Medizin am Abend Berlin: Neue Zielmoleküle für die Behandlung
Brustkrebs ist die häufigste Krebsart bei Frauen, und es gibt
zahlreiche Unterarten, die nicht gut behandelbar sind.
Oft bildet
Brustkrebs Metastasen in der Lunge, Gehirn und Leber. Verfügen die
Tumorzellen über bestimmte Rezeptoren, können spezifische Medikamente
zur Therapie eingesetzt werden. Doch für eine bestimmte Brustkrebsform,
den triple-negativen Brustkrebs, steht bisher nur die ungerichtete
Chemotherapie zur Verfügung.
Sie schädigt auch gesunde Zellen und ist
daher für die Patientinnen sehr belastend.
Wissenschaftler und Ärzte an
der TU München haben daher nach neuen Angriffspunkten in den Zellen des
triple-negativen Brustkrebses gesucht – und sind fündig geworden.
Brustkrebs-Gewebeproben von Patientinnen mit TNBC. Die Zellkerne sind
blau gefärbt. Abb. A: Die roten Punkte zeigen Proteinkomplexe an: uPAR-
und IGF1R.
Etwa 15 Prozent aller Brustkrebs-Patientinnen leiden an einer
bestimmten Form des Brustkrebses, dem triple-negativen Brustkrebs
(TNBC). Betroffen sind etwa 11.000 Frauen in Deutschland pro Jahr,
die
Neuerkrankungsrate nimmt zu.
Bei dieser gefährlichen Variante des Brustkrebses fehlen den entarteten
Zellen
bestimmte Andockstellen für Hormone und Botenstoffe, die bei
anderen Brustkrebs-Varianten vorkommen. Konkret handelt es sich dabei um
den Östrogenrezeptor (ER), den Progesteronrezeptor (PR) und den
Wachstumsfaktorrezeptor 2 (HER2).
Allerdings sind genau diese drei Andockstellen der Angriffspunkt von
Medikamenten, mit denen Brustkrebs zielgerecht behandelt wird –
biologische und chemische Wirkstoffe, die die kranken Zellen über diese
Rezeptoren attackieren.
- Fehlen diese Rezeptoren, können auch die
Medikamente nicht mehr eingesetzt werden, denn sie gelangen gar nicht
erst in die Tumorzellen, um dort zu wirken.
-
Da TNBC sehr aggressiv ist, sterben daher trotz Behandlung viele
Patientinnen innerhalb von drei Jahren nach der Diagnose - häufiger und
früher als bei anderen Brustkrebsformen.
Bisherige Therapie belastet Patientinnen zu stark
Zur Behandlung des TNBC gibt es außer der Operation bisher nur eine
breit wirkende, ungerichtete Chemotherapie. Obwohl TNBC-Patientinnen zu
Beginn gut auf diese Chemotherapie ansprechen, bekommen viele von ihnen
innerhalb weniger Monate Metastasen und sterben oft daran.
Daher suchen
Forschergruppen weltweit nach neuen biologischen Ansatzpunkten als
Ersatz oder Ergänzung für die Chemotherapie.
Eine Forschergruppe an der TU München unter der Leitung von Manfred
Schmitt sowie am Helmholtz Zentrum München unter der Leitung von
Michaela Aubele ist dabei jetzt fündig geworden. Das Team hat sich auf
einen anderen Rezeptor konzentriert, der insbesondere auch bei
wandernden Tumorzellen und Metastasen in anderen Organen vorliegt:
der
sogenannte uPA Rezeptor und damit verbundene Proteine, das
uPAR-Interactom.
Den Wissenschaftlern war aufgefallen, dass einzelne Mitglieder des
uPAR-Interactoms beim triple-negativen Brustkrebs auffallend häufig in
hoher Anzahl vorkommen.
Sie sind für die Zellteilung sowie für die
Ausbreitung und die Ansiedlung von TNBC-Tumorzellen in anderen Organen
von großer Bedeutung.
Dies hatten die beiden Teams zuvor durch Untersuchungen gezeigt, in
denen sie im Labor mit genetischen Veränderungen an einzelnen
Brustkrebszellen die Wirksamkeit von uPAR unterbrochen hatten. Die
Folge: Die Krebszellen teilten sich kaum noch und verloren ihre
Aggressivität.
Gewebebank durchforstet
Ihre neue Spur verfolgten die Krebsforscher weiter: Sie untersuchten
dazu rund 300 Gewebeproben von TNBC-Patientinnen aus der Gewebebank des
Klinikums rechts der Isar. Dort werden seit Jahren Proben aus
verschiedenen Tumoren gesammelt, um das Gewebe mit neuen Methoden
erforschen zu können. Mit Hilfe dieser Tumorproben wollte die Gruppe die
vielfältigen Interaktionen, die uPAR offensichtlich auch mit anderen
Botenstoffen und Signalsubstanzen von Zellen hat, aufklären.
Das Team bereitete die Zellen aus Turmorgewebe und aus TNBC-positiven
Brustkrebs-Tumorzellen so auf, dass auf molekular-biologischem Weg über
30 verschiedene Proteine und Botenstoffe nachgewiesen werden konnten,
die mit uPAR in Wechselwirkung stehen. Darunter befanden sich auch
verschiedene Zellwachstumshormone sowie Rezeptoren für das
Verdauungshormon Insulin, das Nahrung in die Zellen bringt.
So gelang es den Forschern, auch einige wichtige und bislang in diesem
Zusammenhang noch nicht bekannte Proteine wie zum Beispiel Cyr61
(cysteine-rich angiogenic inducer) und YB1 (Y-box binding protein) zu
identifizieren.
Neue Vorhersagen möglich – und ein Patent ist eingereicht
Anschließend wertete das Team die in der Gewebedatenbank ebenfalls
gespeicherten Patienten- und Krankheitsdaten aus. Dabei zeigte sich,
dass zwischen den neu identifizierten Proteinen und der metastasenfreien
Überlebensdauer von Frauen mit TNBC tatsächlich ein signifikanter
Zusammenhang besteht. Damit ist klar, dass genau diese Proteine
Angriffsstellen sein könnten, um die Tumorzellen zu vernichten.
„Wir wissen jetzt, dass wir für diesen hoch aggressiven Brustkrebs, die
TNBC-Form, tatsächlich neue Ziele für die Therapie gefunden haben“,
freut sich Michaela Aubele. Manfred Schmitt ergänzt: „Wir gehen davon
aus, dass wir bald ein biologisch wirksames Medikament entwickeln können
– ein Patent ist schon eingereicht.“ Die Arbeitsgruppe hofft, dass sie
bald auch in klinischen Studien an Patienten neue Wirkstoffe testen
kann.
Außerdem gab es noch ein praktisches Ergebnis der umfangreichen
Auswertung der Gewebedatenbank: In Zukunft können Ärzte bessere Aussagen
über den Verlauf der TNBC-Erkrankung und der damit verbundenen
Lebenserwartung machen und die Patientinnen besser aufklären und
beraten.
In Abb. B sind wesentlich weniger rote Punkte zu sehen – ein Hinweis auf einen günstigeren Verlauf.
Rechte: Prof. Dr. Michaela Aubele, Helmholtz Forschungszentrum München, Institut für Pathologie
Medizin am Abend Berlin DirektKontakt:
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Über Google: Medizin am Abend Berlin
Prof. Dr. Manfred Schmitt
Technische Universität München
Klinische Forschergruppe der Frauenklinik
Tel. 089-4140-2420
E-Mail: manfred.schmitt@LRZ.tum.de
Prof. Dr. Michaela Aubele
Helmholtz Forschungszentrum München
Institut für Pathologie
Tel. 089-3187-4132
E-Mail: aubele@helmholtz-muenchen.de
Die Wilhelm Sander-Stiftung hat dieses Forschungsprojekt mit rund
204.000 Euro unterstützt. Stiftungszweck ist die Förderung der
medizinischen Forschung, insbesondere von Projekten im Rahmen der
Krebsbekämpfung. Seit Gründung der Stiftung wurden insgesamt über 220
Millionen Euro für die Forschungsförderung in Deutschland und der
Schweiz bewilligt. Damit ist die Wilhelm Sander-Stiftung eine der
bedeutendsten privaten Forschungsstiftungen im deutschen Raum. Sie ging
aus dem Nachlass des gleichnamigen bayerischen Unternehmers hervor, der
1973 verstorben ist.
Weitere Informationen zur Stiftung:
http://www.wilhelm-sander-stiftung.de