Medizin am Abend Berlin: Eisenmangel: Neue nicht-invasive Screeningmethode
Neue Messmethode von Forschern des LMU-Klinikums ermöglicht systematisches Screening bei Eisenmangel ohne Blutentnahme.
Forscher des Klinikums der Universität München haben eine Methode
entwickelt,
mit der es erstmals möglich ist, ohne Blutentnahme auf
Eisenmangel zu screenen.
Dafür wird eine flexible Lichtleitfaser sanft
auf die Unterlippe aufgesetzt. Blaues Licht regt Fluoreszenz eines in
Spuren vorkommenden Moleküls in den roten Blutkörperchen in der
Unterlippe an. Diese Fluoreszenz ist ein Maß für Eisenmangel.

Ärzte am LMU-Klinikum führen eine nicht-invasive Eisenmangelmessung durch. Klinikum der Universität München
Risikogruppen für Eisenmangel
Eisenmangel ist eine weit verbreitete Mangelerscheinung, die zu Anämie
führen kann. In Europa leiden über fünf Prozent der Bevölkerung – meist
unerkannt – an Eisenmangel.
Dabei können besonders bei Kleinkindern die
Folgen gravierend sein:
- Eisenmangel kann zu einer irreversibel
verzögerten Gehirnentwicklung führen.
Eine weitere Risikogruppe sind
Schwangere. „Etwa die Hälfte aller Schwangeren, die bei uns im
Perinatalzentrum Großhadern entbinden, ist von Eisenmangel betroffen.
- Eisenmangel erhöht das Frühgeburtsrisiko messbar.
- Außerdem sind
Lebensqualität und Leistungsfähigkeit der Betroffenen erheblich
einschränkt“, erläutert Prof. Dr. Uwe Hasbargen, Leiter des
Perinatalzentrums am Klinikum der Universität München.
In
Entwicklungsländern ist das Problem noch ausgeprägter, da
Mangelernährung und damit auch Eisenmangel wesentlich häufiger
auftreten.
- Kinder in Malariagebieten profitieren besonders von gezielter
Eisengabe, eine ungezielte Eisengabe erhöht allerdings die Mortalität.
Neue Methode ermöglicht systematisches Screening
Bisher haben alle Methoden, die auf Eisenmangel screenen, eine
Blutentnahme und eine Laboruntersuchung benötigt, was systematisches
Eisenmangelscreening verhindert hat. Mitarbeitern des
Laser-Forschungslabors im LIFE-Zentrum am Klinikum der Universität
München ist es in Kooperation mit Forschern aus dem Institut für
Laboratoriumsmedizin und dem Perinatalzentrum der gleichnamigen
Einrichtung, sowie von der Columbia University (New York) nun erstmals
gelungen,
mittels einer fluoreszenzspektroskopischen Untersuchung an der
Unterlippe einen Marker für Eisenmangel, Zink-Protoporphyrin, ohne
Blutentnahme quantitativ nachzuweisen.
Die Methode und deren Evaluierung
in einer klinischen Studie an Frauen nach der Geburt werden von den
Wissenschaftlern im Fachmagazin Nature Communications beschrieben.
Der Marker Zink-Protoporphyrin
Der Marker Zink-Protoporphyrin in roten Blutkörperchen ist ein
etablierter Marker für Eisenmangel.
- „Bei der Bildung von roten
Blutkörperchen wird bei Personen mit Eisenmangel während des Aufbaus des
roten Blutfarbstoffs, dem Häm als Teil des Hämoglobins, häufiger ein
Zinkion anstelle eines Eisenions eingebaut.
- Dadurch entstehen
Zink-Protoporphyrin-Moleküle und es erhöht sich das Verhältnis der
Zink-Protoporphyrin- zu Häm-Moleküle in den roten Blutkörperchen, die
unter Eisenmangelbedingungen gebildet wurden“, erklärt Prof. Dr. Michael
Vogeser, Institut für Laboratoriumsmedizin.
Zink-Protoporphyrin weist
ein charakteristisches Fluoreszenzspektrum auf. Diese Fluoreszenz wird
bei kommerziellen Geräten,
sogenannten Hämatofluorometern, benutzt, um
das Zink-Protoporphyrin aus einer Blutprobe zu bestimmen.
Die nicht-invasive Messmethode
Die Zink-Protoporphyrin-Fluoreszenz ist im Gewebe etwa 100-fach
schwächer als der Fluoreszenzuntergrund von anderen Gewebebestandteilen.
Außerdem sind die Gewebezusammensetzung und andere Einflüsse wie zum
Beispiel die Epitheldicke unbekannt.
Die Physiker in der Arbeitsgruppe
um Dr. Herbert Stepp (Laser-Forschungslabor, LIFE-Zentrum) haben mehrere
Techniken entwickelt, als Patentanträge eingereicht und in einem
Prototyp umgesetzt, die die vielfältigen Probleme bei der
nicht-invasiven Messung adressieren. So wird durch Anregung mit zwei
Wellenlängen ein Großteil des Fluoreszenzuntergrundes eliminiert. Mit
einem ausgefeilten Computeralgorithmus wird dann die
Zink-Proto-porphyrin-Fluoreszenz bestimmt.
Für die Messung geeignete Stellen auf der Unterlippe werden durch das
System über eine sorgfältig validierte Methode identifiziert und dem
Untersucher live angezeigt. Danach wird die fluoreszenzspektroskopische
Messung mit den zwei Anregungswellenlängen gestartet. Dr. Ilknur Teksan,
Ärztin am Perinatalzentrum Großhadern, ist begeistert: „In unserer
Studie dauerte die gesamte Messprozedur weniger als zwei Minuten, was
mit der gesammelten Erfahrung nun sogar noch deutlich reduziert werden
könnte.“
Ausblick
Die vorgestellte Methode zum Eisenmangelscreening hat das Potential,
Eisenmangel auch dann zu erkennen, wenn keine Laboruntersuchung möglich
ist. Zusätzlich steht das Messergebnis sofort zur Verfügung.
Dies ist
vor allem in Entwicklungsländern von Vorteil, in denen eine Blutentnahme
und anschließende Laboruntersuchung oftmals nicht möglich sind. Aber
auch in Europa würde ein nicht-invasives Eisenmangelmessgerät die
Versorgung speziell von Kindern verbessern, bei denen eine Blutentnahme
eine Hürde darstellt.
Perspektivisch kann das Gerät auch zur besseren
Überwachung von Risikogruppen wie Schwangeren oder Blutspendern dienen,
sowie allgemein für Eisenmangelscreening. Denn: Wer lässt sich schon
gerne stechen, wenn es auch ohne geht?
Die Geräteentwicklung und die klinische Studie wurden finanziert durch
das Nestlé Research Center, Nestec Ltd., Vevey, Schweiz. Das Verfahren
zur Zulassung als Medizinprodukt wird gefördert durch das
Bundeswirtschaftsministerium über das Programm EXIST Forschungstransfer.
Publikation:
“Non-invasive detection of iron deficiency by fluorescence measurement of erythrocyte zinc protoporphyrin in the lip”
Autoren: Georg Hennig, Christian Homann, Ilknur Teksan, Uwe Hasbargen,
Stephan Hasmüller, Lesca M. Holdt, Nadia Khaled, Ronald Sroka, Thomas
Stauch, Herbert Stepp, Michael Vogeser & Gary M. Brittenham
DOI: 10.1038/NCOMMS10776
www.nature.com/naturecommunications
Dr. Herbert Stepp
Laser-Forschungslabor – LIFE Zentrum
Klinikum der Universität München (LMU)
Campus Großhadern
Tel: +49 (0)89/4400-74880 oder 74867
Mobil: +49 (0)15201786706
Fax: +49 (0)89 4400 74864
E-Mail: Herbert.Stepp@med.uni-muenchen.de
Web: www.laser-forschungslabor.de
Philipp Kressirer
Klinikum der Universität München
Medizin am Abend Berlin DireketKontakt:
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