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Die Landwirtschaftlichen Luftverschmutzungen: Todesfälle

Medizin am Abend Berlin Fazit: Weniger Dünger reduziert die Feinstaubbelastung

Die Senkung landwirtschaftlicher Ammoniakemissionen kann die Sterblichkeit durch Luftverschmutzung erheblich reduzieren.


Für Feinstaub gibt es viele Quellen – nicht nur den Verkehr, der dafür derzeit besonders viel Aufmerksamkeit erfährt.

Eine wichtige Quelle für Feinstaub: Landwirtschaftliche Ammoniakemissionen aus Düngung und Viehzucht. Eine wichtige Quelle für Feinstaub: Landwirtschaftliche Ammoniakemissionen aus Düngung und Viehzucht.
Wald1siedel/Creative-Commons Lizenz

Auch eine Reduktion landwirtschaftlicher Emissionen könnte die Menge an gesundheitsschädlichem Feinstaub erheblich senken, wie eine Studie von Forschern des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz zeigt. Die Wissenschaftler berechneten, dass speziell in Europa und Nordamerika durch die Verringerung von Ammoniakemissionen (NH3) aus Düngung und Viehzucht die Konzentration an Feinstaubpartikeln in der Atmosphäre stark abnehmen würde.

Wären die landwirtschaftlichen Emissionen um 50 Prozent niedriger, könnten demnach pro Jahr weltweit 250.000 Todesfälle, die auf Luftverschmutzung zurückzuführen sind, vermieden werden. Die Ergebnisse wurden in Atmospheric Chemistry and Physics, einer Zeitschrift der European Geosciences Union, veröffentlicht.
  • Feinstaubpartikel mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometern (PM2,5) sind laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) besonders gesundheitsschädlich, weil die Partikel tief in die Lunge eindringen und Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen verursachen können. 
Auf diese Weise verringern sie die Lebenserwartung in vielen Gegenden der Welt deutlich. Laut der Studie „Global Burden of Disease” liegt Luftverschmutzung weltweit auf Platz fünf der Risikofaktoren für Todesursachen.

Die Studie, an der mehr als 1800 Wissenschaftler beteiligt sind, quantifiziert Todesfällen nach Krankheit, Unfällen und Risikofaktoren.

“Öffentlich wird derzeit vor allem die Feinstaubbelastung durch den Verkehr diskutiert, andere Quellen wie etwa die Landwirtschaft werden dabei vernachlässigt“, sagt Jos Lelieveld, Direktor der Abteilung Atmosphärenchemie am Mainzer Institut.

Zwar können die Feinstaubemissionen von motorisierten Fahrzeugen entscheidend zur lokalen Luftbelastung in Ballungszentren beitragen, der meiste Feinstaub (PM2,5) entsteht aber erst durch chemische Prozesse in der Atmosphäre während des Windtransports. „Daher könnte die Konzentration der Feinstaubteilchen in der Atmosphäre deutlich sinken, wenn Ammoniakemissionen in der Landwirtschaft vermieden würde“, so Lelieveld, dessen Forschungsteam dies mit aktuellen Berechnungen belegt.

  • Ammoniak reagiert zu Salzen, aus denen Feinstaub entsteht

In ihrer früheren Studie wiesen Max-Planck-Forscher daraufhin, dass im Jahr 2010 weltweit 3,3 Millionen Menschen vorzeitig an den Folgen von Luftverschmutzung starben. Zwischenzeitlich sind die Schätzungen für die letzten Jahre wieder deutlich angestiegen. Die Wissenschaftler betonen, dass in vielen Regionen der Erde nicht Industrie und Verkehr, wie allgemein angenommen, die Hauptquelle für Luftverschmutzung sind, sondern dass, neben der Nutzung von Brennstoffen zum Heizen und Kochen, die Landwirtschaft eine wichtige Rolle spielen kann.

Als wichtigste Ursache für die Luftbelastung, speziell in weiten Teilen Europas, haben die Wissenschaftler die Freisetzung von Ammoniak aus Viehzucht und Düngung identifiziert
Zwar ist der im Ammonium enthaltene Stickstoff ein wichtiger Nährstoff für Pflanzen. Ammoniak entweicht durch die Zersetzung von Gülle und durch die Düngung von Nutzpflanzen jedoch in die Atmosphäre und reagiert dort mit anderen anorganischen Stoffen, wie Schwefel- und Salpetersäure zu Ammoniumsulfat und Nitratsalzen. Hieraus wiederum entstehen Feinstaubpartikel.
50 Prozent weniger NH3 würde weltweit jährlich 250.000 Todesfälle verhindern

Bei ihrer aktuellen Studie konzentrierten sich die Wissenschaftler auf vier Regionen, in denen die Grenzwerte der Luftverschmutzung häufig überschritten werden: Nordamerika, Europa, Süd- und Ostasien. Ihre Berechnungen zeigten, dass eine Reduzierung aller landwirtschaftlichen Emissionen um 50 Prozent weltweit eine Abnahme von rund acht Prozent der durch Luftverschmutzung verursachten vorzeitigen Sterbefälle bewirken würde. Das entspricht einer Zahl von 250.000 Menschen pro Jahr. Ein kompletter Stopp sämtlicher Ammoniakemissionen könnte theoretisch weltweit sogar 800.000 Menschen vor dem Tod durch Krankheiten bewahren, die durch Luftverschmutzung ausgelöst werden.

„Der Effekt der Ammoniakreduktion auf die Feinstaubbildung verläuft nicht linear. Eine effiziente Luftverbesserung setzt erst ab einem bestimmten Reduktionswert ein. Ab diesem Punkt ist die Wirkung dann aber exponentiell“, erläutert Andrea Pozzer, Gruppenleiter am Max-Planck-Institut für Chemie und Hauptautor der Studie. Eine Verringerung der Ammoniakemissionen von über 50 Prozent wäre deshalb, so Pozzer weiter, sehr effektiv und wünschenswert.

Von weniger Ammoniakemissionen würde Europa besonders profitieren

Die Mortalitätsraten ermittelten die Wissenschaftler in zwei Schritten: Zunächst errechneten sie mithilfe eines Modells der Atmosphärenchemie, wie viel weniger Feinstaub bei geringeren Ammoniakkonzentrationen entstehen würde. Demnach hätte eine weltweite Halbierung der Emissionen in Europa 11 Prozent, in den USA 19 Prozent und in China 34 Prozent weniger Feinstaub der Größe PM2,5 zur Folge. In Deutschland lag die durchschnittliche Belastung mit Feinstaub dieser Größe im Jahr 2015 bei rund 14 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, würde im 50 Prozent Minderungsszenario der Mainzer Forscher also etwa auf 12,5 Mikrogramm pro Kubikmeter sinken.

Anhand eines weiteren Modells, das beschreibt, welche gesundheitlichen Effekte bei welcher Feinstaubexposition auftreten, berechneten die Forscher dann den Einfluss auf die Sterberate durch Lungenkrebs, Herz-Kreislauf- und Atemwegskrankheiten. Besonders Europa würde von einer Minderung der Ammoniakemissionen und der dadurch geringeren Feinstaubmengen profitieren: So würde eine europaweite NH3-Reduktion um 50 Prozent die PM2,5 Sterblichkeitsrate um fast 20 Prozent verringern, sodass etwa 50.000 Todesfälle pro Jahr vermieden werden könnten.

In den USA hätte eine Ammoniakreduzierung in dieser Größenordnung eine Abnahme der luftverschmutzungsbedingten Sterblichkeitsrate um 30 Prozent zur Folge, berechneten Andrea Pozzer und seine Kollegen. Dagegen ergaben die Computermodelle geringere Verbesserungen für Ostasien mit acht Prozent und nur drei Prozent für Südasien.

Aufgrund der Ergebnisse schlussfolgert Jos Lelieveld:

„Emissionsregelungen sollten insbesondere in Nordamerika und Europa striktere Grenzwerte für Ammoniak festlegen, um die Feinstaubkonzentrationen effektiv zu reduzieren.“

Maßnahmen zur Reduktion von Schwefeldioxid (SO2) und Stickoxiden (NOx), seien für die Luftreinhaltung zwar entscheidend wichtig, sollten aber durch die Minderung von Ammonium aus der Landwirtschaft, die sich auch relativ einfach umsetzen lässt, ergänzt werden. (AR/SB/PH)


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Teures Medikament - mehr Nebenwirkungen?

Medizin am Abend Berlin Fazit: Nocebo-Effekt: Verursacht teures Scheinmedikament stärkere Nebenwirkungen als ein günstiges?

  • Sagt man Patienten, dass ein bestimmtes Medikament Nebenwirkungen hervorrufen kann, setzen diese häufig auch ein – selbst wenn es sich um ein wirkstofffreies Scheinmedikament handelt. 
  • Dieser sogenannte Nocebo-Effekt wird noch verstärkt, wenn die Patienten Wertinformationen über das vermeintliche Medikament erhalten. 
Ein teures Scheinmedikament verursacht im Test stärkere Nebenwirkungen als ein günstiges. 

Wissenschaftler des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) haben diese Zusammenhänge jetzt in einer Studie untersucht; ihre Ergebnisse erscheinen am Freitag im renommierten Fachmagazin Science. 
 
Zurückzuführen ist dieses Phänomen auf die Erwartungshaltung der Patienten, die sich mit bildgebenden Verfahren sogar darstellen lässt.

„Bei Erwartungseffekten ist das modulierende Schmerzsystem von großer Bedeutung. Erwartungen, die im Frontalhirn entstehen, können über das modulierende Schmerzsystem die Verarbeitung von schmerzhaften Reizen in tieferen Regionen des Nervensystems wie dem Hirnstamm oder dem Rückenmark beeinflussen“, erläutert Alexandra Tinnermann, Wissenschaftlerin im Institut für Systemische Neurowissenschaften des UKE. Um das modulierende Schmerzsystem unter negativen Erwartungen untersuchen zu können, haben sie eine neue Methode der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) angewandt.

„Wir konnten in unserer Untersuchung zeigen, dass negative Erwartungen Auswirkungen auf drei wichtige Areale des modulieren-den Schmerzsystems – auf Frontalhirn, Hirnstamm und Rückenmark – haben.“

Placebo- und Nocebo-Effekt
 
In klinischen Studien berichten Patienten, die in der Placebo-Gruppe sind und dementsprechend ein Medikament ohne Wirkstoff erhalten haben, häufig von Nebenwirkungen. Diese passen oft genau zu den möglichen Nebenwirkungen des eigentlichen Medikamentes. Ein Scheinmedikament kann also nicht nur zur Besserung der Symptome beitragen (Placebo-Effekt), sondern auch die Nebenwirkungen des eigentlichen Medikaments hervorrufen (Nocebo-Effekt). „In unserer Studie haben wir untersucht, wie sich Wertinformationen über ein Medikament auf den Nocebo-Effekt auswirken“, sagt Wissenschaftlerin Tinnermann. Dazu erhielten die Probanden ein Scheinmedikament ohne medizinischen Wirkstoff. Um eine negative Erwartung zu wecken, wurde den Probanden mitgeteilt, dass das Medikament Nebenwirkungen hervorrufen kann, die zu einem erhöhten Schmerzempfinden führen. Zusätzlich zu dieser negativen Erwartung wurde eine Hälfte der Probanden darüber informiert, dass das Medikament günstig ist, die andere Hälfte, dass es teuer ist.

Die Gruppe, die das teure Scheinmedikament erhalten hat, zeigte einen größeren Nocebo-Effekt – also ein höheres Schmerzempfinden – als die Gruppe, die das günstige Präparat erhalten hatte. Tinnermann: „Die Ergebnisse zeigen, dass der Wert eines Medikaments zusätzlich zu den negativen Erwartungen das Schmerzempfinden beeinflussen kann; auch die Verarbeitung von Schmerzreizen im Rückenmark wird durch diese Faktoren verändert.“

Die Studie wurde unter Leitung von Prof. Dr. Christian Büchel am Institut für Systemische Neurowissenschaften des UKE durchgeführt; sie wurde vom Europäischen Forschungsrat (ERC) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt.

Literatur:
Tinnermann, A., Geuter, S., Sprenger, C., Finsterbusch, J., Büchel, C. Interactions between brain and spinal cord mediate value effects in nocebo hyperalgesia. Science (2017). 357.
DOI: 10.1126/science.aan1221

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Präeklampsie: Bluthochdruck-Erkrankung bei Schwangerschaft

Medizin am Abend Berlin Fazit: Präeklampsie wird durch eine Überdosis Genaktivität ausgelöst

Die Präeklampsie ist die gefährlichste Bluthochdruck-Erkrankung während der Schwangerschaft und kann für Mutter und Kind lebensbedrohend sein. 

Zugrunde liegt eine Störung in der Plazenta, deren Ursachen weitgehend ungeklärt sind. 

Nun schreibt ein Forschungsteam des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) in „Circulation“, dass die Präeklampsie nicht einheitlich und allein genetisch bedingt ist. 

Wie Untersuchungen an Plazentaproben zeigen, spielen dabei zusätzliche epigenetisch angeschaltete Gene eine entscheidende Rolle. 

Die Berliner Forscher haben zudem ein In-vitro-Modell der Erkrankung entwickelt. 

Es zeigt die Bedeutung der Fehlregulation eines Transkriptionsfaktors. 
 
Das Forschungsteam verglich Plazenta-Gewebeproben von Patientinnen mit Präeklampsie und deren genetische Ausstattung mit Proben von gesunden Wöchnerinnen.

Im gesamten Erbgut wurden jene Gene bestimmt, die in beiden Patientinnengruppen unterschiedlich aktiv sind.

Zudem wurde die genomische Prägung der DNA (sog. Imprinting) überprüft, bei der Gene auf den Chromosomen väterlicher oder mütterlicher Herkunft abgeschaltet werden.

So konnte unter anderem das DLX5-Gen als bedeutsamer Transkriptionsfaktor, der bei Präeklampsie andere Gene steuert, identifiziert werden.

Auf dem vom Vater stammenden Chromosom ist dieses Gen normalerweise deaktiviert, also epigenetisch „geprägt“.

Damit wird die korrekte Dosierung der Genaktivität sichergestellt. Diese Prägung war jedoch in etwa 70 Prozent der untersuchten Präeklampsie-Plazentaproben verloren gegangen; das Gen war angeschaltet worden. 

Die Studie zeigte zum ersten Mal, dass die Veränderungen der epigenetischen Prägung und die damit veränderte Steuerung von Genaktivität zur Präeklampsie beitragen. 

Die Wissenschaftler fanden zudem drei Typen Präeklampsie – was auf eine komplexe Erkrankung hinweist.

Die Studie ist in enger Zusammenarbeit zwischen Klinikern und Grundlagenforschern entstanden. Beteiligt war die Forschungsgruppen der Molekularbiologin Dr. Zsuzsanna Izsvak vom MDC und von Dr. Ralf Dechend vom Helios-Klinikum und dem Experimental and Clinical Research Center (ECRC), einer gemeinsamen Einrichtung von MDC und Charité – Universitätsmedizin Berlin. 

Dem interdisziplinären Team gehörten zudem Forscherinnen und Forscher des Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIH) und der Evolutionsbiologe Prof. Laurence Hurst von der University of Bath, UK, an.

In-vitro-Zellmodell für Präeklampsie entwickelt

An der Präeklampsie leiden etwa fünf Prozent aller Schwangeren. 

Hauptsymptome des Syndroms sind Bluthochdruck und Eiweiß im Urin. 

Werden die Symptome bedrohlich, muss die Geburt frühzeitig eingeleitet werden. 

Die Präeklampsie ist die häufigste Ursache für mütterliche und kindliche Sterblichkeit während der Schwangerschaft. In Deutschland führt sie jährlich zu bis zu 20.000 Frühgeburten.

Die Erkrankung tritt nur beim Menschen auf; es gibt bislang kein gut funktionierendes Tiermodell.

Der Berliner Forschungsgruppe ist nun gelungen, ein In-vitro-Modell zu entwickeln. In der Petrischale erhöhten die Forscher die Aktivität des DLX5-Gens in den Zellen des Trophoblasten, der embryonalen Zellschicht, aus der sich später die Plazenta entwickelt. Die Zellen wechselten in einen Stresszustand, der auch bei Präeklampsie-Patientinnen beobachtet wird. Mithilfe des Zellsystems können die verschiedenen Typen der Präeklampsie nun weiter untersucht und nach neuen Medikamenten und Wirkstoffen gefahndet werden.

Warum tritt die Erkrankung nur beim Menschen auf?

Izsvak und Dechend planen bereits die nächsten Schritte:

„Wir wollen erforschen, warum die Krankheit nur beim Menschen auftritt“, sagt die Molekularbiologin. Ralf Dechend fügt hinzu: „

Außerdem ist es unser Ziel, nach Biomarkern für die drei von uns identifizierten Präeklampsie-Typen suchen.

Sie sollen uns helfen, die Erkrankung zu diagnostizieren oder vorherzusagen, bevor es zu dem eigentlichen Krankheitsbild kommt.“

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Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte
https://www.mdc-berlin.de/1153597 – MDC-Arbeitsgruppe Zsuzsanna Izsvak

https://www.mdc-berlin.de/35590573 – Arbeitsgruppe von PD Dr. Ralf Dechend am MDC


https://www.frauenaerzte-im-netz.de/de_praeeklampsie-was-ist-eine-praeeklampsie-... – 

Informationen zur Krankheit Präeklampsie

Escherichia coli, kurz E. coli: Blutstrominfektionen, Wund- oder Harnwegsinfekten

Medizin am Abend Berlin Fazit: Antibiotikaresistenzen: Ein multiresistenter Escherichia coli-Stamm auf dem Vormarsch

Die Zunahme von Antibiotika-resistenten Bakterien führt besonders in Krankenhäusern zu schwer behandelbaren Infektionen. 

Häufiger Auslöser sind die multiresistenten Escherichia coli-Bakterien, die besondere Enzyme entwickelt haben, um die Antibiotika unwirksam zu machen. 

ZIF-Wissenschaftler an der Universität Gießen untersuchten diese Bakterien genauer und fanden einen Escherichia coli-Stamm, der sich seit 2010 in Deutschland rasant ausbreitet und gegen mehrere Antibiotika gleichzeitig unempfindlich ist. 

Multiresistente E. coli-Bakterien
Multiresistente E. coli-Bakterien Universität Gießen/Pressestelle
 
Escherichia coli, kurz E. coli genannt, gehört zu den Gram-negativen Enterobakterien, die vor allem im menschlichen Darm zu Hause sind.

Einige Stämme können Infektionen auslösen, wenn sie in den übrigen Körper gelangen. 

Insbesondere bei geschwächten Patienten kann es zu Blutstrominfektionen, Wund- oder Harnwegsinfekten kommen.

Ihre Behandlung wird zunehmend schwerer, denn im Kampf gegen Antibiotika haben E. coli-Bakterien und andere Enterobakterien einen Abwehrmechanismus entwickelt: Sie bilden Enzyme aus, die Antibiotika unwirksam machen können: die sog. Beta-Laktamasen mit erweitertem Spektrum (ESBL). Durch ihren Mechanismus werden die bakteriellen Erreger multiresistent und sind in Kliniken besonders gefürchtet.

„Wir müssen besonders eine Untergruppe eines multiresistenten E. coli-Bakteriums im Blick behalten, die wir in unserer aktuellen Studie gefunden haben“, erklärt Prof. Trinad Chakraborty, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der JLU in Gießen und Koordinator am DZIF-Standort Gießen-Marburg-Langen. Diese Untergruppe breitet sich momentan weltweit aus und wurde nun auch in Deutschland gefunden.

Genomsequenzierung zur Überwachung von Antibiotikaresistenzen

Die Gießener Wissenschaftler untersuchten in ihrer Studie insgesamt fast 1000 Isolate von ESBL-produzierenden Bakterien aus Mensch, Tier, Umwelt und Lebensmitteln. Ihr Vorgehen ist dabei ganz im Sinne des One Health-Ansatzes, der nicht nur den Menschen, sondern auch seine Umwelt mit in die Untersuchungen einbezieht. Dabei identifizierten sie gezielt die Gene für die Beta-Laktamasen und suchten nach einer Untergruppe, die in anderen Ländern bereits auf dem Vormarsch ist.

Es handelt sich hierbei um einen multiresistenten E. coli-Stamm vom Sequenztyp 131 (ST131), der weltweit für Millionen von Infektionen verantwortlich ist, vor allem Blutstrominfektionen und Blasenentzündungen, und der ein relativ seltenes ESBL-Gen trägt, nämlich blaCTX-M-27.

Die Suche war erfolgreich: Die Forscher fanden E. coli ST131 CTX-M27 ausschließlich in menschlichen Isolaten und konnten nachweisen, dass seine Häufigkeit von 0 % im Jahr 2009 auf 45 % 2016 gestiegen ist.


„Damit macht dieser E. coli-Stamm mit seinem spezifischen ESBL-Gen einem E. coli ST131-Stamm Konkurrenz, der bisher in Deutschland am häufigsten nachgewiesen wurde und ein anderes ESBL-Gen trägt“, erklärt Dr. Can Imirzalioglu, Wissenschaftler der Uni Gießen. Hier sind weitere Studien notwendig, um die Ursachen und die klinische Bedeutung dieses Shifts zu untersuchen. Dennoch zeigen die Ergebnisse, wie wichtig der Einsatz von modernen Verfahren wie der Genomsequenzierung ist, um solche Entwicklungen zu beobachten und notfalls schnell reagieren zu können.

Zum Projekt

Das Projekt wurde vom DZIF und vom Forschungsverbund RESET unterstützt, der sich der Untersuchung von Resistenzen gegen Antibiotika in Enterobakterien verschrieben hat. Seit 2013 arbeiten Wissenschaftler des DZIF-Schwerpunkts „Krankenhauskeime und Antibiotika-resistente Bakterien“ mit dem Forschungsverbund RESET in Gießen eng zusammen bei der Sammlung multiresistenter Infektionserreger von Tier und Mensch. Das Erbgut der Isolate dieser umfangreichen Sammlung wurde in der Bioinformatischen Abteilung des DZIF sequenziert und die bakteriellen Genome in einer Datenbank hinterlegt. Diese Genom-Datenbank wird immer wieder erfolgreich genutzt, um das Vorkommen von Resistenzen näher zu untersuchen.

Publikation
Hiren Ghosh, Swapnil Doijad, Linda Falgenhauer, Moritz Fritzenwanker, Can Imirzalioglu, and Trinad Chakraborty: blaCTX-M-27–Encoding Escherichia coli Sequence Type 131 Lineage C1-M27 Clone in Clinical Isolates, Germany
Emerging Infectious Diseases Volume 23, Number 10—October 2017
https://wwwnc.cdc.gov/eid/article/23/10/17-0938_article

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Prof. Dr. Trinad Chakraborty
DZIF-Schwerpunkt „Krankenhauskeime und Antibiotika-resistente Bakterien“
Institut für Medizinische Mikrobiologie
Justus-Liebig-Universität Gießen
T: +49 641 99 41251/81
E-Mail: trinad.chakraborty@mikrobio.med.uni-giessen.de

Janna Schmidt und Karola Neubert
Deutsches Zentrum für Infektionsforschung
T: +49 531 6181 1154/1170
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Karola Neubert
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Janna Schmidt
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Weitere Informationen für international Medizin am Abend Berlin Beteiligte
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Kaiserschnitt: Schädel-Becken-Missverhältnis (Fitness-Dilemma)

Medizin am Abend Berlin Fazit: Kaiserschnitt-Risiko ist vererbbar

Frauen, die wegen einem Schädel-Becken-Missverhältnis ihrer Mutter durch Kaiserschnitt auf die Welt kamen, entwickeln mehr als doppelt so häufig ein Missverhältnis bei der Geburt ihrer Kinder als jene Frauen, die natürlich geboren wurden. 

Zu diesem Schluss kommen EvolutionsbiologInnen der Universität Wien um Philipp Mitteröcker, die in einem mathematischen Modell das scheinbar paradoxe Phänomen erklären, dass die Rate an Geburtsproblemen durch natürliche Selektion nicht verringert werden konnte. 

Die Daten unterstützen auch die These, dass die regelmäßige Anwendung von Kaiserschnitten bereits zu einer evolutionären anatomischen Veränderung geführt hat. 

Der Hauptautor der Studie: Evolutionsbiologe Philipp Mitteröcker
Der Hauptautor der Studie: Evolutionsbiologe Philipp Mitteröcker Copyright: Universität Wien

In den meisten Ländern hat sich die Anzahl der Kaiserschnitte in den letzten Jahrzehnten vervielfacht, sodass heute die Sectio caesarea eine der am häufigsten durchgeführten Operationen ist.

Immer mehr Babys werden per Kaiserschnitt geboren, in Brasilien sind es sogar mehr als die Hälfte.

Ein soziales Phänomen, urteilen ExpertInnen, ist doch die Rate tatsächlicher Geburtsprobleme – allen voran das sogenannte "Becken-Kopf-Missverhältnis" (Anm.: der Kopf des Kindes passt nicht durch den Geburtskanal) – um ein Vielfaches geringer. Philipp Mitteröcker vom Department für Theoretische Biologie an der Universität Wien hat sich die Frage gestellt, warum die Evolution nicht zu einem größeren Geburtskanal und damit zu sichereren Geburten geführt hat.

In einer Studie aus 2016 erklärte der Evolutionsbiologe diese scheinbar paradoxe Situation mit einem populationsgenetisch-mathematischem Modell als eine Art "Fitness-Dilemma". "

Aus evolutionärer Sicht ist ein schmales Becken von Vorteil: 
  • Einerseits für unsere Fortbewegung, aber auch, weil es bei sehr breiten Becken bei der Geburt zum Gebärmuttervorfall und anderen Beckenbodenproblemen kommen kann", beschreibt Mitteröcker die eine Seite. 
  • Auf der anderen Seite erhöhen sich die Überlebenschancen eines Babys, je größer es bei der Geburt ist. 
Hier kommen sich also der Selektionsdruck hin zu schmaleren Becken und jener hin zu größeren Babys sozusagen in die Quere. "Für unsere Fitnesskurve heißt das: Je schmäler das Becken und größer das Kind, umso besser – aber eben nur bis zu dem Punkt, an dem das Kind nicht mehr durchpasst: Dann wird es abrupt fatal", so Mitteröcker.

Aufgrund dieses ungewöhnlichen Selektionsprozesses kann die Rate an Geburtsproblemen durch natürliche Selektion nicht verringert werden.

Des Weiteren konnten Mitteröcker und sein Team durch ihr Modell zeigen, dass die regelmäßige Anwendung von lebensrettenden Kaiserschnitten in den letzten 50 bis 60 Jahren bereits eine evolutionäre Veränderung anatomischer Dimensionen bewirkt hat.

Diese wiederum hat die Häufigkeit von Geburtsproblemen durch ein Schädel-Becken-Missverhältnis um zehn bis 20 Prozent erhöht.

Diese vorhergesagte Zunahme an Schädel-Becken-Missverhältnissen ist jedoch kaum empirisch belegbar, da ein solches Missverhältnis sehr schwer zu diagnostizieren ist. Die Kaiserschnittrate als indirektes Maß hat wiederum durch viele andere, auch nicht-medizinische Gründe wesentlich stärker zugenommen. "Die Zunahme der Kaiserschnitte ist zwar ein soziales Phänomen, aber nicht nur: Auch die Geburtsproblematik hat zugenommen, wenngleich in einem viel geringeren Ausmaß als die Kaiserschnitte", erklärt Mitteröcker.

  • In der aktuellen PNAS Studie zeigen Mitteröcker und seine KollegInnen nun, dass das "cliff edge-Modell" auch voraussagt, dass Frauen, die selbst wegen einem Schädel-Becken-Missverhältnis durch Kaiserschnitt auf die Welt kamen, mehr als doppelt so häufig ein Missverhältnis bei der Geburt ihrer Kinder entwickeln als Frauen, die natürlich geboren wurden. 

Dieser beträchtliche Effekt sollte einfacher in epidemiologischen Daten zu erkennen sein als die evolutionäre Zunahme.

"Tatsächlich fanden wir empirische Studien, die Geburtsprobleme und Kaiserschnitt über zwei Generationen untersuchten. 
Die vorhergesagte 'Vererbbarkeit' von Schädel-Becken-Missverhältnis und Kaiserschnitt wird durch diese Studien erstaunlich genau bestätigt", so Mitteröcker. 

Diese theoretische Vorhersage eines komplexen epidemiologischen Musters liefert damit auch eine unabhängige Bestätigung des "cliff edge-Modells" und seiner evolutionären Implikation.

Publikation in "PNAS"
"Cliff-edge model predicts intergenerational predisposition to dystocia and Caesarean delivery"
Philipp Mitteroecker Sonja Windhager und Mihaela Pavlicev
DOI 10.1073/pnas.1712203114

"Cliff edge model of obstetric selection in humans": Philipp Mitteroecker, Simon Huttegger, Barbara Fischer und Mihaela Pavlicev
DOI 10.1073/pnas.1612410113

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Assoz. Prof. Mag. Dr. Philipp Mitteröcker
Department für Theoretische Biologie
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1090 Wien, Althanstraße 14
T +43-1-4277-567 05
philipp.mitteroecker@univie.ac.at

Mag. Alexandra Frey
Universität Wien
Forschung und Lehre
1010 Wien, Universitätsring 1
T +43-1-4277-175 33
M +43-664-602 77-175 33
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Stephan Brodicky Universität Wien
Telefon: +43-650-772-0405
E-Mail-Adresse: stephan.brodicky@univie.ac.at

Die Universität Wien ist eine der ältesten und größten Universitäten Europas: An 15 Fakultäten und vier Zentren arbeiten rund 9.500 MitarbeiterInnen, davon 6.600 WissenschafterInnen. Die Universität Wien ist damit auch die größte Forschungsinstitution Österreichs sowie die größte Bildungsstätte: An der Universität Wien sind derzeit rund 94.000 nationale und internationale Studierende inskribiert. Mit 174 Studien verfügt sie über das vielfältigste Studienangebot des Landes. Die Universität Wien ist auch eine bedeutende Einrichtung für Weiterbildung in Österreich. 1365 gegründet, feierte die Alma Mater Rudolphina Vindobonensis im Jahr 2015 ihr 650-jähriges Gründungsjubiläum. http://www.univie.ac.at

Kaiserschnitt: Sectio Caesarea

Medizin am Abend Berlin Fazit: Weniger Kaiserschnitte durch eine bewegungsfördernde Geburtsumgebung – Studie startet

Weniger Kaiserschnitte durch eine bewegungsfördernde Geburtsumgebung: 

Das ist die Erwartung an eine Studie, die gerade gestartet ist. Sie wird durch des Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 1,1 Millionen Euro gefördert.
  • In Deutschland kommt fast jedes dritte Kind durch einen Kaiserschnitt zur Welt: 
Vor fast 30 Jahren – 1991 - wurden in Deutschland 126.297 Frauen per Kaiserschnitt (Sectio caesarea) von ihren Kindern entbunden (Rate: 15,3 Prozent). Innerhalb von etwa 25 Jahren stieg die Kaiserschnitt-Rate kontinuierlich auf etwa 30 Prozent und stagniert seitdem auf diesem Niveau.

Die Kaiserschnittrate in Deutschland liegt damit deutlich über der von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen Höhe.  
  • Gegenüber der natürlichen Geburt geht der Kaiserschnitt mit einer höheren mütterlichen Komplikationsrate einher. 
Die möglichen negativen Folgen der operativen Entbindung für das Leben der Kinder, welche per Kaiserschnitt auf die Welt kamen, sind Gegenstand intensiver Forschung.

„Keine der bekannten Studien zu Maßnahmen, die die natürliche Geburt fördern wollen, verfügt über eine ausreichend belastbare Datengrundlage, um die unabhängige Wirkung der Gebärumgebung auf den Geburtsmodus zu belegen“, sagt Dr. Gertrud M. Ayerle vom halleschen Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaften. Die Hebammenwissenschaftlerin will im Rahmen einer multizentrischen Studie herausfinden, ob die Gebärumgebung einen Einfluss darauf hat, wie ein Kind zur Welt kommt. Dr. Ayerle: „Die klinische Studie möchte national und international einen wichtigen wissenschaftlichen Beitrag leisten, der im Sinne des Deutschen Nationalen Gesundheitsziel Gesundheit rund um die Geburt die Bedürfnisse der werdenden Mütter in den Vordergrund rückt.“

Die Studie mit dem Titel „Effekt der Geburtsumgebung auf den Geburtsmodus und das Wohlbefinden von Frauen am Geburtstermin: eine randomisierte kontrollierte Studie“ ist eine klinische Studie mit zwei parallelen Studienarmen.

Sie wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung bis September 2020 mit 1,1 Millionen Euro gefördert. Projektkoordinatorin ist Dr. Ayerle; sie wird vertreten von Frau Prof. Dr. Rainhild Schäfers (Hochschule für Gesundheit Bochum) und OA Dr. Gregor Seliger (Universitätsklinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Pränatalmedizin, Halle).


Das Ziel der Studie ist, die Wirksamkeit eines alternativ gestalteten Gebärraums (Intervention) auf die Rate natürlicher (vaginaler) Geburten in zwölf geburtshilflichen Abteilungen in Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen, Thüringen, Sachsen und Berlin zu prüfen.

  • Die Teilnehmerinnen der Studie sind Frauen, die am Geburtstermin ihr erstes oder ein weiteres Kind erwarten und eine natürliche Geburt anstreben.

Jeweils ein Gebärraum der geburtshilflichen Abteilung (Kreißsaal) einer Klinik wird alternativ gestaltet (Intervention). 

Dabei werden sowohl Materialien zur mobilen Wehenarbeit, eine Ruhezone und entspannungsfördernde Angebote bereit gestellt als auch die Möglichkeiten der Frau erhöht, selbstbestimmt für ihr Wohlbefinden während der Wehen zu sorgen.

Der alternative Gebärraum wird sich deutlich vom Standard-Kreißsaal (Kontrollgruppe) unterscheiden, der die übliche Ausstattung samt Kreißsaalbett vorhält.


Die zufällige Zuteilung in einen der zwei parallelen Studienarme wird durch das Koordinierungszentrum für Klinische Studien (KKS) Halle zentral koordiniert, das auch das Datenmanagement übernimmt.

Die Qualität der Datenerhebung in den Kliniken wird durch unabhängige Monitore geprüft.

Eine Erhebung drei Monate nach der Geburt sowie eine gesundheitsökonomische Evaluation durch das Institut für Versorgungsforschung und Gesundheitsökonomie der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf sind vorgesehen, um auch Auswirkungen der Geburt und des mütterlichen Geburtserlebens über diesen Zeitraum zu erfassen.

Zum Abschluss der Studie wird die Arbeitszufriedenheit der Hebammen und Fachärzt/innen für Gynäkologie und Geburtshilfe an den beteiligten geburtshilflichen Abteilungen erhoben und eine gesundheitsökonomische Evaluation vorgenommen.

Nach Beendigung der Studie wird eine Aussage über die Wirksamkeit und Kostenwirksamkeit einer alternativ gestalteten Gebärumgebung auf die Selbstbestimmung der Frau, die geburtshilflichen Interventionsraten sowie den Geburtsmodus möglich sein. Dr. Ayerle:

„Wenn sich die Intervention als effektiv erweist und zukünftig bundesweit eingesetzt würde, könnten in Deutschland zusätzlich etwa 21.000 Gebärende pro Jahr eine natürliche Geburt erleben.“

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Jens Müller M.A. Medizinische Fakultät / UKH Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Fetale Alkohol Spektrumstörungen (FASD) - Alkoholschädigung im Mutterleib

Medizin am Abend Berlin Fazit: Wenn Alkohol Kindern schon vor ihrer Geburt die Zukunft verbaut

Eine neue Publikation erörtert anhand eines Jugendhilfefalls Möglichkeiten, FASD-Erkrankten im Rahmen der Sozialen Arbeit noch besser zu helfen  

Medizin am Abend Berlin ZusatzFachThema: Die dunkle Seite von Martin Luther  
Menschen mit FASD werden bereits im Mutterleib durch Alkohol in ihren Entwicklungschancen erheblich begrenzt. 
  • Ihre Beeinträchtigungen werden noch immer häufig auch von Fachkräften verkannt.  
  • Sie haben geringere schulische und berufliche Perspektiven,
  • und schaffen es zu einem sehr hohen Prozentsatz nicht, eigenständig zu leben
  •  und ihren Lebensunterhalt selber zu verdienen. 
  • Einer Langzeitstudie zu Folge konnte nur die Hälfte der Erwachsenen mit FASD jemals länger als ein Jahr ein Arbeitsverhältnis halten. 
  • Viele werden auf Grund der eingeschränkten Handlungsplanung und Emotionsregulation wiederholt straffällig.

Anlässlich der Woche der Seelischen Gesundheit trafen sich am 11. Oktober 2017 auf Initiative von Prof. Dr. med. Annemarie Jost vom Institut für Soziale Arbeit der BTU Cottbus-Senftenberg Fachleute der Stadtverwaltung Cottbus, des Carl Thiem Klinikums, der BTU, der Landesgruppe Brandenburg der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen e.V. sowie der Beratungs- und Ombudsstelle Kinder- und Jugendhilfe Brandenburg des BOJE e.V. am Campus Cottbus-Sachsendorf.

Sie verständigten sich dazu, das Thema Fetale Alkohol Spektrumstörungen (FASD) in gemeinsamen Initiativen aufzugreifen und die Prävention der Alkoholschädigung im Mutterleib sowie die Diagnostik und eine faire Behandlung der Betroffenen gemeinsam zu unterstützen.

Prof. Dr. Annemarie Jost befasst sich bereits seit Jahren intensiv mit dem Thema FASD.

Erst kürzlich veröffentlichte sie dazu gemeinsam mit Dr. Jan V. Wirth (HerausgeberInnen) eine Publikation mit dem Titel „Mehrperspektivisches-Arbeiten in der Kinder-und-Jugendhilfe: ‚Steven M.‘ – ein Junge mit FASD“ (ISBN: 978-3-17-032097-0), die im Kohlhammer Verlag Stuttgart erschienen ist.

Darin erhalten Fachkräfte im Bereich der Sozialen Arbeit auf Grundlage eines konkreten Jugendhilfefalls Einblicke in das Krankheitsbild von FASD, die Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung, aber auch die Konflikte in Familie und Gesellschaft.

Gleichzeitig werden Vorschläge für mögliche Förder- und Lernangebote, persönliche und rechtliche Unterstützung oder Therapien in typischen Fällen vermittelt. 

Dabei zielen die Fachautoren darauf ab, für Praktiker wie Entscheider aufzuzeigen, wie Kindern und Jugendlichen sowie ihren Familien am besten geholfen werden kann.


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Prof. Dr. Annemarie Jost
Sozialpsychiatrie
T +49 (0)355 5818 419
E annemarie.jost@b-tu.de

Ralf-Peter Witzmann Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg

Platz der Deutschen Einheit 1
03046 Cottbus
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Dr. Marita Müller
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Dipl.Ing. Susett Tanneberger
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Ralf-Peter Witzmann
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Rhesusfaktor in der Schwangerschaft/Blutübertragung?

Medizin am Abend Berlin Fazit: Rhesusfaktor des Fetus vor Geburt testen: Vorbericht erschienen

Ob Steuerung der Prophylaxe mithilfe des neuen Tests Vor- oder Nachteile hat, ist unklar / Stellungnahmen erbeten  
Ist das Blut einer Schwangeren Rhesus-negativ (Rh-negativ), das Blut des Fetus aber Rhesus-positiv (Rh-positiv), kann es sein, dass die Frau Antikörper bildet, die vor allem weiteren Kindern schwer schaden können. 
Um diese sogenannte Sensibilisierung zu verhindern, bekommen derzeit alle Rh-negativen Schwangeren eine Prophylaxe.

Ein neuartiger Test am Blut der Schwangeren kann aber bereits vor der Geburt den Rhesusfaktor des Kindes bestimmen. Sofern der Test hinreichend zuverlässig ist, könnten viele Schwangere auf die Prophylaxe verzichten.

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat nun untersucht, ob die Steuerung der Prophylaxe mithilfe dieses Tests Vor- oder Nachteile bietet für die Kinder oder für die werdenden Mütter. Die vorläufigen Ergebnisse liegen nun vor. Demnach gibt es keine Studien, die diese Frage beantworten können. Die Zuverlässigkeit des Tests ist aber hoch. Bis zum 06. November bittet das Institut um Stellungnahmen zu diesem Vorbericht.

Gefahr vor allem in nachfolgenden Schwangerschaften

Der Rhesusfaktor ist eine vererbbare Eigenschaft der roten Blutkörperchen (Erythrozyten). Er wirkt als Antigen, d. h. Rh-negative Menschen können Antikörper gegen fremde Rh-positive Blutkörperchen in ihrem Blut bilden. Dies kann schwere, auch tödliche Unverträglichkeitsreaktionen auslösen. Der Rhesusfaktor spielt deshalb bei der Blutübertragung und bei der Schwangerschaft eine wichtige Rolle.

Während der Schwangerschaft und insbesondere bei der Geburt kann Blut Rh-positiver Kinder in den Rh-negativen Kreislauf der Mutter gelangen. Die dadurch ausgelöste Bildung von Antikörpern nennen Fachleute Sensibilisierung. Die Antikörper können in den Blutkreislauf des Kindes eindringen und so u. a. Blutarmut (Anämie), Herzschwäche (Herzinsuffizienz) oder Hirnschäden verursachen oder gar zum Tod des Fetus führen.

Gefährdet sind allerdings weniger die Feten, welche die Schwangeren gerade in sich tragen, als vielmehr Kinder in nachfolgenden Schwangerschaften, die ebenfalls Rh-positiv sind. Denn sie sind bereits sehr früh in der Schwangerschaft der Abwehrreaktion des mütterlichen Blutes ausgesetzt.

Standard-Prophylaxe für alle Rhesus-negativen Schwangeren

Derzeit bekommen alle Rh-negativen Schwangeren eine Standarddosis Anti-D-Immunglobulin. Dieses soll Erythrozyten abfangen, die schon vor der Geburt vom fetalen in den mütterlichen Blutkreislauf übertreten, und so die Sensibilisierung verhindern. Zum Einsatz kommt dabei humanes Anti-D-Immunglobulin, das von sensibilisierten Spendern gewonnen wird.

Nach der Geburt wird der Rhesusfaktor des Säuglings bestimmt.

Falls sein Blut Rh-positiv ist, erhält die Mutter eine weitere Anti-D-Prophylaxe.

Blut der Mutter enthält Information über Rhesusfaktor des Fetus

Inzwischen gibt es einen Test, der den Rhesusfaktor des Fetus schon vor der Geburt bestimmen kann. Dabei handelt es sich um ein nicht invasives Verfahren, d. h. der Fetus wird nicht angetastet. Untersucht wird vielmehr sogenannte zellfreie zirkulierende DNA des Fetus aus dem mütterlichen Plasma.

Prinzipiell wird es dadurch möglich, die vorgeburtliche Anti-D-Prophylaxe nur noch jenen Rh-negativen Schwangeren zu geben, deren Fetus laut Pränataltest Rh-positiv ist. Aktuell bekommen 15 Prozent der Schwangeren die Prophylaxe, was etwa 110 000 Schwangeren pro Jahr entspricht. Durch die neuen Tests könnte sich ihre Zahl auf etwa 60 000 reduzieren.

Allerdings bietet kaum ein Test hundertprozentige Sicherheit. Es könnte also sein, dass Frauen ein sogenanntes falsch-negatives Ergebnis bekommen: Der Test weist das Blut des Kindes als Rh-negativ aus, und die Schwangere erhält keine Anti-D-Prophylaxe, obwohl das Kind tatsächlich Rh-positiv ist. Dies würde sich aber erst nach der Geburt herausstellen. Die unterlassene vorgeburtliche Prophylaxe könnte dazu führen, dass mehr Schwangere sensibilisiert und in der Folge Kinder geschädigt werden.

Studien können Fragestellung des Auftrags nicht beantworten

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), der auch für die Ausgestaltung der „Mutterschaftsrichtlinien“ verantwortlich ist, will deshalb vom IQWiG wissen, ob die Einführung des neuen Tests für Kinder oder Mütter gesundheitliche Vor- oder Nachteile haben kann, also etwa das Auftreten von Blutarmut (hämolytischer Anämie) erhöhen oder das Auftreten von Nebenwirkungen der Prophylaxe vermindert würde.

Wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des IQWiG feststellen mussten, gibt es aktuell keine Studien, die präzise Aussagen darüber zulassen, welche Auswirkungen die Einführung des neuen Tests haben könnte.

Test ist sehr zuverlässig

Es gibt aber Studien, die Auskunft darüber geben, wie zuverlässig der Pränataltest den Rhesusfaktor des Kindes bestimmen kann. Die Zuverlässigkeit ist vergleichsweise hoch, Fachleute sprechen von „hoher diagnostischer Güte“: Der Test erkennt 99,8 Prozent der Rh-positiven Feten (Sensitivität) und ordnet 98,8 Prozent der Rh-negativen richtig ein (Spezifität). Das bedeutet, dass 0,2 Prozent der Schwangeren, bei denen eine Anti-D-Prophylaxe vor der Geburt angezeigt wäre, diese nicht erhielten, sofern man sich auf das Testergebnis verließe.

Würde der bisherige Bluttest nach der Geburt beibehalten, der Pränataltest also als „Add-on“ eingesetzt, würden diese Frauen aber entdeckt und erhielten zumindest die nachgeburtliche Prophylaxe, deren schützende Wirkung unstrittig ist.

Abwägung denkbarer Vor- und Nachteile

Der neue Test ermöglicht es, die Anti-D-Prophylaxe gezielt einzusetzen und bei einem Teil der Schwangeren eine unnötige vorgeburtliche Prophylaxe zu unterlassen. Ob diese Schwangeren davon einen Vorteil haben, ist aber unklar, da verlässliche Daten zu denkbaren Nebenwirkungen der Prophylaxe fehlen. Das Risiko, dass es in Folge falscher Testergebnisse zu zusätzlichen Sensibilisierungen kommen könnte, ist – trotz des Fehlens ausreichender Daten – als klein einzuschätzen. Denn zum einen ist der Test als sehr zuverlässig einzustufen. Zum anderen ist das Risiko, dass bereits während der Schwangerschaft eine Sensibilisierung stattfindet, gering.

Zum Ablauf der Berichtserstellung

Den vorläufigen Berichtsplan für dieses Projekt hatte das IQWiG im Januar 2017 vorgelegt und um Stellungnahmen gebeten. Diese wurden zusammen mit einer Würdigung und dem überarbeiteten Berichtsplan im Mai 2017 publiziert. Stellungnahmen zu dem jetzt veröffentlichten Vorbericht werden nach Ablauf der Frist gesichtet. Sofern sie Fragen offenlassen, werden die Stellungnehmenden zu einer mündlichen Erörterung eingeladen.

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CAVE: LABORBESTIMMUNG von PCT Procalcitonin: Dann erst Antibiotikatherapie

Medizin am Abend Berlin Fazit: Körpereigener Infektionsmarker steuert Antibiotikatherapie

Mit dem körpereigenen Infektionsmarker Procalcitonin lässt sich der Einsatz von Antibiotika bei Infektionen gezielt steuern. 

Die Antibiotikatherapie wird verkürzt, aber auch ihre Nebenwirkungen und die Mortalität nehmen ab. 

Dies berichten Forschende von Universität Basel und Kantonsspital Aarau nach einer Metaanalyse von über 6700 internationalen Daten von Patienten mit Atemwegsinfektionen in der Fachzeitschrift «The Lancet Infectious Diseases».  
  • Procalcitonin ist die Vorstufe eines Schilddrüsenhormons, die bei Gesunden kaum oder gar nicht nachweisbar ist.
Kommt es im Körper aber zu einer bakteriellen Entzündung, steigt der Stoff Procalcitonin im Blut plötzlich an. 

Medizin am Abend Berlin ZusatzFachThema: Laborbestimmung PCT -ganz wichtig-  

 

Diesen Mechanismus können sich Mediziner bei der Diagnose von Infektionskrankheiten zunutze machen – denn eine Antibiotika-Behandlung ist bekanntlich nur bei bakteriellen Infektionen sinnvoll. 
Eine wichtige Rolle spielt dies etwa bei Atemwegsinfektionen, da bei diesen eine Abgrenzung zwischen bakterieller und viraler Infektion oft schwierig ist.
Dass der Einsatz von Procalcitonin eine Antibiotika-Therapie um rund 30% verkürzen kann, ist bereits bekannt. 

In verschiedenen randomisierten Studien – unter anderem an der Universität Basel – wurde den behandelnden Ärzten anhand des Procalcitoninwerts eine Empfehlung gegeben, ob Antibiotika nötig sind oder ob diese gestoppt werden können. Diese Strategie mit dem Biomarker wurde dann mit eine Kontrollgruppe verglichen, die nach rein klinischen Kriterien über einen Antibiotikaeinsatz entscheiden hat.

Gegen Resistenzbildung

Eine neue Metaanalyse unter Leitung von Prof. Dr. Philipp Schuetz vom Departement Klinische Forschung von Universität und Universitätsspital Basel und dem Kantonsspital Aarau zeigt nun, dass durch den Infektionsmarker Procalcitonin die Mortalität bei Patienten mit Atemwegsinfektionen abnimmt.

Erzielt wurde eine Reduktion der relativen Mortalität nach 30 Tagen von 14% (von 10% auf 8,6%) sowie eine 25-prozentige Reduktion von Antibiotikanebenwirkungen (von 22,1% auf 16,3%).

«Diese Resultate machen auch Hoffnung, dass dem weltweiten Trend der Antibiotika-Resistenzbildung entgegengewirkt werden kann», kommentiert Schuetz die Studie.

Dafür haben 26 Forschungsgruppen aus zwölf Ländern die Daten von 6708 Patienten zur Verfügung gestellt und analysiert – entsprechend dem weltweiten Trend des Data sharing, womit einzelne Patientengruppen besser charakterisiert werden können.

Originalbeitrag

Philipp Schuetz, Yannick Wirz, Ramon Sager et al.
Effect of procalcitonin-guided antibiotic treatment on mortality in acute respiratory infections: A patient level meta-analysis
The Lancet Infectious Diseases (2017), Available online 13 October 2017 |
doi: 10.1016/S1473-3099(17)30592-3

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Prof. Dr. Philipp Schuetz
Leitender Arzt Medizinische Universitätsklinik Kantonsspital Aarau
Tel. +41 62 838 95 24
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Mutationslast: Neoantigene - Urothel-Karzinom - Harnblasenkarzinom

Medizin am Abend Berlin Fazit: Tumormutationslast - Auf dem Weg zum vielversprechenden Biomarker für effektive Krebstherapien

Ziel von Ringversuchen zur Qualitätssicherung in der Pathologie: Entwicklung von effektiven Genpanels bis Mitte 2018 
 
  • Tumoren sind hochindividuelle Veränderungen von gesundem Gewebe. 

Dabei weisen Krebszellen charakteristische Modifikationen, die Antigene, auf.

Diese ermöglichen es dem Immunsystem prinzipiell, sie als „fremd“ zu erkennen. 
Als Folge wird die körperliche Immunabwehr aktiv und bindet Antikörper sowie spezifische Lymphozyten-Rezeptoren an die Antigene, um diese Zellen zu vernichten. 

Oft tarnen sich die Krebszellen aber, um der körpereigenen Immunabwehr zu entgehen.

Im Fokus der Diagnose von Krebserkrankungen und der Bestimmung geeigneter Therapien steht zunehmend die sogenannte Mutationslast. 

Diese bezeichnet die Menge an Mutationen im Erbgut, die ein Tumor im Laufe seiner Entwicklung anhäuft. „Das nicht-kleinzellige Lungenkarzinom und das maligne Melanom (schwarzer Hautkrebs) weisen beispielsweise eine hohe Mutationslast auf, kindliche Hirntumoren dagegen eher eine niedrige“, erklärt Dr. med. Albrecht Stenzinger, Leiter des Molekularpathologischen Zentrums am Institut für Pathologie der Universität Heidelberg.

Großes Forschungsziel der Wissenschaft – Erkennen der Antigene

„Studien zeigen, dass eine hohe Mutationslast verbunden ist mit einer höheren Wahrscheinlichkeit, dass tumorassoziierte Neoantigene gebildet werden.

Diese ‚Aushängeschilde‘ von Mutationen lösen im Organismus eine Immunantwort aus und führen zu einer vermehrten Bildung von Entzündungszellen. Karzinome mit einem verstärkten Immunzellinfiltrat reagieren – das wissen wir heute – gut auf neue Wirkstoffe, die sogenannten Checkpoint-Inhibitoren. Dazu zählen Wirkstoffe wie Nivolumab, Pembrolizumab oder Atezolizumab. Die aktuelle Gleichung lautet:

Neoantigene + die Menge und Zusammensetzung der Entzündungszellen = wahrscheinliches Ansprechen auf Checkpoint-Inhibitoren“, so Dr. Stenzinger.

Die Bestimmung der Mutationslast als Biomarker bezeichnet der Spezialist selbst als „Krücke“: „Die Entschlüsselung einer Krebsart über die Mutationslast ist ein Umweg. In Zukunft wollen wir natürlich die entsprechenden Neoantigene direkt erkennen können. Aber für die Anwendung in der täglichen Diagnostik brauchen wir sicher noch einige Jahre.“

Klinische Daten erforderlich

Bislang liegen zum Einsatz der Mutationslast als Biomarker lediglich retrospektive Daten vor. Die Analyse der Studie Checkmate 26 hat ergeben, dass Patienten mit einer hohen Mutationslast beim nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom besser auf den Wirkstoff Nivolumab ansprechen als Patienten mit einer geringen Mutationslast.
In der Studie wurde mit Hilfe des Whole Exome Sequencing (WES) sowohl Tumorgewebe als auch Blut der Patienten analysiert. „Diese Methode eröffnet großes Potenzial“, so Dr. Stenzinger.

„Das Problem ist aber, dass dieses WES-Verfahren nicht für eine breite Anwendung in der klinischen Routinediagnostik geeignet ist, da wir in der Pathologie ja mit Paraffin- und Formalin-Präparaten arbeiten und WES-Verfahren zudem mit rund drei bis vier Wochen pro Fall eine lange Analyse-Laufzeit haben kann. Hier brauchen wir für eine praktikable Routinediagnostik neue Verfahren, die auf der Basis der gebräuchlichen Präparate in kürzerer Zeit ähnlich zuverlässige Aussagen erlauben.“

Ringversuche zur Qualitätssicherung

Die Zukunft gehört der parallelen Sequenzierung einer großen Anzahl von DNA-Sequenzen in Form von Genpanels.

„Die Studie Phase-II von Rosenberg und Kollegen hat gezeigt, dass man mit Genpanels die Mutationslast beim Urothel-Karzinom näherungsweise bestimmen konnte“, erläutert der Heidelberger Experte.

An diese Ergebnisse setzt eine von der QuIP (Qualitätssicherungs-Initiative Pathologie), einer GmbH-Ausgründung der beiden pathologischen Fachgesellschaften DGP und BDP, federführend begleitete Studie zur Tumormutationslast-Testung an, die von den Instituten für Pathologie der Unikliniken Köln, Erlangen, Dresden, München (LMU und TU), Halle und Heidelberg initiiert wurde.

„Bis spätestens Mitte 2018 wollen wir eine wissenschaftlich fundierte Lösung anbieten können, die es uns erlaubt, mit Hilfe eines Genpanels verlässliche Aussagen über die Tumor-Mutationslast zu treffen. 

Diese offene Lösung wird dann für alle Pathologen verfügbar sein und folgt stringenten, aber transparenten methodischen und technischen Vorgaben.

Eine solche Multi-Gen-Untersuchung ist dann mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht nur auf das nicht-kleinzellige Lungenkarzinom, sondern auch auf andere Entitäten wie etwa das Maligne Melanom oder das Harnblasenkarzinom anwendbar“, so Dr. Stenzinger.

„Auch wenn wir angesichts der bisher vorliegenden Ergebnisse davon ausgehen, dass die Mutationslast als Biomarker eine hohe Aussagekraft hat, brauchen wir unbedingt weitere Studiendaten, die den klinischen Nutzen wissenschaftlich belegen.“

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