt. 

Eine Studie zeigte nun eine signifikante Schmerzlinderung durch das Epilepsie-Medikament Lacosamid. 
 
  • Polyneuropathien sind generalisierte Erkrankungen des peripheren Nervensystems, bei denen es zu Schäden und Funktionsstörungen sensibler, motorischer und/oder vegetativer Nervenbahnen kommt. 

Eine spezielle Form der sensiblen Polyneuropathien ist die Small-Fiber-Neuropathie (SFN), bei der vor allem die dünnen, nicht von „Markscheiden“ umgebenen „C-Fasern“ betroffen sind. 

  • C-Fasern der peripheren Nerven durchflechten die Haut und sind für Übermittlung von Schmerzsignalen wichtig. 

Sie kommen aber auch als autonome Fasern in verschiedenen Organen vor, an deren vegetativen Steuerung sie beteiligt sind.

  • Es gibt verschiedene Ursachen der SFN, die häufigste Ursache ist ein Diabetes mellitus, sie kann aber auch im Rahmen einer Fibromyalgie, rheumatischen Erkrankungen oder bei Virusinfektionen (Hepatitis C, HIV) auftreten.

Die Patienten leiden unter brennenden Schmerzen der Extremitäten, vor allem in den Beinen/Füßen. 

  • Nachts nehmen die Schmerzen oft zu, so dass viele Patienten unter Schlafstörungen leiden. 
  • Hinzu kommen Missempfindungen (Sensibilitätsstörungen), beispielsweise werden Berührungsreize als schmerzhaft wahrgenommen (Hyperästhesie). 

Das Temperatur- und Schmerzempfinden nimmt im Verlauf ab.

Die Erkrankung schreitet meistens langsam fort.

Auch vegetative Funktionsstörungen können auftreten, z. B. im Magen-Darm-Trakt oder als Kreislaufdysregulation (orthostatische Dysregulation).

Die Routinediagnostik mittels Nervenleitgeschwindigkeitsmessung bzw. Elektroneurografie zeigt bei der SFN Normalbefunde, da hiermit nur die markhaltigen Fasern untersucht werden können.

Diagnostisch wegweisend ist eine Hautbiopsie, bei der die Reduktion der C-Fasern nachgewiesen wird.

„Therapeutisch ist die SFN nicht einfach anzugehen“, erklärt Frau Prof. Dr. med. Claudia Sommer, Universitätsklinikum Würzburg. „Natürlich müssen mögliche Krankheitsursachen behandelt werden. Oft bleibt aber nur eine symptomatische Therapie der Schmerzen – und selbst das gelingt oft nicht zufriedenstellend.“ Zur Schmerzbehandlung werden Antidepressiva (z.B. Amitriptylin), Epilepsie-Medikamente (Antiepileptika, Antikonvulsiva) oder topische Verfahren (z.B. Capsaicinpflaster) eingesetzt.

Seit einiger Zeit weiß man, dass bei der SFN bestimmte spannungsabhängige Natriumkanäle (meist „Nav1.7“) in den Zellmembranen der Nervenbahnen eine wichtige Rolle spielen. Das Antiepileptikum Lacosamid wirkt, indem es die Natriumkanäle Nav1.3, Nav1.7 und Nav1.8. blockiert. Die kürzlich veröffentlichte LENSS-Studie („Lacosamide-Efficacy-'N'-Safety in SFN“) [1] aus den Niederlanden untersuchte daher die Substanz hinsichtlich der Schmerzbehandlung sowie Sicherheit und Verträglichkeit bei Patienten mit Nav1.7-SFN. Die 24 Studienteilnehmer erhielten doppelblind, randomisiert für acht Wochen entweder 2 x 200 mg Lacosamid (n=12), gefolgt von acht Wochen Placebo (n=12) oder umgekehrt (erst Placebo, dann Lacosamid). Die Schmerzmessung erfolgte anhand einer Schmerzskala („Pain Intensity Numerical Rating Scale“). Eine Schmerzreduktion um mindestens einen Skalenpunkt galt als effektive Wirksamkeit.

Im Ergebnis kam es unter Lacosamid bei 58,3% der Patienten zu einer Schmerzabnahme um mindestens einen Punkt – gegenüber 21,7% unter Placebo. Unter Lacosamid gaben 33,3% der Patienten eine Besserung ihres allgemeinen Wohlbefindens an, unter Placebo nur 4,3%.

Außerdem besserte Lacosamid signifikant vorhandene Schlafstörungen.

Keinen Effekt hatte die Substanz allerdings hinsichtlich vegetativer Symptome und der Lebensqualität, was die Studienautoren mit einer zu kurzen Studiendauer und der kleinen Patientenzahl erklären. Die Verträglichkeit und das Sicherheitsprofil der Substanz waren akzeptabel.

„Lacosamid ist derzeit nur in speziellen Fällen als Antiepileptikum zugelassen, nicht für die Behandlung neuropathischer Schmerzen“, berichtet Frau Prof. Sommer. „Natürlich wünschen wir uns mehr Alternativen für Patienten, die derzeit mit den zugelassenen Medikamenten nicht oder nicht ausreichend behandelt werden können. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Studien folgen – vielleicht haben wir mit der Substanz dann eine vielversprechende Option in Aussicht.“

Literatur
[1] De Greef BTA, Hoeijmakers JGJ, Geerts M et al. Lacosamide in patients with Nav1.7 mutations-related small fibre neuropathy: a randomized controlled trial. Brain 2019 Feb 1; 142(2): 263-75

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren über 9500 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin. www.dgn.org


Präsidentin: Prof. Dr. med. Christine Klein
Stellvertretender Präsident: Prof. Dr. med. Christian Gerloff
Past-Präsident: Prof. Dr. Gereon R. Fink
Generalsekretär: Prof. Dr. Peter Berlit
Geschäftsführer: Dr. rer. nat. Thomas Thiekötter






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Fax: 03643 / 776452
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Die Behandlung mit cannabisbasierten Arzneimitteln oder Medizinalhanf

Medizin am Abend Berlin Fazit: Appell für verantwortungsvollen Umgang mit Medizinalcannabis und cannabisbasierten Arzneimitteln

Medizinische Fachgesellschaften und Fachverbände appellieren an Ärzteschaft, Politik, Krankenkassen und Redaktionen für verantwortungsvollen Umgang mit Medizinalcannabis & cannabisbasierten Arzneimitteln: 

Warnung vor unkritischem Cannabis-Einsatz / Wissensstand unzulänglich / Dringend erforderlich: Forschungsförderung 
 
Medizinische Fachgesellschaften und Fachverbände warnen vor einem unkritischen Einsatz von Cannabis.

Auch wenn die Behandlung mit cannabisbasierten Arzneimitteln oder Medizinalhanf bei einzelnen Indikationen sinnvoll ist, betrachtet eine Reihe von Fachgesellschaften und Fachverbänden die Entwicklung seit Verabschiedung des Gesetzes zur „Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften“ vom März 2017 mit Sorge.

  • Seither können Ärztinnen und Ärzte aller Fachrichtungen Cannabisblüten, den sogenannten Medizinalhanf, wie auch cannabisbasierte Arzneimittel verschreiben.

„Durch dieses Gesetz ist Deutschland das einzige Land in Europa, in dem die Verschreibung von Medizinalcannabis und cannabisbasierten Arzneimittel nicht auf spezielle Indikationen beschränkt wurde.“ heißt es in einem veröffentlichten Appell an Ärzteschaft, Politik, Krankenkassen und Redaktionen, in dem acht Fachgesellschaften gemeinsam mit weiteren Fachverbänden für einen verantwortungsvollen Umgang mit Medizinalcannabis und cannabisbasierten Arzneimitteln plädieren.

  • „Cannabis“ hat in ungerechtfertigtem Maß Hoffnungen geweckt

In der Stellungnahme ruft der Zusammenschluss von Fachgesellschaften und -verbänden zur sorgfältigen Recherche und ausgewogenen Berichterstattung auf, in welcher bislang „häufig nicht zwischen Medizinalcannabis und cannabisbasierten Rezeptur- und Fertigarzneimitteln unterschieden“ würde. Der Nutzen würde an eindrucksvollen Patientenbeispielen dargestellt, über Therapieversagen und Nebenwirkungen hingegen kaum berichtet.

Die Darstellung eines vermeintlichen Nutzens von „Cannabis“ bei chronischen Schmerzen habe, so Prof. Dr. Claudia Sommer, Präsidentin der Deutschen Schmerzgesellschaft, in einem bisher nicht gerechtfertigten Maß Hoffnung auf ein wirksames und vermeintlich natürliches Arzneimittel geschürt. 

„Wir haben als wissenschaftliche Fachgesellschaften die Verantwortung, Patientinnen und Patienten so exakt wie möglich über den aktuell noch unzulänglichen Wissensstand zu informieren, deshalb dieser Appell.“ Entsprechend sei auch die eigene Zunft, die medizinischen Fachgesellschaften, dazu aufgerufen, interdisziplinäre Leitlinien zum Umgang mit cannabisbasierten Arzneimitteln zu erstellen.

Unzureichende Studienlage: Forschung ist dringend erforderlich!

„Da Zulassungsstudien fehlen, mangelt es auch an Informationen zu Indikationen, Dosierung, Darreichungsform, Anwendungsdauer, Gegenanzeigen, Risiken oder Nebenwirkungen – es gibt keine Fachinformation für Cannabisblüten. Auch wurde bisher die Häufigkeit von Risiken nicht erfasst.“, erläutert Prof. Dr. Ursula Havemann-Reinecke, Leiterin des Referates für Abhängigkeitserkrankungen der DGPPN und Mitglied des Vorstandes der DG-Sucht sowie des wissenschaftlichen Kuratoriums der DHS. „Es gibt kaum Studien zur Langzeitwirkung.

Wir wissen deshalb nicht, wie hoch das Risiko einer Abhängigkeitsentwicklung ist. Es ist unklar, welchen Menschen von der Behandlung mit Cannabisarznei abgeraten werden sollte.“ ergänzt Privat-Dozentin Dr. Eva Hoch, die mit ihrer For-schungsgruppe im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit eine große Meta-Studie zu Potenzial und Risiken von Cannabinoiden durchführte.

„Wir möchten alle Ärztinnen und Ärzte dazu aufrufen, die betäubungsmittelrechtlichen Regularien in der Verschreibung von Cannabispräparaten zu beachten und an der Begleiterhebung teilzunehmen.“ betont Prof. Dr. Lukas Radbruch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, und appelliert an seine Kolleginnen und Kollegen:

„Bringen Sie die von Ihnen behandelten Patienten in die Forschung ein. Beteiligen Sie sich an der Veröffentlichung von Fallserien, damit wir in den nächsten Jahren Wirkungen und Risiken besser erfassen und damit die Indikationen klarer definieren können.“ In der Stellungnahme gehen die Fachgesellschaften auf spezifische Anforderungen in der Schmerzmedizin, Palliativmedizin und Neurologie ein. So betont Prof. Peter Berlit, Generalsekretär Deutsche Gesellschaft für Neurologie, dass für die symptomatische Therapie der Spastik bei Multipler Sklerose (MS) ist ein Cannabinoid als Spray zugelassen ist.

Aber auch bei dieser Indikation müssen die potentiellen psychiatrischen und kognitiven Nebenwirkungen beachtet und weiter untersucht werden.

Ärztinnen und Ärzte tragen eine besondere Verantwortung

Das Wissen von Ärzten zu Cannabisblüten ist nach Ansicht der Fachgesellschaften unzureichend. Der Informationsmangel wurde von der Cannabisindustrie bereits aufgegriffen; diese setzen erhebliche Summen für gezielte Werbeaktivitäten über Onlineportale oder Beilagen in Fachzeitschriften (zum Beispiel auch im renommierten Deutschen Ärzteblatt) ein. Bedenklich sei dabei, dass Autoren ohne Bezugnahme auf den internationalen Wissensstand, sondern eher aufgrund ihrer eigenen klinischen Erfahrungen und Positionen einen breiten Indikationsbereich von cannabisbasierten Arz-neimitteln propagieren würden.

Vor dem Hintergrund einer häufig ungenügenden oder spärlichen Studien- und Informationslage bittet Prof. Dr. Anil Batra, Vorsitzender der Deutschen Suchtgesellschaft (Dachverband der Sucht-fachgesellschaften (DSG)), Ärztinnen und Ärzten um eine kritische Prüfung dieser Publikationen, insbesondere aber auch um einen sorgfältigen Umgang mit cannabisbasierten Arzneimitteln, besonders bezüglich spezifischer Patientengruppen:

„Beachten Sie Kontraindikationen wie Anwendung bei Kindern und Jugendlichen, Schwangeren, Personen mit Abhängigkeitserkrankungen, Psychosen und anderen psychischen Störungen und mit schweren Herzkreislauferkrankungen.“ Prof. Dr. Rainer Thomasius, Vorsitzender der Suchtkommission der kinder- und jugendpsychiatrischen Fachgesellschaft und Verbände, verweist auf Kontraindikationen für den Einsatz im Kindes- und Jugendalter:

"Die epigenetischen und neuromodulatorischen Effekte der Cannabinoide stören den altersgerechten Reifungsprozess des zentralen Nervensystems mit der möglichen Folge von Lernstörungen, Intelligenzeinbußen und Suchtentwicklung".

Der Appell richtet sich auch an die Politik: „Unterstützen Sie die Forschungsförderung im Bereich der cannabisbasierten Arzneimittel, die sowohl randomisierte kontrollierte Studien als auch andere Forschungsansätze wie Patientenregister und Fallserien beinhaltet. Ergebnisse dieser Studien sind eine bessere Grundlage für die Anwendung von medizinischen Cannabisprodukten als die bisherigen Erkenntnisse.“

https://www.dgpalliativmedizin.de/phocadownload/stellungnahmen/20190417_Appell_M...

Medizinalcannabis und cannabisbasierte Arzneimittel: 

Ein Appell für einen verantwortungsvollen Umgang: Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) – Referat Abhängigkeitserkrankungen, Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie, Deutsche Suchtgesellschaft – Dachverband der Suchtfachgesellschaften (DSG, Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie, Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin, Deutsche Gesellschaft für Suchtpsychologie), Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP), Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (BKJPP), Bundesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Klinikärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (BAG KJPP), Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Deutsche Schmerzgesellschaft, Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin

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Einladung zur Studie: Phänomen Intuition: Bauchgefühl Entscheidungen versus Depressionen

Medizin am Abend Berlin MaAB - Fazit: Wie Depressionen unser Bauchgefühl stören

Thema eines neuen psychologischen Forschungsprojekts der Freien Universität ist der Zusammenhang zwischen Depressionen und intuitiven Entscheidungen. 

Erste Forschungsergebnisse des Teams unter der Leitung der Psychologin Dr. Carina Remmers legen nahe, dass es psychisch gesunden Personen leichter fällt, Entscheidungen intuitiv zu treffen als depressiven Personen. 

Menschen, die akut an einer Despression leiden, hätten – gemäß der Studie – auch vergleichsweise größere Schwierigkeiten, semantische Sinnzusammenhänge und -muster zu erkennen.

Für ein Labor-Experiment werden noch Teilnehmerinnen und Teilnehmer gesucht. 

Weitere Informationen per E-Mail: bauchoderkopf@psychologie.fu-berlin.de 
 
Bisher noch ungeklärt ist die Frage, wie eine Depression die Informationsverarbeitung intuitiver Entscheidungen genau beeinflusst.


Das Forschungsprojekt am Arbeitsbereich Klinisch-Psychologische Intervention, der von Prof. Dr. Christine Knaevelsrud geleitet wird, soll nun die zugrundeliegenden kognitiv-affektiven Mechanismen sogenannter intuitiver Kohärenzurteile offenlegen. 

Die Studie wird von der Forschungskommission der Freien Universität gefördert.

  • Das Phänomen Intuition – „Ich weiß etwas, ohne zu wissen warum“ – ist in der Psychologie ein breites Forschungsfeld mit vielen unerforschten Fragen. 

Menschen entscheiden häufig intuitiv – sprichwörtlich nicht mit dem Kopf, sondern aus dem Bauch heraus. 

Sie wissen oder erahnen „einfach“ etwas, ohne die Gründe dafür nennen zu können.

Diese „Bauchentscheidungen“ sind also nicht das Ergebnis bewussten Nachdenkens und Schlussfolgerns, sondern sie entstehen unbewusst.

Oft gehen sie mit Emotionen einher, etwa einem Gefühl der Richtigkeit und des Sinnerlebens. 

Dem Verstand verbleibt es zu prüfen, ob die Eingebungen in tatsächliches Handeln umgesetzt werden.

Die zugrundeliegenden kognitiven Prozesse basieren dabei auf Erfahrung, laufen schnell und unwissentlich ab, und ermöglichen das mühelose Zusammensetzen vieler verstreuter Aspekte zu einem kohärenten Ganzen.

So erschließen sich Sinnzusammenhänge quasi von selbst – unbewusst. Depressionen können diese Prozesse jedoch beeinträchtigen. 

  • Das Denken erscheint verengt, grüblerisch und verliert seine assoziativ-holistischen und intuitiven Spielräume. 

Eine frühere Studie von Dr. Carina Remmers und ihren Kolleginnen und Kollegen konnte diese Beobachtungen bereits empirisch belegen.

Die genauen Zusammenhänge zwischen Depression und Intuition sind allerdings noch unbekannt.

Für die aktuelle Studie sucht das Forschungsteam weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Sie sollten volljährig sein und derzeit an keiner Depression oder einer anderen Störung leiden.

Die Probandinnen und Probanden erhalten für ihre Teilnahme einen Gutschein im Wert von 5 Euro. Weitere

Informationen per E-Mail: bauchoderkopf@psychologie.fu-berlin.de

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Dr. Carina Remmers
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Telefon: 030 838-63816
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Raphael Rönn
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Kaiserswerther Str. 16-18
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Diagnose von zeckenübertragbaren Krankheiten wie Borreliose oder FSME

Medizin am Abend Berlin Fazit: Diagnostik von durch Zecken übertragbare Krankheiten

Eine genaue Diagnose von zeckenübertragbaren Krankheiten wie Borreliose oder FSME gestaltet sich als schwierig. 

Labore können Zecken zwar auf die Erreger untersuchen und diese nachweisen. 

Problematisch ist das aber dann, wenn die Oberfläche der Tiere durch Fremdstoffe verunreinigt ist. 

Dies kann zu verfälschten Ergebnissen führen. 

Angeline Hoffmann und Prof. Dr. Matthias Noll vom Institut für Bioanalytik der Hochschule Coburg entwickeln ein Dekontaminierungsverfahren, das die Zecke im Vorfeld der Analyse reinigt. 
 
Die Temperaturen steigen, Gräser und Blumen blühen.

Jetzt erwacht die Zecke aus ihrer Winterstarre. 

Vor allem der gemeine Holzbock ist in Süddeutschland weit verbreitet und fühlt sich in den warmen Temperaturen und der Luftfeuchtigkeit in diesen Regionen wohl.

Das harmlos erscheinende Tier kann für den Menschen eine große Gefahr werden. 

  • Denn in seinem Magen trägt es Bakterien, Viren und andere Krankheitserreger, die schwerwiegende Erkrankungen auslösen können.
  • Vor allem Borreliose und die Frühsommer-Meningoenzephalitis, kurz FSME, sind in Mitteleuropa bestens bekannt. 

Die genaue Diagnose gestaltet sich oftmals aber schwierig.

Grippeähnliche Symptome könnten ein erstes Indiz sein. 
  • Im Blut lassen sich Antikörper aber erst nach zwei bis vier Wochen feststellen, was die genaue Diagnose im Frühstadium erschwert. 

Liegen erste Anzeichen auf der Hand, so können Mediziner die Zecke, falls noch vorhanden, in ein Labor einsenden.

Mit einem Einzelerreger-Nachweis lässt sich feststellen, ob das Tier den FSME-Virus in sich trägt.

Das Problem:

Ist die Zecke durch Fremdstoffe, beispielsweise durch menschlichen Schweiß, kontaminiert, kann das Ergebnis verfälscht sein. 


Angeline Hoffmann und Professor Noll vom Institut für Bioanalytik der Hochschule Coburg forschen an einer Methode, um Zecken im Vorfeld der Analyse zu dekontaminieren.

Sie untersuchen vier Dekontaminationsstrategien, die helfen sollen, Fremderreger zu beseitigen.

So soll eine Analyse ermöglicht werden, die genau und unverfälscht ist.

Im Vorfeld der Versuche wird die Zecke mit einer fest definierten Mischung aus unterschiedlichen Fremdstoffen versetzt, die anschließend durch die verschiedenen Dekontaminationsstrategien eliminiert werden sollen.

Dieses Vorhaben wird zusammen mit Synlab Labordiagnostik, dem Öffentlichen Gesundheitsdienst sowie dem Nationalen Referenzzentrum für Borreliose umgesetzt.


Erste Ergebnisse stellte Angeline Hoffmann auf dem 13. Internationalen Symposiums über Zecken und durch Zecken übertragbare Krankheiten in Weimar vor.

Im Zuge ihrer Promotion sollen die Methoden weiter verbessert und so neue Therapiemöglichkeiten für von Zecken übertragbare Krankheiten entstehen.

Anknüpfend an das Forschungsgebiet des Instituts für Bioanalytik sollen weitere Krankheitserreger, die bisher bei Zecken aus Deutschland noch nicht beschrieben worden sind, detektiert und eine zuverlässige Diagnostik etablieren werden.

Ebenso sollen Multierreger-Nachweise möglich sein.

Dabei kann die Zecke in einer Analyse auf verschiedene Mikroben gleichzeitig getestet werden.

  • Unnötige präventive Maßnahmen wie eine Antibiotikagabe bei Borrelioseverdacht könnten so vermieden werden. 

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Marmorknochenkrankheit (OsteoPETROSE) Behandlung

Medizin am Abend Berlin Fazit: Neue Therapiemöglichkeit für Marmorknochenkrankheit

Die Marmorknochenkrankheit (Osteopetrose) ist eine meist genetisch bedingte Krankheit, die durch das Fehlen oder die Unterfunktion von knochenabbauenden Zellen (Osteoklasten) verursacht wird. 

Dadurch kommt es zu erheblichen Störungen der Knochenstruktur und mechanischen Stabilität. 

Eine Knochenmarktransplantation ist die derzeit einzige Behandlungsmöglichkeit, die aber oft nur partiell erfolgreich ist. 

Forscher des Leibniz-Instituts für Alternsforschung (FLI) in Jena haben jetzt im Mausmodell entdeckt, dass Osteoklasten einen anderen zellulären Ursprung haben als bisher angenommen. 

Damit eröffnen sich neue therapeutische Optionen zur Osteopetrose-Behandlung. 

Bei der Marmorknochenkrankheit (Osteopetrose) wird durch fehlerhafte knochenabbauende Zellen (Osteoklasten) stetig Knochengewebe angehäuft (r.), so dass die Mikroarchitektur des Knochens gestört ist.
Bei der Marmorknochenkrankheit (Osteopetrose) wird durch fehlerhafte knochenabbauende Zellen (Osteoklasten) stetig Knochengewebe angehäuft (r.), so dass die Mikroarchitektur des Knochens gestört ist. (Quelle: Gruppe Waskow / FLI)
 
Die Osteopetrose, auch Marmorknochenkrankheit genannt, ist eine meist genetisch bedingte Krankheit, die durch das Fehlen oder die Unterfunktion von knochenabbauenden Zellen, den Osteoklasten, verursacht wird.

  • Durch die stetige Anhäufung von Knochengewebe wird die Mikroarchitektur des Knochens gestört und die mechanische Stabilität gemindert. 
  • Trotz der erheblichen Vermehrung von Knochenmasse neigen die Patienten häufig zu Knochenbrüchen, die oft nur schwer verheilen. 
  • Darüber hinaus können schwere Knochen- und Gesichtsdeformationen, Zahnlosigkeit und Blindheit auftreten.

Osteoklasten sind Zellen, die direkt am Knochen anliegen und für den kontinuierlich stattfindenden Knochenabbau verantwortlich sind. Fehlen Osteoklasten oder sind sie defekt, dann wird keine Knochenmatrix mehr abgebaut.

Es kommt zur Knochenverdickung und zum Fehlen von Knochenaussparungen, die aber wichtig sind für z.B. den Durchbruch von Zähnen, die direkte Verbindung zwischen den Augen und dem Gehirn über den Sehnerv, und auch für die Blutstammzellen, die im Knochenmark ansiedeln und lebenslang für die Blutbildung verantwortlich sind.

Deshalb ist das Krankheitsbild der Marmorknochenkrankheit sehr divers.

  • Die Behandlungsmethode der Wahl ist die Bereitstellung von normalen Blutstammzellen aus gesunden Patienten über eine Knochenmarktransplantation. 
Jedoch sind die Nebeneffekte einer Transplantation oft sehr schwerwiegend und die Erfolgsaussichten mit 40-60% relativ gering. 

Alternative Behandlungsmethoden sind daher wünschenswert. Bisher ging man davon aus, dass durch eine Knochenmarktransplantation neue blutbildende Stammzellen zur Verfügung gestellt werden, aus denen sich gesunde Osteoklasten entwickeln können. Forscher konnten nun aber nachweisen, dass die Osteoklasten in Wirklichkeit einen ganz anderen Ursprung haben.

Forschern um Prof. Dr. Claudia Waskow, Seniorgruppenleiterin am Jenaer Leibniz-Institut für Alternsforschung und der Technischen Universität Dresden sowie Professorin an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, gelang es in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern vom Memorial Sloan Kettering Institute in New York, USA, im Mausmodell zu zeigen, dass Osteoklasten einen anderen Ursprung haben, als bisher angenommen. Sie nutzten dieses Wissen, um eine neue therapeutische Methode zur Prävention bzw. Behandlung der Marmorknochenkrankeit in der Maus erfolgreich zu testen. Die Ergebnisse sind jetzt in der Fachzeitschrift Nature erschienen.

Osteoklasten werden im Embryo gebildet und bleiben lebenslang erhalten

„Wir fanden heraus, dass die Osteoklasten sich nicht aus den blutbildenden Stammzellen im erwachsenen Tier bilden, sondern bereits im Embryo gebildet werden“, berichtet die Biologin und Alternsforscherin. „Sie entwickeln sich aus Erythro-Myeloiden-Vorläuferzellen, einem Stammzelltyp, der nur während einer kurzen Zeitspanne existiert und aktiv ist“.

In dieser Entwicklungsphase bilden sich neben den Osteoklasten noch weitere Fresszelltypen, die ebenfalls lebenslang in den Geweben verbleiben und deren Funktion zurzeit intensiv erforscht wird.

Die Osteoklasten wandern in die Knochenanlagen ein, die zu diesem Zeitpunkt noch sehr weich sind, und fangen an, Knochensubstanz abzubauen. Das führt zur Entstehung von Knochenmarkhöhlen.

Osteoklasten halten sich mit Hilfe jüngerer Zellen fit

Das Forscherteam um Prof. Waskow konnte weiterhin zeigen, wie sich Osteoklasten jung halten.

  • Dafür fusionieren die Osteoklasten im Erwachsenenalter mit speziellen Blutzellen, den Monozyten. 

Durch diese Verbindung wird der Zellkern des jungen Monozyten dem bereits bestehenden Osteoklasten hinzugefügt; der Kern der jungen Monozyten-Zelle bleibt in der älteren Empfängerzelle aktiv.

 „Wir konnten diesen Transfer durch spezielle Färbungsexperimente im Mausmodell bestätigen, indem sich nur die Osteoklasten farblich veränderten“, erklärt Prof. Waskow. Die Experimente wiesen nach, dass das genetische Material des Spenderzellkerns in den Empfängerzellen, den Osteoklasten, weiterhin aktiv war.

Den Forschern gelang darüber hinaus der Nachweis, dass sich mit Hilfe des Transfers von Monozyten aus gesunden Spendertieren in ein an Marmorknochenkrankheit-leidendes Tier die Osteopetrose verbessern lässt.

 “Unsere Experimente könnten die Grundlage für eine neue Behandlungsstrategie für Patienten darstellen, die dann nicht mehr den schweren Nebenwirkungen einer Knochenmarktransplantation ausgesetzt wären und bessere Heilungschancen hätten,“ prognostiziert Prof. Waskow die Studienergebnisse.

Publikation
Christian E. Jacome-Galarza, Gulce I. Percin, James T. Muller, Elvira Mass, Tomi Lazarov, Jiri Eitler, Martina Rauner, Vijay K. Yadav, Lucile Crozet, Mathieu Bohm, Pierre-Louis Loyher, Gerard Karsenty, Claudia Waskow, Frederic Geissmann. Developmental origin, functional maintenance, and genetic rescue of osteoclasts. Nature (2019).
DOI: https://doi.org/10.1038/s41586-019-1105-7.

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Originalpublikation:
Christian E. Jacome-Galarza, Gulce I. Percin, James T. Muller, Elvira Mass, Tomi Lazarov, Jiri Eitler, Martina Rauner, Vijay K. Yadav, Lucile Crozet, Mathieu Bohm, Pierre-Louis Loyher, Gerard Karsenty, Claudia Waskow, Frederic Geissmann. Developmental origin, functional maintenance, and genetic rescue of osteoclasts. Nature (2019).
DOI: https://doi.org/10.1038/s41586-019-1105-7.

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Medizin am Abend Berlin Fazit: Deutsche, Israelis und Palästinenser wollen gemeinsam die Marmorknochenkrankheit besiegen

In einem trilateralen Projekt wollen deutsche, israelische und palästinensische Wissenschaftler die Marmorknochenkrankheit (Osteopetrose) erforschen. 

  • Diese eigentlich seltene Erbkrankheit kommt in palästinensischen Großfamilien auffällig häufig vor. 

Im Zuge des Forschungsprojekts ist es den Wissenschaftlern um Prof. Jan Tuckermann von der Universität Ulm nicht nur gelungen, die Stammbäume betroffener Familien zu rekonstruieren. 

Sie haben zudem wichtige molekulare Grundlagen der Osteopetrose aufgedeckt. 

Der politisch angespannten Lage zum Trotz arbeiten die Forschenden hervorragend zusammen: Kinder mit der lebensbedrohlichen Krankheit werden in israelischen Krankenhäusern behandelt. 

Oben: Oberschenkel-CT einer gesunden Maus und eines Osteopetrose-Mausmodells (rechts). Unten: Eingefärbte Oberschenkel-Schnitte einer gesunden Maus und eines Osteopetrose-Modells (rechts)
 Oben: Oberschenkel-CT einer gesunden Maus und eines Osteopetrose-Mausmodells (rechts). Unten: Eingefärbte Oberschenkel-Schnitte einer gesunden Maus und eines Osteopetrose-Modells (rechts) Abbildung: Merle Stein
 
Die „Marmorknochenkrankheit“ (Osteopetrose) ist eine Erberkrankung mit schweren Folgen: Durch eine Störung beim Knochenabbau und einer dementsprechend erhöhten Knochendichte ist das Wachstum betroffener Kinder gehemmt. Darüber hinaus kann eine Schädigung der Hirn- und Sehnerven zu geistigen Defiziten und zur Erblindung führen. Eigentlich gilt die Osteopetrose als seltene Erkrankung, doch bei palästinensischen Großfamilien tritt sie auffällig häufig auf. Um die Ursachen dieser Erbkrankheit zu ergründen und neue Therapieansätze zu entwickeln, bündeln deutsche, israelische und palästinensische Forschende ihre Kompetenzen. Ihre Forschungsergebnisse kommen nicht nur von Osteopetrose betroffenen Familien in den Palästinensergebieten zugute, sie könnten auch zu einem tieferen Verständnis der Volkskrankheit Osteoporose („Knochenschwund“) führen. Nun hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) eine Weiterförderung des trilateralen Projekts bis 2022 mit rund 570 000 Euro beschlossen.

Ein ausgeglichener Knochenauf- und -abbau ist die Grundlage eines gesunden Skeletts.

Bei häufigen Erkrankungen wie Osteoporose oder bei der seltene Marmorknochenkrankheit (Osteopetrose) ist diese Balance gestört. Wird die Erbkrankheit Osteopetrose frühzeitig erkannt, können betroffene Kinder durch eine Knochenmarktransplantation geheilt werden – doch diese Behandlung ist riskant. Jetzt wurde bei Osteopetrose-Patienten aus den besonders betroffenen Palästinensergebieten eine Erbgutveränderung entdeckt, die der Schlüssel zu alternativen Therapieansätzen sein könnte. Dieser Erbgutveränderung geht eine internationale Forschergruppe um den Ulmer Biologen Professor Jan Tuckermann auf den Grund – insbesondere mithilfe von genetischen und zellbiologischen Methoden. In ihrem trilateralen Forschungsprojekt arbeiten die Naturwissenschaftler der federführenden Universität Ulm eng mit dem renommierten israelischen Weizmann-Institut sowie mit der Bethlehem University (Palästinensische Autonomiegebiete) zusammen.

Als erster Erfolg ist es den Forschenden gelungen, die Stammbäume von Trägern der Erbgutveränderung zu rekonstruieren und zu erweitern: Es handelt sich um zwei palästinensische Großfamilien, in denen oftmals arrangierte Eheschließungen unter Cousinen und Cousins zu einer Verbreitung der mit Osteopetrose verbundenen Mutation geführt haben. „Aufgrund unserer Ergebnisse konnten wir eine Aufklärungskampagne anstoßen. Zudem soll im Heimatdorf der betroffenen Familien eine Außenstelle des Krankenhauses in Hebron aufgebaut werden“, berichtete der palästinensische Wissenschaftler Professor Moien Kanaan.

Und auch den molekularen Ursachen der Marmorknochenkrankheit sind die Forschenden auf der Spur: Ausgehend von der neu entdeckten Mutation haben die israelischen Kooperationspartner um Professor Ari Elson die Osteopetrose in Mausmodellen simuliert. So können die Forschenden die Auswirkung der Erbgutveränderung bis auf die molekulare Ebene ergründen. „Als Ursache der Osteopetrose hatten wir mit einer fehlerhaften Bildung der knochenabbauenden Zellen, der so genannten Osteoklasten, gerechnet. Doch im Modell haben wir einen ganz anderen Mechanismus entdeckt: Tatsächlich vereinigen sich Vorläuferzellen aus dem blutbildenden System zu gigantischen Osteoklasten. Eine ,Bremse‘, die den Fusionsprozess stoppt, greift hier nicht“, erklärt Professor Jan Tuckermann. Die Bildung dieser Riesenzellen könnte also Krankheitsursache und therapeutischer Ansatzpunkt sein. Wie beim menschlichen Patienten bessern sich die Symptome der Osteopetrose im Mausmodell nach einer Knochenmarktransplantation: Die Größe der „Riesenzellen“ normalisiert sich und auch die Anzahl knochenaufbauender Zellen (Osteoblasten) steigt wieder an. Im Modell hatten die Forschenden nämlich weiterhin eine Abnahme der Osteoblasten beobachtet – womöglich durch eine fehlerhafte Informationsübertragung zwischen knochenabbauenden und knochenaufbauenden Zellen.

Würde es gelingen, bei der Osteoklastenfusion die molekulare Bremse anzuziehen und somit die Bildung von Riesenzellen zu verhindern, könnte das Fortschreiten der Marmorknochenkrankheit gestoppt werden. Von dieser Erkenntnis würden nicht nur von Osteopetrose betroffene palästinensische Familien profitieren. Auch bei der Volkskrankheit Osteoporose, bei der zu viel Knochen abgebaut wird, scheint die molekulare Bremse eine Rolle zu spielen. Somit könnte ein tieferes Verständnis einer seltenen Erbkrankheit (Häufigkeit ca. 1:200 000) rund acht Millionen Osteoporose-Patienten alleine in Deutschland zugutekommen.

Das Forschungsprojekt wird als „Trilaterale Fernost-Kooperation“ seit 2016 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit insgesamt rund 1,5 Millionen Euro gefördert und hat in mehreren Ländern zur Gründung neuer Osteopetrose-Konsortien beigetragen – in Europa unter Beteiligung der Professoren Jan Tuckermann und Ansgar Schulz von der Ulmer Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin.

„Allen politischen Widrigkeiten zum Trotz, arbeiten die deutschen, israelischen und palästinensischen Forschenden hervorragend im Projekt zusammen. Palästinensische Kinder mit Osteopetrose werden seit jeher in israelischen Krankenhäusern behandelt“, resümiert Professor Tuckermann.

Prof. Jan Tuckermann, Leiter des Instituts für Molekulare Endokrinologie der Tiere, forscht mit israelischen und palästinensischen Wissenschaftlern zur Erbkrankheit Osteopetrose Prof. Jan Tuckermann, Leiter des Instituts für Molekulare Endokrinologie der Tiere, forscht mit israelischen und palästinensischen Wissenschaftlern zur Erbkrankheit Osteopetrose
Foto: Eberhardt/Uni Ulm

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