Medizin am Abend Fazit: Blutanalysen sprechen dafür, dass viel rotes Fleisch das Diabetesrisiko erhöht
Wie zahlreiche Beobachtungsstudien zeigen, haben Menschen, die viel
rotes Fleisch essen, ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes. Die
Ursachen für diese Risikobeziehung sind jedoch noch nicht geklärt. Ein
Forscherteam um Clemens Wittenbecher und Matthias Schulze vom Deutschen
Institut für Ernährungsforschung (DIfE) hat nun Biomarker* im Blut von
Studienteilnehmern identifiziert, die erste Hinweise auf die
Stoffwechselmechanismen geben, die der Risikobeziehung zugrunde liegen
könnten und somit für einen kausalen Zusammenhang sprechen.
Fleisch von Rind, Lamm und Schwein. DIfE
Die Forscher publizierten kürzlich ihre Ergebnisse in der
Fachzeitschrift American Journal of Clinical Nutrition (Wittenbecher et
al.; DOI: 10.3945/ajcn.114.099150).
Die von der EU und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung
(BMBF) geförderte Studie führten die Wissenschaftler im Verbund mit
Partnern des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) e.V. durch.
Große Langzeit-Beobachtungsstudien kommen weltweit zu dem Ergebnis, dass
ein hoher Konsum von rotem Fleisch, das heißt Rind-, Schweine- oder
Lammfleisch, mit einem erhöhten Typ-2-Diabetesrisiko verbunden ist. Auch
die Daten der Potsdamer EPIC**-Studie weisen darauf hin.
Wie sie
zeigen, geht
der tägliche Verzehr von 150 Gramm rotem Fleisch mit einem
um ca. 80 Prozent erhöhten Erkrankungsrisiko einher.
Eine ähnliche
Risikoerhöhung beobachteten die Wissenschaftler auch in Verbindung
mit
dem Rauchen von mehr als 20 Zigaretten pro Tag,
mit einer Zunahme des
Taillenumfangs um 7,6 cm oder in Zusammenhang
mit einer erblichen
Vorbelastung durch Mutter oder Vater.
Welche Stoffwechselprozesse der
Risikobeziehung zwischen dem Verzehr von rotem Fleisch und
Typ-2-Diabetes zugrunde liegen und ob bestimmte im Fleisch
enthaltene
Stoffe wie Eisen hierfür eine Rolle spielen, ist jedoch noch nicht
hinreichend erforscht.
Um mehr über die Zusammenhänge zu erfahren, analysierte das Team um die
beiden Epidemiologen Wittenbecher und Schulze die Blutproben von 2.681
Potsdamer EPIC-Studienteilnehmern. Von diesen waren 688 im Verlauf der
Studie an einem Typ-2-Diabetes erkrankt. Die Ernährungsgewohnheiten und
den Fleischverzehr der Studienteilnehmer erfassten die Wissenschaftler
mit Hilfe von Fragebögen.
Insgesamt überprüften die Forscher 127 verschiedene Biomarker im Blut
der Teilnehmer,
wobei 21 dieser Marker sowohl bei Frauen als auch bei
Männern mit dem Fleischverzehr in Beziehung standen. Bei sechs dieser
Biomarker waren die beobachteten Konzentrationsänderungen zudem mit
einem erhöhten Diabetesrisiko verbunden.
So hatten Studienteilnehmer mit
einem
hohen Ferritinspiegel*** und einem
niedrigen Spiegel des
Eiweißbausteins Glyzin ein erhöhtes Diabetesrisiko.
Ebenso waren bei
diesen Teilnehmern die Werte von
vier Lipiden**** verändert, die von der
Leber ans Blut abgegeben werden.
„Hohe Ferritinspiegel bedeuten, dass die Eisenspeicher voll sind und
können auf eine hohe Eisenaufnahme hinweisen.
Wie wissenschaftliche
Untersuchungen zeigen,
führt ein Zuviel an Eisen dazu, dass sich in den
Körperzellen verstärkt hochreaktive Moleküle bilden, welche die Zellen
schädigen.
Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang auch von
oxidativem Stress“, erklärt Wittenbecher, Erstautor der Studie. „Da
Glyzin ein zentraler Bestandteil der körpereigenen Systeme ist, welche
die Zellen vor oxidativem Stress schützen, und gleichzeitig
Entzündungsreaktionen entgegenwirkt, könnten
hohe Ferritinspiegel und
niedrige Glyzinwerte annehmen lassen, dass der Körper einem erhöhten
oxidativen Stress ausgesetzt und vor Entzündungen weniger gut geschützt
ist.
Dies wiederum könnte den Zusammenhang zwischen dem Verzehr von
rotem Fleisch und Diabetes erklären,
da oxidativer Stress sowie
Entzündungsreaktionen nach neuestem Wissensstand zur
Typ-2-Diabetes-Entstehung beitragen“, so Wittenbecher weiter.
Die
veränderten Lipidwerte würden zudem auf einen gestörten Fettstoffwechsel
der Leber hinweisen, der nach Angaben der Wissenschaftler ebenso zur
Krankheitsentstehung beitragen könne.
„Unsere Ergebnisse lassen somit annehmen, dass nicht eine einzelne
Substanz, die im roten Fleisch enthalten ist, in Zusammenhang mit dem
Diabetesrisiko steht,
sondern dass der gewohnheitsmäßig hohe Verzehr von
rotem Fleisch den Stoffwechsel über verschiedene Wege in einer Weise
beeinflusst, die langfristig die Entstehung eines Typ-2-Diabetes
begünstigt“, sagt Studienleiter Matthias Schulze.
„Beobachtungsstudien wie die EPIC-Studie sind zwar nicht geeignet, um
kausale Risikobeziehungen zweifelsfrei zu beweisen. Sie geben jedoch
gute Hinweise auf die Stoffwechselmechanismen, die einer solchen
Beziehung zugrunde liegen könnten“, sagt Wittenbecher. „Unsere
Ergebnisse liefern damit nicht nur neue Ansatzpunkte, um die
Effekte des
Fleischkonsums in Stoffwechselstudien gezielter und detaillierter zu
untersuchen.
Sie stützen auch die aktuelle Ernährungsempfehlung, den
Verzehr von rotem Fleisch zu verringern, um einer
Typ-2-Diabetes-Erkrankung vorzubeugen“, ergänzt Schulze.
Hintergrundinformationen:
* Biomarker sind charakteristische biologische Merkmale, die objektiv
gemessen werden und auf einen normalen biologischen oder krankhaften
Prozess im Körper hinweisen können.
Bei einem Biomarker kann es sich um
Zellen, Gene, Stoffwechselprodukte oder bestimmte Moleküle wie Hormone
handeln. Als eingängiges Beispiel sei das Blutbild genannt, das Hinweise
auf den Gesundheitszustand des Patienten gibt (Quelle: Wikipedia).
** EPIC steht für European Prospective Investigation into Cancer and
Nutrition. Sie ist eine der größten prospektiven („vorausschauenden“)
Studien, welche die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Krebs und anderen
chronischen Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes untersucht. An der
EPIC-Studie sind zehn europäische Länder mit insgesamt 519.000
weiblichen und männlichen Studienteilnehmern im Erwachsenenalter
beteiligt. In Deutschland gehören das Deutsche Krebsforschungszentrum
(DKFZ) in Heidelberg sowie das DIfE zu den EPIC-Studienzentren. Die
Potsdamer EPIC-Teilstudie schließt mehr als 27.500 erwachsene
Studienteilnehmer/innen ein. Bei der Auswertung einer prospektiven
Studie ist es wichtig, dass die Teilnehmer zu Beginn der Studie noch
nicht an der zu untersuchenden Krankheit leiden. Die Risikofaktoren für
eine bestimmte Erkrankung lassen sich so vor ihrem Entstehen erfassen,
wodurch eine Verfälschung der Daten durch die Erkrankung weitestgehend
verhindert werden kann - ein entscheidender Vorteil gegenüber
retrospektiven Studien.
***
Ferritin (lat. ferrum, ‚Eisen‘), auch
Depot-Eisen, ist ein
Proteinkomplex, der in Tieren, Pflanzen und Bakterien vorkommt, wo er
als Speicherstoff für Eisen dient.
Bei gesunden Menschen sind ca. 20
Prozent des gesamten Eisens in Ferritin gespeichert. Die
Ferritinkonzentration im menschlichen Blutserum ist ein aussagekräftiges
Maß für den gesamten Eisenspeicher des Organismus (Quelle: Wikipedia).
****
Lipide sind ganz oder zumindest größtenteils wasserunlösliche
Stoffe, die in verschiedene Klassen unterteilt sind. Im menschlichen
Körper werden sie z. B. zum
Aufbau von Zellmembranen als Baustoffe
verwendet, dienen als Energiespeicher oder Botenstoffe. Die in der neuen
Studie identifizierten Phospholipide (Diacyl-Phosphatidylcholine C36:4
und C38:4, Lysophosphatidylcholin C17:0 sowie Sphingomyelin C14:1)
kommen in Zellmembranen und frei im Blut vor. Sie üben vermutlich
wichtige Funktionen als Botenstoffe aus und könnten das mit dem
Fleischverzehr assoziierte Diabetesrisiko vermitteln.
Das DIfE ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Es erforscht die
Ursachen ernährungsassoziierter Erkrankungen, um neue Strategien für
Prävention, Therapie und Ernährungsempfehlungen zu entwickeln. Zu seinen
Forschungsschwerpunkten gehören die Ursachen und Folgen des
metabolischen Syndroms, einer Kombination aus Adipositas (Fettsucht),
Hypertonie (Bluthochdruck), Insulinresistenz und
Fettstoffwechselstörung, die Rolle der Ernährung für ein gesundes Altern
sowie die biologischen Grundlagen von Nahrungsauswahl und
Ernährungsverhalten. Das DIfE ist zudem ein Partner des 2009 vom BMBF
geförderten Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD). Näheres
unter
http://www.dzd-ev.de.
Die Leibniz-Gemeinschaft verbindet 89 selbständige
Forschungseinrichtungen. Deren Ausrichtung reicht von den Natur-,
Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Raum- und
Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute
bearbeiten gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevante
Fragestellungen. Sie betreiben erkenntnis- und anwendungsorientierte
Grundlagenforschung. Sie unterhalten wissenschaftliche Infrastrukturen
und bieten forschungsbasierte Dienstleistungen an. Die
Leibniz-Gemeinschaft setzt Schwerpunkte im Wissenstransfer in Richtung
Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Leibniz-Institute
pflegen intensive Kooperationen mit den Hochschulen - u. a. in Form der
Leibniz-WissenschaftsCampi -, mit der Industrie und anderen Partnern im
In- und Ausland. Sie unterliegen einem maßstabsetzenden transparenten
und unabhängigen Begutachtungsverfahren. Aufgrund ihrer
gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der
Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund
18.100 Personen, darunter 9.200 Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler. Der Gesamtetat der Institute liegt bei 1,64 Milliarden
Euro. Weitere Informationen unter
http://www.leibniz-gemeinschaft.de.
Medizin am Abend DirektKontakt:
Prof. Dr. Matthias Schulze
Abteilung Molekulare Epidemiologie
Deutsches Institut für Ernährungsforschung
Potsdam-Rehbrücke (DIfE)
Arthur-Scheunert-Allee 114-116
14558 Nuthetal/Deutschland
Tel.: +49 33200 88-2434
E-Mail: mschulze@dife.de
Clemens Wittenbecher
Abteilung Molekulare Epidemiologie
Deutsches Institut für Ernährungsforschung
Potsdam-Rehbrücke (DIfE)
Arthur-Scheunert-Allee 114-116
14558 Nuthetal/Deutschland
Tel.: +49 33200 88-2454
E-Mail: clemens.wittenbecher@dife.de
Dr. Gisela Olias
Deutsches Institut für Ernährungsforschung
Potsdam-Rehbrücke (DIfE)
Arthur-Scheunert-Allee 114-116
14558 Nuthetal/Deutschland
Tel.: +49 33200 88-2278/-2335
E-Mail: olias@dife.de
http://www.dife.de